30.01.2014 Santuario El Cañi

4. February 2014

Der Wecker riss mich viel zu früh aus dem Schlaf. Ich kramte meine sieben Sachen zusammen, fand kein Brot zum Frühstücken und brach entsprechend eher auf um dem Supermarkt noch einen Besuch abzustatten. Ich brauchte ohnehin noch ein paar Kekse als Marschverpflegung, insofern machte ich keinen Umweg. Kurz nach zehn war ich am Busbahnhof und tat mich an den frisch gekauften Baguettebrötchen gütlich. Nach zehn Minuten kam der Bus, weitere zehn Minuten später und fast fünfzehn Minuten später als verabredet kam auch Nacho. Der Bus sollte 10:30 fahren, ich schätze, gegen 10:40 fuhren wir auch tatsächlich los.

Am Eingang zum Naturreservat. "El Cañi" bedeutet in der Sprache der Mapuche, Chiles Ureinwohner, soviel wie "Visión que transforma", oder "Die Vision, die verändert". Das private Reservat wurde 1992 gekauft, um das Gebiet vor der Holzindustrie zu retten.

Kurz nach 11 erreichten wir den Eingang zum Reservat. Genau genommen ist es kein Reservat, sondern ein privat eingerichteter Schutzbereich (“Santuario”), in dem die Schutzbestimmungen noch mal eine Spur schärfer sind als im Nationalpark. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass Bäume, die auf den Weg fallen, nicht weggeräumt werden, sondern bestenfalls wird eine Scheibe aus dem Stamm herausgeschnitten, so dass der Weg wieder passierbar wird. Auf dem Weg trafen wir immer mal wieder Kühe und Schafe an, Baden in den Lagunen ist ohnehin verboten. Anders als der Nationalpark hat El Cañi nur einen einzigen Wanderweg und einen alternativen Rundweg, aber weil das Reservat viel kleiner und unbekannter ist, trifft man dort deutlich weniger Leute an. Der Bus war nicht mal halbvoll, und mit uns stiegen an der Haltestelle noch zwei Pärchen aus. Später trafen wir noch zwei oder drei weitere Grüppchen, die mit dem Auto angereist sein müssen, das muss dann aber auch schon der ganze Besuch für den Tag gewesen sein. Wer mal auf der Karte schauen will: El Cañi ist der kleine grüne Fleck zwischen den Nationalparks Huerquehue und Villarrica, etwas östlich von Pucón.

Unser erster Rastplatz, die Refugio Aserradero ("Sägeschuppen").

Am Eingang des Santuarios bezahlten wir unsere 3000 Pesos Eintritt (etwa 5 EUR), und bekamen einen A4-Ausdruck einer rudimentären aber völlig ausreichenden Wanderkarte in die Hand gedrückt. Dann bekamen wir den Weg ausführlichst erklärt, mit Zeitangaben für jeden Abschnitt des Wanderweges. Anschließend trugen wir uns in eine Liste ein, aus der wir uns bei Verlassen des Santuarios auch wieder austragen sollten. Dann stapften wir los.

Weiter geht´s durch Märchenwald, der an den Nationalpark Huerquehue erinnert.

Als wir aus dem Verwaltungshäuschen traten, zeigte uns ein weiterer Mitarbeiter nochmal den Anfang des Weges. Als wir endlich auf den Schotterweg (was sonst…) traten, auf dem ein Pfeil in die Richtung des Wanderwegs wies, kam ich mir schon wie im Kindergarten vor. Der Schotterweg, auf dem wir uns befanden, sollte etwa 15 min dauern und zum Beginn des eigentlichen Wanderwegs führen. Nacho legte ein ordentliches Tempo vor, das ich gerade so halten konnte, und an der Weggabelung, an der wir nach rechts in den Santuario einbiegen mussten, forderte ich erstmal eine Pause ein, um die Hälfte meiner Sachen abzulegen und meine Hosenbeine hochzukrempeln.

Dieses Pflänzchen hört auf den Namen Asteranthera und findet sich nur in den feuchten Wäldern hier in diesen Breiten in Chile und Argentinien.

Diesen Trompetenrüssel habe ich im Cañi häufig gesehen, konnte aber nicht rausfinden, wie er heißt.

Eine Loasa, ebenfalls nur in Chile und Argentinien anzutreffen.

Die Wettervorhersage sah für den Vormittag leichte Bewölkung vor und für den Nachmittag Regen. Wir hatten kurz überlegt, den früheren Bus zu nehmen, aber keiner von uns beiden hatte Lust, am freien Tag um 6 Uhr aufzustehen. Also hatten wir beide Regensachen eingepackt und hofften, dass der Nachmittag der Wettervorhersage so spät wie möglich anfangen würde.

Wegen der grauen Vorhersage hatte ich nicht mal Sonnencreme eingepackt. Zeitweise machte ich mir Sorgen, dass ich mich verbrennen würde, aber wir blieben zum Großteil im Wald und so verbrannte ich mir diesmal ausnahmsweise nichts.

Nach der Abzweigung begann der Aufstieg. Der Weg war steil, bestand praktisch nur aus festgetretener Erde und in seiner Mitte schlängelte sich ein tiefer, aber trockener Wasserlauf entlang. Wenn wir hier runter müssten, während es regnet, würde es die reinste Schlitterpartie werden, dachte ich mir.

Der Aufstieg zog sich, Aussichtspunkte gab es wenig. Wir hielten nur selten an, und dann auch nur für einen kurzen Schluck. Nacho war mir immer ein paar Dutzend Meter voraus und ich beschäftigte mich damit, ihn dafür zu verfluchen. Irgendwann kamen wir auf eine Lichtung, an eine Holzhütte. Das war das auf der Karte angekündigte Refugio Aserradero. Wir setzten uns vor dem Eingang in den Schatten und machten Rast. Von innen kam jemand und wies uns darauf hin, dass es im Inneren Wasser gäbe. Wir hatten zu dem Zeitpunkt aber jeder noch über einen Liter Wasser im Rucksack und wollten lieber das Gewicht unserer eigenen Rucksäcke reduzieren. Bis hierher hatten wir gerade einmal anderthalb Stunden gebraucht, etwas weniger als dreiviertel der angekündigten Marschdauer.

Nach Aufbruch ging es nochmal ein kurzes Stück bergan, dann endlich kamen wir in Araukarienwald und der Weg flachte ab. Nun begann der schöne Teil der Wanderung. Der Weg schlängelte sich durch ein Meer an Bambus, Araukarien, Südbuchen und vereinzelten bunten Blüten. Recht unvermittelt standen wir nach einem Weilchen vor einem großen See. Ich bestand auf einer kurzen Pause, um von einem idyllischen Schattenplätzchen aus die Aussicht genießen zu können. Zwei Minuten später brachen wir wieder auf, schließlich wollten wir bis ganz hoch zum Aussichtspunkt, möglichst bevor der Regen einsetzen würde.

Die Laguna Las Totoras. Am gegenüberliegenden Ufer grasen ein paar Kühe.

Der Weg führte weiter durch Märchenwald, wir sahen ein paar Vögel, die Umgebung war großartig. Als wir die nächste Lagune erreichten, suchten wir den Wegweiser zum letzten Anstieg. Nun kamen wir wieder ins Schwitzen, aber diesmal wurden wir von einer großartigen Aussicht zwischen den lichten Bäumen hindurch begleitet. Immer höher über die Lagunen stiegen wir auf, immer weiter in die Ferne konnten wir sehen.

Endlich erreichten wir die Spitze, die mit Felsbrocken übersät war. Von hier war die Aussicht umwerfend. Zugegeben, wir konnten nicht die Spitzen der umliegenden Vulkane sehen. Aber die hatte ich mittlerweile auch oft genug gesehen, ich fand den wolkenverhangenen Himmel viel spannender. Das Lichtspiel war grandios, die Sonne schien immer mal wieder auf die Felsen herab, und nach den obligatorischen Fotos legten wir uns auf die sonnenwarmen Steine. Nach einer knappen Stunde Faulenzen kamen die Wanderer, die mit uns im Bus hergekommen waren. Ich selbst hatte wie immer keine Uhr um, aber Nacho meinte, wir hätten nur knapp drei Stunden für den Aufstieg gebraucht, statt der angekündigten vier.

Der See im Norden ist der Lago Caburgua.

Rechts der Quetrupillán, links, unter dicken grauen Wolken versteckt, der Lanín. Im Vordergrund einige Araukarien.

Die Araukarien aus der Nähe. Man sieht sie nicht oft so nah von oben...

Rechts von mir ist der Villarrica in den Wolken versteckt. Die Lagune weiter im Vordergrund ist die Laguna Negra.

Hinlegen und Beine hoch, mit dem Panoramablick von oben... Der Wind pfiff ein wenig um die Steine, aber mit Weste und Regenjacke ließ es sich eine Stunde lang aushalten.

Kurz nachdem die anderen angekommen waren, zogen immer dichtere Wolken über die benachbarten Berghänge und schon bald bekamen wir die ersten Tropfen ab. Wir schnappten unsere Rucksäcke und machten uns an den Abstieg. Zurück an den Lagunen war der Regen immer noch sehr fein und wir beschlossen, den alternativen Weg um die anderen Lagunen herum auch noch zu gehen.

Die Wolken kommen...

Die Lagunen waren großartig. Immer wieder standen wir am Ufer eines kleinen flachen Sees, der von Gras, totem Holz und Araukarienwald umgeben war. Ab und zu stießen wir auf ein paar Enten, und immer wieder tauchte der Weg zurück in den Märchenwald um später an einer anderen Lagune herauszukommen.

Als wir an der Laguna Escondida (die versteckte Laguna) waren, entschieden wir, dem grünen Weg zu folgen. Von der Entfernung her würde es keinen Unterschied machen, welchen Weg wir nahmen, so konnten wir aber noch ein paar Lagunen mehr entdecken. Mittlerweile nahm der Regen immer mehr zu. Den kleinen Abstecher zum Krater machten wir auch noch – diese Lagune lag tatsächlich im Krater eines längst verloschenen Vulkans.

Das ist ein Hued Hued, die chilenische Variante des Kuckucks, denn er ruft die ganze Zeit "uettuett".

Der Weg war zuletzt immer schmaler geworden, teilweise mussten wir uns regelrecht durch die Büsche schlagen. Der Regen von oben war gar nicht so stark, außerdem trugen wir Regenjacken und hatten Hüllen für die Rucksäcke dabei. Regenhosen dagegen hatte keiner von uns beiden. Und so dauerte es nicht lange, bis sich unsere Hosen mit dem Wasser von den Büschen vollgesogen hatten. An der halbausgetrockneten Laguna El Carpintero bemerkte ich, wie Nacho das Wasser in den Schuhen schwappte, und meine Trekkingschuhe fingen auch langsam an durchzuweichen. Ein Blick auf die Karte wurde immer schwerer, weil sich das völlig durchnässte Papier kaum mehr zerstörungsfrei auseinander falten ließ. Nebeneinander laufen ging schon lange nicht mehr, und so stapfte ich zügig hinter Nacho her, der immer mal wieder auf mich warten musste. An einigen Stellen war der Weg eigentlich nur noch mit dem sechsten Sinn erkennbar, manchmal mussten wir über vom Regen glitschig-nasse Baumstämme klettern.

Kein Weg sichtbar? Fand ich auch. Wenn ich nicht gerade über die Baumstämme geklettert wäre, hätte ich auch nicht geglaubt, dass dort ein Weg langführt.

An der Laguna Las Mellizas ("Die (zweieiigen) Zwillinge", umgeben von einem wabernden Wolkenmeer (Bild oben und unten).

Ein verrottender Araukarienstamm am Ufer der Laguna El Carpintero ("Tischler").

Als wir wieder auf den Hauptweg stießen, wichen die Büsche endlich zurück, aber unsere Hosen waren tropfnass. Meine Socken waren durchgeweicht, aber zumindest lief mir das Wasser nicht zwischen den Zehen hindurch. Schweigend gingen wir so schnell wie möglich den Weg entlang. An der ersten Lagune warf ich noch schnell einen Blick zurück. Auf dem Hinweg hatte ich gehofft, hier länger Rast machen zu können. Nun war hier nur ein dichter Wolkenschleier, der wenig zum Verweilen einlud. Noch etwa eine Viertelstunde, dann kam der kurze Abstieg zum Refugio. Der Weg war glitschig, und entsprechend langsam kam ich voran.

Kurz vor dem Refugio.

Im Refugio, kurz vor Aufbruch.

Aus dem Dach des Refugio kam Qualm, und wir betraten die Hütte. Drinnen brannte ein Feuerchen, und vier Personen verteilten sich in dem großen Raum. Ich setzte mich erschöpft auf eine der Holzbänke und genoss, mich vorläufig nicht mehr bewegen zu müssen. Die letzten zweieinhalb Stunden hatten wir keine Rast mehr gemacht. Wir zogen unsere Regenjacken, Schuhe und Socken aus und ließen unsere Hosen trocknen. Ich teilte meine letzten Kekse, einer der anderen Gäste bot uns Tee an. Nach einer halben Stunde kamen zwei Familien an, mit kurzen Hosen, völlig durchnässt und ziemlich fertig. Die Tochter erzählte, dass sie dreimal gefallen war. Nacho bekam noch einen Schluck Schnaps, ich drängelte zum Aufbruch. Der Busfahrer am Morgen hatte gesagt, dass der Bus nach Pucón um 5, um 7 und 9 vorbei kommen würde. Wir wollten gern den Bus um 7 erreichen, aber mittlerweile war es schon weit nach 6. Je länger wir warteten, umso mehr graute mir vor dem Abstieg.

Kurz vor halb sieben brachen wir endlich auf. Wir rannten halb den Berg hinunter und überholten schon bald die beiden Familien, die vor uns aufgebrochen waren. Dann wurde der Weg steiler und steiler… und vor allem matschiger. Ich war froh, dass ich meine Trekkingschuhe anhatte, trotzdem gab es Stellen, an denen ich mich vorher erstmal sammeln und tief Luft holen musste. Mit jedem Schritt nach unten spürte ich meine Prellung an der Hüftung, nach einem Sturz auf die linke Seite würde ich vermutlich nicht so schnell wieder aufstehen.

Steil und matschig, und das nach etwa sieben Stunden unterwegs...

Der Weg war endlos. Ab und zu sah ich Nacho, der auf mich wartete, dann war er schon wieder hinter der nächsten Serpentine verschwunden. An besonders glatten Stellen wich ich in das Bett des Wasserlaufs aus. Das war zwar auch glitschig, enthielt aber ein paar Steine, die ein wenig mehr Reibung für meine Schuhe boten. Ich habe ohnehin eine Abneigung gegen Abstiege, aber dieser war die Hölle. Weil wir den Bus erreichen mussten, konnte ich nur ganz kurze Verschnaufpausen einlegen, wenn die Knie anfingen zu zittern. Mir brannten die Oberschenkel.

Dann kam der Schotterweg in Sicht. An der Weggabelung eröffnete mir Nacho, dass es fünf vor sieben sei. Also aktivierte ich die letzten Überreste meiner Kraftreserven und joggte mit ihm ein Stück. Mit 2seiner Energie schien es auch nicht mehr weit her zu sein, und so legten wir die letzte Hälfte des Weges in flottem Trab zurück. Noch schnell aus dem Buch austragen, fünf nach sieben standen wir an der Bushaltestelle.

Ich ließ kurz den Schweiß auf meiner Haut trocknen, dann zog ich alles an, was ich an Kleidung mithatte. Meine kraftlosen Finger zogen mit Mühe mein drittes Baguettebrötchen vom Morgen aus dem Rucksack. So ein halbes Brötchen für jeden ist nicht viel, kann aber ungemein glücklich machen. Dazu noch ein unreifer Apfel vom Baum auf der anderen Straßenseite, und wir würden noch ein Weilchen durchhalten können. Nach einer Viertelstunde fiel mir auf, dass ich meine Regenhülle vom Rucksack verloren hatte. Ich joggte ohne viel Hoffnung zum Eingang des Santuarios zurück, fand meine Hülle dort aber tatsächlich. Weiter hätte ich mich auch nicht getraut, denn der Eingang war einige hundert Meter von der Straße entfernt und außer Sichtweite. Wir warteten nochmal eine halbe Stunde, so langsam machte sich Müdigkeit und Kälte breit. Es goss immer noch in Strömen.

Ich erfuhr, dass Nacho Physiotherapie studiert, und noch zwei Jahre vor sich hat. Als Bergführerassistent arbeitet er nur im Sommer. Physiotherapeuten müssen massieren können, und so überredete ich Nacho, mich zu massieren. Mit Erfolg: In dem Moment, als ich meine Regenjacke auszog, kam der Bus, es war kurz vor acht.

Auch gut, so bekam ich meine Massage eben im einigermaßen warmen Bus. Auf der zweiten Hälfte der Fahrt massierte ich Nacho, dann waren wir in Pucón. Wir schleppten uns – ok, ich schleppte mich, Nacho trabte fröhlich neben mir her – zum Volcamburguer, um eine ausgefeiltere Entscheidung zu treffen fehlte mir die Energie. Der Burger war herrlich, am Ende musste ich tatsächlich kämpfen, um ihn zu schaffen.

Anschließend ging Nacho noch zum Grillen, ich selbst haute mich erstmal ins Bett. Ruben hatte mich angerufen, als wir gerade auf der Hütte waren, wir wollten noch tanzen gehen. Eine Stunde, nachdem ich mich schlafen gelegt hatte, und nach einigen Wirrungen trafen Ruben und ich in einer Bar auf Nacho und seine Freunde. Als Nacho noch ein weiteres Bier bestellte und keinerlei Anzeichen zeigte, demnächst tanzen gehen zu wollen, brachen Ruben und ich zu zweit auf. So richtig fündig wurden wir in dieser Nacht aber nicht, überall wo wir waren, war der Anteil an elektronischer Musik ekelhaft hoch. So waren wir am Ende nicht mehr allzu lange unterwegs, trotzdem war ich am nächsten Morgen so breit wie schon lange nicht mehr.

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