Das Team – Crew 142

24. January 2015

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Sechs Menschen, sechs Nationalitäten, zwei Wochen lang allein in der Wüste.

 
 

“Mir hat an den letzten zwei Wochen besonders gefallen, dass ich mit Leuten zusammen war, die genauso verrückt sind wie ich.” (Digby)

Zwei Tage vor der Fahrt zur Station, spät abends, kurz nach Ankunft im Motel in Grand Junction, dem Ort mit Flughafen, der der Station mit drei Fahrtstunden am nächsten liegt. Ich wusste, dass Digby in dem Zimmer auf mich wartete, das wir die nächsten zwei Nächte miteinander teilen würden. Als ich klopfte, öffnete er mir die Tür, und dann stand er vor mir, unser Kommandant für die nächsten zwei Wochen: Wenig größer als ich und dünn, Mitte fünfzig, graublonde Haare, Schnurrbart. Seine Haltung leicht geneigt, er wirkt sanftmütig. Den Befehlston benutzt er nicht, obwohl er, wie ich später höre, ausgiebige Militärerfahrung hat. Er stammt aus Australien, lebt aber in der Nähe von London und hat das Gebahren eines typisch britischen Gentleman. Überhaupt scheint er aus einer früheren Zeit hierher versetzt: Immer in braunem Cord gekleidet, mit schwarzen Marschstiefeln, seine Sonnenbrille wirkt seltsam fehl am Platz. Setzte ihm jemand einen Safari-Hut auf, könnte man ihn für Dr. Livingstone halten. Zum Lesen greift er in seine Hemdtasche und holt ein angegilbtes Monokel hervor. Schaut man etwas genauer hin, sieht man an ihm die Spuren jahrelangen Programmierens: Neben der schlanken, aber untrainierten Figur und der geneigten Haltung hat er für einen Mann auffällig lange Fingernägel an feingliedrigen Händen.

Digby-Livingstone beim Ausflug an unserem letzten Tag in der Station (im Hintergrund), nach Ende der Simulation.

Am nächsten Morgen willigte er ohne zu zögern in einen kurzen Ausflug in die Innenstadt von Grand Junction ein. Der Motelbesitzer fuhr uns hin, Digby erledigte ein paar Bankgeschäfte, wir kauften eine (die gleiche) Sonnenbrille und liefen zu Fuß zurück. Es war warm, die Sonne brannte, und der Weg zog sich über eine Stunde hin. Trotzdem waren wir gut gelaunt und unterhielten uns über Gott und die Welt, die kommenden zwei Wochen und die Mars Society.

Der Kommandant bereit zum Ausgehen.

In den darauf folgenden Tagen verstärkte sich der Eindruck: Nicht übermäßig beeindruckend, aber durchaus angenehme Gesellschaft, dieser Digby. Er organisierte unsere Morgenbesprechungen und verteilte auch mal Aufgaben, aber ansonsten hielt er sich eher zurück und ließ uns viel Freiraum. Manchmal wirkte sein Führungsstil, als wüsste er selbst nicht, warum er eigentlich Kommandant ist (er war als einziger von uns schon einmal auf der MDRS (Mars Desert Research Station) und FMARS (Flashline Mars Arctic Research Station) und ist zufällig der Älteste von uns) und in manchen Situationen hätte ihm ein wenig mehr Durchsetzungskraft gut getan. Ohne eigenes Forschungsprojekt half er eher in anderen Projekten aus, und er hatte kein Problem damit, sich die Hände schmutzig zu machen. Digby ist dasjenige Schaf unter Schafen, dem jemand unverhofft die Leithammelglocke umgehängt hat. Digby war so etwas wie der Großvater in unserem Team, zusammen mit Vince.

Digby in seinem Kommandantenzimmer.

 
 

“Die Station ist mein Zuhause geworden, das Team meine Familie. Ihr wart wie Kinder für mich.” (Vince)

Vince trafen Digby und ich in seinem Zimmer, als wir aus der Innenstadt zurück kehrten. Vince ist Mitte vierzig und groß, bärtig und ein wenig bärig. Er besitzt einen kanadisch-niederländischen Pass und lebt in Boston, genauer gesagt forscht er in Harvard an DNA, irgendwo zwischen Biophysik, Biochemie und Biomedizin. Wegen seines medizinnahen Studiums war er unser Health and Safety Officer, Gesundheits- und Sicherheitsbeauftragter. Er ist als einziger unseres Teams verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Die Zeit auf der Station war seine erste nennenswerte Trennung von der Familie, und regelmäßig bekamen wir Fotos von seinen Kindern zu sehen. Wenn Vince sprach, dann tat er es bedächtig, und ein wenig gewichtig (außer er redete über seine Familie, dann klang er eher wehmütig). Als ehemaliger Chef seiner eigenen Firma neigte er manchmal dazu, andere herum zu kommandieren. Ein freundlicher, verbaler Tatz auf die Bärennase genügte aber immer, um ihn in seine Schranken zu weisen.

Vince bei unserem ersten Ausflug, noch in Grand Junction. Im Hintergrund Teil des Colorado National Monument.

Vince blühte auf, wenn er in seiner Rolle als Sicherheitsbeauftragter in Pessimismus schwelgen und potenzielle Gefahrenquellen ausmalen konnte, um kurz darauf als Retter aus der Not sinnvolle Verhaltensregeln zu präsentieren. Manchmal an der Grenze zur Überheblichkeit, war er doch eher wie unser Großvater, der aus der Ferne ein Auge auf seine Enkel wirft, und sie ermahnt, wenn er es für nötig hält.

Vince unterwegs in der Wüste.

Vince ist Teil der Biologieprojekte, wobei er sich hauptsächlich auf die Arbeit in der Station konzentrierte, die im Wesentlich aus (aus meiner Perspektive) säen und Sprösslinge zählen bestand. Auf Ausflüge ging er eher widerwillig mit, wenn auch ohne zu murren, und unserem Gruppenyoga verweigerte er sich standhaft. Wenn er mir nicht selbst erzählt hätte, dass er eine recht aktive sportliche Vergangenheit hat, hätte ich es wohl nicht geglaubt. Immerhin hat er vorsichtig zugestimmt, an Tanzabenden in der Arktis gelegentlich teilzunehmen.

Vince im Greenhab beim Säen der Biologieexperimente.

 
 

“Unsere Zimmer sind winzig, aber wir halten uns eh kaum darin auf. Was will man auch da, wenn man fünf coole Leute hat, mit denen man die Zeit verbringen kann?” (Carmel)

Kurz nachdem wir Vince trafen, stieß Carmel zu uns. Sie war am Vortag aus Montana losgefahren, und bot uns sofort an, ihr Auto zu benutzen, falls wir noch Besorgungen machen mussten. Das konnte warten, erstmal hatten wir Hunger. Zu viert aßen wir in einem Lokal schräg gegenüber von unserem Motel, dann schlug ich vor, zum Colorado National Monument zu fahren, einem Park, der laut Motelkarte direkt neben Grand Junction beginnt. Carmel und Digby waren begeistert, Vince brummelte seine Zustimmung und so brachen wir auf. Carmels Auto ist ein manuell gesteuerter Pickup. Das klingt für Europäer nicht ungewöhnlich, für Amerikaner ist es das. Carmels ruhiger Fahrstil zeugt von Tausenden Straßenkilometern, von denen vermutlich nicht wenige unasphaltiert waren. Carmel ist Mitte zwanzig, kräftig gebaut ohne dick zu sein, Single und typisches Countrygirl. Sie verbringt mehr Nächte auf dem Boden als im Bett, schminkt sich nicht und weiß dafür, wie man Kühen Geburtshilfe gibt. Sie hat eine Vorliebe für Ohrringe, die für mitteleuropäischen (aber nicht amerikanischen) Geschmack altmodisch sind, und trägt Shorts – wenn sie doch mal lange Hosen trägt, muss es wirklich kalt sein.

Carmel im Greenhab (Gewächshaus), mit "Get Lost in Montana" T-Shirt.

Carmel ist praktisch, pragmatisch, und greift zu, wo Not am Mann ist. Sie buk Zimtrollen aus unseren gefriergetrockneten und eingeschweißten Vorräten, füllte unsere Quads mit Öl und Diesel, und half mir beim Werkzeuginventar – als Muttersprachlerin, aber eben auch als einzige andere Frau im Team. Carmel träumt davon, in der Arktis zu arbeiten, und hat für ihr Alter eine beeindruckende Fülle an Outdoor- und Norderfahrung. Sie hat etwas studiert, was sich am ehesten vielleicht mit Naturschutz oder Landschaftspflege übersetzen lässt. Daher ist sie als Greenhab Officer eingeteilt, quasi als Gewächshausleiterin. Sie ist ebenfalls Teil der Biologieprojekte und baut nebenher das Grünzeug an, das für die nachfolgenden Teams Teil des Speiseplans sein soll.

Carmel auf den Hügeln hinter der Station, vor Beginn der eigentlichen Simulation.

Carmel und ich verstehen uns großartig, in den zwei Wochen werden wir wie Schwestern. Wir hacken gemeinsam auf unseren beiden Brüdern herum, (ok, hauptsächlich Cyprien; der andere ist Dario). Sie hat mir bei meinen Projekten auf der MDRS geholfen, und geradezu gebettelt, bei meinen Ausflügen von der FMARS an die arktische Küste dabei sein zu dürfen. Wenn jemand unverzichtbar für die Simulation in der Arktis ist, dann ist es Carmel. Zusammen mit unserem wohl einzigen echten Marsenthusiasten, Cyprien.

Carmel am letzten Abend nach Ende der Simulation. Der Hang ist supergefährlich, deshalb sind wir da hinunter getollt.

 
 

“Ich wollte in die Arktis, um mich auf den Mars vorzubereiten. Jetzt will ich dahin, weil ich mich auf ein Jahr mit euch freue.” (Cyprien)

Als er im Motel ankam und keinen von uns vorfand, rief Cyprien Carmel auf dem Handy an, Er, Carmel und Vince hatten schon in den Wochen zuvor miteinander telefoniert, um ihre Biologieprojekte zu koordinieren. An diesem Abend aber musste er sich gedulden, bis wir vom Monument zurück waren. Wir machten uns kurz “frisch” (ich glaube, ich zog einen Pullover über), dann gingen wir zu fünft Sushi essen. Cyprien ist groß, dünn aber trainiert, und Franzose. Er hatte eine Freundin, arbeitet für Nasa in Kalifornien und spricht fließend englisch, aber mit einem ausgeprägten Akzent. Er ist mit 24 der Jüngste im Team und versucht noch, seinen Körper zwischen schlaksig und würdevoll auszubalancieren. Meist wirkt er dabei aber, als hätte er einen Stock verschluckt. Für sein Alter hat er beeindruckend viel erreicht. Das weiß er auch, und benimmt sich dementsprechend. Das Resultat ist ein Mittzwanziger mit dem gelegentlichen Habitus eines Fünfzigjährigen. (Ich weiß, dass er diese Zeilen lesen wird, deshalb weite ich diese Passage bewusst und genüsslich aus. Keine Sorge, ich werde dafür gebührend bezahlen.)

Cyprien bei der Aussaat seines Biologieprojektes. Das er peinlich genau über- und bewacht hat, kein einziges Radieschen hat er mich probieren lassen.

Cyprien promoviert in Astrobiologie und leitet die Biologieprojekte, die Vince und Carmel unterstützen. Er hat ein beeindruckendes Gedächtnis und neigt zum Perfektionismus. Zumindest, was seine Forschung angeht. Dinge des täglichen Lebens verschusselt er eher. Beim ersten Anziehen des Raumanzugs beispielsweise zog er zuerst seine Schuhe an – wohlgemerkt robustere Wanderschuhe, mit denen man garantiert nicht durch ein Hosenbein kommt. Später vergaß er einmal zusammen mit Dario seine Gamaschen anzuziehen, was uns allen zehn extra Minuten in der Luftschleuse bescherte. Zehn lange Minuten für die beiden, denn Carmel und ich kosteten dieses Versehen genüsslichst aus. Als er mir half, Sperrholz für mein Projekt zurecht zu sägen, verursachte er mir beinahe einen Herzinfakt, als ich sah, wie er Holz und elektrische Säge hielt. Kein Finger wurde an dem Tag verloren, aber ich werde mir beim nächsten Mal überlegen, wen ich mit Werkzeug in Sichtweite haben will.

Cyprien mit seinen Cyanobakterien.

Genug zu für Cyprien peinlichen Anekdoten, auch wenn es noch genügend gäbe. Wir haben oft auf Cyprien rumgehackt, aber er hat auch ausgeteilt. Das war nicht von Anfang an so, das hat sich eher gemächlich entwickelt, als klar wurde, dass beide Seiten austeilen und einstecken konnten. Gelegentlich schlug sich Vince auf Carmels und meine Seite, insbesondere wenn es gegen Cyprien als Franzosen ging. Das hörte auf, als Cyprien entnervt bat, seine Nationalität aus dem Spiel zu lassen. Überhaupt, so viel wir einander auch malträtierten: Wir konnten von einer Sekunde auf die nächste auf nett umstellen. Eben noch piesackte ich ihn, weil er sich mal wieder bis weit auf meine Seite des Küchentischs ausbreitete, nun schaufelte er mir eine zweite Portion aus dem Topf auf dem Herd auf den Teller. Am letzten Tag stießen Cyprien, Carmel und ich uns gegenseitig die Hügel um die Station herunter und rollten uns im Dreck, nur um später vor dem Wandheizer nostalgisch die letzten Stunden gemeinsam ausklingen zu lassen.

Cyprien im "Raum-"Anzug.

 
 

“Dieser Ort hier ist einfach cool.” (Dario)

Zurück zum ersten Tag. Nach dem Abendessen ging ich direkt ins Bett und stand am nächsten Morgen einigermaßen ausgeschlafen auf. Ich erfuhr von Digby, dass Dario, unser sechstes Teammitglied, am Abend zuvor zwar heil aber kofferlos angekommen war. Außerdem hatte er, obwohl er als uns zur Station fahren sollte, seinen Führerschein daheim in Rom liegen lassen und hatte nur eine Kopie dabei. Der Koffer wurde nachgeliefert, das Fahren übernahmen Vince und Cyprien.

Dario vor der Station. Die hochgezogenen Schultern wurden typisch für ihn. Hier aber zu seiner Verteidigung: Es war furchtbar windig.

Dario hat einen Abschluss in Raumfahrttechnik und sein Projekt besteht in Luftüberwachung mit Hilfe einer Drohne. Das ist weniger für den Mars relevant als vielmehr für die Arktis, möglicherweise lässt sich die Drohne nebenbei als Eisbärwarnung einsetzen. Dario spricht zwar akzeptables Englisch, wenn auch mit starkem Akzent, hat aber oft erkennbar Probleme, unseren Gesprächen zu folgen. Bei Beratungen ist das kein großes Problem, bei Ausflügen dagegen graute mir vor den Funkkontakten mit Dario, wenn alles mehrfach wiederholt werden musste. Dario war als unser Crewjournalist eingeteilt, das heißt, er musste jeden Tag einen möglichst lebendigen Bericht über unsere Erlebnisse des Tages verfassen. Als Italiener hatte er mit der Emotionalität des Berichts keinerlei Probleme, nur das Korrekturlesen nahm für die anderen einige Zeit in Anspruch.

Dario bei der Arbeit im Biologielabor.

Neben seinem Drohnenexperiment war Dario eher Mädchen für alles. Er unterstützte die anderen Projekte und half in der Küche aus. Dort machte er dann mehr, als er musste, insbesondere nahm er mir mehrmals meine Kochaufgaben ab (er war als mein Hilfskoch eingeteilt) und wusch freiwillig ab. Möglicherweise hatte ihn seine Verlobte schon gut erzogen. Dario ist womöglich der von uns am besten Trainierte. Seine Hobbies: Ultramarathon laufen und Fußballspiele pfeifen. Für die Ignoranten wie mich: Ultramarathon ist alles, was länger ist als ein Marathon; Dario kann länger laufen, als ich an meinem Schreibtisch sitzen kann. Mit an die Küste würde ich ihn trotzdem nicht nehmen wollen. Schwieriges Gelände und Kälte machen ihm zu schaffen. Wenn jemand bibbernd am Küchentisch saß, war es Dario. Vielleicht lag das auch daran, dass er keine nennenswerten warmen Klamotten dabei hatte. Vielleicht, weil er in solchen Belangen so schusselig ist wie Cyprien aber anders als jener keine weibliche Hilfe beim Packen hatte.

Dario bei einer Erste-Hilfe-Übung, bei der er Unterkühlung simuliert.

 
 

“Ich fand beeindruckend, wie gut wir miteinander klargekommen und wie wenig wir uns gegenseitig auf die Nerven gegangen sind.” (Christiane)

Der Vollständigkeit halber noch ein paar Worte zu mir selbst: Ich bin als Crew-Ingenieurin eingeteilt und als executive officer (kurz XO, Stellvertreterin des Kommandanten). Ersteres führte dazu, dass ich ständig ein Auge darauf hatte, wieviel fließendes Wasser und Generatordiesel wir noch hatten. Bei technischen Problemen musste ich Bericht erstatten und sie gegebenenfalls mit Unterstützung von außen lösen. Meine Funktion als XO brachte nicht so viel Arbeit mit sich, unser Kommandant erfreute sich zum Glück bester Gesundheit. Einmal habe ich mich vor Cyprien aufgebaut und in meiner Funktion als Stellvertreterin mehr Respekt verlangt, nachdem er mal wieder frech zu mir gewesen war. Er ist dummerweise einen Kopf größer als ich und hat nur gelacht, zusammen mit allen Umstehenden, einschließlich mir. Soviel zum Thema Stellvertreterin.

Das bin ich, am letzten Tag kurz bevor wir die Station an unsere Nachfolger, Crew 143, übergeben.

Wenn ich nicht gerade mit meinen Pflichten als Ingenieurin beschäftigt war, ging ich meinen wissenschaftlichen Projekten nach. Ich habe einen Solarkocher gebaut und Tests durchgeführt, die zeigen, dass an der Arktis-Station Messungen an Permafrost und Meereis wahrscheinlich möglich sind, auch wenn man dabei einen Raumanzug trägt. Für die Meereisexperimente ist es nötig, 14km mit Ausrüstung zurück zu legen um an die Küste zu kommen, eine Richtung. Die Hindernisse dabei sind die durch den Helm eingeschränkte Sicht, das schwierige Terrain, die lange Dauer (es ist die Arktis, je länger der Ausflug dauert, um so höher die Chancen, dass man in schlechtes Wetter gerät) und mögliche Eisbärbegegnungen. Wegen der nicht ganz zu vernachlässigenden Gefahr sind nicht alle bei der Mars Society von der Idee so begeistert wie ich.

Beim Bau an einem meiner Projekte, dem Solarkocher.

Ich habe meine Truppe erfolgreich davon überzeugt, dass ich keine gute Wahl als Koch bin, und auch nicht als Filmauswähler. (Wer mir nicht glaubt, kann sich gern mal “Stranded” ansehen. Wir haben nicht bis zum Ende durchgehalten.) Dafür habe ich die anderen beim Yoga angeleitet, massiert, während eines Ausflugs mit Musik versorgt (ich hatte gerade die Stereoanlage erfolgreich wiederverkabelt), und heroisch für ein warmes Zuhause und warmes Duschwasser gesorgt. Zu letzterem jedoch an geeigneter Stelle mehr.

Ich beim Versuch, das Thermometer zu reparieren, das ich aus Versehen mit dem Solarkocher angeschmolzen habe.

 
 

Was wollen Leute wie wir nun auf der Arktisstation?
Carmel teilt meine Motivation, sie will in die Arktis. Das Simulieren des Marslebens ist für uns beide eher akzeptabler Kollateralschaden. Dario will die Herausforderung. Ultramarathon kann jeder (aus seiner Sicht), aber ein Jahr in der Arktis für die Marsforschung, das ist etwas, was man den Enkeln erzählen kann. Digby will die Herausforderung. Er mag ausgefallene, verrückte Sachen (wie wir wohl alle, sonst wären wir nicht zusammen gekommen), und will nochmal etwas Abenteuerliches machen, bevor er zu alt dafür wird. Vince weiß selbst nicht so recht, warum er auf die FMARS will. “Warum nicht?” war seine Haupterklärung auf die Frage, warum er sich beworben hat. Wie wir (fast) alle hat er nicht wirklich damit gerechnet, bis hierher zu kommen. Möglicherweise ist es eine ähnliche Motivation wie die Digys, nocheinmal etwas Außergewöhnliches zu machen, wovon man später berichten kann, bevor man zu alt ist.

Der einzige in unserem Team, der wirklich unbedingt auf die FMARS will und auch auf den Mars, ist Cyprien. Er hat sich für Mars One beworben, das Projekt, das Freiwillige mit einem Einwegticket auf den Mars schicken will (ja, dafür gibt es Hunderttausende (!) Bewerber). MA365 ist für ihn eher ein Meilenstein, der ihn seinem Ziel näher bringt. Bis das allerdings realisiert wird, bleibt hoffentlich noch genug Zeit für ihn, erwachsener zu werden, so dass er auf dem Mars keine weiblichen Fürsorger mehr braucht, die ihm beim Anziehen helfen.

Für alle sechs jedoch hat sich ein entscheidender Faktor in der Motivation für FMARS geändert: Aus welchem Grund auch immer wir ursprünglich auf die Station wollten, mittlerweile nehmen wir die anderen Teilnehmer nicht mehr als notwendiges Übel war, mit dem wir irgendwie klarkommen müssen, sondern die anderen sind Teil unserer Familie geworden, enge Freunde, bei denen wir uns auf ein Wiedersehen freuen. In den zwei Wochen in Utah haben wir uns nicht nennenswert gestritten; wir hatten zwar einige längere Diskussionen, aber keinen Streit, nach dem die Parteien nicht mehr miteinander reden wollten. Sollten wir ein Jahr zusammen bleiben, wird es zu deutlich mehr Reibereien kommen, und ich habe auch schon eine Ahnung, welche Eigenheiten der anderen mir aufstoßen werden. Aber insgesamt sind alle sechs sehr rational und positiv eingestellt, und jeder wird so gut er kann zum Gelingen der Simulation und zum Wohlergehen des gesamten Teams beitragen. Ich freue mich regelrecht darauf, die anderen nächstes Jahr möglicherweise jeden Morgen am Frühstückstisch wieder zu sehen. — Wohlgemerkt, das sage ich als ausgeprägter Morgenmuffel.

Am Kennenlerntag: Colorado National Monument.

Beim Erste-Hilfe-Training: Cyprien und Digby tragen den Gesundheitsbeauftragten Vince.

Bei der Rückkehr vom ersten Ausflug nach Ende der Simulation.

Carmel und Cyprien am Morgen nach Ende der Simulation.

Letzter Abend: Die Simulation ist vorbei!

Zwischenstop auf dem Rückweg nach Grand Junction: Goblin Valley.

Der letzte Tag, wie man sieht...

 

Die offizielle Vorstellung meiner Teamkollegen mit Kurzlebensläufen findet sich übrigens auf der Seite der Station (englisch).

¬ geschrieben von Christiane in MDRS

31.10.-04.11. Ankunft

18. January 2015

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Hanksville, Utah. Mitten durch die Wüste führt eine Straße, die UT-24. Kurvenreich und vorbei an spektakulären, bunten Sandsteinplateaus. Seit knapp drei Stunden waren wir unterwegs, als wir endlich in Hanksville ankamen. An der Tankstelle “Hollow Mountain” (Hohler Berg) sollten wir ein paar Pakete abholen. Es war windig, gelegentlich prasselte Sand gegen das Auto.

Hollow Mountain, die Tankstelle im "Zentrum" von Hanksville.

Wenige Kilometer hinter den fünf Häusern von Hanksville bogen wir auf die Cow Dung Road ein (Kuhdungstraße). Von hier ging es auf planiertem, ausgespültem und halbverwehtem Wüstenboden die nächsten zehn Minuten weiter, bis wir um den hundertsten Felsen manövrierten und unvermittelt vor der Station standen.

Blick aus dem Autofenster kurz hinter Hanksville.

Cow Dung Road. Carmel fährt vorneweg.

Unser Zuhause für die folgenden zwei Wochen. Der große aufrechte Zylinder enthält Wohnraum und Labor, der liegende Zylinder enthält das Greenhab oder Treibhaus, und der kleine weiße Zylinder rechts ist ein Observatorium.

Ein großer, leuchtend weißer Zylinder. “Der ist ja größer als ich erwartet hatte”, waren wir uns einig. Acht Meter Durchmesser für sechs Personen klingt auf dem Papier nicht viel, insbesondere wenn in den vorbereitenden Unterlagen ständig auf den minimalen Platz verwiesen wird. Wir fuhren bis vor den Eingang und stiegen aus.

Wir erwarteten von Shannon, der Stationsleiterin, empfangen zu werden, tatsächlich begrüßte uns ein wandelnder, männlicher Fleischberg. Einen von der Sorte, deren Bild man vor Augen hat, wenn man von Übergewicht in Amerika hört. Chuck.

Er erklärte uns grob, wie die Station funktioniert. Außerdem sollten wir wie jedes der drei FMARS-Teams einen Freiwilligendienst an der Station verrichten, uns fiel der Herbstputz zu. Herbstputz in einer zugigen Station, die in einer überaus windreichen Wüste steht und seit einem halben Jahr wegen der Sommerhitze nicht benutzt worden war. In einer Gegend übrigens, in der Mäusekot das Hantavirus enthalten kann, welches eine zu 36% tödliche Atemwegserkrankung hervorruft. Angesichts der zahlreichen aufgestellten Mausefallen und der daher reichlich vorhandenen potentiellen Hantavirusträger konnte das Virus in dieser Ecke der Wüste jedoch nicht so stark vertreten sein. Trotzdem hieß es: Putzen mit Handschuhen und Atemmasken. Oh, Atemmasken haben wir nicht. Na dann: keinen Staub aufwirbeln.

Wir putzten. Für den Rest des Nachmittags und die folgenden Tage. Wir sammelten den Mäusekot ein, wir saugten die Schlafquartiere aus, wir wuschen sämtliches Geschirr, wir kratzten die ölige Sandkruste von den Küchenmöbeln, wir schabten den Dreck von Dutzenden Teams vor uns von den Arbeitsbänken, wir reinigten die wissenschaftlichen Geräte und die Werkzeuge, wir sortierten die Utensilien, die von Generationen vor uns unbeschriftet zurück gelassen worden waren, und wir schrubbten die Toilette und Dusche mit Chlor.

Dazwischen fuhren wir zu einem leckeren, schmierigen Lokal an der UT-24. Später am Abend brachen zwei Teammitglieder auf, um unseren Proviant für die nächsten zwei Wochen zu holen, dann verschwanden weitere drei. Die letzte wurde abgeholt, als die Anordnung kam, dass niemand allein in der Station bleiben dürfe. Dank Zeitverschiebung fand ich mich daher kurz darauf am gefühlten frühen Morgen nach einer durchgemachten Nacht in einem Berg von Tüten und Kartons wieder, die nach einem System in blaue Kisten verteilt wurden, das meine momentane geistige Kapazität überstieg. Soviel verstand ich: statt unseren eigenen Proviant abzuholen, packten wir den Proviant für uns und die Teams der kompletten kommenden Saison.

Zurück in der Station putzten wir weiter. Es war nach Mitternacht, als wir vorläufig aufgaben und uns in unsere Schlafquartiere zurückzogen. Isomatte aufgeblasen, Schlafsack ausgerollt – ich schlief in der gleichen Sekunde, in der mein Kopf das Kissen berührte.

Am nächsten Morgen wurde ich halb acht durch die Frühstücksvorbereitungen der anderen geweckt. Noch lange nicht von meinem Schlafdefizit der Reise erholt, schälte ich mich noch halbschlafend aus dem Schlafsack. Es gab Cornflakes und Haferbrei mit Trockenobst. Mein letzter Versuch mit Haferbrei war schon wieder ein paar Jahre her, also probierte ich ein paar Löffel. Ich aß sie tapfer auf, fand meine Abneigung aber aufs Neue bestätigt.

Im Laufe des Vormittags verließ uns Chuck, der die letzten Nächte auf einem Feldbett im Erdgeschoss verbracht hatte. Er hatte sechs Stunden in den Norden von Utah zu fahren. Später brachen zwei von uns auf, um den Mietwagen nach Grand Junction zurück zu bringen. Grand Junction liegt in Colorado und etwa drei Fahrtstunden von der Station entfernt. Die Station selbst hat ein Auto, etwas altersschwach aber funktionstüchtig. Unsere beiden Fahrer fuhren also mit dem Stationsauto und dem Mietwagen nach Grand Junction, gaben den Mietwagen ab und kamen mit dem Stationsauto zurück. Zwei Wochen später würde das nächste Team mit einem Mietwagen ankommen, und wir würden mit demselben Auto nach Grand Junction zurück fahren. Wir hatten also nur das Pech, das erste Team der Saison zu sein und die Strecke doppelt fahren zu müssen.

Wir vier, die zurück geblieben waren, nutzten das sonnige Wetter, um unsere nähere Umgebung zu erkunden. Wir kletterten auf den Hügel hinter der Station und liefen ein wenig auf dem Hochplateau herum, genossen die Aussicht. Der Wind blies uns den Staub der Putzorgie aus den Klamotten.

Blick auf die Station vom Plateau aus, Richtung Südosten. Im Hintergrund der Berg, der mich zwei Wochen lang anbettelte, ihn zu besteigen.

Blick Richtung Südwesten.

Ein weiterer markanter Berg in der Umgebung im Westen, der allerdings nicht direkt von der Station aus sichtbar war.

Am dritten Tag brach noch einmal eine kleine Expedition auf, um ein paar unterschriebene Dokumente in Hanksville abzuschicken (“ja, wir wissen, dass das Leben in der Wüste mit gewissen Risiken verbunden ist”). Während des restlichen Tages untersuchten wir die Funkgeräte auf ihre Tauglichkeit, probierten unsere (“Raum-”)Anzüge und Luftversorgungsrucksäcke aus und lauschten andächtig den Erläuterungen unseres Sicherheitsbeauftragten.

Am vierten Tag brachen zwei von uns erneut und seufzend nach Grand Junction auf, um auf Anweisung der Mars Society noch fehlende Ausrüstungsgegenstände für die anstehende Simulation zu besorgen, darunter zum Beispiel Handschuhe und Gewürze. Da der eingeteilte Hauptkoch für den Tag nicht rechtzeitig aus Grand Junction zurück war, übernahm ich als geplante Küchenhilfe an dem Abend das Kochen. Es gab Spaghetti mit Soße aus rehydrierten Tomaten, und alle haben überlebt.

Mit Rückkehr der beiden Fahrer starteten wir an jenem Abend, dem 4.11., unsere Marssimulation. Von da an gab es keine Ausflüge mehr mit den Autos, keine Spaziergänge ohne Marsanzug, und keinen Kontakt mehr mit anderen Menschen als per Email.

¬ geschrieben von Christiane in MDRS

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