Sol y Nieve

3. March 2014

Diesen Beitrag habe ich in drei Etappen geschrieben, verteilt über die letzten drei Wochen. Wer aufmerksam liest, findet in der Logik und vor allem der zeitlichen Abfolge des Beitrags daher leichte Brüche. Ich bitte dies ausnahmsweise zu entschuldigen – eine Überarbeitung würde die Veröffentlichung voraussichtlich bis nach meiner Rückkehr nach Europa in drei Wochen verzögern.

Ich bin nun seit mehr als einem Monat hier und mein Aufenthalt in Pucón neigt sich langsam dem Ende zu – Zeit, endlich mal etwas über meine Arbeit hier zu schreiben.

Sol y Nieve Travel Adventure, so heißt die Agentur, bei der ich arbeite. Wir bieten verschiedene Aktivitäten an, davon ist die Besteigung des Villarrica-Vulkans die wichtigste. Zu den Touren, die ich regelmäßig erläutere und verkaufe, gehören außerdem das Rafting auf dem Trancura (Klasse III + IV), Canopy, Canyoning, ein Reitausflug und die Geotherme Geométricas. Bis auf die letzten beiden habe ich alle Aktivitäten mindestens einmal selbst gemacht, morgen geh ich zum ersten Mal reiten. (Chilenische Pferde sollen besonders sanftmütig sein, vielleicht ist diese Begegnung mit Pferden also zur Abwechslung mal angenehm…) Vom Canopy habe ich noch nicht geschrieben, das kennt aber jeder, der schon mal in einem Kletterwald war: Man hängt sich mit einem Klettergurt an ein Stahlseil, das zwischen Baumstämmen gepannt ist, und lässt sich daran entlang gleiten. Ohne selbst klettern zu müssen, ist das eine nette Beschäftigung, für Schulkinder. Außerdem haben wir laut unserer Preistafel und unserer Webseite noch Hidrospeed (Rafting ohne Boot), die Besteigung des Vulkans Lanín und Touren in die Umgebung, tatsächlich bieten wir die drei aber nicht mehr an. Wenn sich genügend Leute melden, machen wir auch ein Barbecue, das einen guten Ruf genießt, seit ich hier bin, aber nur einmal statt gefunden hat. Soweit zu den Sachen, die wir anbieten.

Jetzt zu meiner Arbeit. Als ich kam, vereinbarten wir, dass ich etwa die Hälfte der Zeit im Büro aushelfen würde und den Rest der Zeit an den Touren teilnehmen könnte. Jetzt, nach einem Monat, stimmt die Bilanz nicht so ganz, allerdings hatten wir in den letzten Wochen auch häufig sehr schlechtes Wetter. Allein der starke Wind letzte Woche hat mir eine Vulkantour vermasselt, und in der Woche davor hatten wir genau zwei nicht verregnete Vormittage, von denen nur einer für eine Vulkanbesteigung ausreichte. Beim Rafting und Canyoning wird man zwar auch nass, aber ich hatte ja schon beschrieben, wie kalt es in der Schlucht ohne Sonne wird.

Dementsprechend habe ich etwas mehr Zeit im Büro verbracht, als geplant. Das Gute am Büro ist, dass ich dort Internetzugang habe. Und das ist gleich doppelt positiv: Zum einen kann ich so mit der europäischen Außenwelt in Kontakt bleiben (und zB diesen Text bloggen), zum anderen hilft das Internet enorm gegen Langeweile.

Sol y Nieve wurde (vermutlich, s.u.) 1989 gegründet und war damals die erste Agentur, die Outdoor-Aktivitäten in Pucón anbot. Im Laufe der Jahre kopierten immer mehr Firmen das Konzept und heute hat Pucón um die 40 (!) Agenturen, deren Angebot sich größtenteils überschneidet. Wohlgemerkt, im Winter hat Pucón etwa 14.000 Einwohner. Die meisten der Agenturen befinden sich entlang der Hauptstraße, die im Sommer vor Touristen nur so überquillt. Dort wird auch der meiste Umsatz gemacht. Bis vor etwa 7 Jahren war auch Sol y Nieve dort anzutreffen. Dann wurde dem Chef die Miete zu teuer und er zog in eine der Nebenstraßen (eine Nebenstraße in der Innenstadt von Pucón ist praktisch jede Straße, die nicht die Hauptstraße ist). Damals arbeiteten im Sommer bis zu 5 Leute gleichzeitig im Büro. Heute sind es höchstens zwei, und auch das ist eher die Ausnahme. Die allermeiste Zeit bin ich allein.

Zu Sol y Nieve gehören zwei Männer: Willy und John. Zusätzlich gibt es noch eine unüberschaubare Anzahl an Berg-, Rafting-, und Canyoningführern, die hauptsächlich als Freelancers für Sol y Nieve arbeiten. Einen Fahrer gibt es auch noch, der aber eher als Mädchen für alles zuständig ist. Willy ist der Boss. Er stammt aus Kolumbien, sagt er, hat aber die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Er spricht spanisch und leidlich englisch, und beschwert sich über das chilenische Spanisch. John ist, anders als der Name vermuten lässt, Chilene. Er spricht auch englisch, aber ehrlich gesagt, verstehe ich ihn besser, wenn er spanisch spricht. Zumindest solange er nicht gerade eine der vielen chilenischen Wendungen verwendet, die man als Außenstehender praktisch nicht verstehen kann.

Beide Männer haben ein eigenwilliges Verhältnis zu einander. Stück für Stück klaube ich mir das Puzzle zusammen. Ich wage nicht zu behaupten, dass ich vollständig durchblicke, aber mit der Zeit verstehe ich die Zusammenhänge besser.

Willy ist der Eigentümer von Sol y Nieve. Außerdem ist er der Eigentümer des Gebäudes, in dem er wohnt, wo Sol y Nieve untergebracht ist, sowie die beiden Restaurants rechts und links daneben. Als die Miete auf der Hauptstraße zu hoch wurde, wurde das Büro von Sol y Nieve ursprünglich in den Räumen des linken Restaurants untergebracht. In dem kleinen Raumen zwischen den Restaurants war der Lagerraum. Heute ist im linken Raum der Biergarten drin, und der ehemalige Lagerraum ist heute Büro von Sol y Nieve und Lager für die Bergausrüstung. Ohne zu wissen, wie genau Sol y Nieve früher aussah, klingt diese Geschichte nach einer starken Schrumpfung.

Als ich kam, legte Willy großen Wert darauf, qualitativ zum oberen Ende der Touranbieter zu gehören. An meinem ersten Tag schickte er mich durch Pucón, um die anderen Anbieter abzuklappern. Die Preise, die mir für die Vulkantour genannt wurden, lagen zwischen 30.000 CLP und 48.000 CLP. Sol y Nieve lag zu dem Zeitpunkt bei 50.000 CLP. Mit manchen der Agenturen für 30.000 CLP würde selbst ich nicht auf den Vulkan steigen wollen. Aber nachdem, was ich gesehen habe, würde ich auch Sol y Nieve nicht bevorzugen.

Sol y Nieve lebt heute hauptsächlich von den Touristen, die Willys Kontaktpersonen anschleppen. Es gibt auch ein paar Leute, die ins Büro kommen, hauptsächlich wegen des guten Rufs von Sol y Nieve. Aber ich schätze, dass die Hälfte der Kunden über Beziehungen bei Willy landen. Denn die Qualität von Sol y Nieve, die Willy so hoch einschätzt, ist in Wahrheit (mittlerweile) unterdurchschnittlich.

Sol y Nieve hat einen, wenn nicht den erfahrensten Bergführer, der aber kaum ein Wort Englisch spricht. Der überhaupt wenig spricht, nur das Allernotwendigste erklärt, und manchmal nicht mal das. Ich habe mittlerweile genügend Bergführer erlebt um zu wissen, dass Sergio am Berg im Vergleich extrem maulfaul ist. Als Bergsteiger mag er großartig sein, als (erklärender) Führer ist er nutzlos.

Die Qualität der Ausrüstung von Sol y Nieve war mal gut, sehr gut vermutlich. Heute aber ist sie hoffnungslos veraltet und herunter gekommen. Die Hosen und Jacken, die dem Schutz der Kleidung der Kunden dienen sollten, sind teilweise zerrissen, manchmal notdürftig geflickt. Kaum eine der Plastikschaufeln ist nicht mit Duct Tape umwickelt. Die Bergstiefel sind alt, zerschlissen, das Futter teilweise notdürftig mit Duct Tape zusammen gehalten, die Sohlen teilweise heruntergelaufen. Letztens fiel eine ab. Die Steigeisen sind rostig und wurden wahrscheinlich vor Jahren zum letzten Mal geschliffen. Bei meiner letzten Vulkantour hatte ich einen Eispickel, bei dem der Griff wackelte. Beim Canyoning hatte ich zwei von drei Mal einen Neoprenanzug mit Loch. Der Transporter, der die Kunden zu den Touren bringen soll, ist ok und hat eine Klimaanlage – aber wehe, er ist gerade woanders im Einsatz und die Kunden müssen in Willys Privatauto transportiert werden. Ohne auf die ganzen Teile einzugehen, die klappern, für die Benutzung des Rücksitzes braucht man gute Bauchmuskeln, weil man sonst samt des Sitzes nach vorn rutscht. Manchmal muss man zudem noch eine halbe Stunde warten, bis man endlich abgeholt wird.

Ich will nicht behaupten, dass wir die schlechteste Ausrüstung haben. Manche der Agenturen haben schlechtere. Aber selbst Agenturen mit besserer Ausrüstung sind billiger als wir.

Fairerweise muss man sagen, dass wir eine von nur drei (!) Agenturen in Pucón sind, die das Sernatur-Qualitätssiegel führen dürfen, was soviel heißt, dass wir alle unsere Touren legal anbieten. Der dazugehörige Papierkram und die Versicherung (also wirklich die Versicherung und nicht die Behauptung, eine Versicherung zu haben) kosten Geld. Wie man Rafting für (in Ausnahmefällen) 6000 CLP anbieten kann, wenn man pro Person 2000 CLP allein für die Versicherung zahlen müsste, ist selbst mir schleierhaft. Wohlgemerkt, inklusive halbe Stunde Zubringerfahrt eine Richtung, Schlauchboot, Neoprenanzug, Helm, Weste, Führer, Begleitperson.

Aber wenn man für eine Raftingtour (Klasse III) 20.000 CLP verlangen möchte, sollte man auch die entsprechende Qualität bieten. Es gibt durchaus genügend Leute, die auf den nach wie vor guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen und für die Qualität gern einen höheren Preis zahlen. Aber die Wahrheit ist, dass sie dafür eben nicht die erhoffte bessere Qualität bekommen. Zu den Personen, die nach wie vor auf den guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen, gehörten letzte Woche übrigens auch die reichsten Familien Chiles. Wenn Willy wollte, könnte er Sol y Nieve tatsächlich als Qualitätsanbieter etablieren. Oder vielmehr erhalten, denn etabliert ist er ja.

Mein Eindruck ist, dass Willy – immerhin gerade 69 geworden – aus Sol y Nieve noch herausholen will, was geht, ohne neu zu investieren. Bisher hat das auch gut funktioniert, zusätzlich zu dem großen Gebäude, in dem wir sind, gehört ihm noch ein Stück Land in bester Lage und mir unbekannter Größe, höchstwahrscheinlich nicht unbebaut. Und das sind nur Besitztümer, über die ich in den unordentlichen Unterlagen im Büro gestolpert sind ;)

Wo wir gerade bei der Unordnung sind – ich gehöre ja bekanntermaßen nicht zu den Ordnungsfanatikern. Aber in den ersten zwei Wochen habe ich erstmal die Schreibtischschubladen aufgeräumt, und die Regale gesäubert, in denen die Bergausrüstung lagert. Hinterher konnte Willy nichts von dem finden, was er suchte. Das ist aber auch nicht verwunderlich, denn ich weiß aus zuverlässigen Quellen, dass sich somit nichts für ihn geändert hat. Wenigstens finde ich mich jetzt zurecht.

Als ich herkam und Willy mich “einwies”, hatte ich große Schwierigkeiten, den Überblick über die Touren zu behalten. Erst erzählte er vom Vulkan, dann von den Reitausflügen, dann von den Thermalbädern, nur um mit Umweg über den Vulkan zum Canyoning und zurück zu den Reitausflügen zu springen. Die Preise, von denen er wollte, dass ich sie verlange, stimmen nicht mit unserer Preistafel überein, außerdem hängen sie davon ab, ob schon eine Tour angesetzt ist oder noch ein Führer aufgetrieben werden muss. Letzte Woche grummelte er mich zwei Tage lang an, weil ich drei Amerikaner auf eine Tour am Montag gebucht hatte, die privat sein sollte, was ich nicht wusste. Am dritten Tag dann, dem Dienstag, kehrten zwei Deutsche zurück, die zusammen mit einer anderen Privatgruppe unterwegs gewesen waren. Ich machte mir gar nicht die Mühe, nachzufragen, wie das mit der Privatheit der Gruppe zusammen passt.

Überhaupt habe ich mir abgewöhnt, gewisse Fragen zu stellen. Bei Anweisungen a la “Kannst du das mal eben für mich machen” warte ich mindestens eine halbe Stunde ab, bevor ich anfange. Das hat mir bisher eine Menge unnötige Arbeit erspart. Ich habe natürlich häufig meinen Laptop im Büro dabei. Schon nach dem ersten “Gefallen”, der innerhalb von zwei Tagen vollständig vergessen war (eine Karte von Pucón überarbeiten, und die Position von Sol y Nieve eintragen), habe ich angefangen, fast reflexartig zu behaupten, dass mein Computer das nicht kann. Willy, der heute Morgen schon verzweifelte, weil er aus dem Lautsprecher keinen Laut heraus bekam (irgendjemand hatte den Stecker des Lautsprechers in die falsche Buchse gesteckt), hat ohnehin keine Ahnung, ob meine Aussage überhaupt Sinn macht. Ich gebe zu, ich hatte zuvor auch schon aufgegeben, einen Ton aus dem Bürocomputer zu locken. Ich hatte das Problem auf eines der vielen Software- und Treiberprobleme geschoben, die der Rechner hat.

In Willys und Johns Augen bin ich sowas wie ein Computerguru. Ich kann Tastaturen reparieren, die nicht mehr reagieren (das USB-Kabel steckte nicht richtig drin), ich kann den Computer mit der Tastatur bedienen (Strg C+V), letztens habe ich innerhalb einer halben Stunde einen Aushang mit MS Word erstellt, und das, obwohl persönlich nie MS Office benutze. Mein größter Erfolg allerdings war, den Popup-Blocker von Google Chrome zu deaktivieren. Dafür, dass ich selbst überzeugter Firefox/Nightly-Nutzer bin und nicht mal wusste, was “Einstellungen” auf spanisch heißt, ist das schon ziemlich beeindruckend. Allerdings gehör ich auch nicht zu den Leuten, die aufspringen und verzweifelt zur Tür hinauslaufen, wenn etwas nicht gleich auf Anhieb funktioniert.

Aber zurück zu Sol y Nieve. Wie oben schon geschrieben, hatte ich, als ich herkam, die vage Vorstellung, dass ich in einem Büro aushelfen würde und die Hälfte meiner Zeit die Touren begleiten würde. Tatsächlich helfe ich nicht aus, die meiste Zeit schmeiße ich den Laden allein. Wenn ich komme, ist entweder Willy oder John da. Willy sitzt meist stumm vor dem Computer und spielt Solitair, John schreibt in MS Word, beantwortet Emails oder telefoniert. Nach spätestens zehn Minuten bin ich allein im Büro. John verabschiedet sich bestenfalls mit einem “ich bin in einer halben Stunde wieder da”. Immerhin weiß ich dann, dass ich in den nächsten Stunden nicht mit ihm zu rechnen brauche. Meist verflüchtigt er sich aber ohne ein Wort, besonders gern, wenn ich gerade abgelenkt bin. Willy verabschiedet sich nur in Ausnahmefällen. Er läuft einfach zur Tür raus, und manchmal sehe ich ihn im Laufe des Tages immer mal wieder herein schauen. An guten Tagen sagt er mir zumindest noch, wie die Bedingungen für die kommenden Tage sind, insbesondere, welche Touren wir anbieten können. Meist bin ich aber genauso ratlos wie die Interessenten, wann die nächste Tour stattfinden kann. Denn gerade was das Rafting angeht, ist es zur Zeit eher schwierig, an Führer heranzukommen. John musste letztens einer großen wütenden Gruppe erklären, warum die bezahlte Tour doch nicht stattfinden kann. Ich hatte sie nicht verkauft.

Ich war auch eher überrascht, dass John selbst abgesagt hat. Vermutlich hatte ich gerade meinen freien Tag. Denn den beiden Brasilianern, denen er für fünf Uhr nachmittags Canyoning verkauft hatte und für den nächsten Tag den Vulkan, durfte ich erklären, warum keine der beiden Aktivitäten möglich waren. Besonders ärgerlich für die beiden, weil sie Canyoning bei einem anderen Anbieter abgesagt hatten. Aber John verließ das Büro fünf Minuten bevor die beiden kamen und kam erst… viel später zurück.

Mein Spanisch ist übrigens mittelmäßig. Vom Niveau her irgendwo zwischen B1 und B2, in Spanien wurde ich auch schon als C1 eingestuft, aber so gut bin ich bestenfalls schriftlich, mit genügend Zeit zum Nachdenken und einem Wörterbuch in Greifweite. Mein mündliches Spanisch ist ausreichend, um in Spanien zu überleben. In Chile jedoch wird kein Spanisch gesprochen. Das Spanisch in Chile ist einen eigenen Eintrag wert, hier nur so viel: Die Chilenen sprechen sehr undeutlich, verschlucken die Worte zur Hälfte, und sind entsprechend schwer zu verstehen. Wenn jemand ins Büro kommt und für mich verständliches Spanisch spricht, weiß ich sofort, dass es kein Chilene ist.

Nun stelle man sich vor, was passiert, wenn ein Deutscher in ein Büro in Deutschland kommt und von jemandem beraten wird, der stockend Deutsch spricht und mehrmals darum bittet, die letzte Aussage zu wiederholen. Die meisten würden wohl die Augenbrauen hochziehen und wieder gehen. Die Chilenen sind da nicht anders. Es gibt Ausnahmen, einige wenige sprechen Englisch, andere sind offen genug und suchen mit mir zusammen nach dem richtigen Wort. Wer weiß schon, was Neoprenanzug oder Steigeisen auf spanisch heißt… Die allermeisten Chilenen gehen aber schon, nachdem sie den Preis gehört haben. Ich kann nicht mal erklären, warum wir so teuer sind. Auf Englisch bekomme ich die Frage nicht, und selbst da hätte ich Probleme überzeugend zu sein. Auf Spanisch noch mehr. Der einzige Trost ist, dass Johns Erfolgsquote mit den Chilenen auch nicht so viel über der meinigen liegt. Wer will schon Qualität in Chile.

Dafür bin ich sehr erfolgreich, wenn Ausländer ins Büro kommen. Das sind dann meist US-Amerikaner oder Deutsche (ja, echt). Die freuen sich natürlich, wenn sie auf englisch oder deutsch beraten werden. Ich habe nicht Buch geführt, aber ich denke, dass ich fast allen nicht-spanischsprachigen Ausländern, die in unser Büro gekommen sind, erfolgreich eine Tour verkauft habe. Das liegt sicher auch daran, dass viele sich schon vorher informiert haben, dem guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen, und ich eigentlich nur informieren brauche, weniger überzeugen.

Am besten läuft es eigentlich, wenn sowohl John als auch ich da sind. Dann teilen wir die Leute mehr oder weniger nach Sprache auf, und wenn niemand da ist, unterhalten wir uns eben. Aber das trifft auf etwa eine Stunde am Tag zu. Ich bin zwischen 6 und 8 Stunden im Büro, je nachdem, wieviel los ist, wenn ich gerade gehen will. Die restliche Zeit besteht im Wesentlichen aus Lesen/Schreiben/Dösen, unterbrochen von fünf bis zehn Nachfragen über den Tag verstreut. Jetzt naht das Ende des Februars und damit das Ende der Ferienzeit – die Nachfrage geht schon auf drei oder vier pro Tag zurück. Hatte ich schon erwähnt, dass Sol y Nieve vor einigen Jahren bis zu sechs Leute im Büro beschäftigte, um die Flut an Interessenten bewältigen zu können?

Was die weitere Büroarbeit angeht, bin ich auch keine großartige Hilfe. Selbst wenn mich mal einer der Bergführer anruft, dass der Fahrer in einer Stunde am Vulkan sein soll – im Idealfall kann ich Willy rechtzeitig auftreiben, damit er den Fahrer anruft. Vom Bürotelefon aus kann ich nicht ins Handynetz telefonieren, ich habe keinerlei Schlüssel, selbst zur Toilette muss ich im Zweifelsfall durch den Biergarten gehen, wenn unser Zugang geschlossen ist; ich kann nicht mal Geld rausgeben, wenn jemand in großen Scheinen bezahlt. Jeder Schein, den ich einnehme, landet in der Tasche von John oder Willy, sobald einer von beiden auftaucht. Willy bevorzugt eigentlich in bar bezahlt zu werden, weil dann keine Kreditkartengebühren anfallen. Wenn ich ihn nicht in sicher in der Nähe weiß, bevorzuge ich Kreditkarte, weil ich dann keine Probleme mit dem Wechselgeld habe.

Genau genommen könnte ich Willy oder John von meinem Handy aus anrufen, wenn ich sie brauche. Eine chilenische Simkarte habe ich, genau wie sämtliche relevanten Nummern. Aber ich sehe nicht ein, warum ich für das Telefonat aufkommen soll, schließlich werde ich für meine Arbeit nicht bezahlt.

Sowohl Willy als auch John haben meine Handynummer. Willy hat sie nie benutzt, John hat mich in der ganzen Zeit nur ein oder zweimal angerufen – wir verstehen uns am Telefon nur schlecht, deutlich schlechter jedenfalls als wenn wir von Angesicht zu Angesicht reden. Dafür schreibt mir John gern mal SMS, auch gleich zwei oder drei, und noch eine hinterher, ob ich die letzte Nachricht erhalten habe, wenn ich nicht sofort antworte.

Obwohl Willy eigentlich mein Chef ist, mache ich die Details meiner Arbeit meist mit John aus. Zum Beispiel meine Arbeitszeit. Anfangs war ich von 11 bis 6 im Büro. So konnte ich zwar ausschlafen bestenfalls nach der Arbeit noch kurz an den Strand gehen. Mehr aber auch nicht. Nach zwei Wochen etwa habe ich mit John ausgehandelt, dass ich im Zweitagesrhythmus arbeite: an Tag 1 fange ich früh um 10 an, wenn das Büro aufmacht, und kann dafür um 4 nach Hause oder wohin auch immer gehen, habe also am Nachmittag noch Zeit etwas zu unternehmen. An Tag zwei dagegen fange ich erst um 1 an, bleibe dafür aber bis um 8. Diese Zeiten sind für John besser; später stellte sich heraus, dass sie auch sehr hilfreich sind, wenn ich abends noch sehr lange weg sein will.

Auch meinen letzten Arbeitstag habe ich mit John ausgehandelt. Seine Vorgehensweise war etwas unglücklich, aber mittlerweile bin ich ganz froh, dass es so gelaufen ist: Relativ kurzfristig habe ich meinen freien Tag von Donnerstag auf Freitag verlegt, weil ich dachte, dass meine Anwesenheit am Donnerstag nützlicher wäre, außerdem wollte ich am Morgen mit auf den Vulkan steigen. Mittwoch Abend um 21 Uhr bekam ich eine SMS von John, die ich aber erst um 23 Uhr gesehen habe, als ich nach Hause kam, ob ich nicht doch Donnerstag freimachen kann, ich muss am Freitag im Büro sein. An meinem freien Tag wollte ich aber nach Valdivia fahren (auch so eine Geschichte für sich *g*), und dafür musste ich nicht nur 5 Uhr früh aufstehen, sondern auch vorher ein Busticket kaufen. Also fragte ich, ob ich nicht lieber Samstag freimachen kann. Darauf kam die Antwort, dass Willy da etwas dagegen haben könnte, und dann: Wenn ich mehr Zeit für mich haben möchte, wäre es vielleicht besser, wenn ich aufhörte für Sol y Nieve zu arbeiten. Wohlgemerkt, kurz vor Mitternacht, wo klar war, dass ich am nächsten Morgen um 6 für den Vulkan aufstehen musste. Nach einigen weiteren SMS habe ich darum gebeten, von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.

Das war etwas schwierig, weil ich das Thema nicht vor Kunden besprechen wollte, aber weder Willy noch John länger als fünf Minuten für ein ernsthaftes Gespräch im Büro waren. Fast noch mehr als Johns SMS überzeugte mich dieses Verhalten, dass ich vielleicht doch eher als geplant aus Pucón abreisen sollte. Ursprünglich wollte ich bis zu meinen Abflug nach Deutschland in Pucón bleiben. Das war, bevor ich erfuhr, dass ich nur einen Tag in der Woche frei und damit kaum die Möglichkeit hatte, die weitere Umgebung zu erkunden. Daraufhin plante ich, etwa eine Woche vor meinem Abflug bei Sol y Nieve aufzuhören. Nach der SMS kamen mir tausend Ideen, was ich noch alles machen könnte. Weder hatte ich für meinen Chileaufenthalt eingeplant, für einen Monat selbst für meine Unterkunft aufzukommen, noch hatte ich Ausrüstung dabei, um auf eigene Faust zu trekken.

Aber mit jedem weiteren Tag bei Sol y Nieve, an dem ich spürte, dass meine Arbeit weder gewürdigt noch überhaupt notwendig war, mit jedem weiteren Tag, an dem ich nicht wirklich mit Willy reden konnte und John mich mal wieder im Stich ließ – nun ja, mit jedem weiteren Tag wuchs mein Trotz und damit mein Entschluss, so bald wie möglich abzureisen. Noch eine Anekdote, die illustrieren soll, wie Willys Würdigung meiner Arbeit aussah: Nach einem besonders langen Tag, an dem ich deutlich länger als üblich geblieben war (fast 10h), fragte ich Willy am folgenden Tag, auch schon eine Stunde nach der verabredeten Zeit, ob ich jetzt gehen könnte. Die Frage war eher rhetorisch gemeint, aber Willy kommentierte, dass ich immer weniger und weniger arbeiten wolle. Ich verkniff mir die Bemerkung, die mir auf der Zunge lag und wies nur darauf hin, dass ich schon seit einer Stunde weg sein sollte. Ich glaube nicht mal, dass Willys Kommentar bösartig gemeint war. Er ist einfach zu zerstreut und unaufmerksam.

Mit mehr als einer Woche am Ende meines Aufenthalts zur Verfügung erwachte ein alter Wunschtraum wieder zum Leben, den ich eigentlich überhaupt nicht mit eingeplant hatte: Es ist teuer und schwierig zu erreichen, aber seit ich diese Inselgruppe im Süden von Südamerika auf einer Landkarte entdeckt habe (und das ist schon ewig her), schlummerte in mir der Wunsch einmal nach Feuerland zu fahren.

Feuerland ist ein Paradies für Trekker, aber ich hatte nur wenig Zeit, eine durchführbare Reise dorthin zu planen. Letztendlich handelte ich mit John aus, dass ich meinen letzten Arbeitstag am 28. Februar antreten würde. Das waren zur Zeit der Verhandlung noch knapp zwei Wochen, und diese Zeit brauchte ich am Ende auch, um die Reise zu organisieren. An manchen Tagen fragte ich morgens beim Aufstehen, warum ich mir John und Willy heute überhaupt antue. Wenn ich Sol y Nieve einfach fernbliebe, könnte keiner von beiden etwas machen. Willy schuldete mir zwar noch die Aufwandsentschädigung für den halben Februar, aber der Betrag ist zu klein, um deswegen treubrav zur Nichtarbeit zu gehen. Im Gegenteil, der einzige Grund, warum ich in den letzten Tagen noch ins Büro ging, war, weil ich dort den besten (= einzig brauchbaren) Internetzugang hatte. Die Störung durch Kunden war wie oben schon erwähnt minimal, immerhin ein Gutes.

Im Übrigen bin ich nur der erste Abgang von Willys wenigen noch verbliebenen Mitstreitern: John hört nach 25 Jahren bei Sol y Nieve ebenfalls in den nächsten Wochen auf. Der Fahrer Manuel ist mehr oder weniger auf dem Absprung, danach ist niemand mehr da, der hinter Willy herräumen könnte. Ich gebe Sol y Nieve noch ein paar Wochen, und dann vielleicht noch ein paar vereinzelte Aufträge.

Die Verabschiedung an meinem letzten Arbeitstag durch John und Willy verlief übrigens ziemlich genau so, wie ich es erwartet hatte: John kam fast zwei Stunden später als er angekündigt hatte. Nur weil ich nebenan im Biergarten mein Abendessen einnahm, konnte ich mich überhaupt von ihm verabschieden. Er wünschte mir alles Gute, dankte mir für meine Hilfe. Willy sagte Goodbye, dann ging ich.

Nun ja, und so endet meine Arbeit bei Sol y Nieve nach genau sieben Wochen. Ich habe eine Menge gelernt, und eine Menge interessanter Leute getroffen. Die Arbeit war ein Witz, aber schon jetzt sind mir die Zeiten, in denen ich nicht im Büro war, stärker in Erinnerung, als die Zeiten, die ich de facto mit Bloggen, Surfen, und Lesen verbracht habe.

Auf jeden Fall hat der Verlauf der Dinge bei Sol y Nieve für mich ein unerwartet großartiges Ende: ICH FAHRE NACH FEUERLAND!

¬ geschrieben von Christiane in Pucón

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Ein Kommentar zu 'Sol y Nieve'

  1. Andrea B sagte am 18. March 2014 um 21:04 Uhr:

    Sehr schöne Seiten und Erlebnisse. Am besten gefällt mir persönlich der Beitrag über Alaska.
    In Pucon müsste ich unbedingt mal ins “Volcamburguer”. Ich war auf der Web-seite von Volcamburguer. Die Burger sind beeindruckend…
    Wir sind schon auf die nächsten, neuen Beiträge gespannt.
    Deshalb wünschen wir Dir viel Erfolg für Deine nächsten Vorhaben und Reisen,
    in diesem Sinne alles Gute
    Matthias & Andrea.

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