Feuerland, Tag 1: Bootstour und Glaciar Martial

31. March 2014

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Gerade in Ushuaia gelandet und im Hotel eingecheckt, beschloss ich, noch am selben Vormittag die touristischen Angebote zu erkunden. Vom Hotel zur Touristeninfo waren es fünf Minuten zu Fuß, und von dort noch einmal zwei Minuten bis zu der kleinen Ansammlung an Holzbuden am Hafen, in denen Bootsausflüge verkauft wurden. Ich entschloss mich spontan, an einer vierstündigen Bootstour zum Sea Lions Island, zur Insel Les Eclaireurs und zum Bridges Island teilzunehmen. (Die ungefähre Route sieht man als lila gestrichelte Linie auf dieser Karte.) Die Namen sagten mir nichts, aber der Preis passte und auch die Dauer. Nur die Abfahrtszeit um 10 war etwas knapp, ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit.

Ich flitzte zurück zum Hotel, fischte noch eine warme Unterhose aus meinem Gepäck, stopfte eine Kekspackung in meinen Rucksack, stürzte zum nächstbesten Geldautomaten und zurück zum Hafen. Zwei Minuten vor zehn war ich zurück an der Bootsbude. Von der langen Anreise noch übermüdet, hatte ich den Preis in argentinischen Pesos falsch verstanden und nicht genug Geld abgehoben. Aber das gute an Argentinien ist, dass der US-Dollar übliche Zweitwährung ist und ich vor allem noch einen Fünfziger einstecken hatte. Das Wechselgeld bekam ich in Pesos, dann durfte ich mich zu dem Grüppchen an Wartenden dazugesellen. Auf dem Weg zum Boot bezahlte ich noch 10 Pesos Hafensteuer (etwa 1 Euro), dann kletterte ich mit einer kleinen Gruppe Argentinier und zwei Brasilianern in das Boot. Ich war die einzige Europäerin.

Die "Che Totin", mein Transportmittel für die nächsten vier Stunden.

Die Crew bestand aus dem Kapitän/Steuermann und dem Führer, der – ich fühlte mich wie im Himmel – nicht nur ganz gutes Englisch sprach, sondern auch noch verständliches Spanisch. Fast die komplette Tour hörte ich mir auf Spanisch an, nur an einigen wenigen Stellen musste ich nachfragen. Es lag also wirklich an den Chilenen und nicht an mir, dass ich sie so schlecht verstand. Der einzige Unterschied des Argentinischen zu dem Spanisch, das ich gelernt habe, ist das verstärkte Zischen des “y” und “ll”. Statt “tuyo” und “llamar” sagen die Argentinier (oder zumindest die Ushuaianer) [tuscho] und [schamar]. Aber das hatte ich in abgeschwächter Form schon von Mexikanern gehört, insofern musste ich mich nicht allzusehr umgewöhnen.

Die Bootsfahrt begann mit dichter Wolkendecke und mäßigem Wind. Das wurde von den Einheimischen als schönes Wetter bezeichnet. Das lag unter anderem daran, dass der Wind aus Osten kam statt wie üblich aus Westen. Wind aus Westen bringt kalte Luft aus der Antarktis mit, wir hatten also vergleichsweise warmen Wind. Es war auch tatsächlich nicht kalt, wenn man nicht gerade stundenlang auf dem Bootsbug im Fahrtwind saß und die ein oder andere Welle abbekam. Aber die Aussicht war es Wert.

Blick zurück nach Ushuaia.

Der östlichste Ausläufer, Industriegebiet von Ushuaia. Dahinter die "Cinco Hermanos", ein Berg mit einer charakteristischen gezackten Spitze, hab ich gehört...

Immer wieder ragten steile Berggipfel zwischen der zerrissenen Wolkendecke auf der Feuerlandseite auf, eine kleine Insel nach der anderen passierten wir, immer den Beagle-Kanal entlang, Feuerland auf der Linken und die Isla Navarino auf der Rechten. Trotz nassen Winds war ich in dem Moment der wohl glücklichste Mensch der Welt: da drüben war Feuerland, endlich war ich angekommen.

Genau hinschauen! Ein Sonnenhalo, als Willkommensgeschenk.

Mit dem Segelboot wäre ich lieber gefahren, aber die zugehörigen Leute an der Hafenhütte hielten es nicht für nötig, freundlich zu sein.

Wir hielten an Inseln mit Kormoranen:

Seelöwen:

Seelöwinnen wiegen mit etwa 150 kg knapp halb soviel wie Seelöwen und sind praktisch dauerschwanger: sie tragen ein knappes Jahr und sind kurz nach der Geburt wieder paarungsbereit.

Seebären (fur seals):

und umrundeten die Insel mit dem Leuchtturm, Les Eclaireurs, dem Wahrzeichen von Ushuaia.

Blick Richtung Westen, Ushuaia ist rechts hinter der Insel zu sehen.

Auf dem Rückweg wärmten wir uns bei einem Becher Kakao im Bootsinneren, dann stoppten wir für eine kleine Wanderung auf der Isla Bridges. Dort erklärte uns der Führer die einheimische Flora. Besonderen Wert legte er auf die Llareta, eine Pflanze, die weiter nördlich nur in mehreren Tausend Metern Höhe zu finden ist (d.h. in den Hochanden von Peru und Bolivien) und nur hier auf Meereshöhe. Sie wächst 1-3mm im Jahr, und dementsprechend bestand er darauf, dass wir brav dem kleinen Trampelpfad folgten und nicht auf die Pflanze traten: Auf den ersten Blick könnte man sie für einen moosbewachsenen Stein halten, tatsächlich ist aber ihr komplettes Inneres pflanzlich und sehr verletzlich.

Diese Llareta hier dürfte einige hundert Jahre alt sein.

Das Innenexleben einer Llareta.

Dieses Blümchen heißt Mata Negra; wie man unschwer sieht, ein sehr passender Name. Der Name wurde übrigens mehrfach vergeben, und immer an weiße Blumen... Die hier heißt auch Chiliotrichum diffusum.

Das Pflänzchen hier wird später im Zusammenhang mit einer Legende nochmal auftauchen. Es ist die Symbolpflanze Patagoniens: der Calafate. Die Pflanze blüht von Oktober bis Januar und riecht dabei wohl ziemlich stark. Im Februar kann man die Beeren essen. El Calafate ist auch der Name eines berühmten Gletschers weiter nördlich in Südpatagonien.

Der Pelz hier heißt "La Barba de viejo". Der "Gewöhnliche Baumbart" war mir schon in Alaska aufgefallen - diese Flechte wächst praktisch nur dort, wo die Luftqualität sehr hoch ist. Ich habe übrigens erst vor ein paar Tagen herausgefunden, dass Flechten aus einem Pilz als Grundgerüst und (meist) Algen als Nahrungslieferant bestehen. In Anbetracht der immensen Verbreitung von Flechten ist es eine Schande (für mich und meine Biolehrerin), dass ich sie bisher für Pflanzen gehalten habe.

Auf dem "Gipfel" der Isla Bridges. Im Norden - im Gegenlicht - sieht man Ushuaia und Feuerland.

Feuerland!

Zurück in Ushuaia schloss ich mich den beiden Brasilianern Gustavo und Pedro an, die noch am selben Nachmittag auf den Glaciar Martial steigen wollten (die ungefähre Position des Gletschers findet man ebenfalls auf dieser Karte). Ich hatte keine Ahnung, wie lange das dauern würde, angeblich hatte der Führer gesagt, man bräuchte vier Stunden für den Aufstieg. Nun ja, vielleicht schafften wir es nicht bis ganz hoch, aber schon von halber Höhe aus würden wir einen netten Ausblick auf Ushuaia und den Beagle-Kanal haben. Wenn die Wolken noch aufklarten.

Bevor wir aufbrachen, aßen wir noch schnell einen Burger, meine erste richtige Mahlzeit an dem Tag. Dann nahmen wir ein Taxi, das uns bis zum Beginn des Wanderwegs bringen sollte. Da wir zu dritt waren, zahlte jeder nur etwa 20 argentinische Pesos, etwa 2 Euro. Die Fahrt führte aus Ushuaia heraus und Serpentinen den Berg herauf, vorbei an noblen Hotels. Als wir angekommen waren, drehte der Fahrer die Musik lauter und fing an auf seinem Sitz zu tanzen.

Wir starteten an der Talstation eines Sessellifts. Ich hab den Preis nicht mehr im Kopf, wir waren uns aber alle einig, dass die halbe Stunde Zeitersparnis den Preis nicht wert war. Und mehr als eine halbe Stunde bis zur Bergstation brauchten wir tatsächlich nicht. Von dort führte ein zwar unmarkierter, aber gut ausgetretener Pfad weiter nach oben. Der Weg nach oben war steil, aber recht angenehm zu gehen. Gustavo hatte zuvor noch gewarnt, dass er ein langsamer Geher wäre, tatsächlich liefen beide aber etwa in meinem Tempo.

Noch sind wir von Bäumen umgeben. Das da vorn muss wohl der Gletscher sein...

Gustavo und ich über dem spätsommerlichen Rest des Schmelzwasserflusses des Martial.

Ein wenig hoffte ich, dass hinter dem Bergrücken zur linken noch ein "richtiger" Gletscher auftauchen würde...

Ich und Pedro vor dem Martial. Ja, dieses kleine Schneefleckchen da oben ist der Martial.

 

Das letzte Drittel des Aufstiegs...

Von der Talstation bis zum Gletscher hoch brauchten wir etwa eine Stunde, ich vermute, dass die vier Stunden des Führers von Ushuaia aus hin und zurück gerechnet waren. Oder vielleicht bis zum Gipfel, denn der Wanderweg endete am unteren Ende des Gletschers. Der Gletscher selbst ist unspektakulär, und eher winzig, aber die Aussicht auf dem Weg dorthin wurde mit jedem zurück gelegten Meter besser. Die Wolkendecke riss tatsächlich noch auf (für mich!) und wir hatten kilometerweite Sicht.

Das Ende des Weges. Von hier an nur mit angemessener Ausrüstung und Erfahrung. Höhe über Normalnull: 825 m. Die Baumgrenze liegt einige hundert Meter tiefer.

Ushuaia und dahinter der Beagle Kanal.

Eins der besten Bilder, die ich je gemacht habe :D Leider mit ein paar Regentröpfchen auf der Linse. Darf ich vorstellen: meine beiden völlig geistesungestörten brasilianischen Begleiter Gustavo und Pedro.

Auf dem Weg nach unten machten wir noch einen kleinen Abstecher einen Aussichtspfad entlang. Von seinem Ende hatte man noch einen besseren Blick über Ushuaia, außerdem entdeckte ich einige der Pflanzen von der Isla Bridges wieder.

Ushuaia. Die Serpentine rechts unten sind wir mit dem Taxi hoch gefahren. Die hintere Ausbeulung der Halbinsel in der Bildmitte - das ist der Flughafen von Ushuaia. Dahinter liegt die Isla Navarino. Es ist zwar bewölkt, aber die Sichtweite liegt bei mindestens 40 - 50 km, eher noch weiter.

Zurück am Parkplatz fuhr ein leeres Taxi vor unserer Nase davon, und als nach zehn Minuten rosafarbenes Teehaus angucken immer noch kein neues Taxi aufgetaucht war, beschlossen wir, die Straße nach Ushuaia zu laufen. Die Serpentinen streckten sich und nach einem Kilometer auf der Straße und immer noch keinem Taxi führte ein verlockender Weg nach links weg. Ich überredete meine beiden Begleiter, diese Abkürzung zu versuchen.

Unterwegs trafen wir ein Paar mit Hund. “Nein, dieser Weg führt ins Nirgendwo, der ist nur zum Joggen.” Tatsächlich, ein paar hundert Meter weiter endete der breite Schotterweg und ein Trampelpfad tauchte auf. Ich hatte wenig Lust, die Viertelstunde zur Straße zurück zu gehen, und schließlich fanden die beiden Brasilianer mein Argument einleuchtend, dass wir, solange wir bergab und Richtung Küste gingen, irgendwann wieder auf die Straße treffen mussten. Wir vereinbarten, dem Weg noch zwanzig Minuten lang zu folgen, und erst dann wieder umzukehren, falls wir keinen anderen Weg getroffen hatten – so dass wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang zurück an der Straße wären.

Der Trampelpfad war etwas mühsam, ging stellenweise sehr steil bergab und an einer Stelle mussten wir über einen Baumstamm balancieren. Aber immerhin, es gab eine Brücke über den Wasserlauf! Kurz darauf stießen wir auf einen breiteren Pfad, der sich als Downhill-Strecke entpuppte. Breit grinsend ging ich meinen Begleitern voraus, bis wir einige Minuten später tatsächlich wieder auf die Straße stießen, nur viele Serpentinen unterhalb der Stelle an der wir die Straße verlassen hatten.

Pedro balanciert über eine halbnatürliche Brücke, mit der Gesamtsituation noch nicht so ganz zufrieden.

Erleichterung, hier waren Menschen gewesen! (Als ob der Trampelpfad vorher nicht auch von Menschen gemacht worden wäre ;) )

Wir folgten den Serpentinen ein Weilchen, dann kürzten wir nochmal ab – diesmal brauchte ich nur zu fragen, nicht zu überreden. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir schließlich Ushuaia. Übrigens kam uns am Stadtrand zufällig genau der Taxifahrer entgegen, der uns heraufgefahren hatte.

Lupinen, die in Ushuaia zu Hauf blühten. Ungefähr so wie bei uns der Löwenzahn, nur größer.

Zum Abendessen gingen wir in die Pizzabar direkt neben meinem Hotel und bestellten eine große Pizza für uns drei. Als sie kam, war ich erst skeptisch, dass wir alle von dieser Pizza satt werden sollten. Allerdings aßen die beiden nur je zwei Stücke und ich hatte die restliche halbe Pizza für mich allein, das reichte dann gerade so. Gustavo sollte am nächsten Tag nach Sao Paulo zurückfliegen; mit Pedro verabredete ich mich für den nächsten Abend zum Essen.

Als ich schließlich in mein Zimmer kam, bekam ich endlich meine langersehnte Dusche – meine Anreise hatte zwei Nächte in Anspruch genommen, mit einem halben Tag in der brütenden Hitze von Santiago und viel zu wenig Schlaf -, dann fiel ich hundemüde aber überaus glücklich ins Bett.

 

Wer jetzt noch nicht genug von Biologie hat, für den gibt es auf der Seite von Ushuaia noch ein paar weitere Informationen zur Flora und Fauna in und um Ushuaia.

Und zum Abschluss noch eins der Lieder, die auf dem Boot liefen und von zwei Dritteln der Lebendladung lauthals-fröhlich mitgesungen wurden: Entra a mi hogar von Los Tekis.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Tierra del Fuego

23. March 2014

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Bevor ich auf meine einzelnen Touren auf und um Feuerland eingehe, möchte ich einen groben Überblick über die Region geben.

Feuerland, oder Tierra del Fuego, liegt an der Südspitze Südamerikas und bezeichnet zum einen den ganzen Archipel aus kleineren und größeren Inseln einschließlich Kap Horn, zum anderen aber auch die Hauptinsel Isla Grande de Tierra del Fuego, die etwa 2/3 der Gesamtfläche des Archipels ausmacht. Diese Hauptinsel ist mit dem Lineal zwischen Chile und Argentinien aufgeteilt worden, die restlichen Inseln gehören zum Großteil Chile. Der argentinische Teil ist zwar deutlich kleiner, aber dichter besiedelt, unter anderem weil dieser Inselteil bis vor einiger Zeit steuerbefreit war.

Feuerland liegt bei etwa 54° südlicher Breite, und ist damit das südlichste Fleckchen Land vor der Antarktis. Dank der Lage zwischen zwei Ozeanen ist das Klima kühl-gemäßigt, im Sommer liegen die Temperaturen um die 15°C und im Winter bei etwa -10°C. Dazu kommt allerdings ein Wind, der entweder sehr stark ist oder orkanstark. Das Wetter auf Feuerland ist sehr unbeständig, strahlender Sonnenschein kann innerhalb von Minuten in starken Wind mit Regen oder Schneegestöber umschlagen, selbst im Sommer. Von der Wettervorhersage wird daher von den Einheimischen nur die Windvorhersage ernstgenommen, die Temperatur- und Niederschlagsvorhersagen werden völlig ignoriert. Während der knapp zwei Wochen, die ich dort war, hatte ich keinen einzigen Tag, an dem es überhaupt nicht geregnet hat, aber auch keinen Tag, an dem die Sonne überhaupt nicht rauskam.

Für Ausflüge in die Umgebung erschien mir das Städtchen Ushuaia besonders gut geeignet. Ushuaia hat außerdem den Vorteil, dass es von dort eine Fährverbindung zur Isla Navarino gibt, wo ich zu trekken mir in den Kopf gesetzt hatte. Zufällig ist Ushuaia mit knapp 60 000 Einwohnern auch die südlichste Stadt der Welt – es gibt südlichere Ortschaften, unter anderem die 2000 Einwohner starke Militärsiedlung Puerto Williams auf der Isla Navarino und einige noch kleinere Fischersiedlungen, aber keine Städte.

Ushuaia weist einige geographische Besonderheiten auf. Zum Beispiel liegt es in der einzigen Gegend, in der die Andenkette von West nach Ost verläuft, statt von Nord nach Süd. Da Ushuaia zu Argentinien gehört, ist Ushuaia auch die einzige Stadt, die auf der “anderen” Seite der Anden liegt als der Rest Argentiniens. Wegen der eigenwilligen Grenzziehung liegt Ushuaia auch eingekesselt von Chile, das sich südlich der Isla Grande de Tierra del Fuego weiter nach Osten erstreckt. 12 km westlich von Ushuaia, im Nationalpark Tierra del Fuego, endet auch die Panamericana, die 18.000 km weiter nördlich in Alaska beginnt. Es gibt Leute, die diese Panamericana komplett abfahren und das Ende ihrer Reise dann in Ushuaia feiern, manche legen die Strecke mit dem Fahrrad in 20 Monaten zurück…

Südlich der Hauptinsel von Tierra del Fuego verläuft der Beagle-Kanal, die Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Eine der größeren Inseln auf der anderen Seite und zu Chile gehörend ist die oben schon erwähnte Isla Navarino. Von dort aus kann man an guten Tagen bis zum Archipel Kap Horn schauen, und/oder eben eine der schönsten und anspruchsvollsten Trekkingtouren in den Dientes de Navarino unternehmen. Ausgangspunkt dafür ist Puerto Williams, das wenig mehr als ein chilenischer Militärstützpunkt ist. Dorthin kommt man von Punta Arenas auf dem chilenischen Festland per Fähre (30h, einmal die Woche) oder Kleinflugzeug (täglich). Das Problem mit dem Kleinflugzeug ist, dass man seinen Sitzplatz sehr lange im Voraus buchen muss; Leute mit Wohnsitz auf der Insel haben Priorität. Für meine (über eine Agentur organisierte) Trekkingtour sollte ich eigentlich über Punta Arenas anreisen, da aber kaum eine Chance bestand, dass mein Wartelistenplatz sich in ein Ticket verwandeln würde, planten wir für mich die dritte Alternative: per Fähre (je nach Nachfrage und Wetter mehrmals täglich) von Ushuaia aus.

Die Fähre ist ein Abenteuer für sich. Den Fährverlauf selbst werde ich später beschreiben. Hier nur eine Anekdote zur Zuverlässigkeit: Wenige Tage vor meiner Abreise aus Pucón teilte mir die Trekkingagentur mit, dass sie meine Fahrt um einen Tag vorverlegt haben, um einen Tag Puffer zu haben, falls die Fähre wegen schlechten Wetters nicht fahren sollte, was aber selten der Fall wäre. Der Puffer wäre nicht nötig gewesen, an beiden Tagen herrschte hinreichend gutes Wetter. Als ich jedoch vom Trekken zurück kam, waren im Hostel ein nordamerikanisches Pärchen und eine Deutsche gestrandet, deren Fähren am Tag zuvor abgesagt worden waren. Die Reisebegleitung der Deutschen hatte es am Morgen noch über den Kanal geschafft, am Nachmittag war die Überfahrt nicht mehr möglich. Am Sonntag, dem Tag meiner Rückkehr, konnte auch keine Fähre fahren, und so verpassten alle vier ihre Anschlussflüge. Zum Glück für mich haben die Gäste Priorität, die für den jeweiligen Tag gebucht haben, so dass ich am Montag ohne Probleme nach Ushuaia überfahren konnte, mit ordentlich stopfen passte auch die Deutsche noch mit auf die Fähre. Das amerikanische Pärchen musste mit dem Helikopter nach Ushuaia fliegen, um zumindest seine zwischenzeitliche gebuchte Alternativverbindung zu erwischen.

Das Reisen am Ende der Welt ist also nicht ganz einfach. Trotzdem konnte ich mit der Wahl Ushuaias als Ausgangsort neben der Trekkingtour verschiedene Tagesreisen unternehmen, üder die ich hier in den kommenden Tagen berichten werde.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Sol y Nieve

3. March 2014

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Diesen Beitrag habe ich in drei Etappen geschrieben, verteilt über die letzten drei Wochen. Wer aufmerksam liest, findet in der Logik und vor allem der zeitlichen Abfolge des Beitrags daher leichte Brüche. Ich bitte dies ausnahmsweise zu entschuldigen – eine Überarbeitung würde die Veröffentlichung voraussichtlich bis nach meiner Rückkehr nach Europa in drei Wochen verzögern.

Ich bin nun seit mehr als einem Monat hier und mein Aufenthalt in Pucón neigt sich langsam dem Ende zu – Zeit, endlich mal etwas über meine Arbeit hier zu schreiben.

Sol y Nieve Travel Adventure, so heißt die Agentur, bei der ich arbeite. Wir bieten verschiedene Aktivitäten an, davon ist die Besteigung des Villarrica-Vulkans die wichtigste. Zu den Touren, die ich regelmäßig erläutere und verkaufe, gehören außerdem das Rafting auf dem Trancura (Klasse III + IV), Canopy, Canyoning, ein Reitausflug und die Geotherme Geométricas. Bis auf die letzten beiden habe ich alle Aktivitäten mindestens einmal selbst gemacht, morgen geh ich zum ersten Mal reiten. (Chilenische Pferde sollen besonders sanftmütig sein, vielleicht ist diese Begegnung mit Pferden also zur Abwechslung mal angenehm…) Vom Canopy habe ich noch nicht geschrieben, das kennt aber jeder, der schon mal in einem Kletterwald war: Man hängt sich mit einem Klettergurt an ein Stahlseil, das zwischen Baumstämmen gepannt ist, und lässt sich daran entlang gleiten. Ohne selbst klettern zu müssen, ist das eine nette Beschäftigung, für Schulkinder. Außerdem haben wir laut unserer Preistafel und unserer Webseite noch Hidrospeed (Rafting ohne Boot), die Besteigung des Vulkans Lanín und Touren in die Umgebung, tatsächlich bieten wir die drei aber nicht mehr an. Wenn sich genügend Leute melden, machen wir auch ein Barbecue, das einen guten Ruf genießt, seit ich hier bin, aber nur einmal statt gefunden hat. Soweit zu den Sachen, die wir anbieten.

Jetzt zu meiner Arbeit. Als ich kam, vereinbarten wir, dass ich etwa die Hälfte der Zeit im Büro aushelfen würde und den Rest der Zeit an den Touren teilnehmen könnte. Jetzt, nach einem Monat, stimmt die Bilanz nicht so ganz, allerdings hatten wir in den letzten Wochen auch häufig sehr schlechtes Wetter. Allein der starke Wind letzte Woche hat mir eine Vulkantour vermasselt, und in der Woche davor hatten wir genau zwei nicht verregnete Vormittage, von denen nur einer für eine Vulkanbesteigung ausreichte. Beim Rafting und Canyoning wird man zwar auch nass, aber ich hatte ja schon beschrieben, wie kalt es in der Schlucht ohne Sonne wird.

Dementsprechend habe ich etwas mehr Zeit im Büro verbracht, als geplant. Das Gute am Büro ist, dass ich dort Internetzugang habe. Und das ist gleich doppelt positiv: Zum einen kann ich so mit der europäischen Außenwelt in Kontakt bleiben (und zB diesen Text bloggen), zum anderen hilft das Internet enorm gegen Langeweile.

Sol y Nieve wurde (vermutlich, s.u.) 1989 gegründet und war damals die erste Agentur, die Outdoor-Aktivitäten in Pucón anbot. Im Laufe der Jahre kopierten immer mehr Firmen das Konzept und heute hat Pucón um die 40 (!) Agenturen, deren Angebot sich größtenteils überschneidet. Wohlgemerkt, im Winter hat Pucón etwa 14.000 Einwohner. Die meisten der Agenturen befinden sich entlang der Hauptstraße, die im Sommer vor Touristen nur so überquillt. Dort wird auch der meiste Umsatz gemacht. Bis vor etwa 7 Jahren war auch Sol y Nieve dort anzutreffen. Dann wurde dem Chef die Miete zu teuer und er zog in eine der Nebenstraßen (eine Nebenstraße in der Innenstadt von Pucón ist praktisch jede Straße, die nicht die Hauptstraße ist). Damals arbeiteten im Sommer bis zu 5 Leute gleichzeitig im Büro. Heute sind es höchstens zwei, und auch das ist eher die Ausnahme. Die allermeiste Zeit bin ich allein.

Zu Sol y Nieve gehören zwei Männer: Willy und John. Zusätzlich gibt es noch eine unüberschaubare Anzahl an Berg-, Rafting-, und Canyoningführern, die hauptsächlich als Freelancers für Sol y Nieve arbeiten. Einen Fahrer gibt es auch noch, der aber eher als Mädchen für alles zuständig ist. Willy ist der Boss. Er stammt aus Kolumbien, sagt er, hat aber die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Er spricht spanisch und leidlich englisch, und beschwert sich über das chilenische Spanisch. John ist, anders als der Name vermuten lässt, Chilene. Er spricht auch englisch, aber ehrlich gesagt, verstehe ich ihn besser, wenn er spanisch spricht. Zumindest solange er nicht gerade eine der vielen chilenischen Wendungen verwendet, die man als Außenstehender praktisch nicht verstehen kann.

Beide Männer haben ein eigenwilliges Verhältnis zu einander. Stück für Stück klaube ich mir das Puzzle zusammen. Ich wage nicht zu behaupten, dass ich vollständig durchblicke, aber mit der Zeit verstehe ich die Zusammenhänge besser.

Willy ist der Eigentümer von Sol y Nieve. Außerdem ist er der Eigentümer des Gebäudes, in dem er wohnt, wo Sol y Nieve untergebracht ist, sowie die beiden Restaurants rechts und links daneben. Als die Miete auf der Hauptstraße zu hoch wurde, wurde das Büro von Sol y Nieve ursprünglich in den Räumen des linken Restaurants untergebracht. In dem kleinen Raumen zwischen den Restaurants war der Lagerraum. Heute ist im linken Raum der Biergarten drin, und der ehemalige Lagerraum ist heute Büro von Sol y Nieve und Lager für die Bergausrüstung. Ohne zu wissen, wie genau Sol y Nieve früher aussah, klingt diese Geschichte nach einer starken Schrumpfung.

Als ich kam, legte Willy großen Wert darauf, qualitativ zum oberen Ende der Touranbieter zu gehören. An meinem ersten Tag schickte er mich durch Pucón, um die anderen Anbieter abzuklappern. Die Preise, die mir für die Vulkantour genannt wurden, lagen zwischen 30.000 CLP und 48.000 CLP. Sol y Nieve lag zu dem Zeitpunkt bei 50.000 CLP. Mit manchen der Agenturen für 30.000 CLP würde selbst ich nicht auf den Vulkan steigen wollen. Aber nachdem, was ich gesehen habe, würde ich auch Sol y Nieve nicht bevorzugen.

Sol y Nieve lebt heute hauptsächlich von den Touristen, die Willys Kontaktpersonen anschleppen. Es gibt auch ein paar Leute, die ins Büro kommen, hauptsächlich wegen des guten Rufs von Sol y Nieve. Aber ich schätze, dass die Hälfte der Kunden über Beziehungen bei Willy landen. Denn die Qualität von Sol y Nieve, die Willy so hoch einschätzt, ist in Wahrheit (mittlerweile) unterdurchschnittlich.

Sol y Nieve hat einen, wenn nicht den erfahrensten Bergführer, der aber kaum ein Wort Englisch spricht. Der überhaupt wenig spricht, nur das Allernotwendigste erklärt, und manchmal nicht mal das. Ich habe mittlerweile genügend Bergführer erlebt um zu wissen, dass Sergio am Berg im Vergleich extrem maulfaul ist. Als Bergsteiger mag er großartig sein, als (erklärender) Führer ist er nutzlos.

Die Qualität der Ausrüstung von Sol y Nieve war mal gut, sehr gut vermutlich. Heute aber ist sie hoffnungslos veraltet und herunter gekommen. Die Hosen und Jacken, die dem Schutz der Kleidung der Kunden dienen sollten, sind teilweise zerrissen, manchmal notdürftig geflickt. Kaum eine der Plastikschaufeln ist nicht mit Duct Tape umwickelt. Die Bergstiefel sind alt, zerschlissen, das Futter teilweise notdürftig mit Duct Tape zusammen gehalten, die Sohlen teilweise heruntergelaufen. Letztens fiel eine ab. Die Steigeisen sind rostig und wurden wahrscheinlich vor Jahren zum letzten Mal geschliffen. Bei meiner letzten Vulkantour hatte ich einen Eispickel, bei dem der Griff wackelte. Beim Canyoning hatte ich zwei von drei Mal einen Neoprenanzug mit Loch. Der Transporter, der die Kunden zu den Touren bringen soll, ist ok und hat eine Klimaanlage – aber wehe, er ist gerade woanders im Einsatz und die Kunden müssen in Willys Privatauto transportiert werden. Ohne auf die ganzen Teile einzugehen, die klappern, für die Benutzung des Rücksitzes braucht man gute Bauchmuskeln, weil man sonst samt des Sitzes nach vorn rutscht. Manchmal muss man zudem noch eine halbe Stunde warten, bis man endlich abgeholt wird.

Ich will nicht behaupten, dass wir die schlechteste Ausrüstung haben. Manche der Agenturen haben schlechtere. Aber selbst Agenturen mit besserer Ausrüstung sind billiger als wir.

Fairerweise muss man sagen, dass wir eine von nur drei (!) Agenturen in Pucón sind, die das Sernatur-Qualitätssiegel führen dürfen, was soviel heißt, dass wir alle unsere Touren legal anbieten. Der dazugehörige Papierkram und die Versicherung (also wirklich die Versicherung und nicht die Behauptung, eine Versicherung zu haben) kosten Geld. Wie man Rafting für (in Ausnahmefällen) 6000 CLP anbieten kann, wenn man pro Person 2000 CLP allein für die Versicherung zahlen müsste, ist selbst mir schleierhaft. Wohlgemerkt, inklusive halbe Stunde Zubringerfahrt eine Richtung, Schlauchboot, Neoprenanzug, Helm, Weste, Führer, Begleitperson.

Aber wenn man für eine Raftingtour (Klasse III) 20.000 CLP verlangen möchte, sollte man auch die entsprechende Qualität bieten. Es gibt durchaus genügend Leute, die auf den nach wie vor guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen und für die Qualität gern einen höheren Preis zahlen. Aber die Wahrheit ist, dass sie dafür eben nicht die erhoffte bessere Qualität bekommen. Zu den Personen, die nach wie vor auf den guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen, gehörten letzte Woche übrigens auch die reichsten Familien Chiles. Wenn Willy wollte, könnte er Sol y Nieve tatsächlich als Qualitätsanbieter etablieren. Oder vielmehr erhalten, denn etabliert ist er ja.

Mein Eindruck ist, dass Willy – immerhin gerade 69 geworden – aus Sol y Nieve noch herausholen will, was geht, ohne neu zu investieren. Bisher hat das auch gut funktioniert, zusätzlich zu dem großen Gebäude, in dem wir sind, gehört ihm noch ein Stück Land in bester Lage und mir unbekannter Größe, höchstwahrscheinlich nicht unbebaut. Und das sind nur Besitztümer, über die ich in den unordentlichen Unterlagen im Büro gestolpert sind ;)

Wo wir gerade bei der Unordnung sind – ich gehöre ja bekanntermaßen nicht zu den Ordnungsfanatikern. Aber in den ersten zwei Wochen habe ich erstmal die Schreibtischschubladen aufgeräumt, und die Regale gesäubert, in denen die Bergausrüstung lagert. Hinterher konnte Willy nichts von dem finden, was er suchte. Das ist aber auch nicht verwunderlich, denn ich weiß aus zuverlässigen Quellen, dass sich somit nichts für ihn geändert hat. Wenigstens finde ich mich jetzt zurecht.

Als ich herkam und Willy mich “einwies”, hatte ich große Schwierigkeiten, den Überblick über die Touren zu behalten. Erst erzählte er vom Vulkan, dann von den Reitausflügen, dann von den Thermalbädern, nur um mit Umweg über den Vulkan zum Canyoning und zurück zu den Reitausflügen zu springen. Die Preise, von denen er wollte, dass ich sie verlange, stimmen nicht mit unserer Preistafel überein, außerdem hängen sie davon ab, ob schon eine Tour angesetzt ist oder noch ein Führer aufgetrieben werden muss. Letzte Woche grummelte er mich zwei Tage lang an, weil ich drei Amerikaner auf eine Tour am Montag gebucht hatte, die privat sein sollte, was ich nicht wusste. Am dritten Tag dann, dem Dienstag, kehrten zwei Deutsche zurück, die zusammen mit einer anderen Privatgruppe unterwegs gewesen waren. Ich machte mir gar nicht die Mühe, nachzufragen, wie das mit der Privatheit der Gruppe zusammen passt.

Überhaupt habe ich mir abgewöhnt, gewisse Fragen zu stellen. Bei Anweisungen a la “Kannst du das mal eben für mich machen” warte ich mindestens eine halbe Stunde ab, bevor ich anfange. Das hat mir bisher eine Menge unnötige Arbeit erspart. Ich habe natürlich häufig meinen Laptop im Büro dabei. Schon nach dem ersten “Gefallen”, der innerhalb von zwei Tagen vollständig vergessen war (eine Karte von Pucón überarbeiten, und die Position von Sol y Nieve eintragen), habe ich angefangen, fast reflexartig zu behaupten, dass mein Computer das nicht kann. Willy, der heute Morgen schon verzweifelte, weil er aus dem Lautsprecher keinen Laut heraus bekam (irgendjemand hatte den Stecker des Lautsprechers in die falsche Buchse gesteckt), hat ohnehin keine Ahnung, ob meine Aussage überhaupt Sinn macht. Ich gebe zu, ich hatte zuvor auch schon aufgegeben, einen Ton aus dem Bürocomputer zu locken. Ich hatte das Problem auf eines der vielen Software- und Treiberprobleme geschoben, die der Rechner hat.

In Willys und Johns Augen bin ich sowas wie ein Computerguru. Ich kann Tastaturen reparieren, die nicht mehr reagieren (das USB-Kabel steckte nicht richtig drin), ich kann den Computer mit der Tastatur bedienen (Strg C+V), letztens habe ich innerhalb einer halben Stunde einen Aushang mit MS Word erstellt, und das, obwohl persönlich nie MS Office benutze. Mein größter Erfolg allerdings war, den Popup-Blocker von Google Chrome zu deaktivieren. Dafür, dass ich selbst überzeugter Firefox/Nightly-Nutzer bin und nicht mal wusste, was “Einstellungen” auf spanisch heißt, ist das schon ziemlich beeindruckend. Allerdings gehör ich auch nicht zu den Leuten, die aufspringen und verzweifelt zur Tür hinauslaufen, wenn etwas nicht gleich auf Anhieb funktioniert.

Aber zurück zu Sol y Nieve. Wie oben schon geschrieben, hatte ich, als ich herkam, die vage Vorstellung, dass ich in einem Büro aushelfen würde und die Hälfte meiner Zeit die Touren begleiten würde. Tatsächlich helfe ich nicht aus, die meiste Zeit schmeiße ich den Laden allein. Wenn ich komme, ist entweder Willy oder John da. Willy sitzt meist stumm vor dem Computer und spielt Solitair, John schreibt in MS Word, beantwortet Emails oder telefoniert. Nach spätestens zehn Minuten bin ich allein im Büro. John verabschiedet sich bestenfalls mit einem “ich bin in einer halben Stunde wieder da”. Immerhin weiß ich dann, dass ich in den nächsten Stunden nicht mit ihm zu rechnen brauche. Meist verflüchtigt er sich aber ohne ein Wort, besonders gern, wenn ich gerade abgelenkt bin. Willy verabschiedet sich nur in Ausnahmefällen. Er läuft einfach zur Tür raus, und manchmal sehe ich ihn im Laufe des Tages immer mal wieder herein schauen. An guten Tagen sagt er mir zumindest noch, wie die Bedingungen für die kommenden Tage sind, insbesondere, welche Touren wir anbieten können. Meist bin ich aber genauso ratlos wie die Interessenten, wann die nächste Tour stattfinden kann. Denn gerade was das Rafting angeht, ist es zur Zeit eher schwierig, an Führer heranzukommen. John musste letztens einer großen wütenden Gruppe erklären, warum die bezahlte Tour doch nicht stattfinden kann. Ich hatte sie nicht verkauft.

Ich war auch eher überrascht, dass John selbst abgesagt hat. Vermutlich hatte ich gerade meinen freien Tag. Denn den beiden Brasilianern, denen er für fünf Uhr nachmittags Canyoning verkauft hatte und für den nächsten Tag den Vulkan, durfte ich erklären, warum keine der beiden Aktivitäten möglich waren. Besonders ärgerlich für die beiden, weil sie Canyoning bei einem anderen Anbieter abgesagt hatten. Aber John verließ das Büro fünf Minuten bevor die beiden kamen und kam erst… viel später zurück.

Mein Spanisch ist übrigens mittelmäßig. Vom Niveau her irgendwo zwischen B1 und B2, in Spanien wurde ich auch schon als C1 eingestuft, aber so gut bin ich bestenfalls schriftlich, mit genügend Zeit zum Nachdenken und einem Wörterbuch in Greifweite. Mein mündliches Spanisch ist ausreichend, um in Spanien zu überleben. In Chile jedoch wird kein Spanisch gesprochen. Das Spanisch in Chile ist einen eigenen Eintrag wert, hier nur so viel: Die Chilenen sprechen sehr undeutlich, verschlucken die Worte zur Hälfte, und sind entsprechend schwer zu verstehen. Wenn jemand ins Büro kommt und für mich verständliches Spanisch spricht, weiß ich sofort, dass es kein Chilene ist.

Nun stelle man sich vor, was passiert, wenn ein Deutscher in ein Büro in Deutschland kommt und von jemandem beraten wird, der stockend Deutsch spricht und mehrmals darum bittet, die letzte Aussage zu wiederholen. Die meisten würden wohl die Augenbrauen hochziehen und wieder gehen. Die Chilenen sind da nicht anders. Es gibt Ausnahmen, einige wenige sprechen Englisch, andere sind offen genug und suchen mit mir zusammen nach dem richtigen Wort. Wer weiß schon, was Neoprenanzug oder Steigeisen auf spanisch heißt… Die allermeisten Chilenen gehen aber schon, nachdem sie den Preis gehört haben. Ich kann nicht mal erklären, warum wir so teuer sind. Auf Englisch bekomme ich die Frage nicht, und selbst da hätte ich Probleme überzeugend zu sein. Auf Spanisch noch mehr. Der einzige Trost ist, dass Johns Erfolgsquote mit den Chilenen auch nicht so viel über der meinigen liegt. Wer will schon Qualität in Chile.

Dafür bin ich sehr erfolgreich, wenn Ausländer ins Büro kommen. Das sind dann meist US-Amerikaner oder Deutsche (ja, echt). Die freuen sich natürlich, wenn sie auf englisch oder deutsch beraten werden. Ich habe nicht Buch geführt, aber ich denke, dass ich fast allen nicht-spanischsprachigen Ausländern, die in unser Büro gekommen sind, erfolgreich eine Tour verkauft habe. Das liegt sicher auch daran, dass viele sich schon vorher informiert haben, dem guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen, und ich eigentlich nur informieren brauche, weniger überzeugen.

Am besten läuft es eigentlich, wenn sowohl John als auch ich da sind. Dann teilen wir die Leute mehr oder weniger nach Sprache auf, und wenn niemand da ist, unterhalten wir uns eben. Aber das trifft auf etwa eine Stunde am Tag zu. Ich bin zwischen 6 und 8 Stunden im Büro, je nachdem, wieviel los ist, wenn ich gerade gehen will. Die restliche Zeit besteht im Wesentlichen aus Lesen/Schreiben/Dösen, unterbrochen von fünf bis zehn Nachfragen über den Tag verstreut. Jetzt naht das Ende des Februars und damit das Ende der Ferienzeit – die Nachfrage geht schon auf drei oder vier pro Tag zurück. Hatte ich schon erwähnt, dass Sol y Nieve vor einigen Jahren bis zu sechs Leute im Büro beschäftigte, um die Flut an Interessenten bewältigen zu können?

Was die weitere Büroarbeit angeht, bin ich auch keine großartige Hilfe. Selbst wenn mich mal einer der Bergführer anruft, dass der Fahrer in einer Stunde am Vulkan sein soll – im Idealfall kann ich Willy rechtzeitig auftreiben, damit er den Fahrer anruft. Vom Bürotelefon aus kann ich nicht ins Handynetz telefonieren, ich habe keinerlei Schlüssel, selbst zur Toilette muss ich im Zweifelsfall durch den Biergarten gehen, wenn unser Zugang geschlossen ist; ich kann nicht mal Geld rausgeben, wenn jemand in großen Scheinen bezahlt. Jeder Schein, den ich einnehme, landet in der Tasche von John oder Willy, sobald einer von beiden auftaucht. Willy bevorzugt eigentlich in bar bezahlt zu werden, weil dann keine Kreditkartengebühren anfallen. Wenn ich ihn nicht in sicher in der Nähe weiß, bevorzuge ich Kreditkarte, weil ich dann keine Probleme mit dem Wechselgeld habe.

Genau genommen könnte ich Willy oder John von meinem Handy aus anrufen, wenn ich sie brauche. Eine chilenische Simkarte habe ich, genau wie sämtliche relevanten Nummern. Aber ich sehe nicht ein, warum ich für das Telefonat aufkommen soll, schließlich werde ich für meine Arbeit nicht bezahlt.

Sowohl Willy als auch John haben meine Handynummer. Willy hat sie nie benutzt, John hat mich in der ganzen Zeit nur ein oder zweimal angerufen – wir verstehen uns am Telefon nur schlecht, deutlich schlechter jedenfalls als wenn wir von Angesicht zu Angesicht reden. Dafür schreibt mir John gern mal SMS, auch gleich zwei oder drei, und noch eine hinterher, ob ich die letzte Nachricht erhalten habe, wenn ich nicht sofort antworte.

Obwohl Willy eigentlich mein Chef ist, mache ich die Details meiner Arbeit meist mit John aus. Zum Beispiel meine Arbeitszeit. Anfangs war ich von 11 bis 6 im Büro. So konnte ich zwar ausschlafen bestenfalls nach der Arbeit noch kurz an den Strand gehen. Mehr aber auch nicht. Nach zwei Wochen etwa habe ich mit John ausgehandelt, dass ich im Zweitagesrhythmus arbeite: an Tag 1 fange ich früh um 10 an, wenn das Büro aufmacht, und kann dafür um 4 nach Hause oder wohin auch immer gehen, habe also am Nachmittag noch Zeit etwas zu unternehmen. An Tag zwei dagegen fange ich erst um 1 an, bleibe dafür aber bis um 8. Diese Zeiten sind für John besser; später stellte sich heraus, dass sie auch sehr hilfreich sind, wenn ich abends noch sehr lange weg sein will.

Auch meinen letzten Arbeitstag habe ich mit John ausgehandelt. Seine Vorgehensweise war etwas unglücklich, aber mittlerweile bin ich ganz froh, dass es so gelaufen ist: Relativ kurzfristig habe ich meinen freien Tag von Donnerstag auf Freitag verlegt, weil ich dachte, dass meine Anwesenheit am Donnerstag nützlicher wäre, außerdem wollte ich am Morgen mit auf den Vulkan steigen. Mittwoch Abend um 21 Uhr bekam ich eine SMS von John, die ich aber erst um 23 Uhr gesehen habe, als ich nach Hause kam, ob ich nicht doch Donnerstag freimachen kann, ich muss am Freitag im Büro sein. An meinem freien Tag wollte ich aber nach Valdivia fahren (auch so eine Geschichte für sich *g*), und dafür musste ich nicht nur 5 Uhr früh aufstehen, sondern auch vorher ein Busticket kaufen. Also fragte ich, ob ich nicht lieber Samstag freimachen kann. Darauf kam die Antwort, dass Willy da etwas dagegen haben könnte, und dann: Wenn ich mehr Zeit für mich haben möchte, wäre es vielleicht besser, wenn ich aufhörte für Sol y Nieve zu arbeiten. Wohlgemerkt, kurz vor Mitternacht, wo klar war, dass ich am nächsten Morgen um 6 für den Vulkan aufstehen musste. Nach einigen weiteren SMS habe ich darum gebeten, von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.

Das war etwas schwierig, weil ich das Thema nicht vor Kunden besprechen wollte, aber weder Willy noch John länger als fünf Minuten für ein ernsthaftes Gespräch im Büro waren. Fast noch mehr als Johns SMS überzeugte mich dieses Verhalten, dass ich vielleicht doch eher als geplant aus Pucón abreisen sollte. Ursprünglich wollte ich bis zu meinen Abflug nach Deutschland in Pucón bleiben. Das war, bevor ich erfuhr, dass ich nur einen Tag in der Woche frei und damit kaum die Möglichkeit hatte, die weitere Umgebung zu erkunden. Daraufhin plante ich, etwa eine Woche vor meinem Abflug bei Sol y Nieve aufzuhören. Nach der SMS kamen mir tausend Ideen, was ich noch alles machen könnte. Weder hatte ich für meinen Chileaufenthalt eingeplant, für einen Monat selbst für meine Unterkunft aufzukommen, noch hatte ich Ausrüstung dabei, um auf eigene Faust zu trekken.

Aber mit jedem weiteren Tag bei Sol y Nieve, an dem ich spürte, dass meine Arbeit weder gewürdigt noch überhaupt notwendig war, mit jedem weiteren Tag, an dem ich nicht wirklich mit Willy reden konnte und John mich mal wieder im Stich ließ – nun ja, mit jedem weiteren Tag wuchs mein Trotz und damit mein Entschluss, so bald wie möglich abzureisen. Noch eine Anekdote, die illustrieren soll, wie Willys Würdigung meiner Arbeit aussah: Nach einem besonders langen Tag, an dem ich deutlich länger als üblich geblieben war (fast 10h), fragte ich Willy am folgenden Tag, auch schon eine Stunde nach der verabredeten Zeit, ob ich jetzt gehen könnte. Die Frage war eher rhetorisch gemeint, aber Willy kommentierte, dass ich immer weniger und weniger arbeiten wolle. Ich verkniff mir die Bemerkung, die mir auf der Zunge lag und wies nur darauf hin, dass ich schon seit einer Stunde weg sein sollte. Ich glaube nicht mal, dass Willys Kommentar bösartig gemeint war. Er ist einfach zu zerstreut und unaufmerksam.

Mit mehr als einer Woche am Ende meines Aufenthalts zur Verfügung erwachte ein alter Wunschtraum wieder zum Leben, den ich eigentlich überhaupt nicht mit eingeplant hatte: Es ist teuer und schwierig zu erreichen, aber seit ich diese Inselgruppe im Süden von Südamerika auf einer Landkarte entdeckt habe (und das ist schon ewig her), schlummerte in mir der Wunsch einmal nach Feuerland zu fahren.

Feuerland ist ein Paradies für Trekker, aber ich hatte nur wenig Zeit, eine durchführbare Reise dorthin zu planen. Letztendlich handelte ich mit John aus, dass ich meinen letzten Arbeitstag am 28. Februar antreten würde. Das waren zur Zeit der Verhandlung noch knapp zwei Wochen, und diese Zeit brauchte ich am Ende auch, um die Reise zu organisieren. An manchen Tagen fragte ich morgens beim Aufstehen, warum ich mir John und Willy heute überhaupt antue. Wenn ich Sol y Nieve einfach fernbliebe, könnte keiner von beiden etwas machen. Willy schuldete mir zwar noch die Aufwandsentschädigung für den halben Februar, aber der Betrag ist zu klein, um deswegen treubrav zur Nichtarbeit zu gehen. Im Gegenteil, der einzige Grund, warum ich in den letzten Tagen noch ins Büro ging, war, weil ich dort den besten (= einzig brauchbaren) Internetzugang hatte. Die Störung durch Kunden war wie oben schon erwähnt minimal, immerhin ein Gutes.

Im Übrigen bin ich nur der erste Abgang von Willys wenigen noch verbliebenen Mitstreitern: John hört nach 25 Jahren bei Sol y Nieve ebenfalls in den nächsten Wochen auf. Der Fahrer Manuel ist mehr oder weniger auf dem Absprung, danach ist niemand mehr da, der hinter Willy herräumen könnte. Ich gebe Sol y Nieve noch ein paar Wochen, und dann vielleicht noch ein paar vereinzelte Aufträge.

Die Verabschiedung an meinem letzten Arbeitstag durch John und Willy verlief übrigens ziemlich genau so, wie ich es erwartet hatte: John kam fast zwei Stunden später als er angekündigt hatte. Nur weil ich nebenan im Biergarten mein Abendessen einnahm, konnte ich mich überhaupt von ihm verabschieden. Er wünschte mir alles Gute, dankte mir für meine Hilfe. Willy sagte Goodbye, dann ging ich.

Nun ja, und so endet meine Arbeit bei Sol y Nieve nach genau sieben Wochen. Ich habe eine Menge gelernt, und eine Menge interessanter Leute getroffen. Die Arbeit war ein Witz, aber schon jetzt sind mir die Zeiten, in denen ich nicht im Büro war, stärker in Erinnerung, als die Zeiten, die ich de facto mit Bloggen, Surfen, und Lesen verbracht habe.

Auf jeden Fall hat der Verlauf der Dinge bei Sol y Nieve für mich ein unerwartet großartiges Ende: ICH FAHRE NACH FEUERLAND!

¬ geschrieben von Christiane in Pucón

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