13.-15. November, Anchorage Area III

18. December 2011

Turnagain Arm

 

Im Dämmerlicht fuhr ich dann den Turnagain Arm entlang, eine umwerfende Strecke. Keine Sorge, es kommen noch genügend Bilder.

Ich fuhr bis zum Ende des Turnagain Arm; zur besseren Orientierung hier eine Karte. Etwa da, wo die 1 ist, bin ich umgekehrt, weil ich nicht nach Seward fahren wollte, nur um sagen zu können, dass ich in Seward war. Ich wollte in Seward eigentlich noch auf einen Gletscher klettern, aber viel Zeit hätte ich dafür ohnehin nicht gehabt, ich musste ja noch 8h+ nach Fairbanks zurück fahren.

An dem Wochenende vor mir sind Min-Shiu und eine Freundin von ihr nach Seward gefahren. Ursprünglich wollte ich mitkommen. Dagegen sprach dann aber, dass ich selbst am Samstag Morgen erst nach um 7 vom Polarkreis zurück gekommen war… und die Planung des Ausflugs. Die beiden sind irgendwann Samstag Vormittag in Fairbanks losgefahren, den ganzen Tag bis runter nach Seward gefahren, haben also etwa acht Stunden im Auto verbracht. In Seward haben sie übernachtet, am nächsten Morgen von der (sehr schönen) Umgebung dort Fotos gemacht und sind den ganzen Sonntag zurück gefahren, um abends wieder in Fairbanks zu sein. Unterwegs wurden sie von der Polizei angehalten, und mussten für 20 mph zu schnell 300 USD Strafe zahlen (!). Später wurden sie nochmal angehalten, weil sie mit Fernlicht gefahren sind, aber da wurden sie nur zurecht gewiesen, ohne Strafe. – Zum Glück bin ich nicht mitgefahren.

Zurück zu meiner eigenen Fahrt. Seward war mir zu weit weg, in Portage gab es keine Übernachtungsmöglichkeit, nach Whittier kommt man nur gegen 10 USD Tunnelmaut (eine Richtung), also versuchte ich mein Glück in Girdwood. Ein kleines Kaff mit einer großen Beleuchtungsanlage für die Skipiste. Das B&B aus der Touristenbroschüre habe ich partout nicht gefunden, aber es gibt ja das große Hotel. Schon im Eingang wusste ich, dass das nicht meine Preisklasse ist, Nachfrage an der Rezeption bestätigte das. Mittlerweile war ich hungrig, müde, erschöpft, und völlig demotiviert. In Anchorage gab es haufenweise bezahlbare Unterkünfte, aber Anchorage war eine Fahrstunde entfernt. Ich hatte einfach keine Lust mehr. Blödes einsames Alaska, wenn man mal ein Motel am Straßenrand braucht, ist natürlich keins da.

Also habe ich mich eine handvoll Meilen von Girdwood entfernt auf einen Turnout gestellt, direkt am Turnagain Arm. Habe erstmal den Rest meines Proviants gegessen. Und mich dann warm angezogen und in meinen Schlafsack gewickelt. Mein Kissen hatte ich ohnehin mit. Nur ein kurzes Nickerchen, wenn ich wach und wieder fahrbereit bin, fahre ich nach Anchorage und miete mich in ein Zimmer ein. Tatsächlich habe ich dann die gesamte Nacht auf dem Turnout verbracht. Das Auto ist seeehr schnell ausgekühlt, alle zwei bis drei Stunden bin ich vor Kälte aufgewacht (immer noch um die -10°C, 11°F) und habe den Motor für eine Viertelstunde angemacht, das letzte Mal zum Sonnenaufgang. Kurz nach 9 bin ich dann mit der Befürchtung verschlafen zu haben aus meinem Schlafquartier gehetzt, habe Reste gefrühstückt, mir die Zähne geputzt und habe mich auf den Weg zum Schneemobilmann gemacht. Nicht ohne wenigstens die geniale Aussicht zu genießen.

Am Vorabend; die Mündung des Turnagain Arm im Licht nach Sonnenuntergang. Im Vordergrund riesige Eisschollen, die Richtung Cook Inlet treiben und sich gegenseitig die Ränder fusselig reiben.

Etwa halb 10 Uhr morgens, Blick Richtung Westen…

… und Blick Richtung Osten.

Noch im Halbschlaf und zähneputzend löste ich ein kleines Rätsel, über das ich in der Nacht gestolpert war: Am Abend ging die Strömung so stark Richtung Cook Inlet, dass ich schon überlegt hatte, ob hier ein großer Fluss mündet. In der Nacht sah es so aus, als würden die Eisschollen in die umgekehrte Richtung treiben, zusammen mit dem Wind, der aus Westen kam. Allerdings trieben die Schollen sehr schnell, untermalt von einem leichten Rascheln, das vom Aneinanderreiben der Ränder herrührt. Am nächsten Morgen dann ging die Strömung wieder aufs Meer hinaus. Ein wenig Recherche und Hinweisschilder klärten mich auf: Der Turnagain Arm hat eine der stärksten Gezeiten der Welt, mit Unterschieden im Wasserstand zwischen Ebbe und Flut von knapp 10 m, und einer Flutwelle, die bis zu 2 m hoch sein kann. Vor allem aber bewegt sich diese Flutwelle mit 20 km/h und mehr, was die schnelle Strömung erklärt.
Am tiefsten Stand sieht der Turnagain Arm etwa so aus wie der Cook Inlet auf den Bildern vom Flattop Mountain: Mit feinen Wasserrinnen im Schlammuntergrund. Und dieser Schlammuntergrund hat es in sich! Sieht fest aus, und fühlt sich fest an, wenn man drauf haut. Wenn man aber darauf versucht zu stehen, sinkt man ein. Erstmal nicht schlimm, wenn man weiß, dass man genauso langsam wieder herausgezogen werden muss, wie man eingesunken ist; wenn man zu stark zieht, verhält sich der Boden bloß wieder wie ein Festkörper und gibt den Eingesunkenen nicht frei. Das Problem entsteht erst, wenn man eingesunken ist, sich nicht befreien kann, und in der Zwischenzeit die Flutwelle wieder kommt…
Einen Eindruck von der Flutwelle (bore tide) bekommt man in diesem Video.

Strahlende Sonne zwischen den Berggipfeln und hinter einer Wolkenbank. Wenn man genau hinsieht, sieht man im Sonnenlicht Wasserdampf zwischen Turnagain Arm Wasseroberfläche und Wolkenunterkante.

Das ist später am Nachmittag, auf der Rückfahrt Richtung Fairbanks über Anchorage. Am Turnagain Arm muss man nicht nur immer das Licht anhaben, sondern hier gilt auch doppeltes Strafmaß. Außerdem ist es verboten, langsam zu fahren. Ist auch unnötig, für Touristen gibt es Turnouts zu Hauf.

Es gibt Orte, an denen möchte ich nicht sein, und diese Berggipfel da drüben zählen dazu. Ich bin mir nicht sicher, ob diese weißen Schwaden Wolken oder aufgewirbelter Schnee sind; beides ist bei pfeifendem Wind und -10°C sicher nicht angenehm.

Die Straße führt direkt am Fels entlang, links geht es steil runter zum Wasser. Man beachte den eingefrorenen “Wasserfall” ganz rechts im oberen Bild.

Eis, Eis, Eis. In Schollen und als Eisbrei. Und immer das Rauschen dazu, wenn nicht gerade  der Wind mal wieder pfeift.

14:15 Uhr.

Der Seward Highway gehört zu den National Scenic  Byways der USA, ist etwa 200 km lang. Der Turnagain Arm macht davon etwa 80 km aus. Anschließend geht es auf die Kenai-Halbinsel und in Gletscherterrain.

 

       Girdwood

 

In Girdwood, diesem kleinen Kaff gibt es eine kleine Touristenfalle. Zu Hochzeiten fahren sie dort ein bis zweimal am Tag mit dem Schneemobil auf einen der Gletscher. November ist keine Hochsaison. Im Sommer kommt man mit dem Boot dorthin, im Winter über das gefrorene Wasser. Im November kann man dafür eine Ersatztour zu einer Goldmine machen. Mir egal wohin, ich wollte Schneemobil fahren.

Dummerweise sollte an dem Tag, an dem ich in die Touristenfalle ging, keine Tour stattfinden. Aber ein Freund des Besitzers bietet Hundeschlittentouren an, ob ich da nicht Lust hätte. Hatte ich natürlich, sogar mehr als auf Schneemobil, aber ich hatte nicht erwartet, dass man das ohne Voranmeldung machen kann. Ich musste mich dann auch noch zwei Stunden gedulden, bis es los ging. In der Zwischenzeit habe ich mich mit dem Ladenpersonal unterhalten und auf dieser Wiese vernügt:

Die Unterhaltung mit Mitarbeiter Matt fing etwa so an:
“Brrr, it’s friggin cold today, isn’t it.”
- woraufhin ich erstmal lachen musste. Sein Chef, mit dem ich davor schon ein Weilchen gesprochen hatte, klärte ihn dann auf:
“She’s from Fairbanks.”
Den Stapel an weißen Fellen konnten sie mir nicht als Felle von Eisbärbabies verkaufen (“Little kids usually start to cry when we tell them these are the furs of polar bear babies” – tatsächlich waren das Hasenfelle, aber eben weiß). Anschließend wurde ich als nicht anerkannte Touristin noch in typische Lästereien eingeweiht, über Kommentare von besonders unintelligenten Touristen (beim Anblick eines Polarlichts: “Whoa what’s that? Atomic fallout from Japan?”).

Den dog musher, den Schlittenhundeführer sollte ich dann auf der Moose Meadow treffen, also der Elchwiese. Natürlich gab es dort keine Elche zu sehen, aber dafür Eiskristalle. Und zwar was für welche!

Groß wie 5-Mark-Stücke. Und überall. Und da. Und noch ein Foto. Und jetzt sind die Akkus leer. Macht ja nix, ich hab ja Ersatzakkus dabei. Die waren aber die ganze Zeit in meinem Rucksack gewesen und eiskalt. Ich konnte zwei Fotos machen, dann machten sie schlapp. Ich wärmte sie kurz in meiner Hand auf, aber das hielt nicht lange vor. Und dann kam auch schon Dario, der Schlittenhundeschlittenfahrer. Der hat sie dann später bei sich auf die Heizung gelegt.

Angekündigt hat er sich durch Hundegekläff und Gejaul, über mehrere zehn Minuten lang. Zu der Zeit etwa hat er die Hunde eingespannt. Und da allen Schlittenhunden das Laufen und Ziehen im Blut liegt, wollen alle Hunde genau das tun: dabei sein und Laufen und Ziehen. Wenn es los geht allerdings ist Ruhe. Anders als in Filmen bleibt den Hunden überhaupt keine Luft mehr zum Bellen. Ein Marathonläufer redet ja auch nicht nebenher.

Dario hat am Iditarod teilgenommen, und ist hauptberuflich Hundschlittenfahrer. Oder vielmehr Schlittenhundeführer. Denn Schlittenhunde müssen ja auch im Sommer fit gehalten werden, wenn kein Schnee liegt. Entweder mit einem Karussel, das die Hunde drehen, oder auf einem Gletscher. Das wiederum ist teuer, denn neben dem Menschen und den Hunden müssen auch die Ausrüstung, Hundefutter und Hundehütten auf den Gletscher geflogen werden. Überhaupt ist die Hundehaltung nicht billig. Haupteinnahmequelle der Iditarodianer ist der Tourismus, allenfalls noch Fernsehauftritte u.ä.

Unser Schlitten wird von sieben Hunden gezogen. Eher viel für zwei Leute, aber Dario wusste ja vorher nicht, dass ich ein Fliegengewicht bin. Auf dem festgetretenen Schnee geht es sehr zügig voran, Bodenwellen sind nicht so angenehm. Ein Stückchen weit geht es durch frischen Tiefschnee. Obwohl die Hunde gut hören, muss Dario mehrmals eingreifen, um die Tiere in den Schnee zu lenken. Klar, auf dem Weg läuft es sich einfacher.

Die Kommandos sind kurz und klar. Wenn die beiden Leithunde nicht wissen, was sie machen sollen, bleiben sie stehen und gucken sich um. Wenn sie es zwar wissen, aber woanders lang laufen wollen, hören sie zumindest auf das wichtigste Kommando, “Whoa!”. Denn die Hunde zum Laufen zu bringen ist keine Kunst, das Anhalten ist schwieriger. Die eigentliche Arbeit des dog mushers besteht jedoch darin, die Hunde als Team zu trainieren und ihrem Charakter entsprechend auf die verschiedenen Positionen zu verteilen.

Im Tiefschnee müssen die Hunde kämpfen, um den Schlitten vorwärts zu bewegen. Sie laufen weniger, als dass sie über den Schnee springen, einsinken, und wieder springen müssen. Als wir eine Pause einlegen, um den Kernel zu besuchen, können die Hunde verschnaufen.

Sie sitzen ruhig da, schwanzwedelnd, lassen sich kraulen. Schlittenhunde wurden gezüchtet, um einerseits Schlitten zu ziehen, andererseits wurden sie aber nachts mit in das Schlafzelt genommen, der extra Wärme wegen. Das hieß aber, dass die Hunde sehr kinderlieb sein mussten, denn in den Zelten lebten ja meist auch kleine Kinder. Und so haben alle alaskischen Schlittenhunde zwei Eigenschaften gemein: die Freude am Laufen und Friedfertigkeit.

Ein Huskywelpe. Aufgeregt, aber lässt sich trotzdem kraulen. Und: er hat schon gelernt, dass er nicht aus dem Käfig springen darf.

Das Zuhause der Hunde. Die winzigen Einzelzellen als Hundehütten haben mich etwas verstört. Weniger der Kälte wegen. Ich denke schon, dass sich ein alaskischer Schlittenhusky bei deutlichen Minusgraden wesentlich wohler fühlt als bei Zimmertemperatur. Und dass die Geschlechter getrennt sind, kann ich auch nachvollziehen. Hier allerdings ist jeder Hund für sich allein, zum Schlafen eingezwängt in eine kleine Tonne, die von gelbem Schnee umgeben ist. Der Geruch ist dementsprechend.

Regel Nummer 1 beim Dogmushing: Der Musher sollte, egal was er tut, sich immer vor dem Schlitten aufhalten. Wenn ihm die Tiere doch mal durchgehen, kann er so wenigstens noch versuchen, auf den Schlitten aufzuspringen.

Aber die Hund sind lieb, und versuchen nicht, mit mir durchzubrennen.

Dafür überlege ich, was mir mehr weh tut: meine Wangen, oder meine Finger. Im Stehen macht das Schlittenfahren mehr Spaß, aber man muss seine Hände am Schlitten haben.

Am Ende aber war die Fahrt trotzdem viel zu kurz.

 

        On the Richardson Highway

 

Ich bin etwa halb 2 von Girdwood losgefahren, ganz gemächlich und viele Fotos machend den Turnagain Arm entlang, an Anchorage vorbei. Kurz vor Wasilla hab ich mich gutgelaunt für die lange Route entschieden, über den Glenn Highway mitten durch den Alaska Range und dann von Glennallen aus den Richardson Highway nach Norden hoch, am Donnelly Dome vorbei, durch Delta Junction und North Pole. Die sollte etwa 70 Meilen länger als die Parks-Route sein, schätzungsweise 8 bis 9 Stunden ohne Pause. Von Anchorage aus.

Etwa halb 4 und kurz vor Sonnenuntergang hab ich nochmal in Palmer getankt, kurz nach der Abzweigung auf den Glenn Hwy, denn in den “Ballungsgebieten” ist das Benzin um fast einen halben Dollar günstiger als an den Highway-Tankstellen. Anschließend habe ich mich von den Bergen entlang des Glenn Hwy beeindrucken lassen, und das nicht zu knapp. Schade, dass es dunkel wurde, und ich nur etwa ein Drittel der Strecke im Sonnen- bzw. Dämmerlicht sehen konnte.


Danach wurde es langweilig. Erst wurde der Radioempfang immer schlechter, dann war er ganz weg. Bei Glennallen hatte ich für ein Weilchen klassische Musik, und um Delta und in der Nähe von Fairbanks gab es Musik. Die meiste Zeit aber war das Radio stumm. Für einige Zeit habe ich an meiner Sänger-Karriere gefeilt, aber auch das habe ich nicht länger als eine halbe Stunde ausgehalten. Nach insgesamt vier Fahrtstunden habe ich eine längere Pause eingelegt und etwas gegessen und den tollen alaskischen Sternenhimmel bewundert. Anschließend habe ich geübt mich mit Handschuhen aus- und anzuziehen. Ich hatte ja den Temperaturverlauf schon erwähnt; in Girdwood waren etwa 11°F, als ich losgefahren bin, und ich wusste, dass für die Nacht in Fairbanks -29°F vorausgesagt waren.

Solange die Sonne schien, blieb die Temperatur mehr oder weniger konstant bei 11°F, aber nach Sonnenuntergang ging sie kontinuierlich nach unten. Als ich Rast gemacht habe, gegen halb sieben, war die Temperatur bei 0°F (-18°C) und das Auto ist extrem schnell ausgekühlt. Drei Stunden später stand auf der Anzeige schon -15°F (-26°C). Ab etwas tiefer als -20°F fand ich die Temperaturen ziemlich albern und musste lachen. Ich weiß nicht, ob das Übermüdungslachen war oder Lachen der Verzweiflung, auf jeden Fall habe ich sehr häufig den Kopf geschüttelt. Insbesondere als wir die -30°F geknackt haben aber ich Fairbanks immer noch nicht erreicht hatte. Ich war hin- und hergerissen zwischen “nur gut, dass ich im warmen Auto sitze” und “eigentlich müsste ich mal den Kopf zum Fenster rausstrecken, um zu fühlen, wie kalt das ist”. Letzteres hab ich bleiben lassen, ich bin statt dessen auf einen kleinen Spaziergang gegangen, als ich in Fairbanks war.

Meine Nachbarin, die zeitgleich mit mir ankam, hat mich nur entgeistert angeschaut, als ich meinte, dass ich nochmal los will. Allerdings hatte sie weiß gefrorene Wimpern und DAS wiederum fand ich nun wieder cool und wollte ich auch haben. Letztendlich hatten wir -34°F (-37°C) in der Nacht und ich hatte keine Mühe, meine weißen Wimpern zu bekommen.

In der Nacht habe ich auch zum ersten Mal mein Auto an die Steckdose gehangen, ein kleines Lämpchen zeigt an, wenn der Motor Saft hat: Man muss nämlich noch im Hausinneren einen Schalter umlegen, damit an der Steckdose wirklich Spannung anliegt.

Aber zurück zur Fahrt. Außer im Ballungszentrum Anchorage und um Fairbanks erkennt man den Highway daran, dass er etwas flacher ist als die Umgebung und von einem Schneehaufen begrenzt. Und danach fährt man dann auch.

Ich habe zwar eher durch Zufall herausgefunden, wo man am Ford das Fernlicht anmacht (wer kommt auch auf die Idee, dass Fern- und Abblendlicht an zwei völlig unterschiedlichen Schaltern sein könnten?), aber ein bisschen Wind und aufgewirbelter Schnee machte diesen Vorteil wieder wett. Ich habe die Trucks beneidet, die oben am Fahrerhaus wahre Monsterscheinwerfer haben und damit bestimmt eine halbe Meile weit leuchten können. Ich aber habe mich mit viiiiiel zu kurzer Sicht durch das Schneegestöber gequält. Und manchmal habe ich nur relativ kurze Schneeschleier auf mich zukommen sehen…

…oder vor lauter Schnee gar nichts mehr.

Dementsprechend bin ich nicht sonderlich schnell vorangekommen. Kurz nach Sonnenuntergang hatte ich noch drei Elche am Straßenrand gesehen, wobei der dritte gerade dabei war auf meiner Straßenseite von der Straße runter zu laufen. Angehalten habe ich nicht, ich hatte ja mittlerweile genügend Elche gesehen. Außerdem wollte ich ja nach Hause. In Glennallen habe ich beschlossen, dass mir 4,40 Dollar für eine Gallone zu teuer sind (statt 3,90 in Anchorage und Fairbanks) und ich eh noch deutlich mehr als einen halben Tank habe und damit locker bis Delta Junction in etwa 150 Meilen kommen müsste.

Die Verkehrsdichte war dort gelinde gesagt sehr niedrig, ich habe pro Stunde etwa ein Auto gesehen, manchmal auch zwei. Der Vorteil war natürlich, dass ich in der Mitte der Straße fahren konnte, ohne dass ich mir über Gegenverkehr (kilometerweit sichtbar) oder unerwartete Kurven (hatte ja Platz) Gedanken machen musste. Mehr Gedanken habe ich mir gemacht, als im Lawinengebiet statt Schnee Eiskrümel gegen das Auto geweht wurden.

Wie gesagt, Dutzende von Meilen ohne Lichter am Straßenrand, ohne Begrenzungspfosten, ohne Gegenverkehr, ohne Tankstellen, ohne Radio, nur mit Schnee und keine Abwechslung.

Kurz nach zehn und 15 Meilen vor Delta Junction habe ich dann meine ersten und einzigen freilaufenden Rentiere gesehen.

Dummerweise waren das Mamma Rentier, auf meiner Straßenseite, und Kind Rentier, auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Rechts vorbei war mehr Platz, aber beide bewegten sich – gemächlich! – nach rechts. Die Straße war nicht vereist, aber mit einer Frostschicht bedeckt. Also habe ich vorsichtig gebremst und hinter das Hinterteil von Kind Rentier gelenkt. Ging auch super, ich bin nicht ins Rutschen gekommen und Mamma und Kind Rentier haben doch noch einen halben km/h zugelegt, so dass ich locker hinter Kind Rentier vorbeigekommen bin.

Aber dann stand Papa Rentier vor mir.

Normalerweise halte ich bei plötzlich auftauchenden Wildtieren genau drauf zu und hoffe, dass sie doch noch die Flucht ergreifen. Aber wenn Papa Rentier stehen bliebe, würde ich ihm wohl die Beine wegschlagen und er könnte mich dann durch die Windschutzscheibe zur letzten Guten Nacht küssen. Ich habe wahrgenommen, wie mein Fuß das Bremspedal stärker durchgedrückt hat, und daraus, dass ich angefangen habe, mich zu drehen, schloss ich, dass ich nach rechts gelenkt haben musste. In dem Moment habe ich mich auch mental zurückgelehnt und gedacht, dass ich jetzt eh nichts mehr machen könnte. Aber wenigstens würde ich mit der Drehgeschwindigkeit Papa Rentier mit dem Heck des Autos erwischen. Schlecht für’s Auto, aber sehr gut für mich.

Zum Stehen gekommen bin ich in Schnee, der Zusammenprall mit Papa Rentier war ausgeblieben. Das Thermometer zeigte -18°F, -28°C. Ich habe meine Jacke übergezogen und bin ausgestiegen. Die Vorderräder waren im Straßengraben, im Schnee versunken, die Hinterräder halb auf der Straße. Also wieder eingestiegen, und Rückwärtsgang rein. Die Vorderräder sind durchgedreht. Also wieder raus. Ein wenig den Schnee um die Räder zur Seite geschoben, und wieder rein. Vorderräder wieder durchgedreht. Alle Räder komplett vom Schnee befreit, aber rückwärts kam ich einfach nicht wieder hoch. Gummi qualmt auch bei -28°C. Am Nordhorizont war der orangene Schimmer von Delta zu sehen, im Süden war alles schwarz. Ich war gerade etwas nördlich von Donnelly Dome, dort wo ich ein paar Wochen zuvor die Wölfe heulen gehört hatte.

Vielleicht könnte ich ja vorwärts wieder hochkommen. Dazu müsste ich eine mehrere Meter lange Spur graben, für die Räder komplett schneefrei, für den Unterboden wenigstens auf die Hälfte abtragen. So langsam merkte ich, wie meine Skisocken durchgeweicht waren und der Schnee von außen an den Socken festfror. Stückchenweise konnte ich das Auto vorwärts arbeiten, nach einem halben Meter hatten beide Hinterräder wieder Bodenkontakt, aber ob ich den Hang hochkommen würde, wusste ich nicht. Bei dem Sturm im Alaska Range war ich noch froh, dass der Ford so schwer war, dadurch hab ich den Wind kaum gespürt. Hier habe ich das Gewicht verflucht, weil mein Schieben den Ford nichtmal zum Wackeln gebracht hat.

Nach etwa einer Dreiviertelstunde habe ich erste Erschöpfungsanzeichen gemerkt, nicht mehr lange, und ich würde mich erstmal im Wageninnern ausruhen müssen. Zum Glück lief der Motor noch, und damit konnte ich den Wagen warm halten. Aber zu Essen hatte ich nichts, ich hatte meinen Proviant ja nicht wieder aufgefüllt.

Dann sah ich doch ein Licht am Südhorizont, das quälend langsam näher kam. Ich stellte mich in das Rücklicht des Ford und wartete ab. Als ich das Licht als Lkw-Scheinwerfer identifizieren konnte, fing ich an, langsam die Arme über dem Kopf zu schwenken. Noch lange, bevor ich etwas hören konnte, wurde ich gesehen und der Lkw schaltete sein Fernlicht aus. Er wurde langsamer, und ein paar Meter vor mir kam er sicher zum Stehen. Ein kurzer Wortwechsel, dann verständigte der Fahrer kurz den Fahrer unmittelbar hinter sich und stieg aus. Ketten hatte er dabei, genauso wie einen Parka. Zu zweit haben die beiden Lkw-Fahrer dann nach einer Stelle am Ford gesucht, an der sie die Ketten befestigen konnten. Ein wenig Rangieren, Ketten an der Hinterachse des Lkw befestigen und losfahren. Er hat mich etwa fünf Meter die Böschung entlang gezogen, auf die Straße hat er mich nicht bekommen.

Dann haben wir beratschlagt, was wir als nächstes versuchen könnten. Zwischenzeitlich hatte ich meine Socken und Schuhe gewechselt, aber meine Füße waren trotzdem kalt. Und seit ich nicht mehr hektisch im Schnee wühlte, wurde mir auch oben rum kalt. Während die beiden ganz gemütlich in ihren Parkas dastanden (der eine hat ihn nicht mal zugemacht…) habe ich so langsam angefangen, heftig zu zittern.

Wir haben dann die Kette verkürzt, und der Lkw ist auf die Gegenspur rübergefahren. Der Unterschied war nicht groß, der Lkw hatte noch einen Anhänger, aber er hat gereicht: nach weiteren drei Metern entlang der Böschung ging es endlich nach oben. Ich stand dann zwar entgegen meiner Fahrtrichtung (“so now she’ll have to go back all the way to Glennallen”), aber das Wenden war nun wirklich kein Problem mehr.

Großer Jubel, ich habe meine letzte Essensreserve, eine Tafel Milka, mit den beiden Truckern geteilt und bin anschließend zwischen den beiden Lkw bis Delta Junction gefahren. Immer noch bzw. dann wieder zitternd habe ich nachgetankt und mich nochmal kurz mit einem der beiden Trucker unterhalten, bis der (ohne Jacke) meinte, er müsste jetzt doch mal rein gehen, seine Hände würden kalt. Er hatte mich noch vor Elchen auf dem letzten Stückchen bis Fairbanks gewarnt, aber wie immer, wenn Elche angekündigt waren, habe ich keine gesehen. Die restliche Fahrt verlief etwas (aber nicht deutlich) langsamer, und ereignislos. Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde, bis mir wieder warm war. In Fairbanks war ich dann etwa um 2 Uhr morgens.

Am nächsten Morgen konnte ich keinen sichtbaren Schaden am Auto feststellen, habe dem Vermieter aber trotzdem gesagt, dass er sich mal den Unterboden ansehen sollte. Nicht, dass der nächste Mieter unverhofft mitten im Nirgendwo liegen bleibt und weniger Glück hat als ich…

¬ geschrieben von Christiane in (4) Ausflüge

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Ein Kommentar zu '13.-15. November, Anchorage Area III'

  1. Cholesterol diet sagte am 25. December 2011 um 10:20 Uhr:

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