26.11.2014 La Malinche: Bergsteigen auf Mexikanisch

8. December 2014

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Beim Besuch auf dem Popocatepetl hatte mir ein Bergsteigerpaar den Berg La Malinche bei Tlaxcala empfohlen. Als ich beschloss auf den Berg zu steigen, wusste ich von diesem Berg nicht mehr, als dass der Aufstieg etwa 4 Stunden dauern sollte und der Abstieg nochmal eine Stunde, außerdem sollte die Aussicht grandios sein.

Weil ich da unbedingt hoch wollte, hat mir meine mexikanische Mutter den Ausflug zum Geburtstag geschenkt. Wie ich mir die Tour vorstellte: 1-2 Stunden hinfahren, in vermutlich etwas weniger als 4 Stunden hochklettern, eine Stunde oben, zwei Stunden für den Abstieg, Abendessen und zurueck nach Mexiko-Stadt. Die Sonne geht um 6 unter, also sollten wir gegen um 11 am Berg sein. Meine Gastgeberin stellte sich den Ausflug so vor: Zusammen mit ihrer Tochter Paola und Fahrer hinfahren, dort von einem ihrer Freund hoch führen lassen, wieder runter, essen und zurück. Aufbruch 9:30 morgens.

Halb zehn bin ich an dem Morgen aufgewacht. Ich habe mich dann mit Laptop ins Wohnzimmer gesetzt und Zeit totgeschlagen. Gegen halb 11 habe ich gefrühstückt, um 11 tauchte Paola auf. Kurz darauf kam einer ihrer Freunde, der mitkommen sollte. Halb zwölf war der Fahrer von der Tankstelle zurück gekehrt und wir fuhren los. Die Landschaft war nett, sobald wir aus der Stadt heraus waren, aber ohne nennenswerte Erhebungen. Gegen eins kam ein großer, auffälliger Berg in Sicht, auf den wir geradewegs zufuhren. Kurz nach 1 bogen wir nach rechts ab und fuhren wieder vom Berg weg. Nach mehrmaligem Rummaulen meinerseits (“es muss ein Berg mit 4 Stunden Aufstieg sein, ich seh hier weit und breit keinen anderen Berg”) und mehrmaligem Anhalten und Nachfragen fuhren wir endlich wieder in die richtige Richtung. Mittlerweile war es kurz vor 2. Weil der Treffpunkt nicht eindeutig war, warteten wir nochmal eine halbe Stunde auf unseren Führer und fuhren dann gemeinsam zum Berg.



Blick auf Popocatépetl und Iztaccíhuatl, zweit- und dritthöchster Berg Mexikos, auf der Fahrt zum La Malinche.



La Malinche, auch bekannt unter den Namen Matlalcueitl oder Malintzin. Mit 4430m fünfthöchster Berg Mexikos. Matlalcueitl war eine Jungfrau, die mit dem Krieger Cuatlapanga verlobt war. Als der nicht zurück kam, starb sie an gebrochenem Herzen und verwandelte sich in einen Vulkan. Cuatlapanga, der sehr wohl noch am Leben war, starb bei seiner Rückkehr vor Trauer um Matlalcueitl und verwandelte sich in einen Nebengipfel am Osthang von Matlalcueitl. Die Legende hat gewisse Ähnlichkeit zu Popocatépetl und Iztaccíhuatl. Malinche ist übrigens auch der Name der indigenen Liebhaberin des spanischen Eroberers Hernán Cortés, die gerne des Verrats an ihrem Volk bezichtigt wird.

Wir erreichten den Startpunkt für den Aufstieg kurz vor drei Uhr nachmittags. Mein Gesichtsausdruck und mein Magen grummelten um die Wette.

Die Straße führte noch weiter nach oben, war für Fahrzeuge aber ab einer Höhe von etwa 3100m gesperrt. Wir folgten ihr zu Fuß ein Stück, bis wir auf den Pfad einbogen, der geradewegs nach oben führte. Wir kreuzten die Straße noch mehrere Male; schon nach dem zweiten Mal waren Paola, ihr Freund und der Fahrer so weit zurück gefallen, dass sie freiwillig anboten zurück zu bleiben, als sie endlich aufgeholt hatten.



Auf dem Weg nach oben.


Mit dem Freund meiner Gastgeberin, der kein Bergführer war, selbst nur zweimal auf dem Berg oben gewesen war und keine Ahnung hatte (“ich glaube 3500m ist er hoch”), ging ich weiter. Wir passierten ein Schild, auf dem stand, dass man nach 14 Uhr nicht weiter aufsteigen sollte. Da war es 15.40 Uhr.

Fünf Minuten später machten wir das erste Mal kurz Rast. Weitere fünf Minuten später musste ich das erste Mal auf meinen Begleiter warten. Als er endlich aufgeholt hatte und mir schon kalt wurde, setzte er sich erstmal hin. Ich fragte ihn, ob ich nicht allein weiter steigen könnte, aber er wollte nicht, dass ich mich verlaufe. Der Weg war an der Stelle mindestens drei Meter breit.

Wir trafen einige Grüppchen, die abstiegen. Bis zur Baumgrenze eine weitere Stunde, zurück 20 Minuten, sagten sie. Das war kurz vor 16 Uhr.

Wiederum zehn Minuten später hatte sich die Frage, ob ich allein weiter gehen durfte, erledigt. Mein Begleiter war außer Sichtweite und nach drei Minuten war mir zu kalt, als dass ich weiter auf ihn warten wollte. Vielleicht war er schon wieder auf dem Weg nach unten, wer weiß das schon bei Mexikanern.



Erster Blick auf den Gipfel (links) seit wir losgelaufen sind.

Ich traf noch zwei absteigende Gruppen, dann war ich allein. Zehn nach 4 erhaschte ich zwischen den Baumwipfeln einen kurzen Blick auf den Gipfel und rannte los. Ich hatte zwar die letzte Nacht in Mexiko-Stadt, also auf etwa 2000m Höhe verbracht, aber das reicht nicht aus, um auf etwa 3700m Höhe weit rennen zu können. Ich verlangsamte mein Tempo also sehr schnell wieder. Halb fünf erreichte ich die Baumgrenze und hatte freien Blick auf den Gipfel.



Freier Blick auf den Gipfel! Das kurze Stück muss doch noch zu schaffen sein…



Blick zurück ins Tal.

Ich schätzte, dass ich von hier bis zum Gipfel noch etwa eine halbe Stunde brauchen würde. Irgendwo tief im Inneren piepste eine Stimme, dass das auf dieser Höhe mehr als optimistisch geschätzt ist, aber mein Kampfwille ignorierte sie einfach. Ich wusste ohnehin, dass ich gegen die Zeit anlief, da konnte ich nicht noch wertvolle Sekunden mit Zweifeln verschwenden. Mir fiel der Vorgipfel auf, der auf jeden Fall in Reichweite war, und auch der Sattel als Minimalziel sollte leicht machbar sein.

Der Pfad verlief nun in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem tief ausgespülten Wasserlauf. Im Wald gab es ein paar Passagen, die in der Dunkelheit sehr schwierig zu bewältigen sein würden, dieser Wasserlauf hier aber machte mir Sorgen. Der Kontrast war schon im Schatten stellenweise nicht sehr gut, und ein Fehltritt konnte leicht fünf Meter und mehr abwärts führen.



Neben und teilweise quer zum Weg verlief ein mehr oder weniger tief eingeschnittener Wasserlauf. Trocken zwar, aber tief und bröckelig am Rand. Hier ein außerordentlich klar erkennbarer und damit fotogener Abschnitt.

Eher nebenher fiel mir auf, dass ich Schwierigkeiten hatte meine Kamera zu bedienen, weil meine Hände steif gefroren waren. Half nix, musste ich eben schneller gehen. Dachte ich und japste drei Schritte später wieder nach Luft. Meine Lungen gaben das Marschtempo vor, nicht mein Kopf. In den Beinen begann ich die letzten zwei Stunden zu spüren und ich machte vermehrt kurze Sitzpausen. Aber jedes Mal, sobald sich mein Atem wieder einigermaßen beruhigt hatte, sprang ich wieder auf und stapfte weiter.



Was wie ein Nebengipfel vier Bilder zuvor aussah, ist in Wirklichkeit viel niedriger als der echte Gipfel (“Erster Blick auf den Gipfel”).

Der Boden wurde zunehmend schwieriger. Sandig, mit einzelnen Felsbrocken und Grasbüscheln im Weg. Als ich die Stelle erreichte, an der die Steigung deutlich zunahm, und drehte mich um. So flach, wie es mir vorgekommen war, war das letzte Stück doch nicht gewesen. Fünfzehn Minuten hatte ich bis hierher gebraucht und das steilste Stück lag gerade vor mir. Ich zielte auf den Vorgipfel, von da konnte ich dem Grat auf den Gipfel folgen, wenn ich noch Zeit… Die Zeit reicht, und fertig. Weiter.

Der Boden war entweder sandig und weich, so dass ich jeden halben Schritt wieder zurück rutschte, oder führte über Grasbüschel und verlangte relativ große, kraftraubende Schritte. Alle paar Schritte musste ich innehalten und Luft schnappen. Auf dem kurzen Stück bis zum Vorgipfel setzte ich mich mindestens drei Mal hin, und als ich endlich oben war, ließ ich mich mit einem Seufzer auf den nächstbesten Felsvorsprung plumpsen und tat erstmal zwei Minuten lang nichts. Es war Viertel sechs.



Blick auf den Pico de Orizaba im Osten, auch bekannt unter dem Namen Citlaltépetl. Die Vulkane in Mexiko sind recht einfach zu erkennen: recht isoliert stehende Berge, die sich deutlich über das 2000m hohe Hochtal von Mexiko erheben. Außerdem verschafft das löchrige Vulkangestein endgültige Gewissheit, wenn man darauf steht.

Der Vorgipfel ist auf etwa 4240m. Von hier schien der Gipfel keine hundert Höhenmeter entfernt, tatsächlich waren es aber noch etwa 200. Ich war über eintausend Meter in weniger als zweieinhalb Stunden geklettert, ohne nennenswerte Rast, und mit zwei Schlucken Wasser. Eigentlich war ich mehr gerannt, als gegangen. Normales Tempo sind etwa 300 Höhenmeter pro Stunde, aber normalerweise beginnt man eine Bergtour auch nicht am Nachmittag. Das Wetter war grandios, die Temperatur gerade richtig, sonst wäre ich nie so weit gekommen. Eine halbe Stunde mehr, und ich wäre weiter aufgestiegen. Ich konnte den Gipfel von meinem Sitzplatz aus sehen, und ich spürte die Energie in meine Beine schießen, während ich meinen Apfel aß. Aber nach dem Tempo der letzten Viertelstunde zu urteilen, würde ich erst bei Sonnenuntergang oben ankommen. Dann bräuchte ich erstmal eine Verschnaufpause. Ich hätte zwar einen fantastischen Blick auf den Sonnenuntergang, aber hier in Äquatornähe ist es innerhalb einer halben Stunde stockdunkel und ich würde auf das schwache Licht meiner Kamera angewiesen sein, lange bevor ich zurück an der Baumgrenze wäre und den schwersten Teil des Abstiegs beginnen könnte.

Hätte, hätte, hätte. Ich hatte am Morgen noch überlegt, ob ich meine Stirnlampe einpacke. Ich hätte vehementer auf den Fahrer einreden und die Zeit des Umwegs reduzieren können. Ich hätte in Mexiko-Stadt eher auf mich aufmerksam machen können. Doch an all das dachte ich überhaupt nicht. Ich konzentrierte mich auf den Ort, an dem ich momentan war und wägte die Chancen, die ich hatte, so rational wie möglich gegeneinander ab. Jetzt, zurück am sicheren Schreibtisch, denke ich vor allem an die nur knapp 200 Höhenmeter, die noch fehlten, und blende den Abstieg aus. Dort auf dem Grat dachte ich vor allem an den bevorstehenden Abstieg und die Dunkelheit. Seit ich mein Wollhemd unter meinen Pullover gezogen hatte, hatte ich keine weitere Reserve gegen die Kälte da oben, von der lange zurück liegenden letzten Mahlzeit ganz zu schweigen. In meiner körperlichen Verfassung war es unter den gegebenen Umständen einfach nur leichtsinnig, weiter aufzusteigen. Für ein paar Fotos von ein bisschen weiter oben. Und für mein Ego. Im Hier und Jetzt hatte ich von dem geknackten Gipfel nicht genug, um dafür einen objektiv gefährlichen Abstieg in erschöpftem Zustand, der eigentlich nur von meinem Kampfgeist überdeckt wurde, zu riskieren. Endlich drang mein Kopf durch den Adrenalinschleier.

Schweren Herzens machte ich ein paar (Fast-)Gipfelfotos, stolperte dabei noch über einen Stein und fast den Hang herab. Ein Trost war die grandiose Aussicht, insbesondere der Popocatépetl und der Iztaccíhuatl, die gerade so über die Dunstschicht ragten und von der untergehenden Sonne beschienen wurden. Dank Kamera konnte ich gegen die Sonne eine neue Gaswolke über dem Popo ausmachen, ich verstand es als Anerkennung. In der anderen Richtung, im Osten, ragte der schneebedeckte Pico de Orizaba in den Himmel, der höchste Berg Mexikos.



Blick vom Vorgipfel aus nach Osten, quasi die Rückseite des Berges entlang. Man sieht deutlich das vergleichsweise flache Hochtal von Mexiko, aus dem die hohen Vulkane markant hochragen. Links und hinter mir der dreieckige Bergschatten des La Malinche.



Blick in die untergehende Sonne. Rechts ragt der Iztaccíhuatl über den Dunststreifen, links daneben, von der grellen Sonne überstrahlt, befindet sich der Popocatépetl. Vor dieser Kulisse dachte ich über den weiteren Aufstieg nach. Viel besser konnte die Aussicht nicht mehr werden.



Etwas surreal… Erst mit Sonnenbrille konnte ich den scharf abgegrenzten Streifen überhaupt sehen.



Immer noch die gleiche Blickrichtung.



Ein Geschenk des Popo: eine Gaseruption unmittelbar, bevor ich meinen Abstieg begann.

Kurz nach halb sechs machte ich mich an den Abstieg. Ich wusste, dass ich nicht viel Zeit hatte, und rannte so schnell ich konnte. Die Frage war nicht, ob ich vor der Dunkelheit wieder unten sein würde, sondern wie weit ich kam, bis ich meine Kamera als Behelfslampe einsetzen musste. Der sandige Schutt zu Beginn des Abstiegs war sehr hilfreich, ich musste nur auf die teilweise verdeckten Felsbrocken achten. Die Baumgrenze hatte ich nach etwa zehn Minuten erreicht. Ich rannte an dem ausgehöhlten Wasserlauf entlang, so schnell es der rutschige Vulkansand eben zuließ.



Bis auf die paar fiesen versteckten Steine ein schöner, leichter Abstieg. Was beim Aufsteigen stört, ist beim Absteigen von Vorteil: der weiche, nachgiebige Sand.



Zurück an der Baumgrenze. Der schwierigste Teil kommt jetzt.



Rechts oben führt der Weg entlang. Hier musste ich mit den letzten Strahlen Tageslicht auskommen. Der nächste Abschnitt war so steil, dass ich auf dem trockenen Boden selbst mit meinen gut profilierten Trekkingschuhen ins Rutschen gekommen bin.



Ich habe lange gebraucht, bis ich verstanden hab, was hier passiert: Der waagerechte grau-blaue Streifen am unteren Horizont ist der Erdschatten, und der Bergschatten ist jetzt über den Erdschatten hinaus gewachsen. Er ist jetzt aber nicht mehr dreieckig, weil er von Strahlen der Gegendämmerung unterbrochen wird, also von Strahlen der untergehenden Sonne, die sich am gegenüberliegenden Horizont wieder zu einem Punkt bündeln.

Im Wald angekommen, wurde es schlagartig dunkler. Ich nahm noch einen kleinen Umweg zu einem Felsvorsprung, der mir beim Aufstieg aufgefallen war und für den ich mir keine Zeit genommen hatte. Zu dem Zeitpunkt war die Sonne gerade hinter dem Horizont verschwunden, und durch die Bäume hindurch konnte ich einen grandiosen Sonnenuntergangshimmel sehen. Die Sonne selbst war durch den Berg verdeckt.



Blick hinab ins Tal, 18:15 Uhr.



Im Tal brennen schon die Lichter. Es liegt noch mehr als die Hälfte des Abstiegs vor mir, aber der Großteil des schwierigen Geländes ist geschafft.

Zurück auf dem Weg rannte ich so schnell ich konnte, musste aber bald langsamer werden. Mit der zunehmenden Dunkelheit konnte ich Baumwurzeln nicht mehr klar erkennen, und ich hatte keine Lust, den Malinche herunter zu rollen. Mit dem letzten Licht tastete ich mich ein extrem steiles, ausgedehntes Wegstück herunter, das mir vage als erste Stelle beim Aufstieg in Erinnerung geblieben war, vor dem mir für den Rückweg graute. Die letzten hundert Meter auf dieser Piste musste ich die Kamera anmachen, es war kurz vor halb sieben.

Ich fragte mich gerade, ob dieses elendige Stück nicht bald aufhören müsste, da sah ich einen Schatten, der sich zwischen den Bäumen bewegte. Mein mexikanischer Bergfreund hatte tatsächlich auf mich gewartet. Er war bis zur Baumgrenze gegangen und dann noch im Tageslicht umgekehrt, und war nach dem Warten nun halb durchgefroren. Zusammen stiegen wir bis zu dem Schild, das vor dem Aufstieg nach 14 Uhr (und dem Abstieg in der Dunkelheit) warnte. Wir folgten der Straße ein paar Serpentinen, bis wir endlich den Fußpfad entdeckten. Da die Straße nicht so eben war, dass man ihr ohne Licht folgen konnte, entschieden wir uns für die Abkürzung. Punkt sieben waren wir zurück am Auto. Die anderen drei warteten an einem Kiosk in der Nähe.

Wir fuhren zurück zum Treffpunkt, aßen Abendbrot, tranken heiße Schokolade und Cola. Hier unten im Tal, auf gut 2000m Höhe, waren es 7°C. Um neun machten wir uns auf den Rückweg. Unser Fahrer hatte solche Mühe, unserem mexikanischen Führer und später seinen Wegbeschreibungen zu folgen, dass selbst Paola irgendwann ungeduldig wurde (“ay Leo, wo ist dein Kopf”), aber trotzdem fuhren wir irgendwann in Mexiko-Stadt ein, über der tief am Horizont eine Mondsichel hing. Hundert Abbiegungen und gefühlte Kreisfahrten in der chaotischen Straßenführung von Mexiko-Stadt später hatten wir Paolas Freund abgesetzt und kurz vor Mitternacht konnte ich meinen vom Autofahren schmerzenden Hintern endlich aus dem Sitz schälen.

Der alles andere als großartige Tag endete mit dem stolzen Vorzeigen der unangemessen großartigen Fotos vor mächtig beeindruckten Stadtmenschen. Ich habe vermutlich einen neuen persönlichen Rekord aufgestellt, aber ganz sicher einen, den ich nicht vorhabe, irgendwann wieder zu erreichen oder gar zu brechen.

¬ geschrieben von Christiane in 2014 Mexiko

18.11.2014 Ausflug auf den Popocatépetl

8. December 2014

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Am Vortag frisch eingeflogen, wollte ich auf den Popocatépetl. Der zweithöchste Berg Mexikos, ein Vulkan, liegt nur etwa 70km von Mexiko-Stadt entfernt und ist angeblich an guten Tagen von dort aus sichtbar. Heißt es. Allerdings bin ich nicht sicher, für welchen der vielen Teile von Mexiko-Stadt das gilt.

Die Fahrt dorthin sollte vom Haus meiner Gastgeberin eine Stunde dauern. Das ist eine mexikanische Zeitangabe, nach fast zwei Stunden waren wir tatsächlich da. Wir, das waren ich, mein Papa, die Tante meiner mexikanischen Schwester aus Tijuana, ein Freund der Familie und zwei Fahrer. Der Vater meiner Schwester wollte ursprünglich auch mitkommen, hat nach zehn Telefonaten aber umdisponiert, uns ein anderes Auto bestellt und ist zur Arbeit gefahren. Unser ursprünglicher Fahrer ist mit meinem Papa, mir und der Tante zusammen zu dem bestellten Freund samt Fahrer ins Auto gestiegen. Wir waren also zu sechst, als wir am Berg ankamen.



Blick auf den Popo und den Izta, den Popocatépetl (rechts, aber gleich links vom Schild hinter den Wolken) und den Iztaccíhuatl (links). Beides sind Vulkane, und der zweit- bzw. dritthöchste Berg Mexikos nach dem Pico de Orizaba.



Die Spitze des Popocatépetl, praktisch schneefrei, und deutlich höher als die Hügel in seiner Umgebung.

Unser Ankunftsort war der Parkplatz am Eingang des Nationalparks Iztaccíhuatl-Popocatépetl, auf dem Paso de Cortés. Besagter Pass liegt auf etwa 3700m Höhe und zwischen den Gipfeln des Popocatépetl (gut 5400m) und Iztaccíhuatl (5200m). Iztaccíhuatl bedeutet in der Sprache der Azteken (Náhuatl) wörtlich “weiße Frau”, der in Mexiko bekanntere spanische Name Mujer Dormida (auch die Mexikaner haben Probleme die aztekischen Namen auszusprechen) heißt übersetzt “die schlafende Frau”. Tatsächlich hat die Bergkuppe in etwa die Form einer schlafenden Frau, die auf dem Rücken liegt, und wies bei unserem Besuch ein paar Schneefelder auf. Popocatépetl heißt übersetzt soviel wie rauchender Berg.



Der Iztaccíhuatl (links), nicht unter optimalem Winkel erwischt, trotzdem ist insbesondere der Kopf der Frau links deutlich zu erkennen.



Der Popo selbst ist zum Großteil von Wolken verdeckt, aber die Rauchfahne, der er seinen Namen verdankt, ist gut sichtbar.

Die Legende besagt, dass die schöne Prinzessin Iztaccíhuatl in den starken und mutigen Krieger Popocatépetl verliebt war. Nachdem sich beide die ewige Liebe geschwört hatten, musste Popocatépetl in den Krieg ziehen. Es gibt verschiedene Versionen der Legende, aber allen gemein ist, dass Iztaccíhuatl die Nachricht erhielt, Popocatépetl würde nicht aus dem Krieg zurück kehren. Daraufhin starb sie vor Kummer. Als Popocatépetl schließlich doch zurück kehrte und vom Tod seiner Geliebten erfuhr, trug er ihren Leichnam auf einen Berg, wachte an ihrem Grab und starb ebenfalls an gebrochenem Herzen. Beeindruckt ob dieser Liebesgeschichte, verwandelten die Götter die beiden in zwei Vulkane, in der Form einer schlafenden Frau, Iztaccíhuatl, und den ihr zu Füßen wachenden Krieger, Popocatépetl.

Möglicherweise (das ist allerdings pure Spekulation meinerseits) beruht die Legende tatsächlich darauf, dass beide Vulkane in relativ kurzer Zeit entstanden oder zumindest gewachsen sind. Iztaccíhuatl schläft jedenfalls seit über 3000 Jahren. Der Popocatépetl ist nach mehreren Jahrzehnten Ruhe vor etwa zwanzig Jahren wieder zum Leben erwacht und bricht seitdem alle paar Jahre aus. Als wir da waren, hat er mehrmals täglich eine mächtige Gaswolke ausgestoßen. Durch die gesteigerte Aktivität hat sich der Berg soweit erhitzt, dass seine Gletscher innerhalb weniger Jahre komplett abschmolzen. Der Popocatépetl hat auf seiner Kuppe immer noch ein wenig Schnee und Eis, aber eben keine Gletscher (also mehrjähriges Eis) mehr. Außerdem ist er wegen der Aktivität für Bergsteiger gesperrt.



Auf dem Cortés-Pass, mit Blick auf das Fußende des Izta. Im Vordergrund drei unserer mexikanischen Begleiter und das Besucherzentrum des Nationalparks.

Am Parkplatz angekommen, zeigten uns unsere Begleiter die beiden Berge und erweckten den Eindruck, gleich wieder umkehren zu wollen. Zwei Stunden Fahrt um einen Blick auf zwei Berge zu werfen, “man kann doch hier eh nichts anderes machen”… Ich wollte wenigstens ein wenig herumlaufen, und siehe da, als unsere Begleiter im Besucherzentrum nachfragten, erfuhren wir, dass man sogar noch ein wenig weiter den Iztaccíhuatl hinauf fahren kann. Wir erhielten gegen Gebühr farbige Armbändchen, lasen im Besucherzentrum von der Legende und brachen – schon wieder im Auto – auf.

Die Straße war staubig und holprig, und es ging nur langsam voran. Irgendwo im Nirgendwo hielt der Fahrer an und wir durften uns ein wenig die Beine vertreten, aber immer schön auf der Straße bleiben, und das Fahrzeug wenige Meter hinter uns. Endlich aus dem staubigen Auto geflüchtet, hatte ich keinerlei Ambitionen, weiter die staubige Straße entlang zu trotten. Ich lief auf einen kleinen Vorsprung in einigen hundert Metern Entfernung zu, die anderen im Schlepptau. Der Boden bestand aus Vulkanasche, Staub und einzelnen Lavabrocken, alles versetzt mit trockenen Grasbüscheln. Bis auf die dünne Luft (wir befanden uns auf etwa 4000m Höhe) hatte ich mit dem Laufen keine Probleme. Die Tante dagegen, die ohnehin nicht die sportlichste ist, hatte mit ihren goldenen Ballerinaschühchen durchaus Probleme auf dem weichen sandigen Boden. “Ich hab doch nicht geahnt, dass wir hier herumlaufen würden.”



Schön auf der Straße bleiben, und in der Nähe des Autos.



Blick ins Tal, Richtung Westen, etwas südlich von Mexico-Stadt.

Daher war ich überrascht, als sie zustimmte, mit auf eine Felsnase etwa 200m über unserem momentanen Standort zu klettern. Das Missverständnis wurde aufgedeckt, als ich vorschlug, die große Bodenwelle vor uns zu umgehen, mit dem Auto zu einem kleinen Parkplatz in Sichtweite zu fahren und von dort aus auf die Felsnase zu steigen. Sie hatte gedacht, ich wollte durch die Bodenwelle bis zum Parkplatz laufen und war entsetzt, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann DA hoch zu steigen.



Es geht um die Erhebung ganz rechts im Bild, vielleicht 200 Höhenmeter. Davor sieht man den kleinen La Joya Parkplatz mit einem Imbisshäuschen.

Der Parkplatz heißt La Joya und liegt auf 4000m Höhe. Dort angekommen, entschied sich mein Papa nach einigem Zögern, mit mir mitzukommen. Alle anderen blieben unten und schüttelten verwundert über die Deutschen ihre Köpfe. In einer Stunde sollten wir bitte wieder unten sein, wir wollen ja noch woanders hin. Mit der mexikanischen Auslegung einer Stunde schien mir die Distanz schaffbar.

Die ersten hundert Meter gingen recht sanft nach oben, immer über den staubigen Boden mit den kniehohen trockenen Grasbüscheln. Dann zog die Steigung an und mir ging die Puste aus. Hinter mir hörte ich es ebenfalls keuchen, also verlangsamte ich mein Tempo. Je steiler es wurde umso langsamer gingen wir. Ich wählte mehrere Umwege, um die Route für meinen bergunerfahrenen Papa so einfach wie möglich zu halten. So war der Großteil des Aufstiegs technisch sehr einfach, wir mussten eben nur unsere Geschwindigkeit an unsere Lungen anpassen. Unterwegs ließen wir Jacke und Pullover an einen Baum zurück, einen anderen Weg nach unten als diesen gab es eh nicht. Kurz vor dem Ziel mussten wir noch eine kleine Wand aus Felsbrocken überwinden, was durch harte, teils stachelige Vegetation erschwert wurde.



La Joya von weiter oben.



Blick von der Felsnase nach unten.




Ein wenig Flora…





… und Fauna.

Nach etwa vierzig Minuten Aufstieg erreichten wir die Nase. Wir genossen die Aussicht, ich schaute sehnsüchtig auf einen Pass des Iztaccíhuatl, der in greifbarer Nähe schien und auf den ich gern noch geklettert wäre, dann stiegen wir wieder ab. Die Felsbrocken waren abwärts etwas schwieriger zu passieren, aber kein ernsthaftes Problem. Dafür stellten sich die Grasbüschel als gemeingefährlich heraus: Man sah nicht, wo man hintrat. Ich selbst bin ein paar Mal gestrauchelt, Papa hat ein paar unfreiwillige Sitzpausen eingelegt; wenigstens waren die Büschel weich.




Das ist doch höchstens noch eine weitere Stunde, nur den Grat entlang, und schon kann man auf der anderen Seite runter gucken…



Ein letzter Blick in die Runde…



… von hier sieht der Popo richtig klein aus…



… dann noch einmal verschnaufen, bevor es die Kante hinab geht.

Auf dem Weg nach unten haben wir noch zwei Bergsteiger bis zum Hauptparkplatz mitgenommen. Die empfahlen mir La Malinche, den ich ein paar Tage später in Angriff genommen habe. Auf dem Rückweg nach Mexiko-Stadt haben wir uns noch eine Weihnachtsbaumkolonie angesehen, von der meine Gastgeber verträumt als “wunderschöne Natur” geschwärmt haben.



Weihnachtskitsch auf mexikanisch.



Ich habe nie verstanden, wieso Bäume für das Weihnachtsfest sterben müssen.

¬ geschrieben von Christiane in 2014 Mexiko

17.-28.11.2014 Mexiko

8. December 2014

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“Wieso um Himmels Willen schleppst du Absatzschuhe mit zur Marsstation?”

Ich habe nie versucht, in den Dingern in Utah zu laufen, es hätte vermutlich nicht elegant ausgesehen. Die Schuhe hatte ich dabei, weil ich auf eine Hochzeit in Mexiko eingeladen war, die kurz nach meinem Aufenthalt in Utah stattfand. Das Brautjungfernkleid wurde in Mexiko für mich maßgeschneidert, aber die Schuhe habe ich von zu Hause mitgebracht.

Geheiratet hat Ilse, meine mexikanische Gastschwester aus meinem letzten Schuljahr in Deutschland. Und weil wir so enge Schwestern sind, habe ich neben meinen deutschen Eltern jetzt auch mexikanische Eltern, bei denen ich praktischerweise während meines Mexiko-Urlaubs gewohnt habe. Ilse hat noch eine jüngere Schwester, Paola.

Bei der Hochzeit dabei waren außerdem mein Papa (der echte, der deutsche), eine deutsche Freundin Ilses samt Freund und Eltern, und etwa 250 Hochzeitsgäste, davon 10 Brautjungern, die beiden deutschen Brautjungern mitgezählt. Ich schätze, die Familie kann man nicht zur mexikanischen Unterschicht zählen.

Ich bin von Utah aus direkt nach Mexiko-Stadt geflogen, habe dort ein paar Tage übernachtet, bin dann mit meinen beiden Vätern (deutsch und mexikanisch) nach Acapulco gefahren. Dort fand die Hochzeit statt (dazu kommt bei Gelegenheit mehr). Nach ein paar faulen Tagen am Strand bin ich nach Mexiko-Stadt zurück gefahren, habe noch ein klein wenig Sightseeing gemacht und bin dann – endlich – wieder in die Heimat geflogen. Warum endlich? Weil ich mich so an die herrliche Ruhe in Finnland gewöhnt hatte, dass mir die netten, aber ständig redenden Mexikaner einfach auf die Nerven gingen.

Ich will mich als nächstes vor allem auf die Blogeinträge zur Marsstation konzentrieren, aber da ich die beiden folgenden Einträge schon in Mexiko geschrieben habe, will ich sie euch nicht vorenthalten:
Ausflug auf den Popocatépetl
Ausflug auf den La Malinche

¬ geschrieben von Christiane in 2014 Mexiko

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