31.10.-04.11. Ankunft

18. January 2015

Hanksville, Utah. Mitten durch die Wüste führt eine Straße, die UT-24. Kurvenreich und vorbei an spektakulären, bunten Sandsteinplateaus. Seit knapp drei Stunden waren wir unterwegs, als wir endlich in Hanksville ankamen. An der Tankstelle “Hollow Mountain” (Hohler Berg) sollten wir ein paar Pakete abholen. Es war windig, gelegentlich prasselte Sand gegen das Auto.

Hollow Mountain, die Tankstelle im "Zentrum" von Hanksville.

Wenige Kilometer hinter den fünf Häusern von Hanksville bogen wir auf die Cow Dung Road ein (Kuhdungstraße). Von hier ging es auf planiertem, ausgespültem und halbverwehtem Wüstenboden die nächsten zehn Minuten weiter, bis wir um den hundertsten Felsen manövrierten und unvermittelt vor der Station standen.

Blick aus dem Autofenster kurz hinter Hanksville.

Cow Dung Road. Carmel fährt vorneweg.

Unser Zuhause für die folgenden zwei Wochen. Der große aufrechte Zylinder enthält Wohnraum und Labor, der liegende Zylinder enthält das Greenhab oder Treibhaus, und der kleine weiße Zylinder rechts ist ein Observatorium.

Ein großer, leuchtend weißer Zylinder. “Der ist ja größer als ich erwartet hatte”, waren wir uns einig. Acht Meter Durchmesser für sechs Personen klingt auf dem Papier nicht viel, insbesondere wenn in den vorbereitenden Unterlagen ständig auf den minimalen Platz verwiesen wird. Wir fuhren bis vor den Eingang und stiegen aus.

Wir erwarteten von Shannon, der Stationsleiterin, empfangen zu werden, tatsächlich begrüßte uns ein wandelnder, männlicher Fleischberg. Einen von der Sorte, deren Bild man vor Augen hat, wenn man von Übergewicht in Amerika hört. Chuck.

Er erklärte uns grob, wie die Station funktioniert. Außerdem sollten wir wie jedes der drei FMARS-Teams einen Freiwilligendienst an der Station verrichten, uns fiel der Herbstputz zu. Herbstputz in einer zugigen Station, die in einer überaus windreichen Wüste steht und seit einem halben Jahr wegen der Sommerhitze nicht benutzt worden war. In einer Gegend übrigens, in der Mäusekot das Hantavirus enthalten kann, welches eine zu 36% tödliche Atemwegserkrankung hervorruft. Angesichts der zahlreichen aufgestellten Mausefallen und der daher reichlich vorhandenen potentiellen Hantavirusträger konnte das Virus in dieser Ecke der Wüste jedoch nicht so stark vertreten sein. Trotzdem hieß es: Putzen mit Handschuhen und Atemmasken. Oh, Atemmasken haben wir nicht. Na dann: keinen Staub aufwirbeln.

Wir putzten. Für den Rest des Nachmittags und die folgenden Tage. Wir sammelten den Mäusekot ein, wir saugten die Schlafquartiere aus, wir wuschen sämtliches Geschirr, wir kratzten die ölige Sandkruste von den Küchenmöbeln, wir schabten den Dreck von Dutzenden Teams vor uns von den Arbeitsbänken, wir reinigten die wissenschaftlichen Geräte und die Werkzeuge, wir sortierten die Utensilien, die von Generationen vor uns unbeschriftet zurück gelassen worden waren, und wir schrubbten die Toilette und Dusche mit Chlor.

Dazwischen fuhren wir zu einem leckeren, schmierigen Lokal an der UT-24. Später am Abend brachen zwei Teammitglieder auf, um unseren Proviant für die nächsten zwei Wochen zu holen, dann verschwanden weitere drei. Die letzte wurde abgeholt, als die Anordnung kam, dass niemand allein in der Station bleiben dürfe. Dank Zeitverschiebung fand ich mich daher kurz darauf am gefühlten frühen Morgen nach einer durchgemachten Nacht in einem Berg von Tüten und Kartons wieder, die nach einem System in blaue Kisten verteilt wurden, das meine momentane geistige Kapazität überstieg. Soviel verstand ich: statt unseren eigenen Proviant abzuholen, packten wir den Proviant für uns und die Teams der kompletten kommenden Saison.

Zurück in der Station putzten wir weiter. Es war nach Mitternacht, als wir vorläufig aufgaben und uns in unsere Schlafquartiere zurückzogen. Isomatte aufgeblasen, Schlafsack ausgerollt – ich schlief in der gleichen Sekunde, in der mein Kopf das Kissen berührte.

Am nächsten Morgen wurde ich halb acht durch die Frühstücksvorbereitungen der anderen geweckt. Noch lange nicht von meinem Schlafdefizit der Reise erholt, schälte ich mich noch halbschlafend aus dem Schlafsack. Es gab Cornflakes und Haferbrei mit Trockenobst. Mein letzter Versuch mit Haferbrei war schon wieder ein paar Jahre her, also probierte ich ein paar Löffel. Ich aß sie tapfer auf, fand meine Abneigung aber aufs Neue bestätigt.

Im Laufe des Vormittags verließ uns Chuck, der die letzten Nächte auf einem Feldbett im Erdgeschoss verbracht hatte. Er hatte sechs Stunden in den Norden von Utah zu fahren. Später brachen zwei von uns auf, um den Mietwagen nach Grand Junction zurück zu bringen. Grand Junction liegt in Colorado und etwa drei Fahrtstunden von der Station entfernt. Die Station selbst hat ein Auto, etwas altersschwach aber funktionstüchtig. Unsere beiden Fahrer fuhren also mit dem Stationsauto und dem Mietwagen nach Grand Junction, gaben den Mietwagen ab und kamen mit dem Stationsauto zurück. Zwei Wochen später würde das nächste Team mit einem Mietwagen ankommen, und wir würden mit demselben Auto nach Grand Junction zurück fahren. Wir hatten also nur das Pech, das erste Team der Saison zu sein und die Strecke doppelt fahren zu müssen.

Wir vier, die zurück geblieben waren, nutzten das sonnige Wetter, um unsere nähere Umgebung zu erkunden. Wir kletterten auf den Hügel hinter der Station und liefen ein wenig auf dem Hochplateau herum, genossen die Aussicht. Der Wind blies uns den Staub der Putzorgie aus den Klamotten.

Blick auf die Station vom Plateau aus, Richtung Südosten. Im Hintergrund der Berg, der mich zwei Wochen lang anbettelte, ihn zu besteigen.

Blick Richtung Südwesten.

Ein weiterer markanter Berg in der Umgebung im Westen, der allerdings nicht direkt von der Station aus sichtbar war.

Am dritten Tag brach noch einmal eine kleine Expedition auf, um ein paar unterschriebene Dokumente in Hanksville abzuschicken (“ja, wir wissen, dass das Leben in der Wüste mit gewissen Risiken verbunden ist”). Während des restlichen Tages untersuchten wir die Funkgeräte auf ihre Tauglichkeit, probierten unsere (“Raum-”)Anzüge und Luftversorgungsrucksäcke aus und lauschten andächtig den Erläuterungen unseres Sicherheitsbeauftragten.

Am vierten Tag brachen zwei von uns erneut und seufzend nach Grand Junction auf, um auf Anweisung der Mars Society noch fehlende Ausrüstungsgegenstände für die anstehende Simulation zu besorgen, darunter zum Beispiel Handschuhe und Gewürze. Da der eingeteilte Hauptkoch für den Tag nicht rechtzeitig aus Grand Junction zurück war, übernahm ich als geplante Küchenhilfe an dem Abend das Kochen. Es gab Spaghetti mit Soße aus rehydrierten Tomaten, und alle haben überlebt.

Mit Rückkehr der beiden Fahrer starteten wir an jenem Abend, dem 4.11., unsere Marssimulation. Von da an gab es keine Ausflüge mehr mit den Autos, keine Spaziergänge ohne Marsanzug, und keinen Kontakt mehr mit anderen Menschen als per Email.

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