18.11.2014 Ausflug auf den Popocatépetl

8. December 2014

Am Vortag frisch eingeflogen, wollte ich auf den Popocatépetl. Der zweithöchste Berg Mexikos, ein Vulkan, liegt nur etwa 70km von Mexiko-Stadt entfernt und ist angeblich an guten Tagen von dort aus sichtbar. Heißt es. Allerdings bin ich nicht sicher, für welchen der vielen Teile von Mexiko-Stadt das gilt.

Die Fahrt dorthin sollte vom Haus meiner Gastgeberin eine Stunde dauern. Das ist eine mexikanische Zeitangabe, nach fast zwei Stunden waren wir tatsächlich da. Wir, das waren ich, mein Papa, die Tante meiner mexikanischen Schwester aus Tijuana, ein Freund der Familie und zwei Fahrer. Der Vater meiner Schwester wollte ursprünglich auch mitkommen, hat nach zehn Telefonaten aber umdisponiert, uns ein anderes Auto bestellt und ist zur Arbeit gefahren. Unser ursprünglicher Fahrer ist mit meinem Papa, mir und der Tante zusammen zu dem bestellten Freund samt Fahrer ins Auto gestiegen. Wir waren also zu sechst, als wir am Berg ankamen.



Blick auf den Popo und den Izta, den Popocatépetl (rechts, aber gleich links vom Schild hinter den Wolken) und den Iztaccíhuatl (links). Beides sind Vulkane, und der zweit- bzw. dritthöchste Berg Mexikos nach dem Pico de Orizaba.



Die Spitze des Popocatépetl, praktisch schneefrei, und deutlich höher als die Hügel in seiner Umgebung.

Unser Ankunftsort war der Parkplatz am Eingang des Nationalparks Iztaccíhuatl-Popocatépetl, auf dem Paso de Cortés. Besagter Pass liegt auf etwa 3700m Höhe und zwischen den Gipfeln des Popocatépetl (gut 5400m) und Iztaccíhuatl (5200m). Iztaccíhuatl bedeutet in der Sprache der Azteken (Náhuatl) wörtlich “weiße Frau”, der in Mexiko bekanntere spanische Name Mujer Dormida (auch die Mexikaner haben Probleme die aztekischen Namen auszusprechen) heißt übersetzt “die schlafende Frau”. Tatsächlich hat die Bergkuppe in etwa die Form einer schlafenden Frau, die auf dem Rücken liegt, und wies bei unserem Besuch ein paar Schneefelder auf. Popocatépetl heißt übersetzt soviel wie rauchender Berg.



Der Iztaccíhuatl (links), nicht unter optimalem Winkel erwischt, trotzdem ist insbesondere der Kopf der Frau links deutlich zu erkennen.



Der Popo selbst ist zum Großteil von Wolken verdeckt, aber die Rauchfahne, der er seinen Namen verdankt, ist gut sichtbar.

Die Legende besagt, dass die schöne Prinzessin Iztaccíhuatl in den starken und mutigen Krieger Popocatépetl verliebt war. Nachdem sich beide die ewige Liebe geschwört hatten, musste Popocatépetl in den Krieg ziehen. Es gibt verschiedene Versionen der Legende, aber allen gemein ist, dass Iztaccíhuatl die Nachricht erhielt, Popocatépetl würde nicht aus dem Krieg zurück kehren. Daraufhin starb sie vor Kummer. Als Popocatépetl schließlich doch zurück kehrte und vom Tod seiner Geliebten erfuhr, trug er ihren Leichnam auf einen Berg, wachte an ihrem Grab und starb ebenfalls an gebrochenem Herzen. Beeindruckt ob dieser Liebesgeschichte, verwandelten die Götter die beiden in zwei Vulkane, in der Form einer schlafenden Frau, Iztaccíhuatl, und den ihr zu Füßen wachenden Krieger, Popocatépetl.

Möglicherweise (das ist allerdings pure Spekulation meinerseits) beruht die Legende tatsächlich darauf, dass beide Vulkane in relativ kurzer Zeit entstanden oder zumindest gewachsen sind. Iztaccíhuatl schläft jedenfalls seit über 3000 Jahren. Der Popocatépetl ist nach mehreren Jahrzehnten Ruhe vor etwa zwanzig Jahren wieder zum Leben erwacht und bricht seitdem alle paar Jahre aus. Als wir da waren, hat er mehrmals täglich eine mächtige Gaswolke ausgestoßen. Durch die gesteigerte Aktivität hat sich der Berg soweit erhitzt, dass seine Gletscher innerhalb weniger Jahre komplett abschmolzen. Der Popocatépetl hat auf seiner Kuppe immer noch ein wenig Schnee und Eis, aber eben keine Gletscher (also mehrjähriges Eis) mehr. Außerdem ist er wegen der Aktivität für Bergsteiger gesperrt.



Auf dem Cortés-Pass, mit Blick auf das Fußende des Izta. Im Vordergrund drei unserer mexikanischen Begleiter und das Besucherzentrum des Nationalparks.

Am Parkplatz angekommen, zeigten uns unsere Begleiter die beiden Berge und erweckten den Eindruck, gleich wieder umkehren zu wollen. Zwei Stunden Fahrt um einen Blick auf zwei Berge zu werfen, “man kann doch hier eh nichts anderes machen”… Ich wollte wenigstens ein wenig herumlaufen, und siehe da, als unsere Begleiter im Besucherzentrum nachfragten, erfuhren wir, dass man sogar noch ein wenig weiter den Iztaccíhuatl hinauf fahren kann. Wir erhielten gegen Gebühr farbige Armbändchen, lasen im Besucherzentrum von der Legende und brachen – schon wieder im Auto – auf.

Die Straße war staubig und holprig, und es ging nur langsam voran. Irgendwo im Nirgendwo hielt der Fahrer an und wir durften uns ein wenig die Beine vertreten, aber immer schön auf der Straße bleiben, und das Fahrzeug wenige Meter hinter uns. Endlich aus dem staubigen Auto geflüchtet, hatte ich keinerlei Ambitionen, weiter die staubige Straße entlang zu trotten. Ich lief auf einen kleinen Vorsprung in einigen hundert Metern Entfernung zu, die anderen im Schlepptau. Der Boden bestand aus Vulkanasche, Staub und einzelnen Lavabrocken, alles versetzt mit trockenen Grasbüscheln. Bis auf die dünne Luft (wir befanden uns auf etwa 4000m Höhe) hatte ich mit dem Laufen keine Probleme. Die Tante dagegen, die ohnehin nicht die sportlichste ist, hatte mit ihren goldenen Ballerinaschühchen durchaus Probleme auf dem weichen sandigen Boden. “Ich hab doch nicht geahnt, dass wir hier herumlaufen würden.”



Schön auf der Straße bleiben, und in der Nähe des Autos.



Blick ins Tal, Richtung Westen, etwas südlich von Mexico-Stadt.

Daher war ich überrascht, als sie zustimmte, mit auf eine Felsnase etwa 200m über unserem momentanen Standort zu klettern. Das Missverständnis wurde aufgedeckt, als ich vorschlug, die große Bodenwelle vor uns zu umgehen, mit dem Auto zu einem kleinen Parkplatz in Sichtweite zu fahren und von dort aus auf die Felsnase zu steigen. Sie hatte gedacht, ich wollte durch die Bodenwelle bis zum Parkplatz laufen und war entsetzt, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann DA hoch zu steigen.



Es geht um die Erhebung ganz rechts im Bild, vielleicht 200 Höhenmeter. Davor sieht man den kleinen La Joya Parkplatz mit einem Imbisshäuschen.

Der Parkplatz heißt La Joya und liegt auf 4000m Höhe. Dort angekommen, entschied sich mein Papa nach einigem Zögern, mit mir mitzukommen. Alle anderen blieben unten und schüttelten verwundert über die Deutschen ihre Köpfe. In einer Stunde sollten wir bitte wieder unten sein, wir wollen ja noch woanders hin. Mit der mexikanischen Auslegung einer Stunde schien mir die Distanz schaffbar.

Die ersten hundert Meter gingen recht sanft nach oben, immer über den staubigen Boden mit den kniehohen trockenen Grasbüscheln. Dann zog die Steigung an und mir ging die Puste aus. Hinter mir hörte ich es ebenfalls keuchen, also verlangsamte ich mein Tempo. Je steiler es wurde umso langsamer gingen wir. Ich wählte mehrere Umwege, um die Route für meinen bergunerfahrenen Papa so einfach wie möglich zu halten. So war der Großteil des Aufstiegs technisch sehr einfach, wir mussten eben nur unsere Geschwindigkeit an unsere Lungen anpassen. Unterwegs ließen wir Jacke und Pullover an einen Baum zurück, einen anderen Weg nach unten als diesen gab es eh nicht. Kurz vor dem Ziel mussten wir noch eine kleine Wand aus Felsbrocken überwinden, was durch harte, teils stachelige Vegetation erschwert wurde.



La Joya von weiter oben.



Blick von der Felsnase nach unten.




Ein wenig Flora…





… und Fauna.

Nach etwa vierzig Minuten Aufstieg erreichten wir die Nase. Wir genossen die Aussicht, ich schaute sehnsüchtig auf einen Pass des Iztaccíhuatl, der in greifbarer Nähe schien und auf den ich gern noch geklettert wäre, dann stiegen wir wieder ab. Die Felsbrocken waren abwärts etwas schwieriger zu passieren, aber kein ernsthaftes Problem. Dafür stellten sich die Grasbüschel als gemeingefährlich heraus: Man sah nicht, wo man hintrat. Ich selbst bin ein paar Mal gestrauchelt, Papa hat ein paar unfreiwillige Sitzpausen eingelegt; wenigstens waren die Büschel weich.




Das ist doch höchstens noch eine weitere Stunde, nur den Grat entlang, und schon kann man auf der anderen Seite runter gucken…



Ein letzter Blick in die Runde…



… von hier sieht der Popo richtig klein aus…



… dann noch einmal verschnaufen, bevor es die Kante hinab geht.

Auf dem Weg nach unten haben wir noch zwei Bergsteiger bis zum Hauptparkplatz mitgenommen. Die empfahlen mir La Malinche, den ich ein paar Tage später in Angriff genommen habe. Auf dem Rückweg nach Mexiko-Stadt haben wir uns noch eine Weihnachtsbaumkolonie angesehen, von der meine Gastgeber verträumt als “wunderschöne Natur” geschwärmt haben.



Weihnachtskitsch auf mexikanisch.



Ich habe nie verstanden, wieso Bäume für das Weihnachtsfest sterben müssen.

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