Tag 2, 17. August 2013

25. August 2013

Die Nacht auf der Tre la Tete war kurz, das Frühstück klein – etwas Müsli mit trockenem Hüttenbrot (“neinein, das ist kein Schimmel”) und Orangensaft. Beim Aufstieg hinter die Hütte am Abend zuvor musste ich vom Sprint in gemütlichen Trab zurückschrauben, weil ich mit dem Atmen nicht mehr hinterher kam. Dafür war das Wetter grandios. Ein strahlend blauer Himmel mit nur winzigen Andeutungen von Wölkchen.

Dieses Tal tat sich am nächsten Morgen vor uns auf.

Dieser Dreckhaufen da unten ist ein Gletscher. Die Gletscherzunge des Glacier de Tré la Tête, um genau zu sein.

Früher (bis vor einem Jahr) ging der Weg über den Gletscher, von da konnte man über einen Klettersteig auf den Felsen steigen. Durch das stetige Abschmelzen mussten die Klettersteige jedoch jedes Jahr neu verlegt werden, so dass ein dauerhafter Weg weiter oberhalb sinnvoller erschien. Der ist seit letztem Jahr offen. Er dauert deutlich länger als der Gletscherweg, weil er jeder Einkerbung im Berg folgt, dafür ist er sicherer.

Sehr schön sieht man, wie das Eis an der Front des Gletschers abbröckelt. Die Schuttdecke dürfte einige Meter dick sein. Durch das Gletschertor fließt das Schmelzwasser des Gletschers, durch Gesteinsabrieb sieht es sehr milchig aus. Oft bildet das Schmelzwasser ein richtiges Kanalsystem im Gletschereis unter der Oberfläche. Wenn das Eis abgeschmolzen ist, bleibt des Schutt als Moräne liegen.

 

Gerade wird unser Abendessen zur Refuge des Conscrits gebracht.

Natascha vor einem herrlichen Bergpanorama. Heute müssen wir schon deutlich kniffligere Wege überwinden, teilweise unsere Hände einsetzen.

Der Weg ist gut markiert und teilweise recht bequem zu gehen. An schwierigen Stellen sind Seil angebracht, an denen man sich am Abgrund entlang hangeln kann. Die neuen Schuhe bewähren sich; mit denen kann man fast senkrechte Felswände hochgehen, so gut ist die Reibung. Durch die brettharte Sohle kann man auch auf kleinen Felsspitzen sicher stehen.

Wenn kein Seil zum Halten da ist, nehmen wir die Stöcke für eine bessere Balance, und zum Abstützen. Wir helfen uns meist gegenseitig die Stöcke vor Kletterstellen am Rucksack zu verstauen, damit wir nicht jedes Mal den Rucksack absetzen müssen. Trotzdem verlieren wir dabei jedesmal etwas Zeit. Überhaupt sind wir heute deutlich langsamer unterwegs als gestern, selbst als die anderen Bergsteiger auf der Höhe. Statt der angegebenen 3-4 Stunden brauchen wir weit über 5. Resch flitzt öfter ungeduldig voraus, auch Natascha ist oft hinter den nächsten Wegbiegungen verschwunden. Ich bleibe mit Ronny zurück; wenn ich mich schon einer Gruppentour anschließe, dann will ich von dem Plus an Sicherheit auch etwas haben. Heute ist die Geschwindigkeit ja auch nicht kritisch, eben weil die Etappe relativ kurz ist. Trotzdem, und auch trotz der Übungstouren mit 21kg-Rucksack, tun mir die Füße weh.

Natascha und Ronny an einer kniffligen Kletterstelle.

Suchbild. (Hinweis: Möh!)

An einer Stelle müssen wir auch eine Drahtbrücke über eine kleine Schlucht überqueren. Die Brücke ist mehrfach gesichert, trotzdem schaukelt sie bei 60m Länge ganz schön hin und her. Und tief runter geht es auch noch, und die Drahtnetze sind an einigen Stellen schon aus der Verankerung gerissen...

Es ist immer noch der Glacier de Tre la Tete, hier eine Bruchstelle in der Gletscherzunge. Vermutlich ist unter dem Eis eine steile Stufe im Fels, der der Gletscher nicht folgen kann. Dann bricht das Eis. Solche Stellen sollte man beim Gletschergehen tunlichst meiden...

Die Hütte ist in Sicht! Nur noch wenige Höhenmeter. Und einige kleinere Wasserfälle.

Geschafft! Wir sind auf der Refuge des Conscrits und unter uns fließt der Glacier de Tre la Tete vor sich hin.

Zur besseren Akklimatisierung haben wir zu dritt dann noch einen kleinen Ausflug auf den Grat oberhalb der Hütte unternommen. Ohne Rucksack allerdings, den haben wir in der Hütte gelassen. Etwa 17kg leichter sind wir die Strecke praktisch hochgeflogen. Ronny haben wir an der Hütte zurück gelassen, der hat sich mit seinen uneingelaufenen Schuhen stark die Fersen aufgerieben.

Die Conscrits von oben.

Noch einmal die Conscrits, im Hintergrund sieht man sehr schön die Fließmarkierungen im Gletscher. Während das Eis am Grund vielerorts festgefroren ist, fließt es an der Oberfläche am schnellsten. Die parabelförmigen Spalten zeigen ein fast ideales Profil einer laminaren Strömung.

Im Hintergrund ein schöner dreistufiger Gletscher (immer noch vom Grat aufgenommen), der aussieht, als wären seine drei Becken über Eisfälle verbunden. Man muss schon genau hinschauen...

... um den vierbeinigen Zeitgenossen auf dem Felsen zu erkennen.

Beim Abstieg vom Grat mussten wir wieder Wasserfälle queren, hier ist ein fieses Exemplar mit besonders steilen Seitenrändern.

Der gleiche Wasserfall, talwärts. Hier sollte man nicht ausrutschen...

Weil wir grad beim Ausrutschen sind – beim Aufstieg zum Grat mussten wir über eine recht enge, steile Kletterstelle.

Die Felsen bieten gute Griffmöglichkeiten, aber links geht es steil bergab.

Natascha blieb dort lieber zurück, weil sie sich den Abstieg nicht zugetraut hat. Was keine Schande ist, ich selbst bin auch den Hang nach links abgestiegen, weil man dort fast laufen konnte, statt wieder zurück zu klettern. Dafür war mein Weg ein riesiger Umweg. Um mir hinterher den Wiederaufstieg zu Resch und Natascha zu sparen, bin ich allein bis zur Hütte abgestiegen. Nicht ganz ungefährlich, dafür deutlich entspannter als ein weiterer Anstieg. Nach weiteren Umwegen, zu denen mich die Wasserfälle zwangen, kam ich wohlbehalten an der Hütte an. Resch war schon da, von Natascha fehlte jede Spur. Nach einer halben Stunde fehlte von Natasche immer noch jede Spur, auf Rufen erhielten wir keinen Antwort. Zwischenzeitlich zogen immer mehr Wolken auf, beziehungsweise eher von den Gipfeln zu Hütte herunter. Beim Queren der Wasserfälle ist man schnell mal ausgerutscht, und hinter der Seitenwand hört man auch kein Rufen mehr. Also packte ich mein Erste-Hilfe-Set in eine Tüte, zog den Klettergurt an, und befestigte das Paket am Gurt. Ronny sollte an der Hütte bleiben und bei einem Signal mit der Stirnlampe von mir sofort die Bergwacht rufen. Dann stieg ich mit Resch wieder auf…

Da kam uns Natascha auch schon gemächlich entgegen. Es stellte sich heraus, dass sie, nachdem Resch sie abgehängt hatte, noch weiter aufgestiegen war, bis in die Wolken, um auch besser akklimatisiert zu sein.

Innen der beleuchtete Essensraum, außen die gut besuchte Terrasse. Ohne Jacke hält man es hier nicht lange aus.

Nach anstrengendem Tag endlich Sonnenuntergang.

Der dreistufige Gletscher von vorhin, diesmal von der Hütte aus gesehen. Der rote Streifen ist echt; das ist der letzte Streifen Sonnenlicht auf den Berg, von oben durch die Wolken begrenzt, von unten durch den Berg, an dessen Hang wir stehen.

Zwischen den Wolken.

Das letzte Foto wurde halb 10 aufgenommen. Am nächsten Morgen klingelte der Wecker 3:30 Uhr: Am nächsten Tag sollte es über Gletscher gehen, und das tut man am besten, wenn die Sonne die Schneedecke noch nicht angetaut hat.

¬ geschrieben von Christiane in 2013 Mont Blanc

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