22.01.2014 Mordedura de Perro, Parte II

23. January 2014

Wer bei der Lektüre schon Angstzustände bekommen hat, sollte hier schnell weiterlesen. Es reicht, dass ich eine schlaflose Nacht hatte.

Sie war nicht ganz schlaflos, aber viel schlafen konnte ich tatsächlich nicht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich nachts kurz wach werde, aber normalerweise drehe ich mich um, und hab bis zum Morgen wieder vergessen, dass ich wach war. Diesmal kam unmittelbar nach dem Aufwachen aber die Erinnerung an den Angriff wieder, und die Wut, die ich nicht auslassen konnte. Daher schwenkten meine Gedanken schnell auf das Szenario, wie ich mit einem Knüppel in der Hand auf die Hunde, vor allem den einen Hund, losgehe. Ich feilte an dem Plan, überlegte mir, wo ich einen geeigneten Knüppel auftreiben könnte, überlegte, dass ich die Hunde möglicherweise nicht gleich morgen antreffen würde, aber den Knüppel würde ich trotzdem immer dabei haben. Vielleicht sollte ich auch lieber einen Stock nehmen, den kann ich zumindest unauffälliger mit mir herumtragen. Oder einen Stock mit einem scharfen Messer unten. Aber der wäre schwieriger zu transportieren.

Sicherer wäre natürlich, zur Polizei zu gehen, und eine Meldung zu machen. Dann bestünde nicht die Gefahr, dass ich noch ein paar Bisse mehr abbekomme. obwohl, wenn der Hund Tollwut hatte, dann ist es ohnehin egal, dann macht ein Biss mehr oder weniger auch keinen Unterschied mehr. Und wenn die Polizei nichts unternimmt, kann ich mir immer noch einen Knüppel besorgen.

Soweit der Stand von mitten in der Nacht. Ich hatte auch einige klare Gedanken. Zum Beispiel kam mir komisch vor, dass die vier Hunde zusammen auf mich losgegangen sind, streunende Hunde sind eher Einzelgänger. Mir fiel wieder ein, dass John [Kollege] erzählt hatte, dass ungefähr an der Stelle, an der ich angefallen wurde, ein Mann wohnt, dessen Hunde für ihre Aggressivität bekannt sind, und der schon häufiger von seinen Mitbürgern ermahnt wurde, besser auf seine Hunde aufzupassen. Jetzt fiel mir auch auf, dass die Hunde vor mir nicht einfach nur geflüchtet waren, sondern recht zielstrebig auf dieses Grundstück gelaufen waren. Und zwar beide Male, und auf einem relativ engen Pfad. Kopfloses Einfach-nur-weg sieht anders aus. Wenn die Hunde zu dem Mann gehörten, bestand die Hoffnung herauszufinden, ob sie Tollwut hatten. Überhaupt, wenn sie dort wohnten, verringerte sich die Gefahr, dass ich ihnen an anderer Stelle begegnen konnte, und ich konnte die Stelle einfach meiden. Das befriedigte zwar nicht meine Rachegelüste, senkte das Risiko aber auf ein kalkulierbares.

Am nächsten Morgen fiel mir auf, dass ich eigentlich nichts über den Hergang wusste. Ich war erschrocken, wie wenig ich wahrgenommen hatte. Ich konnte nicht mal sagen, welche Farbe das Haus hatte, das auf dem Grundstück stand, auf das die Hunde flüchteten. Der Zaun, um den sie flüchteten – es war ein Lattenzaun und er grenzte direkt an den Fußweg, während das Hundegrundstück nur Rasen hatte. Die Farbe der Hunde von rechts – ich hatte keine Ahnung. Die beiden von vorn waren braun, und der Beißer hatte auf dem Rücken und vor allem im Schulterbereich noch einige schwarze Haare mit drin. Aber war der Angriff vor oder nach der Straßenecke Brasil/Lincoyán? Kamen von rechts zwei oder nicht doch drei Hunde? Wie sah das Haus aus? Würde ich den Hund wiedererkennen?

Ich hatte mich entschieden, es vor der Polizei erstmal bei der Oficina de Turismo zu versuchen, der Touristeninfo. Es schien mir der geeignete Ort um unverfänglich nachzufragen, was man denn in so einem Fall tun sollte. Tollwütige Hunde sind mit Sicherheit auch in Chile nicht gern gesehen. Erst recht nicht, wenn es einen Besitzer gibt, der das eigentlich verhindern sollte. Außerdem hoffte ich, dass die Leute in der Touristeninfo noch am ehesten Englisch sprechen würden – und, was ich in dem Moment gar nicht weiter berücksichtigte – die Municipalidad, die Stadtverwaltung, befindet sich direkt neben der Information.

Mein Plan mit dem Englischen ging natürlich nicht auf. Die ältere Frau, an die ich kam, verstand mich ein wenig, wenn ich langsam sprach. Also wechselte ich ins Spanische und nur wenn ich nicht weiter wusste, benutzte ich englische Wörter. Wenn ich Spanisch spreche, dann sind meine Sätze noch recht rudimentär.

Nachdem ich ihr kurz erklärt hatte, was passiert war und was ich nun tun sollte, ging sie zu einer Kollegin in der Ecke und hielt kurz Rücksprache. Dann kam sie wieder zu mir, und ich erklärte ihr nochmal mein Anliegen. Sie fragte mich, ob ich im Krankenhaus war und ich bejahte. Ein wenig irritiert fragte sie mich, was ich denn eigentlich wollte. Ich erklärte ihr nochmal, dass mich vor allem interessiert, ob der Hund Tollwut hat. Und ob ich den Angriff irgendwie melden müsste. Die Straße Lincoyán kannte sie, auch die Avenida O’Higgins, aber die Pasaje Chile irritierte sie. So richtig konnte sie noch nichts mit mir anfangen. Aber als ich sagte, dass mich vier Hunde angegriffen hatte, wenn auch nur einer zugebissen hatte, riss sie die Augen auf und dackelte wieder zu ihrer Kollegin.

Ich bin nicht sicher, was genau an dieser letzten Information den Auslöser gegeben hat, auf jeden Fall sagte sie mir, dass “inspectores de la municipalidad” unterwegs wären und ich auf sie warten sollte. Ich vermutete, dass das so was wie Tierärzte der Stadtverwaltung wären, und nickte. Es dauerte ein ganzes Weilchen, zwischenzeitlich bat ich, im Büro anrufen zu dürfen, dass ich später komme. Die Nummer kannte ich natürlich nicht, aber als gute Touristeninfo hatten sie meine Büronummer da.

Dann endlich kam eine rundliche Frau, die sich mit der Touristenfrau unterhielt. Ich war eher schmückendes Beiwerk und verstand nur einzelne Worte. Ich sollte noch weiter warten. Dann kam zwei junge Männer, mit Municipalidad/Stadtverwaltungsemblemen auf ihren Jacken. Alle vier berieten sich weiter, ab und zu beantwortete ich eine Frage. Zwischenzeitlich kam ein Mitarbeiter, der leidlich Englisch sprach. Da hatte ich aber schon so langsam mitbekommen, was sie vorhatten. Ob ich mit zu der Stelle kommen wollte und zeigen könnte, wo genau es passiert ist. Natürlich. Ich war mir sicher, das heißt, ich hoffte ich könnte sicher die Stelle bestimmen.

Wie stiegen in einen klapprigen Jeep und fuhren los, über die Avenida O’Higgins, die um diese Zeit zu Fuß schneller zu bewältigen ist. Dann bogen wir in die Parallelstraße, und kamen in der Brasil heraus. Wir drehten eine Extrarunde, dann bat ich, die Straße zu Fuß entlang laufen zu dürfen. Mit einem der beiden Männer lief ich dann bis zur Pasaje Chile (in der ich wohne), und zurück zur Brasil. Bis dahin standen nur Metallzäune und es war auch zu weit von der Avenida O’Higgins entfernt. Weiter Richtung O’Higgins dann kam der Lattenzaun wieder in Sicht, den ich schon vom Auto aus gesehen hatte, der aber anders aussah als in meiner Erinnerung. Es war aber der einzige Lattenzaun in dem gesamten Straßenzug und rechts neben ihm war Rasen. Dazwischen war zwar noch eine Einfahrt in der ein Wohnmobil stand, aber das stand so weit hinten, dass ich es vom Zaun aus um die Ecke und in der Hektik durchaus übersehen haben konnte. Das Haus musste es sein. Die Farben sagten mir nichts, aber das war mir ja schon vorher aufgefallen. Ich deutete auf das Haus. Der Jeep stand ganz in der Nähe.

Auf der Veranda vor dem Haus standen zwei Frauen, ich vermute Mutter und erwachsene Tochter. Mein Begleiter ging hin und sprach sie an, gleich darauf kam der andere Mann dazu. Die Frau von der Stadtverwaltung blieb im Auto.

Von dem folgenden Gespräch bekam ich nicht allzu viel mit. In der Zwischenzeit kam noch ein Mann dazu, vermutlich der Vater. Er fragte mich nach der Wunde, wann es passiert sein soll, alle drei Familienmitglieder blickten etwas ratlos drein. Etwas bekümmert, die Stadtmitarbeiter auch, irgendwann fragte ich, ob sie wissen, ob hier in der Straße jemand mit Hunden wohnt. Ich nahm an, dass sie nicht wussten, wo hier Hunde rumlaufen sollten. Ja, hier, war die Antwort.

Es stellte sich heraus, dass in oder vielmehr hinter dem Haus vier Hunde zu Hause waren, davon zwei braun, einer weiß, einer schwarz. Die bekümmerten Mienen auf allen Seiten waren darauf zurück zu führen, dass die Familie weder die vorgeschriebenen Papiere für die Hunde hatte noch eine Tollwutimpfung nachweisen konnten (sch….). In dem Gespräch bekam ich mehr und mehr mit, dass die Hunde irgendwie von der Familie getrennt werden sollten, die Frauen fragten nach den Umständen, unter denen sie sie zurück bekommen würden. Zwischenzeitlich war der Familienvater wieder gegangen. Einer der Stadtmitarbeiter schaute nach den Hunden und kam mit einem Handyfoto zurück, auf dem ein hellbrauner Hund und daneben ein weißer Hund zu sehen waren. So hell war der Beißer nicht gewesen. Dass ich mit dem Foto nichts anfangen konnte, schien nicht weiter zu stören, das Fehlen der Papiere und der Impfung war den Stadtmitarbeitern anscheinend gravierend genug.

Ich nagte immer noch an der Frage, ob der Hund tollwütig war und fragte nach, ob ich ihn sehen konnte. Ich durfte, und in natura kam mir der Hund schon deutlich bekannter vor. Auf dem Foto lag der Hund unter einem Dach, mit der Schnauze in hellerem Licht. Außerdem hatte er einen weißen Kranz um die Nase, der mir nicht aufgefallen war. Aber als ich mich vorbeugte, um den Hund von oben zu betrachten, hatte ich genau jenes braune Fell vor mir, das mit einzelnen schwarzen Haaren durchsetzt war. Die Größe des Tieres passte auch. Der Fall war geklärt.

Zurück in der rustikalen Empfangshalle, war das verbleibende Gespräch recht kurz. Mutter und beide Stadtmitarbeiter versuchten mir zu erklären, was eine Multa ist (das scheiterte nicht an meinem Verständnis, sondern daran, dass sie das Wort nicht umschreiben konnten). Außerdem nannten sie das Wort Infraccion und übersetzten es mit infraction ins Englische. Mit keinem dieser Worte konnte ich etwas anfangen.

Zurück im Auto gab ich den Stadtmitarbeitern meine Passkopie, die ich immer im Rucksack hab, und die Rechnung vom Krankenhaus vom Tag zuvor. Die Stimmung war jetzt deutlich gelöster als auf der Hinfahrt, meine Anschuldigung hatte sich anscheinend bestätigt. Außerdem trauten sie mir jetzt trotz meiner Multa-infleccion-Schlappe doch ein bisschen Spanisch zu. Im Touristenbüro warteten schon die Inspectores de Municipalidad auf uns. Die würden die Hunde auf Tollwut untersuchen. Sie sprachen kurz mit meinen Begleitern, dann brachen sie auf. Meine Begleiter kopierten meine Unterlagen, gaben sie mir zurück und schickten ihren englischsprachigen Kollegen zu mir. Er übersetzte mit meiner Hilfe was ich mir zum Großteil schon zusammengereimt hatte, teilweise brauchte er die Nachfragen gar nicht mehr übersetzen. Trotzdem war es gut, dass die Kommunikation jetzt zwei Richtungen hatte und ich auch mehr als drei Fragen stellen konnte. Ich brachte der rundlichen Stadtmitarbeiterin sogar noch zwei Worte Englisch bei, ein paar lose Brocken kannte sie doch. Das restliche Gespräch war trotz des Themas recht entspannt. Nur bei der Frage nach meiner Unterkunft kam ich ins Stocken. Ich wusste zwar die Adresse, aber nicht den Nachnamen der Familie, bei der ich wohne. Bei dem Namen “Eliana” jedoch stießen alle eine wissendes “Aaah” aus. Pucón ist klein.

Das Ergebnis dieser zwei Stunden: Hunde ohne jegliche Papiere und Impfnachweise zu besitzen ist auch in Chile eine Ordnungswidrigkeit (“infleccion”). Der Halter muss ein Bußgeld (“multa”) zahlen. Die Inspectores werden einige Untersuchungen vor Ort vornehmen, den Halter befragen. Am 27. Januar entscheidet ein Richter, ob der Halter die Hunde behalten darf, aber die Chancen stehen schlecht. Möglicherweise muss der Halter auch noch an mich zahlen, ich nehme an, das ist dann so etwas wie Schmerzensgeld, aber das war nur eine Vermutung eines der Mitarbeiter. Sie haben ja jetzt meine Adresse und wissen, dass ich noch ein Weilchen da bin, sie halten mich auf dem Laufenden. Ich brauch nicht weiter hierzubleiben. Wenn ich Fragen hab, kann ich natürlich jederzeit gern vorbei kommen.

Die Verabschiedung war chilenisch, das heißt mit Kuss auf die rechte Wange, ich habe mich bei den noch anwesenden Mitarbeitern für ihre Hilfe bedankt.

Was mir bis dahin noch gar nicht in den Sinn gekommen war: Die Hunde kannten die Bewegung, die einem Tritt vorausgeht, sie mussten sowas schon öfter gesehen haben. Das erklärt, warum sie so extrem schnell auf meinen Gegenangriff reagierten. Denn sie rannten schon, als ich den Fuß noch nicht einmal angehoben hatte. Nicht meine Entschlossenheit, sondern die Kenntnis um den Tritt hat die Hunde vertrieben. Wenn der Besitzer die Hunde tatsächlich mit Tritten “erzogen” hat, wundert mich auch ihr Verhalten nicht mehr. Zusammen mit der Tatsache, dass die Aggressivität der Hunde quasi stadtbekannt ist, Tollwut aber innerhalb etwas mehr als einer Woche zum Tod führt, denke ich, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Hunde Tollwut haben, gering ist. Mehr werde ich nach der Untersuchung wissen, sicherheitshalber werde ich trotzdem alle Impftermine wahrnehmen.

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