Der Plan

24. August 2013

Vor gut einem Monat, während einer Feier hoch über Manebach, erzählte mir ein Kollege von seiner geplanten Tour auf den Mont Blanc. Gegen den Widerstand von Freunden, Bekannten und erfahrenen Bergsteigern wollte er mit zwei Freunden einen Monat später, im August, den Gipfel des höchsten Bergs der Alpen besteigen. 4810m. Der Plan klang für meine Ohren so absurd, dass ich mich spontan entschloss mitkommen zu wollen.

Die Idee war gewagt, ich würde nur noch einen Monat Vorbereitungszeit haben. In der darauffolgenden Woche lief ich mit besagtem Kollegen (Resch) auf den Kickelhahn. Besser gesagt, er joggte, ich ging größtenteils. Später marschierte ich mit meinem Übungsrucksack, der etwa 21kg auf die Waage brachte, nach oben. Nach einem Monat kam ich mit dem schweren Rucksack recht bequem den Berg hoch.

Nebenher besorgte ich mir noch steigeisenfeste Schuhe, wurde Mitglied im Deutschen Alpenverein, kaufte verschiedene kleinere Ausrüstungsgegenstände wie Teleskopstöcke, eine Regenhaube für den Rucksack, einen Biwacksack, und ein paar Reepschnüre (dünne Seile). Außerdem lieh ich mir aus der Bibliothek einige Bücher über das Bergsteigen aus.

Im Laufe des Monats bis zur Besteigung wechselte die Besetzung der Truppe noch. Einer der beiden Männer, die mitkommen wollten, sprang ab, und statt dessen kam eine weitere Kollegin (Natascha) dazu. Je näher die Tour kam, umso mehr Emails tauschten wir aus, und umso größer wuchs die Vorfreude.

Der Kickelhahn, Hausberg Ilmenaus. Etwa 350 Höhenmeter ist der Turm über Ilmenau.

Die Tour sollte im Tal von Les Contamines beginnen, über 800km von Ilmenau entfernt. Am Nachmittag des 15. August sollte daher Ronny, der vierte Teilnehmer der Tour, von seinem Heimatort bei Dresden aus starten, uns drei Ilmenauer aufsammeln, und mit uns nach Freiburg fahren. Nach einer Übernachtung dort sollte es weitergehen nach La Gruvaz, einem Örtchen mit einem großen Parkplatz etwa zwischen geplantem Anfang und geplantem Ende der Bergtour. La Gruvaz liegt auf etwa 1100m; von dort mussten wir erstmal 100 Höhenmeter absteigen um nach Les Contamines (1000m üNN) zu kommen. Noch am selben Nachmittag wollten wir zu unserer ersten Hütte aufsteigen, der Refuge de Tre la Tete (2000m üNN). Am 17. August wollten wir bis zur Refuge des Conscrits (2600m üNN) steigen, und am 18. August zur Refuge Durier (3400m üNN). Dort wollten wir zwei Nächte bleiben, zum Akklimatisieren, zum Kraft tanken und zum Ausprobieren des schmalen Klettergrates, den wir auf dem Weg zum Gipfel überqueren müssen würde. Der 20. August sollte also der Gipfeltag werden. Anschließend sollte es etwa eintausend Meter über Schnee und Eis abwärts gehen, zur Seilbahn, die uns wieder ins Tal bringen würde. Nach einer Nacht in Chamonix oder im Wald, wollten wir die Strecke nach Ilmenau/Dresden wieder zurück fahren.

Soweit der Plan. Skepsis an der Durchführbarkeit schien angebracht, denn es gab durchaus einige unklare oder unsichere Punkte. So entsprach unsere geplante Aufstiegsgeschwindigkeit ungefähr der empfohlenen Geschwindigkeit, bei der man meist nicht höhenkrank werden sollte. Die Höhenkrankheit äußert sich bei zu schnellem Aufsteigen vor allem durch diffuse Kopfschmerzen, Übelkeit und allgemeinem Elendsgefühl. Recht unspezifisch also, aber wenn man die Symptome ignoriert, kann der niedrige Luftdruck im Hochgebirge dazu führen, dass Körperflüssigkeiten aus dem Gewebe in die Lunge oder in das Gehirn eintreten, was tödlich sein kann.

Nicht höhenkrank zu werden heißt langsam aufzusteigen, so dass sich der Körper an den niedrigen Luftdruck gewöhnen kann. Die Gewöhnung (“Akklimatisierung”) ist aber auch aus einem zweiten Grund notwendig: Weniger Luftdruck heißt weniger Sauerstoff, und weniger Sauerstoff heißt geringere Leistungsfähigkeit. Ohne Eingewöhnung würde uns also einfach die Luft wegbleiben beim Aufstieg. Daher überlegte ich, eine Woche eher in die Region zu fahren und einige Akklimatisierungstouren auf etwa 3000m zu unternehmen. Da die anderen wegen terminlicher Einschränkungen nicht hätten mitkommen können, hätte ich die Touren aber allein machen müssen, wozu mir die Lust fehlte. Also keine weitere Akklimatisierungszeit.

Die nächste Unsicherheit kam durch unsere vergleichsweise geringe Erfahrung. Natascha war noch nie im Hochgebirge, ich habe kaum Klettererfahrung (mit Ausrüstung) und außer mir war noch keiner auf einem Gletscher unterwegs. Ich hatte keine Sorge, dass wir im Sommer heil über die Gletscher kommen würden, aber ich konnte nicht einschätzen, wie lange man angeseilt und mit Steigeisen brauchen würde.

Die kritischste Stelle in unseren Augen war jedoch der Bionnassay-Grat, ein schmaler Grat mit steilen, tief abfallenden Flanken, und zusätzlich eine Stelle, an der wir mit unseren Rucksäcken klettern mussten. Vor allem der Grat ist vielleicht nicht technisch schwierig, aber eine enorme psychische Belastung, da ein kleines Stolpern zum Absturz führen kann. Gute Balance und stoische Ruhe bei schwierigen Stellen bringe ich mit, ich denke, die besten Voraussetzungen für den Grat. Im Zweifelsfall konnte ich mich bisher immer auf mein Urteilsvermögen verlassen, und da ich schon mehr als einen Berg – auch kurz vor der Spitze – aufgegeben habe, traue ich mir durchaus zu, auch kurz vor dem Mont-Blanc-Gipfel die richtige Entscheidung zu treffen.

Meine Prioritäten waren damit klar: An erster Stelle wollte ich auf meinen eigenen zwei Beinen den Berg wieder herunter kommen. An zweiter Stelle wollte ich auf den Gipfel des Mont Blanc, mindestens zur Reguge Durier.

Zwei Tage vor Abreise ging auf dem Mont Blanc eine Lawine in genau dem Gebiet ab, das wir auf dem Weg zur Seilbahn queren würden. Um das Gebiet zu meiden, beschloss Resch kurzerhand, vom Gipfel direkt bis ins Tal abzusteigen, also knapp 4000 Höhenmeter. Eine Entscheidung, die noch während der Fahrt zu Kritik geführt hat, und nur deshalb nicht weiter diskutiert wurde, weil wir überhaupt erstmal sehen wollten, ob wir zum Gipfel kommen, und wie wir uns dann fühlen.

Ein weiterer Kollege leitete uns dann noch eine Email vom DAV (Deutscher Alpenverein) weiter, die uns auf sein Nachfragen hin im Wesentlichen dringend von der Tour abriet. Wir diskutierten, wie wir uns am besten verhalten sollten, wenn ein Gruppenmitglied aus welchem Grund auch immer wieder absteigen muss, denn ein Alleinlaufen auf einem der Gletscher grenzt an Selbstmord, so dass mindestens zwei würden absteigen müssten. Während dieser ganzen Diskussionen, anfangs per Email, kristallisierten sich die Einstellungen der einzelnen Gruppenmitglieder, die den Verlauf der Tour entscheidend beeinflussen würden, schon recht klar heraus: Resch war die treibende Kraft, der für den Gipfelerfolg einiges auf sich nehmen würde wie etwa geschundene Knie vom Abstieg, und wenige Skrupel haben würde die Bergrettung zu Hilfe zu rufen. Natascha war das Erlebnis an sich am wichtigsten, und die rechtzeitige Rückkehr zu einem Termin am 22.8. in Ilmenau. Der Gipfel wäre nett, mehr aber auch nicht. Ronny wollte auf den Gipfel, war sich aber nicht sicher, ob wir nicht an der Refuge Durier aufgeben müssten. Auf jeden Fall bestand er auf den elementarsten Sicherheitsvorkehrungen. Meine Prioritäten hatte ich ja oben schon beschrieben; im Zweifel wollte ich die Situation entscheiden lassen.

Wie sich während der Tour herausstellte, hatte Resch sich etwa ein Jahr lang vorbereitet, seine Kondition mit regelmäßigen Läufen auf den Kickelhahn hoch aufgebaut. Wir drei anderen sind alle recht spontan zu der Gruppe dazu gestoßen, hatten also alle etwa einen Monat Vorbereitungszeit.

Kann es eine solche Truppe auf den Gipfel des Mont Blanc schaffen?
Die Antwort folgt unten; nur eines sei schon gesagt: die Mont-Blanc-Tour war ganz sicher nicht meine letzte Bergtour :)

Resch, ich, Natascha, Ronny. Nach dem Aufstieg zur Refuge des Conscrits.

 

¬ geschrieben von Christiane in 2013 Mont Blanc

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