Sol y Nieve

3. March 2014

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Diesen Beitrag habe ich in drei Etappen geschrieben, verteilt über die letzten drei Wochen. Wer aufmerksam liest, findet in der Logik und vor allem der zeitlichen Abfolge des Beitrags daher leichte Brüche. Ich bitte dies ausnahmsweise zu entschuldigen – eine Überarbeitung würde die Veröffentlichung voraussichtlich bis nach meiner Rückkehr nach Europa in drei Wochen verzögern.

Ich bin nun seit mehr als einem Monat hier und mein Aufenthalt in Pucón neigt sich langsam dem Ende zu – Zeit, endlich mal etwas über meine Arbeit hier zu schreiben.

Sol y Nieve Travel Adventure, so heißt die Agentur, bei der ich arbeite. Wir bieten verschiedene Aktivitäten an, davon ist die Besteigung des Villarrica-Vulkans die wichtigste. Zu den Touren, die ich regelmäßig erläutere und verkaufe, gehören außerdem das Rafting auf dem Trancura (Klasse III + IV), Canopy, Canyoning, ein Reitausflug und die Geotherme Geométricas. Bis auf die letzten beiden habe ich alle Aktivitäten mindestens einmal selbst gemacht, morgen geh ich zum ersten Mal reiten. (Chilenische Pferde sollen besonders sanftmütig sein, vielleicht ist diese Begegnung mit Pferden also zur Abwechslung mal angenehm…) Vom Canopy habe ich noch nicht geschrieben, das kennt aber jeder, der schon mal in einem Kletterwald war: Man hängt sich mit einem Klettergurt an ein Stahlseil, das zwischen Baumstämmen gepannt ist, und lässt sich daran entlang gleiten. Ohne selbst klettern zu müssen, ist das eine nette Beschäftigung, für Schulkinder. Außerdem haben wir laut unserer Preistafel und unserer Webseite noch Hidrospeed (Rafting ohne Boot), die Besteigung des Vulkans Lanín und Touren in die Umgebung, tatsächlich bieten wir die drei aber nicht mehr an. Wenn sich genügend Leute melden, machen wir auch ein Barbecue, das einen guten Ruf genießt, seit ich hier bin, aber nur einmal statt gefunden hat. Soweit zu den Sachen, die wir anbieten.

Jetzt zu meiner Arbeit. Als ich kam, vereinbarten wir, dass ich etwa die Hälfte der Zeit im Büro aushelfen würde und den Rest der Zeit an den Touren teilnehmen könnte. Jetzt, nach einem Monat, stimmt die Bilanz nicht so ganz, allerdings hatten wir in den letzten Wochen auch häufig sehr schlechtes Wetter. Allein der starke Wind letzte Woche hat mir eine Vulkantour vermasselt, und in der Woche davor hatten wir genau zwei nicht verregnete Vormittage, von denen nur einer für eine Vulkanbesteigung ausreichte. Beim Rafting und Canyoning wird man zwar auch nass, aber ich hatte ja schon beschrieben, wie kalt es in der Schlucht ohne Sonne wird.

Dementsprechend habe ich etwas mehr Zeit im Büro verbracht, als geplant. Das Gute am Büro ist, dass ich dort Internetzugang habe. Und das ist gleich doppelt positiv: Zum einen kann ich so mit der europäischen Außenwelt in Kontakt bleiben (und zB diesen Text bloggen), zum anderen hilft das Internet enorm gegen Langeweile.

Sol y Nieve wurde (vermutlich, s.u.) 1989 gegründet und war damals die erste Agentur, die Outdoor-Aktivitäten in Pucón anbot. Im Laufe der Jahre kopierten immer mehr Firmen das Konzept und heute hat Pucón um die 40 (!) Agenturen, deren Angebot sich größtenteils überschneidet. Wohlgemerkt, im Winter hat Pucón etwa 14.000 Einwohner. Die meisten der Agenturen befinden sich entlang der Hauptstraße, die im Sommer vor Touristen nur so überquillt. Dort wird auch der meiste Umsatz gemacht. Bis vor etwa 7 Jahren war auch Sol y Nieve dort anzutreffen. Dann wurde dem Chef die Miete zu teuer und er zog in eine der Nebenstraßen (eine Nebenstraße in der Innenstadt von Pucón ist praktisch jede Straße, die nicht die Hauptstraße ist). Damals arbeiteten im Sommer bis zu 5 Leute gleichzeitig im Büro. Heute sind es höchstens zwei, und auch das ist eher die Ausnahme. Die allermeiste Zeit bin ich allein.

Zu Sol y Nieve gehören zwei Männer: Willy und John. Zusätzlich gibt es noch eine unüberschaubare Anzahl an Berg-, Rafting-, und Canyoningführern, die hauptsächlich als Freelancers für Sol y Nieve arbeiten. Einen Fahrer gibt es auch noch, der aber eher als Mädchen für alles zuständig ist. Willy ist der Boss. Er stammt aus Kolumbien, sagt er, hat aber die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Er spricht spanisch und leidlich englisch, und beschwert sich über das chilenische Spanisch. John ist, anders als der Name vermuten lässt, Chilene. Er spricht auch englisch, aber ehrlich gesagt, verstehe ich ihn besser, wenn er spanisch spricht. Zumindest solange er nicht gerade eine der vielen chilenischen Wendungen verwendet, die man als Außenstehender praktisch nicht verstehen kann.

Beide Männer haben ein eigenwilliges Verhältnis zu einander. Stück für Stück klaube ich mir das Puzzle zusammen. Ich wage nicht zu behaupten, dass ich vollständig durchblicke, aber mit der Zeit verstehe ich die Zusammenhänge besser.

Willy ist der Eigentümer von Sol y Nieve. Außerdem ist er der Eigentümer des Gebäudes, in dem er wohnt, wo Sol y Nieve untergebracht ist, sowie die beiden Restaurants rechts und links daneben. Als die Miete auf der Hauptstraße zu hoch wurde, wurde das Büro von Sol y Nieve ursprünglich in den Räumen des linken Restaurants untergebracht. In dem kleinen Raumen zwischen den Restaurants war der Lagerraum. Heute ist im linken Raum der Biergarten drin, und der ehemalige Lagerraum ist heute Büro von Sol y Nieve und Lager für die Bergausrüstung. Ohne zu wissen, wie genau Sol y Nieve früher aussah, klingt diese Geschichte nach einer starken Schrumpfung.

Als ich kam, legte Willy großen Wert darauf, qualitativ zum oberen Ende der Touranbieter zu gehören. An meinem ersten Tag schickte er mich durch Pucón, um die anderen Anbieter abzuklappern. Die Preise, die mir für die Vulkantour genannt wurden, lagen zwischen 30.000 CLP und 48.000 CLP. Sol y Nieve lag zu dem Zeitpunkt bei 50.000 CLP. Mit manchen der Agenturen für 30.000 CLP würde selbst ich nicht auf den Vulkan steigen wollen. Aber nachdem, was ich gesehen habe, würde ich auch Sol y Nieve nicht bevorzugen.

Sol y Nieve lebt heute hauptsächlich von den Touristen, die Willys Kontaktpersonen anschleppen. Es gibt auch ein paar Leute, die ins Büro kommen, hauptsächlich wegen des guten Rufs von Sol y Nieve. Aber ich schätze, dass die Hälfte der Kunden über Beziehungen bei Willy landen. Denn die Qualität von Sol y Nieve, die Willy so hoch einschätzt, ist in Wahrheit (mittlerweile) unterdurchschnittlich.

Sol y Nieve hat einen, wenn nicht den erfahrensten Bergführer, der aber kaum ein Wort Englisch spricht. Der überhaupt wenig spricht, nur das Allernotwendigste erklärt, und manchmal nicht mal das. Ich habe mittlerweile genügend Bergführer erlebt um zu wissen, dass Sergio am Berg im Vergleich extrem maulfaul ist. Als Bergsteiger mag er großartig sein, als (erklärender) Führer ist er nutzlos.

Die Qualität der Ausrüstung von Sol y Nieve war mal gut, sehr gut vermutlich. Heute aber ist sie hoffnungslos veraltet und herunter gekommen. Die Hosen und Jacken, die dem Schutz der Kleidung der Kunden dienen sollten, sind teilweise zerrissen, manchmal notdürftig geflickt. Kaum eine der Plastikschaufeln ist nicht mit Duct Tape umwickelt. Die Bergstiefel sind alt, zerschlissen, das Futter teilweise notdürftig mit Duct Tape zusammen gehalten, die Sohlen teilweise heruntergelaufen. Letztens fiel eine ab. Die Steigeisen sind rostig und wurden wahrscheinlich vor Jahren zum letzten Mal geschliffen. Bei meiner letzten Vulkantour hatte ich einen Eispickel, bei dem der Griff wackelte. Beim Canyoning hatte ich zwei von drei Mal einen Neoprenanzug mit Loch. Der Transporter, der die Kunden zu den Touren bringen soll, ist ok und hat eine Klimaanlage – aber wehe, er ist gerade woanders im Einsatz und die Kunden müssen in Willys Privatauto transportiert werden. Ohne auf die ganzen Teile einzugehen, die klappern, für die Benutzung des Rücksitzes braucht man gute Bauchmuskeln, weil man sonst samt des Sitzes nach vorn rutscht. Manchmal muss man zudem noch eine halbe Stunde warten, bis man endlich abgeholt wird.

Ich will nicht behaupten, dass wir die schlechteste Ausrüstung haben. Manche der Agenturen haben schlechtere. Aber selbst Agenturen mit besserer Ausrüstung sind billiger als wir.

Fairerweise muss man sagen, dass wir eine von nur drei (!) Agenturen in Pucón sind, die das Sernatur-Qualitätssiegel führen dürfen, was soviel heißt, dass wir alle unsere Touren legal anbieten. Der dazugehörige Papierkram und die Versicherung (also wirklich die Versicherung und nicht die Behauptung, eine Versicherung zu haben) kosten Geld. Wie man Rafting für (in Ausnahmefällen) 6000 CLP anbieten kann, wenn man pro Person 2000 CLP allein für die Versicherung zahlen müsste, ist selbst mir schleierhaft. Wohlgemerkt, inklusive halbe Stunde Zubringerfahrt eine Richtung, Schlauchboot, Neoprenanzug, Helm, Weste, Führer, Begleitperson.

Aber wenn man für eine Raftingtour (Klasse III) 20.000 CLP verlangen möchte, sollte man auch die entsprechende Qualität bieten. Es gibt durchaus genügend Leute, die auf den nach wie vor guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen und für die Qualität gern einen höheren Preis zahlen. Aber die Wahrheit ist, dass sie dafür eben nicht die erhoffte bessere Qualität bekommen. Zu den Personen, die nach wie vor auf den guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen, gehörten letzte Woche übrigens auch die reichsten Familien Chiles. Wenn Willy wollte, könnte er Sol y Nieve tatsächlich als Qualitätsanbieter etablieren. Oder vielmehr erhalten, denn etabliert ist er ja.

Mein Eindruck ist, dass Willy – immerhin gerade 69 geworden – aus Sol y Nieve noch herausholen will, was geht, ohne neu zu investieren. Bisher hat das auch gut funktioniert, zusätzlich zu dem großen Gebäude, in dem wir sind, gehört ihm noch ein Stück Land in bester Lage und mir unbekannter Größe, höchstwahrscheinlich nicht unbebaut. Und das sind nur Besitztümer, über die ich in den unordentlichen Unterlagen im Büro gestolpert sind ;)

Wo wir gerade bei der Unordnung sind – ich gehöre ja bekanntermaßen nicht zu den Ordnungsfanatikern. Aber in den ersten zwei Wochen habe ich erstmal die Schreibtischschubladen aufgeräumt, und die Regale gesäubert, in denen die Bergausrüstung lagert. Hinterher konnte Willy nichts von dem finden, was er suchte. Das ist aber auch nicht verwunderlich, denn ich weiß aus zuverlässigen Quellen, dass sich somit nichts für ihn geändert hat. Wenigstens finde ich mich jetzt zurecht.

Als ich herkam und Willy mich “einwies”, hatte ich große Schwierigkeiten, den Überblick über die Touren zu behalten. Erst erzählte er vom Vulkan, dann von den Reitausflügen, dann von den Thermalbädern, nur um mit Umweg über den Vulkan zum Canyoning und zurück zu den Reitausflügen zu springen. Die Preise, von denen er wollte, dass ich sie verlange, stimmen nicht mit unserer Preistafel überein, außerdem hängen sie davon ab, ob schon eine Tour angesetzt ist oder noch ein Führer aufgetrieben werden muss. Letzte Woche grummelte er mich zwei Tage lang an, weil ich drei Amerikaner auf eine Tour am Montag gebucht hatte, die privat sein sollte, was ich nicht wusste. Am dritten Tag dann, dem Dienstag, kehrten zwei Deutsche zurück, die zusammen mit einer anderen Privatgruppe unterwegs gewesen waren. Ich machte mir gar nicht die Mühe, nachzufragen, wie das mit der Privatheit der Gruppe zusammen passt.

Überhaupt habe ich mir abgewöhnt, gewisse Fragen zu stellen. Bei Anweisungen a la “Kannst du das mal eben für mich machen” warte ich mindestens eine halbe Stunde ab, bevor ich anfange. Das hat mir bisher eine Menge unnötige Arbeit erspart. Ich habe natürlich häufig meinen Laptop im Büro dabei. Schon nach dem ersten “Gefallen”, der innerhalb von zwei Tagen vollständig vergessen war (eine Karte von Pucón überarbeiten, und die Position von Sol y Nieve eintragen), habe ich angefangen, fast reflexartig zu behaupten, dass mein Computer das nicht kann. Willy, der heute Morgen schon verzweifelte, weil er aus dem Lautsprecher keinen Laut heraus bekam (irgendjemand hatte den Stecker des Lautsprechers in die falsche Buchse gesteckt), hat ohnehin keine Ahnung, ob meine Aussage überhaupt Sinn macht. Ich gebe zu, ich hatte zuvor auch schon aufgegeben, einen Ton aus dem Bürocomputer zu locken. Ich hatte das Problem auf eines der vielen Software- und Treiberprobleme geschoben, die der Rechner hat.

In Willys und Johns Augen bin ich sowas wie ein Computerguru. Ich kann Tastaturen reparieren, die nicht mehr reagieren (das USB-Kabel steckte nicht richtig drin), ich kann den Computer mit der Tastatur bedienen (Strg C+V), letztens habe ich innerhalb einer halben Stunde einen Aushang mit MS Word erstellt, und das, obwohl persönlich nie MS Office benutze. Mein größter Erfolg allerdings war, den Popup-Blocker von Google Chrome zu deaktivieren. Dafür, dass ich selbst überzeugter Firefox/Nightly-Nutzer bin und nicht mal wusste, was “Einstellungen” auf spanisch heißt, ist das schon ziemlich beeindruckend. Allerdings gehör ich auch nicht zu den Leuten, die aufspringen und verzweifelt zur Tür hinauslaufen, wenn etwas nicht gleich auf Anhieb funktioniert.

Aber zurück zu Sol y Nieve. Wie oben schon geschrieben, hatte ich, als ich herkam, die vage Vorstellung, dass ich in einem Büro aushelfen würde und die Hälfte meiner Zeit die Touren begleiten würde. Tatsächlich helfe ich nicht aus, die meiste Zeit schmeiße ich den Laden allein. Wenn ich komme, ist entweder Willy oder John da. Willy sitzt meist stumm vor dem Computer und spielt Solitair, John schreibt in MS Word, beantwortet Emails oder telefoniert. Nach spätestens zehn Minuten bin ich allein im Büro. John verabschiedet sich bestenfalls mit einem “ich bin in einer halben Stunde wieder da”. Immerhin weiß ich dann, dass ich in den nächsten Stunden nicht mit ihm zu rechnen brauche. Meist verflüchtigt er sich aber ohne ein Wort, besonders gern, wenn ich gerade abgelenkt bin. Willy verabschiedet sich nur in Ausnahmefällen. Er läuft einfach zur Tür raus, und manchmal sehe ich ihn im Laufe des Tages immer mal wieder herein schauen. An guten Tagen sagt er mir zumindest noch, wie die Bedingungen für die kommenden Tage sind, insbesondere, welche Touren wir anbieten können. Meist bin ich aber genauso ratlos wie die Interessenten, wann die nächste Tour stattfinden kann. Denn gerade was das Rafting angeht, ist es zur Zeit eher schwierig, an Führer heranzukommen. John musste letztens einer großen wütenden Gruppe erklären, warum die bezahlte Tour doch nicht stattfinden kann. Ich hatte sie nicht verkauft.

Ich war auch eher überrascht, dass John selbst abgesagt hat. Vermutlich hatte ich gerade meinen freien Tag. Denn den beiden Brasilianern, denen er für fünf Uhr nachmittags Canyoning verkauft hatte und für den nächsten Tag den Vulkan, durfte ich erklären, warum keine der beiden Aktivitäten möglich waren. Besonders ärgerlich für die beiden, weil sie Canyoning bei einem anderen Anbieter abgesagt hatten. Aber John verließ das Büro fünf Minuten bevor die beiden kamen und kam erst… viel später zurück.

Mein Spanisch ist übrigens mittelmäßig. Vom Niveau her irgendwo zwischen B1 und B2, in Spanien wurde ich auch schon als C1 eingestuft, aber so gut bin ich bestenfalls schriftlich, mit genügend Zeit zum Nachdenken und einem Wörterbuch in Greifweite. Mein mündliches Spanisch ist ausreichend, um in Spanien zu überleben. In Chile jedoch wird kein Spanisch gesprochen. Das Spanisch in Chile ist einen eigenen Eintrag wert, hier nur so viel: Die Chilenen sprechen sehr undeutlich, verschlucken die Worte zur Hälfte, und sind entsprechend schwer zu verstehen. Wenn jemand ins Büro kommt und für mich verständliches Spanisch spricht, weiß ich sofort, dass es kein Chilene ist.

Nun stelle man sich vor, was passiert, wenn ein Deutscher in ein Büro in Deutschland kommt und von jemandem beraten wird, der stockend Deutsch spricht und mehrmals darum bittet, die letzte Aussage zu wiederholen. Die meisten würden wohl die Augenbrauen hochziehen und wieder gehen. Die Chilenen sind da nicht anders. Es gibt Ausnahmen, einige wenige sprechen Englisch, andere sind offen genug und suchen mit mir zusammen nach dem richtigen Wort. Wer weiß schon, was Neoprenanzug oder Steigeisen auf spanisch heißt… Die allermeisten Chilenen gehen aber schon, nachdem sie den Preis gehört haben. Ich kann nicht mal erklären, warum wir so teuer sind. Auf Englisch bekomme ich die Frage nicht, und selbst da hätte ich Probleme überzeugend zu sein. Auf Spanisch noch mehr. Der einzige Trost ist, dass Johns Erfolgsquote mit den Chilenen auch nicht so viel über der meinigen liegt. Wer will schon Qualität in Chile.

Dafür bin ich sehr erfolgreich, wenn Ausländer ins Büro kommen. Das sind dann meist US-Amerikaner oder Deutsche (ja, echt). Die freuen sich natürlich, wenn sie auf englisch oder deutsch beraten werden. Ich habe nicht Buch geführt, aber ich denke, dass ich fast allen nicht-spanischsprachigen Ausländern, die in unser Büro gekommen sind, erfolgreich eine Tour verkauft habe. Das liegt sicher auch daran, dass viele sich schon vorher informiert haben, dem guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen, und ich eigentlich nur informieren brauche, weniger überzeugen.

Am besten läuft es eigentlich, wenn sowohl John als auch ich da sind. Dann teilen wir die Leute mehr oder weniger nach Sprache auf, und wenn niemand da ist, unterhalten wir uns eben. Aber das trifft auf etwa eine Stunde am Tag zu. Ich bin zwischen 6 und 8 Stunden im Büro, je nachdem, wieviel los ist, wenn ich gerade gehen will. Die restliche Zeit besteht im Wesentlichen aus Lesen/Schreiben/Dösen, unterbrochen von fünf bis zehn Nachfragen über den Tag verstreut. Jetzt naht das Ende des Februars und damit das Ende der Ferienzeit – die Nachfrage geht schon auf drei oder vier pro Tag zurück. Hatte ich schon erwähnt, dass Sol y Nieve vor einigen Jahren bis zu sechs Leute im Büro beschäftigte, um die Flut an Interessenten bewältigen zu können?

Was die weitere Büroarbeit angeht, bin ich auch keine großartige Hilfe. Selbst wenn mich mal einer der Bergführer anruft, dass der Fahrer in einer Stunde am Vulkan sein soll – im Idealfall kann ich Willy rechtzeitig auftreiben, damit er den Fahrer anruft. Vom Bürotelefon aus kann ich nicht ins Handynetz telefonieren, ich habe keinerlei Schlüssel, selbst zur Toilette muss ich im Zweifelsfall durch den Biergarten gehen, wenn unser Zugang geschlossen ist; ich kann nicht mal Geld rausgeben, wenn jemand in großen Scheinen bezahlt. Jeder Schein, den ich einnehme, landet in der Tasche von John oder Willy, sobald einer von beiden auftaucht. Willy bevorzugt eigentlich in bar bezahlt zu werden, weil dann keine Kreditkartengebühren anfallen. Wenn ich ihn nicht in sicher in der Nähe weiß, bevorzuge ich Kreditkarte, weil ich dann keine Probleme mit dem Wechselgeld habe.

Genau genommen könnte ich Willy oder John von meinem Handy aus anrufen, wenn ich sie brauche. Eine chilenische Simkarte habe ich, genau wie sämtliche relevanten Nummern. Aber ich sehe nicht ein, warum ich für das Telefonat aufkommen soll, schließlich werde ich für meine Arbeit nicht bezahlt.

Sowohl Willy als auch John haben meine Handynummer. Willy hat sie nie benutzt, John hat mich in der ganzen Zeit nur ein oder zweimal angerufen – wir verstehen uns am Telefon nur schlecht, deutlich schlechter jedenfalls als wenn wir von Angesicht zu Angesicht reden. Dafür schreibt mir John gern mal SMS, auch gleich zwei oder drei, und noch eine hinterher, ob ich die letzte Nachricht erhalten habe, wenn ich nicht sofort antworte.

Obwohl Willy eigentlich mein Chef ist, mache ich die Details meiner Arbeit meist mit John aus. Zum Beispiel meine Arbeitszeit. Anfangs war ich von 11 bis 6 im Büro. So konnte ich zwar ausschlafen bestenfalls nach der Arbeit noch kurz an den Strand gehen. Mehr aber auch nicht. Nach zwei Wochen etwa habe ich mit John ausgehandelt, dass ich im Zweitagesrhythmus arbeite: an Tag 1 fange ich früh um 10 an, wenn das Büro aufmacht, und kann dafür um 4 nach Hause oder wohin auch immer gehen, habe also am Nachmittag noch Zeit etwas zu unternehmen. An Tag zwei dagegen fange ich erst um 1 an, bleibe dafür aber bis um 8. Diese Zeiten sind für John besser; später stellte sich heraus, dass sie auch sehr hilfreich sind, wenn ich abends noch sehr lange weg sein will.

Auch meinen letzten Arbeitstag habe ich mit John ausgehandelt. Seine Vorgehensweise war etwas unglücklich, aber mittlerweile bin ich ganz froh, dass es so gelaufen ist: Relativ kurzfristig habe ich meinen freien Tag von Donnerstag auf Freitag verlegt, weil ich dachte, dass meine Anwesenheit am Donnerstag nützlicher wäre, außerdem wollte ich am Morgen mit auf den Vulkan steigen. Mittwoch Abend um 21 Uhr bekam ich eine SMS von John, die ich aber erst um 23 Uhr gesehen habe, als ich nach Hause kam, ob ich nicht doch Donnerstag freimachen kann, ich muss am Freitag im Büro sein. An meinem freien Tag wollte ich aber nach Valdivia fahren (auch so eine Geschichte für sich *g*), und dafür musste ich nicht nur 5 Uhr früh aufstehen, sondern auch vorher ein Busticket kaufen. Also fragte ich, ob ich nicht lieber Samstag freimachen kann. Darauf kam die Antwort, dass Willy da etwas dagegen haben könnte, und dann: Wenn ich mehr Zeit für mich haben möchte, wäre es vielleicht besser, wenn ich aufhörte für Sol y Nieve zu arbeiten. Wohlgemerkt, kurz vor Mitternacht, wo klar war, dass ich am nächsten Morgen um 6 für den Vulkan aufstehen musste. Nach einigen weiteren SMS habe ich darum gebeten, von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.

Das war etwas schwierig, weil ich das Thema nicht vor Kunden besprechen wollte, aber weder Willy noch John länger als fünf Minuten für ein ernsthaftes Gespräch im Büro waren. Fast noch mehr als Johns SMS überzeugte mich dieses Verhalten, dass ich vielleicht doch eher als geplant aus Pucón abreisen sollte. Ursprünglich wollte ich bis zu meinen Abflug nach Deutschland in Pucón bleiben. Das war, bevor ich erfuhr, dass ich nur einen Tag in der Woche frei und damit kaum die Möglichkeit hatte, die weitere Umgebung zu erkunden. Daraufhin plante ich, etwa eine Woche vor meinem Abflug bei Sol y Nieve aufzuhören. Nach der SMS kamen mir tausend Ideen, was ich noch alles machen könnte. Weder hatte ich für meinen Chileaufenthalt eingeplant, für einen Monat selbst für meine Unterkunft aufzukommen, noch hatte ich Ausrüstung dabei, um auf eigene Faust zu trekken.

Aber mit jedem weiteren Tag bei Sol y Nieve, an dem ich spürte, dass meine Arbeit weder gewürdigt noch überhaupt notwendig war, mit jedem weiteren Tag, an dem ich nicht wirklich mit Willy reden konnte und John mich mal wieder im Stich ließ – nun ja, mit jedem weiteren Tag wuchs mein Trotz und damit mein Entschluss, so bald wie möglich abzureisen. Noch eine Anekdote, die illustrieren soll, wie Willys Würdigung meiner Arbeit aussah: Nach einem besonders langen Tag, an dem ich deutlich länger als üblich geblieben war (fast 10h), fragte ich Willy am folgenden Tag, auch schon eine Stunde nach der verabredeten Zeit, ob ich jetzt gehen könnte. Die Frage war eher rhetorisch gemeint, aber Willy kommentierte, dass ich immer weniger und weniger arbeiten wolle. Ich verkniff mir die Bemerkung, die mir auf der Zunge lag und wies nur darauf hin, dass ich schon seit einer Stunde weg sein sollte. Ich glaube nicht mal, dass Willys Kommentar bösartig gemeint war. Er ist einfach zu zerstreut und unaufmerksam.

Mit mehr als einer Woche am Ende meines Aufenthalts zur Verfügung erwachte ein alter Wunschtraum wieder zum Leben, den ich eigentlich überhaupt nicht mit eingeplant hatte: Es ist teuer und schwierig zu erreichen, aber seit ich diese Inselgruppe im Süden von Südamerika auf einer Landkarte entdeckt habe (und das ist schon ewig her), schlummerte in mir der Wunsch einmal nach Feuerland zu fahren.

Feuerland ist ein Paradies für Trekker, aber ich hatte nur wenig Zeit, eine durchführbare Reise dorthin zu planen. Letztendlich handelte ich mit John aus, dass ich meinen letzten Arbeitstag am 28. Februar antreten würde. Das waren zur Zeit der Verhandlung noch knapp zwei Wochen, und diese Zeit brauchte ich am Ende auch, um die Reise zu organisieren. An manchen Tagen fragte ich morgens beim Aufstehen, warum ich mir John und Willy heute überhaupt antue. Wenn ich Sol y Nieve einfach fernbliebe, könnte keiner von beiden etwas machen. Willy schuldete mir zwar noch die Aufwandsentschädigung für den halben Februar, aber der Betrag ist zu klein, um deswegen treubrav zur Nichtarbeit zu gehen. Im Gegenteil, der einzige Grund, warum ich in den letzten Tagen noch ins Büro ging, war, weil ich dort den besten (= einzig brauchbaren) Internetzugang hatte. Die Störung durch Kunden war wie oben schon erwähnt minimal, immerhin ein Gutes.

Im Übrigen bin ich nur der erste Abgang von Willys wenigen noch verbliebenen Mitstreitern: John hört nach 25 Jahren bei Sol y Nieve ebenfalls in den nächsten Wochen auf. Der Fahrer Manuel ist mehr oder weniger auf dem Absprung, danach ist niemand mehr da, der hinter Willy herräumen könnte. Ich gebe Sol y Nieve noch ein paar Wochen, und dann vielleicht noch ein paar vereinzelte Aufträge.

Die Verabschiedung an meinem letzten Arbeitstag durch John und Willy verlief übrigens ziemlich genau so, wie ich es erwartet hatte: John kam fast zwei Stunden später als er angekündigt hatte. Nur weil ich nebenan im Biergarten mein Abendessen einnahm, konnte ich mich überhaupt von ihm verabschieden. Er wünschte mir alles Gute, dankte mir für meine Hilfe. Willy sagte Goodbye, dann ging ich.

Nun ja, und so endet meine Arbeit bei Sol y Nieve nach genau sieben Wochen. Ich habe eine Menge gelernt, und eine Menge interessanter Leute getroffen. Die Arbeit war ein Witz, aber schon jetzt sind mir die Zeiten, in denen ich nicht im Büro war, stärker in Erinnerung, als die Zeiten, die ich de facto mit Bloggen, Surfen, und Lesen verbracht habe.

Auf jeden Fall hat der Verlauf der Dinge bei Sol y Nieve für mich ein unerwartet großartiges Ende: ICH FAHRE NACH FEUERLAND!

¬ geschrieben von Christiane in Pucón

22.02.2014 Pucón-Berge

25. February 2014

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Auch wenn jetzt die Reihenfolge nicht mehr chronologisch ist, möchte ich heute von meinem Ausflug in die Berge um Pucón erzählen. Seit ich in Pucón angekommen bin, habe ich mir vorgenommen, einmal diese zwar vergleichsweise niedrige, aber sehr steile Gebirgskette zu erklimmen. Von dort musste man einen großartigen Ausblick auf Pucón, die umliegenden Vulkane und den Villarrica-See haben.

Am Samstag, meinem zweiten freien Tag letzte Woche, war es so weit. Bis zum Fuß der Berge wollte ich mit einem Fahrrad fahren, und von dort entweder versuchen, einen geeigneten Weg weiter bergan zu fahren, oder das Fahrrad irgendwo im Gebüsch verstecken und zu Fuß aufsteigen. In dem Plan gab es nur ein kleines Problem: ich hatte noch kein Fahrrad aufgetrieben, ich musste mir also eins ausleihen. Das wollte ich auch, aber irgendwie muss ich den Fahrradverleih bei mir um die Ecke verfehlt haben. Ich wusste, dass in der Straße ein Verleih ist, aber als ich an dem Morgen dort lang ging, habe ich ihn nicht gefunden. Ich hatte an dem Morgen meine Tage bekommen und hatte keinerlei Geduld noch einmal umzukehren, ich wollte einfach nur weiterlaufen. Ich ahnte, dass ich, wenn ich stehen bliebe, sofort Bauchschmerzen bekommen würde.

Ich hatte nun zwei Alternativen: Die erste war umkehren und die Hauptstraße entlang zum Gebirge laufen. Das hieße, über eine Stunde lang in der Sonne einer mehr oder weniger schnurgeraden Straße zu folgen. Öde. Die zweite Variante führte in meiner Vorstellung am Strand entlang bis zur Mündung des Río Trancura vorzustoßen und mich von dort mehr oder weniger querfeldein zu den Bergen durchzuschlagen. Möglicherweise würde ich auf unüberwindbare Hindernisse stoßen, aber diese Variante erschien mir deutlich spannender als die staubige Straße. Also lief ich zum Strand.

Der Strand von Pucón, menschenleer, weil noch "früh" am Morgen halb elf. Die Berge, zu denen ich will, sind noch hinter der Wolkenwand versteckt.

Am östlichen Ende des Strands.

Blick zurück Richtung Pucón. Links der Villarrica-Vulkan, rechts die Halbinsel und der Villarrica-See.

Blick über den Villarrica-See, links die Halbinsel. In der Ferne, am anderen Ufer, liegt Villarrica, unter Einheimischen gelegentlich auch als "Santiago" bekannt ;)

Dem folgte ich bis zu den ersten Büschen, dort traf ich auf verschiedene Zelte. An einem lauschigen Plätzchen machte ich kurz Pause und cremte mich mit Sonnencreme ein. Dann schlug ich mich in die Büsche. Direkt am Strand konnte ich nicht entlang, der Untergrund war zu sumpfig. Ich musste mich immer weiter und weiter rechts halten, bis ich schließlich auf einen Weg stieß, der Richtung Osten führte, wo ich hinwollte.

Gerade bin ich auf einen Weg gestoßen, auf dem ich schonmal ein Stück weit unterwegs war. Im Hintergrund tauchen die Bergspitzen langsam aus den Wolken auf. Pucón liegt morgens häufig unter einer dichten Wolkendecke, die sich im Laufe des späten Vormittags auflöst.

Ich folgte dem Weg, so gut ich konnte. Anfangs war er breit und ausgetreten, später zerfaserte er in kleinere Trampelpfade, von denen ich mir einen willkürlich herausgriff. Ich schlängelte mich das Netz von Wegen entlang, bis ich irgendwann nur noch einem kleinen Pfad folgte, der von Tieren ausgetreten worden sein musste. Immer wieder ging es durch sumpfige Passagen, die für ein Huftier kein Problem sind, die mich aber zu einigen Umwegen zwangen um trockenen Fußes bleiben zu können.

Etwas versteckt, aber mit etwas Suchen fand ich diese sehr bequeme Brücke.

An einer Stelle stieß ich auf ein träge dahin fließendes Flüsschen, das so flach war, dass ich schließlich beschloss, einfach meine Schuhe auszuziehen und hindurch zu waten. Das funktionierte auch gut, aber das Wasser war eiskalt. Glücklicherweise hatte ich am Morgen mein Handtuch eingepackt und konnte meine halb tauben Füße wenigstens trocknen, bevor ich wieder in die Schuhe schlüpfte.

Ein ruhiges, flaches Bächlein. Hier bin ich durchgewatet.

Dann kam ich auf eine große Wiese, von der ich einen grandiosen Rundblick auf die Umgebung hatte. Ich stieß mal wieder auf einen Weg, der sich dann aber auch wieder verlief, als ich an den nächsten Wasserlauf kam. So wechselte das Terrain von breiten Trampelpfaden zwischen Sträuchern mit weichen Ästen zu versumpften und mit Wasserläufen durchsetzten Buschwald mit harten, kratzenden Zweigen. Zwischendrin tauchten auch die ersten Brombeersträucher auf.

Die erste Wiese, auf der ich landete.

Blick zurück.

Irgendwann konnte ich anhand der Vegetation erkennen, ob ich mich einem weiteren Bach näherte. Sie wurde nicht nur dichter, sondern auch zunehmend stachliger. Brombeersträucher scheinen Wasser zu lieben. Ich versuchte sie weitestgehend zu meiden, aber manchmal erwischte ich doch eine Ranke. Gehe nie ohne Handtuch, schrieb einmal ein weiser Mann, und so legte ich mein Handtuch um die Schultern. Meine lange Hose zog ich aus, weil sie sich ständig irgendwo verhedderte, mit der kurzen kam ich deutlich schneller voran. Dafür verfing sich mein Handtuch öfter mal. Es bewahrte mich vor einigen bösen Dornen, aber irgendwann war ich genervt, ständig Brombeerranken aus dem Handtuchstoff fädeln zu müssen. Und so landete das Handtuch letztendlich doch im Rucksack. Von da an war ich noch vorsichtiger, aber ab und zu habe ich doch eine Ranke übersehen. Es ist erstaunlich, wie vollständig man sich mit nur zwei unachtsamen Schritten in ein Dornennetz einwickeln kann. Mehr als einmal musste ich mich zwingen, erstmal komplett bewegungslos zu verharren und in aller Ruhe das Knäuel an Ranken um mich entwirren, so dass ich die dornigen Zweige in der richtigen Reihenfolge aus meiner Haut ziehen konnte. Erstaunlicherweise haben die schmerzhaftesten Verwicklungen keine Spuren hinterlassen. Dafür hat jedes Mal, wenn ich mein Bein mit einem verächtlichen Schnauben einer Brombeere entrissen habe, eine Schramme hinterlassen.

An einer Stelle blieb mir nichts anderes übrig und ich musste mich durch eine geschlossene Hecke kämpfen. Ich suchte nach einer geeigneten Stelle, und beim dritten Versuch schaffte ich es endlich, mit Geduld und vielen Verlusten auf der Gegenseite. Ich besorgte mir dann zwei gerade Stöcke, die ich von nun an immer leicht vor mir trug, manchmal gekreuzt, manchmal einfach nur, um eine einzelne Ranke zur Seite zu drücken. Von da an ging es etwas besser vorwärts.

Dahin will ich!

Das Bachüberqueren hat mehr Spaß gemacht. Da ich nun wusste, wie kalt das Wasser ist, habe ich es als Herausforderung genommen, trockenen Fußes auf die andere Seite zu kommen. Jeder Bach hatte seine eigene Herausforderung. Manche waren so mit herabgefallenem Gehölz bedeckt, dass ich mit etwas Vorausplanung über ein Labyrinth von Tritten fast normal laufen konnte. Über andere führte ein umgefallener Baumstamm, mehrmals musste auch ein dünner Ast herhalten. An einer Stelle war ich sehr froh, nur wenig mehr als 50 kg zu wiegen. Halb hangelnd, halb laufend kam ich auf die andere Seite, das untere Ästchen sank unter meinem Gewicht tief ins Wasser. Manchmal balancierte ich über einen Baumstamm, ein andernmal setzte ich mich lieber und bewegte mich zentimeterweise vorwärts, indem ich meine Beine nacheinander weiter schob. Viele Bäche waren flach und dümpelten langsam vor sich hin, aber an einigen Stellen schoss das Wasser mit hoher Geschwindigkeit vorbei und ich konnte nicht mal sehen, wie tief das Wasser tatsächlich war, nur, dass der Grund vom Ufer aus sehr steil abfiel. An einer Stelle sprang ich. Das war nicht ganz einfach, weil ich von einer schrägen Wurzel ab- und gegen einen morschen Ast, der im Weg hing, springen musste, trotzdem schaffte ich es, auf der anderen Seite Stand zu fassen und nicht rücklings ins Wasser zu fallen.

Nach einer guten Stunde Kletterei stieß ich auf auffallend wegsames Gelände. Die Sträucher erinnerten mich an die Flutauen in Deutschland, überall lag weißgeblichenes Schwemmholz. Stellenweise konnte man steiniges Flussbett ausmachen, jetzt aber war hier alles trocken.

Überschwemmungsland. Ob die Brandspuren von der letzten Eruption stammen oder von einem Waldbrand, weiß ich nicht. Immerhin komme ich hier zügig und kratzarm voran.

Tief und mit starker Strömung. Ein paar hundert Meter stromaufwärts fand ich einen Ast, über den ich robbte. Wie wackelig so ein Ast doch sein kann, wenn man anderthalb Meter über einem rauschenden Wasserlauf hängt.

Ein paar hundert Meter und einen besonders reißenden Bach weiter östlich wusste ich, wo ich war: ich stand an meinem gefürchteten unüberwindbaren Hindernis, dem Trancura. In meiner Vorstellung vom Morgen wollte ich den Trancura an seiner Mündung überqueren, wo ich das Bett deutlich flacher vermutete. Hier jedoch war der Fluss etwa zwanzig Meter breit, der Grund unsichtbar tief und das Wasser vor allem reißend schnell. Ich verwarf die Idee, auf die andere Seite zu schwimmen. Ich bezweifelte, dass ich das andere Ufer erreichen konnte, bevor mich die Strömung an die nächsten Felsbrocken getrieben hatte, außerdem hatte ich noch meinen Rucksack dabei.

Hier ist Schluss. Zu breit, zu tief, die Strömung zu stark. Nach links geht es zur Mündung, nach rechts zur Brücke. Rechts kann ich den Fluss auf jeden Fall überqueren.

Ich legte am Ufer eine kurze Verschnaufpause ein, auch um endlich eine halbe Ibuprofentablette gegen meine Bauchschmerzen einzunehmen. Rechts von mir, etwas stromaufwärts saßen zwei Angler. In der Richtung war auch ganz sicher eine Brücke über den Fluss, ich wusste nur nicht, wie weit es bis dorthin war. Links war auf jeden Fall die Mündung, ich bezweifelte, dass es dort eine Brücke geben würde. Während ich überlegte, kamen von links noch zwei Angler, die sich am Ufer links von mir niederließen. Jetzt wusste ich, warum ich zuletzt wieder auf Fußspuren gestoßen war und wieso einer der letzten Baumstämme Sägespuren aufgewiesen hatte.

Ich zog meine Schuhe wieder an, und wandte mich stromaufwärts. Nach wenigen Minuten stieß ich auf das südliche Ende der Insel, auf der ich mich befand. Der letzte Wasserlauf, den ich überquert hatte, gehörte schon zum Trancura! Zusammen mit dem Überschwemmungsgebiet hatte ich nun eine Vorstellung, wie groß der Trancura im Winter sein musste, wenn es ständig regnete. Das reißende Gewässer, das ich gesehen hatte, war nur ein winziger Überrest des Winterflusses. Sicherheitshalber ging ich noch einmal Richtung Norden, aber dort stieß ich wie befürchtet auf den Zusammenfluss beider Flussläufe. Ich beugte mich also dem Schicksal und verließ die Insel in der Richtung, aus der ich gekommen war.

Es war jetzt halb zwei. Wenn ich noch auf die Berge hoch wollte, musste ich mich langsam etwas beeilen. Ich folgte dem erstbesten Weg, auf den ich stieß. Dummerweise bog der nach wenigen hundert Metern Richtung Pucón ab. Immer wieder zweigten kleinere Seitenwege ab, so dass mich nach einigen Minuten die Ungeduld packte und doch wieder in einen Trampelpfad einbog. Ich passierte einen halbzerfallenen Maschendrahtzaun, wusste nicht, ob ich ihn nun überquert hatte und stand plötzlich auf einer riesigen Weide. Achselzuckend ging ich weiter, aus dem Schatten kamen von links drei Chilenen auf mich zu.

Mal wieder auf einer Weide, immer schön mein Tagesziel vor der Nase.

Rechts mein altbekannter Begleiter.

Tatsächlich kamen sie nicht auf mich zu, sondern bogen vor mir auf meinen Weg ein. Der eine der drei trug eine Angelrute. Sie drehten sich immer wieder nach mir um, sagten aber nichts. Da sie zielstrebig in meine Richtung gingen, folgte ich ihnen. Ich überquerte nach ihnen drei Zäune, dann schwenkte ich wieder in meine Richtung ein. Der nächste Zaun tauchte zwischen den Bäumen auf, und ich wusste immer noch nicht, auf welcher Seite ich eigentlich war. Ich entdeckte, dass zwischen zwei Zaunspfählen der Maschendraht fehlte und marschierte kurzerhand durch dieses “Tor” hindurch. Und stand einige Minuten später prompt vor dem nächsten Zaun, diesmal konnte ich die Ecken sehen und wusste sicher, dass ich innen stand. Ich lief ein wenig den Zaun entlang, dann fand ich eine Stelle, an der ich zwischen dem Maschendraht und dem darüber gespannten Stacheldraht hindurchschlüpfen konnte. Der Abstand war kleiner als meine Elle lang ist; manchmal ist es doch gut, so dürr zu sein.

Ich folgte den Autospuren in Richtung des Trancura. Wie sollte es anders sein, kurz vor dem Fluss bog die Schotterstraße nach links ab. Aus der Richtung war ich gekommen, als musste diese Straße eine Sackgasse sein. Aber nach rechts führte ein Trampelpfad weiter, und dem folgte ich. Immer zwischen Fluss und Stacheldrahtzaun, an einer Stelle stieß ich auf Holzhütten. Andesmar, Sol y Nieve, die Spuren am Ufer… hier musste der Ausstieg für das Klasse III-Rafting sein. Jetzt wusste ich sicher, dass der Fluss der Trancura war. Ich suchte die Fortsetzung des Trampelpfads und setzte meinen Weg fort.

Am Ausstieg der Raftingtouren.

Inzwischen fing mein Magen an zu knurren, es war drei Uhr nachmittags. Vor einer halben Stunde hatte ich eine Tüte mit Rosinen und Nüssen in meinem Rucksack gefunden, selten schmeckten Rosinen so gut. Aber bei der Hitze mochte ich die Nüsse nicht essen, und auch das Trockenobst war mir etwas zu trocken. Ich passierte einen Brombeerstrauch nach dem anderen, so langsam erschienen sie immer verlockender. Ich mochte Brombeeren nicht, aber vielleicht reichte mein Hunger ja, um ein paar davon zu essen. Wenigstens probieren konnte ich ja mal.

Nach der ersten aß ich eine zweite und gleich noch eine dritte. Etwas verwirrt fragte ich mich, ob ich hier wirklich Brombeeren vor mir hatte. Schwarze Kullerbeeren, die von der Form her wie Himbeeren aussehen, die Finger lila färben, und Ranken mit garstigen Dornen besitzen. *haps* Doch ja, das sind Brombeeren. *schleck* Aber sie schmeckten nicht wie Brombeeren. *schmatz* Oder zumindest nicht wie deutsche Brombeeren. *schlürf* Sie waren viel süßer und leckerer. *haps* Wieso hat mir bloß keiner gesagt, dass die Brombeeren hier viel besser schmecken als in Deutschland? *mampf* Die ganzen letzten Wochen habe ich reife Brombeeren links liegen lassen… *schmatzschmatzschmatz*

Von da an kam ich kaum noch voran. Ich folgte weniger dem Weg, sondern lief von Brombeerstrauch zu Brombeerstrauch. Eine halben Stunde später und mit fast gestilltem Hunger kam ich an ein lauschiges Uferplätzchen, das mir ausgesprochen gut gefiel. Ich schaute noch einmal kurz auf die Berge, zu denen ich eigentlich gewollte hatte. Dann schaute ich auf meine lila Finger, kramte eine Plastiktüte aus meinem Rucksack und begann, sie mit Brombeeren zu füllen. Das ging langsamer, als ich dachte, weil nur jede zweite Brombeere in der Tüte landete. Als ich die Sträucher in der näheren Umgebung einmal durch hatte, ging ich zu dem Uferplatz zurück, breitete mein Handtuch aus, und ließ mich nieder. Brombeeren kauend genoss ich das Panorama. Das Wasser rauschte vorbei, ein leises Lüftchen wehte, die Sonne brannte mir auf den Pelz.

Ich wechselte in den Bikini und versuchte ein Stück ins Wasser zu gehen. Das Ufer fiel auch hier extrem steil ab, und so blieb ich am Rand. Ich kniete mich auf ein paar Steine, weil mir die Füße zu kalt wurden, und schaufelte mir das kalte Wasser über den Oberkörper. Tiefgekühlt legte ich mich auf das Handtuch, schob noch ein paar Brombeeren in den Mund und schlief ein.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde wachte ich wieder auf, aß die letzten Beeren aus der Tüte und drehte mich auf den Bauch. Möglicherweise hatte ich einen leichten Sonnenbrand bekommen, aber das war mir egal. Ich war im siebten Himmel und hatte nicht die leiseste Absicht, mich so bald von hier wegzubewegen. Ein schöner Ort, ein paar Brombeeren – so einfach kann das Glück manchmal sein. Das kleine Teufelchen auf meiner rechten Schulter schrieb eine diabolische SMS an Ruben, wie großartig es hier doch war, wohlwissend, dass er noch arbeiten musste.

Mein Rastplatz, mein Sonnenplatz, mein siebter Himmel. Dahinten sind die Berge, zu denen ich wollte. Jetzt aber fläze ich in der Sonne, kühl mich mit Flusswasser...

... und esse frische chilenische Brombeeren.

Etwas später war es aber nicht mehr ganz so großartig, mir waren ja die Brombeeren ausgegangen. Ich zog mir die Schuhe an und schnappte mir die Tüte um Nachschub zu holen. Wieder zurück an meinem Platz entdeckte ich, dass ich Rubens Anruf verpasst hatte. Der Empfang an der Stelle war nur sporadisch überhaupt vorhanden, und so tauschten wir noch ein paar SMS aus.

Nebenbei kamen nun die ersten Schlauchboote vorbei. Ich saß direkt am Wasser; wären meine Arme nur ein klein wenig länger, hätte ich den Raftern die Hände schütteln können. Anfangs war es ganz lustig, jedem vorbei fahrenden Boot zuzuwinken. Nach einer Weile war ich jedoch genervt und packte meine Sachen. Außerdem war ich lange genug in der Sonne gewesen. Ich kühlte mich noch einmal ab, dann brach ich auf. Unterwegs rief mich Ruben an und sagte mir, dass er in der Nähe der Brücke wäre, über die ich vor endlos langer Zeit mal drüber wollte. Neben der Brücke ist ein kleiner Markt, auf dem Mapuche, die Ureinwohner der Region, verschiedene Sachen feilbieten. Wir verabredeten uns für ein Abendessen dort.

Ich wusste immer noch nicht, wie weit es bis zu der Brücke war. Also lief ich zügig und versuchte, nicht mehr jeden Brombeerstrauch mitzunehmen. Ich hielt nur noch an den großen an, an denen viele Beeren hingen. Mir kamen immer mehr Menschen entgegen, die sich auf Fahrrädern den engen Trampelpfad entlangfädelten. Bei dem Versuch, Platz zu machen, fing ich mir noch ein paar Dornen ein, dann war ich plötzlich auf einer breiten Schotterstraße. An deren Ende stand ein Schild, auf dem der Eintritt verboten war, lesbar aus der Richtung, in die ich ging. Durch einen völlig unglaublichen Zufall stand das Schild außerdem etwa zweihundert Meter von der Brücke entfernt, die ich gesucht hatte. Ich ging über die Brücke und kurz darauf traf ich auf Ruben. Wir aßen etwas, wobei meine Portion deutlich kleiner ausfiel als sonst. Ich war mit Beeren vollgestopft.

Blick von der langersehnten Brücke Richtung Süden. Es ist tatsächlich der Süden, auch wenn ich meinem Kompass erst nicht glauben wollte. Die Sonne steht fünf Uhr nachmittags etwa im Nordwesten. So richtig habe ich mich immer noch nicht an den umgekehrten Sonnenlauf gewöhnt.

Blick von der gleichen Brücke Richtung Norden.

Der Eingang zum Mapuche-Markt.

Auf dem Markt. Möglicherweise ist sonst mehr los, jetzt sind nur zwei Reihen von Fressbuden da. Aber egal, eine Bude reicht schon um satt zu machen.

Als ich Ruben erzählte, was ich an dem Tag eigentlich vorgehabt hatte, machte er den Vorschlag, mir eine gute Einstiegsstelle für eine Wanderung zu zeigen. Ich bezweifelte, dass ich einen zweiten Versuch starten würde, aber er zeigte mir den Weg trotzdem. Wir stiegen sogar ein wenig auf – in weniger als einer Viertelstunde schafften wir ein Viertel bis ein Drittel der Gesamthöhe des Gebirgszugs. Zugegeben, das mit Abstand leichteste weil flachste Viertel, trotzdem war ich nun etwas frustriert, dieses lächerliche Hügelchen nicht erklommen zu haben, nicht einmal nah gekommen zu sein. Zumindest nicht aus eigener Kraft.

Die tief stehende Sonne über Pucón.

Von links ragt die Halbinsel in den Villarrica-See, weiter vorn schlängelt sich der Trancura durchs Foto.

Aber so richtig ärgerte ich mich darüber nicht. Dafür war der Tag bisher einfach zu schön gewesen, und ein weiterer Höhepunkt kam noch: Der Sonnenuntergang über Pucón. Von dem Absatz, auf dem wir saßen, hatten wir einen fantastischen Blick über die Bucht, den Vulkan, und in die Sonne. Alles andere war vergessen, die zerkratzten Beine, das Herzklopfen beim Überqueren der wackeligen Baumstämme, die Unwissenheit, auf welcher Seite des Zauns ich war, der Anblick war einfach nur schön.

Auf der gegenüberliegenden Bergkette war ich vor einem Monat mit Ruben gewesen, irgendwo da drüben ist der Salto El Claro, der Wasserfall in der Schlucht.

Weniger als eine Stunde später ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden.

Außerdem standen neben unserem Sitzplatz ein paar Brombeersträucher.

Als ich zu Hause war, wurde ich schnell müde, obwohl es erst gegen neun war. Ich schaffte es gerade noch unter die Dusche und aufs Bett, dann schlief ich ein, bevor ich mich überhaupt richtig zugedeckt hatte.

¬ geschrieben von Christiane in Pucón

22.01.2014 Mordedura de Perro, Parte II

23. January 2014

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Wer bei der Lektüre schon Angstzustände bekommen hat, sollte hier schnell weiterlesen. Es reicht, dass ich eine schlaflose Nacht hatte.

Sie war nicht ganz schlaflos, aber viel schlafen konnte ich tatsächlich nicht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ich nachts kurz wach werde, aber normalerweise drehe ich mich um, und hab bis zum Morgen wieder vergessen, dass ich wach war. Diesmal kam unmittelbar nach dem Aufwachen aber die Erinnerung an den Angriff wieder, und die Wut, die ich nicht auslassen konnte. Daher schwenkten meine Gedanken schnell auf das Szenario, wie ich mit einem Knüppel in der Hand auf die Hunde, vor allem den einen Hund, losgehe. Ich feilte an dem Plan, überlegte mir, wo ich einen geeigneten Knüppel auftreiben könnte, überlegte, dass ich die Hunde möglicherweise nicht gleich morgen antreffen würde, aber den Knüppel würde ich trotzdem immer dabei haben. Vielleicht sollte ich auch lieber einen Stock nehmen, den kann ich zumindest unauffälliger mit mir herumtragen. Oder einen Stock mit einem scharfen Messer unten. Aber der wäre schwieriger zu transportieren.

Sicherer wäre natürlich, zur Polizei zu gehen, und eine Meldung zu machen. Dann bestünde nicht die Gefahr, dass ich noch ein paar Bisse mehr abbekomme. obwohl, wenn der Hund Tollwut hatte, dann ist es ohnehin egal, dann macht ein Biss mehr oder weniger auch keinen Unterschied mehr. Und wenn die Polizei nichts unternimmt, kann ich mir immer noch einen Knüppel besorgen.

Soweit der Stand von mitten in der Nacht. Ich hatte auch einige klare Gedanken. Zum Beispiel kam mir komisch vor, dass die vier Hunde zusammen auf mich losgegangen sind, streunende Hunde sind eher Einzelgänger. Mir fiel wieder ein, dass John [Kollege] erzählt hatte, dass ungefähr an der Stelle, an der ich angefallen wurde, ein Mann wohnt, dessen Hunde für ihre Aggressivität bekannt sind, und der schon häufiger von seinen Mitbürgern ermahnt wurde, besser auf seine Hunde aufzupassen. Jetzt fiel mir auch auf, dass die Hunde vor mir nicht einfach nur geflüchtet waren, sondern recht zielstrebig auf dieses Grundstück gelaufen waren. Und zwar beide Male, und auf einem relativ engen Pfad. Kopfloses Einfach-nur-weg sieht anders aus. Wenn die Hunde zu dem Mann gehörten, bestand die Hoffnung herauszufinden, ob sie Tollwut hatten. Überhaupt, wenn sie dort wohnten, verringerte sich die Gefahr, dass ich ihnen an anderer Stelle begegnen konnte, und ich konnte die Stelle einfach meiden. Das befriedigte zwar nicht meine Rachegelüste, senkte das Risiko aber auf ein kalkulierbares.

Am nächsten Morgen fiel mir auf, dass ich eigentlich nichts über den Hergang wusste. Ich war erschrocken, wie wenig ich wahrgenommen hatte. Ich konnte nicht mal sagen, welche Farbe das Haus hatte, das auf dem Grundstück stand, auf das die Hunde flüchteten. Der Zaun, um den sie flüchteten – es war ein Lattenzaun und er grenzte direkt an den Fußweg, während das Hundegrundstück nur Rasen hatte. Die Farbe der Hunde von rechts – ich hatte keine Ahnung. Die beiden von vorn waren braun, und der Beißer hatte auf dem Rücken und vor allem im Schulterbereich noch einige schwarze Haare mit drin. Aber war der Angriff vor oder nach der Straßenecke Brasil/Lincoyán? Kamen von rechts zwei oder nicht doch drei Hunde? Wie sah das Haus aus? Würde ich den Hund wiedererkennen?

Ich hatte mich entschieden, es vor der Polizei erstmal bei der Oficina de Turismo zu versuchen, der Touristeninfo. Es schien mir der geeignete Ort um unverfänglich nachzufragen, was man denn in so einem Fall tun sollte. Tollwütige Hunde sind mit Sicherheit auch in Chile nicht gern gesehen. Erst recht nicht, wenn es einen Besitzer gibt, der das eigentlich verhindern sollte. Außerdem hoffte ich, dass die Leute in der Touristeninfo noch am ehesten Englisch sprechen würden – und, was ich in dem Moment gar nicht weiter berücksichtigte – die Municipalidad, die Stadtverwaltung, befindet sich direkt neben der Information.

Mein Plan mit dem Englischen ging natürlich nicht auf. Die ältere Frau, an die ich kam, verstand mich ein wenig, wenn ich langsam sprach. Also wechselte ich ins Spanische und nur wenn ich nicht weiter wusste, benutzte ich englische Wörter. Wenn ich Spanisch spreche, dann sind meine Sätze noch recht rudimentär.

Nachdem ich ihr kurz erklärt hatte, was passiert war und was ich nun tun sollte, ging sie zu einer Kollegin in der Ecke und hielt kurz Rücksprache. Dann kam sie wieder zu mir, und ich erklärte ihr nochmal mein Anliegen. Sie fragte mich, ob ich im Krankenhaus war und ich bejahte. Ein wenig irritiert fragte sie mich, was ich denn eigentlich wollte. Ich erklärte ihr nochmal, dass mich vor allem interessiert, ob der Hund Tollwut hat. Und ob ich den Angriff irgendwie melden müsste. Die Straße Lincoyán kannte sie, auch die Avenida O’Higgins, aber die Pasaje Chile irritierte sie. So richtig konnte sie noch nichts mit mir anfangen. Aber als ich sagte, dass mich vier Hunde angegriffen hatte, wenn auch nur einer zugebissen hatte, riss sie die Augen auf und dackelte wieder zu ihrer Kollegin.

Ich bin nicht sicher, was genau an dieser letzten Information den Auslöser gegeben hat, auf jeden Fall sagte sie mir, dass “inspectores de la municipalidad” unterwegs wären und ich auf sie warten sollte. Ich vermutete, dass das so was wie Tierärzte der Stadtverwaltung wären, und nickte. Es dauerte ein ganzes Weilchen, zwischenzeitlich bat ich, im Büro anrufen zu dürfen, dass ich später komme. Die Nummer kannte ich natürlich nicht, aber als gute Touristeninfo hatten sie meine Büronummer da.

Dann endlich kam eine rundliche Frau, die sich mit der Touristenfrau unterhielt. Ich war eher schmückendes Beiwerk und verstand nur einzelne Worte. Ich sollte noch weiter warten. Dann kam zwei junge Männer, mit Municipalidad/Stadtverwaltungsemblemen auf ihren Jacken. Alle vier berieten sich weiter, ab und zu beantwortete ich eine Frage. Zwischenzeitlich kam ein Mitarbeiter, der leidlich Englisch sprach. Da hatte ich aber schon so langsam mitbekommen, was sie vorhatten. Ob ich mit zu der Stelle kommen wollte und zeigen könnte, wo genau es passiert ist. Natürlich. Ich war mir sicher, das heißt, ich hoffte ich könnte sicher die Stelle bestimmen.

Wie stiegen in einen klapprigen Jeep und fuhren los, über die Avenida O’Higgins, die um diese Zeit zu Fuß schneller zu bewältigen ist. Dann bogen wir in die Parallelstraße, und kamen in der Brasil heraus. Wir drehten eine Extrarunde, dann bat ich, die Straße zu Fuß entlang laufen zu dürfen. Mit einem der beiden Männer lief ich dann bis zur Pasaje Chile (in der ich wohne), und zurück zur Brasil. Bis dahin standen nur Metallzäune und es war auch zu weit von der Avenida O’Higgins entfernt. Weiter Richtung O’Higgins dann kam der Lattenzaun wieder in Sicht, den ich schon vom Auto aus gesehen hatte, der aber anders aussah als in meiner Erinnerung. Es war aber der einzige Lattenzaun in dem gesamten Straßenzug und rechts neben ihm war Rasen. Dazwischen war zwar noch eine Einfahrt in der ein Wohnmobil stand, aber das stand so weit hinten, dass ich es vom Zaun aus um die Ecke und in der Hektik durchaus übersehen haben konnte. Das Haus musste es sein. Die Farben sagten mir nichts, aber das war mir ja schon vorher aufgefallen. Ich deutete auf das Haus. Der Jeep stand ganz in der Nähe.

Auf der Veranda vor dem Haus standen zwei Frauen, ich vermute Mutter und erwachsene Tochter. Mein Begleiter ging hin und sprach sie an, gleich darauf kam der andere Mann dazu. Die Frau von der Stadtverwaltung blieb im Auto.

Von dem folgenden Gespräch bekam ich nicht allzu viel mit. In der Zwischenzeit kam noch ein Mann dazu, vermutlich der Vater. Er fragte mich nach der Wunde, wann es passiert sein soll, alle drei Familienmitglieder blickten etwas ratlos drein. Etwas bekümmert, die Stadtmitarbeiter auch, irgendwann fragte ich, ob sie wissen, ob hier in der Straße jemand mit Hunden wohnt. Ich nahm an, dass sie nicht wussten, wo hier Hunde rumlaufen sollten. Ja, hier, war die Antwort.

Es stellte sich heraus, dass in oder vielmehr hinter dem Haus vier Hunde zu Hause waren, davon zwei braun, einer weiß, einer schwarz. Die bekümmerten Mienen auf allen Seiten waren darauf zurück zu führen, dass die Familie weder die vorgeschriebenen Papiere für die Hunde hatte noch eine Tollwutimpfung nachweisen konnten (sch….). In dem Gespräch bekam ich mehr und mehr mit, dass die Hunde irgendwie von der Familie getrennt werden sollten, die Frauen fragten nach den Umständen, unter denen sie sie zurück bekommen würden. Zwischenzeitlich war der Familienvater wieder gegangen. Einer der Stadtmitarbeiter schaute nach den Hunden und kam mit einem Handyfoto zurück, auf dem ein hellbrauner Hund und daneben ein weißer Hund zu sehen waren. So hell war der Beißer nicht gewesen. Dass ich mit dem Foto nichts anfangen konnte, schien nicht weiter zu stören, das Fehlen der Papiere und der Impfung war den Stadtmitarbeitern anscheinend gravierend genug.

Ich nagte immer noch an der Frage, ob der Hund tollwütig war und fragte nach, ob ich ihn sehen konnte. Ich durfte, und in natura kam mir der Hund schon deutlich bekannter vor. Auf dem Foto lag der Hund unter einem Dach, mit der Schnauze in hellerem Licht. Außerdem hatte er einen weißen Kranz um die Nase, der mir nicht aufgefallen war. Aber als ich mich vorbeugte, um den Hund von oben zu betrachten, hatte ich genau jenes braune Fell vor mir, das mit einzelnen schwarzen Haaren durchsetzt war. Die Größe des Tieres passte auch. Der Fall war geklärt.

Zurück in der rustikalen Empfangshalle, war das verbleibende Gespräch recht kurz. Mutter und beide Stadtmitarbeiter versuchten mir zu erklären, was eine Multa ist (das scheiterte nicht an meinem Verständnis, sondern daran, dass sie das Wort nicht umschreiben konnten). Außerdem nannten sie das Wort Infraccion und übersetzten es mit infraction ins Englische. Mit keinem dieser Worte konnte ich etwas anfangen.

Zurück im Auto gab ich den Stadtmitarbeitern meine Passkopie, die ich immer im Rucksack hab, und die Rechnung vom Krankenhaus vom Tag zuvor. Die Stimmung war jetzt deutlich gelöster als auf der Hinfahrt, meine Anschuldigung hatte sich anscheinend bestätigt. Außerdem trauten sie mir jetzt trotz meiner Multa-infleccion-Schlappe doch ein bisschen Spanisch zu. Im Touristenbüro warteten schon die Inspectores de Municipalidad auf uns. Die würden die Hunde auf Tollwut untersuchen. Sie sprachen kurz mit meinen Begleitern, dann brachen sie auf. Meine Begleiter kopierten meine Unterlagen, gaben sie mir zurück und schickten ihren englischsprachigen Kollegen zu mir. Er übersetzte mit meiner Hilfe was ich mir zum Großteil schon zusammengereimt hatte, teilweise brauchte er die Nachfragen gar nicht mehr übersetzen. Trotzdem war es gut, dass die Kommunikation jetzt zwei Richtungen hatte und ich auch mehr als drei Fragen stellen konnte. Ich brachte der rundlichen Stadtmitarbeiterin sogar noch zwei Worte Englisch bei, ein paar lose Brocken kannte sie doch. Das restliche Gespräch war trotz des Themas recht entspannt. Nur bei der Frage nach meiner Unterkunft kam ich ins Stocken. Ich wusste zwar die Adresse, aber nicht den Nachnamen der Familie, bei der ich wohne. Bei dem Namen “Eliana” jedoch stießen alle eine wissendes “Aaah” aus. Pucón ist klein.

Das Ergebnis dieser zwei Stunden: Hunde ohne jegliche Papiere und Impfnachweise zu besitzen ist auch in Chile eine Ordnungswidrigkeit (“infleccion”). Der Halter muss ein Bußgeld (“multa”) zahlen. Die Inspectores werden einige Untersuchungen vor Ort vornehmen, den Halter befragen. Am 27. Januar entscheidet ein Richter, ob der Halter die Hunde behalten darf, aber die Chancen stehen schlecht. Möglicherweise muss der Halter auch noch an mich zahlen, ich nehme an, das ist dann so etwas wie Schmerzensgeld, aber das war nur eine Vermutung eines der Mitarbeiter. Sie haben ja jetzt meine Adresse und wissen, dass ich noch ein Weilchen da bin, sie halten mich auf dem Laufenden. Ich brauch nicht weiter hierzubleiben. Wenn ich Fragen hab, kann ich natürlich jederzeit gern vorbei kommen.

Die Verabschiedung war chilenisch, das heißt mit Kuss auf die rechte Wange, ich habe mich bei den noch anwesenden Mitarbeitern für ihre Hilfe bedankt.

Was mir bis dahin noch gar nicht in den Sinn gekommen war: Die Hunde kannten die Bewegung, die einem Tritt vorausgeht, sie mussten sowas schon öfter gesehen haben. Das erklärt, warum sie so extrem schnell auf meinen Gegenangriff reagierten. Denn sie rannten schon, als ich den Fuß noch nicht einmal angehoben hatte. Nicht meine Entschlossenheit, sondern die Kenntnis um den Tritt hat die Hunde vertrieben. Wenn der Besitzer die Hunde tatsächlich mit Tritten “erzogen” hat, wundert mich auch ihr Verhalten nicht mehr. Zusammen mit der Tatsache, dass die Aggressivität der Hunde quasi stadtbekannt ist, Tollwut aber innerhalb etwas mehr als einer Woche zum Tod führt, denke ich, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Hunde Tollwut haben, gering ist. Mehr werde ich nach der Untersuchung wissen, sicherheitshalber werde ich trotzdem alle Impftermine wahrnehmen.

¬ geschrieben von Christiane in Pucón

21.01.2014 Mordedura de Perro, Parte I

23. January 2014

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Anders als bei den beiden vorherigen Einträgen, ist der Titel nicht die spanische Bezeichnung eines Ortes, sondern eine Diagnose. Oder vielmehr die Bezeichnung einer Wunde, denn zu diagnostizieren gibt es da nicht viel. Oder vielleicht doch, aber dann lautet die Diagnose eher Rabia. Hoffen wir, dass es so weit nicht kommt.

Aber von vorn.

Gestern lief ich wie gewohnt die Straße Lincoyán entlang. Ganz normal, nicht besonders schnell, nicht weiter auffällig. Es war ziemlich kühl und sollte noch regnen, deshalb hatte ich eine lange Hose an. Einen langen Pullover auch, aber das sollte nicht so wichtig sein.

Kurz vor der zweiten Straßenkreuzung kamen von vorn zwei bellende Hunde auf mich zugerannt. Nun sind streunende Hunde in Pucon oder überhaupt in Chile nichts besonderes. Die meisten zeichnen sich durch einen tiefen und festen Schlaf aus, der Rest trabt gemütlich vor sich hin. Aggressiv sind sie nicht, und bettelnd habe ich sie auch noch nicht erlebt. Wenn man einen freundlich anredet, der gerade in der Nähe schnüffelt, kann es passieren, dass er vorsichtig auf einen zukommt und sich streicheln lässt. Tonia vom Biergarten nebenan hat sich solch einen Straßenhund adoptiert, einen jungen schwarzen, Luis heißt er. Ab und zu trifft man mal auf zwei Hunde, die sich gerade raufen, oder anknurren. Aber nur untereinander, ansonsten meiden sie Menschen eher.

Diese beiden jedoch kamen genau auf mich zu. Von der Seite kamen auch noch zwei gelaufen, aber die habe ich nicht weiter beachten können. Alle vier Hunde waren etwas weniger als kniehoch. Die beiden von vorn waren braun und sind an mir vorbeigeprescht. Dachte ich, bis ich einen stechenden Schmerz in der linken Wade spürte. Ich war erstmal überrascht, und stieß ein fluchendes “Au” hervor. Ich schaute halb über meine Schulter nach hinten und sah, und spürte am Hosenbein, wie der Hund noch einmal zuschnappte, mein Bein aber verfehlte. Der andere braune bellte weiter mit dem Beißer um die Wette. Mittlerweile kochte die Wut in mir hoch. Mein erster Impuls war, dem Beißer an die Kehle zu gehen, dann drehte ich mich um und setze an, dem Hund einen kräftigen Tritt in den Kehlbereich zu verpassen. Ich kam aber nicht dazu, noch bevor ich ausholen konnte, begriffen beide Hunde und flüchteten um die Ecke des Zaunes. Die beiden Hunde, die von der Seite gekommen waren, hatten etwas größeren Abstand gehalten und flüchteten nun mit ihren Kameraden ebenfalls um die Ecke.

Ich ging zwei Schritte in meine ursprüngliche Richtung, hielt dann an, um die Hose hochzuziehen und mein Bein zu untersuchen. Ich konnte gerade das Blut registrieren, da kamen die vier wieder angewetzt. Nun noch wütender, drehte ich mich wieder den Hunden zu – doch sobald ich zum Tritt ansetzte flüchteten sie.

Einem Hund allein wäre ich sofort nachgestellt. Selbst zwei Hunde hätte ich verfolgt, so wütend war ich. Aber bei vier Hunden mit kleinen spitzen Zähnen reichte mein Selbsterhaltungstrieb dann doch aus, eine winzige Ecke in meinem Gehirn wach zu halten. Ich lief zügig die Straße entlang und zum Büro.

Meinem Chef sagte ich erstmal, dass ich ins Bad müsste, um etwas Blut abzuwaschen. Auf der Toilette angekommen, untersuchte ich das Bein genauer. Die Hose wie fünf oder sechs kleine Löcher auf. Die Wunde am Bein war klein, vermutlich nur von einem einzigen Zahn. Der Hund hatte bei seinem ersten Biss vor allem Jeansstoff erwischt, mein Bein nur mit einem Zahn. Der zweite Biss ging ausschließlich in die Hose. Trotzdem blutete die Wunde. Ich drückte zu, um mehr Blut herauszupressen, aber ohne großen Erfolg. Dafür unter Schmerzen. Das Blut wusch ich ab, krempelte das Hosenbein hoch und ging ins Büro. Ich überlegte ein Weilchen, ob es notwendig ist, ins Krankenhaus zu gehen. Meine Tetanusimpfung ist aktuell, aber Tollwut…?

Hunde greifen normalerweise nicht grundlos Menschen an. Diese Hunde liefen schon, als ich sie noch gar nicht gesehen hatte. Ob sie tollwütig waren, konnte ich nicht einschätzen, ein kurzer Blick ins Internet zeigte aber, dass der berüchtigte Schaum vor dem Maul ohnehin erst am Ende der Krankheit eintritt. Die Aggressivität setzt schon eher ein. Für den Menschen gibt es eine sogenannte postexpositionelle Prophylaxe, in etwa eine Impfung nach dem Biss, quasi die Pille danach für Hundebisse. Wird diese nicht durchgeführt und man hat sich mit Tollwut angesteckt – das kam nicht in Frage, ich musste ins Krankenhaus. Ich will auf das Krankheitsbild selbst nicht weiter eingehen, aber nach Ausbruch der Krankheit tritt innerhalb weniger Tage fast unweigerlich der Tod ein, und die wenigen Überlebenden sind meist schwer hirngeschädigt. Die Gnadenfrist bis zum Ausbruch der Krankheit liegt irgendwo zwischen einigen Wochen bis einigen Monaten, in Einzelfällen kann es auch einige Jahre dauern.

Soviel dazu. Ich schaute noch schnell nach was “Biss” und “Tollwut” auf spanisch heißt, zehn Minuten später war ich im Krankenhaus. Auf dem Weg dahin hatte ich um die Unfallstelle einen großen Bogen gemacht. An der Urgencia war ich nur wenige Tage zuvor langgelaufen, ich wusste also genau, wo ich hinmusste. Trotzdem landete ich erstmal an der Information, wo mir das mit mir überforderte Empfangsmädchen mit einiger Mühe den Weg zum Empfang der Notaufnahme beschrieb. Die beiden Jungs dort konnten auch kein Englisch, sprachen aber etwas deutlicher spanisch. Ich sagte ihnen, ich sei vom Hund… das Wort für gebissen hatte ich schon wieder vergessen, aber die Handbewegung war deutlich genug. Sie zeigten mir auf dem Taschenrechner, dass ich 18,000 Pesos (etwa 30 Euro) für die Behandlung bezahlen müsste, plus noch eventuelle Medikamente. Ich hatte am Morgen gerade zwei Zehntausender eingesteckt.

Ich nahm im Warteraum Platz, in dem noch etwa 15 andere saßen. Nach einer halben Stunde wurde ein Name aufgerufen, den ich mit viel Fantasie als den meinigen entziffern konnte. Mir wurden Blutdruck und Temperatur gemessen, dann sollte ich einen “Momentito” nochmal draußen waren. Ich vermute, dass die Ärzte dann erstmal Mittagspause gemacht haben, denn eine gefühlte Stunde lang passierte gar nichts weiter, außer dass sich der Wartesaal immer weiter füllte. In der Zwischenzeit wollte das große Stück Melone vom Morgen wieder raus, dann kamen die beiden Gläser Wasser, nacheinander, ich hatte viel Wasser zu mir genommen am Morgen, und jedes Mal staunte ich, dass auf der Toilette nicht nur Klopapier fehlte, sondern auch die Klopapierhalter. Zumindest letzteres gibt es auf öffentlichen Toiletten immer, ersteres ungefähr so häufig wie in Deutschland. Genau deshalb habe ich auch immer etwas im Rucksack.

Irgendwann wurde ich wieder aufgerufen und ich ging durch die Blutdruckmessstelle in die Notaufnahme. In Sala 4 setzte ich mich in die rechte Kabine, zeigte meine Bein, und bekam dann in bemühtem, klar artikulierten Spanisch erklärt, was jetzt passiert. Ich setzte mich auf die Liege, drehte mein Bein und guckte weg. Die Reinigung der Wunde muss gut gewesen sein, hinterher hatte ich auch noch einen Biss in der Hand und frisches Blut sickerte aus der Wunde. Die Wunde war zusammen mit dem darunter liegenden Bluterguss etwa daumennagelgroß, viel mehr konnte ich nicht erkennen. Das auffällige Rot der Betaisodona kannte ich schon.

Dann kam eine lächelnde junge Schwester und zeigte mir die Spritze. Ich überredete sie, den linken Arm zu nehmen und blickte demonstrativ aus dem Fenster. Es gab einen winzig kleinen Pieks, und wenn heute nicht mein Arm schmerzen würde, wäre ich überzeugt, dass aus der Spritze überhaupt nix rauskam. Auf meinen erstaunten Blick hin lächelte sie noch mehr und verschwand.

Kurz darauf kam ein anderer Arzt, den sie irgendwo aufgetrieben haben mussten. Er sprach einigermaßen Englisch und erklärte mir nochmal, dass ich zu den Terminen in meiner Hand nochmal herkommen müsste um die Impfung zu vervollständigen. Außerdem sollte ich noch alle zwei Tage zum Reinigen der Wunde vorbeikommen. Dann stellte er mir ein Rezept aus, das er verwarf, als ich ihm erklärte, dass ich genug Ibuprofen hätte – hatte ich nicht, zumindest nicht für die vorgeschlagene Einnahme alle 8 Stunden, aber so schlimm war der Schmerz im Bein nicht, wenn nicht gerade jemand an der Wunde herum schrubbte.

Kurz bevor er geschäftig davonrauschen konnte, konnte ich noch die Information aus ihm herausholen, dass die Wartezeit wahrscheinlich erträglich ist, wenn man morgens vor um 10 oder abends nach um 10 kommt. Anschließend ging ich mit dem Ausdruck der Diagnose wieder zum Empfang, bezahlte die 18,000 Pesos plus 3,500 für die einfache Reinigung und ging etwas benommen zur Tür raus.

Nach einem kurzen Zwischenstop daheim ging ich ins Büro, war aber eigentlich nur halb anwesend. Ich ging kurz vor 7, für halb 8 hatte ich eine Einladung zum Pizzaessen. Wir waren zu siebt, vier Chilenen, ein Baske, ich, und eine Amerikanerin, die fließend aber mit starkem Akzent Chilenisch sprach. Davon abgesehen erinnere ich mich noch, dass die Tochter des Gastgebers einen Film mit bunten, ich glaub Pferden, geguckt hat, und an eine Pizza mit so dickem Belag, dass ein einziges Blech tatsächlich für alle gereicht hat. Und das, obwohl ich mich freiwillig zum Schinken- und Käseschneiden gemeldet hatte und entsprechend viel davon am Ende fehlte.

Ich fühlte mich während des Abends etwas fiebrig, später dann, auf dem Weg nach Hause war ich aber nur noch müde. Heute tut mir etwas der Arm weh, von der Wunde habe ich kaum etwas gespürt. Aber ich habe heute ja auch eine Menge erlebt und war etwas abgelenkt – doch dazu mehr im nächsten Eintrag.

¬ geschrieben von Christiane in Pucón

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