Erste Eindrücke — 5. Oktober, 8:21, Sofa in Wohnheim-WG von Min Chu, Fairbanks

5. October 2011

Bevor ich zu meinen ersten Eindrücken hier komme, noch drei Sätze zum Rest meiner Reise gestern. Nachdem ich den letzten Eintrag beendet hatte und nochmal meine (ich tippe) Magen-Darm-Grippe verflucht hatte, habe ich geschlafen wie ein Baby, während des Fluges eigentlich nur unterbrochen, wenn ich meinen Kopf mal wieder in die andere Richtung gedreht habe. Selbst das Abendessen-Sandwich hab ich zwar zur Kenntnis genommen, aber ansonsten ignoriert. In Seattle habe ich meinen Koffer durch den Zoll geschlafwandelt, nachdem ich geschafft hatte, die Fragen des Einwanderungsbeamten unverdächtig zu beantworten (“You’re going to Alaska? Why??” mit dem Unterton “Why would anyone want to do that??”). Nachdem ich mich durch das für meine Aufnahmefähigkeit viel zu komplexe Flughafenshuttlesystem gekämpft hatte, und die tolle BA-Einmalzahnbürste benutzt hatte, habe ich die verbleibenden gut zwei Stunden bis zum Boarding auch schlafend verbracht. Sogar ohne Nackenschmerzen, ein Hoch auf mein Kissen! (Bin ich die Einzige, oder zwingen Flugzeugsitze den Kopf wirklich in eine Position, die auf Dauer Nackenschmerzen verursacht?) Im Dreistundenflug nach Fairbanks konnte ich mich lange erfolgreich zwingen wach zu bleiben, ich wollte ja in der hiesigen Nacht auch noch schlafen. Aber in der letzten Stunde waren die beiden leeren Sitze neben mir doch zu verlockend und das Dunkel da draußen zu langweilig und ich bin doch wieder eingeschlafen.

 

Am Flughafen wurde ich tatsächlich von Tapas abgeholt, am Gepäckband (!) hat er mich gefunden. Und das, obwohl der Flieger über eine halbe Stunde zu früh dran war. Man hätte meinen können, dass mich die Nacht auf Montag auf das Kältegefühl vorbereitet hatte, aber der Schritt aus dem Flughafen war dann doch ein kleiner Schock. Die Straßen sind typisch amerikanisch, weeeeitläufig und sehr gerade. Trotzdem ist Tapas alle Kurven gefahren, als hätten sie einen Nullradius, also etwas gewöhnungsbedürftig. Er hat mich dann zum Wohnheim von Min Chu gebracht, einer Taiwanesin (nicht Chinesin!), die wohl mit uns im Büro sitzen wird. Bevor er zum Flughafen gefahren ist, hatte er sogar noch für mich eingekauft, damit ich am nächsten Morgen, also jetzt, was zu essen habe! Leider als Willkommensgeschenk auch eine Tafel Lindt-Schokolade, er hatte ja keine Ahnung, was in meinem Koffer steckt… Überhaupt kümmert er sich sehr um mich, beim Verabschieden brauchte Min drei Versuche, bis sie die Tür hinter ihm zumachen konnte ohne ihm den Hals einzuklemmen. Ich bin begeistert; nach dem kalten Start doch noch ein sehr warmes Willkommen. Entgegen allen Vermutungen ist Tapas übrigens auch kein junger Inder dessen Eltern nach Alaska eingewandert sind, sondern er ist schätzungsweise in seinen Vierzigern und freiwillig hierher gekommen. Für eine Heimreisestrecke braucht er 30-40 Stunden.

 

Als ich in die Wohnheim-WG gekommen bin, ist mir sofort ein Wort in den Sinn gekommen: Spacious! Ich glaube, Küche und Wohnzimmer sind so groß wie meine komplette Ilmenauer Wohnung, und im Bad hätten drei Leute gleichzeitig bequem Platz. Jetzt glaube ich schon eher, dass meine WG hier wirklich so aussieht wie auf den Bildern. An der Decke durch die gesamte Wohnung zieht sich ein ansehnliches Rohrgeflecht – die Sprinkleranlage. Die Küche und damit der Kochbereich sind ausgespart. Am Boden entlang ziehen sich kleine, flache Heizkörperchen. Die sind auch nötig, denn das Fenster im Wohnzimmer schließt nicht. Eigentlich eine geniale Erfindung, dieses schmale Fensterchen. Es hat nach innen einen Fliegengittereinsatz, öffnen kann man es nach außen mit Hilfe einer Kurbel von innen. Dafür muss aber der Arm am Fensterrahmen festgeschraubt sein; die Schrauben habe ich auf dem Fensterbrett draußen gefunden. Zudrücken kann man das Fenster aber auch nicht, weil der Schließmechanismus verbogen ist. Aber das macht nichts, dafür gibt’s ja eine Heizung. Die Wohnungstür ist amerikanischer Bauart, also wirklich ein quaderförmiges Brett ohne Überlapp, und unten leicht nach innen verbogen. Die Haustür nach außen steht immer offen und dem Getrampel über mir nach zu urteilen kann es mit der Isolierung der Wände auch nicht so weit her sein. Aber das macht nichts, dafür gibt’s ja eine Heizung. Irgendwie hatte ich erwartet, dass die Alaskaner das mit dem Hausbauen besser als ihre Landsleute im Süden begriffen hätten. Aber gegen die Heizgewohnheiten hier kommen mir die Schweden richtig paranoid vor, die ihre Wohnungen chronisch unterheizen, nur kurz ihre Fenster öffnen, und dann lieber im warmen Pullover und mit dem obligatorischen Glögg dasitzen.

 

Ansonsten sind die beiden Nordvölker sehr ähnlich. Als uns Min Chu (dabei ist sie nicht mal echte Alaskanenserin, sondern nur zugezogen) gestern abend reingelassen hat, stand sie in kurzer Hose und Flipflops vor uns. Immerhin hatte sie einen Hoodie übergezogen. Dabei hatte es gestern auf dem Campus 23 Grad. Fahrenheit. Was in etwa -5°C sind. Ihre Mitbewohnerin aus Nordchina (“Have you met xxx, she is from Germany as well.” – “No, I just arrived here last night and haven’t met anyone yet.” – “But she’s from Germany!”) hatte heute morgen nur eine Strumpfhose an ihren Beinen und eine dünne Jacke an. Ihre zweite Mitbewohnerin war zu schüchtern, überhaupt Guten Morgen zu sagen und dementsprechend ist sie schneller an mir vorbei gehuscht als ich überhaupt meinen Kopf drehen konnte. Die echten Schweden konnten auch sehr kontaktscheu sein, vielleicht war das ja eben mein erster Echt-Alaskanischer Kontakt… Auf jeden Fall werde ich mir nachher mit meiner Winterjacke ziemlich fehl am Platz vorkommen.

 

Es ist jetzt übrigens um 9, ich bin seit drei Stunden wach, und seit zwei Stunden dämmert es. Die Sonne seh ich immer noch nicht, aber dafür ist es endlich taghell. In anderthalb Stunden wird mich Tapas abholen, und nach einem Zwischenstopp am Geldautomaten und an meiner neuen Bleibe geht’s dann zum ersten Mal ins Büro. Nicht lachen, aber das wird wohl so zur Mittagszeit sein.

 

… halb zehn und endlich steht der Baum hier vor der Tür im wenn auch schwachen Sonnenlicht!

2 Kommentare zu 'Erste Eindrücke — 5. Oktober, 8:21, Sofa in Wohnheim-WG von Min Chu, Fairbanks'

  1. HaHa sagte am 6. October 2011 um 16:34 Uhr:

    Taiwanesen sind doch Chinesen O:)
    Die Boden-Heizung kann ich mir nicht richtig vorstellen… Bilder sehen will!

  2. admin sagte am 6. October 2011 um 17:07 Uhr:

    Sag das mal den Taiwanesen…
    Bilder kommen noch. Demnächst. Geduld, bitte.

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