13.-15. November, Anchorage Area II

18. December 2011

       Downtown Anchorage

 

Auf nach Downtown Anchorage! Am Abend zuvor war ich von leuchtenden Billboards begrüßt worden. Eine sehr seltene Sicht in Alaska, aber typisch für größere US-Städte. Nach den leeren Straßen nördlich von Wasilla hab ich mich gefühlt, als würde ich in New York einfallen. Da ich gerade am Flughafen John-F-Kennedy in New York sitze, weiß ich, dass der Vergleich hinkt – but you get my point.

Downtown Anchorage ist Fairbanks nicht ganz unähnlich, vom Stil her. Aber die Straßenbenennung ist noch einfacher: Es gibt A, B, C, usw. Street, und dazu kreuzend 1st, 2nd, 3rd, usw. Avenue. Ich brauchte mir also nur G13 merken, um zu wissen, wo mein Auto knapp außerhalb der Bezahlparkzone steht. Anchorage ist sogar jünger als Fairbanks, die ersten festen Behausungen, die nicht hauptsächlich aus Stoff bestanden, wurden 1915 gebaut. Heute stehen in der Innenstadt hauptsächlich zweistöckige Touristenfallen (4th Ave) und kaltherzige Mittelhochhäuser (der Einfluss von Manhattan; noch vor einer Woche hätte ich sie Hochhäuser genannt). Aber direkt am Ufer zum Cook Inlet (ein Blick auf die Karte: Anchorage liegt am Ufer des Cook Inlet, da, wo Turnagain Arm (südlicher Ausläufer) und Knik Arm (nördlicher Ausläufer) einmünden) hat sich eines der ersten Häuser erhalten können, das von Oscar Anderson.

Blick über den Cook-Inlet, von in der Nähe des Oscar-Anderson Hauses.

Die Straßen sind schon wieder befahrbar. So leer, wie es auf dem Foto ist – da muss eine Menge Schnee per LKW über Nacht wegtransportiert worden sein.

Obligatorisch, ein Totempfahl. Ich konnte aber nicht herausfinden, von welchem Stamm er stammt, oder ob er überhaupt eine tiefer gehende Bedeutung hat.

Neben einer Statue eines Schlittenhundes – in Anchorage beginnt nicht nur der Iditarod sondern auch das Fur Rendezvous – gibt es noch diese Statue eines Alaska Territorial Guards. Weit über 6000 Freiwillige haben während des zweiten Weltkriegs die nördlichen Küsten Alaskas beobachtet und auf feindliche Aktivitäten hin überwacht. Zu der Zeit war Alaska nicht mal Teil der USA, trotzdem fanden Teile der Kämpfe auf alaskischem Boden statt.

Das 4th-Avenue Theater. Herzensangelegenheit des Movie Tycoons Cap Lathrop, der in Deutschland unbekannt sein dürfte, aber in Alaska bekannt ist für den Versuch ein wenig Hollywood nach Alaska zu bringen. Wurde 1947 als Nachfolger des 1916 eröffneten Empress Theaters gebaut. Das Empress Theater hatte auch den ersten Betonbürgersteig in Anchorage.

Etwas, das mir erst in Anchorage aufgefallen ist: In Fairbanks gibt es keine Eiszapfen! Vermutlich ist es in Fairbanks zu kalt und die Häuser zu gut isoliert. Dadurch kann sich kein flüssiges Wasser bilden, das dann diese coolen Stalaktiten formt. In Anchorage, an dem Morgen immerhin bei -10°C (“boah ist das kalt heute”), ist es für die Eiszapfen dagegen warm genug. Ich habe ganze Häuserfronten gesehen, die von Eiszapfenreihen verdeckt waren. Der hier im Bildvordergrund hat auch noch einen kleinen Eis- äh Ausläufer, einen ice spike.

Furchtbar interessantes Gebilde, dieser ice spike, das zustande kommt, weil Wasser von der Oberfläche her gefriert und das darunterliegende Wasser sich beim Gefrieren ausdehnt – und sich seinen Weg durch noch nicht versiegelte Wasseroberfläche bahnt. Gibt es auch in unseren Breiten, natürlich, und kann am häufigsten zwischen -5 bis 0°C entstehen. Mit ein wenig Glück kann man ice spikes auch selbst züchten, in einer Schale, die man mit Wasser füllt und bei leichten Minusgraden raus stellt. An besonders schönen Exemplaren kann man dann die dreieckige Grundfläche erkennen, die sich auf die hexagonale Gitterstruktur des Eises zurück führen lässt. An Eiswürfeln oder überhaupt ebenen Eisflächen können die spikes relativ groß und lang werden; das hier gezeigte Exemplar an dem Eiszapfen ist dagegen eher mickrig.

Noch ein Wort zu den -10°C: Obwohl die Temperaturen in Anchorage für mich vergleichsweise warm waren, war der Morgen mit einer steifen Brise vom Wasser her eher unangenehm.

Der Bahnhof von Anchorage. Er liegt an der 478 Meilen langen Eisenbahnstrecke Seward-Fairbanks, die 1914 vom US Congress beschlossen wurde. Neben dem Panama Railway ist sie damit die einzige Strecke, die von der US Regierung gebaut bzw. in Autrag gegeben wurde. Acht Jahre dauerte der Bau; das Ziel war, den Pazifikhafen Seward mit einem Ort im Landesinneren zu verbinden, der über Fluss erreicht werden kann, um – natürlich – Bodenschätze und Truppen zu transportieren. Ziviler Zugang für Siedler oder auch einfach die Post wurde damit nebenher auch erleichtert.

Und die Strecke ermöglichte die Matanuska Valley Colony: 1935, während der Great Depression schickte die US-Regierung etwa 200 Familien aus dem Norden der Lower-48 (Wisconsin, Michigan, Minnesota, allesamt Staaten, die auch nicht gerade für ihre warmen Winter bekannt sind) nach Alaska. Die armen Leute wurden mit hohen finanziellen Vergünstigungen gelockt, und sollten die Alasker mit kälteresistentem Gemüse versorgen. Der Plan ging nur teilweise auf; ein großer Teil der Familien flüchtete vor der Kälte. Die, die blieben, hatten während des zweiten Weltkriegs, als die amerikanischen Truppen in Alaska versorgt werden mussten, eine wirtschaftliche Blüte. Danach ging es auf und ab; heute gibt es noch vereinzelte Farmen, und jedes Jahr den größten Landwirtschaftsmarkt Alaskas.

DIE Geschäfts- und Touristenstraße in Anchorage, die 4th Avenue. Hier ist man richtig, wenn man Souvenirs sucht, Felle, oder einfach nur die Touristeninformation.

Eine nicht so hübsche Seitenstraße führt nach wenigen Schritten auf eine niedrige Häuserreihe voller Graffitis. Neben mystischen Ausschweifungen gab es auch eine Menge Szenen aus der Geschichte Alaskas, wie die Waljagd (oben) oder die Wachen auf dem US Airforce Landeplatz mit landestypischem Rollfeld (unten).

Ich bin beeindruckt. Am Vorabend waren die Schneehaufen am Straßenrand etwa hüfthoch. Was mich aber in Anchorage am meisten begeistert hat, sind die schneebedeckten Berge ringsum und die Stadtatmosphäre. Die Gebäude haben denselben kalten Minenstadt-Charme wie Fairbanks. Aber anders als in der wirklich hässlichen Minenstadt Kiruna (Nordschweden) fühlt man sich hier willkommen, das Kalte wirkt etwa so kalt, wie die Außenseite eines Eisbärenfells kalt ist. Im Inneren, hinter den Mauern, die der Kälte trotzen müssen, sind die Leute so offen und freundlich wie die restlichen US-Amerikaner. Das trifft im Wesentlichen auch auf Fairbanks zu, aber die Gebäude in Fairbanks sind stärker auf Kältewiderstand ausgelegt und deutlich weiter voneinander entfernt. Fairbanks ist eher wie eine Trutzburg im Inneren der Kältewüste Alaskas. Anchorage dagegen hat eher den Charme einer Stadt, mit echten Menschen, die auf der Straße laufen (nicht lachen, aber so üblich ist das in den USA in den Kleinstädten nicht), die zwar auch tiefe Temperaturen sieht, aber von Fairbanks aus gesehen quasi auf halber Strecke zum warmen Süden liegt. (Vielleicht ist mir auch einfach der 15°C-Temperatursprung nach oben zu Kopf gestiegen :P )

Einer der unzähligen Parks in Anchorage, der Delaney Park Strip zwischen 9th und 10th Avenue, mit verschiedenen Spuren im Schnee und vergleichsweise freier Sicht auf die Berge. Im Rücken habe ich den Cook Inlet.

Hier ist noch ein wenig Schnee übrig geblieben. Zum Glück sind die Straßen gut beschildert, denn ab der 10th Avenue sahen wirklich alle Straßen gleich aus, mit schmucken Häuschen mit kleinem Vorgarten mit klischeehaftem Vorstadtcharme. Auf dem Bild ist es übrigens 12:49 Uhr, auch wenn es die tiefstehende Sonne anders vermuten lässt.

Ich bin beinahe zu weit gelaufen, als ich endlich wieder in “meiner” Straße war. Schnell ins Auto gehüpft, einen Zwischenstop an der nächsten Tankstelle eingelegt und dann nix wie raus aus Anchorage. Ich wollte ja noch bis Seward, was etwa 2-3 Stunden auf einer der schönsten Straßen der USA entfernt sein sollte.

Die Straße aus Anchorage war gut frei, mit etwas Schneewehen, und ich kam gut voran.

Aber dann sah ich einen Berg mit flacher Kuppe (der sich später als Flattop Mountain herausstellen sollte). Und von dem hätte man bestimmt einen guten Ausblick über Anchorage, den Cook Inlet, und die Berge… Dumm nur, dass ich es dann nicht vor Sonnenuntergang bis Seward schaffen würde.


Kurzentschlossen bin ich auf eine Seitenstraße eingebogen, die aussah, als würde sie auf den Flattop Mountain führen.

Der Fuß ist vollerVillen und teuren Häusern. Ich winde mich durch ein Gewirr an kleinen Straßen, immer auf dem Weg nach oben. Irgendwann stelle ich mein Auto ab und mache mich zu Fuß auf den Weg. Da oben, die sonnenbeschienene Kuppe, das ist mein Ziel.

Am Anfang konnte ich noch die Straße entlang laufen; hier ein Blick zurück Richtung Downtown Anchorage im Hintergrund, dahinter der Cook Inlet. Es sollte sich noch als schwierig herausstellen, an den privaten Grundstücken vorbei bis zur Spitze zu kommen. Und noch viel später sollte sich herausstellen, dass es auf der Nordseite des Berges einen Wanderweg gibt. Aber der hätte garantiert nicht so eine schöne Aussicht gehabt. Und bis ganz nach oben kann der auch nicht führen, sonst hätte ich ihn sehen müssen…

 

        Flattop Mountain

 

Ich werde hier nicht schreiben, wie genau ich an den erwähnten Privatgrundstücken vorbeigekommen bin. Auf jeden Fall bin ich nach einem anstrengenden Waldstück (voller Schnee) auf dieses kleine Plateau gekommen (auch voller Schnee).  Die erste Verschnaufpause schon nach ein paar hundert Metern (wenn überhaupt), im Süden die Kenai-Halbinsel und der Cook Inlet. Weiter ging es immer geradewegs nach oben, mal mehr oder weniger nah an Bäumen vorbei. Manchmal konnte ich auf dem Schnee laufen, manchmal brach ich durch den Harsch und steckte dann bis zum Bauchnabel im Schnee. Manchmal konnte ich mich zu einem Baum durchschlagen, in dessen unmittelbarer Nähe der Schnee nur ein paar Zentimeter hoch lag, manchmal bevorzugte ich die direkte Route durch etwas über kniehohen Schnee, um nicht auf der Rückseite des Baumes wieder eine Schneewehe hochklettern zu müssen. Je weiter nach oben es ging, um so seltener kamen die Bäume, und irgendwann wurde der Schnee angenehm flach, wo der Wind ungebremst über den  Boden strich. Stellenweise noch knietief, konnte man gut sehen, wo auf dem Fels quasi nur drei Schneeflocken lagen.

Nur im Pullover, bei -10°C und mittelstarkem Wind. Und immer wenn man denkt, man ist auf den letzten Metern, taucht hinter der Kuppe eine noch höhere Kuppe auf.

Dafür lohnt sich der Blick zurück…

Den Kamm bin ich hoch gekommen. Unterwegs habe ich mehrere frische Elchspuren gesehen. Downtown Anchorage liegt rechts vom Bildrand; die Küste fängt an zu gefrieren; dahinter der Cook Inlet mit niedrigem Wasserstand.

Nun ja, eine Eisschicht schützt immerhin vor Wind…

Es wird immer besser, je weiter man hoch kommt. Als ich dort stand, überkam mich das Verlangen, den felsigen Kamm bis zu dem spitzen Berg in der Bildmitte entlangzulaufen. Allerdings war es nicht mehr lange bis zum Sonnenuntergang, und so musste ich wohl oder übel verzichten.

Eine Schneewehe, vom Wind um einen Stein geformt. Nichts besonderes, aber hier sieht man, warum ich so gern von Baum zu Baum gelaufen bin, nur dass weiter unten die Schneewehen mindestens hüfthoch waren.


Endlich oben!

Auf die fast schneefreie Kieselsteinebene hab ich mich gesetzt und erstmal was gegessen und die Aussicht genossen.

Nein, hier ist noch nicht Schluss. Auf dem Bild unten kann man rechts den Knik Arm erahnen, und auf etwa 3/4 des Bildes vom linken Bildrand befindet sich die Innenstadt von Anchorage, erkennbar an der winzigen Ansammlung an “Hochhäusern”.

Habe ich schon erwähnt, dass ich alaskische Sonnenuntergänge liebe?

Kleine Salzkristalle in der Seeluft haben einen ähnlichen Effekt wie Abgaspartikel in der Stadtluft: Sie streuen das Sonnenlicht und rufen farbenfrohe Sonnenuntergänge hervor.

Eine Lichtsäule auf dem Cook Inlet.

Hoppla.

DAS nun wieder hat mich etwas beunruhigt. So schön Elche sind – Elchkuh mit Kind gehörte nicht gerade zu meiner Wunschliste von Wildlife encounters. Erstmal abwarten und Foto machen.

Die beiden fingen an, an trockenen Zweigen zu knabbern und mir wurden die Füße kalt. Der Wind und die Erschöpfung nach diesem langen Tag machten sich jetzt doch bemerkbar. Also stieg ich vorsichtig weiter ab – und weckte sofort das Misstrauen der beiden. Als ich hinter einem Baum wieder hervorkam, sah ich zu meinem Entsetzen nur noch die Elchkuh. Das Kind war weg. Die nächsten Häuser waren zwar nur ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt. Aber erstens war nicht klar, ob die gerade bewohnt waren, und zweitens wusste ich ja, wie tief der Schnee dorthin sein würde. Eine trampelnde Elchkuh würde also hier sehr unpraktisch sein. Also tat ich wohl oder übel das einzig Sinnvolle: ich machte einen sehr großen Bogen um die Elchkuh herum, auch wenn das hieß, durch tiefen Schnee einen steilen Hang entlang stolpern zu müssen. Als ich wieder auf den Weg (also meine Fußspuren) stieß, war die Elchkuh weg und ich beruhigt.

Auf dem weiteren Weg nach unten hatte ich nochmal kurz Herzklopfen, als ich Menschenstimmen hinter einer dichten Reihe von Büschen hörte, aber die stellten sich als ein Paar auf dem Weg nach oben heraus, die wohl den verbleibenden Sonnenuntergang beobachten wollten, und als Vater mit Sohn auf dem Weg nach unten, die einen Plastikschlitten dabei hatten.

Zurück auf der Straße, und im Hintergrund die ersten Lichter von Anchorage.

Und hier eine Wolke im Süden, die noch von der untergegangenen Sonne angestrahlt wird, kurz vor 17 Uhr.

Ein Kommentar zu '13.-15. November, Anchorage Area II'

  1. Gertrude sagte am 21. December 2011 um 20:16 Uhr:

    Nice blog, keep it going!

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