Dientes de Navarino, Tag 1

1. June 2014

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Heute sollte es los gehen!

Nach knapp neun Stunden riss mich der Wecker halb zehn aus dem Tiefschlaf. Ich hatte an diesem Morgen etwas länger schlafen können, nach den kurzen Nächten der vergangenen Tage war das auch nötig gewesen. Da es Frühstück nur bis um 10 gab, quälte ich mich wohl oder übel aus dem Bett. Das Pärchen aus Göttingen war schon auf, während wir uns unterhielten stopfte ich chilenisch-lapprigen Toast mit leckerer Marmelade und mehrere Stücken Kuchen in mich hinein. Dann packte ich.

Alles, was unverzichtbar war, stopfte ich in den großen Trekkingrucksack. Viel Mühe gab ich mir nicht, da ich wusste, dass mir das eigentliche Packen noch bevor stand. Als der Rucksack voll war, ließ ich schweren Herzens meine plüschige und damit voluminöse Ersatzkuscheljacke zurück, die ich eigentlich als Kissen benutzen wollte. Meine Vorauswahl in Pucón stellte sich aber trotzdem als sehr gut heraus, insgesamt ließ ich nur zwei oder drei Sachen zurück, die ich für die Trekkingtour mitgenommen hatte.

Ich erwartete meine Reisebegleiter gegen halb zwölf, bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer noch keine Ahnung, wieviele Personen in meiner Gruppe sein würden. Ich hatte einfach vergessen, nachzufragen. Ich wusste nur, dass es mindestens zwei und höchstens (mit mir) acht sein konnten. Ich hoffte natürlich, dass es nicht die maximale Gruppengröße sein würde.

Kurz vor halb zwölf war ich endlich fertig mit packen. Ich nutzte die verbleibenden Minuten, um noch schnell vom Gemeinschaftscomputer eine Email an meine Notfallkontakte zu schicken: ab jetzt durften sie sich Sorgen machen. Ich hatte gerade zwei Zeilen getippt, da kam Julio, der Hostelbetreiber, herein und brachte meine Gruppe mit. Francisco, der Guide, war einen halben Zentimeter kleiner als ich, Brillenträger und Plappermaul. Dann gab es Lisa, ein Jahr jünger und ein paar Zentimeter größer als ich, blond, und für eine Kalifornierin eher zurückhaltend. Und dann war da noch Ralph, ihr Vater, 64, aber kräftig gebaut. Ich fragte sicherheitshalber nach, aber das war tatsächlich meine gesamte Gruppe. Jippie!

Als erstes stellte ich meinen Namen richtig. Julio hatte mich als Christina vorgestellt, und da ich den Namen nicht fünf Tage lang hören wollte, korrigierte ich ihn lieber zu Beginn, damit später keine Verwirrung entstand.
Dann präsentierte uns Francisco seine Reisetasche, aus der er zwei Zelte, Essgeschirr und ein Fresspaket mit Müsliriegeln, Schokolade, Trockenfutter und einer Salami zauberte. Ich leerte meinen Rucksack, stopfte rechts das Zelt rein, links daneben den Schlafsack und obendrauf meinen Kompressionssack mit meiner Winterjacke, einer warmen Fleece-Jacke und Wechselwäsche. Dann war der Rucksack voll.

Handschuhe und Regenjacke stopfte ich von unten in frei gebliebene Lücken, erreichbar durch den unteren Reißverschluss. Aus dem Fresspaket entnahm ich die erste Tagesration, die kam in das Deckelfach, den Rest schob ich in dem Dreieck zwischen Schlafsack, Zelt und Rucksackrücken so weit es ging nach unten. Nachdem ich alle meine Sachen verstaut hatte, war der Rucksack voll, proppevoll. Die Isomatte hatte ich außen befestigt, Teller und Tasse legte ich erstmal obenauf.

Julio war so nett uns zur Polizei zu fahren. Dort legten wir unsere Pässe vor und erklärten, dass wir um die Dientes trekken und wann wir zurück sein wollten. Dann gingen wir zum Supermarkt. Wobei die Bezeichnung “Supermarkt” in Puerto Williams etwas irreführend ist, in jeder anderen Stadt würde man so etwas als Tante-Emma-Laden bezeichnen. Es gab das Nötigste, davon genau eine Sorte, und die Preise waren gepfeffert. Francisco schmiss scheinbar wahllos Tütenessen, Zwiebeln, Trockenmilch und ähnliche kulinarische Höhepunkte in den Einkaufskorb, besorgte sich noch einen Karton, bezahlte und brach mit uns zum nächsten Supermarkt auf. Während Francisco weiter einkaufte, warteten wir anderen drei draußen und labten uns an den leckeren Empanadas, die wir uns im ersten Laden gegönnt hatten. Für die erste Mahlzeit gab es schließlich keinen Grund aufs Gewicht zu achten.

Beladen mit Tüten und Kartons kehrten wir zum Hostel zurück. Während die anderen draußen schonmal die eingekauften Sachen aufteilten, flitzte ich nochmal schnell an den Computer und buchte die Unterkunft für meinen zweiten Aufenthalt in Ushuaia. Die hatte ich zwar am Morgen schon gebucht, mich dabei um einen Tag geirrt – das Resultat meiner etwas chaotischen Planung mit den kurzfristigen Änderungen zum Schluss. Zum Glück bemerkte ich meinen Fehler, als Francisco unser Rückkehrdatum bei der Polizei nannte, und ich buchte die fehlende Nacht noch dazu. (Das sollte sich später als sehr schlau herausstellen, da bei meiner Ankunft das Hostel ausgebucht war und ich miterlebte, wie ein Pärchen deswegen abgewiesen wurde; selbst hatte ich für die ersten Tage in Ushuaia auch auf ein etwas teureres Hotel ausweichen müssen – der Preis der Spontanität ;) .)

Nach der Buchung ging ich wieder nach draußen. Entgeistert blickte ich auf den Stapel, den ich noch in meinem Rucksack unterbringen musste. Die Milchpulvertüten und die Tütensuppen waren kein großes Problem, aber dann war da noch eine Gaskartusche für den Kocher und eine Käsepackung. Ganz zu schweigen von Teller und Tasse, die ich noch unterbringen musste. Ich zog meine beiden dünnen Pullover wieder hervor, drückte in die freigewordenen Löcher die mit den Milchpulverstüten gefüllte Tasse, legte den Teller oben auf und drapierte die Pullover drum herum. Ich zog die Schnur zu und stülpte das Deckelfach über den Rucksack. Hier ging nichts mehr rein. Ich legte den Rucksack um und öffnete den unteren Reißverschluss, drückte die Regenjacke noch ein wenig weiter in den Schlafsack und presste den Gasbehälter obendrauf. Ich hatte keine Ahnung, ob ich das alles am nächsten Morgen wieder in den Rucksack bekommen würde. Ich hoffte nur, dass die Nähte des Rucksacks dem Druck standhalten würden.

Fix und fertig schaute ich auf. Francisco hatte Lisa und Ralph beim Packen des Rucksacks geholfen, nun zeigte er ihnen, wie sie die Riemen anpassen mussten um den schweren Rucksack so bequem wie möglich zu tragen. Ich übergab meinen Tagesrucksack samt Laptop und restlichen Klamotten an Julio, Francisco hinterließ seine Reisetasche – dann fuhr uns Julio die fünf Kilometer zum Beginn des Trekkingpfades.

Nur mit T-Shirt bekleidet und etwas fröstelnd wartete ich ungeduldig darauf, dass wir endlich aufbrachen, während uns Francisco anhand einer Tafel den uns bevorstehenden Weg erklärte. Aha, am Anfang steil bergauf, dann immer am Berg entlang und zum Abend zu einer Lagune absteigen. Möglicherweise kamen wir erst bei Sonnenuntergang an, es war schon zwei Uhr nachmittags. Die nächsten Tage wären etwas entspannter, nur der vorletzte, der wird nochmal richtig hart. Die Tafel entpuppte sich dann noch in anderer Hinsicht als sehr hilfreich: an ihrer Rückseite lehnte ein Ast, der offensichtlich schonmal als Wanderstock benutzt worden war. Somit war mein Wanderstock-Problem gelöst. Die anderen drei hatten “richtige” – das heißt, vor allem leichtere – Trekkingstöcke dabei. Das obere Ende meines Astes war zwar etwas dick, aber ich konnte ja unterwegs nach einem besseren Stock Ausschau halten.

Die Infotafel mit dem vor uns liegenden Weg. 38 Wegweiser auf 53 km Länge, aufgeteilt auf fünf Tage und vier Nächte und begleitet von unzähligen Lagunen, wechselhaftem Wetter und hoffentlich so wenig wie möglich Menschen.

Bevor wir aufbrachen, fragte Francisco nochmal rum, ob unsere Wasserflaschen voll wären. Da es auf Navarino überall trinkbares Wasser gibt, hatte uns die Agentur empfohlen, nur eine Halbliterflasche mitzunehmen, alles andere wäre unnötige Schlepperei. So ganz überall gibt es Wasser dann aber doch nicht, denn unsere ersten Kilometer heute würden eher trocken sein, also vor allem während des Aufstiegs und der ersten Hälfte des Bergpfades würde es keine Wasserquelle geben. Eben darum stellten wir sicher, dass unsere kleinen Flaschen bis zum Rand gefüllt waren. Wir standen ein paar Meter oberhalb eines Wasserlaufes zu unserer Rechten, links der Cerro Bandera (“Flaggenberg”), auf den wir gleich aufsteigen wollten, rechts der Cerro Róbalo, “Stiehl-Es-Berg”. Hinter uns, hinter Bäumen verborgen, der Beagle-Kanal.

Der Weg begann eben. Ein schmaler, ausgetretener Pfad, mit ein paar Wurzeln im Weg. Nach ein paar Hundert Metern bog der Weg links ab, wurde schnell steiler, und führte bald geradewegs auf den Gipfel des Cerro zu. Ich staunte nicht schlecht: genauso steige ich normalerweise auf meine Berge hoch. Allerdings normalerweise mit Tagesrucksack, nicht mit (grob geschätzten) 16kg auf dem Rücken. Immerhin konnte ich mich so wenigstens nicht beschweren, dass wir unnötige Umwege gehen würden. Ein wenig mäandrierte der Weg zwar, aber gerade genug, um Bäumen im Weg auszuweichen. Noch gerader, und ich würde meine Hände benutzen müssen.

Wie immer sieht man auf dem Foto nicht, wie steil es war. Und schon gar nicht, wie anstrengend. Und am allerwenigsten sieht man die gespannte Vorfreude auf die vor uns liegenden Tage...

Einen besseren Wanderstock als meinen Ast fand ich übrigens nicht. Alles was ich anfasste war entweder morsch, zu kurz oder angefault. So gutes, stabiles Holz wie meinen Ast gab es nicht.

Anfangs hielt ich mich hinter Francisco, ich war nur wenig langsamer als er. Dafür hielt er häufiger an als ich. Lisa und Ralph fielen relativ schnell zurück. Aber dieser Anstieg war ja kein Wettrennen, und so nutzte ich die kleinen Wartepausen, um etwas zu trinken, den Rucksack zurechtzurücken, und die Sonnenbrille aufzusetzen.

Der Gipfel kommt näher, man kann schon durch die Baumwipfel durch auf den Beagle-Kanal gucken.

Bis zum Gipfel war der Weg gut ausgetreten, die Bewohner von Puerto Williams machen anscheinend gern mal einen Tagesausflug hierher. Durch die Baumgrenze zu kommen war anders als am Vortag überhaupt kein Problem, der Wald war hier licht genug um ungehindert hindurch spazieren zu können. Oberhalb der Baumgrenze war der Untergrund ein Labyrinth aus Llareta und kleinteiligem Schotter. Einen klar erkennbaren Weg gab es nicht, eher ein Geflecht aus steilen Trampelpfaden. Ich hatte den Blick so konzentriert nach unten gerichtet, dass ich erst spät bemerkte, dass Francisco etwa 100 m links von mir war. Er hielt auf eine kleine Baumgruppe etwa 50 Höhenmeter unter dem Gipfel zu. Dort stand eine kleine Bank, mit Blick auf den Beagle-Kanal.

Ein mittlerweile alter Bekannter, der Beagle-Kanal im Norden. Rechts sieht man Puerto Williams.

Ich zog meine warme Fleece-Jacke und meine Regenjacke aus dem Rucksack, denn die Bank stand auf der Luv-Seite der Baumgruppe. Warm eingepackt setzte ich mich neben Francisco und genoss die Aussicht. Nebenbei reduzierte ich noch ein wenig Rucksackgewicht und machte mich über die erste Tafel Schokolade her.

Es dauerte ein paar Minuten, dann stießen Ralph und Lisa zu uns dazu. Sie sollten natürlich nach diesem anstrengenden Anstieg auch ihre Verschnaufpause bekommen. Um Platz für die beiden zu machen, und weil mir im Wind langsam kalt wurde, ging ich ein wenig umher und machte Fotos.

Puerto Williams, dahinter die Isla Gable.

Eine Infotafel in der Nähe der Bank. Am rechten Bildrand liegt Puerto Williams, am linken Ushuaia, etwa 50-60km westlich.

Und über Ushuaia regnet's. Ein paar Tage später bekam ich dort mehrmals von Einheimischen zu hören, dass die Isla Navarino toll ist. Warum? "Immer wenn wir dahin schauen, scheint dort die Sonne..."

Nachdem auch Lisa ein paar Fotos gemacht hatte, brachen wir wieder auf. Schon kurz darauf standen wir am Namensgeber des Berges: der Flagge. Natürlich der chilenischen, und die wurde dort aufgestellt, um die Argentinier auf der gegenüberliegenden Seite des Beagle-Kanals zu ärgern. Ätsch, diese Kanalseite gehört uns.

Die Bandera des Cerro Bandera.

Dazu muss man allerdings sagen, dass die Argentinier angefangen haben. Noch bevor sie die Malvinas besetzt haben, die auch unter dem Namen Falkland-Inseln bekannt sind, haben sie Anspruch auf drei Inseln im Beagle-Kanal erhoben, die schon seit Jahren zu Chile gehörten. Den Anspruch hatten sie schon 1904 erstmals erhoben, aber erst in den Siebzigern haben sie angefangen, mit militärischem Nachdruck auf den Inseln zu bestehen. Im Südsommer 1978 standen Chile und Argentinien dicht vor einem Krieg um die drei unbewohnten, öden Inseln Picton, Lennox und Nueva östlich der Isla de Navarino am Ostende des Beagle-Kanals. Selbst päpstliche Vermittlung schlug fehl – obwohl die Chilenen dem Vorschlag des Papstes zustimmten, lehnten die Argentinier seine Lösung ab. Wenigstens schaffte der Papst, die Situation etwas zu entschärfen.

Die Wende im Beagle-Konflikt wurde indirekt durch den erfolglosen Falklandkrieg 1982 und direkt durch die neue argentinische Regierung 1983 ausgelöst: der neue Präsident ließ die Bevölkerung abstimmen, ob sie einen Krieg mit Chile haben wollten. Das Nein war überwältigend, selbst auf Tierra del Fuego, also in unmittelbarer Nachbarschaft zu den drei fraglichen Inseln, sprach sich eine wenn auch knappe Mehrheit gegen den Krieg aus. Die Regierung respektierte das Ergebnis des Referendums, akzeptierte 1985 endlich den Vorschlag des Papstes und überließ Chile die drei Inseln.

Irgendwann im Zuge dieser Auseinandersetzungen errichteten die Chilenen demonstrativ ihre Flagge auf dem Cerro Bandera. Außerdem stand Chile während des Falklandkrieges auf britischer Seite, obwohl es nach dem TIAR (dem Interamerikanischen Vertrag über gegenseitigen Beistand) eigentlich Argentinien hätte beistehen müssen. Auf die Malvinas kann man übrigens von Feuerland aus problemlos mit einem Touristenboot fahren. Argentinien sieht sich als im Falklandkrieg nicht besiegt an, da die Briten den Krieg damals einseitig für beendet erklärten, und erhebt daher weiterhin Anspruch auf die Falklandinseln. Was die Briten oder die Falkländer von den argentinischen Booten halten, weiß ich nicht.

Warum nun aber der Beinahe-Krieg um die drei Inseln am Rand Feuerlands? So genau wussten das die Fueginos auch nicht. Aber sie vermuten, dass sich mit den drei Inseln der Sektor Argentiniens in der möglicherweise rohstoffreichen Antarktis vergrößert hätte. Meiner Meinung nach mag das auch ein wichtiger Grund gewesen sein, aber wenn man auf die Karte schaut, dann liegen die drei Inseln einfach perfekt, um den Beagle-Kanal vom Ostende her zu kontrollieren und – wenn ich mir die auf Aggression ausgerichtete Politik der argentinischen Militärjunta so anschaue – die Kontrolle auf die anderen chilenischen Inseln auszudehnen.

Aber zurück zur Flagge auf dem Cerro Bandera, die sicher auch nicht zur Deeskalation beigetragen hat. Von der Flagge aus ging es mehr oder weniger auf gleicher Höhe immer am Hang des Cerros entlang. Der Weg war mal mehr und mal weniger gut erkennbar, Francisco erklärte, dass der Weg im Vergleich zur letzten Saison schon deutlich klarer auszumachen ist. Der lose Schotter verhinderte ein allzu schnelles Vorwärtskommen, selbst dort, wo er in einen gut sichtbaren Pfad getrampelt war. Wir blieben immer knapp oberhalb der Baumgrenze, was zum einen erfahrungsgemäß gut für das Tempo ist und zum anderen eine grandiose Aussicht ermöglichte. Mit jeder Biegung hatten wir einen besseren Blick auf die Dientes – da drüben würden wir die nächsten Tage verbringen! Der Haken war der fehlende Windschutz: War ich beim Aufstieg noch gut mit meinem T-shirt ausgekommen, musste ich jetzt meine warme Fleece-Jacke anbehalten. Der Wind blies unerbittlich von Norden den Cerro entlang.

Davon abgesehen, dass das die erste Wegmarkierung war, die ich gesehen habe - anderthalb Stunden Aufstieg und nicht einmal 2 km geschafft? Uff. Das könnten 53 sehr lange Kilometer werden...

Wir nähern uns dem ersten Gipfel und vor allem der guten Aussicht. Solche Felsmännchen wie das im Bild markierten den Weg recht häufig. Allerdings waren die meisten seiner Brüder um einiges kleiner und manchmal von der normalen Landschaft nicht zu unterscheiden.

Whoa. Die Dientes!

Wir kommen näher.

Eine knappe Stunde nach der Flagge querten wir dann endlich unsere erste Wasserquelle, ein winziges Rinnsal, dass sich mühsam zwischen den Steinen hindurchzwängte. Wäre der Hang nicht so steil gewesen, hätte ich wohl mehr Wasser aus meiner Flasche ausgegossen, als aus dem Rinnsal hineingeflossen wäre. Das Wasser war erfrischend kalt, schmeckte aber nach Eisen. Nun ja, bei den roten Steinen überall eigentlich keine Überraschung. Bäh.

Immerschön am Hang entlang, dem gewundenen Trampelpfad folgen. Zumindest da, wo er erkennbar ist. Wenn nicht, einfach versuchen, auf gleicher Höhe zu bleiben.

Wechsel zwischen leuchtend grünem Untergrund...

... und trockenem Geröll mit sich tapfer haltenden Einzelkämpfern.

Dort unter uns, das ist die Laguna Róbalo.

Ein kleines Rätsel ;) : Was sind das für weiße Kreise?

Blick zurück: Bald werden wir den Beagle-Kanal für einige Tage nicht mehr sehen.

Irgendwo weiter hinten sind Lisa und Ralph...

... und suchen den Weg.

In der Zwischenzeit bewundere ich die spärliche Flora.

In der Bildmitte taucht die Laguna Palachinque auf.

Francisco blickt auf die Laguna Palachinque herunter.

La Laguna Palachinque.

Der Weg zog und zog sich dahin. Lisa und Ralph fielen immer wieder zurück, Francisco hielt immer mal wieder kurz an und wartete, und ich hielt mich irgendwo dazwischen. Ich vertrieb mir die Wartezeiten mit Fotografieren, bei den häufigen Lichtwechseln und dem immer anderen Blickwinkel auf die unten liegenden Seen gab es auch genug Motive dafür. Doch irgendwann konnten mich auch die schnell vorbei ziehenden Wolken nicht mehr von meiner langsam einsetzenden Müdigkeit ablenken: Wie weit ist es noch?

Als mich Francisco mal wieder aufschließen ließ, deutete er auf eine kleine Plattform zwischen zwei Seen unter uns. Wir waren noch mehrere hundert Meter oberhalb der Seen, und ich sah keinen Weg, wie man dort herunter kommen sollte. Stattdessen schlängelten wir uns weiter den Hang entlang.

Wie man die ganzen Bergseen bloß unterscheiden kann? Das dort unten ist jedenfalls die Laguna Del Salto, an der wir unser Nachtlager aufschlagen werden.

Meine Frage wurde jedoch kurz darauf beantwortet: Ich hatte nur kurz angehalten, um ein Foto zu machen und Lisa und Ralph ein wenig zu mir aufschließen zu lassen, und schon war Francisco aus meinem Gesichtsfeld verschwunden. Ich suchte und suchte – und entdeckte ihn schließlich auf halber Strecke zu den Seen herab. Na großartig. Die kürzeste Strecke, geradewegs nach unten. Und das auf diesem losen Schotter.

Rechts von der Lagune sieht man zwei winzig kleine Seen, von den das Sonnenlicht grellweiß reflektiert wird. Davor ist ein weißliches Viereck, das ist die Aussichtsplattform, die wir auf dem Weg zum Zeltplatz überqueren müssen.

Vorsichtig machte ich mich an den Abstieg. Der Weg war etwa so wie auf dem Cerro Guanaco, steil, potentiell nachgiebig, und man sollte möglichst nicht das Gleichgewicht in Talrichtung verlieren. Ich lief immer einige Dutzend Höhenmeter herunter und hielt dann kurz an um die Oberschenkel zu entspannen. Bei einer dieser Verschnaufpausen bemerkte ich die dunklen Wolken, die von rechts, von Norden her auf uns zu kamen. Regen. Wenn der Schotter nass wird, wird er zusätzlich auch noch rutschig. Ich wog das Risiko nass zu werden ab gegen die Zeit, die ich verlieren würde, bis ich die Regenjacke aus dem Rucksack geholt und angezogen haben würde. Schnell lief ich weiter. Nach etwa zwei Dritteln des Abstiegs trafen mich die ersten Tropfen. Ich schaute mich kurz um, Ralph und Lisa waren weit hinter mir. Nach weiteren zehn Höhenmetern sah ich ein, dass ich nicht ohne Regenjacke weitergehen konnte, wenn ich nicht schon in der ersten Nacht nasse Kleidung riskieren wollte. Also hielt ich und zog die Regenjacke an. Francisco war mittlerweile gar nicht mehr zu sehen.

Mist, es regnet. Aus dieser Entfernung kann man die Plattform zumindest schon erkennen, von hier ist es keine halbe Stunde mehr bis zum Etappenziel.

Ich stieg das letzte Drittel ab, während der Regen langsam stärker wurde. Etwas erleichtert kam ich unten an, bevor die Steine vollständig nass und glitschig wurden. Dafür hatte ich das nächste Problem. Der Weg teilte sich hier und Francisco war weit und breit nirgends zu sehen. Ich folgte mehr meinem Gefühl als dass ich wirklich etwas erkennen konnte und ging geradeaus. Wenige Meter später konnte ich tatsächlich die ersten frischen Fußstapfen erkennen. Leider verlief der Weg hier wieder als Geflecht zwischen Bäumen hindurch und so verlor ich die Spur sehr schnell wieder. Ich passierte die Plattform und schaute mich noch einmal um. Wenigstens Lisa und Ralph wollte ich im Blick behalten, eine Dreiergruppe war einfacher zu finden, als eine Einzelperson und eine Zweiergruppe. Außerdem stand hier ein Baum, der einen hervorragenden vorrübergehenen Regenschutz bot. Hier überlegte ich, was ich tun sollte.

Unser Tageswerk, mickrige sechseinhalb Kilometer. Aber die Wildnis ist ja auch nicht zum schnell vorwärts kommen da.

Blick Richtung Norden, etwa von der Plattform aus. Im Bildhintergrund in der Mitte ragt ein wenig Feuerland zwischen den Bergen hervor.

Lisa ist schon fast am Fuß, während ihr Vater sich immer noch auf halber Höhe am Hang befindet.

Die Entscheidung traf meine Ungeduld, schließlich konnte Francisco doch nicht weit sein, und irgendwann würde ich schon wieder auf seine Spur treffen. Und die würde ich umso besser erkennen, je weniger Regen gefallen ist, um sie auszuwaschen. Also stieg ich vorsichtig den mittlerweile glitschigen Lehmboden von der Plattform herunter und lief ungefähr in die Richtung weiter, der ich zuvor gefolgt war. Und plötzlich stand Francisco vor mir. Wie sich später herausstellte, hatte er in der Zwischenzeit schon mal sein Zelt aufgebaut und war deshalb aus meinem Gesichtsfeld verschwunden gewesen. Er zeigte mir kurz zwei Zeltplätze und empfahl mir dann den kleineren, damit Lisa und ihr Vater ihr Zwei-Personenzelt auf dem größeren aufstellen konnten.

Ich holte das Zelt aus dem Rucksack und zusammen bauten wir es innerhalb weniger Minuten auf. Aha, ich hatte also ein Tunnelzelt. Wir waren gerade fertig, da kamen Lisa und Ralph an. Während Francisco den beiden mit ihrem Zelt half, warf ich schnell meinen Rucksack ins Zeltinnere und kroch selbst hinterher. Endlich im Trockenen. Der Regen war nicht stark, aber auch leichter Regen weicht nach einer gewissen Zeit durch. Isomatte ausgerollt, Schlafsack ausgebreitet – da musste ich mich erstmal kurz hinlegen und die malträtierten Füße entspannen. Der Abstieg und das ungewohnte Gewicht waren für meine Beinmuskeln nach den ganzen Touren der letzten Tage und Wochen kein Problem, aber die Füße beschwerten sich über das Drittel mehr an Masse. Morgen würde ich den Rucksack während der Verschnaufpausen häufiger absetzen, oder mich zumindest häufiger setzen und die Füße entlasten. Während ich da lag, plünderte ich nebenher noch ein wenig mein Fresspaket, schließlich hatte ich meine Tagesration nur etwa zur Hälfte aufgebraucht.

Dann krabbelte ich wieder nach draußen. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne war untergegangen, und Lisa, Ralph und ich schauten uns ein wenig in der Umgebung um, sehnsüchtig auf das Abendessen wartend. Zumindest ich habe sehnsüchtig gewartet, ich unterstelle einfach, dass es den beiden anderen nicht besser ging.

Die Laguna Del Salto...

... Palachinque...

... einer der Miniseen (wer findet Franciscos Zelt?)...

... und einfach nur großartige Farben in der Nähe der Laguna Del Salto.

Das Angenehme an geführten Touren ist ja, dass sich in der Regel der Tourguide um das Essen kümmert. So auch hier, Francisco hat für uns alle gekocht. Am ersten Abend servierte er bei Stirnlampenschein Tortellini-artige Nudeln mit Tomatensoße. Die ursprünglich geplante Vorsuppe hatte Francisco weggelassen, die brauchten wir heute ja wohl nicht nach dem kurzen Tag. Dann verteilte er den Topfinhalt gleichmäßig auf unsere vier Teller…

Wer mich insbesondere in den letzten Monaten erlebt hat, kann sich in etwa vorstellen, wie mein Gesicht ausgesehen haben muss. Trotzdem aß ich erstmal tapfer meine Portion. Ich überlegte schon, wie ich mit den geringstmöglichen Umständen noch zu einem vollen Magen kommen könnte, da erklärte Francisco, dass er seine Portion nicht schaffte. Er würde das Essen nur ungern vergraben, also wenn jemand noch ein wenig Hunger hat… Lisa und Ralph winkten stöhnend ab, ich erbarmte mich nur zu gern. Als ich fertig war, erklärte ich dem staunenden Francisco, dass er nicht der erste ist, der mein Essvolumen unterschätzt hat. Wir einigten uns dann darauf, dass er in den kommenden Tagen die Vorsuppe nicht weglassen und mir eine extragroße Portion geben würde.

In diesen Zusammenhang passt noch eine andere Episode, die mir ein riesiges Vergnügen bereitet hat. Ich war mal wieder mit Ruben Essen, als ich, schon während der Teller vor mich hingestellt wurde, wusste, dass ich von dieser Portion niemals satt werden würde. Bei einer früheren Gelegenheit hatten wir anschließend schonmal eine Crepería aufgesucht, diesmal war der Resthunger größer. Einfach “wegschlafen” kam daher auch nicht in Frage. Also suchten wir ein zweites Restaurant auf. Ich bestellte Lasagne und machte mich über die als Vorspeise gereichten Brötchen (mit der leckeren Salsa!) her. Ruben sah mich komisch an und erinnerte mich daran, dass ich noch Lasagne bestellt hatte. Als diese kam, sah er mir anfangs noch sehr skeptisch zu, wie ich die Lasagne enthusiastisch zu löffeln begann. Je weiter ich voran schritt, umso ungläubiger wurde sein Blick. Ich musste mich beherrschen, um angesichts seines Gesichtsausdrucks nicht irgendwann laut loszuprusten. War ich anfangs ob der kleinen Größe des Lasagne-Gefäßes noch beunruhigt, entpuppte sich die Schale glücklicherweise als tiefer als von außen angenommen. Nach etwa der Hälfte fühlte sich mein Magen endlich nicht mehr gähnend leer an, nach gut drei Vierteln begann ich zu kämpfen. Ganz habe ich sie letztendlich nicht geschafft, aber viel ist nicht übrig geblieben, von der Lasagne. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen ich Ruben sprachlos erlebt habe. Später erzählte er die Geschichte seinen Freunden, mindestens die Hälfte hat sie ihm nicht geglaubt. Zumindest die Hälfte, mit der ich nie etwas zusammen gegessen habe.

Aber zurück zu den Dientes. Ich wusch mein Geschirr notdürftig im See nebenan, putzte meine Zähne, bestaunte noch ein wenig den Sternenhimmel und kroch dann zurück in mein Zelt. Ich wechselte die Zwiebelschalen meiner Kleidung, stopfte die nun ausgezogene Fleece-Jacke als Kissen in einen Netzsack und wand mich in den Schlafsack. Es dauerte ein Weilchen, bis ich endlich bettfertig war: Tunnelzelte haben die unangenehme Eigenschaft, dass man sich praktisch nur halb im Liegen umziehen kann und sich auch nur in eine Richtung legen kann, weil man sonst mit der Nase an der Zeltwand klebt. Ich verfluchte kurz das Zelt, dachte neidisch an die anderen, die alle in einem Kuppelzelt schliefen und war plötzlich selbst eingeschlafen.

Das weiße Tunnelzelt ist meine Herberge für diese Tour, das orangene Kuppelzelt gehört zu Lisa und Ralph.

Ok, ich war zu hungrig um noch viel Energie in die Fotos zu investieren. Doch trotz des schwachen Lichts kann man den Farbkontrast zwischen den beiden Gewässern sehr gut erkennen.

Über mir fauchte der Wind und rüttelte am Zelt, entfernt plätscherte irgendwo auch ein Wasserfall vor sich hin. Aber wach bin ich von etwas anderem geworden: Mir war kalt und ich musste mal. Aus dem Zelt geschält stellte ich etwas irritiert fest, dass die Lufttemperatur nicht sonderlich niedrig war. Außerdem wurde mir hier draußen trotz Wind bei der Kletterei zu der Baumgruppe, die ich als meinen Pinkelplatz auserkoren hatte, schnell warm. Das Rätsel löste sich, als ich zurück im Schlafsack versuchte, mich umzudrehen: Ich rutschte von der Isomatte. Den Rest der Nacht kämpfte ich einen mehr oder weniger aussichtslosen Kampf. Mein Zeltplatz war seitlich leicht geneigt, und obwohl ich selbst es schaffte, der Zeltwand fern zu bleiben, rutschte die Isomatte immer wieder unter mir weg. Nach einem Weilchen wurde mir dadurch kalt, ich replatzierte die Isomatte unter mir und drehte mich um. Wenigstens war ich erschöpft genug, um schnell wieder einzuschlafen. Damit ich am Morgen nicht auch noch durch irgendwelche Geräusche geweckt wurde, stopfte ich mir Ohrstöpsel in die Ohren.
Das half, aber Francisco schaffte es trotzdem mich gefühlt mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen und zum Frühstück zu rufen. Aber das ist dann schon der zweite Tag und dazu gibt’s beim nächsten Mal mehr.

Gegen neun, lange nach Sonnenuntergang.

Gute Nacht!

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Dientes de Navarino – Planung

1. June 2014

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Wenn man eine Reise nach Südpatagonien plant und nach interessanten Aktivitäten Ausschau hält, stolpert man fast unvermeidlich über Trekkingtouren. Die wohl bekannteste und mit Sicherheit eine der eindrucksvollsten Trekkingtouren in Südpatagonien führt durch den Torres del Paine Nationalpark. Das Wetter ist rauh, aber die Fotos sind eindrucksvoll. Genau das war auch mein Problem, als ich mich näher für diese Trekkingtour zu interessieren begann: Es gibt Tausende toller Fotos von den Torres, und irgendwann hatte ich das Gefühl, gar nicht mehr hinfahren zu brauchen, um zu wissen, wie es dort aussieht. Dazu kam, dass man auf der Standardroute bis in den März hinein von Menschenmassen umgeben ist. Allein auf den Zeltplätzen sammeln sich jede Nacht mehrere Dutzend Zelte, die zusammen mehrere hundert Personen fassen. Hinzu kommen die in bequemen Tagesetappen gesäten und regelmäßig überfüllten Refugios entlang der Strecke. Trekking ist toll, aber nicht im Vergnügungspark. Außerdem – ich weiß, es ist albern – wollte ich nach Feuerland und nicht in dieses diffus definierte Südpatagonien.

So stieß ich auf den Trek um die Dientes de Navarino. Auf der Isla Navarino gelegen, gehören die Dientes zum Feuerland-Archipel und zu einer der unberührtesten Gegenden auf der Welt.

“Das südlichste Trekking der Welt führt Sie entlang kaum begangener Pfade Feuerlands durch unberührte Natur und wilde Landschaften, fernab der Zivilisation. Von Puerto Williams auf der Isla Navarino aus, machen wir uns auf zur Umrundung des Dientes de Navarino-Gebirge. Auf dieser Trekkingtour werden wir durch mystisch anmutende Südbuchenwälder wandern, Schneefelder durchqueren und den beeindruckenden Blick auf den Beagle-Kanal geniessen. Immer wieder kommen wir den zerfurchten Bergspitzen, die dieser Wanderung den Namen verleihen, nahe und passieren raue Berglandschaft. Übernachtet wird im Zelt in freier Natur mit Blick auf schneebedeckte Gipfel an den Ufern kleiner Seen. Nach dem Trekking übernachten wir in einem gemütlichen Gasthaus.

Die Outdoor-Aktivitäten dieser Tour sind anstrengend. Trittsicherheit, eine gute Kondition und Fitness sind absolut Voraussetzung. Extreme Temperatur- und Wetterwechsel erfordern eine gewisse Widerstandskraft. Während des Trekkings gibt es keine Unterkünfte oder andere Infrastruktur, daher ist eine Bereitschaft auf Komfortverzicht und Teamgeist beim Erstellen der Camps und bei der Zubereitung der Essen wichtig. Während des Trekkings muss die eigene Ausrüstung, sowie ein Teil der Verpflegung selber getragen werden. Auf Wunsch können dafür Träger organisiert werden.”

Ich gebe zu, so genau habe ich mir die Beschreibung oder gar das Tagesprogramm gar nicht durchgelesen. Eigentlich sind bei mir nur die drei Worte “anstrengend”, “Widerstandskraft” und “unberührt” hängen geblieben. Das reichte mir, um zu wissen, das will ich machen! (Mit dem Rest der Beschreibung konnte ich ohnehin nicht viel anfangen.) Es gehört zu Feuerland, hat beeindruckende Berge, und man begegnet wenigen bis gar keinen Menschen, da muss ich hin.

Die Planung verlief erstaunlich reibungsarm. So abenteuerlustig mir zumute war, war ich mir sicher, diese Tour mit meinem bisherigen Erfahrungsschatz nicht allein durchführen zu können. Zwei Wochen vor geplanter Abreise schätzte ich auch die Wahrscheinlichkeit jemanden Gleichgesinnten zu finden als äußerst gering ein. Also kam nur eine geführte Tour in Frage. Ich kontaktierte verschiedene Anbieter, und einer führte in dem fraglichen Zeitraum tatsächlich eine Tour durch und hatte vor allem noch einen Platz frei. Die Zeit war knapp, und es wurde schnell klar, dass wir am Standardprogramm nicht festhalten können würden. Das erste Problem, das auftauchte, war der ausgebuchte Flug von Punta Arenas nach Puerto Williams. Stattdessen reiste ich mit der Fähre über Ushuaia an, während der Rest meiner Gruppe wie geplant von Punta Arenas aus aufbrechen würde. Ich würde also das Gruppentreffen mit dem Führer am Vorabend verpassen und erst am nächsten Tag zu meiner Gruppe dazu stoßen. Ursprünglich sollte ich am Morgen des 5. März und damit zeitgleich mit meiner Gruppe nach Puerto Williams fahren, aber wegen der Wetterabhängigkeit der Fähre verlegte die Agentur die Überfahrt auf den 4. März, und wegen der knappen Zeit ohne vorherige Rücksprache mit mir. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, außer, dass ich nun plötzlich zwei Hotelbuchungen für die gleiche Nacht hatte. Dieser Knoten konnte gelöst werden, und am Ende bekam ich durch die geänderten Reisepläne und die eine selbst gebuchte Hotelnacht sogar ein wenig Geld zurückerstattet. Die letzten Details zur Reise klärte ich mit der Agentur am Tag meiner Abreise. Ihr werdet es nicht glauben, aber es klappte auf der Reise tatsächlich alles reibungslos.

Neben der Organisation der Anreise musste ich natürlich auch noch ein wenig Ausrüstung auftreiben. Nach einigem chaotischen Hin- und Her machte ich letztendlich Folgendes: Ich lieh mir einen großen Trekkingrucksack und einen Schlafsack samt Isomatte von Ruben. Zusätzlich gab er mir noch seine Gamaschen. Da ich nach Feuerland noch einmal für ein paar Tage nach Pucón zurück kehren wollte, war die Rückgabe der geliehenen Sachen gesichert. Zelt und Kochausrüstung wurden von der Agentur gestellt, genauso wie die komplette Verpflegung auf der Isla Navarino schon im Preis inbegriffen war. Ich kaufte zu meiner normalen, gut erprobten Bergausrüstung noch eine schnell trocknende Hose. Auf einige andere Dinge der Packliste musste ich jedoch verzichten: Ich wollte partout nicht 50+ Eur für Trekkingstöcke ausgeben, da ich zu Hause schon ein Paar hatte. Außerdem bestand die Chance, die Trekkingstöcke durch einen geeigneten Ast ersetzen zu können. Sorgen machte mir eher, dass ich keine bezahlbare Regenhose auftreiben konnte. Der Wetterbericht für die Trekkingtage verhieß überwiegend trockenes Wetter, und so beschloss ich eine trockene Ersatzhose mitzunehmen und es einfach darauf ankommen zu lassen. Eine Regenhülle für den Rucksack hatte ich auch nicht, aber wasserdichte Säcke, in denen ich alles verstaute, was trocken bleiben musste, also insbesondere Wechselwäsche.

Ein weiterer Sorgenpunkt war der Schlafsack. Die knappe chilenische Beschreibung an Rubens Schlafsack nannte eine Extremtemperatur von -8°C. Die empfohlene Komforttemperatur für die Isla Navarino lag bei -5°C. Und zwar auch für den Sommer, da das Wetter auf Feuerland so extrem wechselhaft ist und man zu jeder Jahreszeit an einem Tag von Sonne bis Schneesturm alles dabei haben kann. Rubens Schlafsack wirkte warm, andererseits wusste ich um mein nächtliches Wärmebedürfnis und investierte sicherheitshalber noch in ein Inlet, einen dünnen Innenschlafsack. Ein paar hundert Gramm mehr zu tragen, aber dafür hätte ich es hoffentlich warm.

Bevor ich aufbrach, wollte die Agentur noch Informationen zu eventuellen medizinische Einschränkungen und zu meiner Reiseversicherung wissen, sowie die Kontaktdaten der Personen, die sie im Notfall zu unterrichten hätten. Meine Notfallkontake selbst nahmen die Information, mein Notfallkontakt zu sein, mit eher gemischten Gefühlen auf, “wenn selbst du Notfallkontakte angibst, muss es ernst sein”. Dabei hätte ich mir persönlich eher Sorgen gemacht, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt schriftlich hinterlegt hatte, wann ich wo sein wollte. Wenn ich auch zugeben muss, dass ich die Übersicht auch selbst brauchte um einen Überblick zu bewahren, wann ich wo sein musste, und vor allem für welche Nächte ich von unterwegs noch Zimmer buchen musste, weil ich das vor der Abfahrt nicht mehr geschafft hatte. Der Ausdruck meiner Liste ging unterwegs auf mysteriöse Art und Weise verloren, ich dagegen kam wohlbehalten sowohl vom Dientes-Trekking als auch vom gesamten Feuerlandausflug zurück.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Feuerland, Tag 3: Puerto Williams

1. May 2014

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Ich hatte ja schon angedeutet, dass die Fähre nach Puerto Williams auf der Isla Navarino etwas abenteuerlich ist. Das Abenteuer beginnt schon damit, dass man (also ich) eine gewisse Vorstellung von dem Gefährt hat, wenn man die Bezeichnung “Fähre” hört. Ich jedenfalls denke dann an ein Fährschiff, wie sie zum Beispiel auf den Fjorden in Norwegen oder auf der Elbe verkehren, auf dem ein paar Dutzend Passagiere und noch eine Handvoll Autos Platz haben. Etwas größer wären dann die Ostseefähren, aber so was kam in Anbetracht der Größe Puerto Williams nicht in Betracht.

Nachdem ich aber in Ushuaia meine Hafensteuer gezahlt hatte (diesmal 30 Pesos, da internationale Fahrt), wurde mir eine Rettungsweste in die Hand gedrückt und dann stieg ich mit fünf anderen Passagieren und zwei Besatzungsmitgliedern in ein Schlauchmotorbötchen. Genauer gesagt, erst wurden unsere Rucksäcke im Bug verstaut, dann kletterten wir nach und nach ins Boot. Die ersten vier hatten sich schon auf die Zweierbänke unter der Plane gequetscht, ich kroch mit der sechsten so weit es ging nach vorn, damit der Zusatzsitz für uns umgeklappt werden konnte. Dann konnten auch wir beide im nun vollen Boot Platz nehmen.

Unsere Fähre, hier schon im Hafen von Puerto Navarino, hinter der Landzunge liegt die Isla Grande.

Der Himmel war grau, der Wind mäßig, bei etwa Windstärke fünf polterten wir von Welle zu Welle. Trotz Spritzschutz zog es kalt um die Beine; ich war froh, dass ich mich warm angezogen hatte. Eine halbe Stunde später erreichten wir Puerto Navarino, von hier sollten wir mit dem Bus ins 60 km entfernte Puerto Williams gebracht werden. Puerto Navarino klingt, als handelte es sich um einen Ort. Tatsächlich ist Puerto Navarino eine Polizeistation, die von mindestens einer Person besetzt ist. Ich habe nachgezählt, mit allen Schuppen und Toilettenhäuschen besteht Puerto Navarino aus 12 Gebäuden. Im Hafen von Puerto Navarino lagen zusammen mit unserer Fähre zwei Boote, das andere war ein Polizeiboot. Während wir auf den Kleinbus warteten (etwa eine Stunde lang), kam noch ein drittes Boot dazu. Zwar weist mein Reisepass jetzt einen Einreisestempel von Puerto Navarino auf, in Wahrheit habe ich den aber erst in Puerto Williams bekommen. Nur die Zollerklärung habe ich in Puerto Navarino abgegeben.

Das Polizeiboot im Hafen von Puerto Navarino. Im Hintergrund das Polizeigebäude.

Noch einmal das Polizeigebäude... und etwa die Hälfte der Gebäude von Puerto Navarino.

Dies ist die andere Hälfte.

Die Rückfahrt nach Ushuaia fand bei wenig Wind statt, war aber trotzdem spektakulär: Unser kleines Bötchen wurde bis weit aus der Bucht von Puerto Navarino hinaus von Delfinen begleitet. Die sprangen zum kreischenden Vergnügen meiner weiblichen Mitreisenden neben dem Boot her, tauchten unter dem Boot durch, machten Rollen in der Luft… Ganz vorn im Bug des Boots, eingekesselt von Gepäck, hatte ich zwar einen unbequemen Sitzplatz, aber die wohl beste Aussicht auf die Delfine. Ich hatte geglaubt, das Boot wäre auf der Hinfahrt schon voll gewesen: Zurück zu passten mit Stapeln und Pressen sowohl in den Bus als auch in das Boot acht Passagiere hinein, teilweise mit den Gliedmaßen in die Zwischenräume zwischen den Rucksäcken und Koffern gestopft.

Der Hafen von Puerto Navarino.

Aber Maria vor dem Fahnenmast darf nicht fehlen...

Während wir auf den Bus nach Puerto Williams warteten, kamen zwei Polizeifahrzeuge vorbei. Der Fahrer des ersten kam zu unserer kleinen Gruppe und begrüßte jeden mit Handschlag. Da sah selbst eine der beiden Bootsführerinnen kurz von ihrem Strickzeug auf. Für das Umsteigen in den Bus brauchte ich mein Ticket nicht vorzeigen. Wozu auch, wer dem Fahrer unbekannt war, wollte auf jeden Fall nach Puerto Williams (oder kam gerade mit dem Bus und wollte zurück nach Ushuaia).

Die Busfahrt dauerte eine gute Stunde und führte immer an der Küste entlang. Die Straße war erstaunlich eben, dafür, dass es nur eine Schotterpiste war. Aber verglichen zum Beispiel mit der Zufahrt zum Vulkan Villarrica war sie spiegelglatt, 50 konnte man hier ohne Komforteinbussen problemlos fahren. Dafür wand sie sich um und über Hügelkuppen, so wie die Landschaft eben verlief. Hügelkuppen veranlassten den Fahrer nicht, langsamer zu fahren. Es kam ohnehin kein Gegenverkehr.

Während der Busfahrt: Aussicht auf Ushuaia am anderen Ufer des Beagle Kanals.

Weiter östlich, Blick nach Norden über den Beagle Kanal. Der Himmel klart langsam auf.

In Puerto Williams angekommen, das tatsächlich aus ein paar mehr Häusern bestand, wurden wir direkt zur Einreisebehörde gefahren. Wir bekamen unsere Stempel, dann begleiteten mich die Amtsmitarbeiter nach draußen, damit ich auch ja Julio, meinen Gastgeber für die kommende Nacht, nicht verfehlen würde. Ich stieg also in seinen Kleinbus um, und er brachte mich zu seinem Hostel. Das entpuppte sich als hübsches kleines weißes Häuschen mit einem gemütlichen Aufenthaltsraum. Ich lud meine Sachen in meinem Zimmer ab, packte meinen Rucksack um, fragte nach der Abendessenszeit und brach auf. Ich überlegte kurz, mir den Ort anzusehen, entschied dann aber, dass ich das wahrscheinlich nach dem Trekking noch mit den anderen zusammen machen würde und außerdem sechseinhalb Stunden zuviel Zeit dafür wären. Hinter Puerto Williams dagegen, halb von den Wolken verdeckt, ragten einige niedrige, nicht allzu steile und sehr verlockend aussehende Hügelchen auf. Von einem davon musste man doch eine nette Aussicht über den Ort haben…

Hostal Akainij, Julios Hostel.

Vom Hostel aus bog ich zweimal nach links, dann hatte ich den Ort verlassen. Ich passierte ein paar ausrangierte und am Straßenrand liegen gelassene Pkws, dann bog ich in einen Trampelpfad nach rechts ab. Anfangs war der Pfad richtig gut ausgebaut, so dass ich zügig über sumpfige Stellen kam. Dann irgendwann endete der Pfad. Kein Problem, die Richtung ist ja klar. Nach einer kurzen Querfeldeinpassage traf ich auf einen anderen Pfad, der sich später aufteilte. Ich entschloss mich entgegen meiner ursprünglichen Absicht, auf den linken der beiden Hügel direkt hinter Puerto Williams zu steigen. Am nächsten Tag stellte sich das als gute Entscheidung heraus, denn unser Trek begann auf dem rechten Hügel.

Wenige hundert Meter hinter dem Ortsrand.

Dort, wo der Boden sumpfig wird, hat schon jemand Bohlen hingelegt.

Nach einer Weile endete auch der zweite Trampelpfad und ich stand vor einer sumpfigen Wiese. Wagemutig hüpfte ich von Baumstamm zu Grasbüschel zu Wurzel, um trockenen Fußes auf die andere Seite zu kommen. So ganz gelang das nicht, und so allmählich wurde der Wald um mich herum immer dichter. Ich begann schon wieder, mich abenteuerlich über Baumstämme und Totholz zu hangeln, nur dass das Holz hier zum Großteil sehr morsch war und ich nur mühsam vorankam. Als ich schon eine so erfolgreiche Besteigung wie an dem Brombeertag zu befürchten begann, stieß ich endlich wieder auf einen festen Weg.

Überall in Bodensenken stehen das Land unter und tote Bäume im Wasser...

Auf den ersten Blick sieht es aus, als könnte man die beiden Baumstämme einfach entlanglaufen. Auf den zweiten entpuppt sich der vordere als halbverrottet und der hintere als zu steil. Auf dem querlaufenden Stapel kann man vorsichtig laufen, bricht aber immer wieder ein.

Der führte leider senkrecht zu meiner gewünschten Richtung, und so bog ich doch wieder in einen Trampelpfad ein, der an einem Grillplatz vorbeiführte, über einen Biberdamm und auf der anderen Seite des Flusses die Böschung hinauf. Dort traf er auf einen markierten Wanderweg. Dem folgte ich, lange. Er führte an der rechten Seite um meinen Berg herum, mit dem Hang auf der einen Seite und dem eben überquerten Fluss auf der anderen. Ich machte kurz Rast am Fluss, füllte meine Wasserflasche auf und schlug mich dann an einer günstigen Stelle senkrecht zum Weg wieder in den Wald, direkt auf den Gipfel zu.

Der "Grillplatz".

Das ist der markierte Wanderweg. Man erkennt ihn vor Ort vor allem an den aus dem Weg geräumten Stämmen und Ästen.

Der Wald war recht licht und ich kam vergleichsweise gut voran. Der Hang war so steil, dass ich sämtliche Baumstämme, Äste und Wurzeln für den Aufstieg nutze, die ich greifen konnte. Ich lernte sehr schnell, zwischen den zahlreichen brüchigen Ästen und den wenigen stabilen Lebendhölzern zu unterscheiden. Der Untergrund war trocken, immer wieder rutschten Steinchen und kleinere Hölzchen unter mir weg. Mir brannten die Waden vom steilen Aufstieg, ich nutzte jeden Baum, dessen Wurzel genügend Standplatz bot um normal zu stehen und die Füße zu entspannen, viele waren es nicht. An einer Stelle musste ich ein paar Meter klettern, was angesichts des bröckeligen Gesteins alles andere als leicht war. Die zweite Kletterstelle vermied ich, indem ich mich ein Stück abseits an Bäumen hochhangelte.

Es geht steil nach oben, aber zwischen den Baumkronen sieht man immer wie Teile des Beagle Kanals und Feuerlands.

Nach anderthalb Stunden bemerkte ich, wie die Baumwipfel immer tiefer kamen. Ich näherte mich der Baumgrenze. Mittlerweile war mir so warm, dass ich auch noch mein T-Shirt auszog, hier kam ja eh niemand vorbei. Auf dem letzten Stück durch die Bäume musste ich geradewegs durch die verschlungenen Äste steigen. Diese Hinderniskletterei am Hang stellte nochmal eine besondere Herausforderung dar, bei der ich den Rucksack absetzen und hinter mir herziehen musste, um nicht dauernd hängen zu bleiben. Diese letzten paar Meter dauerten noch einmal zehn Minuten, dann stand ich auf freier Fläche.

Das sind Bäume, wenn auch kleine. Und garstige, widerspenstige dazu. Immerhin haben sie keine Dornen, nur drei oder vier Kratzer habe ich mir dort geholt.

Der Ausblick war großartig. Die grauen Wolken vom Vormittag waren über dem Kanal wie weggeblasen, nur im Süden hingen noch ein paar. Aber rechts von mir ging es noch weiter bergan, natürlich musste ich bis ganz hoch. Ein kurzer Blick auf die Uhr, es war halb 5, dann sprintete ich los. Ich musste noch einmal durch eine kleine baumbewachsene Senke, durch die ich aber ganz gut durchkam. Dann ging es auf mehr oder weniger großen Felsbrocken und flechtenbewachsenem Schotter noch ein paar Meter nach oben. Ich kam jetzt gut voran und legte die Strecke in einer Viertelstunde zurück. Auf dem Weg nach oben hielt ich Ausschau nach den Dientes de Navarino, der Bergkette, in der ich die nächsten Tage unterwegs sein würde. Die Berge in unmittelbarer Nähe waren zu glatt, aber da im Süden war eine Bergkette in den Wolken, die könnte es sein.

Halb in den Wolken versteckt, sind hinter mir die Dientes de Navarino, die "Zähne von Navarino".

Am Gipfel machte ich erstmal wohlverdiente Rast und zog meine Jacke an, um im wenn auch leichten Wind nicht zu frieren. Gegen 5 machte ich mich auf den Weg nach unten. Ich hielt an einigen der Nebengipfel an, die ich beim Aufstieg erstmal rechts liegen gelassen hatte und von denen aus ich eine gute Sicht auf Puerto Williams hatte. Vor allem aber trieb der Wind in der Zwischenzeit die Wolken von der Bergkette im Süden weg, und tatsächlich, dort waren die Dientes! Um die Aussicht zu genießen machte ich noch einmal Rast und verschlang einen der Dreifach-Alfajores.

Der Beagle Kanal im Norden. Die Ortschaft am Südufer ist Puerto Williams. Links unten ist der Fluss, den ich zuvor überquert hatte, den Bergrücken unmittelbar rechts von Pto. Williams bin ich heraufgekommen. Die große Insel rechts im Kanal ist die Isla Gable, auf die ich ein paar Tage später einen Abstecher gemacht habe.

Die Dientes! Sie sind es tatsächlich! Extra für mich haben sie sich aus ihrem Wolkenkleid geschält!

Zur Feier des Ereignisses: Ein Alfajor Triple: Drei Lagen Keks mit Karamel dazwischen und Schokolade drum herum.

Wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ich hatte schon wieder Hunger und nur noch zweieinhalb Stunden um nach Puerto Williams und zu dem auf mich wartenden Abendessen zu kommen. Bis zur Baumgrenze kehrte ich den Weg zurück, den ich gekommen war. Im Wald versuchte ich, einen anderen Weg nach unten zu finden, was sich jedoch als Fehler herausstellte. Ich wollte den steilen, rutschigen Hang vom Aufstieg vermeiden, kam aber in Gelände, in dem Baumstämme im Weg lagen und ich viel mehr klettern musste. Außerdem stieg ich zu steil ab, traf auf einen reißenden Wasserlauf und musste den Hang erst wieder ein Stück seitwärts queren, um von den glitschigen Felsen weg zu kommen. Das nächste Hindernis war eine vielleicht sechs Meter tiefe Felswand, die ich herabklettern musste. Griffe waren groß und reichlich vorhanden, aber auch genauso lose und unzuverlässig wie zuvor. Ich begann den Abstieg an einer mir geeignet scheinenden Stelle, nur um dann vor der Wahl zu stehen, einen sichtbar lockeren Absatz herab zu klettern oder eine fast perfekt glatte, zwei Meter hohe Wand, aus deren Mitte ein kleines Bäumchen herausragte. Ich erwägte kurz, einfach zu springen, aber die Landefläche war sehr klein und stark geneigt; nur ein bisschen zuviel Schwung nach vorn und ich würde unkontrolliert den Hang herabrollen. Je mehr ich überlegte, umso unsicherer wurde ich. Schließlich fasste ich mir ein Herz und vertraute mich dem Bäumchen an. Ich hatte keinen Zweifel, dass es mich tragen würde, es war nur sehr weit von meinem Standpunkt entfernt. Sehr unsicher und mit Hilfe des Bäumchens, das ich später als Lenga identifizierte, erreichte ich den Fuß der Felswand. Ich verschnaufte kurz, dann setzte ich meinen Weg fort.

Ein letzter Blick auf den Beagle für heute.

Ein Vögelchen auf flechtenbewachsenen Steinen, eins der wenigen Tiere hier.

Das trockene Moos unter mir raschelt beim Darübergehen. Zu meiner Rechten der Bergrücken, den ich eben herabgekommen bin, hinter mir die Dientes.

Die letzte Kletterei für heute, mehr geht nicht. Etwa in Bildmitte die Lenga, die mich gerettet hat.

Nur wenige Minuten später sah ich die nächste Felswand vor mir aufragen, um die ich würde herumklettern müssen, unter mir den reißenden Gebirgsbach. Alternativ könnte ich versuchen, den Bach zu überqueren. Selbst wenn ich das trocken schaffte, was ich stark bezweifelte, sah ich keine Chance auf der anderen Uferseite sicher absteigen zu können. Ich hatte mich in eine Schlucht hinein manövriert.

Mir entfuhr ein Seufzer der Verzweiflung, die Kletterei hatte mich an meine psychische Grenze geführt. Ich wusste zwar, wo ich war (“Da drüben ist Pto. Williams.”), hatte aber keine Ahnung, ob der Weg, den ich eingeschlagen hatte, wieder gangbarer würde (“Wie zum Teufel komm ich da bloß hin?”). Inzwischen zweifelte ich nicht nur daran, rechtzeitig zum Abendessen nach Puerto Williams zurück zu kehren, sondern überhaupt noch bei Tageslicht. Hier bleiben und auf Hilfe hoffen war aussichtslos. Zudem hatte ich zu wenig gegessen, der Energiemangel machte sich nun bemerkbar. Ich traute mir in meiner Verfassung nicht mehr zu, sicher um die Felswand herumzukommen. Ich biss die Zähne zusammen und tat das einzige, was mir unter diesen Umständen noch vernünftig erschien: Ich stieg wieder ein Stück auf, bis ich oberhalb der Felswand war und querte den Berg weiter nach links. Ich startete einen erneuten Versuch abzusteigen, das Gelände war immer noch von Baumstämmen übersät. Noch ein paar Sumpfstellen, ein paar engstehende Büsche, durch die ich musste, ein paar Geländewellen – wenigstens war ich mir in der Himmelsrichtung sicher, in die ich musste. Ich nahm keine Rücksicht mehr auf Zweige, die mir den Weg versperrten, ich brach einfach durch sie hindurch. Das würde ich nicht lange durchhalten können, aber das flacher werdende Gelände beruhigte mich etwas.

Eher zufällig sah ich die erlösenden zwei übereinander liegenden roten Streifen, der Weg, dem ich zuletzt gefolgt war, bevor ich mich hangwärts wandte. Nach der Wegmarkierung entdeckte ich auch den schmalen Trampelpfad, auf dem ich gerade stand, auf dem Hinweg war ich nur einige Hundert Meter weiter gegangen. Erleichtert wandte ich mich Richtung Küste. An der nächstbesten Flussquerung machte ich Halt und wusch mir mit dem kalten Wasser den Schweiß vom Gesicht. Ich hatte noch eine Dreiviertelstunde, um nach Puerto Williams zu kommen. Ich war mir bewusst, dass ich bisher nur ein blaues Auge davon getragen hatte und hatte fest vor, es dabei zu belassen. Vom Berg war ich herunter, das Labyrinth im Sumpfland stand mir noch bevor. Ich wollte auf der Straße bleiben, auch wenn das einen großen Umweg bedeutete.

Der wohl schönste Anblick an diesem Tag: zwei waagerechte rote Streifen auf weißem Grund.

Ich folgte dem Weg, auf dem ich mich befand. Der traf auf eine Straße, die an Militärgelände vorbeiführte. Das war die erste Abzweigung nach links. An der zweiten Abzweigung stand kein Tor und auch kein Schild, und so kehrte ich dorthin zurück, als ich bemerkte, dass die Straße, der ich folgte, von Puerto Williams wegführte. Also folgte ich der Abzweigung, widerstand mehrfach der Versuchung, nach rechts in das Unterholz abzubiegen um auf direktem Weg nach Puerto Williams zu kommen, und kam, nach einem schier endlosen Feldweg, endlich zu einem Tor. Natürlich hatte auch meine Abzweigung auf Militärgelände geführt, und ich musste am Tor vorbei nach draußen. Der Feldweg führte auf Schotterstraße und die wiederum führte auf einen großen Platz in dessen Mitte eine Marienstatue stand. Von diesem Platz führten zwei Wege ab. Ich war mir sicher, dass ich mittlerweile schon an Puerto Williams vorbei gelaufen sein musste, und wählte den rechten der beiden Wege. Und richtig, keine fünf Minuten später lief ich am Ortseingang vorbei. Das Hostel war schnell gefunden, so groß ist der Stadtrand von Puerto Williams nicht. Als ich eintraf, wurde ich mit einem fröhlichen “gerade rechtzeitig” begrüßt, wechselte schnell das T-Shirt und setzte mich dann zu den anderen an den Tisch.

Blick zurück: Den Berg bin ich gerade herabgestiegen. Sieht eigentlich ganz harmlos aus.

Noch ein Blick zurück: Das Tor zurück zur Zivilisation. Und ja, durch die Streben kann man bequem durchsteigen. Ich habe trotzdem bevorzugt, einfach an der Seite vorbeizulaufen.

Endgültig in Sicherheit. Jetzt galt es nur noch, die richtige Straße zu finden, was schon zwei Minuten später geschah.

Meine Tischnachbarn waren ein älteres spanisches Pärchen, das ein paar Wanderungen in der Gegend unternommen hatte, und ein junges Pärchen aus Göttingen, das gerade vom Dientes-Trek zurück gekommen war. Wir unterhielten uns anfangs auf Spanisch, und später, als die Spanier in ihrem Zimmer verschwunden waren, auf Deutsch. Die beiden meinten, dass mein heutiger Ausflug mich gut auf den Dientestrek vorbereitet hat, genauso würde es die nächsten Tage werden. Wir tauschten noch ein wenig weitere Chile- und Trekkingerfahrungen aus, später legte ich meine feuchten Schuhe vor den Kamin und fiel nach einer warmen Dusche in ein warmes und kuscheliges Bett.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Feuerland, Tag 2: Parque Nacional Tierra del Fuego

21. April 2014

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Die Nacht war natürlich viel zu kurz gewesen. Kurz vor neun quälte ich mich dann doch aus dem Bett, denn ich wollte spätestens den 10-Uhr-Bus zum Nationalpark Tierra del Fuego erwischen. Ich wusste nur ungefähr, von wo er abfuhr, und Frühstück musste ich auch noch auftreiben. Dumm nur, dass der dritte März in Argentinien ein Feiertag ist, und die Läden ohnehin nicht vor um 10 aufmachen. Egal, am Nationalpark würde es doch sicher eine Imbissbude geben, dort könnte ich mir ein Sandwich kaufen. Und so verschob ich mein Frühstück, um lieber den Bus noch zu erwischen.

Kurz vor zehn fand ich die Busstation, ich konnte sie gar nicht verfehlen. Neben einer Reihe von Kleinbussen stand eine riesige Tafel mit einer Karte des Nationalparks und groß darüber “Parque Nacional Tierra del Fuego”. Noch während ich versuchte, die sonnenverblichene Schrift zu entziffern, sprach mich ein Jüngling mit einer Karte in der Hand an. Er verkaufte mir ein Busticket (150 arg. Pesos, etwa 15 Euro), erklärte mir kurz den Fahrtverlauf und die Haltepunkte und empfahl mir auf meine Nachfrage den Wanderweg an der Küste entlang. Auf der Karte, die er mir zeigte, entdeckte ich aber einen Weg, der auf einen Berg führte, und damit war die Entscheidung für mich gefällt.

Der Bus fuhr pünktlich um 10 und vollbesetzt ab. Wir drehten zwei Ehrenrunden durch die Straßen von Ushuaia, weil die Hauptstraße wegen eines Karnevalsumzugs gesperrt war und der Fahrer anscheinend sicherstellen wollte, dass es dort wirklich nicht lang geht. Außerdem hielten wir unterwegs zweimal an, der Fahrer schaute hilflos in den Motorraum und fuhr dann weiter. Das dritte Mal hielt er an, um mit einem Kumpel zu sprechen, den er in einem anderen Bus am Straßenrand entdeckte. Beim Aussteigen hatte er die Handbremse vergessen anzuziehen, nach einigen Metern rückwärts holte das einer der Fahrgäste nach.

Eine halbe Stunde später kamen wir tatsächlich am Eingang zum Nationalpark an. Alle stiegen aus, sammelten sich in der kleinen Hütte der Nationalparkverwaltung, zahlten ihren Eintritt (noch einmal 110 Pesos), bekamen einen Flyer mit Karte in die Hand gedrückt und stiegen wieder ein. Die meisten fuhren bis zum ersten Haltepunkt im Nationalpark, ich war die einzige, die am zweiten ausstieg, der Rest fuhr zum dritten. Ich ging in eine schicke Hütte, die aussah, als gäbe es darin etwas zu essen. Gab es auch, aber nur Süßes. Ich wusste, dass es 1km weiter meinen Weg entlang noch eine zweite Versorgungshütte geben musste und machte mich auf den Weg. Die zweite Hütte fand ich tatsächlich, dort gab es aber nur Chips und ähnliche Knabbereien. Dafür war ich nicht bereit, überteuerte Preise zu bezahlen. (Dafür fand ich diese hübsche Karte.) Im Bus hatte ich die Reste meines Flugzeugfrühstücks vom Vortag (Süßkram in winzigen Tütchen) gegessen, trotzdem war ich nicht annähernd satt. Im Rucksack hatte ich eine Packung Kekse, Wasser und ein paar Bonbons. Ich bereute, die Erdnüsse am Morgen ihres Gewichts wegen ausgepackt zu haben.

Die Karte sagte, dass mein Bergweg vier Stunden in Anspruch nehmen würde, allein für den Aufstieg. Die Schwierigkeitsstufe war die höchste, natürlich. Der letzte Bus sollte um 7 abfahren, mittlerweile war es um 11. Es blieben also genau acht Stunden, genau so viel Zeit, wie ich theoretisch für den Weg brauchen sollte. Ich war zwar bisher meist schneller als die offiziellen Zeiten gewesen, aber das war ein paar Tausend Kilometer weiter nördlich, und einem besseren Frühstück. Ich setzte 3 Uhr als spätestes Umkehrzeit fest, und öffnete die Kekspackung.

Ein Blick auf die Karte sagt, dass das Gewässer da ein Fluss sein soll, der Rio Lapataia, die Verbindung zwischem dem Lago Roca und der Bahìa Lapataia, die Teil des Canal Beagle und eigentlich ein Fjord ist (d.h. von Gletschern geformt).

Schwäne auf dem Río Lapataia. Der Name Lapataia stammt aus der indianischen Sprache Yámana und heißt so viel wie "Bucht des Holzes" oder "des Waldes". Mit dem Holz haben die Yámana Kanus gebaut um auf dem Beagle zu jagen.

Die Hütte mit dem hervorragend zum Bergsteigen geeigneten Essen.

Der Zuweg zu meinem Wanderweg lief sich recht bequem, er war breit, weich, und verlief im Wald in unmittelbarer Ufernähe des Lago Roca. Nach einigen Minuten zweigte mein Weg, die Senda “Cerro Guanaco” nach rechts ab. Ich passierte ein Schild, auf dem eindringlich davor gewarnt wurde, den Weg mit schlechten Schuhen, unangepasster Kleidung oder nach 12 Uhr zu betreten. Daran scheiterte es bei mir nicht, ich hatte meine Trekkingschuhe an, trug eine Lage Kleidung am Leib und weitere einschließlich Regenjacke im Rucksack, und es war erst halb 12. Wenn überhaupt würde mir der Energiemangel zu schaffen machen.

Der Weg wurde ziemlich schnell ziemlich steil. Er war stellenweise sehr schmal, ging über Wurzeln, kleinere Rinnsale, und hatte am Anfang kaum Aussicht. Nach zwanzig harten Minuten kam ein kleines gelbes Schildchen in Sicht: noch 4km. Dabei sollte die Gesamtstrecke 4km lang sein. Nunja, argentinische Messgenauigkeit, ich stieg weiter auf. Unterwegs überholte ich zwei Frauen, eine Gruppe Jugendlicher ließ ich erstmal vor mir. Nach einer Stunde machte ich kurz Rast, erst, um meine warme Unterhose auszuziehen, gleich darauf um den ersten Aussichtspunkt zu genießen.

Unter mir: Der Lago Roca. Die erste nennenswerte Aussicht nach einem bisher ununterbrochen schweißtreibenden Aufstieg.

Weiter ging der Weg durch verschlungenes Gehölz. Hier sah ich die ersten Wegmarkierungen, gelbe in den Boden gerammte Stöcke. Ich versuchte, dem Weg zu folgen. Allerdings war der Boden teilweise so schlammig, dass ich mich lieber ein ganzes Stück von den Stöcken entfernt durchschlug. Irgendwo in diesem Wirrwarr überholte ich die Jugendgruppe.

Wurzeln, Wurzeln, und noch mehr Wurzeln. Dazwischen ein paar tiefhängende Äste und hin und wieder ein gelbes Stöckchen zur Wegmarkierung.

Oberhalb der Baumgrenze begann das Sumpfland. Der Boden war völlig durchweicht, und der offizielle Weg zeichnete sich durch tief in den Schlamm eingegrabene Fußspuren aus. Ich versuchte von Grasbüschel zu Grasbüschel einigermaßen trockenen Fußes vorwärtszuhüpfen, immer wieder in die Nähe der Markierungen zurück kehrend. Dieser Abschnitt war zwar nicht der anstrengendste, aber der bei Weitem unangenehmste.

Theoretisch ist jetzt die Hälfte des Weges geschafft. Jetzt geht es bis zur grünen Kante mehr oder weniger geradeaus und dann schräg rechts nach oben. Der Gipfel des Guanaco ist übrigens nur 973 m hoch, die Vegetationsgrenze nochmal einige hundert Meter unterhalb des Gipfels.

Kurz vor der Graskante, Blick nach Süden über den Beagle. Links von mir ist der Bergrücken vom vorherigen Foto. Der linke graue Inselzipfel gehört zur Isla Navarino, der rechte zur weitzerfransten Isla Hoste.

Endlich gelangte ich an den Bergrücken auf dem Foto, und kurz darauf kam das “1km”-Schild in Sicht. Von nun an ging es auf einigermaßen festem Untergrund weiter. An einigen Stellen war der Weg steiler, festgetretener Sand, und mir graute schon vor dem Abstieg. Die Steigung des Wegs war nur geringfügig kleiner als wenn man den Hang gerade hoch gelaufen wäre.

Fester Untergrund unter den Füßen! Hier läuft es sich noch ganz angenehm, solange man nicht nach unten schaut. Später wird die Neigung noch steiler. Der Felsschotter hält einen Sturz zwar auf, aber der Neigung nach zu urteilen erst nach ein paar gerutschten Metern.

Auf halber Höhe des Schotterhangs wurde ich selbst überholt. Aber nicht einfach von einem schnellen Geher, sondern der Typ joggte den Berg hoch. Selten habe ich einen Menschen so gehasst. Aus Frust machte ich erstmal kurz Pause, knabberte ein paar meiner Kekse, trank einen Schluck und trottete dann gemächlich weiter. Mein Magen hatte schon aufgegeben zu knurren, und ich lief mehr aus Willenskraft als aus wirklich vorhandener Energie.

Je höher ich kam, um so dichter wurde der Gegenverkehr. Ein sicheres Zeichen, dass ich der Spitze nahe kam. Als ich knapp unterhalb des höchsten Punktes den Kamm überquerte, sah ich auf der anderen Seite zwei oder drei Grüppchen, die dort Rast machten. Ich folgte dem Trampelpfad noch ein Stückchen, überquerte den Kamm erneut und erreichte nach wenig mehr als drei Stunden Aufstieg schließlich den Gipfel des Cerro Guanaco. Hier rasteten schon ein deutsches und ein schweizerisches Pärchen, und ein Rotfuchs. Der war schon so an Menschen gewöhnt, dass er sich von uns überhaupt nicht weiter beeindrucken ließ und gelassen die Gegend abschnüffelte.

Auf der Ostseite des Kamms: Im Bildmittelpunkt ist Ushuaia, links das Südufer der Isla Grande de Tierra del Fuego, rechts die Isla Navarino.

Ich machte von dem schweizer Pärchen ein Foto, dann begannen sie ihren Abstieg. Kurz darauf folgte das deutsche Pärchen, später kam noch die Jugendgruppe an, die ich überholt hatte, und dann war ich allein auf dem Gipfel. Der Wind pfiff mir um die Kapuze meiner Regenjacke und nach über einer Stunde auf dem Gipfel wurde mir langsam kühl. Trotzdem kehrte ich noch dreimal auf den Gipfel zurück, weil ich noch nicht gehen wollte.

Herr Rotfuchs hier zeigte sich recht unbeeindruckt von uns menschlichen Eindringlingen, hielt aber doch ein paar (wenige) Meter Abstand. Dank Tollwutimpfung hatte ich ohnehin keinerlei Bedenken in seiner Nähe sitzen zu bleiben ;)

Von links nach rechts: La Isla Grande de Tierra del Fuego, la Isla Navarino, la Isla Hoste. Die Stadt ist natürlich Ushuaia. Das Band, das von Ushuaia nach rechts zu mir führt, ist die Zufahrtsstraße zum Nationalpark und das Endstück der Panamericana.

Nicht nur ich genieße die Aussicht...

Panorama vom Gipfel aus. Ganz links die Isla Navarino, Der Arm, der von rechts in den Beagle-Kanal ragt, gehört zur Isla Grande, genau wie die vordere schneebedeckte Bergkette. Die hintere schneebedeckte Bergkette gehört zur Isla Hoste. Das rechte Gewässer ist der Lago Roca, durch das Inselwirrwarr in der Bildmitte schlängelt sich der Río Lapataia, und links davon ist die Bahìa Lapataia.

Als ich mich endlich aufraffte, war ich die letzte. Alle Rastplätze waren leer, als ich meinen Abstieg begann. Ich dachte wieder an meinen Magen, den ich auf dem Gipfel mit den letzten drei Keksen nur unzureichend gefüllt hatte. Aber im Moment schwieg er beleidigt. Der Weg abwärts war leider genauso steil, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Vorsichtig tastete ich mich abwärts. Allein das Wissen, dass meine Schuhe mich hier hoch gebracht hatten, half mir den gleichen steilen Weg wieder abwärts zu laufen. Auf halber Höhe, als der Weg geringfügig flacher wurde, hatte ich mich dann so an die steilen Passagen gewöhnt, dass ich förmlich den Hang herunter hüpfte. Mir kam noch ein einsamer Wanderer mit Trekkingrucksack entgegen, dann erreichte ich wieder das Sumpfland. Schneller, aber auch nasser, überquerte ich das Feld, dann schlug ich mich wieder in den Wald. Von hier an verlief der Abstieg mehr oder weniger unspektakulär. Ich machte mehrmals ausgedehnte Rast, immer mit Blick auf die Uhr. Ich hatte vier Stunden für den Abstieg, und hatte fest vor, nicht weniger als drei zu brauchen. An einem Aussichtspunkt traf ich noch zwei Britinnen, die mir aber versicherten, nicht weiter aufsteigen zu wollen. Kurz nach sechs stand ich dann wieder am Ufer des Lago Roca.

Und zurück über das Hochmoor. Diesmal hatte ich nicht so viel Geduld und entsprechend bekam ich etwas nasse Füße.

Und noch nassere Füße...

Egal, solange das Wasser nicht in den Schuhen schwappt, kann mir so schnell nichts die Laune verderben.

Und stetig bläst der Wind. War ich während des Aufstiegs teilweise im T-Shirt unterwegs, brauche ich beim Abstieg lange Ärmel. Und wenige Minuten nach dem Foto werde ich einen zweiten dünnen Pullover überziehen.

Zwei dünne Pullover und meine alaskaerprobte Kuscheljacke - wenn man sich hinsetzt, kühlt einen der eisige Wind ohne diese Anzahl von Lagen innerhalb von Minuten aus. Gleich nach dem Foto kommt noch meine Regenjacke dazu, auch wenn die einzigen Tropfen von der Brandung des Lago Roca kommen.

Dieses Foto spiegelt so ziemlich die Laune meines Magens wider. Trotz des bedrohlichen Anscheins bleibe ich aber trocken, bis ich zurück in Ushuaia bin.

Ich gönnte mir noch eine lange Pause am Lago Roca, dann trotte ich gemächlich zum Bushalteplatz zurück. In der Versorgungshütte kaufte ich vor Restaurantschluss das erstbeste Gebäck mit Früchten. Nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber so ließ sich die Rückfahrt im Bus aushalten. Zurück in Ushuaia hatte ich sogar noch ein paar Minuten übrig, um schnell unter die Dusche zu springen, bevor ich mich mit Pedro traf. Wir suchten länger nach einem Restaurant als für meine hungrige Ungeduld gut war, fanden aber endlich doch eins mit angemessenen Preisen. Leider war es ein Restaurant (das erste und bisher nur eins von zweien in Südamerika), das kein kostenloses Wasser ausgab. Aus Trotz trank ich eben nichts, das holte ich am Wasserhahn im Hotelzimmer nach.

Anschließend gingen wir noch zum Supermarkt, wo ich mich mit einer neuen Kekspackung und einer Packung mit dreilagigen Alfajores (Gebäck mit viel Schokolade) eindeckte, soviel eben in meinen Rucksack für den nächsten Tag passte. Zurück im Hotel schaute ich noch nach, wo ich am nächsten Morgen eigentlich hin musste, und schlug vor allem das Wort “Fähre” nach, damit ich mich im Zweifelsfall durchfragen konnte. Netterweise lautet das spanische Wort dafür “ferri”, was in mein übermüdetes Gehirn gerade noch hineinpasste, bevor ich, noch halb über den Laptop gebeugt, einschlief.

 

Zum Abschluss noch ein wenig fueguinische Flora, leider zum Großteil ohne Namenszuweisung. Über Hinweise, die zur namentlichen Identifizierung führen, bin ich dankbar :)

Im Hochmoor.

Eine alte Bekannte, eine Llareta.

Mehr Moos.

So grau und steinig die Landschaft aussieht - ein paar Pflänzchen halten sich tapfer oder verbissen auf dem Cerro Guanaco, je nach Sichtweise.

Und noch ein Bekannter: Der Baumbart.

Na gut, nicht ganz Flora, aber auch mit 'F'. Die Flattermänner gab es an den Zeltplätzen zu Hauf.

 

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Feuerland, Tag 1: Bootstour und Glaciar Martial

31. March 2014

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Gerade in Ushuaia gelandet und im Hotel eingecheckt, beschloss ich, noch am selben Vormittag die touristischen Angebote zu erkunden. Vom Hotel zur Touristeninfo waren es fünf Minuten zu Fuß, und von dort noch einmal zwei Minuten bis zu der kleinen Ansammlung an Holzbuden am Hafen, in denen Bootsausflüge verkauft wurden. Ich entschloss mich spontan, an einer vierstündigen Bootstour zum Sea Lions Island, zur Insel Les Eclaireurs und zum Bridges Island teilzunehmen. (Die ungefähre Route sieht man als lila gestrichelte Linie auf dieser Karte.) Die Namen sagten mir nichts, aber der Preis passte und auch die Dauer. Nur die Abfahrtszeit um 10 war etwas knapp, ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit.

Ich flitzte zurück zum Hotel, fischte noch eine warme Unterhose aus meinem Gepäck, stopfte eine Kekspackung in meinen Rucksack, stürzte zum nächstbesten Geldautomaten und zurück zum Hafen. Zwei Minuten vor zehn war ich zurück an der Bootsbude. Von der langen Anreise noch übermüdet, hatte ich den Preis in argentinischen Pesos falsch verstanden und nicht genug Geld abgehoben. Aber das gute an Argentinien ist, dass der US-Dollar übliche Zweitwährung ist und ich vor allem noch einen Fünfziger einstecken hatte. Das Wechselgeld bekam ich in Pesos, dann durfte ich mich zu dem Grüppchen an Wartenden dazugesellen. Auf dem Weg zum Boot bezahlte ich noch 10 Pesos Hafensteuer (etwa 1 Euro), dann kletterte ich mit einer kleinen Gruppe Argentinier und zwei Brasilianern in das Boot. Ich war die einzige Europäerin.

Die "Che Totin", mein Transportmittel für die nächsten vier Stunden.

Die Crew bestand aus dem Kapitän/Steuermann und dem Führer, der – ich fühlte mich wie im Himmel – nicht nur ganz gutes Englisch sprach, sondern auch noch verständliches Spanisch. Fast die komplette Tour hörte ich mir auf Spanisch an, nur an einigen wenigen Stellen musste ich nachfragen. Es lag also wirklich an den Chilenen und nicht an mir, dass ich sie so schlecht verstand. Der einzige Unterschied des Argentinischen zu dem Spanisch, das ich gelernt habe, ist das verstärkte Zischen des “y” und “ll”. Statt “tuyo” und “llamar” sagen die Argentinier (oder zumindest die Ushuaianer) [tuscho] und [schamar]. Aber das hatte ich in abgeschwächter Form schon von Mexikanern gehört, insofern musste ich mich nicht allzusehr umgewöhnen.

Die Bootsfahrt begann mit dichter Wolkendecke und mäßigem Wind. Das wurde von den Einheimischen als schönes Wetter bezeichnet. Das lag unter anderem daran, dass der Wind aus Osten kam statt wie üblich aus Westen. Wind aus Westen bringt kalte Luft aus der Antarktis mit, wir hatten also vergleichsweise warmen Wind. Es war auch tatsächlich nicht kalt, wenn man nicht gerade stundenlang auf dem Bootsbug im Fahrtwind saß und die ein oder andere Welle abbekam. Aber die Aussicht war es Wert.

Blick zurück nach Ushuaia.

Der östlichste Ausläufer, Industriegebiet von Ushuaia. Dahinter die "Cinco Hermanos", ein Berg mit einer charakteristischen gezackten Spitze, hab ich gehört...

Immer wieder ragten steile Berggipfel zwischen der zerrissenen Wolkendecke auf der Feuerlandseite auf, eine kleine Insel nach der anderen passierten wir, immer den Beagle-Kanal entlang, Feuerland auf der Linken und die Isla Navarino auf der Rechten. Trotz nassen Winds war ich in dem Moment der wohl glücklichste Mensch der Welt: da drüben war Feuerland, endlich war ich angekommen.

Genau hinschauen! Ein Sonnenhalo, als Willkommensgeschenk.

Mit dem Segelboot wäre ich lieber gefahren, aber die zugehörigen Leute an der Hafenhütte hielten es nicht für nötig, freundlich zu sein.

Wir hielten an Inseln mit Kormoranen:

Seelöwen:

Seelöwinnen wiegen mit etwa 150 kg knapp halb soviel wie Seelöwen und sind praktisch dauerschwanger: sie tragen ein knappes Jahr und sind kurz nach der Geburt wieder paarungsbereit.

Seebären (fur seals):

und umrundeten die Insel mit dem Leuchtturm, Les Eclaireurs, dem Wahrzeichen von Ushuaia.

Blick Richtung Westen, Ushuaia ist rechts hinter der Insel zu sehen.

Auf dem Rückweg wärmten wir uns bei einem Becher Kakao im Bootsinneren, dann stoppten wir für eine kleine Wanderung auf der Isla Bridges. Dort erklärte uns der Führer die einheimische Flora. Besonderen Wert legte er auf die Llareta, eine Pflanze, die weiter nördlich nur in mehreren Tausend Metern Höhe zu finden ist (d.h. in den Hochanden von Peru und Bolivien) und nur hier auf Meereshöhe. Sie wächst 1-3mm im Jahr, und dementsprechend bestand er darauf, dass wir brav dem kleinen Trampelpfad folgten und nicht auf die Pflanze traten: Auf den ersten Blick könnte man sie für einen moosbewachsenen Stein halten, tatsächlich ist aber ihr komplettes Inneres pflanzlich und sehr verletzlich.

Diese Llareta hier dürfte einige hundert Jahre alt sein.

Das Innenexleben einer Llareta.

Dieses Blümchen heißt Mata Negra; wie man unschwer sieht, ein sehr passender Name. Der Name wurde übrigens mehrfach vergeben, und immer an weiße Blumen... Die hier heißt auch Chiliotrichum diffusum.

Das Pflänzchen hier wird später im Zusammenhang mit einer Legende nochmal auftauchen. Es ist die Symbolpflanze Patagoniens: der Calafate. Die Pflanze blüht von Oktober bis Januar und riecht dabei wohl ziemlich stark. Im Februar kann man die Beeren essen. El Calafate ist auch der Name eines berühmten Gletschers weiter nördlich in Südpatagonien.

Der Pelz hier heißt "La Barba de viejo". Der "Gewöhnliche Baumbart" war mir schon in Alaska aufgefallen - diese Flechte wächst praktisch nur dort, wo die Luftqualität sehr hoch ist. Ich habe übrigens erst vor ein paar Tagen herausgefunden, dass Flechten aus einem Pilz als Grundgerüst und (meist) Algen als Nahrungslieferant bestehen. In Anbetracht der immensen Verbreitung von Flechten ist es eine Schande (für mich und meine Biolehrerin), dass ich sie bisher für Pflanzen gehalten habe.

Auf dem "Gipfel" der Isla Bridges. Im Norden - im Gegenlicht - sieht man Ushuaia und Feuerland.

Feuerland!

Zurück in Ushuaia schloss ich mich den beiden Brasilianern Gustavo und Pedro an, die noch am selben Nachmittag auf den Glaciar Martial steigen wollten (die ungefähre Position des Gletschers findet man ebenfalls auf dieser Karte). Ich hatte keine Ahnung, wie lange das dauern würde, angeblich hatte der Führer gesagt, man bräuchte vier Stunden für den Aufstieg. Nun ja, vielleicht schafften wir es nicht bis ganz hoch, aber schon von halber Höhe aus würden wir einen netten Ausblick auf Ushuaia und den Beagle-Kanal haben. Wenn die Wolken noch aufklarten.

Bevor wir aufbrachen, aßen wir noch schnell einen Burger, meine erste richtige Mahlzeit an dem Tag. Dann nahmen wir ein Taxi, das uns bis zum Beginn des Wanderwegs bringen sollte. Da wir zu dritt waren, zahlte jeder nur etwa 20 argentinische Pesos, etwa 2 Euro. Die Fahrt führte aus Ushuaia heraus und Serpentinen den Berg herauf, vorbei an noblen Hotels. Als wir angekommen waren, drehte der Fahrer die Musik lauter und fing an auf seinem Sitz zu tanzen.

Wir starteten an der Talstation eines Sessellifts. Ich hab den Preis nicht mehr im Kopf, wir waren uns aber alle einig, dass die halbe Stunde Zeitersparnis den Preis nicht wert war. Und mehr als eine halbe Stunde bis zur Bergstation brauchten wir tatsächlich nicht. Von dort führte ein zwar unmarkierter, aber gut ausgetretener Pfad weiter nach oben. Der Weg nach oben war steil, aber recht angenehm zu gehen. Gustavo hatte zuvor noch gewarnt, dass er ein langsamer Geher wäre, tatsächlich liefen beide aber etwa in meinem Tempo.

Noch sind wir von Bäumen umgeben. Das da vorn muss wohl der Gletscher sein...

Gustavo und ich über dem spätsommerlichen Rest des Schmelzwasserflusses des Martial.

Ein wenig hoffte ich, dass hinter dem Bergrücken zur linken noch ein "richtiger" Gletscher auftauchen würde...

Ich und Pedro vor dem Martial. Ja, dieses kleine Schneefleckchen da oben ist der Martial.

 

Das letzte Drittel des Aufstiegs...

Von der Talstation bis zum Gletscher hoch brauchten wir etwa eine Stunde, ich vermute, dass die vier Stunden des Führers von Ushuaia aus hin und zurück gerechnet waren. Oder vielleicht bis zum Gipfel, denn der Wanderweg endete am unteren Ende des Gletschers. Der Gletscher selbst ist unspektakulär, und eher winzig, aber die Aussicht auf dem Weg dorthin wurde mit jedem zurück gelegten Meter besser. Die Wolkendecke riss tatsächlich noch auf (für mich!) und wir hatten kilometerweite Sicht.

Das Ende des Weges. Von hier an nur mit angemessener Ausrüstung und Erfahrung. Höhe über Normalnull: 825 m. Die Baumgrenze liegt einige hundert Meter tiefer.

Ushuaia und dahinter der Beagle Kanal.

Eins der besten Bilder, die ich je gemacht habe :D Leider mit ein paar Regentröpfchen auf der Linse. Darf ich vorstellen: meine beiden völlig geistesungestörten brasilianischen Begleiter Gustavo und Pedro.

Auf dem Weg nach unten machten wir noch einen kleinen Abstecher einen Aussichtspfad entlang. Von seinem Ende hatte man noch einen besseren Blick über Ushuaia, außerdem entdeckte ich einige der Pflanzen von der Isla Bridges wieder.

Ushuaia. Die Serpentine rechts unten sind wir mit dem Taxi hoch gefahren. Die hintere Ausbeulung der Halbinsel in der Bildmitte - das ist der Flughafen von Ushuaia. Dahinter liegt die Isla Navarino. Es ist zwar bewölkt, aber die Sichtweite liegt bei mindestens 40 - 50 km, eher noch weiter.

Zurück am Parkplatz fuhr ein leeres Taxi vor unserer Nase davon, und als nach zehn Minuten rosafarbenes Teehaus angucken immer noch kein neues Taxi aufgetaucht war, beschlossen wir, die Straße nach Ushuaia zu laufen. Die Serpentinen streckten sich und nach einem Kilometer auf der Straße und immer noch keinem Taxi führte ein verlockender Weg nach links weg. Ich überredete meine beiden Begleiter, diese Abkürzung zu versuchen.

Unterwegs trafen wir ein Paar mit Hund. “Nein, dieser Weg führt ins Nirgendwo, der ist nur zum Joggen.” Tatsächlich, ein paar hundert Meter weiter endete der breite Schotterweg und ein Trampelpfad tauchte auf. Ich hatte wenig Lust, die Viertelstunde zur Straße zurück zu gehen, und schließlich fanden die beiden Brasilianer mein Argument einleuchtend, dass wir, solange wir bergab und Richtung Küste gingen, irgendwann wieder auf die Straße treffen mussten. Wir vereinbarten, dem Weg noch zwanzig Minuten lang zu folgen, und erst dann wieder umzukehren, falls wir keinen anderen Weg getroffen hatten – so dass wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang zurück an der Straße wären.

Der Trampelpfad war etwas mühsam, ging stellenweise sehr steil bergab und an einer Stelle mussten wir über einen Baumstamm balancieren. Aber immerhin, es gab eine Brücke über den Wasserlauf! Kurz darauf stießen wir auf einen breiteren Pfad, der sich als Downhill-Strecke entpuppte. Breit grinsend ging ich meinen Begleitern voraus, bis wir einige Minuten später tatsächlich wieder auf die Straße stießen, nur viele Serpentinen unterhalb der Stelle an der wir die Straße verlassen hatten.

Pedro balanciert über eine halbnatürliche Brücke, mit der Gesamtsituation noch nicht so ganz zufrieden.

Erleichterung, hier waren Menschen gewesen! (Als ob der Trampelpfad vorher nicht auch von Menschen gemacht worden wäre ;) )

Wir folgten den Serpentinen ein Weilchen, dann kürzten wir nochmal ab – diesmal brauchte ich nur zu fragen, nicht zu überreden. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir schließlich Ushuaia. Übrigens kam uns am Stadtrand zufällig genau der Taxifahrer entgegen, der uns heraufgefahren hatte.

Lupinen, die in Ushuaia zu Hauf blühten. Ungefähr so wie bei uns der Löwenzahn, nur größer.

Zum Abendessen gingen wir in die Pizzabar direkt neben meinem Hotel und bestellten eine große Pizza für uns drei. Als sie kam, war ich erst skeptisch, dass wir alle von dieser Pizza satt werden sollten. Allerdings aßen die beiden nur je zwei Stücke und ich hatte die restliche halbe Pizza für mich allein, das reichte dann gerade so. Gustavo sollte am nächsten Tag nach Sao Paulo zurückfliegen; mit Pedro verabredete ich mich für den nächsten Abend zum Essen.

Als ich schließlich in mein Zimmer kam, bekam ich endlich meine langersehnte Dusche – meine Anreise hatte zwei Nächte in Anspruch genommen, mit einem halben Tag in der brütenden Hitze von Santiago und viel zu wenig Schlaf -, dann fiel ich hundemüde aber überaus glücklich ins Bett.

 

Wer jetzt noch nicht genug von Biologie hat, für den gibt es auf der Seite von Ushuaia noch ein paar weitere Informationen zur Flora und Fauna in und um Ushuaia.

Und zum Abschluss noch eins der Lieder, die auf dem Boot liefen und von zwei Dritteln der Lebendladung lauthals-fröhlich mitgesungen wurden: Entra a mi hogar von Los Tekis.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Tierra del Fuego

23. March 2014

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Bevor ich auf meine einzelnen Touren auf und um Feuerland eingehe, möchte ich einen groben Überblick über die Region geben.

Feuerland, oder Tierra del Fuego, liegt an der Südspitze Südamerikas und bezeichnet zum einen den ganzen Archipel aus kleineren und größeren Inseln einschließlich Kap Horn, zum anderen aber auch die Hauptinsel Isla Grande de Tierra del Fuego, die etwa 2/3 der Gesamtfläche des Archipels ausmacht. Diese Hauptinsel ist mit dem Lineal zwischen Chile und Argentinien aufgeteilt worden, die restlichen Inseln gehören zum Großteil Chile. Der argentinische Teil ist zwar deutlich kleiner, aber dichter besiedelt, unter anderem weil dieser Inselteil bis vor einiger Zeit steuerbefreit war.

Feuerland liegt bei etwa 54° südlicher Breite, und ist damit das südlichste Fleckchen Land vor der Antarktis. Dank der Lage zwischen zwei Ozeanen ist das Klima kühl-gemäßigt, im Sommer liegen die Temperaturen um die 15°C und im Winter bei etwa -10°C. Dazu kommt allerdings ein Wind, der entweder sehr stark ist oder orkanstark. Das Wetter auf Feuerland ist sehr unbeständig, strahlender Sonnenschein kann innerhalb von Minuten in starken Wind mit Regen oder Schneegestöber umschlagen, selbst im Sommer. Von der Wettervorhersage wird daher von den Einheimischen nur die Windvorhersage ernstgenommen, die Temperatur- und Niederschlagsvorhersagen werden völlig ignoriert. Während der knapp zwei Wochen, die ich dort war, hatte ich keinen einzigen Tag, an dem es überhaupt nicht geregnet hat, aber auch keinen Tag, an dem die Sonne überhaupt nicht rauskam.

Für Ausflüge in die Umgebung erschien mir das Städtchen Ushuaia besonders gut geeignet. Ushuaia hat außerdem den Vorteil, dass es von dort eine Fährverbindung zur Isla Navarino gibt, wo ich zu trekken mir in den Kopf gesetzt hatte. Zufällig ist Ushuaia mit knapp 60 000 Einwohnern auch die südlichste Stadt der Welt – es gibt südlichere Ortschaften, unter anderem die 2000 Einwohner starke Militärsiedlung Puerto Williams auf der Isla Navarino und einige noch kleinere Fischersiedlungen, aber keine Städte.

Ushuaia weist einige geographische Besonderheiten auf. Zum Beispiel liegt es in der einzigen Gegend, in der die Andenkette von West nach Ost verläuft, statt von Nord nach Süd. Da Ushuaia zu Argentinien gehört, ist Ushuaia auch die einzige Stadt, die auf der “anderen” Seite der Anden liegt als der Rest Argentiniens. Wegen der eigenwilligen Grenzziehung liegt Ushuaia auch eingekesselt von Chile, das sich südlich der Isla Grande de Tierra del Fuego weiter nach Osten erstreckt. 12 km westlich von Ushuaia, im Nationalpark Tierra del Fuego, endet auch die Panamericana, die 18.000 km weiter nördlich in Alaska beginnt. Es gibt Leute, die diese Panamericana komplett abfahren und das Ende ihrer Reise dann in Ushuaia feiern, manche legen die Strecke mit dem Fahrrad in 20 Monaten zurück…

Südlich der Hauptinsel von Tierra del Fuego verläuft der Beagle-Kanal, die Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Eine der größeren Inseln auf der anderen Seite und zu Chile gehörend ist die oben schon erwähnte Isla Navarino. Von dort aus kann man an guten Tagen bis zum Archipel Kap Horn schauen, und/oder eben eine der schönsten und anspruchsvollsten Trekkingtouren in den Dientes de Navarino unternehmen. Ausgangspunkt dafür ist Puerto Williams, das wenig mehr als ein chilenischer Militärstützpunkt ist. Dorthin kommt man von Punta Arenas auf dem chilenischen Festland per Fähre (30h, einmal die Woche) oder Kleinflugzeug (täglich). Das Problem mit dem Kleinflugzeug ist, dass man seinen Sitzplatz sehr lange im Voraus buchen muss; Leute mit Wohnsitz auf der Insel haben Priorität. Für meine (über eine Agentur organisierte) Trekkingtour sollte ich eigentlich über Punta Arenas anreisen, da aber kaum eine Chance bestand, dass mein Wartelistenplatz sich in ein Ticket verwandeln würde, planten wir für mich die dritte Alternative: per Fähre (je nach Nachfrage und Wetter mehrmals täglich) von Ushuaia aus.

Die Fähre ist ein Abenteuer für sich. Den Fährverlauf selbst werde ich später beschreiben. Hier nur eine Anekdote zur Zuverlässigkeit: Wenige Tage vor meiner Abreise aus Pucón teilte mir die Trekkingagentur mit, dass sie meine Fahrt um einen Tag vorverlegt haben, um einen Tag Puffer zu haben, falls die Fähre wegen schlechten Wetters nicht fahren sollte, was aber selten der Fall wäre. Der Puffer wäre nicht nötig gewesen, an beiden Tagen herrschte hinreichend gutes Wetter. Als ich jedoch vom Trekken zurück kam, waren im Hostel ein nordamerikanisches Pärchen und eine Deutsche gestrandet, deren Fähren am Tag zuvor abgesagt worden waren. Die Reisebegleitung der Deutschen hatte es am Morgen noch über den Kanal geschafft, am Nachmittag war die Überfahrt nicht mehr möglich. Am Sonntag, dem Tag meiner Rückkehr, konnte auch keine Fähre fahren, und so verpassten alle vier ihre Anschlussflüge. Zum Glück für mich haben die Gäste Priorität, die für den jeweiligen Tag gebucht haben, so dass ich am Montag ohne Probleme nach Ushuaia überfahren konnte, mit ordentlich stopfen passte auch die Deutsche noch mit auf die Fähre. Das amerikanische Pärchen musste mit dem Helikopter nach Ushuaia fliegen, um zumindest seine zwischenzeitliche gebuchte Alternativverbindung zu erwischen.

Das Reisen am Ende der Welt ist also nicht ganz einfach. Trotzdem konnte ich mit der Wahl Ushuaias als Ausgangsort neben der Trekkingtour verschiedene Tagesreisen unternehmen, üder die ich hier in den kommenden Tagen berichten werde.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

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