23. Oktober 2011, unbenannter Berg, Denali National Park and Reserve

29. October 2011

Auf der Fahrt zum Kesugi Ridge, von dem man einen super Ausblick auf den Denali aka Mt McKinley haben soll, hab ich zu lange getrödelt und mich kurzfristig entschlossen, eine Fahrtstunde vorher anzuhalten und mich in das Unterholz des Denali Nationalparks zu schlagen. Bei meiner Entscheidung hat mich das Wetter unterstützt: Je weiter ich von Norden her in die Alaskakette gefahren bin, um so dichter und dunkler wurden die Wolken über und vor allem vor mir. Als ich dann auch noch Schneeflocken vor mir gesehen hab, dachte ich mir, dass das mit der Aussicht noch weiter südlich wohl eher nichts wird.

Die andere Tour, die ursprünglich noch in Frage gekommen war, war eine Stunde Fahrt früher und erschien mir völlig unzulänglich, nachdem ich schon mitten zwischen Geschätztanderthalbtausendern stand. Wie hoch die Berge an der Stelle tatsächlich sind – keine Ahnung. Meiner muss etwas über Eintausend gewesen sein. Ich kann zwar “meinen” Berg auf der Karte finden, aber ich habe bisher keine Karte gefunden, die Bergnamen oder Höhen für die Region zeigen würde. Wer selbst mal nachschauen möchte, auf den hier bin ich gestiegen: (63.623, -148.832). Der Aufstieg war steil, steiler als auf den Donnelly Dome. Etwa ein Drittel der Strecke hochwärts bin ich mehr geklettert als gelaufen – wie wenig diese trockenen Zweige aber auch zum Festhalten taugen! Abwärts bin ich einen ziemlich großen Umweg gegangen, aber dafür war der Hang deutlich flacher. Etwa anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang war ich wieder am Auto – und es war immer noch hell genug, um die Karte zu lesen. Für’s Verlaufen hätte ich notfalls eine Taschenlampe dabei gehabt.

Auf dem Weg von Fairbanks Richtung Anchorage über den George Parks Hwy (als gäbe es einen anderen Weg) kommt man in dem kleinen Örtchen bzw. für Alaskaner in der Stadt Nenana vorbei. Die liegt direkt am Fluss Nenana, dort, wo der Nenana in den Tanana mündet. Für aufmerksame, aber vergessliche Leser: Nenana ist die Heimat der Nenana Ice Classics, dem jährlichen bundesstaatenweiten Ratespiel, wann das Flusseis aufbrechen wird. Und dieses Aufbrechen wird mit einem Gestell überprüft, das bei der Schmelze im Wasser verschwindet. – So, und jetzt zum Bild: Das Gestell ist schwarz weiß gestreift und links neben der Touri-Info-Hütte zu sehen.
Neben den Ice Classics gibt es noch ein Eisenbahnmuseum in Nenana. Am Stadtrand ist eine Siedlung von Athabascans. Ansonsten ist Nenana ein ziemlich verschlafenes Kaff. Und die Hauptstraße (heißt doch tatsächlich A Street) eignet sich hervorragend zum Eislaufen :)

Mein erster freilebender Elch. Stand einfach am Straßenrand und zupfte von den Autos völlig unbeeindruckt am Gras rum. Erst als ich das Auto auf den Seitenstreifen gelenkt hab und ausgestiegen bin, hat er sich argwöhnisch lieber ein paar Meter entfernt.

Der Nenana weiter stromaufwärts. Glaub ich… näher an der Quelle halt.

Je weiter man nach Süden kam, um so besser wurde die Aussicht. Umso schlechter auch die Straßen, aber alles in allem war der Parks Hwy deutlich besser (d.h. eisfreier) als der Richardson vom Samstag.

Teilweise musste ich mich regelrecht zwingen, wieder auf die Straße zu schauen. Ist aber auch zu verlockend, bei der breiten Spur und dem geringen Gegenverkehr…

Hier bin ich dann umgekehrt. Wenn ich mich schon einen Berg hochquäle, will ich schließlich auch was sehen.
Und wie sich später herausstellen sollte, war meine Entscheidung genau richtig: Ich war letztendlich weit genug im Gebirge, um “echte” Berge zu sehen, aber auch weit genug am Rand, um genau an der Grenze zu diesen furchteinflößenden grauen Wolken zu wandern und blauen Himmel über mir zu haben.

Sieht irgendwie harmlos aus, mein Berg. Mit dem Gestrüpp direkt am Hang hatte ich ja schon am Vortag Kontakt gehabt, da hatte ich also schon Erfahrung. Neu war der weiche Waldboden. Stellenweise knietiefes Moos mit Schnee bedeckt – das lief sich wie auf Kissen. War schön auf dem Rückweg, als die Füße anfingen weh zu tun, aber auch ziemlich anstrengend. Nach dem Moos kamen Büschelsträucher. Keine Ahnung, wie die richtig heißen, aber wenn man nicht auf den Stamm eines dieser Büschel getreten ist, konnte man plötzlich einen halben Meter tiefer stehen als erwartet. Das hab ich zweimal gemacht und dann genau aufgepasst, wohin ich trete – nämlich genau auf die Mitte dieser Büschel.

Immer wieder schön, wenn man nach dem schwer durchdringlichen Dickicht mal wieder etwas freien Blick hat…

Oops. Der Kollege hier hat mich tierisch erschreckt, als er plötzlich an mir vorbeigeflitzt ist. Ich weiß nicht, warum er stehen geblieben ist, er war doch schon an mir vorbei. Theorie 1: schockgefroren. Theorie 2: zu kameraaffin.

Der hier war das genaue Gegenteil des Weißpelzers: Der hat sich nicht still verhalten, sondern einen Wahnsinnsradau gemacht und ist aufgeregt den Baum hoch und wieder runtergeflitzt. War sehr schwierig, den einigermaßen scharf aufs Bild zu bannen.

Die anderen Gipfel sahen immer so aus, als würde da kräftig der Wind wehen. Aber ich hab an diesem Tag offensichtlich den Lee-Hang ausgewählt. Erst oben auf dem Gipfel hab ich zu spüren bekommen, wie stürmisch die Gegend sein kann.

Der Gipfel! Nach anstrengenden zweieinhalb Stunden und etlichen Kratzern. Ich glaub demnächst such ich mir doch wieder Berge mit Pfaden hoch.

… und hinter dem Gipfel!

Das unten dürfte der Nenana sein, der da in der Gegend überall herummäandriert. Mit den Bergen geht’s mir wie mit dem, auf dem ich gerade stehe: Ich hab keine Ahnung, wie sie heißen. Ist mir aber ehrlich gesagt auch egal.

Nicht mehr ganz die Spitze, aber von hier hat man definitiv die bessere Aussicht. Aber hier zieht’s auch wie Hechtsuppe. Ach was, Hechtsuppe. Der Wind faucht, nein brüllt, als hätte er was dagegen, das jemand auf den Bergen rumläuft. Hier hab ich nur drei Fotos mit Selbstauslöser gemacht, weil das Rumstehen im Wind eisig war und die Kamera sehr schwer sicher hinzustellen war. Vor allem hatte ich nur dünne Handschuhe an, und nach den drei Versuchen konnte ich meine Finger kaum noch bewegen. Meine alte Skihose hatte sich während der Wanderung als nicht mehr wasserdicht herausgestellt und war außen bis zur Hälfte des Oberschenkels feucht. Sie hat trotzdem noch warm gehalten; aber da oben in dem Wind ist sie steif gefroren. Anders als auf dem Donnelly Dome standen auf dem Gipfel aber noch Bäume herum, die waren hervorragend zum Aufwärmen geeignet. Und den Abstieg hab ich dann auch auf der Lee-Seite gemacht.

SummitPost.org hat zum Thema Wetter auf dem McKinley die gleich folgend Beschreibung zu bieten. Ich will nicht ernsthaft Mount McKinley mit Donnelly Dome oder meinem Sonntagsberg vergleichen. Aber der gesamte Alaska Range ist nicht gerade für sein sanftmütiges Wetter hier bekannt, und was für den McKinley zutrifft, gilt auch für den Rest des Nationalparks und der Gebirgskette – in abgeschwächter Form.

If this comes as any kind of major surprise to you, any serious ideas of planning a climbing trip to Alaska should perhaps be reconsidered. During the first winter ascent of Denali in February of 1967, 3 climbers were pinned down at 18,200 ft on McKinley Pass, where the temperature including wind chill worked out to a testicle-numbing -148°F (-100°C). “It’s colder than all the peaks I have attempted in the Himalaya,” proclaimed Austrian climbing legend Peter Habeler once after climbing on Denali. It should be noted that cold makes climbers more susceptable to both high-altitude cerebral edema (HACE) and high-altitude pulmonary edema (HAPE) as well.

Typische Wintertemperaturen liegen eher bei -40°C, also das, was meist auch in Fairbanks herrscht. Auf einer anderen Subpage findet man diese Passage:

[...] However, these winds routinely exceed 100 mph and have been known to pick climbers up and throw them down the slopes. Windstorms often come with little if any warning and are thus amongst the most feared weather patterns on the mountain. [...]

Denali wird anscheinend regelmäßig zum Grab für Bergsteiger; für den Berg selbst muss man sich anmelden, wenn man ihn besteigen will: http://www.nps.gov/dena/planyourvisit/registrationinfo.htm. Zwei Monate im Voraus, mit einigen hundert Dollar Anmeldegebühr. Und vermutlich zurecht; wer ein wenig Spannung mag, kann ja mal die Geschichte des wohl höchsten Helikopterrettungseinsatzes (mindestens Nordamerikas ;) ) nachlesen. Frisch vom diesjährigen Mai.

So, jetzt aber zurück zu meiner Wanderung, ganz gemütlich diesseits der 6000 m-Grenze…

… wo mir selbst sowas schon zu steil ist… Nein, ernsthaft: Die Berge im Hintergrund waren die meiste Zeit wolkenverhangen, nur für das Foto für etwa eine Viertelstunde sichtbar.

Mal wieder durch Gestrüpp, aber diesmal mit besserem Ausblick. Nach vorn…

… und nach unten. Heidelbeeren! Mjam.

Noch so ein Berg, der sich die meiste Zeit bedeckt hielt. Dabei ist der nun wirklich cool anzusehen! Die Schneegrenze (genau wie die Baumgrenze) scheint hier nicht von der Höhe abzuhängen, sondern vom Berg, warum auch immer. Auf den anderen war sie nämlich deutlich höher.

Kurz vor dem Fuß des Berges noch mal ein Blick zurück. Jetzt noch drei Meilen über die Mooskissen und durch Wald, dann bin ich am Auto. Die Fahrt selbst war angenehmer als am Abend davor: Vom Nordrand des Alaska Range bis nach Nenana hab ich mich an einen Einheimischen dran gehangen, der für meinen Geschmack für die Straßen sehr zügig unterwegs war. Aber ein Vordermann bei meinem Funzelfernlicht war viel besser als nicht durchgeschüttelt zu werden. Und in der Nacht habe ich kein Tier das Leben gekostet.

 

9 Kommentare zu '23. Oktober 2011, unbenannter Berg, Denali National Park and Reserve'

  1. HaHa sagte am 1. November 2011 um 12:02 Uhr:

    Da wo das schwarz/weiße Gestell steht, soll Fluß sein? Steht dann der Strommast direkt daneben IM Fluss?! In welcher Richtung fließt der Nenana auf deinem Bild denn? Links-rechts, oder vorn-hinten?

  2. HaHa sagte am 1. November 2011 um 12:07 Uhr:

    “Der Kollege hier hat mich tierisch erschreckt”

    Frag mal den Kollegen, wie’s ihm ging. Stell dir vor, du bist der Herr des Waldes und das gefährlichste Tier in 100 km Umkreis, und plötzlich kommt da so ne violette Rabaukin von ziemlich beängstigender Statur angestapft. Da hätt ich mich auch totgestellt ;-)

  3. HaHa sagte am 1. November 2011 um 12:11 Uhr:

    “… standen auf dem Gipfel aber noch Bäume herum, die waren hervorragend zum Aufwärmen geeignet.”

    Soso, Lagerfeuer gemacht, wie? :P

  4. HaHa sagte am 1. November 2011 um 12:15 Uhr:

    Wenn man von Menschen hört, die in sechs- bis achttausend Metern Höhe sterben, weiß man doch wenigstens eins: Zumindest abseits der Städte funktioniert die Evolution noch :)

  5. Christiane sagte am 1. November 2011 um 12:22 Uhr:

    Nein, das schwarz-weiße Gestell wird noch auf den Fluss gestellt. Der Fluss ist ein paar hundert Meter links von der Hütte, von hinten nach vorn. Noch ist er ja nicht zugefroren, schwimmen nur ein paar matschige Eisschollen drauf rum.

  6. Christiane sagte am 1. November 2011 um 12:24 Uhr:

    Nicht das Totstellen hat mich erschreckt. Das hat mich nur Verwundert. War ja auch nicht totstellen, sondern eher der Versuch, sich unsichtbar zu machen. Das ein-paar-Schritte-vor-mir-aus-dem-Bau-flitzen hat mich erschreckt.

  7. Christiane sagte am 1. November 2011 um 12:25 Uhr:

    Neinein. Einfach hinter einen Baum in den Windschatten stellen, fühlt sich sofort zwanzig Grad wärmer an. Celsius.

  8. Christiane sagte am 1. November 2011 um 12:28 Uhr:

    Gerade auf dem McKinley gilt aber: ein blutiger Anfänger, der gutes Wetter erwischt, hat bessere Überlebenschancen als der Profi im schlechten Wetter. Selbst wenn der fitter ist.

  9. Denis sagte am 12. November 2011 um 14:06 Uhr:

    Hallo, ich bin mal so frei und schreibe was in deinen Blog. Sieht schnieke aus! Ich nutze seit kurzem auch WordPress diverse Sachen verstehe ich aber noch nicht. Dein Blog ist mir da immer eine grosse Anregung. Weiter so!

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