Feuerland, Tag 2: Parque Nacional Tierra del Fuego

21. April 2014

Die Nacht war natürlich viel zu kurz gewesen. Kurz vor neun quälte ich mich dann doch aus dem Bett, denn ich wollte spätestens den 10-Uhr-Bus zum Nationalpark Tierra del Fuego erwischen. Ich wusste nur ungefähr, von wo er abfuhr, und Frühstück musste ich auch noch auftreiben. Dumm nur, dass der dritte März in Argentinien ein Feiertag ist, und die Läden ohnehin nicht vor um 10 aufmachen. Egal, am Nationalpark würde es doch sicher eine Imbissbude geben, dort könnte ich mir ein Sandwich kaufen. Und so verschob ich mein Frühstück, um lieber den Bus noch zu erwischen.

Kurz vor zehn fand ich die Busstation, ich konnte sie gar nicht verfehlen. Neben einer Reihe von Kleinbussen stand eine riesige Tafel mit einer Karte des Nationalparks und groß darüber “Parque Nacional Tierra del Fuego”. Noch während ich versuchte, die sonnenverblichene Schrift zu entziffern, sprach mich ein Jüngling mit einer Karte in der Hand an. Er verkaufte mir ein Busticket (150 arg. Pesos, etwa 15 Euro), erklärte mir kurz den Fahrtverlauf und die Haltepunkte und empfahl mir auf meine Nachfrage den Wanderweg an der Küste entlang. Auf der Karte, die er mir zeigte, entdeckte ich aber einen Weg, der auf einen Berg führte, und damit war die Entscheidung für mich gefällt.

Der Bus fuhr pünktlich um 10 und vollbesetzt ab. Wir drehten zwei Ehrenrunden durch die Straßen von Ushuaia, weil die Hauptstraße wegen eines Karnevalsumzugs gesperrt war und der Fahrer anscheinend sicherstellen wollte, dass es dort wirklich nicht lang geht. Außerdem hielten wir unterwegs zweimal an, der Fahrer schaute hilflos in den Motorraum und fuhr dann weiter. Das dritte Mal hielt er an, um mit einem Kumpel zu sprechen, den er in einem anderen Bus am Straßenrand entdeckte. Beim Aussteigen hatte er die Handbremse vergessen anzuziehen, nach einigen Metern rückwärts holte das einer der Fahrgäste nach.

Eine halbe Stunde später kamen wir tatsächlich am Eingang zum Nationalpark an. Alle stiegen aus, sammelten sich in der kleinen Hütte der Nationalparkverwaltung, zahlten ihren Eintritt (noch einmal 110 Pesos), bekamen einen Flyer mit Karte in die Hand gedrückt und stiegen wieder ein. Die meisten fuhren bis zum ersten Haltepunkt im Nationalpark, ich war die einzige, die am zweiten ausstieg, der Rest fuhr zum dritten. Ich ging in eine schicke Hütte, die aussah, als gäbe es darin etwas zu essen. Gab es auch, aber nur Süßes. Ich wusste, dass es 1km weiter meinen Weg entlang noch eine zweite Versorgungshütte geben musste und machte mich auf den Weg. Die zweite Hütte fand ich tatsächlich, dort gab es aber nur Chips und ähnliche Knabbereien. Dafür war ich nicht bereit, überteuerte Preise zu bezahlen. (Dafür fand ich diese hübsche Karte.) Im Bus hatte ich die Reste meines Flugzeugfrühstücks vom Vortag (Süßkram in winzigen Tütchen) gegessen, trotzdem war ich nicht annähernd satt. Im Rucksack hatte ich eine Packung Kekse, Wasser und ein paar Bonbons. Ich bereute, die Erdnüsse am Morgen ihres Gewichts wegen ausgepackt zu haben.

Die Karte sagte, dass mein Bergweg vier Stunden in Anspruch nehmen würde, allein für den Aufstieg. Die Schwierigkeitsstufe war die höchste, natürlich. Der letzte Bus sollte um 7 abfahren, mittlerweile war es um 11. Es blieben also genau acht Stunden, genau so viel Zeit, wie ich theoretisch für den Weg brauchen sollte. Ich war zwar bisher meist schneller als die offiziellen Zeiten gewesen, aber das war ein paar Tausend Kilometer weiter nördlich, und einem besseren Frühstück. Ich setzte 3 Uhr als spätestes Umkehrzeit fest, und öffnete die Kekspackung.

Ein Blick auf die Karte sagt, dass das Gewässer da ein Fluss sein soll, der Rio Lapataia, die Verbindung zwischem dem Lago Roca und der Bahìa Lapataia, die Teil des Canal Beagle und eigentlich ein Fjord ist (d.h. von Gletschern geformt).

Schwäne auf dem Río Lapataia. Der Name Lapataia stammt aus der indianischen Sprache Yámana und heißt so viel wie "Bucht des Holzes" oder "des Waldes". Mit dem Holz haben die Yámana Kanus gebaut um auf dem Beagle zu jagen.

Die Hütte mit dem hervorragend zum Bergsteigen geeigneten Essen.

Der Zuweg zu meinem Wanderweg lief sich recht bequem, er war breit, weich, und verlief im Wald in unmittelbarer Ufernähe des Lago Roca. Nach einigen Minuten zweigte mein Weg, die Senda “Cerro Guanaco” nach rechts ab. Ich passierte ein Schild, auf dem eindringlich davor gewarnt wurde, den Weg mit schlechten Schuhen, unangepasster Kleidung oder nach 12 Uhr zu betreten. Daran scheiterte es bei mir nicht, ich hatte meine Trekkingschuhe an, trug eine Lage Kleidung am Leib und weitere einschließlich Regenjacke im Rucksack, und es war erst halb 12. Wenn überhaupt würde mir der Energiemangel zu schaffen machen.

Der Weg wurde ziemlich schnell ziemlich steil. Er war stellenweise sehr schmal, ging über Wurzeln, kleinere Rinnsale, und hatte am Anfang kaum Aussicht. Nach zwanzig harten Minuten kam ein kleines gelbes Schildchen in Sicht: noch 4km. Dabei sollte die Gesamtstrecke 4km lang sein. Nunja, argentinische Messgenauigkeit, ich stieg weiter auf. Unterwegs überholte ich zwei Frauen, eine Gruppe Jugendlicher ließ ich erstmal vor mir. Nach einer Stunde machte ich kurz Rast, erst, um meine warme Unterhose auszuziehen, gleich darauf um den ersten Aussichtspunkt zu genießen.

Unter mir: Der Lago Roca. Die erste nennenswerte Aussicht nach einem bisher ununterbrochen schweißtreibenden Aufstieg.

Weiter ging der Weg durch verschlungenes Gehölz. Hier sah ich die ersten Wegmarkierungen, gelbe in den Boden gerammte Stöcke. Ich versuchte, dem Weg zu folgen. Allerdings war der Boden teilweise so schlammig, dass ich mich lieber ein ganzes Stück von den Stöcken entfernt durchschlug. Irgendwo in diesem Wirrwarr überholte ich die Jugendgruppe.

Wurzeln, Wurzeln, und noch mehr Wurzeln. Dazwischen ein paar tiefhängende Äste und hin und wieder ein gelbes Stöckchen zur Wegmarkierung.

Oberhalb der Baumgrenze begann das Sumpfland. Der Boden war völlig durchweicht, und der offizielle Weg zeichnete sich durch tief in den Schlamm eingegrabene Fußspuren aus. Ich versuchte von Grasbüschel zu Grasbüschel einigermaßen trockenen Fußes vorwärtszuhüpfen, immer wieder in die Nähe der Markierungen zurück kehrend. Dieser Abschnitt war zwar nicht der anstrengendste, aber der bei Weitem unangenehmste.

Theoretisch ist jetzt die Hälfte des Weges geschafft. Jetzt geht es bis zur grünen Kante mehr oder weniger geradeaus und dann schräg rechts nach oben. Der Gipfel des Guanaco ist übrigens nur 973 m hoch, die Vegetationsgrenze nochmal einige hundert Meter unterhalb des Gipfels.

Kurz vor der Graskante, Blick nach Süden über den Beagle. Links von mir ist der Bergrücken vom vorherigen Foto. Der linke graue Inselzipfel gehört zur Isla Navarino, der rechte zur weitzerfransten Isla Hoste.

Endlich gelangte ich an den Bergrücken auf dem Foto, und kurz darauf kam das “1km”-Schild in Sicht. Von nun an ging es auf einigermaßen festem Untergrund weiter. An einigen Stellen war der Weg steiler, festgetretener Sand, und mir graute schon vor dem Abstieg. Die Steigung des Wegs war nur geringfügig kleiner als wenn man den Hang gerade hoch gelaufen wäre.

Fester Untergrund unter den Füßen! Hier läuft es sich noch ganz angenehm, solange man nicht nach unten schaut. Später wird die Neigung noch steiler. Der Felsschotter hält einen Sturz zwar auf, aber der Neigung nach zu urteilen erst nach ein paar gerutschten Metern.

Auf halber Höhe des Schotterhangs wurde ich selbst überholt. Aber nicht einfach von einem schnellen Geher, sondern der Typ joggte den Berg hoch. Selten habe ich einen Menschen so gehasst. Aus Frust machte ich erstmal kurz Pause, knabberte ein paar meiner Kekse, trank einen Schluck und trottete dann gemächlich weiter. Mein Magen hatte schon aufgegeben zu knurren, und ich lief mehr aus Willenskraft als aus wirklich vorhandener Energie.

Je höher ich kam, um so dichter wurde der Gegenverkehr. Ein sicheres Zeichen, dass ich der Spitze nahe kam. Als ich knapp unterhalb des höchsten Punktes den Kamm überquerte, sah ich auf der anderen Seite zwei oder drei Grüppchen, die dort Rast machten. Ich folgte dem Trampelpfad noch ein Stückchen, überquerte den Kamm erneut und erreichte nach wenig mehr als drei Stunden Aufstieg schließlich den Gipfel des Cerro Guanaco. Hier rasteten schon ein deutsches und ein schweizerisches Pärchen, und ein Rotfuchs. Der war schon so an Menschen gewöhnt, dass er sich von uns überhaupt nicht weiter beeindrucken ließ und gelassen die Gegend abschnüffelte.

Auf der Ostseite des Kamms: Im Bildmittelpunkt ist Ushuaia, links das Südufer der Isla Grande de Tierra del Fuego, rechts die Isla Navarino.

Ich machte von dem schweizer Pärchen ein Foto, dann begannen sie ihren Abstieg. Kurz darauf folgte das deutsche Pärchen, später kam noch die Jugendgruppe an, die ich überholt hatte, und dann war ich allein auf dem Gipfel. Der Wind pfiff mir um die Kapuze meiner Regenjacke und nach über einer Stunde auf dem Gipfel wurde mir langsam kühl. Trotzdem kehrte ich noch dreimal auf den Gipfel zurück, weil ich noch nicht gehen wollte.

Herr Rotfuchs hier zeigte sich recht unbeeindruckt von uns menschlichen Eindringlingen, hielt aber doch ein paar (wenige) Meter Abstand. Dank Tollwutimpfung hatte ich ohnehin keinerlei Bedenken in seiner Nähe sitzen zu bleiben ;)

Von links nach rechts: La Isla Grande de Tierra del Fuego, la Isla Navarino, la Isla Hoste. Die Stadt ist natürlich Ushuaia. Das Band, das von Ushuaia nach rechts zu mir führt, ist die Zufahrtsstraße zum Nationalpark und das Endstück der Panamericana.

Nicht nur ich genieße die Aussicht...

Panorama vom Gipfel aus. Ganz links die Isla Navarino, Der Arm, der von rechts in den Beagle-Kanal ragt, gehört zur Isla Grande, genau wie die vordere schneebedeckte Bergkette. Die hintere schneebedeckte Bergkette gehört zur Isla Hoste. Das rechte Gewässer ist der Lago Roca, durch das Inselwirrwarr in der Bildmitte schlängelt sich der Río Lapataia, und links davon ist die Bahìa Lapataia.

Als ich mich endlich aufraffte, war ich die letzte. Alle Rastplätze waren leer, als ich meinen Abstieg begann. Ich dachte wieder an meinen Magen, den ich auf dem Gipfel mit den letzten drei Keksen nur unzureichend gefüllt hatte. Aber im Moment schwieg er beleidigt. Der Weg abwärts war leider genauso steil, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Vorsichtig tastete ich mich abwärts. Allein das Wissen, dass meine Schuhe mich hier hoch gebracht hatten, half mir den gleichen steilen Weg wieder abwärts zu laufen. Auf halber Höhe, als der Weg geringfügig flacher wurde, hatte ich mich dann so an die steilen Passagen gewöhnt, dass ich förmlich den Hang herunter hüpfte. Mir kam noch ein einsamer Wanderer mit Trekkingrucksack entgegen, dann erreichte ich wieder das Sumpfland. Schneller, aber auch nasser, überquerte ich das Feld, dann schlug ich mich wieder in den Wald. Von hier an verlief der Abstieg mehr oder weniger unspektakulär. Ich machte mehrmals ausgedehnte Rast, immer mit Blick auf die Uhr. Ich hatte vier Stunden für den Abstieg, und hatte fest vor, nicht weniger als drei zu brauchen. An einem Aussichtspunkt traf ich noch zwei Britinnen, die mir aber versicherten, nicht weiter aufsteigen zu wollen. Kurz nach sechs stand ich dann wieder am Ufer des Lago Roca.

Und zurück über das Hochmoor. Diesmal hatte ich nicht so viel Geduld und entsprechend bekam ich etwas nasse Füße.

Und noch nassere Füße...

Egal, solange das Wasser nicht in den Schuhen schwappt, kann mir so schnell nichts die Laune verderben.

Und stetig bläst der Wind. War ich während des Aufstiegs teilweise im T-Shirt unterwegs, brauche ich beim Abstieg lange Ärmel. Und wenige Minuten nach dem Foto werde ich einen zweiten dünnen Pullover überziehen.

Zwei dünne Pullover und meine alaskaerprobte Kuscheljacke - wenn man sich hinsetzt, kühlt einen der eisige Wind ohne diese Anzahl von Lagen innerhalb von Minuten aus. Gleich nach dem Foto kommt noch meine Regenjacke dazu, auch wenn die einzigen Tropfen von der Brandung des Lago Roca kommen.

Dieses Foto spiegelt so ziemlich die Laune meines Magens wider. Trotz des bedrohlichen Anscheins bleibe ich aber trocken, bis ich zurück in Ushuaia bin.

Ich gönnte mir noch eine lange Pause am Lago Roca, dann trotte ich gemächlich zum Bushalteplatz zurück. In der Versorgungshütte kaufte ich vor Restaurantschluss das erstbeste Gebäck mit Früchten. Nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber so ließ sich die Rückfahrt im Bus aushalten. Zurück in Ushuaia hatte ich sogar noch ein paar Minuten übrig, um schnell unter die Dusche zu springen, bevor ich mich mit Pedro traf. Wir suchten länger nach einem Restaurant als für meine hungrige Ungeduld gut war, fanden aber endlich doch eins mit angemessenen Preisen. Leider war es ein Restaurant (das erste und bisher nur eins von zweien in Südamerika), das kein kostenloses Wasser ausgab. Aus Trotz trank ich eben nichts, das holte ich am Wasserhahn im Hotelzimmer nach.

Anschließend gingen wir noch zum Supermarkt, wo ich mich mit einer neuen Kekspackung und einer Packung mit dreilagigen Alfajores (Gebäck mit viel Schokolade) eindeckte, soviel eben in meinen Rucksack für den nächsten Tag passte. Zurück im Hotel schaute ich noch nach, wo ich am nächsten Morgen eigentlich hin musste, und schlug vor allem das Wort “Fähre” nach, damit ich mich im Zweifelsfall durchfragen konnte. Netterweise lautet das spanische Wort dafür “ferri”, was in mein übermüdetes Gehirn gerade noch hineinpasste, bevor ich, noch halb über den Laptop gebeugt, einschlief.

 

Zum Abschluss noch ein wenig fueguinische Flora, leider zum Großteil ohne Namenszuweisung. Über Hinweise, die zur namentlichen Identifizierung führen, bin ich dankbar :)

Im Hochmoor.

Eine alte Bekannte, eine Llareta.

Mehr Moos.

So grau und steinig die Landschaft aussieht - ein paar Pflänzchen halten sich tapfer oder verbissen auf dem Cerro Guanaco, je nach Sichtweise.

Und noch ein Bekannter: Der Baumbart.

Na gut, nicht ganz Flora, aber auch mit 'F'. Die Flattermänner gab es an den Zeltplätzen zu Hauf.

 

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

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