Tag 3, 18. August 2013

25. August 2013

Heute verlassen wir die markierten Wege. Am Abend zuvor hatten wir überlegt, wie wir am besten zur Refuge Durier laufen, es gab zwei Alternativen: Über den Gletscher laufen und dann zu den Dômes de Miage aufsteigen, oder direkt steil auf den Grat hoch und über den Felsgipfel der Aiguille de la Bérangère steigen. Von anderen Bergsteigern wurde uns der Gletscher als die sicherere Route empfohlen, außerdem schien er etwas kürzer und leichter.

Auf der Refuge des Conscrits waren uns auch die ersten Zweifel gekommen, ob wir es bis zur Durier schaffen könnten. Ronny hatte sich schon die ersten Blasen aufgerieben, und Natascha erklärte sich schon bereit, mit Ronny abzusteigen, um ganz sicher rechtzeitig in Ilmenau sein zu können. Auf der Karte entdeckten wir einen dritten Weg von der Durier zurück ins Tal, außer unserem Aufstiegsweg und dem Weg über den Mont-Blanc-Gipfel. Wir überzeugten Ronny seine Füße mit viel Tape zu pflastern und wenigstens noch mit bis zur Durier aufzusteigen.

Während der Nacht bekam ich Kopfschmerzen. Eigentlich brauchte ich dringend Schlaf, doch wegen der bevorstehenden Etappe und der Sorge um die Höhenkrankheit schlief ich in dieser Nacht vermutlich nur 4 Stunden. Kopfschmerzen sind das erste Anzeichen für eine Höhenkrankheit, allerdings bekäme ich nicht zum ersten Mal auf einem Federkissen stechende Kopfschmerzen. Außerdem ging es mir ansonsten recht gut. Also beschloss ich, erstmal den den nächsten Morgen abzuwarten.

Der kam dann auch 3:30 Uhr. Als wir um 4 in den Frühstücksraum kamen, war dieser schon gut besucht. Das Frühstück war ähnlich lecker und nahrhaft wie das auf der Tre la Tete, nur diesmal war der Kakao auch noch mit Wasser angemischt. Resch drängelte uns zur Eile, damit wir uns an die erfahreneren Bergsteiger anschließen könnten, aber tatsächlich sahen wir die ersten Stirnlampen an der Hütte vorbei laufen, als wir noch am Tisch saßen.

Mit Kopflampe geht es früh morgens den Berg hoch. Gerade trägt Resch das "Geschenk", das 4kg schwere Seil, das zu tragen wir uns abgewechselt haben. Das beste am Seil war, es wieder loszuwerden: anschließend fühlte man sich für ein paar Minuten leicht wie eine Feder.

Gegen 5 sind auch wir endlich losgekommen. Ich ging voran, und folgte einigen frischen Spuren auf dem Fels. Bei dem steilen Aufstieg pumpte meine Lunge schon wieder am Anschlag, deshalb war ich froh, dass wir immer wieder anhalten mussten, um nach dem Weg Ausschau zu halten. Trotz Felsen konnte ich der Spur ganz gut folgen, an manchen Stellen sah der Untergrund richtig nach Weg aus. Dann jedoch kamen wir an eine Gabelung. Meine Nase sagte, dem Weg zu folgen, der den Hang entlang führt; die Karte redete Resch und Ronny ein, dass wir noch weiter den Grat entlang aufsteigen müssten.

Weiter oben hab ich dann selbst mit in die Karte geschaut, und anhand der Formen der Gletscher auf den umliegenden Hängen die Richtung bestimmt – wir einigten uns daraufhin auf einen geradlinigen Weg quer über einen Geröllhang, der uns nach einem hoffentlich ebenen Übergang auf den Gletscher führen würde.

Anderthalb Stunden harte Arbeit, und die Conscrits ist im Morgengrauen etwa 200 Höhenmeter tiefer immer noch zu sehen.

 

Auf dem Weg zum Gletscher. Die sichtbare dunkle Eisfläche ist stark zerklüftet, wir mussten unseren Weg so wählen, dass wir oberhalb dieses Spaltenfeldes auf den Gletscher stoßen würden.

Die letzten Schritte auf Felsboden und Geröll. Gleich schnallen wir die Steigeisen an und gehen auf dem Schnee weiter.

Während die anderen drei ihre Müsliriegel verzehren und ihre Steigeisen einstellen (zum Glück hat mein Taschenmesser auch einen Schraubenzieher…) kämpfe ich mit der Übelkeit. Meine Kopfschmerzen von der Nacht sind weg, jetzt revoltiert mein Magen. Ist es die Höhenkrankheit? Nach einer Viertelstunde geht es mir besser, und ich schnalle auch meine Steigeisen an.

Ronny und Natascha an der Leine.

Die Steigeisen sind notwendig, um auf dem hartgefrorenen Schnee und dem darunter liegenden Eis noch guten Stand zu haben. Ohne Steigeisen würde man schon bei geringer Neigung ständig die Hälfte jedes Schrittes unkontrolliert wieder zurück rutschen. Zu Steigeisen gehört ein Pickel – auf eisigem Untergrund die einige Möglichkeit zu bremsen, wenn man doch mal stürzt. Außerdem kann man den Pickel als Wanderstock benutzen. Das Seil ist notwendig, um jemanden – meist den Seilersten – aus einer Gletscherspalte ziehen zu können. Im Sommer, wenn die großen Spalten schneefrei und damit sichtbar sind, ist das Spaltensturzrisiko zwar recht klein. Aber es gibt sie eben, die Spalten, die noch eine Schneebrücke haben, welche nachgibt, wenn jemand darüber läuft. Oder die Spalten, die man überspringen kann, an deren Rand man dann aber doch wegrutscht oder wegbricht. Und da sich so ein metertiefer Sturz oft negativ auf die Gesundheit auswirkt, sichert man sich gegenseitig mit einem Seil, und nimmt so in Kauf, dass die Seilnachbarn auch von ihren Füßen gerissen werden und sich beim Sturz einen Arm brechen. Aber lieber drei Leichtverletzte als einen Toten.

Die Spalte haben wir eben gequert und laufen jetzt ein paar Meter längs zu ihr. Die Spuren, denen Resch folgt, stammen von den Bergsteigern, die vor uns aufgebrochen sind.

Da ist unser Ziel! Der Gipfel des Mont Blanc.

Was macht man eigentlich, wenn 4 Leute am Seil hängen und einer braucht eine Pause? Der Abstand zwischen den Personen wird natürlich beibehalten, jeder macht Rast, wo er gerade steht. Da alles Schnee ist, unterscheiden sich die Rastplätze auch nicht. Gut ist, wenn man seinen Rucksack so gepackt hat, dass man sich darauf setzen kann.

Rast zum Schneeschmelzen und Kraft tanken.

Diese Rast geht auf meine Kosten. Durch meine Übelkeit weiter unten konnte ich – anders als die anderen – nichts essen. An der Stelle war ich daher so erschöpft, dass ich dringend etwas essen musste. Nachdem ich zehn Minuten lang Studentenfutter in mich reingeschaufelt habe, fühlte ich meine Kräfte zurückkehren. Dafür bemerkte ich, wie sich mein Magen mit jedem Schluck Wasser, den ich trank, innerlich gesträubt hat. Böses ahnend, wechselte ich von meiner kalten Plastikflasche, die ich in der Hütte aufgefüllt hatte und die außen an meinem Rucksack hing, auf meine Thermosflasche, die noch mit Ilmenauer Wasser gefüllt war. Ob es die höhere Temperatur war oder die Sauberkeit oder einfach die Rückkehr zum Gewohnten – mit dem Wasser ging es mir deutlich besser.

Anschließend ging es über fast ebenen Gletscher recht gemütlich den Berg entlang. Doch dann mussten wir nach links abbiegen, um die letzte große Steigung des Tages in Angriff zu nehmen. Zu diesem Zeitpunkt war es etwa 11 Uhr vormittags, und alle anderen Bergsteiger vor uns waren uns schon Stunden voraus. Theoretisch sollten wir für die Tour 7 Stunden brauchen, davon 4 über den Gletscher und weitere 3 über den Grat. An dieser Stelle, also 6 Stunden nach unserem Aufbruch, hätten wir schon 3 Stunden früher sein müssen. Am Nachmittag war nicht nur mit schlechteren Schneeverhältnissen zu rechnen, sondern auch mit mehr Wolken, möglicherweise Gewitter.

Die Kraft hatte ich noch, Herz und Lunge dagegen hatten Mühe mitzuhalten. Mit letzter Kraft würde ich es bis auf die Hütte schaffen, aber vermutlich erst spät, sehr spät am Nachmittag. Wir mussten noch etwa 300m Höhenmeter ansteigen und auf der anderen Seite des Gipfels einen schwierigen Grat entlang wieder absteigen. Völlig erschöpft auf 3400m anzukommen erhöht die Wahrscheinlichkeit, höhenkrank zu werden. Länger unterwegs zu sein, erhöht das Risiko in ein Gewitter zu kommen. Völlig erschöpft anzukommen heißt, ich würde mich in den zwei Nächten auf der Durier bestenfalls hinreichend für den Abstieg erholen, keinesfalls für den weiteren Aufstieg zum Mont Blanc. Lohnt sich die Gefahr der völligen Erschöpfung für den vollendeten Aufstieg zur Durier? Die Gefahr eines Sturzes auf dem Grat sinkt mit zunehmender Erschöpfung auch nicht gerade.

Die letzten Meter vor der Umkehr...

Zehn Meter laufen, eine halbe Minute Atempause. In dem Tempo kommen wir nur langsam voran. Immer wieder motiviert Resch zum Weitergehen. Auf 3350m schließlich habe ich mich zur Entscheidung durchgerungen, ich will heil den Berg wieder runter kommen.

Ein letzter Rundblick: Im Vordergrund steht links Resch, und rechts stehen Ronny und Natascha. Ganz links schaut der Mont Blanc herüber.

Wir diskutieren noch ein Weilchen, ob wir zwei Zweierteams bilden, wer von den anderen beiden fit und schnell genug wäre, um mit Resch weiter auf die Durier zu steigen. Natascha und Ronny streiten sich um den Abstieg, die eine, weil sie pünktlich wieder in Ilmenau sein will, der andere, weil er ohnehin schon mit seinen Blasen zu kämpfen hat. Eine Möglichkeit wäre auch, zusammen abzusteigen und zu dritt am nächsten Tag erneut aufzusteigen. Nachdem sich außer Resch keiner den weiteren Aufstieg zutraut, steigen wir gemeinsam bis zum unteren Gletscherrand zurück.

Jetzt merken wir auch, warum man zeitig aufbricht auf dem Gletscher: Auf dem Rückweg scheint die Sonne, und der Untergrund ist weich und rutschig. Man muss die Steigeisen gut setzen und bei jedem Schritt mit ein paar Zentimetern Rutschen rechnen. Natascha fühlt sich unsicher, wir müssen häufiger auf sie warten.

Ich beim Spaltenqueren.

Da soll ich drüber?!

Am Rande des Gletschers kündige ich Resch eine benötigte Pause an, weil meine Konzentration nachlässt. Da wir schon stellenweise über Schotter laufen, verschiebe ich die Pause noch um ein paar Minuten, weil wir dann nachdem wir über alle Schneefelder gelaufen sind, gleich die Steigeisen abschnallen können. Auf den Schotterfelsen haben die Zacken der Steigeisen zwar gute Haftung, dafür steht man oftmals nur auf zwei oder drei davon und damit ziemlich kippelig. Dennoch ist mein Malheur nicht auf den Felsen passiert, sondern kurz nach einem Übergang zurück auf den Schnee: Der Schuh mit dem Steigeisen kippt seitlich weg und ich knicke um.

Wieder müssen wir erstmal eine Pause einlegen. Der Knöchel bessert sich rasch, der Schmerz ist bald weg. Trotzdem merke ich den Unfall für den Rest der Tour; bei jedem Schritt, bei dem ich den Knöchel nicht genau senkrecht belaste, tut er wieder weh. Laufen ist so zwar kein Problem, aber auf den felsigen, unebenen Etappen muss ich aufpassen, wohin ich trete.

Als wir endlich das letzte große Schneefeld überquert haben, flitzt Resch schon mal los, unter anderem um von der Refuge des Conscrits aus unser Fernbleiben an die Refuge Durier zu melden. Wir anderen genießen die Ruhe, machen noch ein wenig Rast und steigen dann stressfrei zu dritt ab. Genau genommen merken wir gar nicht, dass Resch schon vorgelaufen ist, er war auch vorher meist außer Sichtweite, wenn er nicht gerade angeleint war.

Das letzte Schneefeld. Wenn man die Stellen vorsichtig auswählt und vorsichtig läuft, kommt man hier auch ohne Steigeisen und trockenen Fußes drüber.

Auf dem Rückweg sind wir auf den Weg gestoßen, mit dem wir uns am Morgen etliche unnötige Höhenmeter gespart hätten.

Nach dem Abstieg zur Hütte habe ich mich erstmal für einige Minuten auf einen Stein vor die Hütte gelegt. Das nächste, was ich weiß, ist, dass ich das Wort “Essen” gehört habe. Irgendwie habe ich es auch auf die Terrasse hoch geschafft, wo als Mittagessen Nudeln serviert wurden. In einem beeindruckenden Kampf zwischen Gehirn (“du musst essen”) und Magen (“lass mich in Ruhe”) habe ich es tatsächlich geschafft, ein paar Nudeln dauerhaft zu mir zu nehmen. Anschließend diskutierten wir wieder die Frage, was wir als nächstes tun sollten. Resch brannte darauf, nach der fehlgeschlagenen Tour wieder nach Hause zu kommen. Schade, denn ich hatte schon gehofft, dass die drei nochmals aufsteigen würden und ich noch einen Tag auf dem Gletscher verbringen könnte. So überlegten wir, ob wir noch heute zur Refuge de Tre la Tete absteigen sollten, und morgen bis zum Auto, oder doch lieber morgen den ganzen Abstieg. Ich selbst zweifelte noch daran, ob ich heute den Abstieg schaffen würde, aber Natascha nahm mir die Entscheidung ab: Wir würden die Nacht auf der Conscrits verbringen.

Als das geklärt war, legte sich Natascha (mit Magenschmerzen übrigens) hin, während ich mit Resch abstieg, um den Gletscher näher in Augenschein zu nehmen. Allerdings mussten wir auf halber Strecke erkennen, dass das, was wir für eine Moräne gehalten hatten, in Wahrheit noch auf dem Rand des Gletschers lag. Auf einem Geröllfeld über Randspalten rumzuklettern hielten wir beide nicht für besonders schlau, und so verlegte ich mich auf die Fernerkundung, und Resch stieg mit Ronny nochmal zum Grat auf.

Den kleinen Kameraden habe ich eher zufällig entdeckt.

Auf dem grasbewachsenen Südhang, auf dem wir uns befinden, wimmelt es vor kleinen Murmeltierhöhlen. Leider konnte ich mich mit meinen brettharten Sohlen nicht anschleichen und kam so nicht nennenswert an die Murmeltiere heran. Im Hintergrund sieht man übrigens eine blassblaue Gletscherspalte im Geröll klaffen.

Vielleicht ist es jemandem aufgefallen, aber ich mag Gletscher. Deshalb hier noch ein paar Fotos von Eisformationen:

Das ist der obere Kessel des dreistufigen Gletschers.

Das ist der gleiche Gletscher, in "Nahaufnahme". Man sieht schön den Bruch zwischen stehendem (festgefrorenem) Eis am Hang und fließendem Eis im Kessel. Rechts und in der Mitte sieht man einen kegelförmigen Gesteinsabgang. Die vordere Kante ist nicht einfach nur eine Bruchkante, sondern eine, bei der man die Lagen der einzelnen Schneefälle gut erkennen kann.

Ein fast noch schöneres Exemplar. Man sieht die gleichen Merkmale wie eben, nur dass die Fließspuren im oberen Bereich noch stärker ausgeprägt sind, und der Bruch über mehrere Stufen erfolgt. Die Zunge unten ist schneefrei, und daher grau (Gesteinsstaub) bis blau (Gletschereis). Ganz links oben ist auch eine kleine Gletscherhöhle zu sehen.

Der Osthang (auf dem ich stehe) ist fast schneefrei. Der Westhang dagegen hat massive Gletscher. Das ist wohl damit zu erklären, dass der Himmel am Nachmittag meist dicht bewölkt ist. Weiter oben trägt auch der Osthang Gletscher. Man sieht ein Gewirr aus gebröckelten Eisfeldern, teilweise schneefrei. Der Tre la Tete-Gletscher (im Tal) ist einigermaßen zerklüftet aber großteils schneefrei. An einigen Stellen sieht man große Felsbrocken auf dem Eis liegen.

Viel Spaß beim Begehen dieses Spaltenfeldes. Einziger Trost: Gletschereis ist sehr stabil.

Eine kleine (alte) Lawine.

Eine schöne Gletscherspalte.

Hier kann man erahnen, wie verzweigt sie ist, und wie breit sie unter der Oberfläche tatsächlich ist. (Hinweis: Ich selbst stehe mit Sicherheit gerade über einem Hohlraum...)

Wie einladend die weißen Schneestreifen aussehen. Dabei ist der Gletscher unter ihnen genauso zerklüftet wie in den gräulichen Bereichen daneben.

 

¬ geschrieben von Christiane in 2013 Mont Blanc

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