Dientes de Navarino, Tag 1

1. June 2014

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Heute sollte es los gehen!

Nach knapp neun Stunden riss mich der Wecker halb zehn aus dem Tiefschlaf. Ich hatte an diesem Morgen etwas länger schlafen können, nach den kurzen Nächten der vergangenen Tage war das auch nötig gewesen. Da es Frühstück nur bis um 10 gab, quälte ich mich wohl oder übel aus dem Bett. Das Pärchen aus Göttingen war schon auf, während wir uns unterhielten stopfte ich chilenisch-lapprigen Toast mit leckerer Marmelade und mehrere Stücken Kuchen in mich hinein. Dann packte ich.

Alles, was unverzichtbar war, stopfte ich in den großen Trekkingrucksack. Viel Mühe gab ich mir nicht, da ich wusste, dass mir das eigentliche Packen noch bevor stand. Als der Rucksack voll war, ließ ich schweren Herzens meine plüschige und damit voluminöse Ersatzkuscheljacke zurück, die ich eigentlich als Kissen benutzen wollte. Meine Vorauswahl in Pucón stellte sich aber trotzdem als sehr gut heraus, insgesamt ließ ich nur zwei oder drei Sachen zurück, die ich für die Trekkingtour mitgenommen hatte.

Ich erwartete meine Reisebegleiter gegen halb zwölf, bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer noch keine Ahnung, wieviele Personen in meiner Gruppe sein würden. Ich hatte einfach vergessen, nachzufragen. Ich wusste nur, dass es mindestens zwei und höchstens (mit mir) acht sein konnten. Ich hoffte natürlich, dass es nicht die maximale Gruppengröße sein würde.

Kurz vor halb zwölf war ich endlich fertig mit packen. Ich nutzte die verbleibenden Minuten, um noch schnell vom Gemeinschaftscomputer eine Email an meine Notfallkontakte zu schicken: ab jetzt durften sie sich Sorgen machen. Ich hatte gerade zwei Zeilen getippt, da kam Julio, der Hostelbetreiber, herein und brachte meine Gruppe mit. Francisco, der Guide, war einen halben Zentimeter kleiner als ich, Brillenträger und Plappermaul. Dann gab es Lisa, ein Jahr jünger und ein paar Zentimeter größer als ich, blond, und für eine Kalifornierin eher zurückhaltend. Und dann war da noch Ralph, ihr Vater, 64, aber kräftig gebaut. Ich fragte sicherheitshalber nach, aber das war tatsächlich meine gesamte Gruppe. Jippie!

Als erstes stellte ich meinen Namen richtig. Julio hatte mich als Christina vorgestellt, und da ich den Namen nicht fünf Tage lang hören wollte, korrigierte ich ihn lieber zu Beginn, damit später keine Verwirrung entstand.
Dann präsentierte uns Francisco seine Reisetasche, aus der er zwei Zelte, Essgeschirr und ein Fresspaket mit Müsliriegeln, Schokolade, Trockenfutter und einer Salami zauberte. Ich leerte meinen Rucksack, stopfte rechts das Zelt rein, links daneben den Schlafsack und obendrauf meinen Kompressionssack mit meiner Winterjacke, einer warmen Fleece-Jacke und Wechselwäsche. Dann war der Rucksack voll.

Handschuhe und Regenjacke stopfte ich von unten in frei gebliebene Lücken, erreichbar durch den unteren Reißverschluss. Aus dem Fresspaket entnahm ich die erste Tagesration, die kam in das Deckelfach, den Rest schob ich in dem Dreieck zwischen Schlafsack, Zelt und Rucksackrücken so weit es ging nach unten. Nachdem ich alle meine Sachen verstaut hatte, war der Rucksack voll, proppevoll. Die Isomatte hatte ich außen befestigt, Teller und Tasse legte ich erstmal obenauf.

Julio war so nett uns zur Polizei zu fahren. Dort legten wir unsere Pässe vor und erklärten, dass wir um die Dientes trekken und wann wir zurück sein wollten. Dann gingen wir zum Supermarkt. Wobei die Bezeichnung “Supermarkt” in Puerto Williams etwas irreführend ist, in jeder anderen Stadt würde man so etwas als Tante-Emma-Laden bezeichnen. Es gab das Nötigste, davon genau eine Sorte, und die Preise waren gepfeffert. Francisco schmiss scheinbar wahllos Tütenessen, Zwiebeln, Trockenmilch und ähnliche kulinarische Höhepunkte in den Einkaufskorb, besorgte sich noch einen Karton, bezahlte und brach mit uns zum nächsten Supermarkt auf. Während Francisco weiter einkaufte, warteten wir anderen drei draußen und labten uns an den leckeren Empanadas, die wir uns im ersten Laden gegönnt hatten. Für die erste Mahlzeit gab es schließlich keinen Grund aufs Gewicht zu achten.

Beladen mit Tüten und Kartons kehrten wir zum Hostel zurück. Während die anderen draußen schonmal die eingekauften Sachen aufteilten, flitzte ich nochmal schnell an den Computer und buchte die Unterkunft für meinen zweiten Aufenthalt in Ushuaia. Die hatte ich zwar am Morgen schon gebucht, mich dabei um einen Tag geirrt – das Resultat meiner etwas chaotischen Planung mit den kurzfristigen Änderungen zum Schluss. Zum Glück bemerkte ich meinen Fehler, als Francisco unser Rückkehrdatum bei der Polizei nannte, und ich buchte die fehlende Nacht noch dazu. (Das sollte sich später als sehr schlau herausstellen, da bei meiner Ankunft das Hostel ausgebucht war und ich miterlebte, wie ein Pärchen deswegen abgewiesen wurde; selbst hatte ich für die ersten Tage in Ushuaia auch auf ein etwas teureres Hotel ausweichen müssen – der Preis der Spontanität ;) .)

Nach der Buchung ging ich wieder nach draußen. Entgeistert blickte ich auf den Stapel, den ich noch in meinem Rucksack unterbringen musste. Die Milchpulvertüten und die Tütensuppen waren kein großes Problem, aber dann war da noch eine Gaskartusche für den Kocher und eine Käsepackung. Ganz zu schweigen von Teller und Tasse, die ich noch unterbringen musste. Ich zog meine beiden dünnen Pullover wieder hervor, drückte in die freigewordenen Löcher die mit den Milchpulverstüten gefüllte Tasse, legte den Teller oben auf und drapierte die Pullover drum herum. Ich zog die Schnur zu und stülpte das Deckelfach über den Rucksack. Hier ging nichts mehr rein. Ich legte den Rucksack um und öffnete den unteren Reißverschluss, drückte die Regenjacke noch ein wenig weiter in den Schlafsack und presste den Gasbehälter obendrauf. Ich hatte keine Ahnung, ob ich das alles am nächsten Morgen wieder in den Rucksack bekommen würde. Ich hoffte nur, dass die Nähte des Rucksacks dem Druck standhalten würden.

Fix und fertig schaute ich auf. Francisco hatte Lisa und Ralph beim Packen des Rucksacks geholfen, nun zeigte er ihnen, wie sie die Riemen anpassen mussten um den schweren Rucksack so bequem wie möglich zu tragen. Ich übergab meinen Tagesrucksack samt Laptop und restlichen Klamotten an Julio, Francisco hinterließ seine Reisetasche – dann fuhr uns Julio die fünf Kilometer zum Beginn des Trekkingpfades.

Nur mit T-Shirt bekleidet und etwas fröstelnd wartete ich ungeduldig darauf, dass wir endlich aufbrachen, während uns Francisco anhand einer Tafel den uns bevorstehenden Weg erklärte. Aha, am Anfang steil bergauf, dann immer am Berg entlang und zum Abend zu einer Lagune absteigen. Möglicherweise kamen wir erst bei Sonnenuntergang an, es war schon zwei Uhr nachmittags. Die nächsten Tage wären etwas entspannter, nur der vorletzte, der wird nochmal richtig hart. Die Tafel entpuppte sich dann noch in anderer Hinsicht als sehr hilfreich: an ihrer Rückseite lehnte ein Ast, der offensichtlich schonmal als Wanderstock benutzt worden war. Somit war mein Wanderstock-Problem gelöst. Die anderen drei hatten “richtige” – das heißt, vor allem leichtere – Trekkingstöcke dabei. Das obere Ende meines Astes war zwar etwas dick, aber ich konnte ja unterwegs nach einem besseren Stock Ausschau halten.

Die Infotafel mit dem vor uns liegenden Weg. 38 Wegweiser auf 53 km Länge, aufgeteilt auf fünf Tage und vier Nächte und begleitet von unzähligen Lagunen, wechselhaftem Wetter und hoffentlich so wenig wie möglich Menschen.

Bevor wir aufbrachen, fragte Francisco nochmal rum, ob unsere Wasserflaschen voll wären. Da es auf Navarino überall trinkbares Wasser gibt, hatte uns die Agentur empfohlen, nur eine Halbliterflasche mitzunehmen, alles andere wäre unnötige Schlepperei. So ganz überall gibt es Wasser dann aber doch nicht, denn unsere ersten Kilometer heute würden eher trocken sein, also vor allem während des Aufstiegs und der ersten Hälfte des Bergpfades würde es keine Wasserquelle geben. Eben darum stellten wir sicher, dass unsere kleinen Flaschen bis zum Rand gefüllt waren. Wir standen ein paar Meter oberhalb eines Wasserlaufes zu unserer Rechten, links der Cerro Bandera (“Flaggenberg”), auf den wir gleich aufsteigen wollten, rechts der Cerro Róbalo, “Stiehl-Es-Berg”. Hinter uns, hinter Bäumen verborgen, der Beagle-Kanal.

Der Weg begann eben. Ein schmaler, ausgetretener Pfad, mit ein paar Wurzeln im Weg. Nach ein paar Hundert Metern bog der Weg links ab, wurde schnell steiler, und führte bald geradewegs auf den Gipfel des Cerro zu. Ich staunte nicht schlecht: genauso steige ich normalerweise auf meine Berge hoch. Allerdings normalerweise mit Tagesrucksack, nicht mit (grob geschätzten) 16kg auf dem Rücken. Immerhin konnte ich mich so wenigstens nicht beschweren, dass wir unnötige Umwege gehen würden. Ein wenig mäandrierte der Weg zwar, aber gerade genug, um Bäumen im Weg auszuweichen. Noch gerader, und ich würde meine Hände benutzen müssen.

Wie immer sieht man auf dem Foto nicht, wie steil es war. Und schon gar nicht, wie anstrengend. Und am allerwenigsten sieht man die gespannte Vorfreude auf die vor uns liegenden Tage...

Einen besseren Wanderstock als meinen Ast fand ich übrigens nicht. Alles was ich anfasste war entweder morsch, zu kurz oder angefault. So gutes, stabiles Holz wie meinen Ast gab es nicht.

Anfangs hielt ich mich hinter Francisco, ich war nur wenig langsamer als er. Dafür hielt er häufiger an als ich. Lisa und Ralph fielen relativ schnell zurück. Aber dieser Anstieg war ja kein Wettrennen, und so nutzte ich die kleinen Wartepausen, um etwas zu trinken, den Rucksack zurechtzurücken, und die Sonnenbrille aufzusetzen.

Der Gipfel kommt näher, man kann schon durch die Baumwipfel durch auf den Beagle-Kanal gucken.

Bis zum Gipfel war der Weg gut ausgetreten, die Bewohner von Puerto Williams machen anscheinend gern mal einen Tagesausflug hierher. Durch die Baumgrenze zu kommen war anders als am Vortag überhaupt kein Problem, der Wald war hier licht genug um ungehindert hindurch spazieren zu können. Oberhalb der Baumgrenze war der Untergrund ein Labyrinth aus Llareta und kleinteiligem Schotter. Einen klar erkennbaren Weg gab es nicht, eher ein Geflecht aus steilen Trampelpfaden. Ich hatte den Blick so konzentriert nach unten gerichtet, dass ich erst spät bemerkte, dass Francisco etwa 100 m links von mir war. Er hielt auf eine kleine Baumgruppe etwa 50 Höhenmeter unter dem Gipfel zu. Dort stand eine kleine Bank, mit Blick auf den Beagle-Kanal.

Ein mittlerweile alter Bekannter, der Beagle-Kanal im Norden. Rechts sieht man Puerto Williams.

Ich zog meine warme Fleece-Jacke und meine Regenjacke aus dem Rucksack, denn die Bank stand auf der Luv-Seite der Baumgruppe. Warm eingepackt setzte ich mich neben Francisco und genoss die Aussicht. Nebenbei reduzierte ich noch ein wenig Rucksackgewicht und machte mich über die erste Tafel Schokolade her.

Es dauerte ein paar Minuten, dann stießen Ralph und Lisa zu uns dazu. Sie sollten natürlich nach diesem anstrengenden Anstieg auch ihre Verschnaufpause bekommen. Um Platz für die beiden zu machen, und weil mir im Wind langsam kalt wurde, ging ich ein wenig umher und machte Fotos.

Puerto Williams, dahinter die Isla Gable.

Eine Infotafel in der Nähe der Bank. Am rechten Bildrand liegt Puerto Williams, am linken Ushuaia, etwa 50-60km westlich.

Und über Ushuaia regnet's. Ein paar Tage später bekam ich dort mehrmals von Einheimischen zu hören, dass die Isla Navarino toll ist. Warum? "Immer wenn wir dahin schauen, scheint dort die Sonne..."

Nachdem auch Lisa ein paar Fotos gemacht hatte, brachen wir wieder auf. Schon kurz darauf standen wir am Namensgeber des Berges: der Flagge. Natürlich der chilenischen, und die wurde dort aufgestellt, um die Argentinier auf der gegenüberliegenden Seite des Beagle-Kanals zu ärgern. Ätsch, diese Kanalseite gehört uns.

Die Bandera des Cerro Bandera.

Dazu muss man allerdings sagen, dass die Argentinier angefangen haben. Noch bevor sie die Malvinas besetzt haben, die auch unter dem Namen Falkland-Inseln bekannt sind, haben sie Anspruch auf drei Inseln im Beagle-Kanal erhoben, die schon seit Jahren zu Chile gehörten. Den Anspruch hatten sie schon 1904 erstmals erhoben, aber erst in den Siebzigern haben sie angefangen, mit militärischem Nachdruck auf den Inseln zu bestehen. Im Südsommer 1978 standen Chile und Argentinien dicht vor einem Krieg um die drei unbewohnten, öden Inseln Picton, Lennox und Nueva östlich der Isla de Navarino am Ostende des Beagle-Kanals. Selbst päpstliche Vermittlung schlug fehl – obwohl die Chilenen dem Vorschlag des Papstes zustimmten, lehnten die Argentinier seine Lösung ab. Wenigstens schaffte der Papst, die Situation etwas zu entschärfen.

Die Wende im Beagle-Konflikt wurde indirekt durch den erfolglosen Falklandkrieg 1982 und direkt durch die neue argentinische Regierung 1983 ausgelöst: der neue Präsident ließ die Bevölkerung abstimmen, ob sie einen Krieg mit Chile haben wollten. Das Nein war überwältigend, selbst auf Tierra del Fuego, also in unmittelbarer Nachbarschaft zu den drei fraglichen Inseln, sprach sich eine wenn auch knappe Mehrheit gegen den Krieg aus. Die Regierung respektierte das Ergebnis des Referendums, akzeptierte 1985 endlich den Vorschlag des Papstes und überließ Chile die drei Inseln.

Irgendwann im Zuge dieser Auseinandersetzungen errichteten die Chilenen demonstrativ ihre Flagge auf dem Cerro Bandera. Außerdem stand Chile während des Falklandkrieges auf britischer Seite, obwohl es nach dem TIAR (dem Interamerikanischen Vertrag über gegenseitigen Beistand) eigentlich Argentinien hätte beistehen müssen. Auf die Malvinas kann man übrigens von Feuerland aus problemlos mit einem Touristenboot fahren. Argentinien sieht sich als im Falklandkrieg nicht besiegt an, da die Briten den Krieg damals einseitig für beendet erklärten, und erhebt daher weiterhin Anspruch auf die Falklandinseln. Was die Briten oder die Falkländer von den argentinischen Booten halten, weiß ich nicht.

Warum nun aber der Beinahe-Krieg um die drei Inseln am Rand Feuerlands? So genau wussten das die Fueginos auch nicht. Aber sie vermuten, dass sich mit den drei Inseln der Sektor Argentiniens in der möglicherweise rohstoffreichen Antarktis vergrößert hätte. Meiner Meinung nach mag das auch ein wichtiger Grund gewesen sein, aber wenn man auf die Karte schaut, dann liegen die drei Inseln einfach perfekt, um den Beagle-Kanal vom Ostende her zu kontrollieren und – wenn ich mir die auf Aggression ausgerichtete Politik der argentinischen Militärjunta so anschaue – die Kontrolle auf die anderen chilenischen Inseln auszudehnen.

Aber zurück zur Flagge auf dem Cerro Bandera, die sicher auch nicht zur Deeskalation beigetragen hat. Von der Flagge aus ging es mehr oder weniger auf gleicher Höhe immer am Hang des Cerros entlang. Der Weg war mal mehr und mal weniger gut erkennbar, Francisco erklärte, dass der Weg im Vergleich zur letzten Saison schon deutlich klarer auszumachen ist. Der lose Schotter verhinderte ein allzu schnelles Vorwärtskommen, selbst dort, wo er in einen gut sichtbaren Pfad getrampelt war. Wir blieben immer knapp oberhalb der Baumgrenze, was zum einen erfahrungsgemäß gut für das Tempo ist und zum anderen eine grandiose Aussicht ermöglichte. Mit jeder Biegung hatten wir einen besseren Blick auf die Dientes – da drüben würden wir die nächsten Tage verbringen! Der Haken war der fehlende Windschutz: War ich beim Aufstieg noch gut mit meinem T-shirt ausgekommen, musste ich jetzt meine warme Fleece-Jacke anbehalten. Der Wind blies unerbittlich von Norden den Cerro entlang.

Davon abgesehen, dass das die erste Wegmarkierung war, die ich gesehen habe - anderthalb Stunden Aufstieg und nicht einmal 2 km geschafft? Uff. Das könnten 53 sehr lange Kilometer werden...

Wir nähern uns dem ersten Gipfel und vor allem der guten Aussicht. Solche Felsmännchen wie das im Bild markierten den Weg recht häufig. Allerdings waren die meisten seiner Brüder um einiges kleiner und manchmal von der normalen Landschaft nicht zu unterscheiden.

Whoa. Die Dientes!

Wir kommen näher.

Eine knappe Stunde nach der Flagge querten wir dann endlich unsere erste Wasserquelle, ein winziges Rinnsal, dass sich mühsam zwischen den Steinen hindurchzwängte. Wäre der Hang nicht so steil gewesen, hätte ich wohl mehr Wasser aus meiner Flasche ausgegossen, als aus dem Rinnsal hineingeflossen wäre. Das Wasser war erfrischend kalt, schmeckte aber nach Eisen. Nun ja, bei den roten Steinen überall eigentlich keine Überraschung. Bäh.

Immerschön am Hang entlang, dem gewundenen Trampelpfad folgen. Zumindest da, wo er erkennbar ist. Wenn nicht, einfach versuchen, auf gleicher Höhe zu bleiben.

Wechsel zwischen leuchtend grünem Untergrund...

... und trockenem Geröll mit sich tapfer haltenden Einzelkämpfern.

Dort unter uns, das ist die Laguna Róbalo.

Ein kleines Rätsel ;) : Was sind das für weiße Kreise?

Blick zurück: Bald werden wir den Beagle-Kanal für einige Tage nicht mehr sehen.

Irgendwo weiter hinten sind Lisa und Ralph...

... und suchen den Weg.

In der Zwischenzeit bewundere ich die spärliche Flora.

In der Bildmitte taucht die Laguna Palachinque auf.

Francisco blickt auf die Laguna Palachinque herunter.

La Laguna Palachinque.

Der Weg zog und zog sich dahin. Lisa und Ralph fielen immer wieder zurück, Francisco hielt immer mal wieder kurz an und wartete, und ich hielt mich irgendwo dazwischen. Ich vertrieb mir die Wartezeiten mit Fotografieren, bei den häufigen Lichtwechseln und dem immer anderen Blickwinkel auf die unten liegenden Seen gab es auch genug Motive dafür. Doch irgendwann konnten mich auch die schnell vorbei ziehenden Wolken nicht mehr von meiner langsam einsetzenden Müdigkeit ablenken: Wie weit ist es noch?

Als mich Francisco mal wieder aufschließen ließ, deutete er auf eine kleine Plattform zwischen zwei Seen unter uns. Wir waren noch mehrere hundert Meter oberhalb der Seen, und ich sah keinen Weg, wie man dort herunter kommen sollte. Stattdessen schlängelten wir uns weiter den Hang entlang.

Wie man die ganzen Bergseen bloß unterscheiden kann? Das dort unten ist jedenfalls die Laguna Del Salto, an der wir unser Nachtlager aufschlagen werden.

Meine Frage wurde jedoch kurz darauf beantwortet: Ich hatte nur kurz angehalten, um ein Foto zu machen und Lisa und Ralph ein wenig zu mir aufschließen zu lassen, und schon war Francisco aus meinem Gesichtsfeld verschwunden. Ich suchte und suchte – und entdeckte ihn schließlich auf halber Strecke zu den Seen herab. Na großartig. Die kürzeste Strecke, geradewegs nach unten. Und das auf diesem losen Schotter.

Rechts von der Lagune sieht man zwei winzig kleine Seen, von den das Sonnenlicht grellweiß reflektiert wird. Davor ist ein weißliches Viereck, das ist die Aussichtsplattform, die wir auf dem Weg zum Zeltplatz überqueren müssen.

Vorsichtig machte ich mich an den Abstieg. Der Weg war etwa so wie auf dem Cerro Guanaco, steil, potentiell nachgiebig, und man sollte möglichst nicht das Gleichgewicht in Talrichtung verlieren. Ich lief immer einige Dutzend Höhenmeter herunter und hielt dann kurz an um die Oberschenkel zu entspannen. Bei einer dieser Verschnaufpausen bemerkte ich die dunklen Wolken, die von rechts, von Norden her auf uns zu kamen. Regen. Wenn der Schotter nass wird, wird er zusätzlich auch noch rutschig. Ich wog das Risiko nass zu werden ab gegen die Zeit, die ich verlieren würde, bis ich die Regenjacke aus dem Rucksack geholt und angezogen haben würde. Schnell lief ich weiter. Nach etwa zwei Dritteln des Abstiegs trafen mich die ersten Tropfen. Ich schaute mich kurz um, Ralph und Lisa waren weit hinter mir. Nach weiteren zehn Höhenmetern sah ich ein, dass ich nicht ohne Regenjacke weitergehen konnte, wenn ich nicht schon in der ersten Nacht nasse Kleidung riskieren wollte. Also hielt ich und zog die Regenjacke an. Francisco war mittlerweile gar nicht mehr zu sehen.

Mist, es regnet. Aus dieser Entfernung kann man die Plattform zumindest schon erkennen, von hier ist es keine halbe Stunde mehr bis zum Etappenziel.

Ich stieg das letzte Drittel ab, während der Regen langsam stärker wurde. Etwas erleichtert kam ich unten an, bevor die Steine vollständig nass und glitschig wurden. Dafür hatte ich das nächste Problem. Der Weg teilte sich hier und Francisco war weit und breit nirgends zu sehen. Ich folgte mehr meinem Gefühl als dass ich wirklich etwas erkennen konnte und ging geradeaus. Wenige Meter später konnte ich tatsächlich die ersten frischen Fußstapfen erkennen. Leider verlief der Weg hier wieder als Geflecht zwischen Bäumen hindurch und so verlor ich die Spur sehr schnell wieder. Ich passierte die Plattform und schaute mich noch einmal um. Wenigstens Lisa und Ralph wollte ich im Blick behalten, eine Dreiergruppe war einfacher zu finden, als eine Einzelperson und eine Zweiergruppe. Außerdem stand hier ein Baum, der einen hervorragenden vorrübergehenen Regenschutz bot. Hier überlegte ich, was ich tun sollte.

Unser Tageswerk, mickrige sechseinhalb Kilometer. Aber die Wildnis ist ja auch nicht zum schnell vorwärts kommen da.

Blick Richtung Norden, etwa von der Plattform aus. Im Bildhintergrund in der Mitte ragt ein wenig Feuerland zwischen den Bergen hervor.

Lisa ist schon fast am Fuß, während ihr Vater sich immer noch auf halber Höhe am Hang befindet.

Die Entscheidung traf meine Ungeduld, schließlich konnte Francisco doch nicht weit sein, und irgendwann würde ich schon wieder auf seine Spur treffen. Und die würde ich umso besser erkennen, je weniger Regen gefallen ist, um sie auszuwaschen. Also stieg ich vorsichtig den mittlerweile glitschigen Lehmboden von der Plattform herunter und lief ungefähr in die Richtung weiter, der ich zuvor gefolgt war. Und plötzlich stand Francisco vor mir. Wie sich später herausstellte, hatte er in der Zwischenzeit schon mal sein Zelt aufgebaut und war deshalb aus meinem Gesichtsfeld verschwunden gewesen. Er zeigte mir kurz zwei Zeltplätze und empfahl mir dann den kleineren, damit Lisa und ihr Vater ihr Zwei-Personenzelt auf dem größeren aufstellen konnten.

Ich holte das Zelt aus dem Rucksack und zusammen bauten wir es innerhalb weniger Minuten auf. Aha, ich hatte also ein Tunnelzelt. Wir waren gerade fertig, da kamen Lisa und Ralph an. Während Francisco den beiden mit ihrem Zelt half, warf ich schnell meinen Rucksack ins Zeltinnere und kroch selbst hinterher. Endlich im Trockenen. Der Regen war nicht stark, aber auch leichter Regen weicht nach einer gewissen Zeit durch. Isomatte ausgerollt, Schlafsack ausgebreitet – da musste ich mich erstmal kurz hinlegen und die malträtierten Füße entspannen. Der Abstieg und das ungewohnte Gewicht waren für meine Beinmuskeln nach den ganzen Touren der letzten Tage und Wochen kein Problem, aber die Füße beschwerten sich über das Drittel mehr an Masse. Morgen würde ich den Rucksack während der Verschnaufpausen häufiger absetzen, oder mich zumindest häufiger setzen und die Füße entlasten. Während ich da lag, plünderte ich nebenher noch ein wenig mein Fresspaket, schließlich hatte ich meine Tagesration nur etwa zur Hälfte aufgebraucht.

Dann krabbelte ich wieder nach draußen. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne war untergegangen, und Lisa, Ralph und ich schauten uns ein wenig in der Umgebung um, sehnsüchtig auf das Abendessen wartend. Zumindest ich habe sehnsüchtig gewartet, ich unterstelle einfach, dass es den beiden anderen nicht besser ging.

Die Laguna Del Salto...

... Palachinque...

... einer der Miniseen (wer findet Franciscos Zelt?)...

... und einfach nur großartige Farben in der Nähe der Laguna Del Salto.

Das Angenehme an geführten Touren ist ja, dass sich in der Regel der Tourguide um das Essen kümmert. So auch hier, Francisco hat für uns alle gekocht. Am ersten Abend servierte er bei Stirnlampenschein Tortellini-artige Nudeln mit Tomatensoße. Die ursprünglich geplante Vorsuppe hatte Francisco weggelassen, die brauchten wir heute ja wohl nicht nach dem kurzen Tag. Dann verteilte er den Topfinhalt gleichmäßig auf unsere vier Teller…

Wer mich insbesondere in den letzten Monaten erlebt hat, kann sich in etwa vorstellen, wie mein Gesicht ausgesehen haben muss. Trotzdem aß ich erstmal tapfer meine Portion. Ich überlegte schon, wie ich mit den geringstmöglichen Umständen noch zu einem vollen Magen kommen könnte, da erklärte Francisco, dass er seine Portion nicht schaffte. Er würde das Essen nur ungern vergraben, also wenn jemand noch ein wenig Hunger hat… Lisa und Ralph winkten stöhnend ab, ich erbarmte mich nur zu gern. Als ich fertig war, erklärte ich dem staunenden Francisco, dass er nicht der erste ist, der mein Essvolumen unterschätzt hat. Wir einigten uns dann darauf, dass er in den kommenden Tagen die Vorsuppe nicht weglassen und mir eine extragroße Portion geben würde.

In diesen Zusammenhang passt noch eine andere Episode, die mir ein riesiges Vergnügen bereitet hat. Ich war mal wieder mit Ruben Essen, als ich, schon während der Teller vor mich hingestellt wurde, wusste, dass ich von dieser Portion niemals satt werden würde. Bei einer früheren Gelegenheit hatten wir anschließend schonmal eine Crepería aufgesucht, diesmal war der Resthunger größer. Einfach “wegschlafen” kam daher auch nicht in Frage. Also suchten wir ein zweites Restaurant auf. Ich bestellte Lasagne und machte mich über die als Vorspeise gereichten Brötchen (mit der leckeren Salsa!) her. Ruben sah mich komisch an und erinnerte mich daran, dass ich noch Lasagne bestellt hatte. Als diese kam, sah er mir anfangs noch sehr skeptisch zu, wie ich die Lasagne enthusiastisch zu löffeln begann. Je weiter ich voran schritt, umso ungläubiger wurde sein Blick. Ich musste mich beherrschen, um angesichts seines Gesichtsausdrucks nicht irgendwann laut loszuprusten. War ich anfangs ob der kleinen Größe des Lasagne-Gefäßes noch beunruhigt, entpuppte sich die Schale glücklicherweise als tiefer als von außen angenommen. Nach etwa der Hälfte fühlte sich mein Magen endlich nicht mehr gähnend leer an, nach gut drei Vierteln begann ich zu kämpfen. Ganz habe ich sie letztendlich nicht geschafft, aber viel ist nicht übrig geblieben, von der Lasagne. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen ich Ruben sprachlos erlebt habe. Später erzählte er die Geschichte seinen Freunden, mindestens die Hälfte hat sie ihm nicht geglaubt. Zumindest die Hälfte, mit der ich nie etwas zusammen gegessen habe.

Aber zurück zu den Dientes. Ich wusch mein Geschirr notdürftig im See nebenan, putzte meine Zähne, bestaunte noch ein wenig den Sternenhimmel und kroch dann zurück in mein Zelt. Ich wechselte die Zwiebelschalen meiner Kleidung, stopfte die nun ausgezogene Fleece-Jacke als Kissen in einen Netzsack und wand mich in den Schlafsack. Es dauerte ein Weilchen, bis ich endlich bettfertig war: Tunnelzelte haben die unangenehme Eigenschaft, dass man sich praktisch nur halb im Liegen umziehen kann und sich auch nur in eine Richtung legen kann, weil man sonst mit der Nase an der Zeltwand klebt. Ich verfluchte kurz das Zelt, dachte neidisch an die anderen, die alle in einem Kuppelzelt schliefen und war plötzlich selbst eingeschlafen.

Das weiße Tunnelzelt ist meine Herberge für diese Tour, das orangene Kuppelzelt gehört zu Lisa und Ralph.

Ok, ich war zu hungrig um noch viel Energie in die Fotos zu investieren. Doch trotz des schwachen Lichts kann man den Farbkontrast zwischen den beiden Gewässern sehr gut erkennen.

Über mir fauchte der Wind und rüttelte am Zelt, entfernt plätscherte irgendwo auch ein Wasserfall vor sich hin. Aber wach bin ich von etwas anderem geworden: Mir war kalt und ich musste mal. Aus dem Zelt geschält stellte ich etwas irritiert fest, dass die Lufttemperatur nicht sonderlich niedrig war. Außerdem wurde mir hier draußen trotz Wind bei der Kletterei zu der Baumgruppe, die ich als meinen Pinkelplatz auserkoren hatte, schnell warm. Das Rätsel löste sich, als ich zurück im Schlafsack versuchte, mich umzudrehen: Ich rutschte von der Isomatte. Den Rest der Nacht kämpfte ich einen mehr oder weniger aussichtslosen Kampf. Mein Zeltplatz war seitlich leicht geneigt, und obwohl ich selbst es schaffte, der Zeltwand fern zu bleiben, rutschte die Isomatte immer wieder unter mir weg. Nach einem Weilchen wurde mir dadurch kalt, ich replatzierte die Isomatte unter mir und drehte mich um. Wenigstens war ich erschöpft genug, um schnell wieder einzuschlafen. Damit ich am Morgen nicht auch noch durch irgendwelche Geräusche geweckt wurde, stopfte ich mir Ohrstöpsel in die Ohren.
Das half, aber Francisco schaffte es trotzdem mich gefühlt mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen und zum Frühstück zu rufen. Aber das ist dann schon der zweite Tag und dazu gibt’s beim nächsten Mal mehr.

Gegen neun, lange nach Sonnenuntergang.

Gute Nacht!

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Dientes de Navarino – Planung

1. June 2014

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Wenn man eine Reise nach Südpatagonien plant und nach interessanten Aktivitäten Ausschau hält, stolpert man fast unvermeidlich über Trekkingtouren. Die wohl bekannteste und mit Sicherheit eine der eindrucksvollsten Trekkingtouren in Südpatagonien führt durch den Torres del Paine Nationalpark. Das Wetter ist rauh, aber die Fotos sind eindrucksvoll. Genau das war auch mein Problem, als ich mich näher für diese Trekkingtour zu interessieren begann: Es gibt Tausende toller Fotos von den Torres, und irgendwann hatte ich das Gefühl, gar nicht mehr hinfahren zu brauchen, um zu wissen, wie es dort aussieht. Dazu kam, dass man auf der Standardroute bis in den März hinein von Menschenmassen umgeben ist. Allein auf den Zeltplätzen sammeln sich jede Nacht mehrere Dutzend Zelte, die zusammen mehrere hundert Personen fassen. Hinzu kommen die in bequemen Tagesetappen gesäten und regelmäßig überfüllten Refugios entlang der Strecke. Trekking ist toll, aber nicht im Vergnügungspark. Außerdem – ich weiß, es ist albern – wollte ich nach Feuerland und nicht in dieses diffus definierte Südpatagonien.

So stieß ich auf den Trek um die Dientes de Navarino. Auf der Isla Navarino gelegen, gehören die Dientes zum Feuerland-Archipel und zu einer der unberührtesten Gegenden auf der Welt.

“Das südlichste Trekking der Welt führt Sie entlang kaum begangener Pfade Feuerlands durch unberührte Natur und wilde Landschaften, fernab der Zivilisation. Von Puerto Williams auf der Isla Navarino aus, machen wir uns auf zur Umrundung des Dientes de Navarino-Gebirge. Auf dieser Trekkingtour werden wir durch mystisch anmutende Südbuchenwälder wandern, Schneefelder durchqueren und den beeindruckenden Blick auf den Beagle-Kanal geniessen. Immer wieder kommen wir den zerfurchten Bergspitzen, die dieser Wanderung den Namen verleihen, nahe und passieren raue Berglandschaft. Übernachtet wird im Zelt in freier Natur mit Blick auf schneebedeckte Gipfel an den Ufern kleiner Seen. Nach dem Trekking übernachten wir in einem gemütlichen Gasthaus.

Die Outdoor-Aktivitäten dieser Tour sind anstrengend. Trittsicherheit, eine gute Kondition und Fitness sind absolut Voraussetzung. Extreme Temperatur- und Wetterwechsel erfordern eine gewisse Widerstandskraft. Während des Trekkings gibt es keine Unterkünfte oder andere Infrastruktur, daher ist eine Bereitschaft auf Komfortverzicht und Teamgeist beim Erstellen der Camps und bei der Zubereitung der Essen wichtig. Während des Trekkings muss die eigene Ausrüstung, sowie ein Teil der Verpflegung selber getragen werden. Auf Wunsch können dafür Träger organisiert werden.”

Ich gebe zu, so genau habe ich mir die Beschreibung oder gar das Tagesprogramm gar nicht durchgelesen. Eigentlich sind bei mir nur die drei Worte “anstrengend”, “Widerstandskraft” und “unberührt” hängen geblieben. Das reichte mir, um zu wissen, das will ich machen! (Mit dem Rest der Beschreibung konnte ich ohnehin nicht viel anfangen.) Es gehört zu Feuerland, hat beeindruckende Berge, und man begegnet wenigen bis gar keinen Menschen, da muss ich hin.

Die Planung verlief erstaunlich reibungsarm. So abenteuerlustig mir zumute war, war ich mir sicher, diese Tour mit meinem bisherigen Erfahrungsschatz nicht allein durchführen zu können. Zwei Wochen vor geplanter Abreise schätzte ich auch die Wahrscheinlichkeit jemanden Gleichgesinnten zu finden als äußerst gering ein. Also kam nur eine geführte Tour in Frage. Ich kontaktierte verschiedene Anbieter, und einer führte in dem fraglichen Zeitraum tatsächlich eine Tour durch und hatte vor allem noch einen Platz frei. Die Zeit war knapp, und es wurde schnell klar, dass wir am Standardprogramm nicht festhalten können würden. Das erste Problem, das auftauchte, war der ausgebuchte Flug von Punta Arenas nach Puerto Williams. Stattdessen reiste ich mit der Fähre über Ushuaia an, während der Rest meiner Gruppe wie geplant von Punta Arenas aus aufbrechen würde. Ich würde also das Gruppentreffen mit dem Führer am Vorabend verpassen und erst am nächsten Tag zu meiner Gruppe dazu stoßen. Ursprünglich sollte ich am Morgen des 5. März und damit zeitgleich mit meiner Gruppe nach Puerto Williams fahren, aber wegen der Wetterabhängigkeit der Fähre verlegte die Agentur die Überfahrt auf den 4. März, und wegen der knappen Zeit ohne vorherige Rücksprache mit mir. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, außer, dass ich nun plötzlich zwei Hotelbuchungen für die gleiche Nacht hatte. Dieser Knoten konnte gelöst werden, und am Ende bekam ich durch die geänderten Reisepläne und die eine selbst gebuchte Hotelnacht sogar ein wenig Geld zurückerstattet. Die letzten Details zur Reise klärte ich mit der Agentur am Tag meiner Abreise. Ihr werdet es nicht glauben, aber es klappte auf der Reise tatsächlich alles reibungslos.

Neben der Organisation der Anreise musste ich natürlich auch noch ein wenig Ausrüstung auftreiben. Nach einigem chaotischen Hin- und Her machte ich letztendlich Folgendes: Ich lieh mir einen großen Trekkingrucksack und einen Schlafsack samt Isomatte von Ruben. Zusätzlich gab er mir noch seine Gamaschen. Da ich nach Feuerland noch einmal für ein paar Tage nach Pucón zurück kehren wollte, war die Rückgabe der geliehenen Sachen gesichert. Zelt und Kochausrüstung wurden von der Agentur gestellt, genauso wie die komplette Verpflegung auf der Isla Navarino schon im Preis inbegriffen war. Ich kaufte zu meiner normalen, gut erprobten Bergausrüstung noch eine schnell trocknende Hose. Auf einige andere Dinge der Packliste musste ich jedoch verzichten: Ich wollte partout nicht 50+ Eur für Trekkingstöcke ausgeben, da ich zu Hause schon ein Paar hatte. Außerdem bestand die Chance, die Trekkingstöcke durch einen geeigneten Ast ersetzen zu können. Sorgen machte mir eher, dass ich keine bezahlbare Regenhose auftreiben konnte. Der Wetterbericht für die Trekkingtage verhieß überwiegend trockenes Wetter, und so beschloss ich eine trockene Ersatzhose mitzunehmen und es einfach darauf ankommen zu lassen. Eine Regenhülle für den Rucksack hatte ich auch nicht, aber wasserdichte Säcke, in denen ich alles verstaute, was trocken bleiben musste, also insbesondere Wechselwäsche.

Ein weiterer Sorgenpunkt war der Schlafsack. Die knappe chilenische Beschreibung an Rubens Schlafsack nannte eine Extremtemperatur von -8°C. Die empfohlene Komforttemperatur für die Isla Navarino lag bei -5°C. Und zwar auch für den Sommer, da das Wetter auf Feuerland so extrem wechselhaft ist und man zu jeder Jahreszeit an einem Tag von Sonne bis Schneesturm alles dabei haben kann. Rubens Schlafsack wirkte warm, andererseits wusste ich um mein nächtliches Wärmebedürfnis und investierte sicherheitshalber noch in ein Inlet, einen dünnen Innenschlafsack. Ein paar hundert Gramm mehr zu tragen, aber dafür hätte ich es hoffentlich warm.

Bevor ich aufbrach, wollte die Agentur noch Informationen zu eventuellen medizinische Einschränkungen und zu meiner Reiseversicherung wissen, sowie die Kontaktdaten der Personen, die sie im Notfall zu unterrichten hätten. Meine Notfallkontake selbst nahmen die Information, mein Notfallkontakt zu sein, mit eher gemischten Gefühlen auf, “wenn selbst du Notfallkontakte angibst, muss es ernst sein”. Dabei hätte ich mir persönlich eher Sorgen gemacht, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt schriftlich hinterlegt hatte, wann ich wo sein wollte. Wenn ich auch zugeben muss, dass ich die Übersicht auch selbst brauchte um einen Überblick zu bewahren, wann ich wo sein musste, und vor allem für welche Nächte ich von unterwegs noch Zimmer buchen musste, weil ich das vor der Abfahrt nicht mehr geschafft hatte. Der Ausdruck meiner Liste ging unterwegs auf mysteriöse Art und Weise verloren, ich dagegen kam wohlbehalten sowohl vom Dientes-Trekking als auch vom gesamten Feuerlandausflug zurück.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

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