21.01.2014 Mordedura de Perro, Parte I

23. January 2014

Anders als bei den beiden vorherigen Einträgen, ist der Titel nicht die spanische Bezeichnung eines Ortes, sondern eine Diagnose. Oder vielmehr die Bezeichnung einer Wunde, denn zu diagnostizieren gibt es da nicht viel. Oder vielleicht doch, aber dann lautet die Diagnose eher Rabia. Hoffen wir, dass es so weit nicht kommt.

Aber von vorn.

Gestern lief ich wie gewohnt die Straße Lincoyán entlang. Ganz normal, nicht besonders schnell, nicht weiter auffällig. Es war ziemlich kühl und sollte noch regnen, deshalb hatte ich eine lange Hose an. Einen langen Pullover auch, aber das sollte nicht so wichtig sein.

Kurz vor der zweiten Straßenkreuzung kamen von vorn zwei bellende Hunde auf mich zugerannt. Nun sind streunende Hunde in Pucon oder überhaupt in Chile nichts besonderes. Die meisten zeichnen sich durch einen tiefen und festen Schlaf aus, der Rest trabt gemütlich vor sich hin. Aggressiv sind sie nicht, und bettelnd habe ich sie auch noch nicht erlebt. Wenn man einen freundlich anredet, der gerade in der Nähe schnüffelt, kann es passieren, dass er vorsichtig auf einen zukommt und sich streicheln lässt. Tonia vom Biergarten nebenan hat sich solch einen Straßenhund adoptiert, einen jungen schwarzen, Luis heißt er. Ab und zu trifft man mal auf zwei Hunde, die sich gerade raufen, oder anknurren. Aber nur untereinander, ansonsten meiden sie Menschen eher.

Diese beiden jedoch kamen genau auf mich zu. Von der Seite kamen auch noch zwei gelaufen, aber die habe ich nicht weiter beachten können. Alle vier Hunde waren etwas weniger als kniehoch. Die beiden von vorn waren braun und sind an mir vorbeigeprescht. Dachte ich, bis ich einen stechenden Schmerz in der linken Wade spürte. Ich war erstmal überrascht, und stieß ein fluchendes “Au” hervor. Ich schaute halb über meine Schulter nach hinten und sah, und spürte am Hosenbein, wie der Hund noch einmal zuschnappte, mein Bein aber verfehlte. Der andere braune bellte weiter mit dem Beißer um die Wette. Mittlerweile kochte die Wut in mir hoch. Mein erster Impuls war, dem Beißer an die Kehle zu gehen, dann drehte ich mich um und setze an, dem Hund einen kräftigen Tritt in den Kehlbereich zu verpassen. Ich kam aber nicht dazu, noch bevor ich ausholen konnte, begriffen beide Hunde und flüchteten um die Ecke des Zaunes. Die beiden Hunde, die von der Seite gekommen waren, hatten etwas größeren Abstand gehalten und flüchteten nun mit ihren Kameraden ebenfalls um die Ecke.

Ich ging zwei Schritte in meine ursprüngliche Richtung, hielt dann an, um die Hose hochzuziehen und mein Bein zu untersuchen. Ich konnte gerade das Blut registrieren, da kamen die vier wieder angewetzt. Nun noch wütender, drehte ich mich wieder den Hunden zu – doch sobald ich zum Tritt ansetzte flüchteten sie.

Einem Hund allein wäre ich sofort nachgestellt. Selbst zwei Hunde hätte ich verfolgt, so wütend war ich. Aber bei vier Hunden mit kleinen spitzen Zähnen reichte mein Selbsterhaltungstrieb dann doch aus, eine winzige Ecke in meinem Gehirn wach zu halten. Ich lief zügig die Straße entlang und zum Büro.

Meinem Chef sagte ich erstmal, dass ich ins Bad müsste, um etwas Blut abzuwaschen. Auf der Toilette angekommen, untersuchte ich das Bein genauer. Die Hose wie fünf oder sechs kleine Löcher auf. Die Wunde am Bein war klein, vermutlich nur von einem einzigen Zahn. Der Hund hatte bei seinem ersten Biss vor allem Jeansstoff erwischt, mein Bein nur mit einem Zahn. Der zweite Biss ging ausschließlich in die Hose. Trotzdem blutete die Wunde. Ich drückte zu, um mehr Blut herauszupressen, aber ohne großen Erfolg. Dafür unter Schmerzen. Das Blut wusch ich ab, krempelte das Hosenbein hoch und ging ins Büro. Ich überlegte ein Weilchen, ob es notwendig ist, ins Krankenhaus zu gehen. Meine Tetanusimpfung ist aktuell, aber Tollwut…?

Hunde greifen normalerweise nicht grundlos Menschen an. Diese Hunde liefen schon, als ich sie noch gar nicht gesehen hatte. Ob sie tollwütig waren, konnte ich nicht einschätzen, ein kurzer Blick ins Internet zeigte aber, dass der berüchtigte Schaum vor dem Maul ohnehin erst am Ende der Krankheit eintritt. Die Aggressivität setzt schon eher ein. Für den Menschen gibt es eine sogenannte postexpositionelle Prophylaxe, in etwa eine Impfung nach dem Biss, quasi die Pille danach für Hundebisse. Wird diese nicht durchgeführt und man hat sich mit Tollwut angesteckt – das kam nicht in Frage, ich musste ins Krankenhaus. Ich will auf das Krankheitsbild selbst nicht weiter eingehen, aber nach Ausbruch der Krankheit tritt innerhalb weniger Tage fast unweigerlich der Tod ein, und die wenigen Überlebenden sind meist schwer hirngeschädigt. Die Gnadenfrist bis zum Ausbruch der Krankheit liegt irgendwo zwischen einigen Wochen bis einigen Monaten, in Einzelfällen kann es auch einige Jahre dauern.

Soviel dazu. Ich schaute noch schnell nach was “Biss” und “Tollwut” auf spanisch heißt, zehn Minuten später war ich im Krankenhaus. Auf dem Weg dahin hatte ich um die Unfallstelle einen großen Bogen gemacht. An der Urgencia war ich nur wenige Tage zuvor langgelaufen, ich wusste also genau, wo ich hinmusste. Trotzdem landete ich erstmal an der Information, wo mir das mit mir überforderte Empfangsmädchen mit einiger Mühe den Weg zum Empfang der Notaufnahme beschrieb. Die beiden Jungs dort konnten auch kein Englisch, sprachen aber etwas deutlicher spanisch. Ich sagte ihnen, ich sei vom Hund… das Wort für gebissen hatte ich schon wieder vergessen, aber die Handbewegung war deutlich genug. Sie zeigten mir auf dem Taschenrechner, dass ich 18,000 Pesos (etwa 30 Euro) für die Behandlung bezahlen müsste, plus noch eventuelle Medikamente. Ich hatte am Morgen gerade zwei Zehntausender eingesteckt.

Ich nahm im Warteraum Platz, in dem noch etwa 15 andere saßen. Nach einer halben Stunde wurde ein Name aufgerufen, den ich mit viel Fantasie als den meinigen entziffern konnte. Mir wurden Blutdruck und Temperatur gemessen, dann sollte ich einen “Momentito” nochmal draußen waren. Ich vermute, dass die Ärzte dann erstmal Mittagspause gemacht haben, denn eine gefühlte Stunde lang passierte gar nichts weiter, außer dass sich der Wartesaal immer weiter füllte. In der Zwischenzeit wollte das große Stück Melone vom Morgen wieder raus, dann kamen die beiden Gläser Wasser, nacheinander, ich hatte viel Wasser zu mir genommen am Morgen, und jedes Mal staunte ich, dass auf der Toilette nicht nur Klopapier fehlte, sondern auch die Klopapierhalter. Zumindest letzteres gibt es auf öffentlichen Toiletten immer, ersteres ungefähr so häufig wie in Deutschland. Genau deshalb habe ich auch immer etwas im Rucksack.

Irgendwann wurde ich wieder aufgerufen und ich ging durch die Blutdruckmessstelle in die Notaufnahme. In Sala 4 setzte ich mich in die rechte Kabine, zeigte meine Bein, und bekam dann in bemühtem, klar artikulierten Spanisch erklärt, was jetzt passiert. Ich setzte mich auf die Liege, drehte mein Bein und guckte weg. Die Reinigung der Wunde muss gut gewesen sein, hinterher hatte ich auch noch einen Biss in der Hand und frisches Blut sickerte aus der Wunde. Die Wunde war zusammen mit dem darunter liegenden Bluterguss etwa daumennagelgroß, viel mehr konnte ich nicht erkennen. Das auffällige Rot der Betaisodona kannte ich schon.

Dann kam eine lächelnde junge Schwester und zeigte mir die Spritze. Ich überredete sie, den linken Arm zu nehmen und blickte demonstrativ aus dem Fenster. Es gab einen winzig kleinen Pieks, und wenn heute nicht mein Arm schmerzen würde, wäre ich überzeugt, dass aus der Spritze überhaupt nix rauskam. Auf meinen erstaunten Blick hin lächelte sie noch mehr und verschwand.

Kurz darauf kam ein anderer Arzt, den sie irgendwo aufgetrieben haben mussten. Er sprach einigermaßen Englisch und erklärte mir nochmal, dass ich zu den Terminen in meiner Hand nochmal herkommen müsste um die Impfung zu vervollständigen. Außerdem sollte ich noch alle zwei Tage zum Reinigen der Wunde vorbeikommen. Dann stellte er mir ein Rezept aus, das er verwarf, als ich ihm erklärte, dass ich genug Ibuprofen hätte – hatte ich nicht, zumindest nicht für die vorgeschlagene Einnahme alle 8 Stunden, aber so schlimm war der Schmerz im Bein nicht, wenn nicht gerade jemand an der Wunde herum schrubbte.

Kurz bevor er geschäftig davonrauschen konnte, konnte ich noch die Information aus ihm herausholen, dass die Wartezeit wahrscheinlich erträglich ist, wenn man morgens vor um 10 oder abends nach um 10 kommt. Anschließend ging ich mit dem Ausdruck der Diagnose wieder zum Empfang, bezahlte die 18,000 Pesos plus 3,500 für die einfache Reinigung und ging etwas benommen zur Tür raus.

Nach einem kurzen Zwischenstop daheim ging ich ins Büro, war aber eigentlich nur halb anwesend. Ich ging kurz vor 7, für halb 8 hatte ich eine Einladung zum Pizzaessen. Wir waren zu siebt, vier Chilenen, ein Baske, ich, und eine Amerikanerin, die fließend aber mit starkem Akzent Chilenisch sprach. Davon abgesehen erinnere ich mich noch, dass die Tochter des Gastgebers einen Film mit bunten, ich glaub Pferden, geguckt hat, und an eine Pizza mit so dickem Belag, dass ein einziges Blech tatsächlich für alle gereicht hat. Und das, obwohl ich mich freiwillig zum Schinken- und Käseschneiden gemeldet hatte und entsprechend viel davon am Ende fehlte.

Ich fühlte mich während des Abends etwas fiebrig, später dann, auf dem Weg nach Hause war ich aber nur noch müde. Heute tut mir etwas der Arm weh, von der Wunde habe ich kaum etwas gespürt. Aber ich habe heute ja auch eine Menge erlebt und war etwas abgelenkt – doch dazu mehr im nächsten Eintrag.

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