22.02.2014 Pucón-Berge

25. February 2014

Auch wenn jetzt die Reihenfolge nicht mehr chronologisch ist, möchte ich heute von meinem Ausflug in die Berge um Pucón erzählen. Seit ich in Pucón angekommen bin, habe ich mir vorgenommen, einmal diese zwar vergleichsweise niedrige, aber sehr steile Gebirgskette zu erklimmen. Von dort musste man einen großartigen Ausblick auf Pucón, die umliegenden Vulkane und den Villarrica-See haben.

Am Samstag, meinem zweiten freien Tag letzte Woche, war es so weit. Bis zum Fuß der Berge wollte ich mit einem Fahrrad fahren, und von dort entweder versuchen, einen geeigneten Weg weiter bergan zu fahren, oder das Fahrrad irgendwo im Gebüsch verstecken und zu Fuß aufsteigen. In dem Plan gab es nur ein kleines Problem: ich hatte noch kein Fahrrad aufgetrieben, ich musste mir also eins ausleihen. Das wollte ich auch, aber irgendwie muss ich den Fahrradverleih bei mir um die Ecke verfehlt haben. Ich wusste, dass in der Straße ein Verleih ist, aber als ich an dem Morgen dort lang ging, habe ich ihn nicht gefunden. Ich hatte an dem Morgen meine Tage bekommen und hatte keinerlei Geduld noch einmal umzukehren, ich wollte einfach nur weiterlaufen. Ich ahnte, dass ich, wenn ich stehen bliebe, sofort Bauchschmerzen bekommen würde.

Ich hatte nun zwei Alternativen: Die erste war umkehren und die Hauptstraße entlang zum Gebirge laufen. Das hieße, über eine Stunde lang in der Sonne einer mehr oder weniger schnurgeraden Straße zu folgen. Öde. Die zweite Variante führte in meiner Vorstellung am Strand entlang bis zur Mündung des Río Trancura vorzustoßen und mich von dort mehr oder weniger querfeldein zu den Bergen durchzuschlagen. Möglicherweise würde ich auf unüberwindbare Hindernisse stoßen, aber diese Variante erschien mir deutlich spannender als die staubige Straße. Also lief ich zum Strand.

Der Strand von Pucón, menschenleer, weil noch "früh" am Morgen halb elf. Die Berge, zu denen ich will, sind noch hinter der Wolkenwand versteckt.

Am östlichen Ende des Strands.

Blick zurück Richtung Pucón. Links der Villarrica-Vulkan, rechts die Halbinsel und der Villarrica-See.

Blick über den Villarrica-See, links die Halbinsel. In der Ferne, am anderen Ufer, liegt Villarrica, unter Einheimischen gelegentlich auch als "Santiago" bekannt ;)

Dem folgte ich bis zu den ersten Büschen, dort traf ich auf verschiedene Zelte. An einem lauschigen Plätzchen machte ich kurz Pause und cremte mich mit Sonnencreme ein. Dann schlug ich mich in die Büsche. Direkt am Strand konnte ich nicht entlang, der Untergrund war zu sumpfig. Ich musste mich immer weiter und weiter rechts halten, bis ich schließlich auf einen Weg stieß, der Richtung Osten führte, wo ich hinwollte.

Gerade bin ich auf einen Weg gestoßen, auf dem ich schonmal ein Stück weit unterwegs war. Im Hintergrund tauchen die Bergspitzen langsam aus den Wolken auf. Pucón liegt morgens häufig unter einer dichten Wolkendecke, die sich im Laufe des späten Vormittags auflöst.

Ich folgte dem Weg, so gut ich konnte. Anfangs war er breit und ausgetreten, später zerfaserte er in kleinere Trampelpfade, von denen ich mir einen willkürlich herausgriff. Ich schlängelte mich das Netz von Wegen entlang, bis ich irgendwann nur noch einem kleinen Pfad folgte, der von Tieren ausgetreten worden sein musste. Immer wieder ging es durch sumpfige Passagen, die für ein Huftier kein Problem sind, die mich aber zu einigen Umwegen zwangen um trockenen Fußes bleiben zu können.

Etwas versteckt, aber mit etwas Suchen fand ich diese sehr bequeme Brücke.

An einer Stelle stieß ich auf ein träge dahin fließendes Flüsschen, das so flach war, dass ich schließlich beschloss, einfach meine Schuhe auszuziehen und hindurch zu waten. Das funktionierte auch gut, aber das Wasser war eiskalt. Glücklicherweise hatte ich am Morgen mein Handtuch eingepackt und konnte meine halb tauben Füße wenigstens trocknen, bevor ich wieder in die Schuhe schlüpfte.

Ein ruhiges, flaches Bächlein. Hier bin ich durchgewatet.

Dann kam ich auf eine große Wiese, von der ich einen grandiosen Rundblick auf die Umgebung hatte. Ich stieß mal wieder auf einen Weg, der sich dann aber auch wieder verlief, als ich an den nächsten Wasserlauf kam. So wechselte das Terrain von breiten Trampelpfaden zwischen Sträuchern mit weichen Ästen zu versumpften und mit Wasserläufen durchsetzten Buschwald mit harten, kratzenden Zweigen. Zwischendrin tauchten auch die ersten Brombeersträucher auf.

Die erste Wiese, auf der ich landete.

Blick zurück.

Irgendwann konnte ich anhand der Vegetation erkennen, ob ich mich einem weiteren Bach näherte. Sie wurde nicht nur dichter, sondern auch zunehmend stachliger. Brombeersträucher scheinen Wasser zu lieben. Ich versuchte sie weitestgehend zu meiden, aber manchmal erwischte ich doch eine Ranke. Gehe nie ohne Handtuch, schrieb einmal ein weiser Mann, und so legte ich mein Handtuch um die Schultern. Meine lange Hose zog ich aus, weil sie sich ständig irgendwo verhedderte, mit der kurzen kam ich deutlich schneller voran. Dafür verfing sich mein Handtuch öfter mal. Es bewahrte mich vor einigen bösen Dornen, aber irgendwann war ich genervt, ständig Brombeerranken aus dem Handtuchstoff fädeln zu müssen. Und so landete das Handtuch letztendlich doch im Rucksack. Von da an war ich noch vorsichtiger, aber ab und zu habe ich doch eine Ranke übersehen. Es ist erstaunlich, wie vollständig man sich mit nur zwei unachtsamen Schritten in ein Dornennetz einwickeln kann. Mehr als einmal musste ich mich zwingen, erstmal komplett bewegungslos zu verharren und in aller Ruhe das Knäuel an Ranken um mich entwirren, so dass ich die dornigen Zweige in der richtigen Reihenfolge aus meiner Haut ziehen konnte. Erstaunlicherweise haben die schmerzhaftesten Verwicklungen keine Spuren hinterlassen. Dafür hat jedes Mal, wenn ich mein Bein mit einem verächtlichen Schnauben einer Brombeere entrissen habe, eine Schramme hinterlassen.

An einer Stelle blieb mir nichts anderes übrig und ich musste mich durch eine geschlossene Hecke kämpfen. Ich suchte nach einer geeigneten Stelle, und beim dritten Versuch schaffte ich es endlich, mit Geduld und vielen Verlusten auf der Gegenseite. Ich besorgte mir dann zwei gerade Stöcke, die ich von nun an immer leicht vor mir trug, manchmal gekreuzt, manchmal einfach nur, um eine einzelne Ranke zur Seite zu drücken. Von da an ging es etwas besser vorwärts.

Dahin will ich!

Das Bachüberqueren hat mehr Spaß gemacht. Da ich nun wusste, wie kalt das Wasser ist, habe ich es als Herausforderung genommen, trockenen Fußes auf die andere Seite zu kommen. Jeder Bach hatte seine eigene Herausforderung. Manche waren so mit herabgefallenem Gehölz bedeckt, dass ich mit etwas Vorausplanung über ein Labyrinth von Tritten fast normal laufen konnte. Über andere führte ein umgefallener Baumstamm, mehrmals musste auch ein dünner Ast herhalten. An einer Stelle war ich sehr froh, nur wenig mehr als 50 kg zu wiegen. Halb hangelnd, halb laufend kam ich auf die andere Seite, das untere Ästchen sank unter meinem Gewicht tief ins Wasser. Manchmal balancierte ich über einen Baumstamm, ein andernmal setzte ich mich lieber und bewegte mich zentimeterweise vorwärts, indem ich meine Beine nacheinander weiter schob. Viele Bäche waren flach und dümpelten langsam vor sich hin, aber an einigen Stellen schoss das Wasser mit hoher Geschwindigkeit vorbei und ich konnte nicht mal sehen, wie tief das Wasser tatsächlich war, nur, dass der Grund vom Ufer aus sehr steil abfiel. An einer Stelle sprang ich. Das war nicht ganz einfach, weil ich von einer schrägen Wurzel ab- und gegen einen morschen Ast, der im Weg hing, springen musste, trotzdem schaffte ich es, auf der anderen Seite Stand zu fassen und nicht rücklings ins Wasser zu fallen.

Nach einer guten Stunde Kletterei stieß ich auf auffallend wegsames Gelände. Die Sträucher erinnerten mich an die Flutauen in Deutschland, überall lag weißgeblichenes Schwemmholz. Stellenweise konnte man steiniges Flussbett ausmachen, jetzt aber war hier alles trocken.

Überschwemmungsland. Ob die Brandspuren von der letzten Eruption stammen oder von einem Waldbrand, weiß ich nicht. Immerhin komme ich hier zügig und kratzarm voran.

Tief und mit starker Strömung. Ein paar hundert Meter stromaufwärts fand ich einen Ast, über den ich robbte. Wie wackelig so ein Ast doch sein kann, wenn man anderthalb Meter über einem rauschenden Wasserlauf hängt.

Ein paar hundert Meter und einen besonders reißenden Bach weiter östlich wusste ich, wo ich war: ich stand an meinem gefürchteten unüberwindbaren Hindernis, dem Trancura. In meiner Vorstellung vom Morgen wollte ich den Trancura an seiner Mündung überqueren, wo ich das Bett deutlich flacher vermutete. Hier jedoch war der Fluss etwa zwanzig Meter breit, der Grund unsichtbar tief und das Wasser vor allem reißend schnell. Ich verwarf die Idee, auf die andere Seite zu schwimmen. Ich bezweifelte, dass ich das andere Ufer erreichen konnte, bevor mich die Strömung an die nächsten Felsbrocken getrieben hatte, außerdem hatte ich noch meinen Rucksack dabei.

Hier ist Schluss. Zu breit, zu tief, die Strömung zu stark. Nach links geht es zur Mündung, nach rechts zur Brücke. Rechts kann ich den Fluss auf jeden Fall überqueren.

Ich legte am Ufer eine kurze Verschnaufpause ein, auch um endlich eine halbe Ibuprofentablette gegen meine Bauchschmerzen einzunehmen. Rechts von mir, etwas stromaufwärts saßen zwei Angler. In der Richtung war auch ganz sicher eine Brücke über den Fluss, ich wusste nur nicht, wie weit es bis dorthin war. Links war auf jeden Fall die Mündung, ich bezweifelte, dass es dort eine Brücke geben würde. Während ich überlegte, kamen von links noch zwei Angler, die sich am Ufer links von mir niederließen. Jetzt wusste ich, warum ich zuletzt wieder auf Fußspuren gestoßen war und wieso einer der letzten Baumstämme Sägespuren aufgewiesen hatte.

Ich zog meine Schuhe wieder an, und wandte mich stromaufwärts. Nach wenigen Minuten stieß ich auf das südliche Ende der Insel, auf der ich mich befand. Der letzte Wasserlauf, den ich überquert hatte, gehörte schon zum Trancura! Zusammen mit dem Überschwemmungsgebiet hatte ich nun eine Vorstellung, wie groß der Trancura im Winter sein musste, wenn es ständig regnete. Das reißende Gewässer, das ich gesehen hatte, war nur ein winziger Überrest des Winterflusses. Sicherheitshalber ging ich noch einmal Richtung Norden, aber dort stieß ich wie befürchtet auf den Zusammenfluss beider Flussläufe. Ich beugte mich also dem Schicksal und verließ die Insel in der Richtung, aus der ich gekommen war.

Es war jetzt halb zwei. Wenn ich noch auf die Berge hoch wollte, musste ich mich langsam etwas beeilen. Ich folgte dem erstbesten Weg, auf den ich stieß. Dummerweise bog der nach wenigen hundert Metern Richtung Pucón ab. Immer wieder zweigten kleinere Seitenwege ab, so dass mich nach einigen Minuten die Ungeduld packte und doch wieder in einen Trampelpfad einbog. Ich passierte einen halbzerfallenen Maschendrahtzaun, wusste nicht, ob ich ihn nun überquert hatte und stand plötzlich auf einer riesigen Weide. Achselzuckend ging ich weiter, aus dem Schatten kamen von links drei Chilenen auf mich zu.

Mal wieder auf einer Weide, immer schön mein Tagesziel vor der Nase.

Rechts mein altbekannter Begleiter.

Tatsächlich kamen sie nicht auf mich zu, sondern bogen vor mir auf meinen Weg ein. Der eine der drei trug eine Angelrute. Sie drehten sich immer wieder nach mir um, sagten aber nichts. Da sie zielstrebig in meine Richtung gingen, folgte ich ihnen. Ich überquerte nach ihnen drei Zäune, dann schwenkte ich wieder in meine Richtung ein. Der nächste Zaun tauchte zwischen den Bäumen auf, und ich wusste immer noch nicht, auf welcher Seite ich eigentlich war. Ich entdeckte, dass zwischen zwei Zaunspfählen der Maschendraht fehlte und marschierte kurzerhand durch dieses “Tor” hindurch. Und stand einige Minuten später prompt vor dem nächsten Zaun, diesmal konnte ich die Ecken sehen und wusste sicher, dass ich innen stand. Ich lief ein wenig den Zaun entlang, dann fand ich eine Stelle, an der ich zwischen dem Maschendraht und dem darüber gespannten Stacheldraht hindurchschlüpfen konnte. Der Abstand war kleiner als meine Elle lang ist; manchmal ist es doch gut, so dürr zu sein.

Ich folgte den Autospuren in Richtung des Trancura. Wie sollte es anders sein, kurz vor dem Fluss bog die Schotterstraße nach links ab. Aus der Richtung war ich gekommen, als musste diese Straße eine Sackgasse sein. Aber nach rechts führte ein Trampelpfad weiter, und dem folgte ich. Immer zwischen Fluss und Stacheldrahtzaun, an einer Stelle stieß ich auf Holzhütten. Andesmar, Sol y Nieve, die Spuren am Ufer… hier musste der Ausstieg für das Klasse III-Rafting sein. Jetzt wusste ich sicher, dass der Fluss der Trancura war. Ich suchte die Fortsetzung des Trampelpfads und setzte meinen Weg fort.

Am Ausstieg der Raftingtouren.

Inzwischen fing mein Magen an zu knurren, es war drei Uhr nachmittags. Vor einer halben Stunde hatte ich eine Tüte mit Rosinen und Nüssen in meinem Rucksack gefunden, selten schmeckten Rosinen so gut. Aber bei der Hitze mochte ich die Nüsse nicht essen, und auch das Trockenobst war mir etwas zu trocken. Ich passierte einen Brombeerstrauch nach dem anderen, so langsam erschienen sie immer verlockender. Ich mochte Brombeeren nicht, aber vielleicht reichte mein Hunger ja, um ein paar davon zu essen. Wenigstens probieren konnte ich ja mal.

Nach der ersten aß ich eine zweite und gleich noch eine dritte. Etwas verwirrt fragte ich mich, ob ich hier wirklich Brombeeren vor mir hatte. Schwarze Kullerbeeren, die von der Form her wie Himbeeren aussehen, die Finger lila färben, und Ranken mit garstigen Dornen besitzen. *haps* Doch ja, das sind Brombeeren. *schleck* Aber sie schmeckten nicht wie Brombeeren. *schmatz* Oder zumindest nicht wie deutsche Brombeeren. *schlürf* Sie waren viel süßer und leckerer. *haps* Wieso hat mir bloß keiner gesagt, dass die Brombeeren hier viel besser schmecken als in Deutschland? *mampf* Die ganzen letzten Wochen habe ich reife Brombeeren links liegen lassen… *schmatzschmatzschmatz*

Von da an kam ich kaum noch voran. Ich folgte weniger dem Weg, sondern lief von Brombeerstrauch zu Brombeerstrauch. Eine halben Stunde später und mit fast gestilltem Hunger kam ich an ein lauschiges Uferplätzchen, das mir ausgesprochen gut gefiel. Ich schaute noch einmal kurz auf die Berge, zu denen ich eigentlich gewollte hatte. Dann schaute ich auf meine lila Finger, kramte eine Plastiktüte aus meinem Rucksack und begann, sie mit Brombeeren zu füllen. Das ging langsamer, als ich dachte, weil nur jede zweite Brombeere in der Tüte landete. Als ich die Sträucher in der näheren Umgebung einmal durch hatte, ging ich zu dem Uferplatz zurück, breitete mein Handtuch aus, und ließ mich nieder. Brombeeren kauend genoss ich das Panorama. Das Wasser rauschte vorbei, ein leises Lüftchen wehte, die Sonne brannte mir auf den Pelz.

Ich wechselte in den Bikini und versuchte ein Stück ins Wasser zu gehen. Das Ufer fiel auch hier extrem steil ab, und so blieb ich am Rand. Ich kniete mich auf ein paar Steine, weil mir die Füße zu kalt wurden, und schaufelte mir das kalte Wasser über den Oberkörper. Tiefgekühlt legte ich mich auf das Handtuch, schob noch ein paar Brombeeren in den Mund und schlief ein.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde wachte ich wieder auf, aß die letzten Beeren aus der Tüte und drehte mich auf den Bauch. Möglicherweise hatte ich einen leichten Sonnenbrand bekommen, aber das war mir egal. Ich war im siebten Himmel und hatte nicht die leiseste Absicht, mich so bald von hier wegzubewegen. Ein schöner Ort, ein paar Brombeeren – so einfach kann das Glück manchmal sein. Das kleine Teufelchen auf meiner rechten Schulter schrieb eine diabolische SMS an Ruben, wie großartig es hier doch war, wohlwissend, dass er noch arbeiten musste.

Mein Rastplatz, mein Sonnenplatz, mein siebter Himmel. Dahinten sind die Berge, zu denen ich wollte. Jetzt aber fläze ich in der Sonne, kühl mich mit Flusswasser...

... und esse frische chilenische Brombeeren.

Etwas später war es aber nicht mehr ganz so großartig, mir waren ja die Brombeeren ausgegangen. Ich zog mir die Schuhe an und schnappte mir die Tüte um Nachschub zu holen. Wieder zurück an meinem Platz entdeckte ich, dass ich Rubens Anruf verpasst hatte. Der Empfang an der Stelle war nur sporadisch überhaupt vorhanden, und so tauschten wir noch ein paar SMS aus.

Nebenbei kamen nun die ersten Schlauchboote vorbei. Ich saß direkt am Wasser; wären meine Arme nur ein klein wenig länger, hätte ich den Raftern die Hände schütteln können. Anfangs war es ganz lustig, jedem vorbei fahrenden Boot zuzuwinken. Nach einer Weile war ich jedoch genervt und packte meine Sachen. Außerdem war ich lange genug in der Sonne gewesen. Ich kühlte mich noch einmal ab, dann brach ich auf. Unterwegs rief mich Ruben an und sagte mir, dass er in der Nähe der Brücke wäre, über die ich vor endlos langer Zeit mal drüber wollte. Neben der Brücke ist ein kleiner Markt, auf dem Mapuche, die Ureinwohner der Region, verschiedene Sachen feilbieten. Wir verabredeten uns für ein Abendessen dort.

Ich wusste immer noch nicht, wie weit es bis zu der Brücke war. Also lief ich zügig und versuchte, nicht mehr jeden Brombeerstrauch mitzunehmen. Ich hielt nur noch an den großen an, an denen viele Beeren hingen. Mir kamen immer mehr Menschen entgegen, die sich auf Fahrrädern den engen Trampelpfad entlangfädelten. Bei dem Versuch, Platz zu machen, fing ich mir noch ein paar Dornen ein, dann war ich plötzlich auf einer breiten Schotterstraße. An deren Ende stand ein Schild, auf dem der Eintritt verboten war, lesbar aus der Richtung, in die ich ging. Durch einen völlig unglaublichen Zufall stand das Schild außerdem etwa zweihundert Meter von der Brücke entfernt, die ich gesucht hatte. Ich ging über die Brücke und kurz darauf traf ich auf Ruben. Wir aßen etwas, wobei meine Portion deutlich kleiner ausfiel als sonst. Ich war mit Beeren vollgestopft.

Blick von der langersehnten Brücke Richtung Süden. Es ist tatsächlich der Süden, auch wenn ich meinem Kompass erst nicht glauben wollte. Die Sonne steht fünf Uhr nachmittags etwa im Nordwesten. So richtig habe ich mich immer noch nicht an den umgekehrten Sonnenlauf gewöhnt.

Blick von der gleichen Brücke Richtung Norden.

Der Eingang zum Mapuche-Markt.

Auf dem Markt. Möglicherweise ist sonst mehr los, jetzt sind nur zwei Reihen von Fressbuden da. Aber egal, eine Bude reicht schon um satt zu machen.

Als ich Ruben erzählte, was ich an dem Tag eigentlich vorgehabt hatte, machte er den Vorschlag, mir eine gute Einstiegsstelle für eine Wanderung zu zeigen. Ich bezweifelte, dass ich einen zweiten Versuch starten würde, aber er zeigte mir den Weg trotzdem. Wir stiegen sogar ein wenig auf – in weniger als einer Viertelstunde schafften wir ein Viertel bis ein Drittel der Gesamthöhe des Gebirgszugs. Zugegeben, das mit Abstand leichteste weil flachste Viertel, trotzdem war ich nun etwas frustriert, dieses lächerliche Hügelchen nicht erklommen zu haben, nicht einmal nah gekommen zu sein. Zumindest nicht aus eigener Kraft.

Die tief stehende Sonne über Pucón.

Von links ragt die Halbinsel in den Villarrica-See, weiter vorn schlängelt sich der Trancura durchs Foto.

Aber so richtig ärgerte ich mich darüber nicht. Dafür war der Tag bisher einfach zu schön gewesen, und ein weiterer Höhepunkt kam noch: Der Sonnenuntergang über Pucón. Von dem Absatz, auf dem wir saßen, hatten wir einen fantastischen Blick über die Bucht, den Vulkan, und in die Sonne. Alles andere war vergessen, die zerkratzten Beine, das Herzklopfen beim Überqueren der wackeligen Baumstämme, die Unwissenheit, auf welcher Seite des Zauns ich war, der Anblick war einfach nur schön.

Auf der gegenüberliegenden Bergkette war ich vor einem Monat mit Ruben gewesen, irgendwo da drüben ist der Salto El Claro, der Wasserfall in der Schlucht.

Weniger als eine Stunde später ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden.

Außerdem standen neben unserem Sitzplatz ein paar Brombeersträucher.

Als ich zu Hause war, wurde ich schnell müde, obwohl es erst gegen neun war. Ich schaffte es gerade noch unter die Dusche und aufs Bett, dann schlief ich ein, bevor ich mich überhaupt richtig zugedeckt hatte.

¬ geschrieben von Christiane in Pucón

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