Feuerland, Tag 2: Parque Nacional Tierra del Fuego

21. April 2014

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Die Nacht war natürlich viel zu kurz gewesen. Kurz vor neun quälte ich mich dann doch aus dem Bett, denn ich wollte spätestens den 10-Uhr-Bus zum Nationalpark Tierra del Fuego erwischen. Ich wusste nur ungefähr, von wo er abfuhr, und Frühstück musste ich auch noch auftreiben. Dumm nur, dass der dritte März in Argentinien ein Feiertag ist, und die Läden ohnehin nicht vor um 10 aufmachen. Egal, am Nationalpark würde es doch sicher eine Imbissbude geben, dort könnte ich mir ein Sandwich kaufen. Und so verschob ich mein Frühstück, um lieber den Bus noch zu erwischen.

Kurz vor zehn fand ich die Busstation, ich konnte sie gar nicht verfehlen. Neben einer Reihe von Kleinbussen stand eine riesige Tafel mit einer Karte des Nationalparks und groß darüber “Parque Nacional Tierra del Fuego”. Noch während ich versuchte, die sonnenverblichene Schrift zu entziffern, sprach mich ein Jüngling mit einer Karte in der Hand an. Er verkaufte mir ein Busticket (150 arg. Pesos, etwa 15 Euro), erklärte mir kurz den Fahrtverlauf und die Haltepunkte und empfahl mir auf meine Nachfrage den Wanderweg an der Küste entlang. Auf der Karte, die er mir zeigte, entdeckte ich aber einen Weg, der auf einen Berg führte, und damit war die Entscheidung für mich gefällt.

Der Bus fuhr pünktlich um 10 und vollbesetzt ab. Wir drehten zwei Ehrenrunden durch die Straßen von Ushuaia, weil die Hauptstraße wegen eines Karnevalsumzugs gesperrt war und der Fahrer anscheinend sicherstellen wollte, dass es dort wirklich nicht lang geht. Außerdem hielten wir unterwegs zweimal an, der Fahrer schaute hilflos in den Motorraum und fuhr dann weiter. Das dritte Mal hielt er an, um mit einem Kumpel zu sprechen, den er in einem anderen Bus am Straßenrand entdeckte. Beim Aussteigen hatte er die Handbremse vergessen anzuziehen, nach einigen Metern rückwärts holte das einer der Fahrgäste nach.

Eine halbe Stunde später kamen wir tatsächlich am Eingang zum Nationalpark an. Alle stiegen aus, sammelten sich in der kleinen Hütte der Nationalparkverwaltung, zahlten ihren Eintritt (noch einmal 110 Pesos), bekamen einen Flyer mit Karte in die Hand gedrückt und stiegen wieder ein. Die meisten fuhren bis zum ersten Haltepunkt im Nationalpark, ich war die einzige, die am zweiten ausstieg, der Rest fuhr zum dritten. Ich ging in eine schicke Hütte, die aussah, als gäbe es darin etwas zu essen. Gab es auch, aber nur Süßes. Ich wusste, dass es 1km weiter meinen Weg entlang noch eine zweite Versorgungshütte geben musste und machte mich auf den Weg. Die zweite Hütte fand ich tatsächlich, dort gab es aber nur Chips und ähnliche Knabbereien. Dafür war ich nicht bereit, überteuerte Preise zu bezahlen. (Dafür fand ich diese hübsche Karte.) Im Bus hatte ich die Reste meines Flugzeugfrühstücks vom Vortag (Süßkram in winzigen Tütchen) gegessen, trotzdem war ich nicht annähernd satt. Im Rucksack hatte ich eine Packung Kekse, Wasser und ein paar Bonbons. Ich bereute, die Erdnüsse am Morgen ihres Gewichts wegen ausgepackt zu haben.

Die Karte sagte, dass mein Bergweg vier Stunden in Anspruch nehmen würde, allein für den Aufstieg. Die Schwierigkeitsstufe war die höchste, natürlich. Der letzte Bus sollte um 7 abfahren, mittlerweile war es um 11. Es blieben also genau acht Stunden, genau so viel Zeit, wie ich theoretisch für den Weg brauchen sollte. Ich war zwar bisher meist schneller als die offiziellen Zeiten gewesen, aber das war ein paar Tausend Kilometer weiter nördlich, und einem besseren Frühstück. Ich setzte 3 Uhr als spätestes Umkehrzeit fest, und öffnete die Kekspackung.

Ein Blick auf die Karte sagt, dass das Gewässer da ein Fluss sein soll, der Rio Lapataia, die Verbindung zwischem dem Lago Roca und der Bahìa Lapataia, die Teil des Canal Beagle und eigentlich ein Fjord ist (d.h. von Gletschern geformt).

Schwäne auf dem Río Lapataia. Der Name Lapataia stammt aus der indianischen Sprache Yámana und heißt so viel wie "Bucht des Holzes" oder "des Waldes". Mit dem Holz haben die Yámana Kanus gebaut um auf dem Beagle zu jagen.

Die Hütte mit dem hervorragend zum Bergsteigen geeigneten Essen.

Der Zuweg zu meinem Wanderweg lief sich recht bequem, er war breit, weich, und verlief im Wald in unmittelbarer Ufernähe des Lago Roca. Nach einigen Minuten zweigte mein Weg, die Senda “Cerro Guanaco” nach rechts ab. Ich passierte ein Schild, auf dem eindringlich davor gewarnt wurde, den Weg mit schlechten Schuhen, unangepasster Kleidung oder nach 12 Uhr zu betreten. Daran scheiterte es bei mir nicht, ich hatte meine Trekkingschuhe an, trug eine Lage Kleidung am Leib und weitere einschließlich Regenjacke im Rucksack, und es war erst halb 12. Wenn überhaupt würde mir der Energiemangel zu schaffen machen.

Der Weg wurde ziemlich schnell ziemlich steil. Er war stellenweise sehr schmal, ging über Wurzeln, kleinere Rinnsale, und hatte am Anfang kaum Aussicht. Nach zwanzig harten Minuten kam ein kleines gelbes Schildchen in Sicht: noch 4km. Dabei sollte die Gesamtstrecke 4km lang sein. Nunja, argentinische Messgenauigkeit, ich stieg weiter auf. Unterwegs überholte ich zwei Frauen, eine Gruppe Jugendlicher ließ ich erstmal vor mir. Nach einer Stunde machte ich kurz Rast, erst, um meine warme Unterhose auszuziehen, gleich darauf um den ersten Aussichtspunkt zu genießen.

Unter mir: Der Lago Roca. Die erste nennenswerte Aussicht nach einem bisher ununterbrochen schweißtreibenden Aufstieg.

Weiter ging der Weg durch verschlungenes Gehölz. Hier sah ich die ersten Wegmarkierungen, gelbe in den Boden gerammte Stöcke. Ich versuchte, dem Weg zu folgen. Allerdings war der Boden teilweise so schlammig, dass ich mich lieber ein ganzes Stück von den Stöcken entfernt durchschlug. Irgendwo in diesem Wirrwarr überholte ich die Jugendgruppe.

Wurzeln, Wurzeln, und noch mehr Wurzeln. Dazwischen ein paar tiefhängende Äste und hin und wieder ein gelbes Stöckchen zur Wegmarkierung.

Oberhalb der Baumgrenze begann das Sumpfland. Der Boden war völlig durchweicht, und der offizielle Weg zeichnete sich durch tief in den Schlamm eingegrabene Fußspuren aus. Ich versuchte von Grasbüschel zu Grasbüschel einigermaßen trockenen Fußes vorwärtszuhüpfen, immer wieder in die Nähe der Markierungen zurück kehrend. Dieser Abschnitt war zwar nicht der anstrengendste, aber der bei Weitem unangenehmste.

Theoretisch ist jetzt die Hälfte des Weges geschafft. Jetzt geht es bis zur grünen Kante mehr oder weniger geradeaus und dann schräg rechts nach oben. Der Gipfel des Guanaco ist übrigens nur 973 m hoch, die Vegetationsgrenze nochmal einige hundert Meter unterhalb des Gipfels.

Kurz vor der Graskante, Blick nach Süden über den Beagle. Links von mir ist der Bergrücken vom vorherigen Foto. Der linke graue Inselzipfel gehört zur Isla Navarino, der rechte zur weitzerfransten Isla Hoste.

Endlich gelangte ich an den Bergrücken auf dem Foto, und kurz darauf kam das “1km”-Schild in Sicht. Von nun an ging es auf einigermaßen festem Untergrund weiter. An einigen Stellen war der Weg steiler, festgetretener Sand, und mir graute schon vor dem Abstieg. Die Steigung des Wegs war nur geringfügig kleiner als wenn man den Hang gerade hoch gelaufen wäre.

Fester Untergrund unter den Füßen! Hier läuft es sich noch ganz angenehm, solange man nicht nach unten schaut. Später wird die Neigung noch steiler. Der Felsschotter hält einen Sturz zwar auf, aber der Neigung nach zu urteilen erst nach ein paar gerutschten Metern.

Auf halber Höhe des Schotterhangs wurde ich selbst überholt. Aber nicht einfach von einem schnellen Geher, sondern der Typ joggte den Berg hoch. Selten habe ich einen Menschen so gehasst. Aus Frust machte ich erstmal kurz Pause, knabberte ein paar meiner Kekse, trank einen Schluck und trottete dann gemächlich weiter. Mein Magen hatte schon aufgegeben zu knurren, und ich lief mehr aus Willenskraft als aus wirklich vorhandener Energie.

Je höher ich kam, um so dichter wurde der Gegenverkehr. Ein sicheres Zeichen, dass ich der Spitze nahe kam. Als ich knapp unterhalb des höchsten Punktes den Kamm überquerte, sah ich auf der anderen Seite zwei oder drei Grüppchen, die dort Rast machten. Ich folgte dem Trampelpfad noch ein Stückchen, überquerte den Kamm erneut und erreichte nach wenig mehr als drei Stunden Aufstieg schließlich den Gipfel des Cerro Guanaco. Hier rasteten schon ein deutsches und ein schweizerisches Pärchen, und ein Rotfuchs. Der war schon so an Menschen gewöhnt, dass er sich von uns überhaupt nicht weiter beeindrucken ließ und gelassen die Gegend abschnüffelte.

Auf der Ostseite des Kamms: Im Bildmittelpunkt ist Ushuaia, links das Südufer der Isla Grande de Tierra del Fuego, rechts die Isla Navarino.

Ich machte von dem schweizer Pärchen ein Foto, dann begannen sie ihren Abstieg. Kurz darauf folgte das deutsche Pärchen, später kam noch die Jugendgruppe an, die ich überholt hatte, und dann war ich allein auf dem Gipfel. Der Wind pfiff mir um die Kapuze meiner Regenjacke und nach über einer Stunde auf dem Gipfel wurde mir langsam kühl. Trotzdem kehrte ich noch dreimal auf den Gipfel zurück, weil ich noch nicht gehen wollte.

Herr Rotfuchs hier zeigte sich recht unbeeindruckt von uns menschlichen Eindringlingen, hielt aber doch ein paar (wenige) Meter Abstand. Dank Tollwutimpfung hatte ich ohnehin keinerlei Bedenken in seiner Nähe sitzen zu bleiben ;)

Von links nach rechts: La Isla Grande de Tierra del Fuego, la Isla Navarino, la Isla Hoste. Die Stadt ist natürlich Ushuaia. Das Band, das von Ushuaia nach rechts zu mir führt, ist die Zufahrtsstraße zum Nationalpark und das Endstück der Panamericana.

Nicht nur ich genieße die Aussicht...

Panorama vom Gipfel aus. Ganz links die Isla Navarino, Der Arm, der von rechts in den Beagle-Kanal ragt, gehört zur Isla Grande, genau wie die vordere schneebedeckte Bergkette. Die hintere schneebedeckte Bergkette gehört zur Isla Hoste. Das rechte Gewässer ist der Lago Roca, durch das Inselwirrwarr in der Bildmitte schlängelt sich der Río Lapataia, und links davon ist die Bahìa Lapataia.

Als ich mich endlich aufraffte, war ich die letzte. Alle Rastplätze waren leer, als ich meinen Abstieg begann. Ich dachte wieder an meinen Magen, den ich auf dem Gipfel mit den letzten drei Keksen nur unzureichend gefüllt hatte. Aber im Moment schwieg er beleidigt. Der Weg abwärts war leider genauso steil, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Vorsichtig tastete ich mich abwärts. Allein das Wissen, dass meine Schuhe mich hier hoch gebracht hatten, half mir den gleichen steilen Weg wieder abwärts zu laufen. Auf halber Höhe, als der Weg geringfügig flacher wurde, hatte ich mich dann so an die steilen Passagen gewöhnt, dass ich förmlich den Hang herunter hüpfte. Mir kam noch ein einsamer Wanderer mit Trekkingrucksack entgegen, dann erreichte ich wieder das Sumpfland. Schneller, aber auch nasser, überquerte ich das Feld, dann schlug ich mich wieder in den Wald. Von hier an verlief der Abstieg mehr oder weniger unspektakulär. Ich machte mehrmals ausgedehnte Rast, immer mit Blick auf die Uhr. Ich hatte vier Stunden für den Abstieg, und hatte fest vor, nicht weniger als drei zu brauchen. An einem Aussichtspunkt traf ich noch zwei Britinnen, die mir aber versicherten, nicht weiter aufsteigen zu wollen. Kurz nach sechs stand ich dann wieder am Ufer des Lago Roca.

Und zurück über das Hochmoor. Diesmal hatte ich nicht so viel Geduld und entsprechend bekam ich etwas nasse Füße.

Und noch nassere Füße...

Egal, solange das Wasser nicht in den Schuhen schwappt, kann mir so schnell nichts die Laune verderben.

Und stetig bläst der Wind. War ich während des Aufstiegs teilweise im T-Shirt unterwegs, brauche ich beim Abstieg lange Ärmel. Und wenige Minuten nach dem Foto werde ich einen zweiten dünnen Pullover überziehen.

Zwei dünne Pullover und meine alaskaerprobte Kuscheljacke - wenn man sich hinsetzt, kühlt einen der eisige Wind ohne diese Anzahl von Lagen innerhalb von Minuten aus. Gleich nach dem Foto kommt noch meine Regenjacke dazu, auch wenn die einzigen Tropfen von der Brandung des Lago Roca kommen.

Dieses Foto spiegelt so ziemlich die Laune meines Magens wider. Trotz des bedrohlichen Anscheins bleibe ich aber trocken, bis ich zurück in Ushuaia bin.

Ich gönnte mir noch eine lange Pause am Lago Roca, dann trotte ich gemächlich zum Bushalteplatz zurück. In der Versorgungshütte kaufte ich vor Restaurantschluss das erstbeste Gebäck mit Früchten. Nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber so ließ sich die Rückfahrt im Bus aushalten. Zurück in Ushuaia hatte ich sogar noch ein paar Minuten übrig, um schnell unter die Dusche zu springen, bevor ich mich mit Pedro traf. Wir suchten länger nach einem Restaurant als für meine hungrige Ungeduld gut war, fanden aber endlich doch eins mit angemessenen Preisen. Leider war es ein Restaurant (das erste und bisher nur eins von zweien in Südamerika), das kein kostenloses Wasser ausgab. Aus Trotz trank ich eben nichts, das holte ich am Wasserhahn im Hotelzimmer nach.

Anschließend gingen wir noch zum Supermarkt, wo ich mich mit einer neuen Kekspackung und einer Packung mit dreilagigen Alfajores (Gebäck mit viel Schokolade) eindeckte, soviel eben in meinen Rucksack für den nächsten Tag passte. Zurück im Hotel schaute ich noch nach, wo ich am nächsten Morgen eigentlich hin musste, und schlug vor allem das Wort “Fähre” nach, damit ich mich im Zweifelsfall durchfragen konnte. Netterweise lautet das spanische Wort dafür “ferri”, was in mein übermüdetes Gehirn gerade noch hineinpasste, bevor ich, noch halb über den Laptop gebeugt, einschlief.

 

Zum Abschluss noch ein wenig fueguinische Flora, leider zum Großteil ohne Namenszuweisung. Über Hinweise, die zur namentlichen Identifizierung führen, bin ich dankbar :)

Im Hochmoor.

Eine alte Bekannte, eine Llareta.

Mehr Moos.

So grau und steinig die Landschaft aussieht - ein paar Pflänzchen halten sich tapfer oder verbissen auf dem Cerro Guanaco, je nach Sichtweise.

Und noch ein Bekannter: Der Baumbart.

Na gut, nicht ganz Flora, aber auch mit 'F'. Die Flattermänner gab es an den Zeltplätzen zu Hauf.

 

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

14 Tage Finnland

6. April 2014

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Ich bin jetzt seit genau zwei Wochen in Finnland und denke, es ist dringend an der Zeit, über meine ersten Eindrücke hier zu schreiben. Zur Information vorneweg: Ich arbeite seit dem 24.3. an der Aalto University als Wissenschaftlerin (Postdoc). Mein Arbeitsplatz liegt etwa 200m von der Ostsee entfernt, im Stadtteil Otaniemi der Stadt Espoo. Espoo liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Helsinki; von Otaniemi bis zum Stadtzentrum Helsinkis sind es etwa 10 km. Ich bin zur Zeit im Aalto Inn untergebracht, einem Gästehaus der Universität, in dem ich bis zu sechs Monate bleiben darf. Die Miete ist hoch, aber (leider) für diese Region normal. Dafür ist das Einzimmerappartment möbliert und wird einmal in der Woche gereinigt – inklusive Bettwäsche- und Handtuchwechsel.

Als ich herkam, brachte ich einen Koffer, meinen Rucksack – und mein Fahrrad. Für das Fahrrad habe ich fünfzig Euro extra für den Flug bezahlt, und noch einmal fünfzig Euro für das Taxi vom Flughafen nach Otaniemi. Allein die Taxifahrt habe ich mittlerweile locker schon wieder rausgeholt – eine Busfahrt nach Helsinki kostet 5 Euro, innerhalb Espoos 2.50 Euro (habe ich mir sagen lassen), von den netten Ausflügen, die ich hier bisher gemacht habe mal ganz zu schweigen. Sicher hätte ich mir hier auch ein neues Fahrrad kaufen können – nach meinen bisherigen Erfahrungen hätte das aber ein Vielfaches dessen gekostet, was ich für mein Fahrrad in Deutschland bezahlt habe, und vor allem hätte ich in meiner ersten Woche Zeit investieren müssen, die ich nicht hatte.

 

Työnantaja voi hakea työntekijöilleen veronumerot keskitetysti toimittamalla verotoimistoon työntekijöiden henkilötunnukset. Verohallinto lähettää veronumerot työnantajalle. Samalla työnantaja pyytää, että työntekijät merkitään rakennusalan veronumerorekisteriin.

Das erste, was hier auffällt, ist natürlich die Sprache. Dass sich aus diesem Buchstabensalat für einen Normalsprachlichen absolut nichts herauslesen lässt, ist natürlich keine Überraschung. Trotzdem ist es immer wieder frustrierend, vor einem Straßenschild, Etikett, Wegweiser, Formular, oder jeglichem anderen Schriftstück zu stehen und nur diese Aneinanderreihung von Buchstaben zu sehen ohne einen Sinn hineininterpretieren zu können. So ähnlich muss sich ein Analphabet fühlen. Ich kann die Buchstaben lesen, ich kann die Wörter auch ungefähr aussprechen (und in der überwiegenden Mehrheit der Fälle werde ich dann auch verstanden), aber ich habe nicht die leiseste Ahnung, was sie bedeuten.

Arbetsgivaren kan beställa sina arbetstagares skattenummer centraliserat från Skatteförvaltningen genom att lämna in arbetstagarnas personbeteckningar till skattebyrån. Skatteförvaltningen skickar arbetstagarnas skattenummer sedan till arbetsgivaren. Arbetsgivaren ber samtidigt om registrering av de anställda i byggbranschens skattenummerregister.

Meine Rettung ist, dass Finnland bilingual ist und daher (fast) alles schwedische Untertitel hat. Sämtliche Straßenschilder sind zweisprachig, offizielle Formulare sind zweisprachig, und von den meisten Websites gibt es auch eine schwedische Version. Mein Schwedisch ist nicht sonderlich gut, aber es reicht, um zum Beispiel das Schreiben des Finanzamts (dazu später mehr) zu verstehen. Da ich mir die unendlich langen finnischen Straßennamen nicht merken kann, nutze ich meist ihre schwedischen Äquivalente um mich durch unbekannte Gegenden zu navigieren. Und, als ich das erste Mal im Supermarkt vor dem Milchregal stand, half mir meine Erfahrung aus Schweden die richtige Milchpackung zu finden: Maito konnte ich schnell als Milch identifizieren, aber wer würde ausgerechnet “Täysmaito” als Vollmilch erkennen? Ich jedenfalls nur dank des kleinen Zusatzes “Helmjölk”. Dumm ist nur, dass Schwedisch eben doch nur eine Minderheitensprache ist. Und so fand ich mich zwar bis zu dem Gebäude meines neuen Arbeitsplatzes, kaum war ich aber durch die Tür getreten, stand ich vor rein finnischen Beschilderungen. “Lentotekniikka”, “Lujuusoppi”, “Meritekniikka”, “Virtausmekaniikka”. Aha. Der Wachtposten schien zwar überrascht, dass ihn jemand nach dem Weg fragt, und dann auch noch auf Englisch. Aber er sprach genug Englisch, um meine Frage zu verstehen, und mir mit einem nervösen “up the stairs” den Weg zu weisen.

Und so ist es mit den meisten Finnen hier. Fast alle antworten auf die Frage, ob sie Englisch sprechen mit “a little” oder “not so well”, aber bisher hat es immer (!) ausgereicht. (In Schweden bin ich schon am ersten Tag auf Nicht-Englischsprecher getroffen.) Dieses “ein bisschen” ist mir hier überhaupt schon öfter untergekommen. Mein Kollege Arttu fährt “ein bisschen” Skateboard (seit einigen Jahren), der Taxifahrer, der mich am ersten Tag zu meiner Unterkunft gebracht hat, läuft “ein bisschen” (in der Freizeit auch mal einen Marathon), und Juho, mit dem ich letzte Woche essen war, mag den Norden “ein bisschen” (und war mehrere Semester auf Spitzbergen und dienstlich in Inuvik, Barrow und in der Antarktis).

Moment. Ein Taxifahrer, der Marathon läuft? Mein Klischee eines Taxifahrers sieht anders aus. Aber mittlerweile glaube ich, dass halb Finnland Marathon läuft. Es ist fast egal, zu welcher Tageszeit ich zwischen der Uni und meiner vorübergehenden Bleibe pendele. Mir begegnen immer alle paar hundert Meter ein oder zwei Jogger. Letztes Wochenende bin ich durch den riesigen “Stadt”park von Espoo gefahren, und da schoben manche der Jogger noch ein Kinderwägelchen vor sich her. Fahrradfahrer gibt’s zwar auch, aber nicht ganz so viele. Und sie haben die Fußgänger mit und ohne Hund schon gut erzogen: Nur ein kurzes Klingeln, und schon hüpfen diese zur Seite.

Überhaupt, der Straßenverkehr ist erstaunlich rücksichtsvoll. Ich bin noch etliche Meter vom Fußgängerüberweg entfernt, da halten die Autos schon. Fast alle Wege sind für Fußgänger UND Fahrradfahrer (und auch breit genug), und die Autos warten  auf Fußgänger UND Fahrradfahrer. Wenn Autos abbiegen, warten sie auf sämtliche Personen, die sich gerade in der Nähe eines Überwegs aufhalten. Teilweise in Abständen, dass in Deutschland locker noch drei Autos schnell vorbeifahren würden. Ich bin schon über ein paar rote Ampeln gefahren, auch, als die Autos gerade grün bekamen (die Phase, in der beide rot haben, ist sehr kurz, daran muss ich mich noch gewöhnen) – aber ich habe noch niemanden hupen gehört.

Die einzige Ausnahme bisher ist das kleine rote Pizzaauto gewesen, mit dem ich gestern beinahe zusammen gestoßen wäre. Es ist nach rechts über den Fahrradweg in eine Einfahrt eingebogen und hat vermutlich meine Geschwindigkeit unterschätzt. Ich bin gerade bergab und entsprechend schnell gefahren, und konnte trotz Vollbremsung nicht mehr rechtzeitig zum Stehen kommen. Das Auto hat zum Glück das einzig Richtige gemacht und Gas gegeben. — Dem Blick der Familie nach zu urteilen, die auf dem gleichen Fuß-/Fahrradweg unterwegs war, hat auch die mich schon am Heck des Autos kleben gesehen.

Das wäre sehr unangenehm gewesen, nicht nur physisch. Denn ich bin zwar seit meinem ersten Arbeitstag über die finnische Sozialversicherung (Kela) krankenversichert. Aber ich werde meinen Kela-Ausweis erst in voraussichtlich 4 Monaten erhalten, und bis dahin muss ich sämtliche Krankenrechnungen erstmal selbst begleichen. Natürlich bekomme ich die Kosten dann erstattet, aber eben erst in ein paar Monaten und ich habe keine Vorstellung, wie hoch die Arztrechnungen hier sein können.

An sich ist das Gesundheitssystem ziemlich cool. Keine tausend Krankenversicherungen, die alle den mehr oder weniger gleichen horrenden Beitrag verlangen. Alle Menschen sind automatisch abgesichert über die staatliche Gesundheitsgrundsicherung. Und mit “alle” meine ich alle Finnen (die in Finnland wohnen) und Ausländer, die in Finnland arbeiten und Steuern zahlen (oder gezahlt haben). Zu der “normalen” Krankenversorgung über die staatliche Grundsicherung kommen natürlich noch private Anbieter, sowie in der Regel das Gesundheitsangebot des Arbeitgebers. Das heißt, wenn ich krank bin, kann ich erstmal zum Gesundheitszentrum der Uni gehen, außerhalb der Öffnungszeiten eben in ein staatliches Krankenhaus. Und wenn ich Zahnschmerzen hab, geh ich zum (privaten) Zahnarzt. Denn in Skandinavien sollen zwar alle gesund sein, aber schöne Zähne braucht man nicht unbedingt. Das war mir in Schweden schon aufgefallen: die Zahnversorgung wird nicht von der Grundsicherung abgedeckt, und daher haben auffallend viele Schweden schlechte Zähne.

So ganz “automatisch” ist man jedoch nicht in der Grundsicherung. Man muss einen Antrag dafür stellen. Die Finnen lieben Anträge. Sie sind darin eher noch schlimmer als die Deutschen, für jedes kleine Bisschen muss ein Formular (immerhin meist nur eine Seite) ausgefüllt werden. Ein Formular für die Daten, die in meinen Arbeitsvertrag kommen, ein Formular für meinen Büroschlüssel, ein Formular für die Schlüsselkarte, ein Formular für den Bibliotheksausweis, ein Formular für die Reservierung der Universitätsunterkunft, ein Formular für die Bezahlung mit Kreditkarte, ein Formular für… Gut, mindestens die Hälfte davon muss man in Deutschland auch ausfüllen. Aber um mich in der finnischen Version des Einwohnermeldeamtes anzumelden (Maistraatti, mit Formular natürlich), muss ich mich erst bei der Polizei anmelden (ein anderes Formular). Dafür hat die Personalstelle der Uni einen Termin in der nächsten Polizeistelle für mich vereinbart, der ist in gut zwei Wochen. Mit der Anmeldung beim Maistraatti kann ich meine Sozialversicherungsnummer beantragen (Formular!), und mit dieser kann ich dann meine Aufnahme in die staatliche Gesundheitssicherung beantragen (Formular!). Außerdem brauche ich die Nummer, um meine Steuerkarte zu beantragen (Überraschung, Formular!), ansonsten muss ich 60% Einkommenssteuer bezahlen, die ich erst mit der Steuererklärung zurückfordern kann.

Moment, wie jetzt? Die Reihenfolge stimmt doch nicht? Ich brauche meine Sozialversicherungsnummer, bevor ich mich überhaupt als neuer Einwohner melden kann, bekomme sie aber erst, wenn ich gemeldet bin? Sind wir denn hier in Köpenick? Nicht ganz, denn Finnen lieben zwar Formulare, aber sie lieben auch Unkompliziertheit. Für neu angekommene Ausländer gibt es im Zentrum von Helsinki ein Büro, das von der Grundversicherung und dem Finanzamt zusammen betrieben wird. Dorthin bin ich am Ende meiner ersten Arbeitswoche gefahren, Freitag kurz nach halb drei. Am Eingang wählte ich “Steuerkarte beantragen” und zog meine Nummer. Unmittelbar darauf wurde ich aufgerufen, und ich setzte mich dem – ich nenne es mal – Schalterbeamten gegenüber. Der “Schalterbeamte” in Deutschland wäre eine rundliche Frau, in geschmackvolle, weite Kleider gehüllt, mit diversen Ketten behangen und mehrfach beringt, in ihren mittleren Jahren und mehr an dem Tratsch in der nächsten Kaffeepause interessiert als an ihrem Gegenüber, was sie ihn auch spüren lässt.

Der “Schalterbeamte” in dem Büro in Helsinki war ungefähr so alt wie ich, blond, langhaarig, im T-Shirt einer Rockband, und mit diversen Tattoos am Oberarm. Er sprach fließend Englisch und erklärte mir, dass ich vor der Steuerkarte erstmal meine Steuernummer beantragen müsste. Hier, einfach das Formular ausfüllen. Nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass die Steuernummer das gleiche wie die Sozialversicherungsnummer ist – mit dem finnischen Originalwort wäre die Verwirrung gar nicht entstanden, aber das kannte ich da noch nicht. Gleich darauf füllte ich meinen Steuerkartenantrag aus. Dafür sollte ich abschätzen, wieviel ich dieses Jahr insgesamt verdienen würde. Das hatte die Personalstelle der Uni schon für mich getan, und ich trug die Zahl ein. Als Gegenleistung bekam ich einen A4-Zettel, auf dem stand, dass ich 22% Lohnsteuer würde zahlen müssen. Auf Finnisch und Schwedisch natürlich, aber der Schalterbeamte erklärte mir auf Englisch, was auf dem Zettel stand. Zusätzlich müsste ich noch etwa 6% Arbeitslosen- und Rentenversicherung zahlen. Ich sah ihn etwas ungläubig an, aber so etwas Ähnliches hatte ich schon von meinen Arbeitskollegen gehört. Später bestätigte mir der Rechner, dass ich mit weniger Bruttoeinkommen tatsächlich mehr Nettoeinkommen haben würde als in Deutschland. Noch bin ich etwas skeptisch und warte gespannt auf meine erste Lohnzahlung, die Mitte April eintreffen sollte.

Dann wollte ich wissen, bis wann und wie man die Steuererklärung einreichen müsste. Kurze Irritation beim Gegenüber, dann erklärte er mir, dass ich meine Steuerabrechnung zugeschickt bekäme. Die sollte ich dann überprüfen, und wenn ich Änderungen wünsche (Fahrtkosten zum Arbeitsplatz sind zum Beispiel absetzbar, ansonsten noch Kinder und andere Sozialfaktoren), sollte ich einen entsprechenden Antrag zurück schicken. Ich blinzelte kurz und dachte an den Tag, der für meine Steuererklärung für mein letztes Arbeitsjahr in Deutschland drauf gehen würde.

Dann stand ich auf, ging zum Eingang zurück und zog meine Nummer für das Kela-System. Ich hatte das Zettelchen noch gar nicht richtig gezogen, da wurde meine Nummer schon aufgerufen. Also wieder zurück, diesmal zu einer jungen Frau. Die war etwas mehr wie eine deutsche Schalterbeamtin, etwas zu stark geschminkt und leicht schrille Stimme. Aber Verwechslungsgefahr bestand trotzdem nicht, dafür war sie zu hilfsbereit. Ich füllte meinen Kela-Antrag aus, und sie erklärte mir, dass die Verwaltung die oben erwähnten 4 Monate hinterher hängt. Aha, also doch endlich mal etwas, was hier nicht so reibungslos funktioniert. Außerdem erklärte sie mir, wann ich zu welchem Arzt gehen sollte (Arbeitgeber, Kela, privat). Dann war ich entlassen. Das Ganze hatte gute zwanzig Minuten gedauert, ich hatte meine Steuerkarte (ein Schreiben, das ich meinem Arbeitgeber übergeben musste), meine Mitgliedschaft im Kela-System und meine Steuernummer. Und das alles, ohne (bisher) überhaupt in Finnland gemeldet zu sein oder einen festen Wohnsitz hier zu haben. Ich brauchte nur meinen Pass und meinen Arbeitsvertrag.

Die Steuernummer ist für Skandinavier das Zeichen, dass sie existieren. Die Schweden haben ihre Personnummer, die Finnen haben ihre Steuernummer, ich tippe mal, dass die Norweger etwas Ähnliches haben. Man wird bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit nach seiner Steuernummer gefragt, insbesondere bei Abschlüssen von schriftlichen Verträgen jeglicher Art. Hat man eine, ist alles gut, hat man keine (eigentlich nur Ausländer, die weniger als 1 Jahr hier wohnen), ist es fast aussichtslos zum Beispiel ein Bankkonto eröffnen zu wollen. Wobei, das nun wieder will ich hier gar nicht, weil es anscheinend nur Filialbanken gibt, und alle wollen entweder riesige Einlagen sehen oder berechnen eine monatliche Grundgebühr. Und ich weigere mich, jemandem Geld dafür zu zahlen, dass ich ihm mein Geld zur Verfügung stelle. Die Uni jedenfalls zahlt Gehälter auch auf deutsche Bankkonten.

 

Ich habe vor, in den nächsten Tagen mein Auto nach Finnland zu schaffen. Dazu gibt es viele Erfahrungsberichte, und anscheinend importieren auch Finnen gern Autos. Verständlich, denn hier kosten Autos das Vielfache von dem, was sie anderswo kosten. Ich habe einen Erfahrungsbericht gelesen, in dem ein Amerikaner in Kalifornien ein Auto für etwa 9000 EUR kaufte. Für Transport und Papierkram zahlte er 5000 EUR, dann nochmal um die 10000 EUR für Steuern (darauf komme ich gleich zurück). Insgesamt kam er am Ende auf etwa 20000 EUR importbedingte Kosten. Er machte immer noch etwa 10000 EUR gut, denn der Marktwert des gekauften Autos lag in Finnland bei 40000 EUR.

Der Warenverkehr innerhalb der EU ist theoretisch unbeschränkt. Praktisch müssen aber alle Autos, die nach Finnland eingeführt werden und nichttouristischer Art sind (also Urlauber, die nur ein paar Wochen bleiben, sind nicht betroffen), verzollt werden. Denn hier gibt es eine – scheinbar nicht ganz niedrige – Autosteuer, die vom Marktwert des Autos in Finnland abhängt. Als EU-Bürgerin, die die letzten zwei Jahre im Ausland gelebt hat und das Auto in den letzten sechs Monaten besessen hat, darf ich das Auto für die Eigennutzung nach Finnland bringen, ohne die Autosteuer/Zoll zahlen zu müssen. Trotzdem muss ich es beim Zoll anmelden. Denn erst mit dem Zollzettel kann ich das Auto hier auch anmelden und ein finnisches Kennzeichen bekommen. Außerdem brauche ich – wie in Deutschland – eine Haftpflichtversicherung. Theoretisch könnte ich meine deutsche Versicherung weiterlaufen lassen. Praktisch wird sie aber nur anerkannt, wenn mein Versicherer auch einen Sitz in Finnland hat. Und praktisch muss ich einen Versicherer finden, der überhaupt bereit ist ein Auto in Finnland zu versichern. Natürlich könnte ich auch eine Versicherung hier in Finnland abschließen. Dafür aber muss ich meinen dauerhaften Wohnsitz hier haben.

Man erinnere sich, mein Termin bei der Polizei ist in zwei Wochen, und erst danach kann ich mich beim Einwohnermeldeamt melden. Ich will mein Auto aber jetzt hier haben. Nun kommt mir die frisch erworbene Steuernummer zu Gute: Online kann ich keinen Antrag stellen, aber in den Büros verschiedener Versicherer, die hier zum Glück ganz in der Nähe sind, interessiert man sich überhaupt nicht für meinen Status als vorübergehend-staatenlos-erst-demnächst-dauerwohnhaft. Sie haben eine Steuernummer? Alles klar, das reicht völlig. Und eine Adresse, unter der wir sie erreichen können. Perfekt. Hier ist ihr Angebot… Übrigens wird hier meine SFK auch mit übernommen. Ich brauche nur ein Schreiben von meinem alten Versicherer, und ja, auf Englisch(!) reicht völlig.

Die Versicherung ist trotzdem teurer als in Deutschland, ich zahle (voraussichtlich) etwa 100 EUR mehr, etwa 25%. Im Vergleich mit meinem ersten Supermarkteinkauf hier ist das ein Schnäppchen. Mein erster Einkauf fand in einem kleinen Supermärktchen direkt auf dem Campus statt, einem “Alepa”. Ich wusste noch aus Schweden, dass Essen in Skandinavien teuer ist, wenn ich auch verdrängt haben musste, wie teuer. Die Preise im Alepa haben mir erstmal den Magen umgedreht. Eine Tüte Nudeln: 1 Euro. Zugehöriges Glas Tomatensoße: 2.50 Euro. Ein Baguette mit Frischkäse: Zusammen 3.40 Euro. Eine Essenszusammenstellung simpelster Art, aber mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland. Es gab zwei Regale voller Süßkram, aber der Preis für Schokolade war jenseits von Gut und Böse und Kekse waren völlig unauffindbar. Ich kann ohne Kekse nicht arbeiten!

Der nächste Einkauf im gleichen Laden zwei Tage später verlief ähnlich, aber diesmal gönnte ich mir einen Pfannkuchen, immerhin nur 75 cent. Ich hätte ihn auch für 2 Euro genommen, ich wollte einfach nur was Süßes essen. Den dritten Einkauf erledigte ich in Helsinki, nachdem ich meine Steuerformalitäten geklärt hatte. Ich dachte, wenn ich im Stadtzentrum in einem großen Supermarkt einkaufe, sind die Preise niedriger. Ich verließ den Laden ernüchtert, schaute mir noch ein wenig Helsinki an und fuhr ziemlich geknickt nach Hause. Eine Tüte Gummibären: 1.50 Euro. Ein kleines Glas Nutella: 5 Euro. Direkt daneben, ein Glas Sauerkirschen: 5 Euro.

Den Abend verbrachte ich ziemlich betrübt zu Hause. Nach dem Preisschock musste ich nun auch noch feststellen, dass der Ofen in meiner Küche gar kein Ofen war, sondern eine Mikrowelle. Zum Glück kann man Tiefkühlpizza notdürftig auch in der Mikrowelle herrichten, wie ich experimentell herausfand.

Ich fragte mich, wie ich am nächsten Tag meinen Großeinkauf für die nächste Woche überstehen sollte, und vor allem wie ich mich die nächsten Jahre ernähren wollte. Fünf Euro für Nutella konnte ich ohne Probleme sparen, aber ich konnte mich nicht die restliche Zeit hier von Nudeln und eventuellen Carepaketen aus Deutschland ernähren.

Nun ist nicht alles Essen in Finnland teuer. Das Essen in der Uni-Cafeteria liegt für Mitarbeiter zwischen 5 und 6 Euro. Das ist gar nicht mal so viel mehr als in der Ilmenauer Mensa, und dafür kann man sich die Portionen selbst auftun und bekommt einen kleinen Teller Salat dazu. Und kostenloses Leitungswasser. Gäste bezahlen einen Euro mehr, Studenten bezahlen genau die Hälfte des Mitarbeiterpreises; ihr Essen ist vom Kela-System subventioniert. Mein einziger Restaurantbesuch bisher war auch nicht so schlimm, ich habe für ein super leckeres Essen knapp 16 Euro bezahlt. Dazu als Getränk kostenloses Leitungswasser, außerdem ist in Finnland Trinkgeld unüblich (“Nie?” – “Du kannst, aber damit sorgst du für… große Verwunderung.”). Und somit habe ich etwa soviel gezahlt wie in einem deutschen Restaurant.

Hatte ich vielleicht etwas übersehen? Kaufte ich vielleicht ausgerechnet in den teuersten Supermärkten? Das schien mir unplausibel, dafür war der Alepa von Studenten zu gut besucht. Und dann fiel mir etwas ein, was mir einen weiteren Moment des hier recht häufigen “wie gut, dass ich mal in Schweden gelebt hab”-Gefühls beschert hat: Ich hatte nämlich in Schweden anfangs das gleiche Problem, alles war so furchtbar teuer. Dort war es sogar noch verschärft, weil es keine Mensa gab und ich mittags nicht günstig essen konnte. Ich ächzte unter den teuren Supermarktpreisen – bis mir eine Freundin den Tipp gab, etwa 20 min von mir aus mit dem Fahrrad zu fahren und in dem “Armen”-Stadtteil Gottsunda im Lidl einzukaufen. Das war einer der besten Ratschläge, die ich je bekommen habe. Im Winter kostete auch dort die Gurke 5 Euro pro Kilo, aber von frischem Grünzeug mal abgesehen waren die Preise etwa auf deutschem Niveau. Von da an kam ich einmal in der Woche (meist sonntags) schwerst beladen aus Gottsunda zurück, und zwischendrin stockte ich mit frischen Lebensmitteln aus dem kleinen Supermarkt auf dem Weg von der Uni zu mir daheim auf.

Eine kurze Suche im Internet ergab, dass es Lidl auch in Finnland gab, und die nächste Filiale etwa 5 km entfernt war. Das war etwa die Strecke bis nach Gottsunda, das würde ich also auch voll beladen zurück legen können. Am darauf folgenden Tag fuhr ich zum Lidl – und tatsächlich, die Preise waren nur wenig höher als in Deutschland. Gurken für 2 Euro das Kilo – naja, bei den mickrigen Stängelchen ist das nicht mal ein Euro pro Gurke. Tomaten, Gehacktes, Milch, Brot – alles zu bezahlbaren Preisen. Einziger Wermutstropfen war, dass ich partout kein Apfelmus auftreiben konnte – aber die Beerenmischung, die ich notgedrungen kaufte, stellte sich als mein neuer Favorit für Eierkuchenbelag heraus. Sogar Schokokekse gab es, für nur 50% mehr als in Deutschland. Ich glaube, auf dem Rückweg habe ich bis über beide Ohren gestrahlt, und das, obwohl etwa 20 Kilo auf meine Schultern drückten.

 

Ich will ja nicht zu optimistisch sein, das wäre hier auffällig, aber nach dem anfänglichen undurchschaubaren Dickicht an Formalitäten und Unannehmlichkeiten scheint es jetzt allmählich voran zu gehen. In ein paar Wochen, vielleicht, könnte ich anfangen dieses Land hier zu mögen. Ein bisschen.  :D

¬ geschrieben von Christiane in Finnland

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