Canyoning

16. February 2014

Gestern war es endlich soweit: Ich durfte zum Canyoning! Das heißt, ich durfte theoretisch auch öfter, aber wir hatten bisher nur zwei Canyoning-Touren seit ich hier bin. Außerdem war ich vor einer Woche schon einmal, aber die Tour verlief nicht gerade gut.

Canyoning – dessen Namen ich für gleich doppelt unglücklich gewählt halte – besteht im Wesentlichen daraus, dass man ein felsiges Flussbett verfolgt. Vorzugsweise eins, das ein paar Wasserfälle enthält, an denen man sich abseilt. Das Flussbett, das wir entlang gehen, führt etwa zur Hälfte durch eine Schlucht. Der Name ist unglücklich, weil die meisten, die hierherkommen, mit dem Begriff Canyoning nicht viel anfangen können und erstmal irritiert sind, wenn ich anfange, von Wasser zu reden. Rafting? Nein nein, Canyoning. Das zweite Unglück des Names ist, dass die Chilenen das Wort nicht vernünftig aussprechen können. Irgendwie verrenken sie sich dabei den Kiefer, bis sie das Wort endlich rausgequält haben.

Angeleint geht es gleich die Kante herunter, 8m nach unten. In dem Kessel kann man dann erstmal baden, zum Abkühlen.

In der Umgebung von Pucón kann man an zweieinhalb Stellen Canyoning durchführen. Die halbe ist so schwer, dass sie für Anfänger und daher für Touristen ungeeignet ist. Die zweite ist einigermaßen anspruchsvoll, aber beliebt. Und zusätzlich eine Stunde Fahrt entfernt. Die Stelle, die wir nehmen, liegt nur wenige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums und damit keine zehn Minuten entfernt. Der Fluss heißt Magma River, und wie der Name sagt, floss an der Stelle vor etwa 4000 Jahren ein Magmastrom den Villarrica herab (eigentlich müsste es Lavastrom heißen, einmal an der Oberfläche, heißt Magma Lava). In das Vulkangestein hat sich ein Fluss gegraben, und den verfolgen wir. Vulkangestein klingt zwar nach griffigem Fels, tatsächlich ist er genauso glatt geschliffen wie in jedem andern Flussbett.

Ich bilde das Schlusslicht.

Den Großteil der waagerechten Distanz legen wir laufend zurück. Der Untergrund wechselt zwischen schwarzem Sand, Kieseln, und rutschige, glattpolierten Felsbrocken. Letztere überqueren wir meist auf allen Vieren, an einigen Stellen auch auf dem Hintern. Zwei Stellen eignen sich dafür besonders gut, nach einer kurzen Rutsche landet man in einem tiefen Becken. Das sind auch die beiden Stellen, an dem man jedes noch so kleine Loch im Neoprenanzug besonders gut merkt: Dort dringt dann das eiskalte Flusswasser ein.

Unten angekommen.

Canyoning ist großartig, wenn es heiß ist und die Sonne brennt. In der Schlucht, die zusätzlich im Wald liegt, hält man sich hauptsächlich im Schatten auf, und wenn es im Neopren zu warm wird, setzt man sich kurz ins Wasser. Das hat aber zugleich den Nachteil, dass, wenn es bewölkt und kühl ist und die Gruppe relativ langsam, man ohne viel Bewegung im kalten Wasser steht und früher oder später auskühlt. Genau das war das Problem (ok, eins von vielen, aber eben das größte) bei meiner ersten Tour. Nichts gegen mein eigenes Geschlecht, aber die Gruppe aus zwei chilenischen Frauen und ihren sechs Töchtern und Freundinnen war sehr zaghaft und hat sich vor jedem Wasserfall geziert. Sie haben sich nicht getraut, sich ins Seil zu lehnen, versuchten stattdessen, die Wasserfälle herunter zu klettern, und sind daher jedes Mal, eine nach der anderen, weggerutscht, seitlich gegen die Felsen geprallt, noch ängstlicher geworden, und wurden dadurch noch langsamer. Es kann sich immer nur eine abseilen, und so warteten die anderen sieben und ich ungeduldig und frierend darauf, dass die nächste unten ankam. Wir schafften vielleicht fünf Wasserfälle, der größte davon etwa acht Meter hoch. Bei diesem letzten sah mich jedes der Mädels mit vor Angst aufgerissenen Augen an, bevor sie ans Seil geklammert langsam nach unten abgelassen wurden.

Noch schnell einmal untertauchen, über eine kleine Felsstufe steigen und schon ist der Wasserfall geschafft. An dieser Stelle haben wir die erste Tour abgebrochen.

Nach diesem Wasserfall brachen wir die Tour mit acht vor Kälte zitternden Frauen bzw. Mädels ab. Wobei abbrechen heißt, dass wir das Flussbett verließen. Aus der Schlucht kommt man an dieser Stelle nicht mehr so leicht heraus. wir kletterten die Schluchtwand nach oben und folgten dem Flussverlauf oberhalb des Flusses. Das heißt, für die Mädels war es eine gefährliche Klettertour, für mich und den Führer Claude war es ein mehr oder weniger entspanntes Laufen den Hang entlang. An zwei oder drei Stellen benutzten wir zur Absicherung das Seil. Ich habe schon deutlich gefährlichere Passagen völlig ungesichert überquert, aber die Mädels haben sich vor jedem Schritt gefürchtet. Eine Stunde haben wir für diesen trockenen Abschnitt mindestens nochmal gebraucht, am Ende begrüßten die Mädels lauthals die “Civilización”. Um es vorsichtig zu formulieren, ich glaube, diese Tour war für die Stadtmädels nicht das Richtige. Zum Glück habe ich die nicht verkauft.

Der krönende, 22m hohe Abschluss. Es gibt zwei Routen, eine trockene links neben dem Wasserfall (wie im Foto) und eine, die dem Wasserlauf folgt.

Die gestrige Tour dagegen habe ich durchaus auf dem Gewissen. Ein paar Teenager kamen eher gelangweilt zu mir ins Büro, kamen später wieder, und beim dritten Mal kam die Mutter mit. Die sechs diskutierten, ob sie Rafting machen wollten oder lieber Canyoning. Die Entscheidung neigte schon arg Richtung Rafting, als ich sie mit dem Argument, dass das Canyoning bei gleichem Preis deutlich mehr Zeit im Wasser bedeutete, für das Canyoning umstimmen konnte. Ich gebe zu, nicht ganz uneigennützig, weil ich unbedingt zum Canyoning gehen wollte, aber Canyoning dauert tatsächlich mindestens dreimal so lange wie Rafting (3h im Fluss statt nur 1h).

Hier jemand, der die nasse Route bevorzugt.

Die Gruppe bestand am Ende aus fünf der Teenagern plus einer weiteren Freundin sowie einem Deutschen und einer Schweizerin, die sich der Gruppe kurzfristig anschlossen. Drei Frauen waren in der Gruppe, mich nicht mitgezählt. Claude, der aus den französischen Pyrenäen stammt, sich aber als Weltbürger bezeichnet, spricht Spanisch, das für die Chilenen verständlich ist. Für mich weniger, aber von der Tour mit den acht Chileninnen wusste ich ungefähr, was er erzählte. Ich übersetzte seine Stoppelsprache ins Deutsche und half wieder beim Anziehen der Klettergurte.

An der Stelle ist eine Stufe, auf der man sich erstmal sammeln kann, wenn man möchte. Von oben versucht der nächste zu sehen, was auf ihn zukommt.

Bei den Abstiegen war ich jeweils die letzte; ich löste die Knoten, so dass wir das Seil nach unten abziehen konnten. Außerdem achtete ich darauf, dass sich die Teilnehmer richtig ins Seil einbanden. Dass ich die Knoten löste heißt nicht, dass ich ungesichert abgestiegen bin, im Gegenteil. Das Seil ist ungefähr in der Mitte am Baum befestigt, beide Enden führen nach unten. Das Seil ist dabei (meist) einmal um den Baumstamm gelegt und ein Karabiner und zwei Knoten verhindern, dass es abgezogen werden kann. Claude und die Tourteilnehmer nehmen jeweils einen der beiden Stränge. Während einer absteigt, kann sich der nächste schon in das andere Seil einhängen. Wenn ich die Knoten löse, kann man das Seil abziehen, indem man an einem der beiden Enden zieht. Daher nehme ich beide Seilstränge, um mich einzuhängen. Das erhöht die Reibung und ich muss mehr mit der rechten Hand arbeiten, um absteigen zu können. Unten angekommen, hänge ich mich aus und das Seil kann problemlos abgezogen werden.

Der Wasserdruck ist erträglich, zumindest wenn man nicht gerade wie ich das Schienbein voller blauer Flecke hat...

Ich habe nicht sonderlich viel Klettererfahrung, außerdem steige ich lieber auf als ab. Trotzdem war und bin ich immer noch erstaunt, wieviele Fehler man beim Absteigen machen kann. Der größte und häufigste Fehler ist, dass sich die Leute nicht ins Seil lehnen. Ins Seil lehnen heißt, sich so weit nach hinten zu lehnen, bis das gesamte Gewicht im Seil hängt. Das bewirkt zum einen, dass das Seil straff ist und man, wenn man denn fällt, nicht weit fällt. Zum anderen aber kann man gar nicht absteigen im wörtlichen Sinn, man läuft eher rückwärts die Felswand herunter: Die meisten Wasserfälle gehen mehr oder weniger senkrecht nach unten, mit mehr oder weniger glatt poliertem Fels. Ich bezweifle, dass sich selbst geübte Kletterer dort halten könnten. Trotzdem neigen viele dazu, den Körper senkrecht zu halten, weil das nunmal die vertraute Position ist. Aber nur wenn man selbst in der Horizontalen ist, hat man eine Chance, eine vertikale Wand abwärts zu laufen. Die gestrige Gruppe hat das nach den ersten Wasserfällen verstanden und die größeren Abstiege einigermaßen gut überstanden. Die heutige Gruppe… am letzten Wasserfall geht es erst gemütlich nach unten, dann wird es steiler bis zu einem gewissen Überhang. Von oben habe ich immer wieder daran erinnert, dass sie sich nach hinten lehnen sollen, aber schon zwei Schritte später waren sie wieder aufrecht, weil sie das Seil nicht mitgehen ließen. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn nach einem anfänglich flachen Abgang, bei dem die Beine aus dem Sichtfeld verschwinden, plötzlich der Oberkörper und darüber der blaue Helm absackt und ebenfalls verschwindet.

Bei meinem zweiten Abstieg an diesem Wasserfall nehme ich die trockene Route, einfach zum Ausprobieren. Die ist am Anfang etwas schwieriger, auch weil man mehrmals seitlich queren muss. Dafür kann man die untere Hälfte mehr oder weniger springend herablaufen. Oder sich im Sitzen ablassen, wenn man weggerutscht ist und keinen sicheren Kontakt zur Wand mehr bekommt.

Ein zweiter Fehler tritt vor allem am Anfang auf: manche Leute wollen die Wasserfälle vorwärts heruntergehen. Ist ja viel einfacher, man sieht, wo man hintritt. Die ersten Wasserfälle sehen auch trügerisch vertrauenerweckend aus. Dumm nur, dass dann bei einem, nein, bei dem sicheren Sturz das Seil einfach durch die Sicherung durchläuft und dementsprechend den Sturz nicht auffängt.

Jetzt komme ich...

Die vierköpfige Familie heute hatte aber auch noch ein anderes Problem mit der Sicherung, das ich ihnen nicht so richtig austreiben konnte. Die Sicherung besteht aus einer so genannten Acht, die mit einem Karabiner im Klettergurt eingehakt ist. Die Acht heißt Acht, weil sie wie eine Acht aussieht. Sie besteht aus Metall und trägt bis zu 2500 kg. Die eine Schleife hängt im Karabiner, durch die andere wird das Seil geführt (für die Nichtkletterer: bei Wikipedia findet man unter Abseilachter ein paar Fotos und weitergehende Erklärungen; für die Kletterer: es geht um die schnelle Acht, die verwendet wird um die höhere Reibung durch das nasse Seil auszugleichen) Das Seil führt außerdem durch den Karabiner. Beim Abseilen verläuft das Seil also folgendermaßen: Oben ist es an einem Baum o.ä. befestigt, verläuft dann durch Acht und Karabiner, und wird dann mit der rechten Hand an der Hüfte nach unten gehalten. Die Umlenkung durch die Acht erzeugt so große Reibung, dass man sich problemlos mit der einen Hand halten kann. Solange man die Hand natürlich nicht vom Seil nimmt – für einen solchen Fall steht jemand (bei uns Claude) unten mit dem Seilende in der Hand, das er bei einem Sturz sofort straff zieht. Wenn sich der Absteiger ordentlich ins Seil gelehnt hat, ist die Fallhöhe nur wenige Dutzend Zentimeter. Schlimmer als der Sturz ins Seil an sich ist meist, dass man auch mal zur Seite pendelt und sich durch den Neoprenanzug hindurch ein paar blaue Flecke holt.

Wenn man – wie viele der Anfänger – mit der linken Hand versucht das Seil auf Brusthöhe zu halten, verschwendet man nicht nur unnötig Kraft, sondern läuft auch Gefahr, sich die Hand zwischen Seil und Fels einzuklemmen. Heute habe ich auch jemanden dabei gehabt, die die linke Hand permanent an die Acht gelegt hat. Alles Zureden half nichts, und ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass sie sich die Hand einklemmt (zweimal passiert), bis ich ihr vor dem letzten Wasserfall nocheinmal mit Nachdruck die linke Hand auf das Seil unterhalb der Acht gelegt hab. Die gleiche Person hat sich auch wunderbar ins Seil gelegt, nur um vor Angst die Knie einzuknicken. Zweimal hat sie so das Gleichgewicht verloren, ist ins Seil gestürzt und hat sich dabei das Bein (!) unter dem Seil, das von oben kommt, eingeklemmt. Man kann also eine Menge falsch machen, beim Canyoning.

Ich selbst habe mir bei der ersten Tour die rechte Hand aufgeschrammt, weil ich nach rechts gependelt bin und das Seil ordnungsgemäß festgehalten habe. Fast eine Woche lang bekam ich Witze zu hören, weil meine blutigen Knöchel aussehen, als hätte ich jemanden verprügelt. Ansonsten ist Canyoning für mich zur Abwechslung mal eine verletzungsarme Sportart. Nicht mal Sonnenbrand habe ich bekommen, obwohl ich ohne Sonnencreme fünf Stunden in der Mittagszeit unterwegs war. Vielleicht sollte ich das öfter machen, aber leider bricht unser Canyoningführer morgen nach Patagonien auf. Das heißt, heute war vermutlich mein drittes und letztes Mal hier in Pucón.

Geschafft! Die Fotos haben übrigens die Tourteilnehmer mit meiner Kamera gemacht, die Claude in einem Segelsack transportiert hat.

Den gestrigen Abend habe ich übrigens auf dem Bierfest verbracht. Ganz richtig, dem Bierfest Pucón, nur ein weiteres Detail im großen Einfluss der deutschen Einwanderer. Es gab auch tatsächlich Bier zu trinken, aber vor allem Live-Musik. Bei Gelegenheit werde ich noch ein wenig über chilenische Musik und die deutschen Einflüsse schreiben, an dieser Stelle sei nur gesagt: eine jubelnde und tanzende Menge vor einer minimalistischen Bühne, die Berge in der Umgebung von den Sternen und dem fast vollen Mond beschienen, und die Band spielt Musik mit (mir) unverständlichem Text aber rassigen Rhythmen.

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

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