12.02.204 Segeln

18. February 2014

Ich dachte, ich kann segeln, und habe am Mittwoch für den späten Nachmittag ein Segelboot auf dem Villarrica-See reserviert.

Die “Reservierung” war etwas abenteuerlich. Nachdem wir am Montag bei der Vermietung standen, alle Boote draußen waren und schon mindestens eine Person auf ein Boot wartete, bin ich am Mittwoch zur Mittagszeit kurz zum Strand gelaufen und habe um ein Boot für 6 Uhr gebeten. Die erste Antwort war, dass sie keine Reservierungen annehmen, man könne einfach so vorbei kommen. Nachdem ich erzählte, wie das “einfach so vorbei kommen” am Montag gelaufen war, konnte ich plötzlich doch reservieren. Allerdings bestand die “Reservierung” in einem “ja, ich halte ein Boot für euch bereit”.

Etwas zweifelnd ging ich um 6 mit Ruben zum Strand. Jetzt war deutlich mehr los als zu Mittag, aber, oh Wunder, es war “zufällig” ein Boot für uns da. Während wir an der Segelbude warteten, sah Ruben etwas unglücklich aus; er gab auch zu, etwas nervös zu sein. In einem unbedachten Moment hatte ich ihn ein paar Tage zuvor auch noch gefragt, ob er schwimmen kann – mir fiel erst am Ende der Frage ein, dass ich sie an einen Triathleten richtete.

Nervös war ich allerdings auch. Bisher bin ich auf kleinen Booten für 2-3 Personen gesegelt, hauptsächlich Dinghys und Piraten, selten mit Nichtseglern, und im letzten Sommer bin ich gar nicht zum Segeln gekommen. Das Boot, das auf uns wartete, war ein Laser. Von dieser Bootsklasse hatte ich schonmal gehört, aus der hintersten Ecke meiner Erinnerung kam die Information, dass Laser noch instabiler als meine bisherigen Boote sind und schneller auf Fehler reagieren. Eine Einschätzung, die sich beim Blick auf das Boot bestätigte. Laser sind besonders leicht und besonders einfach gebaut. Es sind Rennboote. Um zu verdeutlichen, wie leicht ein Laser ist: Ein Dinghy oder Pirat liegt bei 200 bis 300 kg, ein Laser wiegt knapp 60 kg und damit ziemlich genau so viel wie ich. Mehr noch als bei den anderen Booten beeinflussen die Skipper also allein mit ihrem Körpergewicht und insbesondere ihrer Sitzposition, wie das Boot im Wasser liegt. Es gibt noch ein paar andere Eigenheiten, von denen ich nichts wusste, aber zu denen komme ich später.

Die Windstärke an dem Tag betrug etwa 4, höchstens 5, mit einigen kräftigeren Böen. Das schwerste, was ich bisher gemeistert habe, war Windstärke 6 in einem Piraten.

Die erste Herausforderung war, vom Strand wegzukommen. Der Wind wehte genau auf den Strand zu, wir mussten also aufkreuzen. Schlimmer noch, an diesem Nachmittag befanden sich genau vor dem Strandabschnitt, auf dem die Boote lagen, Schwimmer. Oder vielmehr Badende. Und kein Weg führte an ihnen vorbei, nur hindurch. Nett wie diese Badenden waren, griffen sie alle nach dem Boot und “halfen” uns vom Strand wegzukommen, indem sie das Boot immer wieder in den Wind drehten. Nach einigen Metern schließlich gab ich auf auch nur ein wenig an Fahrt zu gewinnen und hielt das Segel eigentlich nur noch, damit es nicht wild im Wind flatterte.

Irgendwann jedoch waren wir weit genug weg von unseren Helfern, dass ich das Boot endlich weiter nach steuerbord drehen konnte und Wind ins Segel bekam. Ich segelte noch ein ganzes Stückchen den Strand entlang, nur langsam vergrößerte sich der Abstand, obwohl ich so nah am Wind segelte, wie ich konnte. Ich erklärte Ruben kurz, dass er gleich die Seite wechseln musste, dann machte ich zum Warmwerden eine Wende, d.h. ich drehte den Bug um etwa 100° nach backbord, um wieder weiter nach links (vom Strand aus gesehen) zu kommen.

Bei einer Wende dreht man das Boot mit dem Bug in die Richtung, aus der der Wind kommt und weiter darüber hinaus. Das heißt, man muss eine gewisse Anfangsgeschwindigkeit haben, sonst endet die Drehung genau dann, wenn der Bug in den Wind zeigt. So wie bei meiner zweiten Wende. Na toll.

Das Gute an dieser Situation ist, dass unter normalen Umständen praktisch nichts passieren kann. Das Boot liegt auf dem Wasser, das Segel flattert im Wind, und man bewegt sich nicht von der Stelle. Man muss nur den Kopf unten halten, um nicht vom Baum getroffen zu werden (dem Balken, der waagerecht vom Mast wegführt). Durch Schlagen mit dem Ruderblatt kann man versuchen, sich in eine bestimmte Richtung zu drehen, oder man drückt den Baum mit der Hand in eine Richtung und hofft, dass man genug Wind einfangen kann, dass das Boot in eine Richtung gedrückt wird.

Nach diesem Manöver segelten wir weiter vom Strand weg, in Richtung dem Ende der Halbinsel. Nach einer Weile hatte ich den Dreh raus, wie ich das Boot bewegen musste, damit wir von den größeren Wellen nicht allzu stark herumgeworfen wurden. Immer wieder schwappte Wasser über den tief liegenden Bootsrumpf. Ich hatte meinen Bikini an und darüber T-Shirt und kurze Hose, sowie die obligatorische Schwimmweste. Meine Hose war bald völlig durchnässt. Aber das gehört zum Segelspaß dazu. Ruben trug nur Schwimmhose und Weste. Als Passagier saß er vor mir und fing so zumindest die Spritzer ab, die von vorn kamen.

Mit der Zeit wurde unser Zusammenspiel besser, mit jeder Wende klappte der Seitenwechsel besser und die Wenden wurden flüssiger. Die Seiten muss man wechseln, weil sich sonst das Boot zu sehr in die Richtung neigt, auf der das Segel ist (Lee). Ich hatte oben erwähnt, wie leicht das Boot ist. Dementsprechend macht es einen riesigen Unterschied, auf welcher Seite im Boot man sitzt, selbst, ob man nach vorn geneigt sitzt oder sich auch nur ein wenig nach hinten lehnt. Mit dem Segel hart am Wind musste ich mich schon recht weit nach hinten lehnen, aber zumindest nicht so extrem, dass ich meine Beine unter den Gurt hätte klemmen müssen (aus Gewohnheit tat ich es trotzdem).

Das Schöne, wenn man hart am wind segelt, ist, dass man die Geschwindigkeit fühlt. Egal, wie schnell man unterwegs ist, bei nennenswerter Windstärke fühlt sich man sich immer schnell. Wir hatten eine großartige Sicht auf die Bucht und Pucon, dahinter die aufragenden Berge, hinter der Halbinsel der omnipräsente Vulkan.

So segelten wir etwa eine Stunde lang. Ich hatte ursprünglich vor, bis zur Spitze der Halbinsel zu segeln. Allerdings wurde der Wind immer böiger, nicht nur in Richtung des “offenen” Sees, sondern auch in der Bucht. Außerdem wollte ich mir noch etwas für das nächste Mal offen halten, und so beschloss ich vorher umzudrehen.

Aus Vorsicht drehte ich nicht gleich komplett um, sondern ließ mich erstmal ein wenig abfallen. Das heißt, ich drehte den Bug so, dass ich den Wind leicht schräg von hinten hatte, statt ihn direkt von hinten zu haben. So näherten wir uns wieder dem Strand. Ich merkte, dass, je weiter ich abfiel, das Boot immer instabiler wurde. Also drehte ich wieder ein Stück in den Wind. Außerdem musste ich das Segel dichter holen, als ich es für den Winkel zur Windrichtung erwartet hätte, damit ich das Boot halten konnte. Erst später habe ich durch Recherche herausgefunden, dass das bei dieser Bootsklasse durchaus normal ist, und nicht auf einen Fehler meinerseits zurückzuführen ist. Wegen dieser Instabilität versuchte ich auch gar nicht erst, vor dem Wind zu fahren, also genau in die Richtung, in die der Wind weht.

Wir segelten also im Zickzack zum Strand zurück. Ich hatte das Boot ganz gut unter Kontrolle, setzte zu einer Wende an – und plötzlich kippte das Boot. Ich bin noch nie gekentert, und ich habe auch mal gelernt, dass man sich mindestens zweimal um die eigene Achse dreht, bevor man kentert. Am Mittwoch habe ich gelernt, dass das nur auf die Tech Dinghys zutreffen kann, auf denen ich segeln gelernt habe. Denn wir haben nicht mal eine Vierteldrehung zurück gelegt, bevor wir rückwärts über Bord fielen und das Boot seitlich im Wasser landete. Aber alles halb so wild, ich wusste, was zu tun war. Es war warm, die untergehende Sonne brannte noch heiß auf der Haut, insofern war das kalte Bad recht angenehm. Noch bevor ich meine Irritation abschütteln konnte, hatte mich die Schwimmweste schon wieder an die Wasseroberfläche gezogen, neben mir kam Ruben zum Vorschein. Ohne zu Zögern schwamm ich um das Boot herum, um an die Unterseite heranzukommen. Leider war das Boot schneller: ich hatte gerade das Heck erreicht, da lag das Boot auch schon kieloben auf dem Wasser, mit dem Mast senkrecht nach unten.

Ich schwamm zum Boot, zog mich hoch und stellte meine Füße auf den Bootsrand. Mit den Händen griff ich nach dem Schwert – dem Brett, das senkrecht aus dem Bootsrumpf ragt und für seitliche Stabilität sorgen soll. Ich lehnte mich mit dem Oberkörper so weit ich konnte zurück und – nichts geschah. Ich war zu leicht. Ich rief Ruben heran, und zusammen war es ein Leichtes, das Boot auf die Seite zu drehen. Anschließend kletterte ich auf das Schwert und brachte das Boot so dazu, sich weiter zu drehen, bis es endlich wieder aufrecht stand. Ich hievte mich hinein, dann lehnte ich mich auf die Steuerbordseite, um Ruben auf backbord reinklettern zu lassen.

Das Segel flatterte im Wind, aber das musste jetzt erstmal warten. Ich sah mich um. Das Cockpit, also die Wanne, in die man die Füße stellt, ist beim Laser zum Glück sehr klein, so dass die zusätzliche Masse durch das Wasser nicht groß ins Gewicht fallen würde. Aber das Ruder war aus der Verankerung gerutscht, das musste ich erstmal wieder einfädeln. Das Ruder musste so eingehangen werden, wie eine Tür eingehangen wird. Nur, dass dabei das Boot auf dem Wasser schaukelt und die Wellen von der Seite das Ruder immer wieder in Schräglage zu drücken versuchen.

Irgendwann hatte ich es drin, und die Fahrt konnte weitergehen. Ich atmete kurz durch, dann pflügten wir wieder durch die Wellen. Das Boot ließ sich jetzt deutlich schwerer steuern. Ich musste das Ruder steiler stellen, als normal gewesen wäre, außerdem reagierte das Boot viel zu schwach auf die Stellung des Ruderblatts.

Das zweite Mal landeten wir im Wasser, weil der Wind kurz nachließ und wir uns nach Luv neigten. Ich hatte meinen Ballastpassagier bisher per Kommando auf die richtige Seite geschickt, er wusste daher nicht, dass er den plötzlich fehlenden Winddruck sofort mit seinem Gewicht ausgleichen musste. Im Englischen wird diese Art des Kenterns als Death Roll bezeichnet. Gemessen an der Anzahl der Videos, die es dazu gibt, ist es für Laserskipper anscheinend eine häufige Form des Badengehens.

Nach dem zweiten Aufrichten fiel mir zumindest auf, warum sich das Boot zuletzt so schwer hatte steuern gelassen: Das Ruderblatt, das eigentlich senkrecht im Wasser stehen sollte, war in die Waagerechte gekippt. Dadurch war es nur zum Teil im Wasser. Ich begutachtete das Ruder näher und fand das Tau, das das Ruder in die richtige Position zieht. Die Klampe, an der das Tau befestigt werden sollte, war aber auf einer Seite abgebrochen. Ich brauchte daher fünf Anläufe, bis ich das Tau fest hatte. Das Ruder wieder eingefädelt, fuhren wir weiter. Nein, eigentlich hinkten wir mehr, ich schaffte es trotz korrigiertem Ruderblatt nicht mehr, das Boot richtig stabil zu halten. Wir hatten etwa hundert Meter auf einem Kurs zurück gelegt, der uns ohne weitere Wende zur Anlegestelle bringen würde, als ich wieder näher an den Wind drehen musste, um das Boot wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Das hieß, dass wir noch zwei weitere Wenden überstehen mussten. Doch so weit kamen wir nichtmal.

Irgendwann hörte ich auf zu zählen, wie oft wir kenterten. Der Wind war nicht mal stärker geworden, auch die Böen waren nicht schlimmer als vorher. Aber mittlerweile hing das Boot so tief im Wasser, dass selbst die kleineren Wellen es komplett überspülten. Wir versuchten zwischenzeitlich, das Cockpit zu leeren, aber mit dem ständig nachströmenden Wasser war dieser Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Bei jedem Versuch, das Boot unter Kontrolle zu kriegen, kenterten wir sofort.

Mittlerweile hatte uns der Wind an die Bojenabsperrung des Badestrands gedrückt. Von hier würde es noch schwieriger werden, wieder weg zu kommen, weil das Ruder im schwimmenden Seil hängen bleiben konnte. Wir richteten das Boot mal wieder auf, ich kletterte allein hinein, während Ruben, der stehen konnte, versuchte von hinten zu schieben. Es kamen auch noch Leute zu Hilfe, die mitschoben. Ich hatte nichtmal die Hand an der Schot, das Segel flatterte im Wind, als ich wieder kenterte. Der letzte Sturz, den ich noch mit machen würde, und ich fiel ich seitlich auf den Baum. Inzwischen war ich unterkühlt, ich wollte aufgeben, da kamen zwei Jungs vom Vermieter mit Motorboot zu Hilfe. Der eine versuchte das Boot zu segeln, auch er scheiterte. Nach mehreren Versuchen ließ er sich vom Motorboot abschleppen, während er das Segelboot mit seinem Gewicht und Mühe einigermaßen aufrecht hielt.

Vom Strand aus sah man, wie tief das Boot im Wasser lag, die Erklärung dafür konnte nur Wasser im Rumpf sein. Wie es dahin gekommen ist, weiß ich nicht – das einzige vom Cockpit aus sichtbare Loch im Rumpf, das Entlüftungsloch, war mit einem Stöpsel verschlossen. Eigentlich kommt nur ein Leck in Frage. Ich bin mal gespannt, ob wir dort nochmal ein Boot leihen können.

Ruben und ich liefen am Strand zum Verleih zurück, ich unterdrückte mehr schlecht als recht ein heftiges Zittern und Zähneklappern. Das trockene Handtuch war ein Traum, nochmehr allerdings die trockenen Klamotten, die im Rucksack auf mich warteten. Zurück in der Innenstadt aßen wir bei Volcamburguer ein großes Abendessen, danach war meine Körperwärme wiederhergestellt.

Beim Duschen entdeckte ich, dass beide Schienbeine praktisch durchgehend blau und verbeult waren. Lange Hosen würden das verdecken; die Matschflecken an den Ellbogen haben so einige Nachfrage provoziert. Aber, wie so oft, die kleineren Blessuren sind nichts gegen den Spaß, den wir mit dem Boot hatten. Die letzten zwanzig Minuten vielleicht ausgenommen.

Hinterher (natürlich) habe ich herausgefunden, dass der Laser eines der am schwersten zu segelnden Boote ist.

Zum Beispiel beschreibt hier (englischsprachiger Link) jemand, wie er mit 25 Jahren Segelerfahrung auf dem Laser segeln gelernt hat.

Aufschlussreich ist auch das 5-Stufen-Lernprogramm dieses Skippers (englischer Link):
1. Ablehnung (ein Laser ist doch kein richtiges Segelboot, eher ein zu dick geratenes Surfbrett)
2. Ärger (alle reden vom Laser, und die besten Segler auch in anderen Klassen haben auf dem Laser angefangen)
3. Feilschen (ich segle nur Laser, weil alle meine Freunde Laser segeln)
4. Depression (ich wusste es, mit diesem Ding kann man überhaupt nicht segeln, insbesondere: “woher zum Teufel hab ich all die blauen Flecken?”)
5. Akzeptanz (wichtigster Punkt: man kentert seltener)

Für die Interessierten hier noch ein paar Videos:
So muss man sich das Wiederaufrichten vorstellen (wobei sich unser Boot freiwillig mit dem Kiel nach oben begeben hat).
In diesem Video sieht man eine Death Roll bei etwa 32s, eine halbe Minute später liegt das Boot wieder richtig herum im Wasser.
Hier sieht man eine Death Roll aus sicherer Enfernung.
So sieht es aus, wenn man bei höheren Windstärken “richtig” segelt.
Man kann übrigens kentern und das Boot wieder aufrichten ohne nass zu werden.
Alles in allem ist der Laser aber ein gutes Boot zum Kentern. Katamarane sind da deutlich empfindlicher (einer der Segler hat übrigens einen Beckenbruch davon getragen, da sind meine Prellungen nichts dagegen).

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

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