Dientes de Navarino – Planung

1. June 2014

Wenn man eine Reise nach Südpatagonien plant und nach interessanten Aktivitäten Ausschau hält, stolpert man fast unvermeidlich über Trekkingtouren. Die wohl bekannteste und mit Sicherheit eine der eindrucksvollsten Trekkingtouren in Südpatagonien führt durch den Torres del Paine Nationalpark. Das Wetter ist rauh, aber die Fotos sind eindrucksvoll. Genau das war auch mein Problem, als ich mich näher für diese Trekkingtour zu interessieren begann: Es gibt Tausende toller Fotos von den Torres, und irgendwann hatte ich das Gefühl, gar nicht mehr hinfahren zu brauchen, um zu wissen, wie es dort aussieht. Dazu kam, dass man auf der Standardroute bis in den März hinein von Menschenmassen umgeben ist. Allein auf den Zeltplätzen sammeln sich jede Nacht mehrere Dutzend Zelte, die zusammen mehrere hundert Personen fassen. Hinzu kommen die in bequemen Tagesetappen gesäten und regelmäßig überfüllten Refugios entlang der Strecke. Trekking ist toll, aber nicht im Vergnügungspark. Außerdem – ich weiß, es ist albern – wollte ich nach Feuerland und nicht in dieses diffus definierte Südpatagonien.

So stieß ich auf den Trek um die Dientes de Navarino. Auf der Isla Navarino gelegen, gehören die Dientes zum Feuerland-Archipel und zu einer der unberührtesten Gegenden auf der Welt.

“Das südlichste Trekking der Welt führt Sie entlang kaum begangener Pfade Feuerlands durch unberührte Natur und wilde Landschaften, fernab der Zivilisation. Von Puerto Williams auf der Isla Navarino aus, machen wir uns auf zur Umrundung des Dientes de Navarino-Gebirge. Auf dieser Trekkingtour werden wir durch mystisch anmutende Südbuchenwälder wandern, Schneefelder durchqueren und den beeindruckenden Blick auf den Beagle-Kanal geniessen. Immer wieder kommen wir den zerfurchten Bergspitzen, die dieser Wanderung den Namen verleihen, nahe und passieren raue Berglandschaft. Übernachtet wird im Zelt in freier Natur mit Blick auf schneebedeckte Gipfel an den Ufern kleiner Seen. Nach dem Trekking übernachten wir in einem gemütlichen Gasthaus.

Die Outdoor-Aktivitäten dieser Tour sind anstrengend. Trittsicherheit, eine gute Kondition und Fitness sind absolut Voraussetzung. Extreme Temperatur- und Wetterwechsel erfordern eine gewisse Widerstandskraft. Während des Trekkings gibt es keine Unterkünfte oder andere Infrastruktur, daher ist eine Bereitschaft auf Komfortverzicht und Teamgeist beim Erstellen der Camps und bei der Zubereitung der Essen wichtig. Während des Trekkings muss die eigene Ausrüstung, sowie ein Teil der Verpflegung selber getragen werden. Auf Wunsch können dafür Träger organisiert werden.”

Ich gebe zu, so genau habe ich mir die Beschreibung oder gar das Tagesprogramm gar nicht durchgelesen. Eigentlich sind bei mir nur die drei Worte “anstrengend”, “Widerstandskraft” und “unberührt” hängen geblieben. Das reichte mir, um zu wissen, das will ich machen! (Mit dem Rest der Beschreibung konnte ich ohnehin nicht viel anfangen.) Es gehört zu Feuerland, hat beeindruckende Berge, und man begegnet wenigen bis gar keinen Menschen, da muss ich hin.

Die Planung verlief erstaunlich reibungsarm. So abenteuerlustig mir zumute war, war ich mir sicher, diese Tour mit meinem bisherigen Erfahrungsschatz nicht allein durchführen zu können. Zwei Wochen vor geplanter Abreise schätzte ich auch die Wahrscheinlichkeit jemanden Gleichgesinnten zu finden als äußerst gering ein. Also kam nur eine geführte Tour in Frage. Ich kontaktierte verschiedene Anbieter, und einer führte in dem fraglichen Zeitraum tatsächlich eine Tour durch und hatte vor allem noch einen Platz frei. Die Zeit war knapp, und es wurde schnell klar, dass wir am Standardprogramm nicht festhalten können würden. Das erste Problem, das auftauchte, war der ausgebuchte Flug von Punta Arenas nach Puerto Williams. Stattdessen reiste ich mit der Fähre über Ushuaia an, während der Rest meiner Gruppe wie geplant von Punta Arenas aus aufbrechen würde. Ich würde also das Gruppentreffen mit dem Führer am Vorabend verpassen und erst am nächsten Tag zu meiner Gruppe dazu stoßen. Ursprünglich sollte ich am Morgen des 5. März und damit zeitgleich mit meiner Gruppe nach Puerto Williams fahren, aber wegen der Wetterabhängigkeit der Fähre verlegte die Agentur die Überfahrt auf den 4. März, und wegen der knappen Zeit ohne vorherige Rücksprache mit mir. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, außer, dass ich nun plötzlich zwei Hotelbuchungen für die gleiche Nacht hatte. Dieser Knoten konnte gelöst werden, und am Ende bekam ich durch die geänderten Reisepläne und die eine selbst gebuchte Hotelnacht sogar ein wenig Geld zurückerstattet. Die letzten Details zur Reise klärte ich mit der Agentur am Tag meiner Abreise. Ihr werdet es nicht glauben, aber es klappte auf der Reise tatsächlich alles reibungslos.

Neben der Organisation der Anreise musste ich natürlich auch noch ein wenig Ausrüstung auftreiben. Nach einigem chaotischen Hin- und Her machte ich letztendlich Folgendes: Ich lieh mir einen großen Trekkingrucksack und einen Schlafsack samt Isomatte von Ruben. Zusätzlich gab er mir noch seine Gamaschen. Da ich nach Feuerland noch einmal für ein paar Tage nach Pucón zurück kehren wollte, war die Rückgabe der geliehenen Sachen gesichert. Zelt und Kochausrüstung wurden von der Agentur gestellt, genauso wie die komplette Verpflegung auf der Isla Navarino schon im Preis inbegriffen war. Ich kaufte zu meiner normalen, gut erprobten Bergausrüstung noch eine schnell trocknende Hose. Auf einige andere Dinge der Packliste musste ich jedoch verzichten: Ich wollte partout nicht 50+ Eur für Trekkingstöcke ausgeben, da ich zu Hause schon ein Paar hatte. Außerdem bestand die Chance, die Trekkingstöcke durch einen geeigneten Ast ersetzen zu können. Sorgen machte mir eher, dass ich keine bezahlbare Regenhose auftreiben konnte. Der Wetterbericht für die Trekkingtage verhieß überwiegend trockenes Wetter, und so beschloss ich eine trockene Ersatzhose mitzunehmen und es einfach darauf ankommen zu lassen. Eine Regenhülle für den Rucksack hatte ich auch nicht, aber wasserdichte Säcke, in denen ich alles verstaute, was trocken bleiben musste, also insbesondere Wechselwäsche.

Ein weiterer Sorgenpunkt war der Schlafsack. Die knappe chilenische Beschreibung an Rubens Schlafsack nannte eine Extremtemperatur von -8°C. Die empfohlene Komforttemperatur für die Isla Navarino lag bei -5°C. Und zwar auch für den Sommer, da das Wetter auf Feuerland so extrem wechselhaft ist und man zu jeder Jahreszeit an einem Tag von Sonne bis Schneesturm alles dabei haben kann. Rubens Schlafsack wirkte warm, andererseits wusste ich um mein nächtliches Wärmebedürfnis und investierte sicherheitshalber noch in ein Inlet, einen dünnen Innenschlafsack. Ein paar hundert Gramm mehr zu tragen, aber dafür hätte ich es hoffentlich warm.

Bevor ich aufbrach, wollte die Agentur noch Informationen zu eventuellen medizinische Einschränkungen und zu meiner Reiseversicherung wissen, sowie die Kontaktdaten der Personen, die sie im Notfall zu unterrichten hätten. Meine Notfallkontake selbst nahmen die Information, mein Notfallkontakt zu sein, mit eher gemischten Gefühlen auf, “wenn selbst du Notfallkontakte angibst, muss es ernst sein”. Dabei hätte ich mir persönlich eher Sorgen gemacht, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt schriftlich hinterlegt hatte, wann ich wo sein wollte. Wenn ich auch zugeben muss, dass ich die Übersicht auch selbst brauchte um einen Überblick zu bewahren, wann ich wo sein musste, und vor allem für welche Nächte ich von unterwegs noch Zimmer buchen musste, weil ich das vor der Abfahrt nicht mehr geschafft hatte. Der Ausdruck meiner Liste ging unterwegs auf mysteriöse Art und Weise verloren, ich dagegen kam wohlbehalten sowohl vom Dientes-Trekking als auch vom gesamten Feuerlandausflug zurück.

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