29.01.2014 Nachmittagsklettern

3. February 2014

Schon seit Tagen fragte mich Nacho, der formell Ignacio heißt, ob und wann ich mit ihm klettern gehen wollte. Natürlich wollte ich, nur brauchte ich dafür etwas mehr Zeit als zwischen meinem normalen Arbeitsende um 6 und dem Sonnenuntergang um 9. Also überredete ich meinen Chef, mich am Mittwoch anderthalb Stunden eher gehen zu lassen.

Kurz vor vier kam Nacho tatsächlich und versprach, mir in einer halben Stunde einen Gurt und ein Fahrrad mitzubringen. Halb 5 bekam ich eine SMS, dass es noch ein Weilchen dauern würde, weil er noch ein Fahrrad für mich auftreiben müsste. Kurz nach 5 rief er im Büro an und Viertel 6 kam er dann ins Büro.

Wir liehen uns einen Helm aus unserer Ausrüstung, ich entleerte meinen Rucksack noch schnell zu Hause, stellte den Fahrradsattel auf einen vernünftige Höhe und dann strampelten wir los.

Zwei Kletterstellen sollte es geben, eine mit vielen Routen aber anderthalb Fahrradstunden entfernt, und eine mit einer einzelnen Route, dafür aber nur 20 Minuten entfernt. Angesichts der Uhrzeit entschieden wir uns für die nähere Strecke.

Wir fuhren, nein, flogen die Straße entlang, ich konnte einigermaßen Nachos Tempo mithalten. Viel früher als erwartet bogen wir auf eine der Schotterstraßen und kurz darauf in einen kleinen Seitenweg. Der führte durch dichtes Gestrüpp, und in dem Pfadgeflecht, dass nun kam, hätte ich mich garantiert dreimal verfahren. Haarscharf an Uferkanten vorbei, durch zwei Tore, die schmaler waren als die Lenkerstange breit, und tief gebückt unter herabhängenden Zweigen hindurch. So langsam verstehe ich, warum praktisch alle Fahrräder hier Mountainbikes sind.

Am Ende stellte sich heraus, dass der Weg eine Alternative zu der Strecke war, die ich am Samstag mit Ruben gefahren war – wir überquerten die gleiche Brücke, bogen in den gleichen Schotterweg. Nach einigen hundert Metern allerdings bogen wir wieder ab. Vorbei an Holzhütten und schiefen Zäunen, kam irgendwann wieder freie Schotterstraße in Sicht. Ich wollte mich gerade einen Anstieg hochstrampeln, als ich Nacho hinter mir pfeifen hörte.

Einen kaum sichtbaren Schleichpfad entlang bewegten wir unsere Fahrräder, halb schiebend, halb fahrend. Nach einem Stück über struppiges Feld sah ich dann endlich eine Felswand, die kletterbar aussah.

Wir legten unsere Fahrräder in den Schatten und zogen die Gurte an. Dann stieg Nacho einen Trampelpfad nach oben, um das Seil zu befestigen. Das dauerte geschätzt eine halbe Stunde, dann kam er endlich runter. In der Zwischenzeit schaute ich mich um und langweilte mich. Felswand vor mir hatte eine Neigung von etwa 70-80 Grad, aber auch einige senkrechte Stufen. Insgesamt war sie knapp 30m hoch. Auf den ersten paar Metern gab es schöne große Griffe und Tritte und ich befürchtete schon, dass ich in wenigen Minuten oben sein würde.

Die kleine, aber feine Kletterstelle, etwa 30m hoch. Rechts unten Nacho.

“Ladies first”, sagte Nacho, und ich fing an, das Seil in meinen Gurt zu knoten. Nach vier Versuchen und lautem Fluchen meinerseits zeigte mir Nacho den Knoten, dann kletterte ich los. Die ersten paar Meter waren tatsächlich sehr einfach, dann kam die erste steilere Stelle, an der meine Füße keinen genügend großen Halt fanden. Nach einigen vergeblichen Versuchen schaffte ich es doch weiter und erreichte bald darauf den großen Absatz. Oder zumindest das, was man so als großen Absatz bezeichnet, wenn man sich vorher auf Fingerspitzen vorwärts bewegt hat.

Danach kam eine hässliche Kante, leicht überhängend und mit riesigem Abstand zwischen den Griffen. Irgendwie habe ich mich hochgehangelt und bin dann den nächstbesten Tritten gefolgt. Ich sah, dass an der Wand vor mir keine Griffe waren, aber ich kam auch nicht weiter nach rechts. Also stemmte ich mich breitbeinig zwischen zwei Seitenwänden hoch. Zwischenzeitlich rutschte ich wieder ein Stück zurück zum letzten Tritt. Nach dem nächsten halben Meter,den ich mich hochgearbeitet hatte, war der Fels blank und obwohl ich mit den Fingern versuchte mich zu halten, rutschen meine Schuhe unaufhaltsam nach unten.

Nachdem ich nun eh im Seil hing, beschloss ich, mich nach rechts rüberzuhangeln. Gedacht, getan, noch ein paar Klimmzüge, dann konnte ich den letzten Meter zur Seilhalterung praktisch laufen und ließ mich endlich abseilen.

Das erste Stück ist vergleichsweise einfach.

Unten angekommen, begutachtete ich kurz meine Kratzer am linken Bein, trank einen Schluck Wasser, dann war Nacho an der Reihe. In gefühlt fünf Minuten war er oben, und kletterte gleich ein zweites Mal hoch. Ich schaute mir seine Route an, um bei meinem zweiten Versuch nicht wieder im Nirgendwo hängen zu bleiben.

Bei meinem zweiten Versuch lieh ich mir Nachos Kletterschuhe. Die waren mir zwar zwei Nummern zu klein, dafür hatten sie deutlich bessere Haftung am Fels als meine Trekkingschuhe. Bis zur ersten Kante konnte ich fast mühelos hochklettern. An dem Überhang knabberte ich nochmal, doch diesmal hielt ich mich gleich danach weiter rechts. Die Stelle war nicht einfach, aber hatte einige Griffe, an denen ich mich hocharbeiten konnte. Etwa auf der Höhe, auf der ich zuvor ins Seil gerutscht war, blieb ich wieder stecken. Ich nutzte eine der Ösen, die eigentlich fürs Sichern beim Toprope-Klettern gedacht waren, als zusätzlichen Griff und kam damit bis zum letzten Absatz. Nochmal kurz anstrengen, dann war ich an der Halterung. Diesmal war ich um einiges schneller gewesen als beim ersten Mal, aber noch nicht so recht zufrieden. Die Öse gehört schließlich nicht zum Fels.

Nachdem Nacho noch zweimal geklettert war, machte ich mich an meinen dritten Aufstieg. Nicht immer elegant, aber diesmal ohne zu Schummeln gelangte ich oben an, während hinter mir die Sonne unterging. Oben angekommen, löste ich die Kamera vom Gurt und machte vorsichtig ein paar Fotos vom Vulkan und der untergehenden Sonne, dann ließ ich mich zum letzten Mal abseilen. Als ich unten war, klopfte ich den Staub von mir ab und zog mir einen Pullover über.

Sonnenuntergang am Villarrica...

Ich sicherte Nachos Aufstieg ein letztes Mal, dann löste er das Seil während ich mir unten eine blutige Schlacht mit den Mücken lieferte. Ich trug etwa fünf bis sechs Stiche davon, und genauso viele Mücken habe ich nach und nachvon meiner Handfläche gekratzt.

Wir packten zusammen, schnappten die Fahrräder und suchten unseren Weg durch das Stoppelgras. Mittlerweile war es schon ziemlich dunkel, der Sonnenuntergang hier ist etwas schneller als in Deutschland.

Wenn man genau hinschaut, kann man zwischen den Zweigen Nacho erkennen. Aber ich geb zu, dass das kein besonders gutes Foto ist. Auf dem Fels stand es sich nicht sonderlich bequem...

Habe ich schon erwähnt, dass wir mit Mountainbikes unterwegs waren? Ohne Licht natürlich?

Ich fuhr langsam die kurze Abfahrt auf der Schotterstraße herunter, immer hinter Nacho her. Von dem, was dann geschah, habe ich mir hinterher vieles zusammen gereimt, an manches erinnere ich mich sogar.

Mein Vorderrad geriet in eine schmale Senke, von abfließendem Wasser tief in die Straße gegraben worden war. Das Hinterrad bewegte sich ungebremst weiter, und am Ende lag es entgegen der Fahrtrichtung am Straßenrand. Darunter lagen meine Beine, meine Oberkörper landete unsanft im Straßengraben. Ich bekam einen Schlag ins Gesicht und schmeckte Blut. Beim Aufrichten spürte ich die stacheligen Pflanzen unter mir, die meinen Sturz abgefedert hatten.

Ich sortierte meine Glieder, schloss erleichtert ernsthafte Verletzungen aus und sammelte mich kurz.
Eine spätere Bestandsaufnahme sollte eine zerbissene Unterlippe, zwei monströse blaue Flecken am linken Bein und an der Hüfte, mehrere Dornen in der rechten Handfläche, Kratzer am Brustkorb (ja, durch Pullover und T-Shirt hindurch) und zwei ordentlich zerbeulte Knie ergeben.

Ich lief zu Nacho, der ein paar hundert Meter weiter auf mich wartete. Wir fuhren langsam Richtung Pucón und einem heißersehnten Abendessen entgegen. Wir stellten die Fahrräder im Vorgarten meiner Gastgeber ab, die Sättel deponierten wir im Haus. Dann gingen wir in das Restaurant gegenüber von meinem Büro, dem “Volcamburguer”. Während wir auf unsere Burger warteten, nutzte ich die Toilette für eine Grobreinigung.

Der Burger war großartig, wenn auch die salzigen Fritten auf der Unterlippe brannten. Chilenische Burger sind flach, haben aber einen Durchmesser wie ein zünftiger nordamerikanischer Burger. Neben den üblichen Zutaten Fleisch, Tomaten, Mayonaise, zeichnen sich die Burger hier durch eine Schicht geschmierte Avocado aus. Außerdem gibt es zum Essen je ein kleines Schälchen mit Ketchup, chilenischem Senf und grüner Chilipaste, die aber nicht sonderlich scharf ist. Das Ganze für etwa 5 EUR, also vergleichbar mit europäischen Preisen. Leitungswasser gibt es kostenlos dazu, und für Europäer verträglich ist es auch.

Während des Abendessens sprachen wir über meine Pläne für den kommenden Tag, meinen freien Tag. Ich hatte eigentlich ganz einfallslos vor, mir endlich mal die Nachbarstadt Villarrica anzuschauen. Aber dann erinnerte mich Nacho an die Existenz des Reservates “El Cañi”. Er selbst würde auch frei haben, und so hab ich ihn überredet, mit mir zum Reservat zu fahren.

Gegen Mitternacht verließen wir das Restaurant und machten uns auf den Weg zum Busterminal, von dem aus Busse zum Cañi fahren – dasselbe, an dem ich auf meinen Bus zum Nationalpark gewartet hatte. Das Terminal hatte jedoch schon zu, und die Busfahrpläne hingen natürlich drinnen. Nach kurzem Zögern kletterte ich kurzentschlossen über den Zaun und lief zu den Fahrplänen. Zurück auf der anderen Seite, verabredeten wir uns für den Bus 10:30 Uhr zum Reservat. Nacho brachte mich noch nach Hause, holte seine beiden Fahrräder, dann duschte ich noch schnell und schlief schon,bevor mein Kopf das Kissen erreichte.

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

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