13.-15. November, Anchorage Area I

18. December 2011

Mein letzter großer Ausflug sollte mich in die mit etwa 300000 Einwohnern größte Stadt Alaskas führen: Anchorage. Ursprünglich wollte ich Freitag früh losfahren und Sonntag Abend zurück kommen, aber der Wetterbericht sagte für Freitag und Samstag eine Menge Schnee und Wolken voraus. Wolken verdecken die Sicht, und Schneefall musste ich auf der 360-Meilen-Strecke nicht auch noch haben. Also habe ich Samstag gearbeitet und bin Sonntag in aller Frühe aufgebrochen und Dienstag Nacht zurückgekehrt. Ein Flug hätte etwa 400 USD für eine Richtung gekostet, außerdem wollte ich noch diese eine Wanderroute im Denali State Park ausprobieren. Also habe ich wieder ein Auto gemietet und weil man, wenn man das Auto über Samstag Nacht behält, einen extra Tag dazu bekommen kann, habe ich das Auto für Samstag Nachmittag bis Mittwoch Nachmittag gebucht. So konnte ich eben Sonntag noch lange vor Sonnenaufgang (und Ladenöffnung) aufbrechen und hatte für die Rückfahrt keinen Zeitdruck, zumindest was die Rückgabe angeht. Gekostet hat der Ford (diesmal blau) für die vier Tage 125 USD; diesmal habe ich einfach ausprobiert, den US-Bewohner-Preis zu bekommen, schließlich habe ich ja eine US-Adresse.

Geplant war, etwa um 7 am Sonntag aufzubrechen, um gegen Mittag am Kesugi Ridge zu sein. Dort wollte ich einem vorgefertigten Wanderweg (Trail) folgen, und nach Sonnenuntergang nach Anchorage weiterfahren. Bei gutem Wetter braucht man für die gesamte Strecke etwa sechseinhalb Stunden. Da die Straßen im Winter auch bei gutem Wetter schlecht sein können, habe ich keine Übernachtung gebucht, sondern wollte irgendwo an der Strecke absteigen, wenn ich zu müde zum weiterfahren würde. Am Montag Morgen wollte ich mir Anchorage anschauen und am Nachmittag nach Seward fahren, auf die Kenai-Halbinsel. Je nachdem, wie ich vorankäme, wollte ich in Seward oder auf dem Weg übernachten und dann entweder noch Montag Abend oder Dienstag Morgen auf den Exit Glacier klettern (“you should take a dog-moosh [sic] up there”), und dann irgendwann am Dienstag über die längere Route über den Richardson zurückfahren. Ich wollte irgendwann spätabends in Fairbanks eintreffen, je nach Wetter eben am frühen Morgen, oder zur Not in irgend einem Motel übernachten und am Mittwoch Morgen zurück fahren. Soweit der grobe Plan.

Ganz bis Seward bin ich nicht gekommen, auf dem Parks Hwy wurde ich von der Polizei angehalten, auf dem Weg nach Seward habe ich halbunfreiwillig im Auto übernachtet, auf dem Rückweg habe ich nicht die Meilen gezählt, sondern dem Thermometer zugeschaut, wie es unerbittlich von 11°F auf unter -30°F gefallen ist, und auf dem Richardson hatte ich einen rentierverursachten Unfall. Klingt aufregend? Dann schnell weiterlesen ;)

 

       Along the George Parks Highway

 

Wer mich kennt, hat es wahrscheinlich schon vermutet, um 7 bin ich natürlich nicht aufgebrochen. Ich bin kurz nach 6 aufgestanden, habe die innerste Lage angezogen, habe gefrühstückt, meinen Proviant geschmiert, das Auto beladen – danach war mein Zimmer praktisch leer. Dann habe ich den Schnee vom Auto gefegt – der Vorteil der tiefen Temperaturen, ich musste kein Eis kratzen. Ich war für alle möglichen Zwischenfälle gerüstet, ich habe selbst meinen Schlafsack mitgenommen, um im Notfall (also Auto kaputt und keine Hilfe in Sicht) wenigstens warm bleiben zu können. Unmittelbar vor Abfahrt habe ich noch mal einen Blick auf die Website der Straßenwacht geworfen, nicht dass ich vorhatte, meine Pläne zu ändern. Das gesamte Gebiet um Anchorage war rot markiert, offenbar hat es dort in der Nacht sehr heftig geschneit. Egal, bis ich da bin, würden die Straßen wieder befahrbar sein. Keine Warnungen bis Denali außer dem obligatorischen, aber wenig hilfreichen “icy patches, drive carefully”.

Zehn vor 8 ging es dann endlich los. Es hatte gerade angefangen zu dämmern, die Luft enthielt lauter kleine Eisflöckchen und ich habe an dem Morgen und am Abend zuvor riiiiesige Lichtsäulen gesehen. Noch Tage zuvor bin ich dafür durch Tiefschnee gestapft, und jetzt habe ich sie vom Fenster aus in viel stärkerer Ausführung gesehen. Es waren um die 0°F, und innerhalb der ersten zwanzig Minuten hatte ich schon zweimal erlebt, dass die Straßen auch ohne geschlossener Eisschicht rutschig sein können. An der ersten Ampel sprang das ABS an, dabei war genügend Platz bis zur Kreuzung, ich hatte nur die starke Reaktion der Bremsen auf meinen Fußtritt unterschätzt. Ansonsten fand ich es praktisch, wieder den gleichen Autotyp bekommen zu haben, diesmal hatte ich keine Probleme mit der nicht vorhandenen Kupplung, und ich hatte noch ungefähr in Erinnerung, wo die Schalter alle waren. Beim Schneeabfegen habe ich auch herausgefunden, warum ich beim letzten Mal am Scheibenwischerhebel partout nicht die Einstellung für den Heckscheibenwischer finden konnte – den gibt’s am Ford Focus nicht. Ein paar Meilen außerhalb von Fairbanks bin ich dann in einer Rechtskurve ins Rutschen gekommen, trotz eingehaltener Geschwindigkeit, aber anders als die Fahrerin des Suburban zum Table Top Mountain habe ich richtig reagiert und gefühlvoll zurück auf meine Spur gelenkt. Von da an bin ich mindestens 10 mph langsamer als vorgeschrieben durch die Kurven gefahren.

Die Straßen waren mal mehr und mal weniger schneebedeckt, auf dem Großteil der Strecke aber kein Problem, da die Straßen recht gerade sind.


 

Ich liebe alaskische Sonnenaufgänge! Und Untergänge. Viel besser als am Meer.

Erfreulicher Zwischenfall: ein Elch am Straßenrand. Vorbeifahrende Autos scheinen Elche nicht zu stören, erst wenn man anhält und sie fotografieren will, verziehen sie sich. Aber der hier hat sich nur langsam verzogen. Ich kann ihn aber verstehen, bei dem Quietsch-Dröhnen, das die Fordreifen auf dem Seitenstreifenschnee erzeugen, würde ich auch flüchten. Übrigens nicht nur auf dem Seitenstreifen; überhaupt ist der kalte Schnee sehr laut, wenn man sich auf ihm fortbewegt.

Nach 150 Meilen erreichte ich das Örtchen Cantwell an der Stelle, an der der Denali Highway vom Parks Highway abzweigt. Bestimmt eine spektakulär zu fahrende Straße, aber zum Großteil ungepflastert und damit für meinen Mietwagen laut Vertrag nicht zulässig und außerdem im Winter gesperrt. In Cantwell selbst habe ich eigentlich nur zwei Tankstellen gesehen, an der ersten habe ich meinen halben Tank wieder aufgefüllt. Ich wollte ja schließlich nicht nervös auf die nächste Tankstelle hoffen, während der Zeiger erbarmungslos auf das “E” zukriecht.

Eine gute Stunde später kam ich dann zu der Einfahrt zum Parkplatz für meinen Wanderweg. Auf die Idee, dass der nicht geräumt und für meinen kleinen Frontantriebford unbefahrbar sein könnte, bin ich davor natürlich nicht gekommen. Eine halbe Meile weiter wurde ich aber fündig, dort war eine Haltebucht. Diese sog. Pullouts oder Turnouts sind etwa hundert Meter lange Straßenstreifen parallel zum Highway, mit zwei Zufahrten. Zum einen für Touristen gedacht, damit sie in Ruhe fotografieren können ohne den Verkehr zu blockieren, zum anderen auch für Trucker und andere Autofahrer, um eine kurze Pause einzulegen oder Schneeketten anzulegen. Raststätten in dem Sinne gibt es ja nicht, bis auf die paar Tankstellen entlang der Strecke. Dieser Pullout, den ich da gefunden hatte, war zwar auch nicht geräumt, aber hatte mehrere Reifenspuren. Das Stückchen zum Wanderweg konnte ich auch an der Straße entlanglaufen… Nach etwa drei Metern sind mir trotzdem die Reifen durchgedreht.

Ich hab das Auto dann erstmal Auto sein lassen und bin losgelaufen. Dem grauen Himmel nach würde es ohnehin nochmal schneien, und dann konnte ich den festgefahrenen Schnee gleich zusammen mit dem frischen Schnee zur Seite schaufeln.

Blick vom Highway in eine kleine Schlucht. Irgendwo dahinter muss mein Wanderweg verlaufen.

Am Weganfang wird man mit Hinweisschildern darauf hingewiesen, das man hier Bärland betritt, und wie man Hypothermia (Unterkühlung) verhindert oder zumindest erkennt. Ich hatte mich wie bei den anderen Wanderungen warm angezogen und noch ein paar extra Klamotten dabei, Unterkühlung sollte trotz der -10°C also kein Problem sein. Bären halten zur Zeit Winterschlaf, vor denen hatte ich keine Angst. Wenigstens, bis ich die ersten frischen Spuren auf dem zugeschneiten Weg gesehen habe, und dann wieder als ich sie als Elchspuren entziffern konnte.

Blick vom Wanderweg…

… und auf den zugeschneiten Wanderweg.

Eine Elchtrapse!

Der Weg war – natürlich – zugeschneit, aber das hält ja mich störrischen Wanderer nicht davon ab, trotzdem hier langzulaufen. Am Anfang ging das auch noch ganz gut, der Elch hatte vergleichsweise kleine Schritte gemacht und so konnte ich seiner Spur folgen. Später dann bog der Elch ab und ich fand heraus, warum er teilweise neben der Spur gelaufen war: Auf dem Weg selbst war der Schnee teilweise hüfttief, und neben dem Weg “nur” etwa knietief. Es ging zum Großteil nur schwach bergan, als es dann endlich steiler bergan ging, bin ich halb auf Knien, halb auf Füßen gelaufen. Nach etwa zwei Stunden habe ich dann beschlossen, dass der graue Himmel zwar aussieht, als würde er jeden Moment aufreißen, das aber schon seit zwei Stunden tat und kein einziges Mal den Blick auf die Berge in der Umgebung freigegeben hat. Somit waren meine Chancen, doch noch einen Blick auf den McKinley zu erhaschen praktisch null, genau wie meine Motivation. Da der Pfad ohnehin nicht zu meinem Parkplatz zurückkehrt sondern erst etwa 30 Meilen weiter südlich auf den Parks Hwy zurückführt, kehrte ich etwas eher um als geplant. Was auch gut war, denn die letzten Kilometer hatte ich große Mühe überhaupt noch meine Beine anzuheben.

Tricky: Großer See mit Auslauf, und alles mit Schnee überdeckt. Das letzte was ich wollte, war, etwa eine Stunde abseits der Straße und außer Hörweite bei -10°C ins Wasser zu fallen. Nach etwas Suchen fand ich dann aber doch die “Brücke” über den Abfluss und konnte mich Schritt für Schritt vorsichtig ran und drüber tasten.

Wie bin ich wieder aus dem Pullout, dem Parkplatz, rausgekommen? Ich hatte mich gerade erschöpft auf den Fahrersitz fallen lassen und wollte mich ein wenig ausruhen, bevor ich mich aus den äußeren Klamotten schälen würde. Da kam ein Pickup-Truck vom anderen Ende der Haltebucht zu mir gefahren, mit zwei toten Rentieren beladen. Da drin saßen zwei Männer, die mir ihre Hilfe anboten, und mit Rückwärtsgang und den beiden Schiebern konnte ich fast mühelos auf die Hauptstraße zurücksetzen.

Nachdem ich mich ausgezogen hatte, bin ich losgefahren. Um nach nicht mal einer Minute und noch im Beschleunigungsvorgang im Rückspiegel zu sehen, wie das Polizeiauto, das mir eben entgegen gekommen war, umdrehte und sein Lichterspiel anmachte. Blaulicht, Rotlicht, weißes Abblendlicht und gelbes Warnlicht. Etwas irritiert bin ich nach einer Weile rechts ran gefahren, eigentlich, damit er mich besser überholen könnte. Ich war nicht zu schnell gefahren, ich hatte ja noch nicht mal meine Reisegeschwindigkeit erreicht. Allerdings hatte ich das Abblendlicht erst angemacht, als er mir entgegen kam. Das Auto hat mich dann aber nicht überholt, sondern hat hinter mir angehalten. Mr. State Trooper hat in sein Funkgerät gesprochen, seinen Hut vom Beifahrersitz gesammelt und kam zu mir vorgelaufen. Und fragte mich dann, ob ich da vorn stecken geblieben war. Offenbar hatten ihm meine beiden Helfer (oder andere, die das Auto stehen sehen haben) gesagt, nach mir zu schauen. Als ich ihm erzählt hab, warum ich da stand, und ja, dass ich alleine wandern war, hat er mir noch erklärt, was ein “Spot Tracker” ist, nämlich ein Notrufgerät, das per Satellit Alarm an die State Troopers gibt, wenn man auf einen Knopf drückt und so Hilfstruppen zur Auslöseposition schickt. Kostet 100 Dollar, plus ich-hab-vergessen-wieviel-aber-nicht-wenige jährliche Gebühren. Davon abgesehen haben wir uns ganz nett unterhalten und ich durfte dann weiter unbehelligt meines Weges ziehen.

Übrigens wurde ich schon, nachdem ich in die Haltebucht gefahren war und noch im Auto saß, von einem Schneepflugfahrer gefragt, ob ich stecken geblieben wäre und Hilfe bräuchte. Und als ich auf dem Weg zum Wanderweg war, hielt ein Pärchen ABS-schlitternd neben mir an, um sicher zu gehen, dass alles ok wäre.

Der weitere Weg nach Anchorage verlief eher ereignislos. Die Sonne ging unter, es gab (mal wieder) ein spektakuläres Farbspiel dabei. Anchorage selbst dagegen erstickte im Schnee. Der Highway nach Anchorage rein geht nach und nach in eine normale Straße über führt direkt in die Innenstadt. Und die hatte etliche Zentimeter Schneehöhe, die Straßen waren von hüfthohen Schneehaufen umsäumt, waren aber selbst nicht geräumt. Stattdessen haben zahllose Autos die Straßen frei gefahren. Nur in Kreuzungsbereichen nicht, und da galt es die richtige Balance zwischen nicht zu wenig Gas geben um nicht stecken zu bleiben und nicht zu viel Gas geben um nicht schleudernd dem nächsten geparkten Auto zu nahe zu rücken. Ich bin heil durch gekommen, habe mir dann aber doch etwas außerhalb ein Motel gesucht. Um 11 hab ich tief und fest geschlafen, bis der Wecker um 7 geklingelt hat.

¬ geschrieben von Christiane in (4) Ausflüge

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