Feuerland, Tag 1: Bootstour und Glaciar Martial

31. March 2014

Gerade in Ushuaia gelandet und im Hotel eingecheckt, beschloss ich, noch am selben Vormittag die touristischen Angebote zu erkunden. Vom Hotel zur Touristeninfo waren es fünf Minuten zu Fuß, und von dort noch einmal zwei Minuten bis zu der kleinen Ansammlung an Holzbuden am Hafen, in denen Bootsausflüge verkauft wurden. Ich entschloss mich spontan, an einer vierstündigen Bootstour zum Sea Lions Island, zur Insel Les Eclaireurs und zum Bridges Island teilzunehmen. (Die ungefähre Route sieht man als lila gestrichelte Linie auf dieser Karte.) Die Namen sagten mir nichts, aber der Preis passte und auch die Dauer. Nur die Abfahrtszeit um 10 war etwas knapp, ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit.

Ich flitzte zurück zum Hotel, fischte noch eine warme Unterhose aus meinem Gepäck, stopfte eine Kekspackung in meinen Rucksack, stürzte zum nächstbesten Geldautomaten und zurück zum Hafen. Zwei Minuten vor zehn war ich zurück an der Bootsbude. Von der langen Anreise noch übermüdet, hatte ich den Preis in argentinischen Pesos falsch verstanden und nicht genug Geld abgehoben. Aber das gute an Argentinien ist, dass der US-Dollar übliche Zweitwährung ist und ich vor allem noch einen Fünfziger einstecken hatte. Das Wechselgeld bekam ich in Pesos, dann durfte ich mich zu dem Grüppchen an Wartenden dazugesellen. Auf dem Weg zum Boot bezahlte ich noch 10 Pesos Hafensteuer (etwa 1 Euro), dann kletterte ich mit einer kleinen Gruppe Argentinier und zwei Brasilianern in das Boot. Ich war die einzige Europäerin.

Die "Che Totin", mein Transportmittel für die nächsten vier Stunden.

Die Crew bestand aus dem Kapitän/Steuermann und dem Führer, der – ich fühlte mich wie im Himmel – nicht nur ganz gutes Englisch sprach, sondern auch noch verständliches Spanisch. Fast die komplette Tour hörte ich mir auf Spanisch an, nur an einigen wenigen Stellen musste ich nachfragen. Es lag also wirklich an den Chilenen und nicht an mir, dass ich sie so schlecht verstand. Der einzige Unterschied des Argentinischen zu dem Spanisch, das ich gelernt habe, ist das verstärkte Zischen des “y” und “ll”. Statt “tuyo” und “llamar” sagen die Argentinier (oder zumindest die Ushuaianer) [tuscho] und [schamar]. Aber das hatte ich in abgeschwächter Form schon von Mexikanern gehört, insofern musste ich mich nicht allzusehr umgewöhnen.

Die Bootsfahrt begann mit dichter Wolkendecke und mäßigem Wind. Das wurde von den Einheimischen als schönes Wetter bezeichnet. Das lag unter anderem daran, dass der Wind aus Osten kam statt wie üblich aus Westen. Wind aus Westen bringt kalte Luft aus der Antarktis mit, wir hatten also vergleichsweise warmen Wind. Es war auch tatsächlich nicht kalt, wenn man nicht gerade stundenlang auf dem Bootsbug im Fahrtwind saß und die ein oder andere Welle abbekam. Aber die Aussicht war es Wert.

Blick zurück nach Ushuaia.

Der östlichste Ausläufer, Industriegebiet von Ushuaia. Dahinter die "Cinco Hermanos", ein Berg mit einer charakteristischen gezackten Spitze, hab ich gehört...

Immer wieder ragten steile Berggipfel zwischen der zerrissenen Wolkendecke auf der Feuerlandseite auf, eine kleine Insel nach der anderen passierten wir, immer den Beagle-Kanal entlang, Feuerland auf der Linken und die Isla Navarino auf der Rechten. Trotz nassen Winds war ich in dem Moment der wohl glücklichste Mensch der Welt: da drüben war Feuerland, endlich war ich angekommen.

Genau hinschauen! Ein Sonnenhalo, als Willkommensgeschenk.

Mit dem Segelboot wäre ich lieber gefahren, aber die zugehörigen Leute an der Hafenhütte hielten es nicht für nötig, freundlich zu sein.

Wir hielten an Inseln mit Kormoranen:

Seelöwen:

Seelöwinnen wiegen mit etwa 150 kg knapp halb soviel wie Seelöwen und sind praktisch dauerschwanger: sie tragen ein knappes Jahr und sind kurz nach der Geburt wieder paarungsbereit.

Seebären (fur seals):

und umrundeten die Insel mit dem Leuchtturm, Les Eclaireurs, dem Wahrzeichen von Ushuaia.

Blick Richtung Westen, Ushuaia ist rechts hinter der Insel zu sehen.

Auf dem Rückweg wärmten wir uns bei einem Becher Kakao im Bootsinneren, dann stoppten wir für eine kleine Wanderung auf der Isla Bridges. Dort erklärte uns der Führer die einheimische Flora. Besonderen Wert legte er auf die Llareta, eine Pflanze, die weiter nördlich nur in mehreren Tausend Metern Höhe zu finden ist (d.h. in den Hochanden von Peru und Bolivien) und nur hier auf Meereshöhe. Sie wächst 1-3mm im Jahr, und dementsprechend bestand er darauf, dass wir brav dem kleinen Trampelpfad folgten und nicht auf die Pflanze traten: Auf den ersten Blick könnte man sie für einen moosbewachsenen Stein halten, tatsächlich ist aber ihr komplettes Inneres pflanzlich und sehr verletzlich.

Diese Llareta hier dürfte einige hundert Jahre alt sein.

Das Innenexleben einer Llareta.

Dieses Blümchen heißt Mata Negra; wie man unschwer sieht, ein sehr passender Name. Der Name wurde übrigens mehrfach vergeben, und immer an weiße Blumen... Die hier heißt auch Chiliotrichum diffusum.

Das Pflänzchen hier wird später im Zusammenhang mit einer Legende nochmal auftauchen. Es ist die Symbolpflanze Patagoniens: der Calafate. Die Pflanze blüht von Oktober bis Januar und riecht dabei wohl ziemlich stark. Im Februar kann man die Beeren essen. El Calafate ist auch der Name eines berühmten Gletschers weiter nördlich in Südpatagonien.

Der Pelz hier heißt "La Barba de viejo". Der "Gewöhnliche Baumbart" war mir schon in Alaska aufgefallen - diese Flechte wächst praktisch nur dort, wo die Luftqualität sehr hoch ist. Ich habe übrigens erst vor ein paar Tagen herausgefunden, dass Flechten aus einem Pilz als Grundgerüst und (meist) Algen als Nahrungslieferant bestehen. In Anbetracht der immensen Verbreitung von Flechten ist es eine Schande (für mich und meine Biolehrerin), dass ich sie bisher für Pflanzen gehalten habe.

Auf dem "Gipfel" der Isla Bridges. Im Norden - im Gegenlicht - sieht man Ushuaia und Feuerland.

Feuerland!

Zurück in Ushuaia schloss ich mich den beiden Brasilianern Gustavo und Pedro an, die noch am selben Nachmittag auf den Glaciar Martial steigen wollten (die ungefähre Position des Gletschers findet man ebenfalls auf dieser Karte). Ich hatte keine Ahnung, wie lange das dauern würde, angeblich hatte der Führer gesagt, man bräuchte vier Stunden für den Aufstieg. Nun ja, vielleicht schafften wir es nicht bis ganz hoch, aber schon von halber Höhe aus würden wir einen netten Ausblick auf Ushuaia und den Beagle-Kanal haben. Wenn die Wolken noch aufklarten.

Bevor wir aufbrachen, aßen wir noch schnell einen Burger, meine erste richtige Mahlzeit an dem Tag. Dann nahmen wir ein Taxi, das uns bis zum Beginn des Wanderwegs bringen sollte. Da wir zu dritt waren, zahlte jeder nur etwa 20 argentinische Pesos, etwa 2 Euro. Die Fahrt führte aus Ushuaia heraus und Serpentinen den Berg herauf, vorbei an noblen Hotels. Als wir angekommen waren, drehte der Fahrer die Musik lauter und fing an auf seinem Sitz zu tanzen.

Wir starteten an der Talstation eines Sessellifts. Ich hab den Preis nicht mehr im Kopf, wir waren uns aber alle einig, dass die halbe Stunde Zeitersparnis den Preis nicht wert war. Und mehr als eine halbe Stunde bis zur Bergstation brauchten wir tatsächlich nicht. Von dort führte ein zwar unmarkierter, aber gut ausgetretener Pfad weiter nach oben. Der Weg nach oben war steil, aber recht angenehm zu gehen. Gustavo hatte zuvor noch gewarnt, dass er ein langsamer Geher wäre, tatsächlich liefen beide aber etwa in meinem Tempo.

Noch sind wir von Bäumen umgeben. Das da vorn muss wohl der Gletscher sein...

Gustavo und ich über dem spätsommerlichen Rest des Schmelzwasserflusses des Martial.

Ein wenig hoffte ich, dass hinter dem Bergrücken zur linken noch ein "richtiger" Gletscher auftauchen würde...

Ich und Pedro vor dem Martial. Ja, dieses kleine Schneefleckchen da oben ist der Martial.

 

Das letzte Drittel des Aufstiegs...

Von der Talstation bis zum Gletscher hoch brauchten wir etwa eine Stunde, ich vermute, dass die vier Stunden des Führers von Ushuaia aus hin und zurück gerechnet waren. Oder vielleicht bis zum Gipfel, denn der Wanderweg endete am unteren Ende des Gletschers. Der Gletscher selbst ist unspektakulär, und eher winzig, aber die Aussicht auf dem Weg dorthin wurde mit jedem zurück gelegten Meter besser. Die Wolkendecke riss tatsächlich noch auf (für mich!) und wir hatten kilometerweite Sicht.

Das Ende des Weges. Von hier an nur mit angemessener Ausrüstung und Erfahrung. Höhe über Normalnull: 825 m. Die Baumgrenze liegt einige hundert Meter tiefer.

Ushuaia und dahinter der Beagle Kanal.

Eins der besten Bilder, die ich je gemacht habe :D Leider mit ein paar Regentröpfchen auf der Linse. Darf ich vorstellen: meine beiden völlig geistesungestörten brasilianischen Begleiter Gustavo und Pedro.

Auf dem Weg nach unten machten wir noch einen kleinen Abstecher einen Aussichtspfad entlang. Von seinem Ende hatte man noch einen besseren Blick über Ushuaia, außerdem entdeckte ich einige der Pflanzen von der Isla Bridges wieder.

Ushuaia. Die Serpentine rechts unten sind wir mit dem Taxi hoch gefahren. Die hintere Ausbeulung der Halbinsel in der Bildmitte - das ist der Flughafen von Ushuaia. Dahinter liegt die Isla Navarino. Es ist zwar bewölkt, aber die Sichtweite liegt bei mindestens 40 - 50 km, eher noch weiter.

Zurück am Parkplatz fuhr ein leeres Taxi vor unserer Nase davon, und als nach zehn Minuten rosafarbenes Teehaus angucken immer noch kein neues Taxi aufgetaucht war, beschlossen wir, die Straße nach Ushuaia zu laufen. Die Serpentinen streckten sich und nach einem Kilometer auf der Straße und immer noch keinem Taxi führte ein verlockender Weg nach links weg. Ich überredete meine beiden Begleiter, diese Abkürzung zu versuchen.

Unterwegs trafen wir ein Paar mit Hund. “Nein, dieser Weg führt ins Nirgendwo, der ist nur zum Joggen.” Tatsächlich, ein paar hundert Meter weiter endete der breite Schotterweg und ein Trampelpfad tauchte auf. Ich hatte wenig Lust, die Viertelstunde zur Straße zurück zu gehen, und schließlich fanden die beiden Brasilianer mein Argument einleuchtend, dass wir, solange wir bergab und Richtung Küste gingen, irgendwann wieder auf die Straße treffen mussten. Wir vereinbarten, dem Weg noch zwanzig Minuten lang zu folgen, und erst dann wieder umzukehren, falls wir keinen anderen Weg getroffen hatten – so dass wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang zurück an der Straße wären.

Der Trampelpfad war etwas mühsam, ging stellenweise sehr steil bergab und an einer Stelle mussten wir über einen Baumstamm balancieren. Aber immerhin, es gab eine Brücke über den Wasserlauf! Kurz darauf stießen wir auf einen breiteren Pfad, der sich als Downhill-Strecke entpuppte. Breit grinsend ging ich meinen Begleitern voraus, bis wir einige Minuten später tatsächlich wieder auf die Straße stießen, nur viele Serpentinen unterhalb der Stelle an der wir die Straße verlassen hatten.

Pedro balanciert über eine halbnatürliche Brücke, mit der Gesamtsituation noch nicht so ganz zufrieden.

Erleichterung, hier waren Menschen gewesen! (Als ob der Trampelpfad vorher nicht auch von Menschen gemacht worden wäre ;) )

Wir folgten den Serpentinen ein Weilchen, dann kürzten wir nochmal ab – diesmal brauchte ich nur zu fragen, nicht zu überreden. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir schließlich Ushuaia. Übrigens kam uns am Stadtrand zufällig genau der Taxifahrer entgegen, der uns heraufgefahren hatte.

Lupinen, die in Ushuaia zu Hauf blühten. Ungefähr so wie bei uns der Löwenzahn, nur größer.

Zum Abendessen gingen wir in die Pizzabar direkt neben meinem Hotel und bestellten eine große Pizza für uns drei. Als sie kam, war ich erst skeptisch, dass wir alle von dieser Pizza satt werden sollten. Allerdings aßen die beiden nur je zwei Stücke und ich hatte die restliche halbe Pizza für mich allein, das reichte dann gerade so. Gustavo sollte am nächsten Tag nach Sao Paulo zurückfliegen; mit Pedro verabredete ich mich für den nächsten Abend zum Essen.

Als ich schließlich in mein Zimmer kam, bekam ich endlich meine langersehnte Dusche – meine Anreise hatte zwei Nächte in Anspruch genommen, mit einem halben Tag in der brütenden Hitze von Santiago und viel zu wenig Schlaf -, dann fiel ich hundemüde aber überaus glücklich ins Bett.

 

Wer jetzt noch nicht genug von Biologie hat, für den gibt es auf der Seite von Ushuaia noch ein paar weitere Informationen zur Flora und Fauna in und um Ushuaia.

Und zum Abschluss noch eins der Lieder, die auf dem Boot liefen und von zwei Dritteln der Lebendladung lauthals-fröhlich mitgesungen wurden: Entra a mi hogar von Los Tekis.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

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