Ankunft

20. July 2013

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Für die Hinreise habe ich das Flugzeug gewählt; ich bin mit SAS von Berlin nach Stockholm geflogen und dann von Stockholm nach Kiruna. Beide Flüge dauerten etwa anderthalb Stunden: Kiruna ist von Stockholm etwa so weit entfernt, wie Stockholm von Berlin (Stockholm liegt auf der Karte in der Beule auf der rechten Seite, etwa auf dem 64. Breitengrad). Kiruna liegt in der rechten unteren Ecke des roten Rechtecks, und unsere Tour sollte geradewegs durch den braunen Bereich innerhalb des Rechtecks führen.

Nach der Landung in Kirunas winzig kleinem Flughafen ging ich in die Empfangshalle, die gleichzeitig Gepäckannahme und Zollkontrolle ist, und sah einen Schlumpf mit einem Schild mit drei Namen darauf stehen, von denen einer meiner war. Gut, nicht die Frau war blau, sondern die Mütze, aber die wiederum hatte genau die Form einer Schlumpfenmütze. Nachdem wir uns zu dritt mit unserem Gepäck zu ihr gestellt hatten, gingen wir durch die Eingangshalle nach draußen zu einem blauen Minibus. Zu dritt saßen wir dann nebeneinander, während der Schlumpf uns die halbe Stunde nach Laxforsen zu unserer Unterkunft für die folgende Nacht fuhr. Links von mir saß Frank, aus Belgien, der seinen Begrüßungssatz zweimal wiederholte, bis er begriff, dass ich gar kein Niederländisch verstehe. Frank ist verheiratet und hat mehrere Kinder, wegen derer er und seine Frau es terminlich einfach nicht hinbekommen haben, zusammen Urlaub machen zu können. Normalerweise, wenn er nicht allein verreist, arbeitet er als Anästhesist. Rechts von mir saß Mario, ein unverheirateter Hamburger Rentner, der sein Berufsleben als Ökonom im Hamburger Hafen verbracht hat, und für den das die achte Schlittentour sein würde.

Unser Quartier für die erste (und die letzte) Nacht.

Als wir im Abenddämmerlicht ankamen, wurden wir in eine falunrote Blockhütte geschickt. Drinnen warteten die anderen drei Teilnehmer der Tour auf uns: ein australisches Ehepaar, Jason und Ellen, und eine indisch-stämmige Londonerin, Sapna. Wir stellten unser Gepäck in den einzigen freien Raum, in dem ein Doppelstockbett und ein Einzelbett standen. Ich habe mir natürlich gleich das Einzelbett unterm Fenster geschnappt.

In Laxforsen, dem Ort in dem wir vorübergehend Quartier bezogen, gibt es vermutlich deutlich mehr Hundeschlitten als Autos.

Anschließend kam Markus. Markus ist eine Marke für sich, ein für schwedische Verhältnisse kleiner Gnom, der mit zwei Jahren seine erste Nacht im Zelt verbrachte und etwas, das selbst Mick Dundee ein Messer nennen würde, seinen ständigen Begleiter nennt. Er verteilte leuchtend gelbe Thermosflaschen an jeden von uns, zeigte uns Schlafsäcke und Kissenbezüge, und gab uns eine kleine, aber robuste Tasche für unsere Habseligkeiten, die wir mit auf die Tour nehmen wollten. Wie schon erwähnt, durften wir nur etwa 8-10 kg mitnehmen; vielmehr hätte in die Tasche auch nicht hineingepasst. Er gab uns erste Hinweise für unsere Tour – der wichtigste, den wir während der Tour noch häufiger hören sollten, besagt, dass “sich das Wetter hier in den Bergen so schnell ändern kann”, wobei er bedeutungsvoll mit den Fingern schnippte. Von meinem früheren Aufenthalt in diesen Breiten weiß ich nur zu gut, dass solche plötzlichen Wetterumschwünge eigentlich nur zum schlechteren stattfinden. Erst letzte Woche war er bei strahlendem Sonnenschein und strahlender Vorhersage aufgebrochen, um dann neun Stunden später nach einer Strecke von höchstens 13 km völlig erschöpft mit seiner Gruppe und Erfrierungen im Gesicht in einer Notunterkunft anzukommen.

Auf jeden Fall ist Markus ein typischer Nordschwede. Zumindest wenn er schwedisch spricht. Dann spricht er so bedächtig, dass selbst ich fast jedes Wort verstehe. Sein Englisch dagegen klingt, als hätte er zu viele Bruce-Willis-Filme geschaut. Er hat auch den etwas breitbeinigen Gang und sein halb-arrogantes, überbetont cooles Auftreten. Nichts gegen Bruce Willis; aber durch dieses Auftreten  kam bei meinen Mitfahrern die geflüsterte Diskussion auf, ob Markus ein Psychopath sein könnte. Auch hier wusste ich von früher: das langsame Reden und das Einzelgängertum sind typische Merkmale für einen Nordschweden.

Unsere Gruppe. Von links nach rechts: Ich, Frank, Sapna, Ellen, Mario, Jason.

Nach der Einführung gab’s von Markus zubereitetes Essen. Wenn Markus kocht (also jeden Tag), gibt es Fleisch, Fett, Fleisch und Gemüseersatz (Fleisch). Und noch Kartoffeln. Am ersten Tag stört mich das nicht, nach der langen Reise könnte ich einen Bären verdrücken.

Nach dem Essen geht’s zur Ankleide. Jeder bekommt einen Skioverall, eine dicke Fellmütze, Bunny Boots (dicke, fette Stiefel mit dicker Gummisohle und warmen Einlagen), eine Skimaske und ein paar Handschuhe. Die Handschuhe bestehen aus zwei Teilen, pro Hand. Aus einem wolligen Ofenhandschuh und einem zweiten Handschuh aus derbem Tuch zum Drüberziehen. Wenn mein Daumen nicht bandagiert gewesen wäre, hätte ich bequem beide Hände in einen Handschuh stecken können. Diese eigenwillige Kombination hat erstaunlich warm gehalten, trotzdem brauchte ich meist noch ein dünnes Paar Fingerhandschuhe zusätzlich. Wobei die mehr wegen der Verbände nötig waren, mit den Topflappen konnte ich einfach nichts greifen. Mit den (aufgeschnittenen) Fingerhandschuhen konnte ich wenigstens sehen, was ich greife.

Beim Anprobieren kam auch noch Mats vorbei, der Chef. Der wollte natürlich gleich sehen, wer den Verband trägt. Nach eingehender Begutachtung hat er seine Entscheidung auf den nächsten Tag verlegt und ist wieder davon gestiefelt. Auch wir stiefelten in unseren neuen Schuhen zu unserer Unterkunft zurück. Dabei kamen wir uns vor, wie die Teilnehmer einer großen Expedition. Mit gewichtigen Schritten polterten wir über den festgefahrenen Schnee auf der Straße.

Danach gab es nicht mehr viel zu tun. Wir duschten zum letzten Mal, hingen die Innenstiefel zum Lüften auf und legten uns dann schlafen. Auf uns wartete eine aufregende Woche.

Rechts der Overall, auf dem Bett der Schlafsack und auf der Gardinenstange die Innenstiefel aus den Bunny Boots.

¬ geschrieben von Christiane in Vorbereitungen

Die Vorbereitungen

20. July 2013

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Wie kommt man auf die Idee, eine Hundeschlittentour durch Lappland zu machen?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. Ich stand in Alaska schon mal auf einem Hundeschlitten, für etwa eine Stunde. Ich war mal für etwa 10 Tage in Lappland, in der Region um Schwedens höchstem Berg, dem Kebnekaise. Und ich hatte den Drang, nach meiner Verteidigung einen coolen Urlaub zu machen, als Belohnung ruhig auch etwas teurer als ich normalerweise für eine Woche ausgeben würde. Und die Tour war teuer. Die günstigsten Anbieter liegen bei über 1500 Euro, die teuersten verlangen fast 4000 Euro für eine Woche. Der Unterschied liegt meist in der Gruppengröße – von 5 bis 8 Touristen – und der kulinarischen Verpflegung. Ich bin selbst nicht für meine Kochkünste bekannt, deshalb ist es vielleicht verständlich, dass ich nicht die teuerste Variante gewählt habe. Die Schwierigkeit bestand für mich eher darin, eine Tour zu finden, die mindestens eine Woche lang ist, kurz nach meiner Verteidigung beginnt – und im Dezember noch nicht ausgebucht war.

Bei naturetravels.com wurde ich dann fündig, die Buchung verlief reibungslos, und ich bekam meine Reiseunterlagen pünktlich Anfang Januar. Diese enthielten eine Packliste und einige Hinweise zu unseren Unterkünften. So würden wir in den meisten wohl keinen elektrischen Strom haben – während ich nicht vorhatte, mein Handy zu benutzen oder mir die Haare zu fönen, machte ich mir Sorgen, ob meine beiden Kameraakkus die Woche überstehen würden. Ich kaufte mir also einen externen Akku, über den ich meine Kamera wieder aufladen konnte. Eine gute Entscheidung, denn bei den Temperaturen und meiner Fotografierhäufigkeit hätte ich die Akkus spätestens am dritten Tag in die Knie gezwungen. Außerdem stand auf der Packliste der Hinweis, dass wir möglicherweise an manchen Unterkünften eine Sauna haben würden, und, je nach Gruppenentscheidung, manche vielleicht lieber Badesachen tragen möchten. Im Bikini in eine schwedische Sauna?? Nun ja, wer weiß, wer in meiner Gruppe ist, und ob ich überhaupt in die Sauna gehen möchte, also habe ich zur Sicherheit einen Bikini mit eingepackt.

Neben diesen eher privaten Hinweisen durften Hinweise zur Hundeschlittenkleidung nicht fehlen. Die Liste der warmen, zu packenden Sachen war lang und umfasste neben Wollhemden, Wollsocken, langen Unterhosen, warmen Pullovern und warmem Schlafanzug auch Wechselsachen für die Hütten und wasserdichte Hausschuhe. Ein Wort zu den Wollhemden: So etwa hatte ich nicht, hatte aber von verschiedenen Arktisreisenden gehört, dass Baumwollhemden oder gar synthetische Funktionsunterwäsche für die arktischen Temperaturen nicht geeignet sind. Also machte ich mich auf die Suche nach Wollunterhemden, die sich als schwieriger erwies, als gedacht. Neben einem erzgebirgischen Traditionshersteller habe ich 100%-ige Wollhemden nur bei Globetrotter finden können. Dort waren sie mit 50 Euro Sonderangebot etwas günstiger als besagtem Traditionalisten, also kaufte ich sie dort. Die Investition hat sich gelohnt, ich hab mein Hemd während der gesamten Woche praktisch nicht ausgezogen, außer in der Sauna. Aber dazu später mehr.

Neben einem warmen Schlafsack würden wir einen warmen Skioverall bekommen, ebenso Mütze, Überhandschuhe und warme Schuhe. Außerdem wurde empfohlen, neben Sonnenbrille und Sonnencreme auch eine Skibrille und eine Stirnlampe mitzunehmen. Die ersteren drei erschienen mir einleuchtend, ich hatte mir schon oft genug einen Sonnenbrand im Gesicht im Gebirge geholt; und den Wert der Skibrille habe ich beim Abfahrtskifahren in Österreich im Februar erfahren dürfen. Besonders bei schlechtem Wetter und Schneefall schützt die Skibrille nicht nur die Augen vor Wind, Schnee und Eis, sondern verbessert die Sicht erheblich. Die Stirnlampe sah ich eher als Notfallausrüstung an, falls wir mal nicht rechtzeitig vor Sonnenuntergang zur nächsten Hütte gelangen würden.

Nach dieser umfangreichen Packliste kam in den FAQ der Hinweis, dass wir auf dem Schlitten nur etwa 8-10 kg privates Gepäck mitnehmen dürften. Aber Duschen gibt es in den Hütten ohnehin nicht, da braucht man also auch nicht so viel Wechselwäsche.

Eine “Vorbereitung” sollte ich vielleicht noch erwähnen: Mein Flug sollte Mittwoch losgehen, am Montag Abend war ich noch ein letztes Mal langlaufen. Um mich noch ein wenig auf die Tour einzustimmen, ein letztes Mal vor dem Ende des Winters in Thüringen. Das Wetter war recht warm, tagsüber schmolz der Schnee auf dem Rennsteig, abends fror er wieder. Ich fuhr nach dem Feierabend los… und kam nach einem Sturz auf vereister Loipe mit einem angeschlagenen und einem gebrochenen Daumen zurück.

Die Reise ausfallen lassen kam nicht mal ansatzweise in Frage, mit den verbliebenen Fingern konnte ich ganz gut greifen, also nutzte ich die verbleibende Zeit, um schonmal zu üben ohne Daumen zurechtzukommen.

¬ geschrieben von Christiane in Vorbereitungen

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