Feuerland, Tag 3: Puerto Williams

1. May 2014

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Ich hatte ja schon angedeutet, dass die Fähre nach Puerto Williams auf der Isla Navarino etwas abenteuerlich ist. Das Abenteuer beginnt schon damit, dass man (also ich) eine gewisse Vorstellung von dem Gefährt hat, wenn man die Bezeichnung “Fähre” hört. Ich jedenfalls denke dann an ein Fährschiff, wie sie zum Beispiel auf den Fjorden in Norwegen oder auf der Elbe verkehren, auf dem ein paar Dutzend Passagiere und noch eine Handvoll Autos Platz haben. Etwas größer wären dann die Ostseefähren, aber so was kam in Anbetracht der Größe Puerto Williams nicht in Betracht.

Nachdem ich aber in Ushuaia meine Hafensteuer gezahlt hatte (diesmal 30 Pesos, da internationale Fahrt), wurde mir eine Rettungsweste in die Hand gedrückt und dann stieg ich mit fünf anderen Passagieren und zwei Besatzungsmitgliedern in ein Schlauchmotorbötchen. Genauer gesagt, erst wurden unsere Rucksäcke im Bug verstaut, dann kletterten wir nach und nach ins Boot. Die ersten vier hatten sich schon auf die Zweierbänke unter der Plane gequetscht, ich kroch mit der sechsten so weit es ging nach vorn, damit der Zusatzsitz für uns umgeklappt werden konnte. Dann konnten auch wir beide im nun vollen Boot Platz nehmen.

Unsere Fähre, hier schon im Hafen von Puerto Navarino, hinter der Landzunge liegt die Isla Grande.

Der Himmel war grau, der Wind mäßig, bei etwa Windstärke fünf polterten wir von Welle zu Welle. Trotz Spritzschutz zog es kalt um die Beine; ich war froh, dass ich mich warm angezogen hatte. Eine halbe Stunde später erreichten wir Puerto Navarino, von hier sollten wir mit dem Bus ins 60 km entfernte Puerto Williams gebracht werden. Puerto Navarino klingt, als handelte es sich um einen Ort. Tatsächlich ist Puerto Navarino eine Polizeistation, die von mindestens einer Person besetzt ist. Ich habe nachgezählt, mit allen Schuppen und Toilettenhäuschen besteht Puerto Navarino aus 12 Gebäuden. Im Hafen von Puerto Navarino lagen zusammen mit unserer Fähre zwei Boote, das andere war ein Polizeiboot. Während wir auf den Kleinbus warteten (etwa eine Stunde lang), kam noch ein drittes Boot dazu. Zwar weist mein Reisepass jetzt einen Einreisestempel von Puerto Navarino auf, in Wahrheit habe ich den aber erst in Puerto Williams bekommen. Nur die Zollerklärung habe ich in Puerto Navarino abgegeben.

Das Polizeiboot im Hafen von Puerto Navarino. Im Hintergrund das Polizeigebäude.

Noch einmal das Polizeigebäude... und etwa die Hälfte der Gebäude von Puerto Navarino.

Dies ist die andere Hälfte.

Die Rückfahrt nach Ushuaia fand bei wenig Wind statt, war aber trotzdem spektakulär: Unser kleines Bötchen wurde bis weit aus der Bucht von Puerto Navarino hinaus von Delfinen begleitet. Die sprangen zum kreischenden Vergnügen meiner weiblichen Mitreisenden neben dem Boot her, tauchten unter dem Boot durch, machten Rollen in der Luft… Ganz vorn im Bug des Boots, eingekesselt von Gepäck, hatte ich zwar einen unbequemen Sitzplatz, aber die wohl beste Aussicht auf die Delfine. Ich hatte geglaubt, das Boot wäre auf der Hinfahrt schon voll gewesen: Zurück zu passten mit Stapeln und Pressen sowohl in den Bus als auch in das Boot acht Passagiere hinein, teilweise mit den Gliedmaßen in die Zwischenräume zwischen den Rucksäcken und Koffern gestopft.

Der Hafen von Puerto Navarino.

Aber Maria vor dem Fahnenmast darf nicht fehlen...

Während wir auf den Bus nach Puerto Williams warteten, kamen zwei Polizeifahrzeuge vorbei. Der Fahrer des ersten kam zu unserer kleinen Gruppe und begrüßte jeden mit Handschlag. Da sah selbst eine der beiden Bootsführerinnen kurz von ihrem Strickzeug auf. Für das Umsteigen in den Bus brauchte ich mein Ticket nicht vorzeigen. Wozu auch, wer dem Fahrer unbekannt war, wollte auf jeden Fall nach Puerto Williams (oder kam gerade mit dem Bus und wollte zurück nach Ushuaia).

Die Busfahrt dauerte eine gute Stunde und führte immer an der Küste entlang. Die Straße war erstaunlich eben, dafür, dass es nur eine Schotterpiste war. Aber verglichen zum Beispiel mit der Zufahrt zum Vulkan Villarrica war sie spiegelglatt, 50 konnte man hier ohne Komforteinbussen problemlos fahren. Dafür wand sie sich um und über Hügelkuppen, so wie die Landschaft eben verlief. Hügelkuppen veranlassten den Fahrer nicht, langsamer zu fahren. Es kam ohnehin kein Gegenverkehr.

Während der Busfahrt: Aussicht auf Ushuaia am anderen Ufer des Beagle Kanals.

Weiter östlich, Blick nach Norden über den Beagle Kanal. Der Himmel klart langsam auf.

In Puerto Williams angekommen, das tatsächlich aus ein paar mehr Häusern bestand, wurden wir direkt zur Einreisebehörde gefahren. Wir bekamen unsere Stempel, dann begleiteten mich die Amtsmitarbeiter nach draußen, damit ich auch ja Julio, meinen Gastgeber für die kommende Nacht, nicht verfehlen würde. Ich stieg also in seinen Kleinbus um, und er brachte mich zu seinem Hostel. Das entpuppte sich als hübsches kleines weißes Häuschen mit einem gemütlichen Aufenthaltsraum. Ich lud meine Sachen in meinem Zimmer ab, packte meinen Rucksack um, fragte nach der Abendessenszeit und brach auf. Ich überlegte kurz, mir den Ort anzusehen, entschied dann aber, dass ich das wahrscheinlich nach dem Trekking noch mit den anderen zusammen machen würde und außerdem sechseinhalb Stunden zuviel Zeit dafür wären. Hinter Puerto Williams dagegen, halb von den Wolken verdeckt, ragten einige niedrige, nicht allzu steile und sehr verlockend aussehende Hügelchen auf. Von einem davon musste man doch eine nette Aussicht über den Ort haben…

Hostal Akainij, Julios Hostel.

Vom Hostel aus bog ich zweimal nach links, dann hatte ich den Ort verlassen. Ich passierte ein paar ausrangierte und am Straßenrand liegen gelassene Pkws, dann bog ich in einen Trampelpfad nach rechts ab. Anfangs war der Pfad richtig gut ausgebaut, so dass ich zügig über sumpfige Stellen kam. Dann irgendwann endete der Pfad. Kein Problem, die Richtung ist ja klar. Nach einer kurzen Querfeldeinpassage traf ich auf einen anderen Pfad, der sich später aufteilte. Ich entschloss mich entgegen meiner ursprünglichen Absicht, auf den linken der beiden Hügel direkt hinter Puerto Williams zu steigen. Am nächsten Tag stellte sich das als gute Entscheidung heraus, denn unser Trek begann auf dem rechten Hügel.

Wenige hundert Meter hinter dem Ortsrand.

Dort, wo der Boden sumpfig wird, hat schon jemand Bohlen hingelegt.

Nach einer Weile endete auch der zweite Trampelpfad und ich stand vor einer sumpfigen Wiese. Wagemutig hüpfte ich von Baumstamm zu Grasbüschel zu Wurzel, um trockenen Fußes auf die andere Seite zu kommen. So ganz gelang das nicht, und so allmählich wurde der Wald um mich herum immer dichter. Ich begann schon wieder, mich abenteuerlich über Baumstämme und Totholz zu hangeln, nur dass das Holz hier zum Großteil sehr morsch war und ich nur mühsam vorankam. Als ich schon eine so erfolgreiche Besteigung wie an dem Brombeertag zu befürchten begann, stieß ich endlich wieder auf einen festen Weg.

Überall in Bodensenken stehen das Land unter und tote Bäume im Wasser...

Auf den ersten Blick sieht es aus, als könnte man die beiden Baumstämme einfach entlanglaufen. Auf den zweiten entpuppt sich der vordere als halbverrottet und der hintere als zu steil. Auf dem querlaufenden Stapel kann man vorsichtig laufen, bricht aber immer wieder ein.

Der führte leider senkrecht zu meiner gewünschten Richtung, und so bog ich doch wieder in einen Trampelpfad ein, der an einem Grillplatz vorbeiführte, über einen Biberdamm und auf der anderen Seite des Flusses die Böschung hinauf. Dort traf er auf einen markierten Wanderweg. Dem folgte ich, lange. Er führte an der rechten Seite um meinen Berg herum, mit dem Hang auf der einen Seite und dem eben überquerten Fluss auf der anderen. Ich machte kurz Rast am Fluss, füllte meine Wasserflasche auf und schlug mich dann an einer günstigen Stelle senkrecht zum Weg wieder in den Wald, direkt auf den Gipfel zu.

Der "Grillplatz".

Das ist der markierte Wanderweg. Man erkennt ihn vor Ort vor allem an den aus dem Weg geräumten Stämmen und Ästen.

Der Wald war recht licht und ich kam vergleichsweise gut voran. Der Hang war so steil, dass ich sämtliche Baumstämme, Äste und Wurzeln für den Aufstieg nutze, die ich greifen konnte. Ich lernte sehr schnell, zwischen den zahlreichen brüchigen Ästen und den wenigen stabilen Lebendhölzern zu unterscheiden. Der Untergrund war trocken, immer wieder rutschten Steinchen und kleinere Hölzchen unter mir weg. Mir brannten die Waden vom steilen Aufstieg, ich nutzte jeden Baum, dessen Wurzel genügend Standplatz bot um normal zu stehen und die Füße zu entspannen, viele waren es nicht. An einer Stelle musste ich ein paar Meter klettern, was angesichts des bröckeligen Gesteins alles andere als leicht war. Die zweite Kletterstelle vermied ich, indem ich mich ein Stück abseits an Bäumen hochhangelte.

Es geht steil nach oben, aber zwischen den Baumkronen sieht man immer wie Teile des Beagle Kanals und Feuerlands.

Nach anderthalb Stunden bemerkte ich, wie die Baumwipfel immer tiefer kamen. Ich näherte mich der Baumgrenze. Mittlerweile war mir so warm, dass ich auch noch mein T-Shirt auszog, hier kam ja eh niemand vorbei. Auf dem letzten Stück durch die Bäume musste ich geradewegs durch die verschlungenen Äste steigen. Diese Hinderniskletterei am Hang stellte nochmal eine besondere Herausforderung dar, bei der ich den Rucksack absetzen und hinter mir herziehen musste, um nicht dauernd hängen zu bleiben. Diese letzten paar Meter dauerten noch einmal zehn Minuten, dann stand ich auf freier Fläche.

Das sind Bäume, wenn auch kleine. Und garstige, widerspenstige dazu. Immerhin haben sie keine Dornen, nur drei oder vier Kratzer habe ich mir dort geholt.

Der Ausblick war großartig. Die grauen Wolken vom Vormittag waren über dem Kanal wie weggeblasen, nur im Süden hingen noch ein paar. Aber rechts von mir ging es noch weiter bergan, natürlich musste ich bis ganz hoch. Ein kurzer Blick auf die Uhr, es war halb 5, dann sprintete ich los. Ich musste noch einmal durch eine kleine baumbewachsene Senke, durch die ich aber ganz gut durchkam. Dann ging es auf mehr oder weniger großen Felsbrocken und flechtenbewachsenem Schotter noch ein paar Meter nach oben. Ich kam jetzt gut voran und legte die Strecke in einer Viertelstunde zurück. Auf dem Weg nach oben hielt ich Ausschau nach den Dientes de Navarino, der Bergkette, in der ich die nächsten Tage unterwegs sein würde. Die Berge in unmittelbarer Nähe waren zu glatt, aber da im Süden war eine Bergkette in den Wolken, die könnte es sein.

Halb in den Wolken versteckt, sind hinter mir die Dientes de Navarino, die "Zähne von Navarino".

Am Gipfel machte ich erstmal wohlverdiente Rast und zog meine Jacke an, um im wenn auch leichten Wind nicht zu frieren. Gegen 5 machte ich mich auf den Weg nach unten. Ich hielt an einigen der Nebengipfel an, die ich beim Aufstieg erstmal rechts liegen gelassen hatte und von denen aus ich eine gute Sicht auf Puerto Williams hatte. Vor allem aber trieb der Wind in der Zwischenzeit die Wolken von der Bergkette im Süden weg, und tatsächlich, dort waren die Dientes! Um die Aussicht zu genießen machte ich noch einmal Rast und verschlang einen der Dreifach-Alfajores.

Der Beagle Kanal im Norden. Die Ortschaft am Südufer ist Puerto Williams. Links unten ist der Fluss, den ich zuvor überquert hatte, den Bergrücken unmittelbar rechts von Pto. Williams bin ich heraufgekommen. Die große Insel rechts im Kanal ist die Isla Gable, auf die ich ein paar Tage später einen Abstecher gemacht habe.

Die Dientes! Sie sind es tatsächlich! Extra für mich haben sie sich aus ihrem Wolkenkleid geschält!

Zur Feier des Ereignisses: Ein Alfajor Triple: Drei Lagen Keks mit Karamel dazwischen und Schokolade drum herum.

Wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ich hatte schon wieder Hunger und nur noch zweieinhalb Stunden um nach Puerto Williams und zu dem auf mich wartenden Abendessen zu kommen. Bis zur Baumgrenze kehrte ich den Weg zurück, den ich gekommen war. Im Wald versuchte ich, einen anderen Weg nach unten zu finden, was sich jedoch als Fehler herausstellte. Ich wollte den steilen, rutschigen Hang vom Aufstieg vermeiden, kam aber in Gelände, in dem Baumstämme im Weg lagen und ich viel mehr klettern musste. Außerdem stieg ich zu steil ab, traf auf einen reißenden Wasserlauf und musste den Hang erst wieder ein Stück seitwärts queren, um von den glitschigen Felsen weg zu kommen. Das nächste Hindernis war eine vielleicht sechs Meter tiefe Felswand, die ich herabklettern musste. Griffe waren groß und reichlich vorhanden, aber auch genauso lose und unzuverlässig wie zuvor. Ich begann den Abstieg an einer mir geeignet scheinenden Stelle, nur um dann vor der Wahl zu stehen, einen sichtbar lockeren Absatz herab zu klettern oder eine fast perfekt glatte, zwei Meter hohe Wand, aus deren Mitte ein kleines Bäumchen herausragte. Ich erwägte kurz, einfach zu springen, aber die Landefläche war sehr klein und stark geneigt; nur ein bisschen zuviel Schwung nach vorn und ich würde unkontrolliert den Hang herabrollen. Je mehr ich überlegte, umso unsicherer wurde ich. Schließlich fasste ich mir ein Herz und vertraute mich dem Bäumchen an. Ich hatte keinen Zweifel, dass es mich tragen würde, es war nur sehr weit von meinem Standpunkt entfernt. Sehr unsicher und mit Hilfe des Bäumchens, das ich später als Lenga identifizierte, erreichte ich den Fuß der Felswand. Ich verschnaufte kurz, dann setzte ich meinen Weg fort.

Ein letzter Blick auf den Beagle für heute.

Ein Vögelchen auf flechtenbewachsenen Steinen, eins der wenigen Tiere hier.

Das trockene Moos unter mir raschelt beim Darübergehen. Zu meiner Rechten der Bergrücken, den ich eben herabgekommen bin, hinter mir die Dientes.

Die letzte Kletterei für heute, mehr geht nicht. Etwa in Bildmitte die Lenga, die mich gerettet hat.

Nur wenige Minuten später sah ich die nächste Felswand vor mir aufragen, um die ich würde herumklettern müssen, unter mir den reißenden Gebirgsbach. Alternativ könnte ich versuchen, den Bach zu überqueren. Selbst wenn ich das trocken schaffte, was ich stark bezweifelte, sah ich keine Chance auf der anderen Uferseite sicher absteigen zu können. Ich hatte mich in eine Schlucht hinein manövriert.

Mir entfuhr ein Seufzer der Verzweiflung, die Kletterei hatte mich an meine psychische Grenze geführt. Ich wusste zwar, wo ich war (“Da drüben ist Pto. Williams.”), hatte aber keine Ahnung, ob der Weg, den ich eingeschlagen hatte, wieder gangbarer würde (“Wie zum Teufel komm ich da bloß hin?”). Inzwischen zweifelte ich nicht nur daran, rechtzeitig zum Abendessen nach Puerto Williams zurück zu kehren, sondern überhaupt noch bei Tageslicht. Hier bleiben und auf Hilfe hoffen war aussichtslos. Zudem hatte ich zu wenig gegessen, der Energiemangel machte sich nun bemerkbar. Ich traute mir in meiner Verfassung nicht mehr zu, sicher um die Felswand herumzukommen. Ich biss die Zähne zusammen und tat das einzige, was mir unter diesen Umständen noch vernünftig erschien: Ich stieg wieder ein Stück auf, bis ich oberhalb der Felswand war und querte den Berg weiter nach links. Ich startete einen erneuten Versuch abzusteigen, das Gelände war immer noch von Baumstämmen übersät. Noch ein paar Sumpfstellen, ein paar engstehende Büsche, durch die ich musste, ein paar Geländewellen – wenigstens war ich mir in der Himmelsrichtung sicher, in die ich musste. Ich nahm keine Rücksicht mehr auf Zweige, die mir den Weg versperrten, ich brach einfach durch sie hindurch. Das würde ich nicht lange durchhalten können, aber das flacher werdende Gelände beruhigte mich etwas.

Eher zufällig sah ich die erlösenden zwei übereinander liegenden roten Streifen, der Weg, dem ich zuletzt gefolgt war, bevor ich mich hangwärts wandte. Nach der Wegmarkierung entdeckte ich auch den schmalen Trampelpfad, auf dem ich gerade stand, auf dem Hinweg war ich nur einige Hundert Meter weiter gegangen. Erleichtert wandte ich mich Richtung Küste. An der nächstbesten Flussquerung machte ich Halt und wusch mir mit dem kalten Wasser den Schweiß vom Gesicht. Ich hatte noch eine Dreiviertelstunde, um nach Puerto Williams zu kommen. Ich war mir bewusst, dass ich bisher nur ein blaues Auge davon getragen hatte und hatte fest vor, es dabei zu belassen. Vom Berg war ich herunter, das Labyrinth im Sumpfland stand mir noch bevor. Ich wollte auf der Straße bleiben, auch wenn das einen großen Umweg bedeutete.

Der wohl schönste Anblick an diesem Tag: zwei waagerechte rote Streifen auf weißem Grund.

Ich folgte dem Weg, auf dem ich mich befand. Der traf auf eine Straße, die an Militärgelände vorbeiführte. Das war die erste Abzweigung nach links. An der zweiten Abzweigung stand kein Tor und auch kein Schild, und so kehrte ich dorthin zurück, als ich bemerkte, dass die Straße, der ich folgte, von Puerto Williams wegführte. Also folgte ich der Abzweigung, widerstand mehrfach der Versuchung, nach rechts in das Unterholz abzubiegen um auf direktem Weg nach Puerto Williams zu kommen, und kam, nach einem schier endlosen Feldweg, endlich zu einem Tor. Natürlich hatte auch meine Abzweigung auf Militärgelände geführt, und ich musste am Tor vorbei nach draußen. Der Feldweg führte auf Schotterstraße und die wiederum führte auf einen großen Platz in dessen Mitte eine Marienstatue stand. Von diesem Platz führten zwei Wege ab. Ich war mir sicher, dass ich mittlerweile schon an Puerto Williams vorbei gelaufen sein musste, und wählte den rechten der beiden Wege. Und richtig, keine fünf Minuten später lief ich am Ortseingang vorbei. Das Hostel war schnell gefunden, so groß ist der Stadtrand von Puerto Williams nicht. Als ich eintraf, wurde ich mit einem fröhlichen “gerade rechtzeitig” begrüßt, wechselte schnell das T-Shirt und setzte mich dann zu den anderen an den Tisch.

Blick zurück: Den Berg bin ich gerade herabgestiegen. Sieht eigentlich ganz harmlos aus.

Noch ein Blick zurück: Das Tor zurück zur Zivilisation. Und ja, durch die Streben kann man bequem durchsteigen. Ich habe trotzdem bevorzugt, einfach an der Seite vorbeizulaufen.

Endgültig in Sicherheit. Jetzt galt es nur noch, die richtige Straße zu finden, was schon zwei Minuten später geschah.

Meine Tischnachbarn waren ein älteres spanisches Pärchen, das ein paar Wanderungen in der Gegend unternommen hatte, und ein junges Pärchen aus Göttingen, das gerade vom Dientes-Trek zurück gekommen war. Wir unterhielten uns anfangs auf Spanisch, und später, als die Spanier in ihrem Zimmer verschwunden waren, auf Deutsch. Die beiden meinten, dass mein heutiger Ausflug mich gut auf den Dientestrek vorbereitet hat, genauso würde es die nächsten Tage werden. Wir tauschten noch ein wenig weitere Chile- und Trekkingerfahrungen aus, später legte ich meine feuchten Schuhe vor den Kamin und fiel nach einer warmen Dusche in ein warmes und kuscheliges Bett.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

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