22. Oktober 2011, Donnelly Dome

26. October 2011

Eigentlich wollte ich ja dieses Wochenende über den Yukon und zum Polarkreis fahren. Das Problem war nur, dass Richtung Norden die Straßen immer schlechter werden und durch den Schneefall am Anfang der Woche nicht gerade sicherer. Also sagte der Touranbieter ab und ich überlegte mir einen Plan B. Und der bestand in Auto mieten und dann weiter sehen. Vor allem in Richtung Süden sehen, da wo mich der Alaska Range schon seit Wochen so einladend anlächelte. Richtige Berge sehen, nicht so dieses rundgelutschte Hügelland von Interior Alaska. Berge in Thüringer-Wald-Höhe hab ich auch in Ilmenau. Da unten im Süden, hinter der großen Ebene und den ganzen Tag unter der Sonne, so breit zieht sie sich hin, – da ist die größte Bergkette Nordamerikas. Mit Bergen höher als die Alpen. Steilen Berghängen. Einem Meer an Gletschern. Klar, dass ich da hin muss.

Am ersten Tag, einem Samstag sollte es nach Südosten gehen, in Richtung der großen “Delta Junction”, möglicherweise bis zum Castner Glacier. “Große” Delta Junction, weil dieses Highway-Dreieck über hundert Meilen entfernt in Fairbanks ausgeschildert stand und sich dann als eine etwas größere Straßenkreuzung entpuppt hat, ungefähr so wie der Kreisel am Lidl, zwischen McDonald’s und Faradaybau in Ilmenau. Für die Nicht-Ilmenauer: Klein. Auf jeden Fall habe ich mich eine Stunde vor Sonnenaufgang aus dem Bett gequält, also gegen 8. Hab mir Proviant geschmiert und bin in die Kälte aufgebrochen, minus 10°C waren draußen. Zuerst musste ich allerdings einen Zwischenstopp beim Autovermieter machen: Die Beifahrertür ließ sich nicht mehr schließen. Etwas unangenehm in Linkskurven, aber das Problem ließ sich mit einem typisch alaskanischen Zubehör provisorisch lösen: Als ich das Auto übernahm, fanden sich auf dem Beifahrersitz ein sprichwörtlich ellenlanger Eiskratzer mit Borsten am anderen Ende und – ein Verlängerungskabel. Schalten brauchte ich ja nicht, also hab ich das Kabel durch den Türgriff gezogen und mit der rechten Hand festgehalten. Bis zum Vermieter ging das. Der hat dann Enteiser ins Schloss gesprüht und daraufhin ging die Tür wieder zu. Ob’s länger angehalten hat, weiß ich nicht, ich hab sicherheitshalber die Beifahrertür nicht mehr aufgemacht. Denn der Castner-Gletscher ist von Fairbanks ungefähr 150 Meilen, also etwas über 220 km, entfernt. Keine Strecke, die ich komplett einhändig fahren möchte.

Für alaskaniensische Verhältnisse klein, aber fein: Ford Focus 4-Türer mit obligatorischem Stecker aus der Schnauze hängend. Ab -10°F soll man den übrigens einstecken, etwas unter -20°C.

Es war übrigens mein erstes Mal mit einem Automatikgetriebe. Dementsprechend ist bei jedem Anlassen mein linker Fuß erstmal ins Leere getreten und insbesondere vor Kreuzungen meine rechte Hand öfter mal nach unten gezuckt. Alles eine Gewöhnungssache. Zum entspannt in der Stadt durch die Gegend gondeln ganz nett, aber gerade beim Anfahren auf Schnee oder bei Steigungen hätte ich lieber etwas mehr Kontrolle über das Auto. Motorbremse beim Bergabfahren kennt er auch nicht – aber zum Glück kühlt ja die Umgebungsluft, wenn man meilenweit steil bergab fährt. Und vielleicht ist das ja ein Ford-Problem, aber manchmal fühlte sich das Schalten genauso an, als wäre man gerade auf eine Eisfläche gefahren. Nicht so unwahrscheinlich, ich schätze auf 80% der Gesamtstrecke war die Fahrbahn bis auf die Spurrillen mehr oder weniger deckend vereist. Und stellenweise waren auch die Spurrillen zu.

Die Fahrt Richtung Alaska Range selbst war ziemlich spektakulär. Lange Strecken am Tanana River entlang: http://www.alaska101.com/exploreAlaska/maps/yukonTananaNenanaRivers.jpg
und mit häufigem Blick auf die Berge im Süden.

So richtig schnell bin ich also nicht vorwärts gekommen, und das obwohl ich die vorgeschriebenen 65 mph etwas großzügig ausgelegt hab. “I have never heard of anyone being caught speeding on the highway with 10 above the limit.” Viel schneller als 75 mph macht dann auch keinen Spaß mehr, ab 80 rumpeln die Reifen nicht nur über die unebene Eisdecke, sondern noch über die vielfach geflickte Straßendecke. Engere Kurven werden angekündigt, aber irgendwann wird das Durchschütteln doch zu unangenehm.

Und dann war da noch mein Zwischenstop in North Pole. Klar, wenn ich schonmal durchfahre, dann muss ich auch mal anhalten. Zumal das Santa Claus House einfach zu finden ist: Es liegt direkt am Highway.

Begrüßt wird man von diesem 14 m hohen Kollegen:

Dessen Haus im St Nicolas Drive steht direkt daneben:

Und drinnen sieht es so aus:

 

Ansonsten ist North Pole ein ziemlich verschlafenes Städtchen, bis auf größere Verpflegungsketten für Auto und Fahrer gibt es nur angeschneite Häuschen.

Dafür sind die Straßennamen umso interessanter: Ich bin durch die Snowman Lane durchgefahren, durch die Santa Claus Lane, den Holiday Drive… Die Straßenlaternen sehen aus wie Candy Canes. Und das reichte mir dann auch schon an Christmas Spirit, der Rummel fängt schon noch früh genug an.

Zum Castner Glacier hab ich es dann nicht mehr geschafft, bis zum Sonnenuntergang um 6 wollte ich wieder zurück beim Auto sein, und möglichst nicht auf dem Hosenboden den Gletscher runter rutschen um das zu schaffen. Plan B war der Donnelly Dome, und den hab ich dann auch in Angriff genommen. Für Leute, die auf der Karte nachschauen wollen: die Koordinaten (63.78, -145.79) in die Suche bei Google Maps eingeben.

Rechts neben der Straße im oberen Bild, genau in der Mitte im unteren. Diese Erhebung steht frei in der Landschaft herum, ist etwas über 1000 m hoch und sehr geröllig. Im Vergleich zu den einige Meilen entfernten Nachbarn ziemlich glatt gelutscht. “Glatt gelutscht” trifft es sogar ganz gut, der Donnelly Dome ist ein Überbleibsel der letzten Eiszeiten, als die Gletscher vom Alaska Range herabgekrochen sind und die anderen Berge abgeschürft haben bis nur noch flache Ebene übrig war. Der Donnelly Dome stand vermutlich zwischen zwei Gletscherströmen und hat deshalb überlebt. Auf dem Gipfel sieht man typische Gletschermerkmale, insbesondere einzelne Steine, die nicht zum restlichen Gestein des Berges passen. Angeblich ist der Fachbegriff für diesen vom Eis überrannten Berg “Fleigberg”, allerdings hab ich das Wort noch nie vorher gehört und selbst Google kennt ihn nicht sehr gut.

Aber genug davon. Wichtig ist: Hoch, steil, und schlechter Tritt.

Ich habe sehr schnell meine Lagen bis auf die innerste abgelegt und bin praktisch im T-Shirt… naja, halb gelaufen und halb geklettert. Nach etwa einem Drittel des Aufstiegs hab ich jedoch alle Lagen wieder angezogen: Wind kam auf. Wobei “aufkommen” ein Euphemismus ist, aus dem Nichts war er plötzlich da und blies erbarmungslos.

Da half auch der steile Anstieg nicht mehr, immer wieder musste ich hinter einem größeren Felsbrocken Zuflucht suchen und eine weitere Lage anziehen. Wobei auch die Zuflucht nur relativ war, dort war der Wind meist nur wenig schächer. Dafür aber zur Abwechslung endlich mal aus einer anderen Richtung: von unten.

Wenigstens hatte ich Spaß, auch wenn Kamera-Akkus-Wechseln mit dicken Winterhandschuhen sehr schwierig ist.

Kurz vor dem Gipfel wurde der Anstieg etwas flacher und ganz oben kam die spektakuläre 360°-Aussicht. Lange geblieben bin ich nicht, ohne Bewegung wurde es doch etwas kühl.

Die Berge im Osten…

…die große Ebene mit dem Delta River im Nordwesten…

… die Berge im Süden…

… und im Südwesten. Die Linie am unteren Bildrand ist die große Trans-Alaska-Pipeline. Diesmal wirklich groß, sie verläuft fast 1300 km vom Norden Alaskas (Prudhoe Bay) bis nach Süden (Valdez).

Abgestiegen bin ich über die Südflanke, ich wollte nicht wieder den gleichen Hang zurück. Ich habe allerdings nicht bedacht, dass an der Südflanke mehr Sträucher und vor allem höhere Sträucher stehen. Wanderwege gibt es dort ja nicht, wenn man von ein paar Trampelpfaden absieht, die offenbar regelmäßig von allerlei Getier genutzt werden.
Am Anfang waren sie noch vergleichsweise flach, die Stämme waren fast horizontal und sehr dick. Da konnte man noch drüber laufen. Weiter unten wurden die Sträucher höher, höher als ich, dichter und unflexibler. Unzählige Äste habe ich abgebrochen in dem Versuch, sie einfach nur zur Seite zu biegen.

Dann endlich kamen Nadelbäume. Dort standen dann weniger Sträucher, dafür wurden meine Umwege größer, weil zwischen zwei dicht stehenden Bäumen überhaupt keine Durchkommen mehr war. *ächz* Für den Abstieg habe ich so länger gebraucht als für den Aufstieg, etwas mehr als 2 Stunden. Unterwegs hab ich noch meine Handschuhe verloren und wiedergefunden (der Wind hat nach etwa einer Stunde wieder aufgehört und dann war mir wieder zu warm) und ich bin mehrfach über einen zugefrorenen Bach geklettert.

Das spektakulärste Erlebnis hatte ich während des Abstiegs knapp oberhalb der Baum äh Strauchgrenze: eine Nebensonne! Bevor ich lange erkläre, was das ist, hier ein Bild:

Und für die, die es nicht sehen, hier ein Zoom:

Es hat zwar die Farben eines Regenbogens, aber dieser Leuchtfleck ist eindeutig eine Nebensonne. Meine erste! Allerdings nur eine, die auf der rechten Seite konnte man nicht sehen. Nebensonnen entstehen durch Brechung des Sonnenlichts an dicken Eisplättchen, die sich bei ruhigem Wetter horizontal ausrichten.

Wenn man noch etwas genauer hinschaut – auf dem folgenden Bild und auf dem oberen Donnelly-Dome-Bild sieht man es etwas besser – kann man den kleinen Halo oder Haloring um die Sonne erkennen. Auf dem folgenden Bild reicht der Durchmesser des Halo von der linken Nebensonne bis fast an den rechten Bildrand. Zugegen, ein schwacher Halo, er ist mir erst hinterher auf dem Bild aufgefallen. Ich war halt zu beschäftigt mit dem sun dog, der Nebensonne 0:).

Und noch eine weitere Lichterscheinung sieht man auf dem (jetzt oberen) Bild: eine – wenn auch kurze- Lichtsäule. Das ist dieser senkrechte Auswuchs an der Oberseite der Sonnenscheibe. Offensichtlich war an dem Tag sehr viel Eis in der Atmosphäre, denn die Lichtsäule entsteht, wenn Eisnadeln ober- und unterhalb (hier von den Bergen verdeckt) der Sonne das Licht reflektieren. Wie beim Rollo, wo die einzelnen Lamellen reflektieren und sich so direkt am Fenster eine Lichtsäule ausbildet. Bei Wikipedia findet man ein recht gutes Bild einer stark ausgeprägten atmosphärischen Lichtsäule. Und hier findet man ein Bild, auf dem die genannten Effekte (und noch einige weitere) deutlicher zu sehen sind: http://www.top-wetter.de/fgalerien/autoren/meteoros/htm/bild11.htm. (Zur Erläuterung: 22°-Ring = kleiner Halo; Horizontalkreis = der fast waagerechte Streifen, der durch Sonne und Nebensonnen verläuft, verläuft parallel zum Horizont.)

Die genannten Lichtphänomene sind übrigens nicht auf die hohen Breiten beschränkt, man kann sie prinzipiell auch in Deutschland beobachten. Man braucht nur ein wenig diesiges Wetter. Und auch wenn sie nicht auf die Abendstunden beschränkt sind, ist der Abend besonders gut geeignet – zum einen, weil dann die Sonne schwächer wirkt, und zum anderen, weil die Sonne dann eher auf unserer Augenhöhe ist. Hier dauert die Dämmerung deutlich länger als in Deutschland, daher hat man hier mehr Zeit, die Sonne und ihre Himmelsumgebung zu beobachten.

So, jetzt reicht’s mit der Klugscheißerei, hier noch ein Bild, auf dem einfach nur ein hübscher Sonnenuntergang im Südwesten zu sehen ist…

… der Alaska-Range-Ausläufer im Osten, die glattgespülten und -geschliffenen sanften Wellen des Gebirgsvorlandes im Vordergrund, nein Mittelgrund, hinter den Bäumen…

… Blick Richtung Norden, rechts am Donnelly Dome vorbei. Rechts sind die Ausläufer von eben zu sehen; der helle Streifen ganz hinten am Horizont sind die schneebedeckten Gipfel der White Mountains, etwa 100 km entfernt.

Und zum Schluss, die schon früher erwähnte, weithin sichtbare, orangene Fairbanks-Wolke.

Den Fuß des Donnelly Dome hab ich gegen 7 erreicht – die Sonne war schon längst untergegangen, aber die Dämmerung war noch lange hell genug um bequem laufen zu können, und der letzte Lichtstreifen ist erst gegen halb 9 verschwunden – anschließend habe ich mich noch an einen kleinen See gesetzt und die Sterne beim Herauskommen beobachtet. Als mir langsam kalt wurde und auch noch die Koyoten anfingen zu heulen (meinetwegen auch Wölfe, so genau wollte das nun wirklich nicht wissen), habe ich mich gegen 8 auf den Rückweg gemacht. Die Fahrt war langweilig aber anstrengend: Auf der Hinfahrt gab es auf der Strecke ständig Neues, Interessantes zu sehen, aber auf der Rückfahrt gab es außer schwarz nicht viel. Das Fernlicht des Fords war etwas schwach, und Städte oder überhaupt Ortschaften entlang der Strecke gab es in vernachlässigbarer Anzahl. Sehr langweilig. Ab und zu kam noch ein einzelnes, erleuchtetes Haus vorbei. Und kurz hinter der Brücke über den Tanana kam noch ein kleines, pelziges Etwas über die Straße gelaufen. Ungefähr dackelgroß und rundlich mit Schwanz, ich habe es nicht lange genug sehen können um es zu identifizieren. Die Zeit hat gerade ausgereicht, um mich für ein “Frontal und möglichst zwischen die Räder” zu entscheiden, die Straße war ja außerhalb der Spurrillen vereist. An der Stelle zwar nicht, wie sich heraus stellte, als ich nochmal zurück fuhr. Aber lieber leichten Schaden am Unterboden als großen Schaden am Baum und in und hinter der Fahrertür. Wie auch immer ich den Pelzer erwischt habe, ich bin mit einem leichten Schock davongekommen, während der Aufprall  für den Pelzer weder gesund klang noch sich anfühlte. Aber alles, was auf der Straße hinterher zu sehen war, war ein kleines Fellbüschel, das der Wind über die Straße blies…

4 Kommentare zu '22. Oktober 2011, Donnelly Dome'

  1. HaHa sagte am 1. November 2011 um 11:39 Uhr:

    “… genau in der Mitte im unteren”

    Gut, dass du’s dazu geschrieben hast. Ich hätt mir auf dem Foto ja sonst’n Ast gesucht :P

  2. HaHa sagte am 1. November 2011 um 11:40 Uhr:

    “als die Gletscher vom Alaska Range herabgekrochen sind und die anderen Berge abgeschürft haben bis nur noch flache Ebene übrig war”

    Das klingt wie aus nem Horror- oder SciFi-Film ;-)

  3. Christiane sagte am 1. November 2011 um 12:16 Uhr:

    Always glad to help :D

  4. Christiane sagte am 1. November 2011 um 12:19 Uhr:

    Ach was. Regelmäßige Realität. Wenn wir nicht grad in einer Warmzeit leben würden, könnten wir das jeden Tag beobachten.

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