12.02.204 Segeln

18. February 2014

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Ich dachte, ich kann segeln, und habe am Mittwoch für den späten Nachmittag ein Segelboot auf dem Villarrica-See reserviert.

Die “Reservierung” war etwas abenteuerlich. Nachdem wir am Montag bei der Vermietung standen, alle Boote draußen waren und schon mindestens eine Person auf ein Boot wartete, bin ich am Mittwoch zur Mittagszeit kurz zum Strand gelaufen und habe um ein Boot für 6 Uhr gebeten. Die erste Antwort war, dass sie keine Reservierungen annehmen, man könne einfach so vorbei kommen. Nachdem ich erzählte, wie das “einfach so vorbei kommen” am Montag gelaufen war, konnte ich plötzlich doch reservieren. Allerdings bestand die “Reservierung” in einem “ja, ich halte ein Boot für euch bereit”.

Etwas zweifelnd ging ich um 6 mit Ruben zum Strand. Jetzt war deutlich mehr los als zu Mittag, aber, oh Wunder, es war “zufällig” ein Boot für uns da. Während wir an der Segelbude warteten, sah Ruben etwas unglücklich aus; er gab auch zu, etwas nervös zu sein. In einem unbedachten Moment hatte ich ihn ein paar Tage zuvor auch noch gefragt, ob er schwimmen kann – mir fiel erst am Ende der Frage ein, dass ich sie an einen Triathleten richtete.

Nervös war ich allerdings auch. Bisher bin ich auf kleinen Booten für 2-3 Personen gesegelt, hauptsächlich Dinghys und Piraten, selten mit Nichtseglern, und im letzten Sommer bin ich gar nicht zum Segeln gekommen. Das Boot, das auf uns wartete, war ein Laser. Von dieser Bootsklasse hatte ich schonmal gehört, aus der hintersten Ecke meiner Erinnerung kam die Information, dass Laser noch instabiler als meine bisherigen Boote sind und schneller auf Fehler reagieren. Eine Einschätzung, die sich beim Blick auf das Boot bestätigte. Laser sind besonders leicht und besonders einfach gebaut. Es sind Rennboote. Um zu verdeutlichen, wie leicht ein Laser ist: Ein Dinghy oder Pirat liegt bei 200 bis 300 kg, ein Laser wiegt knapp 60 kg und damit ziemlich genau so viel wie ich. Mehr noch als bei den anderen Booten beeinflussen die Skipper also allein mit ihrem Körpergewicht und insbesondere ihrer Sitzposition, wie das Boot im Wasser liegt. Es gibt noch ein paar andere Eigenheiten, von denen ich nichts wusste, aber zu denen komme ich später.

Die Windstärke an dem Tag betrug etwa 4, höchstens 5, mit einigen kräftigeren Böen. Das schwerste, was ich bisher gemeistert habe, war Windstärke 6 in einem Piraten.

Die erste Herausforderung war, vom Strand wegzukommen. Der Wind wehte genau auf den Strand zu, wir mussten also aufkreuzen. Schlimmer noch, an diesem Nachmittag befanden sich genau vor dem Strandabschnitt, auf dem die Boote lagen, Schwimmer. Oder vielmehr Badende. Und kein Weg führte an ihnen vorbei, nur hindurch. Nett wie diese Badenden waren, griffen sie alle nach dem Boot und “halfen” uns vom Strand wegzukommen, indem sie das Boot immer wieder in den Wind drehten. Nach einigen Metern schließlich gab ich auf auch nur ein wenig an Fahrt zu gewinnen und hielt das Segel eigentlich nur noch, damit es nicht wild im Wind flatterte.

Irgendwann jedoch waren wir weit genug weg von unseren Helfern, dass ich das Boot endlich weiter nach steuerbord drehen konnte und Wind ins Segel bekam. Ich segelte noch ein ganzes Stückchen den Strand entlang, nur langsam vergrößerte sich der Abstand, obwohl ich so nah am Wind segelte, wie ich konnte. Ich erklärte Ruben kurz, dass er gleich die Seite wechseln musste, dann machte ich zum Warmwerden eine Wende, d.h. ich drehte den Bug um etwa 100° nach backbord, um wieder weiter nach links (vom Strand aus gesehen) zu kommen.

Bei einer Wende dreht man das Boot mit dem Bug in die Richtung, aus der der Wind kommt und weiter darüber hinaus. Das heißt, man muss eine gewisse Anfangsgeschwindigkeit haben, sonst endet die Drehung genau dann, wenn der Bug in den Wind zeigt. So wie bei meiner zweiten Wende. Na toll.

Das Gute an dieser Situation ist, dass unter normalen Umständen praktisch nichts passieren kann. Das Boot liegt auf dem Wasser, das Segel flattert im Wind, und man bewegt sich nicht von der Stelle. Man muss nur den Kopf unten halten, um nicht vom Baum getroffen zu werden (dem Balken, der waagerecht vom Mast wegführt). Durch Schlagen mit dem Ruderblatt kann man versuchen, sich in eine bestimmte Richtung zu drehen, oder man drückt den Baum mit der Hand in eine Richtung und hofft, dass man genug Wind einfangen kann, dass das Boot in eine Richtung gedrückt wird.

Nach diesem Manöver segelten wir weiter vom Strand weg, in Richtung dem Ende der Halbinsel. Nach einer Weile hatte ich den Dreh raus, wie ich das Boot bewegen musste, damit wir von den größeren Wellen nicht allzu stark herumgeworfen wurden. Immer wieder schwappte Wasser über den tief liegenden Bootsrumpf. Ich hatte meinen Bikini an und darüber T-Shirt und kurze Hose, sowie die obligatorische Schwimmweste. Meine Hose war bald völlig durchnässt. Aber das gehört zum Segelspaß dazu. Ruben trug nur Schwimmhose und Weste. Als Passagier saß er vor mir und fing so zumindest die Spritzer ab, die von vorn kamen.

Mit der Zeit wurde unser Zusammenspiel besser, mit jeder Wende klappte der Seitenwechsel besser und die Wenden wurden flüssiger. Die Seiten muss man wechseln, weil sich sonst das Boot zu sehr in die Richtung neigt, auf der das Segel ist (Lee). Ich hatte oben erwähnt, wie leicht das Boot ist. Dementsprechend macht es einen riesigen Unterschied, auf welcher Seite im Boot man sitzt, selbst, ob man nach vorn geneigt sitzt oder sich auch nur ein wenig nach hinten lehnt. Mit dem Segel hart am Wind musste ich mich schon recht weit nach hinten lehnen, aber zumindest nicht so extrem, dass ich meine Beine unter den Gurt hätte klemmen müssen (aus Gewohnheit tat ich es trotzdem).

Das Schöne, wenn man hart am wind segelt, ist, dass man die Geschwindigkeit fühlt. Egal, wie schnell man unterwegs ist, bei nennenswerter Windstärke fühlt sich man sich immer schnell. Wir hatten eine großartige Sicht auf die Bucht und Pucon, dahinter die aufragenden Berge, hinter der Halbinsel der omnipräsente Vulkan.

So segelten wir etwa eine Stunde lang. Ich hatte ursprünglich vor, bis zur Spitze der Halbinsel zu segeln. Allerdings wurde der Wind immer böiger, nicht nur in Richtung des “offenen” Sees, sondern auch in der Bucht. Außerdem wollte ich mir noch etwas für das nächste Mal offen halten, und so beschloss ich vorher umzudrehen.

Aus Vorsicht drehte ich nicht gleich komplett um, sondern ließ mich erstmal ein wenig abfallen. Das heißt, ich drehte den Bug so, dass ich den Wind leicht schräg von hinten hatte, statt ihn direkt von hinten zu haben. So näherten wir uns wieder dem Strand. Ich merkte, dass, je weiter ich abfiel, das Boot immer instabiler wurde. Also drehte ich wieder ein Stück in den Wind. Außerdem musste ich das Segel dichter holen, als ich es für den Winkel zur Windrichtung erwartet hätte, damit ich das Boot halten konnte. Erst später habe ich durch Recherche herausgefunden, dass das bei dieser Bootsklasse durchaus normal ist, und nicht auf einen Fehler meinerseits zurückzuführen ist. Wegen dieser Instabilität versuchte ich auch gar nicht erst, vor dem Wind zu fahren, also genau in die Richtung, in die der Wind weht.

Wir segelten also im Zickzack zum Strand zurück. Ich hatte das Boot ganz gut unter Kontrolle, setzte zu einer Wende an – und plötzlich kippte das Boot. Ich bin noch nie gekentert, und ich habe auch mal gelernt, dass man sich mindestens zweimal um die eigene Achse dreht, bevor man kentert. Am Mittwoch habe ich gelernt, dass das nur auf die Tech Dinghys zutreffen kann, auf denen ich segeln gelernt habe. Denn wir haben nicht mal eine Vierteldrehung zurück gelegt, bevor wir rückwärts über Bord fielen und das Boot seitlich im Wasser landete. Aber alles halb so wild, ich wusste, was zu tun war. Es war warm, die untergehende Sonne brannte noch heiß auf der Haut, insofern war das kalte Bad recht angenehm. Noch bevor ich meine Irritation abschütteln konnte, hatte mich die Schwimmweste schon wieder an die Wasseroberfläche gezogen, neben mir kam Ruben zum Vorschein. Ohne zu Zögern schwamm ich um das Boot herum, um an die Unterseite heranzukommen. Leider war das Boot schneller: ich hatte gerade das Heck erreicht, da lag das Boot auch schon kieloben auf dem Wasser, mit dem Mast senkrecht nach unten.

Ich schwamm zum Boot, zog mich hoch und stellte meine Füße auf den Bootsrand. Mit den Händen griff ich nach dem Schwert – dem Brett, das senkrecht aus dem Bootsrumpf ragt und für seitliche Stabilität sorgen soll. Ich lehnte mich mit dem Oberkörper so weit ich konnte zurück und – nichts geschah. Ich war zu leicht. Ich rief Ruben heran, und zusammen war es ein Leichtes, das Boot auf die Seite zu drehen. Anschließend kletterte ich auf das Schwert und brachte das Boot so dazu, sich weiter zu drehen, bis es endlich wieder aufrecht stand. Ich hievte mich hinein, dann lehnte ich mich auf die Steuerbordseite, um Ruben auf backbord reinklettern zu lassen.

Das Segel flatterte im Wind, aber das musste jetzt erstmal warten. Ich sah mich um. Das Cockpit, also die Wanne, in die man die Füße stellt, ist beim Laser zum Glück sehr klein, so dass die zusätzliche Masse durch das Wasser nicht groß ins Gewicht fallen würde. Aber das Ruder war aus der Verankerung gerutscht, das musste ich erstmal wieder einfädeln. Das Ruder musste so eingehangen werden, wie eine Tür eingehangen wird. Nur, dass dabei das Boot auf dem Wasser schaukelt und die Wellen von der Seite das Ruder immer wieder in Schräglage zu drücken versuchen.

Irgendwann hatte ich es drin, und die Fahrt konnte weitergehen. Ich atmete kurz durch, dann pflügten wir wieder durch die Wellen. Das Boot ließ sich jetzt deutlich schwerer steuern. Ich musste das Ruder steiler stellen, als normal gewesen wäre, außerdem reagierte das Boot viel zu schwach auf die Stellung des Ruderblatts.

Das zweite Mal landeten wir im Wasser, weil der Wind kurz nachließ und wir uns nach Luv neigten. Ich hatte meinen Ballastpassagier bisher per Kommando auf die richtige Seite geschickt, er wusste daher nicht, dass er den plötzlich fehlenden Winddruck sofort mit seinem Gewicht ausgleichen musste. Im Englischen wird diese Art des Kenterns als Death Roll bezeichnet. Gemessen an der Anzahl der Videos, die es dazu gibt, ist es für Laserskipper anscheinend eine häufige Form des Badengehens.

Nach dem zweiten Aufrichten fiel mir zumindest auf, warum sich das Boot zuletzt so schwer hatte steuern gelassen: Das Ruderblatt, das eigentlich senkrecht im Wasser stehen sollte, war in die Waagerechte gekippt. Dadurch war es nur zum Teil im Wasser. Ich begutachtete das Ruder näher und fand das Tau, das das Ruder in die richtige Position zieht. Die Klampe, an der das Tau befestigt werden sollte, war aber auf einer Seite abgebrochen. Ich brauchte daher fünf Anläufe, bis ich das Tau fest hatte. Das Ruder wieder eingefädelt, fuhren wir weiter. Nein, eigentlich hinkten wir mehr, ich schaffte es trotz korrigiertem Ruderblatt nicht mehr, das Boot richtig stabil zu halten. Wir hatten etwa hundert Meter auf einem Kurs zurück gelegt, der uns ohne weitere Wende zur Anlegestelle bringen würde, als ich wieder näher an den Wind drehen musste, um das Boot wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Das hieß, dass wir noch zwei weitere Wenden überstehen mussten. Doch so weit kamen wir nichtmal.

Irgendwann hörte ich auf zu zählen, wie oft wir kenterten. Der Wind war nicht mal stärker geworden, auch die Böen waren nicht schlimmer als vorher. Aber mittlerweile hing das Boot so tief im Wasser, dass selbst die kleineren Wellen es komplett überspülten. Wir versuchten zwischenzeitlich, das Cockpit zu leeren, aber mit dem ständig nachströmenden Wasser war dieser Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Bei jedem Versuch, das Boot unter Kontrolle zu kriegen, kenterten wir sofort.

Mittlerweile hatte uns der Wind an die Bojenabsperrung des Badestrands gedrückt. Von hier würde es noch schwieriger werden, wieder weg zu kommen, weil das Ruder im schwimmenden Seil hängen bleiben konnte. Wir richteten das Boot mal wieder auf, ich kletterte allein hinein, während Ruben, der stehen konnte, versuchte von hinten zu schieben. Es kamen auch noch Leute zu Hilfe, die mitschoben. Ich hatte nichtmal die Hand an der Schot, das Segel flatterte im Wind, als ich wieder kenterte. Der letzte Sturz, den ich noch mit machen würde, und ich fiel ich seitlich auf den Baum. Inzwischen war ich unterkühlt, ich wollte aufgeben, da kamen zwei Jungs vom Vermieter mit Motorboot zu Hilfe. Der eine versuchte das Boot zu segeln, auch er scheiterte. Nach mehreren Versuchen ließ er sich vom Motorboot abschleppen, während er das Segelboot mit seinem Gewicht und Mühe einigermaßen aufrecht hielt.

Vom Strand aus sah man, wie tief das Boot im Wasser lag, die Erklärung dafür konnte nur Wasser im Rumpf sein. Wie es dahin gekommen ist, weiß ich nicht – das einzige vom Cockpit aus sichtbare Loch im Rumpf, das Entlüftungsloch, war mit einem Stöpsel verschlossen. Eigentlich kommt nur ein Leck in Frage. Ich bin mal gespannt, ob wir dort nochmal ein Boot leihen können.

Ruben und ich liefen am Strand zum Verleih zurück, ich unterdrückte mehr schlecht als recht ein heftiges Zittern und Zähneklappern. Das trockene Handtuch war ein Traum, nochmehr allerdings die trockenen Klamotten, die im Rucksack auf mich warteten. Zurück in der Innenstadt aßen wir bei Volcamburguer ein großes Abendessen, danach war meine Körperwärme wiederhergestellt.

Beim Duschen entdeckte ich, dass beide Schienbeine praktisch durchgehend blau und verbeult waren. Lange Hosen würden das verdecken; die Matschflecken an den Ellbogen haben so einige Nachfrage provoziert. Aber, wie so oft, die kleineren Blessuren sind nichts gegen den Spaß, den wir mit dem Boot hatten. Die letzten zwanzig Minuten vielleicht ausgenommen.

Hinterher (natürlich) habe ich herausgefunden, dass der Laser eines der am schwersten zu segelnden Boote ist.

Zum Beispiel beschreibt hier (englischsprachiger Link) jemand, wie er mit 25 Jahren Segelerfahrung auf dem Laser segeln gelernt hat.

Aufschlussreich ist auch das 5-Stufen-Lernprogramm dieses Skippers (englischer Link):
1. Ablehnung (ein Laser ist doch kein richtiges Segelboot, eher ein zu dick geratenes Surfbrett)
2. Ärger (alle reden vom Laser, und die besten Segler auch in anderen Klassen haben auf dem Laser angefangen)
3. Feilschen (ich segle nur Laser, weil alle meine Freunde Laser segeln)
4. Depression (ich wusste es, mit diesem Ding kann man überhaupt nicht segeln, insbesondere: “woher zum Teufel hab ich all die blauen Flecken?”)
5. Akzeptanz (wichtigster Punkt: man kentert seltener)

Für die Interessierten hier noch ein paar Videos:
So muss man sich das Wiederaufrichten vorstellen (wobei sich unser Boot freiwillig mit dem Kiel nach oben begeben hat).
In diesem Video sieht man eine Death Roll bei etwa 32s, eine halbe Minute später liegt das Boot wieder richtig herum im Wasser.
Hier sieht man eine Death Roll aus sicherer Enfernung.
So sieht es aus, wenn man bei höheren Windstärken “richtig” segelt.
Man kann übrigens kentern und das Boot wieder aufrichten ohne nass zu werden.
Alles in allem ist der Laser aber ein gutes Boot zum Kentern. Katamarane sind da deutlich empfindlicher (einer der Segler hat übrigens einen Beckenbruch davon getragen, da sind meine Prellungen nichts dagegen).

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

Canyoning

16. February 2014

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Gestern war es endlich soweit: Ich durfte zum Canyoning! Das heißt, ich durfte theoretisch auch öfter, aber wir hatten bisher nur zwei Canyoning-Touren seit ich hier bin. Außerdem war ich vor einer Woche schon einmal, aber die Tour verlief nicht gerade gut.

Canyoning – dessen Namen ich für gleich doppelt unglücklich gewählt halte – besteht im Wesentlichen daraus, dass man ein felsiges Flussbett verfolgt. Vorzugsweise eins, das ein paar Wasserfälle enthält, an denen man sich abseilt. Das Flussbett, das wir entlang gehen, führt etwa zur Hälfte durch eine Schlucht. Der Name ist unglücklich, weil die meisten, die hierherkommen, mit dem Begriff Canyoning nicht viel anfangen können und erstmal irritiert sind, wenn ich anfange, von Wasser zu reden. Rafting? Nein nein, Canyoning. Das zweite Unglück des Names ist, dass die Chilenen das Wort nicht vernünftig aussprechen können. Irgendwie verrenken sie sich dabei den Kiefer, bis sie das Wort endlich rausgequält haben.

Angeleint geht es gleich die Kante herunter, 8m nach unten. In dem Kessel kann man dann erstmal baden, zum Abkühlen.

In der Umgebung von Pucón kann man an zweieinhalb Stellen Canyoning durchführen. Die halbe ist so schwer, dass sie für Anfänger und daher für Touristen ungeeignet ist. Die zweite ist einigermaßen anspruchsvoll, aber beliebt. Und zusätzlich eine Stunde Fahrt entfernt. Die Stelle, die wir nehmen, liegt nur wenige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums und damit keine zehn Minuten entfernt. Der Fluss heißt Magma River, und wie der Name sagt, floss an der Stelle vor etwa 4000 Jahren ein Magmastrom den Villarrica herab (eigentlich müsste es Lavastrom heißen, einmal an der Oberfläche, heißt Magma Lava). In das Vulkangestein hat sich ein Fluss gegraben, und den verfolgen wir. Vulkangestein klingt zwar nach griffigem Fels, tatsächlich ist er genauso glatt geschliffen wie in jedem andern Flussbett.

Ich bilde das Schlusslicht.

Den Großteil der waagerechten Distanz legen wir laufend zurück. Der Untergrund wechselt zwischen schwarzem Sand, Kieseln, und rutschige, glattpolierten Felsbrocken. Letztere überqueren wir meist auf allen Vieren, an einigen Stellen auch auf dem Hintern. Zwei Stellen eignen sich dafür besonders gut, nach einer kurzen Rutsche landet man in einem tiefen Becken. Das sind auch die beiden Stellen, an dem man jedes noch so kleine Loch im Neoprenanzug besonders gut merkt: Dort dringt dann das eiskalte Flusswasser ein.

Unten angekommen.

Canyoning ist großartig, wenn es heiß ist und die Sonne brennt. In der Schlucht, die zusätzlich im Wald liegt, hält man sich hauptsächlich im Schatten auf, und wenn es im Neopren zu warm wird, setzt man sich kurz ins Wasser. Das hat aber zugleich den Nachteil, dass, wenn es bewölkt und kühl ist und die Gruppe relativ langsam, man ohne viel Bewegung im kalten Wasser steht und früher oder später auskühlt. Genau das war das Problem (ok, eins von vielen, aber eben das größte) bei meiner ersten Tour. Nichts gegen mein eigenes Geschlecht, aber die Gruppe aus zwei chilenischen Frauen und ihren sechs Töchtern und Freundinnen war sehr zaghaft und hat sich vor jedem Wasserfall geziert. Sie haben sich nicht getraut, sich ins Seil zu lehnen, versuchten stattdessen, die Wasserfälle herunter zu klettern, und sind daher jedes Mal, eine nach der anderen, weggerutscht, seitlich gegen die Felsen geprallt, noch ängstlicher geworden, und wurden dadurch noch langsamer. Es kann sich immer nur eine abseilen, und so warteten die anderen sieben und ich ungeduldig und frierend darauf, dass die nächste unten ankam. Wir schafften vielleicht fünf Wasserfälle, der größte davon etwa acht Meter hoch. Bei diesem letzten sah mich jedes der Mädels mit vor Angst aufgerissenen Augen an, bevor sie ans Seil geklammert langsam nach unten abgelassen wurden.

Noch schnell einmal untertauchen, über eine kleine Felsstufe steigen und schon ist der Wasserfall geschafft. An dieser Stelle haben wir die erste Tour abgebrochen.

Nach diesem Wasserfall brachen wir die Tour mit acht vor Kälte zitternden Frauen bzw. Mädels ab. Wobei abbrechen heißt, dass wir das Flussbett verließen. Aus der Schlucht kommt man an dieser Stelle nicht mehr so leicht heraus. wir kletterten die Schluchtwand nach oben und folgten dem Flussverlauf oberhalb des Flusses. Das heißt, für die Mädels war es eine gefährliche Klettertour, für mich und den Führer Claude war es ein mehr oder weniger entspanntes Laufen den Hang entlang. An zwei oder drei Stellen benutzten wir zur Absicherung das Seil. Ich habe schon deutlich gefährlichere Passagen völlig ungesichert überquert, aber die Mädels haben sich vor jedem Schritt gefürchtet. Eine Stunde haben wir für diesen trockenen Abschnitt mindestens nochmal gebraucht, am Ende begrüßten die Mädels lauthals die “Civilización”. Um es vorsichtig zu formulieren, ich glaube, diese Tour war für die Stadtmädels nicht das Richtige. Zum Glück habe ich die nicht verkauft.

Der krönende, 22m hohe Abschluss. Es gibt zwei Routen, eine trockene links neben dem Wasserfall (wie im Foto) und eine, die dem Wasserlauf folgt.

Die gestrige Tour dagegen habe ich durchaus auf dem Gewissen. Ein paar Teenager kamen eher gelangweilt zu mir ins Büro, kamen später wieder, und beim dritten Mal kam die Mutter mit. Die sechs diskutierten, ob sie Rafting machen wollten oder lieber Canyoning. Die Entscheidung neigte schon arg Richtung Rafting, als ich sie mit dem Argument, dass das Canyoning bei gleichem Preis deutlich mehr Zeit im Wasser bedeutete, für das Canyoning umstimmen konnte. Ich gebe zu, nicht ganz uneigennützig, weil ich unbedingt zum Canyoning gehen wollte, aber Canyoning dauert tatsächlich mindestens dreimal so lange wie Rafting (3h im Fluss statt nur 1h).

Hier jemand, der die nasse Route bevorzugt.

Die Gruppe bestand am Ende aus fünf der Teenagern plus einer weiteren Freundin sowie einem Deutschen und einer Schweizerin, die sich der Gruppe kurzfristig anschlossen. Drei Frauen waren in der Gruppe, mich nicht mitgezählt. Claude, der aus den französischen Pyrenäen stammt, sich aber als Weltbürger bezeichnet, spricht Spanisch, das für die Chilenen verständlich ist. Für mich weniger, aber von der Tour mit den acht Chileninnen wusste ich ungefähr, was er erzählte. Ich übersetzte seine Stoppelsprache ins Deutsche und half wieder beim Anziehen der Klettergurte.

An der Stelle ist eine Stufe, auf der man sich erstmal sammeln kann, wenn man möchte. Von oben versucht der nächste zu sehen, was auf ihn zukommt.

Bei den Abstiegen war ich jeweils die letzte; ich löste die Knoten, so dass wir das Seil nach unten abziehen konnten. Außerdem achtete ich darauf, dass sich die Teilnehmer richtig ins Seil einbanden. Dass ich die Knoten löste heißt nicht, dass ich ungesichert abgestiegen bin, im Gegenteil. Das Seil ist ungefähr in der Mitte am Baum befestigt, beide Enden führen nach unten. Das Seil ist dabei (meist) einmal um den Baumstamm gelegt und ein Karabiner und zwei Knoten verhindern, dass es abgezogen werden kann. Claude und die Tourteilnehmer nehmen jeweils einen der beiden Stränge. Während einer absteigt, kann sich der nächste schon in das andere Seil einhängen. Wenn ich die Knoten löse, kann man das Seil abziehen, indem man an einem der beiden Enden zieht. Daher nehme ich beide Seilstränge, um mich einzuhängen. Das erhöht die Reibung und ich muss mehr mit der rechten Hand arbeiten, um absteigen zu können. Unten angekommen, hänge ich mich aus und das Seil kann problemlos abgezogen werden.

Der Wasserdruck ist erträglich, zumindest wenn man nicht gerade wie ich das Schienbein voller blauer Flecke hat...

Ich habe nicht sonderlich viel Klettererfahrung, außerdem steige ich lieber auf als ab. Trotzdem war und bin ich immer noch erstaunt, wieviele Fehler man beim Absteigen machen kann. Der größte und häufigste Fehler ist, dass sich die Leute nicht ins Seil lehnen. Ins Seil lehnen heißt, sich so weit nach hinten zu lehnen, bis das gesamte Gewicht im Seil hängt. Das bewirkt zum einen, dass das Seil straff ist und man, wenn man denn fällt, nicht weit fällt. Zum anderen aber kann man gar nicht absteigen im wörtlichen Sinn, man läuft eher rückwärts die Felswand herunter: Die meisten Wasserfälle gehen mehr oder weniger senkrecht nach unten, mit mehr oder weniger glatt poliertem Fels. Ich bezweifle, dass sich selbst geübte Kletterer dort halten könnten. Trotzdem neigen viele dazu, den Körper senkrecht zu halten, weil das nunmal die vertraute Position ist. Aber nur wenn man selbst in der Horizontalen ist, hat man eine Chance, eine vertikale Wand abwärts zu laufen. Die gestrige Gruppe hat das nach den ersten Wasserfällen verstanden und die größeren Abstiege einigermaßen gut überstanden. Die heutige Gruppe… am letzten Wasserfall geht es erst gemütlich nach unten, dann wird es steiler bis zu einem gewissen Überhang. Von oben habe ich immer wieder daran erinnert, dass sie sich nach hinten lehnen sollen, aber schon zwei Schritte später waren sie wieder aufrecht, weil sie das Seil nicht mitgehen ließen. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn nach einem anfänglich flachen Abgang, bei dem die Beine aus dem Sichtfeld verschwinden, plötzlich der Oberkörper und darüber der blaue Helm absackt und ebenfalls verschwindet.

Bei meinem zweiten Abstieg an diesem Wasserfall nehme ich die trockene Route, einfach zum Ausprobieren. Die ist am Anfang etwas schwieriger, auch weil man mehrmals seitlich queren muss. Dafür kann man die untere Hälfte mehr oder weniger springend herablaufen. Oder sich im Sitzen ablassen, wenn man weggerutscht ist und keinen sicheren Kontakt zur Wand mehr bekommt.

Ein zweiter Fehler tritt vor allem am Anfang auf: manche Leute wollen die Wasserfälle vorwärts heruntergehen. Ist ja viel einfacher, man sieht, wo man hintritt. Die ersten Wasserfälle sehen auch trügerisch vertrauenerweckend aus. Dumm nur, dass dann bei einem, nein, bei dem sicheren Sturz das Seil einfach durch die Sicherung durchläuft und dementsprechend den Sturz nicht auffängt.

Jetzt komme ich...

Die vierköpfige Familie heute hatte aber auch noch ein anderes Problem mit der Sicherung, das ich ihnen nicht so richtig austreiben konnte. Die Sicherung besteht aus einer so genannten Acht, die mit einem Karabiner im Klettergurt eingehakt ist. Die Acht heißt Acht, weil sie wie eine Acht aussieht. Sie besteht aus Metall und trägt bis zu 2500 kg. Die eine Schleife hängt im Karabiner, durch die andere wird das Seil geführt (für die Nichtkletterer: bei Wikipedia findet man unter Abseilachter ein paar Fotos und weitergehende Erklärungen; für die Kletterer: es geht um die schnelle Acht, die verwendet wird um die höhere Reibung durch das nasse Seil auszugleichen) Das Seil führt außerdem durch den Karabiner. Beim Abseilen verläuft das Seil also folgendermaßen: Oben ist es an einem Baum o.ä. befestigt, verläuft dann durch Acht und Karabiner, und wird dann mit der rechten Hand an der Hüfte nach unten gehalten. Die Umlenkung durch die Acht erzeugt so große Reibung, dass man sich problemlos mit der einen Hand halten kann. Solange man die Hand natürlich nicht vom Seil nimmt – für einen solchen Fall steht jemand (bei uns Claude) unten mit dem Seilende in der Hand, das er bei einem Sturz sofort straff zieht. Wenn sich der Absteiger ordentlich ins Seil gelehnt hat, ist die Fallhöhe nur wenige Dutzend Zentimeter. Schlimmer als der Sturz ins Seil an sich ist meist, dass man auch mal zur Seite pendelt und sich durch den Neoprenanzug hindurch ein paar blaue Flecke holt.

Wenn man – wie viele der Anfänger – mit der linken Hand versucht das Seil auf Brusthöhe zu halten, verschwendet man nicht nur unnötig Kraft, sondern läuft auch Gefahr, sich die Hand zwischen Seil und Fels einzuklemmen. Heute habe ich auch jemanden dabei gehabt, die die linke Hand permanent an die Acht gelegt hat. Alles Zureden half nichts, und ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass sie sich die Hand einklemmt (zweimal passiert), bis ich ihr vor dem letzten Wasserfall nocheinmal mit Nachdruck die linke Hand auf das Seil unterhalb der Acht gelegt hab. Die gleiche Person hat sich auch wunderbar ins Seil gelegt, nur um vor Angst die Knie einzuknicken. Zweimal hat sie so das Gleichgewicht verloren, ist ins Seil gestürzt und hat sich dabei das Bein (!) unter dem Seil, das von oben kommt, eingeklemmt. Man kann also eine Menge falsch machen, beim Canyoning.

Ich selbst habe mir bei der ersten Tour die rechte Hand aufgeschrammt, weil ich nach rechts gependelt bin und das Seil ordnungsgemäß festgehalten habe. Fast eine Woche lang bekam ich Witze zu hören, weil meine blutigen Knöchel aussehen, als hätte ich jemanden verprügelt. Ansonsten ist Canyoning für mich zur Abwechslung mal eine verletzungsarme Sportart. Nicht mal Sonnenbrand habe ich bekommen, obwohl ich ohne Sonnencreme fünf Stunden in der Mittagszeit unterwegs war. Vielleicht sollte ich das öfter machen, aber leider bricht unser Canyoningführer morgen nach Patagonien auf. Das heißt, heute war vermutlich mein drittes und letztes Mal hier in Pucón.

Geschafft! Die Fotos haben übrigens die Tourteilnehmer mit meiner Kamera gemacht, die Claude in einem Segelsack transportiert hat.

Den gestrigen Abend habe ich übrigens auf dem Bierfest verbracht. Ganz richtig, dem Bierfest Pucón, nur ein weiteres Detail im großen Einfluss der deutschen Einwanderer. Es gab auch tatsächlich Bier zu trinken, aber vor allem Live-Musik. Bei Gelegenheit werde ich noch ein wenig über chilenische Musik und die deutschen Einflüsse schreiben, an dieser Stelle sei nur gesagt: eine jubelnde und tanzende Menge vor einer minimalistischen Bühne, die Berge in der Umgebung von den Sternen und dem fast vollen Mond beschienen, und die Band spielt Musik mit (mir) unverständlichem Text aber rassigen Rhythmen.

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

01.02.2014 Volcán Villarrica + Asado

5. February 2014

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Diese Tour ist von einem vorherigen Eintrag her schon bekannt, aber diesmal waren die Bedingungen etwas anders.

Mir kribbelten schon seit Tagen die Füße, aber das Wetter war immer zu schlecht für einen Aufstieg. Am Samstag war es endlich so weit, ein Wetterfenster war vorhergesagt. Am Vormittag sollte es trocken sein, erst am Nachmittag sollte es regnen. Sicherheitshalber wollte Sergio, unser Bergführer, schon um 6 Uhr morgens starten, statt wie normal um 7.

Über den Wolken thront der Llaima im Norden.

Vom Cañi noch nicht ganz erholt, habe ich mit mir gehadert. Ich wollte unbedingt mal wieder hoch, und nach Samstag würde es für voraussichtlich etwa eine Woche nicht mehr möglich sein. Gegen halb acht am Freitag Abend erfuhr ich, dass Ruben auch aufsteigen würde. Und kurz nach acht traf ich die Gruppe, die die Tour bei uns machen wollte, als sie zum Schuhe anprobieren vorbeikamen. Fünf US-Amerikaner, mit einem ausgezeichneten Sinn für Humor. So eine coole Gruppe kriegt man nicht oft, und beim Besprechen der Details verkündete ich spontan, dass ich dabei sein würde.

Als der Wecker kurz nach fünf klingelte, hatte ich eine weitere viel zu kurze Nacht hinter mir und quälte mich entsprechend mühsam aus dem Bett. Ich frühstückte, packte meinen Rucksack und machte mich auf den Weg zum Büro. Ich war die erste, und musste auf Sergio, unseren Bergführer, Nacho, seinen Assistenten, und den Fahrer warten. Ich hatte gerade Schuhe für mich rausgesucht, da kam die noch müde Truppe ins Büro geschlichen. Wir packten unsere Treckingrucksäcke, dann brachen wir auf.

Für die Touren geben wir den Touristen gewöhnlich einen Trekkingrucksack, in dem sich bereits die gesamte Ausrüstung befindet (Hose, Jacke, Steigeisen, Helm, Pickel, diverse andere Teile). Wenn die Leute am Morgen kommen, brauchen sie nur noch ihre Marschverpflegung und eventuell ihren Sonnenschutz dazupacken, ihre am Vortag markierten Schuhe schnappen, und ins Auto steigen.

Kurz nach 7 waren wir am Parkplatz. Wir gingen gar nicht bis zur unteren Liftstation, da der Lift in frühestens einer Stunde fahren würde, sondern nahmen eine Abkürzung, die weiter oben in den eigentlichen Weg mündete. Immer wieder trieben Wolkenfetzen an uns vorbei, teilweise konnten wir keine hundert Meter auf- oder abwärts sehen. So stiegen wir immer weiter auf, ohne sehen zu können, wie weit wir schon vorangekommen waren. Etwa hundert Meter unterhalb der oberen Liftstation riss das Wolkenmeer auf und gab den Blick auf die Station frei – endlich hatten wir ein Ziel vor Augen.

Der Großteil des Aufstiegs bis zur Bergstation verlief in dichten Wolkenschwaden.

Endlich trieben weniger Wolkenfetzen vorüber und gaben den Blick auf die Bergstation frei. Es läuft sich besser, wenn man das Ziel vor Augen hat und nicht nur durch ein endloses Wolkenmeer stapft.

Je weiter hoch wir kamen, umso stärker wurde der Wind. Als wir an der Station ankamen, machten wir Rast und warteten auf unsere Nachzügler. Ich setzte mich an eine windgeschützte Stelle und warf meine warme Jacke über. Unsere Gruppe bestand aus sehr unterschiedlich starken Teilnehmern, und so machten wir recht lange Rast, damit auch die zuletzt angekommenen sich ausruhen konnten. In der Zwischenzeit kam Ruben an, wir begrüßten uns kurz, dann zog ich mich in den Windschatten zurück.

Blick zurück ins Tal nach Westen. Zwischen den Wolkenschichten sieht man den Villarrica-See, im Vordergrund der Schatten des Vulkans auf den Wolken.

Der weitere Aufstieg führte uns in immer exponiertere Höhen. Der Wind nahm zu, die schützenden Felsbrocken ringsum wurden weniger. Ich war froh, als die Sonne endlich um den Berg herumkam und ein wenig Wärme spendete. Ich lief direkt hinter Sergio, dahinter kamen die zwei Männer der Gruppe, eine Frau in etwas Abstand, und Nacho kam mit den anderen beiden Frauen weiter hinten nach. Wir waren nach dem Lift noch keine hundert Meter weiter gestiegen, als Nacho von unten Pfiff: Er würde mit einer der beiden Frauen zur Liftstation zurück kehren, sie brach den Aufstieg ab.

Die zweite Rast. Wir waren schon dabei, unsere Steigeisen anzulegen, als Ruben mit seiner Gruppe zu uns stieß.

Wir restlichen stiegen weiter, Nacho würde später wieder zu uns stoßen und mit der zweiten Frau – die immerhin 57 Jahre alt war – das Schlusslicht bilden. Weil sich die Gruppe immer wieder auseinander zog, mussten Sergio und ich immer wieder anhalten. Wenn wir Pause machten, wurde mir trotz Jacke kalt, so lange warteten wir jeweils auf die Nachzügler. Sobald es weiterging, zog ich die Jacke wieder aus und wärmte mich durch den Aufstieg auf. Irgendwann kamen wir um eine kleine Erhebung und der Wind wurde nochmal stärker. Ich zog mir die Jacke aus dem Rucksack an.

Bei unserer nächsten Rast. Wie eine Raupe kroch die nachfolgende Gruppe heran.

Meine Gruppe bestand durchweg aus Sportlern, aber ihr Sport war das Kayakfahren. Sie waren für knapp zwei Wochen nach Pucón gekommen, um sich auf den umliegenden Flüssen ordentlich auszutoben. Heute war ihr freier Tag. Einer der Teilnehmer hatte mich am Vortag noch gefragt, ob ich ernsthaft von ihm verlange, in seinem Urlaub um 6 Uhr aufzustehen. Die Frage konnte ich verneinen, schließlich musste er schon um 5 aufstehen.

Mittlerweile waren wir auf dem Schnee. Der war angetaut und wieder gefroren, dadurch viel glatter als bei meinem ersten Aufstieg. Nach den ersten zwei Schneefeldern legten wir eine Pause ein und unsere Steigeisen an. Meine waren mir selbst in der kleinsten Stufe zu groß, und so tauschte ich mit Sergio. Während Sergio und Nacho allen halfen, ihre Steigeisen anzuziehen, kam Ruben mit seiner Gruppe auf unseren Rastplatz. Er drohte mir, dass er mich bald überholen würde, dann brach meine Gruppe wieder auf.

Unterwegs trafen wir immer wieder zusammen, unsere Pausen überschnitten sich immer mehr. Mit dem Eispickel demonstrierte ich ihm, dass ich ihn nicht vorbei lassen würde. Sein Bergsteigerkollege Wino fing jetzt an, mitzusticheln, leider war der Schnee für Schneebälle nicht geeignet. Kurz vor dem Gipfel war es dann so weit: Rubens Gruppe brach vor unserer auf.

Ich haderte mit mir, wollte eigentlich bei meiner Gruppe bleiben, konnte aber die Schmach nicht auf mir sitzen lassen. Als Wino mich aufforderte, mich seiner Gruppe anzuschließen, stand ich kurzentschlossen auf und sagte Sergio, dass wir uns auf dem Gipfel sehen würden.

Am Gipfel. Das Weiße ist Rauch aus dem Vulkan, keine Wolken.

Blick Richtung Osten, den Nordrand des Kraters entlang.

Der Krater.

Von hinten arbeitete ich mich in Rubens Gruppe nach vorn, indem ich Serpentinen schnitt. Das war anstrengend, aber meine Muskeln waren warm gelaufen, so dass ich meinen Muskelkater kaum mehr spürte. Rubens Pausen waren lang genug, dass ich mich von den Sprints erholen konnte. Als er mich hinter sich entdeckte, schien er ehrlich überrascht, sofort kam ein Kommentar ich wär in der falschen Gruppe. Auf dem Gipfel beglückwünschten wir uns kurz, dann stapfte ich wie versprochen zu Sergios bevorzugten Rastplatz weiter im Westen hinüber.

Der Vulkan qualmte um einiges stärker als beim letzten Mal. Ich nutzte meinen linken Handschuh als Filter und lief am Kraterrand entlang. Das machte das Atmen mühsamer, weil ich die Luft durch den Stoff einsog – aber der Schwefel blieb im Handschuh und kam nicht in meine Luftröhre, wo er mich als Schwefelsäure zum Husten gereizt hätte. Meine Augen waren dagegen nur durch die Sonnenbrille geschützt, sie waren am Abend leicht gerötet und brannten leicht. Den Krater umrundeten wir heute nicht, dafür hätten wir die Steigeisen abnehmen müssen.

Am Nordrand des Kraters. Die Schwaden werden gerade dichter, das Atmen schwerer.

Der Lanín im Süden.

Beide Gruppen machten sich etwa zeitgleich an den Abstieg. Die Eisdecke auf dem Schnee war zu rutschig, wir mussten laufen. In Gipfelnähe, wo es auch noch besonders steil ist, muss man einige Felspassagen queren. Nachdem ich am Mont Blanc mit den Steigeisen umgeknickt war, war ich bei diesem Abstieg besonders vorsichtig. Als Kommentar bekam ich von hinten ein Hühnergegacker zu hören, begleitet von “Flügelschlagen”. Das war mir ausnahmsweise sogar egal, mir waren meine Knöchel in dem Moment wichtiger.

Während des Abstiegs kamen uns die nächsten Gruppen entgegen, weiter unten folgten weitere. Die anderen Berggruppen waren anscheinend zu ihrer gewöhnlichen Zeit aufgebrochen. Später, in Pucón, erfuhren wir, dass es kurz nach unserem Abstieg, auf dem Vulkan angefangen hatte zu regnen.

Beim Abstieg. Von unten kommen uns die ersten der nachfolgenden Gruppen entgegen.

Nach dem steilsten Stück trafen unsere beiden Gruppen wieder zusammen, und die Bergführer probierten, ob man nicht doch rutschen konnte. Zum Glück – man konnte. Ich hatte mich gerade in eine der Rutschrinnen gesetzt und rutschte los, da stellten sich Ruben und Wino an den Rand der Rutsche oberhalb von mir und traten in den Schnee, so dass ich mit Eiskrümeln übergossen wurde. Während der Abfahrt brütete ich über Rachemöglichkeiten.

Wir rutschten wieder bis zum unteren Ende der Schneefläche und liefen das restliche Stück bis zum Parkplatz. Am Lift erfuhren wir, dass die Frau, die die Tour abgebrochen hatte, schon runtergefahren war. Wir konnten sie bis zur Rückkehr in Pucón nicht auffinden, fanden aber ihre Schuhe und ihren Rucksack im Büro.

Am Parkplatz angekommen, mussten wir warten. Da wir eher aufgebrochen waren, überschnitt sich unsere Rückkehr noch mit einer Raftingtour. Die bestand aus abnormalen 50 Teilnehmern die unsere sämtlichen Transportkapazitäten belegten, und so musste erst eine Ersatzabholung für uns organisiert werden. Außerdem warteten wir noch auf Nacho und unsere Nachzüglerin. Immerhin, sie hatte es mit ihren 57 Jahren bis auf den Gipfel geschafft, und brauchte für den Abstieg etwas länger als wir.

Schließlich kamen doch zwei Autos, die uns aufsammelten. Als wir in Pucón ankamen, setzten wir uns auf die Bank vor dem Büro. Sergio und Nacho bestellten ein Bier im benachbarten Biergarten, ich einen frisch gepressten Himbeersaft. Ich saß gern mit den Bergführern auf der Bank, aber es ist nochmal viel schöner, wenn man selbst grad vom Berg runtergekommen ist.

Als Sergio und Nacho gingen, war es kurz nach drei. Ich sagte meinem Kollegen, dass ich ihn bis halb 5 ablösen würde, so dass er eine Pause machen konnte, wenig später kam mein Chef und sagte mir, dass ich ihm Bescheid geben sollte, wenn der Kollege bis um 5 nicht wieder da wäre. Um 5 klingelte ich dann beim Chef, er übernahm und ich konnte zu der Zeit nach Hause gehen, die ich angestrebt hatte.

Für den Abend hatte Ruben noch auf dem Vulkan ein Asado organisiert, einen chilenischen Grillabend. Teilnehmen sollten alle Bergführer unserer beiden Gruppen, also Ruben, Wino, Sergio und Nacho. Als ich mich für ein Nickerchen hinlegen wollte, fiel mir ein, dass meine Schuhe von meinem Ausflug zum Cañi noch immer durchnässt waren und bat Ruben, mir ein paar seiner Laufschuhe mitzubringen. Von den drei Paar, die er dabei hatte, wählte ich das kleinste aus, dann gingen wir zum Grillen.

Grillen auf Chilenisch heißt, man nehme einen großen Spieß, etwa einen Meter lang, spieße darauf ein Tier seiner Wahl oder beliebig viele Fleischstückchen auf, und lege den auf ein Gestell oberhalb einer halbierten Tonne, in der die Flammen züngeln. Wenn das Fleisch anfängt knusprig zu werden, streue man ein halbes Kilo Salz darüber. Dann schaue man mit knurrendem Magen zu, wie das Fleisch braun wird.

Beim ersten Bissen riss das Salz meine Wunde an der Unterlippe wieder auf. Davon jedoch abgesehen, war das Fleisch wunderbar. In der Nähe des Grill stand noch eine Salatschüssel und ein Brotkorb. Der Salat wurde fast alle, aber das Brot blieb nahezu unangerührt.

Ein chilenischer Grill.

Beim Grillen war ich nicht die einzige Frau. Außer mich haben die Jungs noch eine Niederländerin eingeladen, die hier in Chile an einem Sozialentwicklungsprojekt der Universität von Santiago gearbeitet hat und in Pucón einige Tage Urlaub machte. Durch diverse Aufenthalte unter anderem in Argentinien und Peru sprach sie fließend Spanisch und kam mit dem chilenischen Spanisch einigermaßen zurecht.

Von links nach rechts: Nacho, Winos Kumpel, Wino, Hiska, die Niederländerin, Ruben, Sergio.

Ich schätze sie auf etwa zehn Jahre älter als mich; als die Jungs dann noch tanzen gehen wollten, verabschiedete sie sich ins Bett. Ich blieb bei der Gruppe, aber nachdem die Musik miserabel war, verabschiedete ich mich wenig später. Ich war nicht die einzige, die müde war, aber anders als Nacho kann ich nicht im Sitzen in einer Diskothek schlafen.

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

30.01.2014 Santuario El Cañi

4. February 2014

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Der Wecker riss mich viel zu früh aus dem Schlaf. Ich kramte meine sieben Sachen zusammen, fand kein Brot zum Frühstücken und brach entsprechend eher auf um dem Supermarkt noch einen Besuch abzustatten. Ich brauchte ohnehin noch ein paar Kekse als Marschverpflegung, insofern machte ich keinen Umweg. Kurz nach zehn war ich am Busbahnhof und tat mich an den frisch gekauften Baguettebrötchen gütlich. Nach zehn Minuten kam der Bus, weitere zehn Minuten später und fast fünfzehn Minuten später als verabredet kam auch Nacho. Der Bus sollte 10:30 fahren, ich schätze, gegen 10:40 fuhren wir auch tatsächlich los.

Am Eingang zum Naturreservat. "El Cañi" bedeutet in der Sprache der Mapuche, Chiles Ureinwohner, soviel wie "Visión que transforma", oder "Die Vision, die verändert". Das private Reservat wurde 1992 gekauft, um das Gebiet vor der Holzindustrie zu retten.

Kurz nach 11 erreichten wir den Eingang zum Reservat. Genau genommen ist es kein Reservat, sondern ein privat eingerichteter Schutzbereich (“Santuario”), in dem die Schutzbestimmungen noch mal eine Spur schärfer sind als im Nationalpark. Das äußert sich zum Beispiel darin, dass Bäume, die auf den Weg fallen, nicht weggeräumt werden, sondern bestenfalls wird eine Scheibe aus dem Stamm herausgeschnitten, so dass der Weg wieder passierbar wird. Auf dem Weg trafen wir immer mal wieder Kühe und Schafe an, Baden in den Lagunen ist ohnehin verboten. Anders als der Nationalpark hat El Cañi nur einen einzigen Wanderweg und einen alternativen Rundweg, aber weil das Reservat viel kleiner und unbekannter ist, trifft man dort deutlich weniger Leute an. Der Bus war nicht mal halbvoll, und mit uns stiegen an der Haltestelle noch zwei Pärchen aus. Später trafen wir noch zwei oder drei weitere Grüppchen, die mit dem Auto angereist sein müssen, das muss dann aber auch schon der ganze Besuch für den Tag gewesen sein. Wer mal auf der Karte schauen will: El Cañi ist der kleine grüne Fleck zwischen den Nationalparks Huerquehue und Villarrica, etwas östlich von Pucón.

Unser erster Rastplatz, die Refugio Aserradero ("Sägeschuppen").

Am Eingang des Santuarios bezahlten wir unsere 3000 Pesos Eintritt (etwa 5 EUR), und bekamen einen A4-Ausdruck einer rudimentären aber völlig ausreichenden Wanderkarte in die Hand gedrückt. Dann bekamen wir den Weg ausführlichst erklärt, mit Zeitangaben für jeden Abschnitt des Wanderweges. Anschließend trugen wir uns in eine Liste ein, aus der wir uns bei Verlassen des Santuarios auch wieder austragen sollten. Dann stapften wir los.

Weiter geht´s durch Märchenwald, der an den Nationalpark Huerquehue erinnert.

Als wir aus dem Verwaltungshäuschen traten, zeigte uns ein weiterer Mitarbeiter nochmal den Anfang des Weges. Als wir endlich auf den Schotterweg (was sonst…) traten, auf dem ein Pfeil in die Richtung des Wanderwegs wies, kam ich mir schon wie im Kindergarten vor. Der Schotterweg, auf dem wir uns befanden, sollte etwa 15 min dauern und zum Beginn des eigentlichen Wanderwegs führen. Nacho legte ein ordentliches Tempo vor, das ich gerade so halten konnte, und an der Weggabelung, an der wir nach rechts in den Santuario einbiegen mussten, forderte ich erstmal eine Pause ein, um die Hälfte meiner Sachen abzulegen und meine Hosenbeine hochzukrempeln.

Dieses Pflänzchen hört auf den Namen Asteranthera und findet sich nur in den feuchten Wäldern hier in diesen Breiten in Chile und Argentinien.

Diesen Trompetenrüssel habe ich im Cañi häufig gesehen, konnte aber nicht rausfinden, wie er heißt.

Eine Loasa, ebenfalls nur in Chile und Argentinien anzutreffen.

Die Wettervorhersage sah für den Vormittag leichte Bewölkung vor und für den Nachmittag Regen. Wir hatten kurz überlegt, den früheren Bus zu nehmen, aber keiner von uns beiden hatte Lust, am freien Tag um 6 Uhr aufzustehen. Also hatten wir beide Regensachen eingepackt und hofften, dass der Nachmittag der Wettervorhersage so spät wie möglich anfangen würde.

Wegen der grauen Vorhersage hatte ich nicht mal Sonnencreme eingepackt. Zeitweise machte ich mir Sorgen, dass ich mich verbrennen würde, aber wir blieben zum Großteil im Wald und so verbrannte ich mir diesmal ausnahmsweise nichts.

Nach der Abzweigung begann der Aufstieg. Der Weg war steil, bestand praktisch nur aus festgetretener Erde und in seiner Mitte schlängelte sich ein tiefer, aber trockener Wasserlauf entlang. Wenn wir hier runter müssten, während es regnet, würde es die reinste Schlitterpartie werden, dachte ich mir.

Der Aufstieg zog sich, Aussichtspunkte gab es wenig. Wir hielten nur selten an, und dann auch nur für einen kurzen Schluck. Nacho war mir immer ein paar Dutzend Meter voraus und ich beschäftigte mich damit, ihn dafür zu verfluchen. Irgendwann kamen wir auf eine Lichtung, an eine Holzhütte. Das war das auf der Karte angekündigte Refugio Aserradero. Wir setzten uns vor dem Eingang in den Schatten und machten Rast. Von innen kam jemand und wies uns darauf hin, dass es im Inneren Wasser gäbe. Wir hatten zu dem Zeitpunkt aber jeder noch über einen Liter Wasser im Rucksack und wollten lieber das Gewicht unserer eigenen Rucksäcke reduzieren. Bis hierher hatten wir gerade einmal anderthalb Stunden gebraucht, etwas weniger als dreiviertel der angekündigten Marschdauer.

Nach Aufbruch ging es nochmal ein kurzes Stück bergan, dann endlich kamen wir in Araukarienwald und der Weg flachte ab. Nun begann der schöne Teil der Wanderung. Der Weg schlängelte sich durch ein Meer an Bambus, Araukarien, Südbuchen und vereinzelten bunten Blüten. Recht unvermittelt standen wir nach einem Weilchen vor einem großen See. Ich bestand auf einer kurzen Pause, um von einem idyllischen Schattenplätzchen aus die Aussicht genießen zu können. Zwei Minuten später brachen wir wieder auf, schließlich wollten wir bis ganz hoch zum Aussichtspunkt, möglichst bevor der Regen einsetzen würde.

Die Laguna Las Totoras. Am gegenüberliegenden Ufer grasen ein paar Kühe.

Der Weg führte weiter durch Märchenwald, wir sahen ein paar Vögel, die Umgebung war großartig. Als wir die nächste Lagune erreichten, suchten wir den Wegweiser zum letzten Anstieg. Nun kamen wir wieder ins Schwitzen, aber diesmal wurden wir von einer großartigen Aussicht zwischen den lichten Bäumen hindurch begleitet. Immer höher über die Lagunen stiegen wir auf, immer weiter in die Ferne konnten wir sehen.

Endlich erreichten wir die Spitze, die mit Felsbrocken übersät war. Von hier war die Aussicht umwerfend. Zugegeben, wir konnten nicht die Spitzen der umliegenden Vulkane sehen. Aber die hatte ich mittlerweile auch oft genug gesehen, ich fand den wolkenverhangenen Himmel viel spannender. Das Lichtspiel war grandios, die Sonne schien immer mal wieder auf die Felsen herab, und nach den obligatorischen Fotos legten wir uns auf die sonnenwarmen Steine. Nach einer knappen Stunde Faulenzen kamen die Wanderer, die mit uns im Bus hergekommen waren. Ich selbst hatte wie immer keine Uhr um, aber Nacho meinte, wir hätten nur knapp drei Stunden für den Aufstieg gebraucht, statt der angekündigten vier.

Der See im Norden ist der Lago Caburgua.

Rechts der Quetrupillán, links, unter dicken grauen Wolken versteckt, der Lanín. Im Vordergrund einige Araukarien.

Die Araukarien aus der Nähe. Man sieht sie nicht oft so nah von oben...

Rechts von mir ist der Villarrica in den Wolken versteckt. Die Lagune weiter im Vordergrund ist die Laguna Negra.

Hinlegen und Beine hoch, mit dem Panoramablick von oben... Der Wind pfiff ein wenig um die Steine, aber mit Weste und Regenjacke ließ es sich eine Stunde lang aushalten.

Kurz nachdem die anderen angekommen waren, zogen immer dichtere Wolken über die benachbarten Berghänge und schon bald bekamen wir die ersten Tropfen ab. Wir schnappten unsere Rucksäcke und machten uns an den Abstieg. Zurück an den Lagunen war der Regen immer noch sehr fein und wir beschlossen, den alternativen Weg um die anderen Lagunen herum auch noch zu gehen.

Die Wolken kommen...

Die Lagunen waren großartig. Immer wieder standen wir am Ufer eines kleinen flachen Sees, der von Gras, totem Holz und Araukarienwald umgeben war. Ab und zu stießen wir auf ein paar Enten, und immer wieder tauchte der Weg zurück in den Märchenwald um später an einer anderen Lagune herauszukommen.

Als wir an der Laguna Escondida (die versteckte Laguna) waren, entschieden wir, dem grünen Weg zu folgen. Von der Entfernung her würde es keinen Unterschied machen, welchen Weg wir nahmen, so konnten wir aber noch ein paar Lagunen mehr entdecken. Mittlerweile nahm der Regen immer mehr zu. Den kleinen Abstecher zum Krater machten wir auch noch – diese Lagune lag tatsächlich im Krater eines längst verloschenen Vulkans.

Das ist ein Hued Hued, die chilenische Variante des Kuckucks, denn er ruft die ganze Zeit "uettuett".

Der Weg war zuletzt immer schmaler geworden, teilweise mussten wir uns regelrecht durch die Büsche schlagen. Der Regen von oben war gar nicht so stark, außerdem trugen wir Regenjacken und hatten Hüllen für die Rucksäcke dabei. Regenhosen dagegen hatte keiner von uns beiden. Und so dauerte es nicht lange, bis sich unsere Hosen mit dem Wasser von den Büschen vollgesogen hatten. An der halbausgetrockneten Laguna El Carpintero bemerkte ich, wie Nacho das Wasser in den Schuhen schwappte, und meine Trekkingschuhe fingen auch langsam an durchzuweichen. Ein Blick auf die Karte wurde immer schwerer, weil sich das völlig durchnässte Papier kaum mehr zerstörungsfrei auseinander falten ließ. Nebeneinander laufen ging schon lange nicht mehr, und so stapfte ich zügig hinter Nacho her, der immer mal wieder auf mich warten musste. An einigen Stellen war der Weg eigentlich nur noch mit dem sechsten Sinn erkennbar, manchmal mussten wir über vom Regen glitschig-nasse Baumstämme klettern.

Kein Weg sichtbar? Fand ich auch. Wenn ich nicht gerade über die Baumstämme geklettert wäre, hätte ich auch nicht geglaubt, dass dort ein Weg langführt.

An der Laguna Las Mellizas ("Die (zweieiigen) Zwillinge", umgeben von einem wabernden Wolkenmeer (Bild oben und unten).

Ein verrottender Araukarienstamm am Ufer der Laguna El Carpintero ("Tischler").

Als wir wieder auf den Hauptweg stießen, wichen die Büsche endlich zurück, aber unsere Hosen waren tropfnass. Meine Socken waren durchgeweicht, aber zumindest lief mir das Wasser nicht zwischen den Zehen hindurch. Schweigend gingen wir so schnell wie möglich den Weg entlang. An der ersten Lagune warf ich noch schnell einen Blick zurück. Auf dem Hinweg hatte ich gehofft, hier länger Rast machen zu können. Nun war hier nur ein dichter Wolkenschleier, der wenig zum Verweilen einlud. Noch etwa eine Viertelstunde, dann kam der kurze Abstieg zum Refugio. Der Weg war glitschig, und entsprechend langsam kam ich voran.

Kurz vor dem Refugio.

Im Refugio, kurz vor Aufbruch.

Aus dem Dach des Refugio kam Qualm, und wir betraten die Hütte. Drinnen brannte ein Feuerchen, und vier Personen verteilten sich in dem großen Raum. Ich setzte mich erschöpft auf eine der Holzbänke und genoss, mich vorläufig nicht mehr bewegen zu müssen. Die letzten zweieinhalb Stunden hatten wir keine Rast mehr gemacht. Wir zogen unsere Regenjacken, Schuhe und Socken aus und ließen unsere Hosen trocknen. Ich teilte meine letzten Kekse, einer der anderen Gäste bot uns Tee an. Nach einer halben Stunde kamen zwei Familien an, mit kurzen Hosen, völlig durchnässt und ziemlich fertig. Die Tochter erzählte, dass sie dreimal gefallen war. Nacho bekam noch einen Schluck Schnaps, ich drängelte zum Aufbruch. Der Busfahrer am Morgen hatte gesagt, dass der Bus nach Pucón um 5, um 7 und 9 vorbei kommen würde. Wir wollten gern den Bus um 7 erreichen, aber mittlerweile war es schon weit nach 6. Je länger wir warteten, umso mehr graute mir vor dem Abstieg.

Kurz vor halb sieben brachen wir endlich auf. Wir rannten halb den Berg hinunter und überholten schon bald die beiden Familien, die vor uns aufgebrochen waren. Dann wurde der Weg steiler und steiler… und vor allem matschiger. Ich war froh, dass ich meine Trekkingschuhe anhatte, trotzdem gab es Stellen, an denen ich mich vorher erstmal sammeln und tief Luft holen musste. Mit jedem Schritt nach unten spürte ich meine Prellung an der Hüftung, nach einem Sturz auf die linke Seite würde ich vermutlich nicht so schnell wieder aufstehen.

Steil und matschig, und das nach etwa sieben Stunden unterwegs...

Der Weg war endlos. Ab und zu sah ich Nacho, der auf mich wartete, dann war er schon wieder hinter der nächsten Serpentine verschwunden. An besonders glatten Stellen wich ich in das Bett des Wasserlaufs aus. Das war zwar auch glitschig, enthielt aber ein paar Steine, die ein wenig mehr Reibung für meine Schuhe boten. Ich habe ohnehin eine Abneigung gegen Abstiege, aber dieser war die Hölle. Weil wir den Bus erreichen mussten, konnte ich nur ganz kurze Verschnaufpausen einlegen, wenn die Knie anfingen zu zittern. Mir brannten die Oberschenkel.

Dann kam der Schotterweg in Sicht. An der Weggabelung eröffnete mir Nacho, dass es fünf vor sieben sei. Also aktivierte ich die letzten Überreste meiner Kraftreserven und joggte mit ihm ein Stück. Mit 2seiner Energie schien es auch nicht mehr weit her zu sein, und so legten wir die letzte Hälfte des Weges in flottem Trab zurück. Noch schnell aus dem Buch austragen, fünf nach sieben standen wir an der Bushaltestelle.

Ich ließ kurz den Schweiß auf meiner Haut trocknen, dann zog ich alles an, was ich an Kleidung mithatte. Meine kraftlosen Finger zogen mit Mühe mein drittes Baguettebrötchen vom Morgen aus dem Rucksack. So ein halbes Brötchen für jeden ist nicht viel, kann aber ungemein glücklich machen. Dazu noch ein unreifer Apfel vom Baum auf der anderen Straßenseite, und wir würden noch ein Weilchen durchhalten können. Nach einer Viertelstunde fiel mir auf, dass ich meine Regenhülle vom Rucksack verloren hatte. Ich joggte ohne viel Hoffnung zum Eingang des Santuarios zurück, fand meine Hülle dort aber tatsächlich. Weiter hätte ich mich auch nicht getraut, denn der Eingang war einige hundert Meter von der Straße entfernt und außer Sichtweite. Wir warteten nochmal eine halbe Stunde, so langsam machte sich Müdigkeit und Kälte breit. Es goss immer noch in Strömen.

Ich erfuhr, dass Nacho Physiotherapie studiert, und noch zwei Jahre vor sich hat. Als Bergführerassistent arbeitet er nur im Sommer. Physiotherapeuten müssen massieren können, und so überredete ich Nacho, mich zu massieren. Mit Erfolg: In dem Moment, als ich meine Regenjacke auszog, kam der Bus, es war kurz vor acht.

Auch gut, so bekam ich meine Massage eben im einigermaßen warmen Bus. Auf der zweiten Hälfte der Fahrt massierte ich Nacho, dann waren wir in Pucón. Wir schleppten uns – ok, ich schleppte mich, Nacho trabte fröhlich neben mir her – zum Volcamburguer, um eine ausgefeiltere Entscheidung zu treffen fehlte mir die Energie. Der Burger war herrlich, am Ende musste ich tatsächlich kämpfen, um ihn zu schaffen.

Anschließend ging Nacho noch zum Grillen, ich selbst haute mich erstmal ins Bett. Ruben hatte mich angerufen, als wir gerade auf der Hütte waren, wir wollten noch tanzen gehen. Eine Stunde, nachdem ich mich schlafen gelegt hatte, und nach einigen Wirrungen trafen Ruben und ich in einer Bar auf Nacho und seine Freunde. Als Nacho noch ein weiteres Bier bestellte und keinerlei Anzeichen zeigte, demnächst tanzen gehen zu wollen, brachen Ruben und ich zu zweit auf. So richtig fündig wurden wir in dieser Nacht aber nicht, überall wo wir waren, war der Anteil an elektronischer Musik ekelhaft hoch. So waren wir am Ende nicht mehr allzu lange unterwegs, trotzdem war ich am nächsten Morgen so breit wie schon lange nicht mehr.

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

29.01.2014 Nachmittagsklettern

3. February 2014

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Schon seit Tagen fragte mich Nacho, der formell Ignacio heißt, ob und wann ich mit ihm klettern gehen wollte. Natürlich wollte ich, nur brauchte ich dafür etwas mehr Zeit als zwischen meinem normalen Arbeitsende um 6 und dem Sonnenuntergang um 9. Also überredete ich meinen Chef, mich am Mittwoch anderthalb Stunden eher gehen zu lassen.

Kurz vor vier kam Nacho tatsächlich und versprach, mir in einer halben Stunde einen Gurt und ein Fahrrad mitzubringen. Halb 5 bekam ich eine SMS, dass es noch ein Weilchen dauern würde, weil er noch ein Fahrrad für mich auftreiben müsste. Kurz nach 5 rief er im Büro an und Viertel 6 kam er dann ins Büro.

Wir liehen uns einen Helm aus unserer Ausrüstung, ich entleerte meinen Rucksack noch schnell zu Hause, stellte den Fahrradsattel auf einen vernünftige Höhe und dann strampelten wir los.

Zwei Kletterstellen sollte es geben, eine mit vielen Routen aber anderthalb Fahrradstunden entfernt, und eine mit einer einzelnen Route, dafür aber nur 20 Minuten entfernt. Angesichts der Uhrzeit entschieden wir uns für die nähere Strecke.

Wir fuhren, nein, flogen die Straße entlang, ich konnte einigermaßen Nachos Tempo mithalten. Viel früher als erwartet bogen wir auf eine der Schotterstraßen und kurz darauf in einen kleinen Seitenweg. Der führte durch dichtes Gestrüpp, und in dem Pfadgeflecht, dass nun kam, hätte ich mich garantiert dreimal verfahren. Haarscharf an Uferkanten vorbei, durch zwei Tore, die schmaler waren als die Lenkerstange breit, und tief gebückt unter herabhängenden Zweigen hindurch. So langsam verstehe ich, warum praktisch alle Fahrräder hier Mountainbikes sind.

Am Ende stellte sich heraus, dass der Weg eine Alternative zu der Strecke war, die ich am Samstag mit Ruben gefahren war – wir überquerten die gleiche Brücke, bogen in den gleichen Schotterweg. Nach einigen hundert Metern allerdings bogen wir wieder ab. Vorbei an Holzhütten und schiefen Zäunen, kam irgendwann wieder freie Schotterstraße in Sicht. Ich wollte mich gerade einen Anstieg hochstrampeln, als ich Nacho hinter mir pfeifen hörte.

Einen kaum sichtbaren Schleichpfad entlang bewegten wir unsere Fahrräder, halb schiebend, halb fahrend. Nach einem Stück über struppiges Feld sah ich dann endlich eine Felswand, die kletterbar aussah.

Wir legten unsere Fahrräder in den Schatten und zogen die Gurte an. Dann stieg Nacho einen Trampelpfad nach oben, um das Seil zu befestigen. Das dauerte geschätzt eine halbe Stunde, dann kam er endlich runter. In der Zwischenzeit schaute ich mich um und langweilte mich. Felswand vor mir hatte eine Neigung von etwa 70-80 Grad, aber auch einige senkrechte Stufen. Insgesamt war sie knapp 30m hoch. Auf den ersten paar Metern gab es schöne große Griffe und Tritte und ich befürchtete schon, dass ich in wenigen Minuten oben sein würde.

Die kleine, aber feine Kletterstelle, etwa 30m hoch. Rechts unten Nacho.

“Ladies first”, sagte Nacho, und ich fing an, das Seil in meinen Gurt zu knoten. Nach vier Versuchen und lautem Fluchen meinerseits zeigte mir Nacho den Knoten, dann kletterte ich los. Die ersten paar Meter waren tatsächlich sehr einfach, dann kam die erste steilere Stelle, an der meine Füße keinen genügend großen Halt fanden. Nach einigen vergeblichen Versuchen schaffte ich es doch weiter und erreichte bald darauf den großen Absatz. Oder zumindest das, was man so als großen Absatz bezeichnet, wenn man sich vorher auf Fingerspitzen vorwärts bewegt hat.

Danach kam eine hässliche Kante, leicht überhängend und mit riesigem Abstand zwischen den Griffen. Irgendwie habe ich mich hochgehangelt und bin dann den nächstbesten Tritten gefolgt. Ich sah, dass an der Wand vor mir keine Griffe waren, aber ich kam auch nicht weiter nach rechts. Also stemmte ich mich breitbeinig zwischen zwei Seitenwänden hoch. Zwischenzeitlich rutschte ich wieder ein Stück zurück zum letzten Tritt. Nach dem nächsten halben Meter,den ich mich hochgearbeitet hatte, war der Fels blank und obwohl ich mit den Fingern versuchte mich zu halten, rutschen meine Schuhe unaufhaltsam nach unten.

Nachdem ich nun eh im Seil hing, beschloss ich, mich nach rechts rüberzuhangeln. Gedacht, getan, noch ein paar Klimmzüge, dann konnte ich den letzten Meter zur Seilhalterung praktisch laufen und ließ mich endlich abseilen.

Das erste Stück ist vergleichsweise einfach.

Unten angekommen, begutachtete ich kurz meine Kratzer am linken Bein, trank einen Schluck Wasser, dann war Nacho an der Reihe. In gefühlt fünf Minuten war er oben, und kletterte gleich ein zweites Mal hoch. Ich schaute mir seine Route an, um bei meinem zweiten Versuch nicht wieder im Nirgendwo hängen zu bleiben.

Bei meinem zweiten Versuch lieh ich mir Nachos Kletterschuhe. Die waren mir zwar zwei Nummern zu klein, dafür hatten sie deutlich bessere Haftung am Fels als meine Trekkingschuhe. Bis zur ersten Kante konnte ich fast mühelos hochklettern. An dem Überhang knabberte ich nochmal, doch diesmal hielt ich mich gleich danach weiter rechts. Die Stelle war nicht einfach, aber hatte einige Griffe, an denen ich mich hocharbeiten konnte. Etwa auf der Höhe, auf der ich zuvor ins Seil gerutscht war, blieb ich wieder stecken. Ich nutzte eine der Ösen, die eigentlich fürs Sichern beim Toprope-Klettern gedacht waren, als zusätzlichen Griff und kam damit bis zum letzten Absatz. Nochmal kurz anstrengen, dann war ich an der Halterung. Diesmal war ich um einiges schneller gewesen als beim ersten Mal, aber noch nicht so recht zufrieden. Die Öse gehört schließlich nicht zum Fels.

Nachdem Nacho noch zweimal geklettert war, machte ich mich an meinen dritten Aufstieg. Nicht immer elegant, aber diesmal ohne zu Schummeln gelangte ich oben an, während hinter mir die Sonne unterging. Oben angekommen, löste ich die Kamera vom Gurt und machte vorsichtig ein paar Fotos vom Vulkan und der untergehenden Sonne, dann ließ ich mich zum letzten Mal abseilen. Als ich unten war, klopfte ich den Staub von mir ab und zog mir einen Pullover über.

Sonnenuntergang am Villarrica...

Ich sicherte Nachos Aufstieg ein letztes Mal, dann löste er das Seil während ich mir unten eine blutige Schlacht mit den Mücken lieferte. Ich trug etwa fünf bis sechs Stiche davon, und genauso viele Mücken habe ich nach und nachvon meiner Handfläche gekratzt.

Wir packten zusammen, schnappten die Fahrräder und suchten unseren Weg durch das Stoppelgras. Mittlerweile war es schon ziemlich dunkel, der Sonnenuntergang hier ist etwas schneller als in Deutschland.

Wenn man genau hinschaut, kann man zwischen den Zweigen Nacho erkennen. Aber ich geb zu, dass das kein besonders gutes Foto ist. Auf dem Fels stand es sich nicht sonderlich bequem...

Habe ich schon erwähnt, dass wir mit Mountainbikes unterwegs waren? Ohne Licht natürlich?

Ich fuhr langsam die kurze Abfahrt auf der Schotterstraße herunter, immer hinter Nacho her. Von dem, was dann geschah, habe ich mir hinterher vieles zusammen gereimt, an manches erinnere ich mich sogar.

Mein Vorderrad geriet in eine schmale Senke, von abfließendem Wasser tief in die Straße gegraben worden war. Das Hinterrad bewegte sich ungebremst weiter, und am Ende lag es entgegen der Fahrtrichtung am Straßenrand. Darunter lagen meine Beine, meine Oberkörper landete unsanft im Straßengraben. Ich bekam einen Schlag ins Gesicht und schmeckte Blut. Beim Aufrichten spürte ich die stacheligen Pflanzen unter mir, die meinen Sturz abgefedert hatten.

Ich sortierte meine Glieder, schloss erleichtert ernsthafte Verletzungen aus und sammelte mich kurz.
Eine spätere Bestandsaufnahme sollte eine zerbissene Unterlippe, zwei monströse blaue Flecken am linken Bein und an der Hüfte, mehrere Dornen in der rechten Handfläche, Kratzer am Brustkorb (ja, durch Pullover und T-Shirt hindurch) und zwei ordentlich zerbeulte Knie ergeben.

Ich lief zu Nacho, der ein paar hundert Meter weiter auf mich wartete. Wir fuhren langsam Richtung Pucón und einem heißersehnten Abendessen entgegen. Wir stellten die Fahrräder im Vorgarten meiner Gastgeber ab, die Sättel deponierten wir im Haus. Dann gingen wir in das Restaurant gegenüber von meinem Büro, dem “Volcamburguer”. Während wir auf unsere Burger warteten, nutzte ich die Toilette für eine Grobreinigung.

Der Burger war großartig, wenn auch die salzigen Fritten auf der Unterlippe brannten. Chilenische Burger sind flach, haben aber einen Durchmesser wie ein zünftiger nordamerikanischer Burger. Neben den üblichen Zutaten Fleisch, Tomaten, Mayonaise, zeichnen sich die Burger hier durch eine Schicht geschmierte Avocado aus. Außerdem gibt es zum Essen je ein kleines Schälchen mit Ketchup, chilenischem Senf und grüner Chilipaste, die aber nicht sonderlich scharf ist. Das Ganze für etwa 5 EUR, also vergleichbar mit europäischen Preisen. Leitungswasser gibt es kostenlos dazu, und für Europäer verträglich ist es auch.

Während des Abendessens sprachen wir über meine Pläne für den kommenden Tag, meinen freien Tag. Ich hatte eigentlich ganz einfallslos vor, mir endlich mal die Nachbarstadt Villarrica anzuschauen. Aber dann erinnerte mich Nacho an die Existenz des Reservates “El Cañi”. Er selbst würde auch frei haben, und so hab ich ihn überredet, mit mir zum Reservat zu fahren.

Gegen Mitternacht verließen wir das Restaurant und machten uns auf den Weg zum Busterminal, von dem aus Busse zum Cañi fahren – dasselbe, an dem ich auf meinen Bus zum Nationalpark gewartet hatte. Das Terminal hatte jedoch schon zu, und die Busfahrpläne hingen natürlich drinnen. Nach kurzem Zögern kletterte ich kurzentschlossen über den Zaun und lief zu den Fahrplänen. Zurück auf der anderen Seite, verabredeten wir uns für den Bus 10:30 Uhr zum Reservat. Nacho brachte mich noch nach Hause, holte seine beiden Fahrräder, dann duschte ich noch schnell und schlief schon,bevor mein Kopf das Kissen erreichte.

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

25.01.2014 Mountainbiketour

27. January 2014

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Bevor ich zur Tour komme, möchte ich kurz meinen Begleiter vorstellen: Ruben, freiberuflicher Bergführer in Chile, Triathlet, und mit einer Deutschen verheiratet. Sein Deutsch ist langsam aber gut, trotzdem unterhalten wir uns hauptsächlich auf Englisch. Kennen gelernt hat er mich an meinem zweiten Tag in Pucón, dem Tag des Iron Man. Da der Fahrradteil bei uns in der Straße anfing, hatte er nach dem Rennen kurz sein Fahrrad bei uns reingestellt. Allerdings habe ich an dem Tag mit so vielen neuen Leuten zu tun gehabt, dass ich mich an ihn nur sehr dunkel erinnern kann. Deshalb habe ich ihn einen Tag vor meinem Hundebiss kennen gelernt, und seitdem waren wir mehrmals zusammen essen und er hat angeboten, mir ein wenig die Gegend zu zeigen und mir ein paar Vorschläge gemacht.

Für gestern haben wir uns also zum Mountainbikefahren verabredet. Für mich hatte er ein Bike von einem Freund ausgeliehen, außerdem brachte er ein paar Fahrradklamotten für mich mit. Am Abend zuvor war er noch mit Freunden einen trinken, daher war er am Vormittag noch ungewöhnlich ungesprächig. Mir war das nur recht, denn ich hatte mit meinem Fahrrad noch etwas zu kämpfen. Die Gangschaltung ging falsch, d.h. anders als an meinem eigenen Fahrrad in Deutschland, und so schaltete ich öfter mal in die falsche Richtung. Der Sattel war die Hölle, aber am schlimmsten war der Lenker. Bei der kleinsten Druckverlagerung brach er sofort seitlich aus.

Wir fuhren als erstes aus Pucón raus, immer an der Straße entlang. Anfangs gab es einen Fahrradweg, später bogen wir von der Landstraße in eine kleinere Nebenstraße, überquerten den Trancura, und landeten schließlich auf einer Schotterstraße. Dank der breiten Bereifung war der Untergrund kein Problem.

Der Río Trancura, kurz vor der Mündung in den Villarrica-See, Richtung Süden geblickt. Im Hintergrund Lanín und Quetrupillán.

Dann kam, was Ruben eine “kleine Überraschung” nannte, eine Steigung vergleichbar mit dem Anstieg die PöHö hinauf, also ziemlich steil und langgezogen. Ich schaltete erst in die falsche Richtung, kam also vor Beginn der Steigung nicht mehr in einen niedrigen Gang und machte daher nach ein paar Höhenmetern schlapp. Ich schaffte es, am Berg wieder anzufahren und herunterzuschalten, aber kurz darauf kam ein steilwandiges Loch in der Straße, in das mich der wackelige Lenker beinahe hineinmanövrierte. Zwischendrin ging es kurz bergab, in der nächsten Steigung hatte ich dann die Nase voll und nahm auf einer kleinen Kuppe Rubens Angebot an, sein Fahrrad zu nehmen.

Weil der Ort günstig war, schlüpfte ich gleich noch hinter ein Gebüsch und wechselte in seine Fahrradklamotten. Das Oberteil war mir um drei Nummern zu weit und die Hose zu eng – aber immerhin hatte sie ein gutes Polster. Auf der nun folgenden Abfahrt bekam ich es mit der Angst zu tun. Vor allem das erste Stück war weicher Schotter durchsetzt mit fiesen Bodenwellen, und das Fahrrad war gefühlt einen halben Meter kürzer als das vorherige. Egal wie weit ich versuchte, das Gewicht nach hinten zu verlagern, ich hatte immer das Gefühl, gleich vornüber zu kippen. Immerhin war der Lenker an dem Fahrrad deutlich stabiler. Die Gangschaltung machte genauso wie an dem anderen Fahrrad unverhersehbare Dinge, reagierte manchmal aber auch gar nicht. Dem Durchratschen der Kette nach zu urteilen, müssen auch einige der Zahnräder schon fast zahnlos sein. Der Sattel fühlte sich bequemer an, aber ich tippe, dass dieses trügerische Gefühl eher auf die Hose zurückzuführen war.

Nach einem furchterregendem Kilometer abwärts wurde die Strecke etwas flacher, und irgendwann ging es wieder bergan. Stetig und mehr oder weniger langsam, aber inzwischen bekam ich die Gangschaltung schon einigermaßen in den Griff.

Ich war vollauf damit beschäftigt, die Aussicht hinter mir (der Villarrica, was sonst) zu bewundern, ohne das Fahrrad in den Straßengraben zu befördern. Plötzlich standen wir vor einer Holzhütte und Ruben drückte einer Dame 1000 Pesos in die Hand – Eintritt für zwei Personen. Einen weiteren Kilometer später begriff ich, wo wir waren, an den Ojos de Caburga.

Drei kleine Wasserfälle an den Ojos de Caburgua, die mitten im Wald liegen und unterirdisch vom Lago Caburgua gespeist werden.

An einem mittelgroßen Staubparkplatz hielten wir an, Ruben legte sich neben den beiden Fahrrädern auf eine Holzbank im Schatten, und ich zog mit der Kamera los, den chilenischen Touristen hinterher.

Die Ojos de Caburga sind kleine Quellen, die sich mitten im Wald befinden. Die Touristenattraktion besteht aus mehreren Aussichtsplattformen, die über mehr oder minder wegsame Matschpisten verbunden waren, und von denen aus man einen schönen Blick über drei bis vier kleine Wasserfälle hat. Bedenkt man die abgeschiedene Lage, quoll das Gelände geradezu über von Touristen, und auf einem der steileren ausgetretenen Weg rutschte ich auch prompt aus und konnte mit Mühe und meinem rechten Zeigefinger verhindern, dass ich mit der Hose über den Schlamm rutschte. Der Finger blieb heil, wohl auch, weil ich mit der linken Hand doch noch den nächsten Teil des Geländers erwischen konnte.

Etwas oberhalb der Wasserfälle befand sich noch eine kleine Lagune, die Laguna Azul. Eine landschaftlich wunderschöne Gegend, aber wenn Chile seine Drohung wahrmacht und nochmehr Touristen ins Land holt, bleibt von der Schönheit dieses Kleinods nicht viel übrig.

Zurück am Parkplatz aß ich ein mitgebrachtes Brötchen, während Ruben noch etwas benommen danebensaß. Als wir aufbrachen, fuhren wir mit unseren Rädern an einer kleinen Kolonne Autos vorbei – auf der schmalen Straße unmittelbar vor dem Parkplatz sammelten sich ein paar Autos, die nicht an den Autos vorbeikamen, die vom Parkplatz runter wollten.

Wir verließen den kleinen Park, folgten noch ein Stückchen der Schotterpiste und bogen dann auf die Landstraße ein. An der Einmündung standen einige Polizisten, die uns zu sich auf die Straße wunken – zufällig war gestern der letzte Tag der Trans Andes Challenge, einem 6-tägigen Rennen von Puerto Pirehueico in den Anden bis nach Pucón, mit der letzten Etappe von Huife nach Pucón. Auf halber Strecke etwa liegt Caburgua, und auf der Straße kamen uns tatsächlich einige Mountainbikefahrer entgegen. Die rasten bergab, während wir uns in der brütenden Mittagshitze in praller Sonne nach oben quälten. Unterwegs wechselten wir mehrmals die Position, und jedesmal grinste mich Ruben, der Sack, an. Wir passierten die Stelle, an der die Schotterstraße zum Nationalpark Huerquehue abzweigt. Kurz darauf hielt Ruben vor mir und rief mir zu, ob ich eine Pause machen wollte. An diesem Punkt hatte ich schonjegliches Gefühl für Schmerz überwunden und ich strampelte langsam, aber stetig vor mich hin.

Irgendwann, nach sehr langer Zeit, erreichten wir die Kuppe und es ging bergab. Ich stand die meiste Zeit in den Pedalen, ich war so froh, meinen Hintern vom Sattel heben zu können, denn so langsam tat der trotz Hosenpolster weh. Nach nur wenigen Minuten erreichten wir Caburgua und vor allem den dazugehörigen See. Mit den Bikes fuhren wir bis direkt ans Wasser. Einige Sonnenschirme hatten sich auf der rechten Seite der Zufahrt angesammelt, wir fuhren nach links und hatten den Strandabschnitt fast für uns allein. Ich selbst konnte nicht schwimmen gehen, aber der Strand fiel so flach ab, dass ich mehrere Dutzend Meter ins Wasser laufen konnte, bis ich bis etwas über die Knie im Wasser stand. Ruben ging noch weiter und schwamm ein Weilchen.

Der Strand des Lago Caburgua. Rechts ein paar Sonnenschirme, links fast menschenleer. Weiter den Strand entlang befindet sich der Playa Blanca, ein weißer Strand, aber so weit wollten wir nicht fahren.

Blick vom Wasser aus in die Richtung, aus der wir gekommen sind - zum Vulkan Villarrica. Dazwischen unsere Rucksäcke und Fahrräder.


Anschließend legten wir uns in die Sonne zum Trocknen, nur um uns fünf Minuten später doch in den schützenden Schatten zurück zu ziehen. Mit dem Wind war es dort ganz schön kühl. Während Ruben schlief, balancierte ich nochmal über die heißen Steine zum Strand.

Wer erkennt´s wieder? Hinter der Hügelkette liegt der San Sebastián, der Berg im Nationalpark Huerquehue, den ich letzte Woche hochgeklettert bin.

Nach etwa zwei Stunden am Strand brachen wir wieder auf. Wir konnten entweder die Straße, die wir uns hochgequält hatten, hinunter rasen, oder etwas neben der Straße eine kleine Downhillstrecke fahren. – Wenn schon, denn schon, dachte ich, und wir bogen nach rechts auf eine Schotterpiste. Ich hatte das Fahrrad jetzt etwas besser unter Kontrolle, und Ruben schien endlich etwas wacher zu sein. Ich brauchte meine volle Konzentration, um die Schlaglöcher rechtzeitig zu sehen und besonders weichen Stellen auszuweichen, aber ich kam heil unten an. An einer besonders steilen Stelle hielt Ruben vor mir an – als ich dort ankam, verstand ich auch warum. Die enge Kurve, die nun kam, war an ihrer Außenseite mit großen Felsbrocken gesäumt. Ruben erzählte, dass er, als er dort das erste Mal mit seinen Freunden langfuhr, der einzige war, der nicht an dem Haufen kleben geblieben ist. Das neue Stückchen Stacheldraht, das dort angebracht war, hätte eine Kollision mit den Felsen auch nicht verhindert.

Kurz darauf bogen wir wieder auf die Straße ein, die Polizisten, die uns zuwinkten, dachten vermutlich, wir nähmen am Rennen teil. Immerhin hatten wir gleiche Trikots an und ich hatte noch eine Nummer am Fahrrad hängen. Das Gute war, dass die Autos von links auf uns warten mussten, bis wir vorbei waren.

Von nun an ging es ein gutes Stück bergab. Das war wohl der angenehmste und schnellste Teil der Tour, wenn ich überhaupt trat, dann nur im stärksten Gang. Nach einer Brücke hielten wir an, kletterten am Brückenpfeiler hinab und setzten uns am Flussufer auf die Steine. Hier war es angenehm kühl. Nach einer Weile kamen die ersten Kayaks vorbei, dicht gefolgt von den ersten Schlauchbooten mit Touristen. Unter der Brücke befand sich die erste Stromschnelle, die die Klasse III Rafting-Touris absolvieren müssen. Wir schauten zu, wie alle, die durchkamen, ordentlich nass wurden. Nach drei Schlauchbooten war diese Gruppe durch und die Begleitkayaks zogen ab. Ich legte mich noch einmal faul auf die warmen Steine, bis die nächste Gruppe kam. Diesmal war ein reines Frauenboot dabei, das mit Abstand am lautesten kreischte. Sie wurden wie die vorherige Gruppe dabei vom Begleitkayak aus fotografiert; das erste Boot der jeweiligen Gruppe schaute zu, wie die Nachfolger sich in der Stromschnelle schlugen.

Gleich geht´s abwärts...

Nach der zweiten Gruppe brachen wir wieder auf. Unter Qualen setzte ich mich wieder aufs Fahrrad und strampelte los. Nach dem ersten Kilometer waren die Muskeln wieder warm und der Schmerz im Hintern betäubt. Von nun an hatten wir schöne Aussicht auf den Villarrica von Osten her und Gegenwind. Ich schloss dicht zu Ruben auf, und kam gleich viel entspannter vorwärts.

Ich fühlte mich, als könnte ich noch zwanzig Kilometer so fahren. Das sagte ich auch.

In Pucón angekommen, schlug Ruben vor, sich noch den Wasserfall Salto el Claro anzuschauen, und ich stimmte zu. Als wir auf eine Schotterpiste (schon wieder Staub…) einbogen, fragte ich sicherheitshalber nach, wie weit der Umweg denn ist. Ich machte den Fehler, den fünf Kilometern in einer Richtung zuzustimmen – was ich nicht ahnte: davon würden vier Kilometer steil bergauf führen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir etwa 40 km zurück gelegt.

An der ersten Steigung ahnte ich noch nichts Böses. Ein bisschen hoch und runter, das würde ich noch hinkriegen. In meiner Vorstellung ging ich noch davon aus, dass wir zum Fuß des Wasserfalls fahren würden, und natürlich befand sich der Fuß etwa auf der Höhe von Pucón. Nach der ersten Steigung kam die nächste, und danach noch eine, und langsam ging mir die Kraft aus. Zwischenzeitlich ging es immer mal durch die Nachmittagssonne, aber auch im Schatten war es viel zu warm. Als wir Rast machten, hatte ich die Pause bitter nötig. Wieder – unter Schmerzen – auf dem Sattel, kam brach mir schon nach einer halben Minute wieder der Schweiß aus. Mehrmals musste ich absteigen und das letzte Stück einer Steigung schieben. Endlich kam die letzte Steigung, die wollte ich nochmal vollständig nehmen. Eine Bodenwelle zwang mich aber vom Sattel, und zweimal versuchte ich vergeblich, an dieser steilen Stelle aufzusteigen.

Kurz vor dem Ziel. Hinter der Wiese ist eine Schlucht.

Dieser Flattermann heißt Bandurria (ein Ibis) und ist in praktisch ganz Chile anzutreffen.

Irgendwie rumpelte ich hinter Ruben zwischen Kühen, borstigen Grasbüscheln, und langschnäbeligen Vögeln weiter, bis es endlich leicht bergab ging. Diesmal war der Weg voller Baumwurzeln. Nach etwa 500 Metern hatte ich weder Kraft noch Konzentration, um mich noch weiter über diesen Weg zu trauen. Doch das war auch nicht nötig, denn endlich hielt Ruben an. Wir stellten die Fahrräder ab und liefen an einem “Peligro”-Warnschild vorbei zu einem kleinen Bächlein. Zumindest sah es auf den ersten Blick so aus. Etwas näher an der Kante, konnte man 84m nach unten schauen, und das Rauschen des Wasserfalls hören. Wir kehrten zurück zu den Fahrrädern, hoben sie über einen Zaun, kletterten selbst und fuhren noch einmal ein paar Hundert Meter einen Wurzelweg entlang.

Näher geht´s nicht ran, die Steine sind mir zu glatt und glitschig. Wasserfall von oben...

Die Fahrräder abgestellt, stiegen wir nun zu Fuß ab. Immerhin, der Weg war zu steil und zu eng, als dass Fahrrad fahren in Fragen kommen könnte. Mit Mühe und Not überredete ich meine brennenden Oberschenkel, Ruben zu folgen. Mit Hilfe von Zweigen, Stämmen und Wurzeln als Haltegriffe gelangte ich heil unten an.

Die Tortur hatte sich gelohnt. Vor mir war eine 84m hohe Wassersäule, die sich unter lautem Getöse in einem engen Talkessel in einen winzigen Teich ergoss. Der Talkessel war voll mit Wassertröpfchen, und ein Wind zog kühl herab. Ich zog mir meine Strickjacke über meine schweißnasse Haut.

... und von vorn. Man kommt noch deutlich näher heran, aber dann passt der Wasserfall nicht mehr vollständig aufs Bild.

Ich wäre gern noch geblieben, aber Ruben wollte lieber oben im Warmen sitzen. Den Aufstieg schaffte ich problemlos, nur an den besonders matschigen Stellen musste ich etwas aufpassen. Nach einigen Metern zog ich meine Jacke wieder aus, und oben angekommen, fing ich schon wieder an zu schwitzen. Wir ruhten uns ein paar Minuten aus, tranken unser letztes Wasser und… während wir da saßen, kam eine Touristengruppe vorbei, die einen Reitausflug zum Wasserfall machte.

Ruben sprang schon wieder auf und holte die Fahrräder heran, die wir etwas abseits gestellt hatten. Ich hatte vorher schon leichten Groll gehegt, dass er mich hier hoch gelockt hatte. Natürlich war ich selbst mit schuld, aber er hätte mich schließlich warnen können. Jetzt aber begann ich ihn zu hassen, wie er da locker flockig durch die Gegend lief, während ich nach der Pause nur noch krauchend voran kommen würde.

Dann machten uns wieder auf den Weg. Irgendwie schaffte ich es, wieder auf den Sattel zu steigen, wenn auch nicht lautlos. Irgendwie schaffte ich es auch über den Stoppelweg. Und dann ging es bergab. Anfangs fuhr ich langsam, aber mit der Zeit traute ich mich immer schneller runter. An einer Stelle hielten wir an, und Ruben machte ein Beweisfoto von mir. Am Ende der Abfahrt hatte ich richtig gehend Spaß.

An einer etwas flachen Stelle auf der Mitte der Abfahrt. An den Hügeln auf der anderen Seite der Senke kann man etwa erkennen, wie steil unser Weg war.

Zurück auf der Straße war es nun nicht mehr weit. Wir brachten das Fahrrad zu dem Freund, von dem Ruben es am Morgen abgeholt hatte. Dann liefen wir zu mir nach Hause. Gerade als ich aus der Dusche kam, rief mich Ruben an, und fünf Minuten später trafen wir uns und gingen zum Strand. Während er schwamm, genoss ich, einfach nur dasitzen zu können und mich nicht bewegen zu müssen. Nach dem Abendessen, beschlossen wir noch tanzen zu gehen.

Jaja, wirklich. Da sich Ruben ohnehin umziehen musste, verabredeten wir, dass er mich in etwa einer halben Stunde anrufen würde, wenn er wieder in die Innenstadt kommt. Wenn ich dann noch wach wäre, könnten wir tanzen gehen. Zu Hause angekommen, legte ich mich ins Bett, haute Ohrstöpsel rein und schloss die Augen. Innerhalb von fünf Minuten war ich eingeschlafen.

Trotzdem schaffte ich es, am Telefon einigermaßen wach zu klingen. Kurz darauf trafen wir uns in der Innenstadt, es war etwa Mitternacht. Die “Disko” sollte erst um 1 anfangen, also setzen wir uns noch ein wenig auf die Terrasse einer Bar. Halb zwei zahlten wir dann die 5000 Pesos Eintritt und betraten die Tanzfläche.

Verglichen mit Deutschland, waren auffallend viele Männer auf der Tanzfläche. Ansonsten war das Durchschnittsalter Ende zwanzig, und so fühlten wir uns beide pudelwohl. Noch beim Abendessen hatte Ruben ausgerechnet, dass er um zwei gehen müsste, um für sein Rennen (für ihn ein Mini-Triathlon) in Villarrica am nächsten Tag einigermaßen fit zu sein. Dreiviertel vier gingen wir dann tatsächlich, und halb fünf fiel ich binnen Sekunden endlich in Tiefschlaf. Auch wenn ich am Tag darauf bei jedem Hinsetzen und Aufstehen laut stöhnen und überhaupt ziemlich zerschlagen sein würde, war das mein bisher schönster Tag gewesen.

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

16.01.2014 Parque Nacional Huerquehue

19. January 2014

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Pucón liegt im ehemals IX. Verwaltungsbezirk Chiles, der jetzigen Región de la Araucanía. Araukarias oder zu deutsch Araukarien sind Bäume. Und zwar ganz besondere Bäume, denn sie kommen nur in Chile und Argentinien, und auch nur ungefähr in diesen Breiten (39°S) vor. Deshalb ist dieser Verwaltungsbezirk ja auch nach diesen Bäumen benannt. Außerdem sehen sie sehr speziell aus, ihren grob verzweigten Ästen wachsen die Blätter direkt am Holz, ähnlich wie bei Palmen, nur dass die Blätter deutlich kürzer, fast Stummel sind. Bei jungen Araukarien ist auch der gesamte Stamm mit diesen kurzen Stummelblättern bedeckt. Wird der Baum älter, verliert er von unten her seine Blätter, bis am Ende, nach über 1000 Jahren, bis zu 2m dicke astlose Stämme dastehen, die nur oben ein pilzförmiges Dach tragen.

Eine recht junge Araukarie. Wenn das mit den 5cm Wachstum pro Jahr stimmt, duerfte dieser Baum etwa 50 Jahre alt sein. Man sieht den dicht noch dicht beblaetterten oberen Stamm, und den blattlosen unteren Teil.

Unter anderem der Araukarie zu Ehren wurde der Huerquehue-Nationalpark gegründet. Genau genommen ging der Huerquehue aus einem anderen, deutlich größeren Nationalpark hervor, wie aus der offiziellen Karte des Nationalparks hervorgeht. Dieser Nationalpark ist einer von vielen in der Region, wurde mir aber als besonders schön empfohlen und ist von Pucón aus innerhalb einer Stunde mit dem Linienbus zu erreichen.

Am Donnerstag hatte ich meinen freien Tag, und den wollte ich gebührend feiern. Ursprünglich wollte ich eine der kostenlosen täglichen Stadtführungen mitmachen und den Nachmittag am Strand verfaulenzen. Aber dann war die Anziehungskraft des Nationalparks doch stärker und ich habe mich am Mittwoch genauer mit der Anfahrt zum Nationalpark beschäftigt. Meine Kollegen hatten mir schon ungefähr erklärt, wo der Bus abfährt, und dass man für den ersten von vieren eine halbe Stunde eher da sein sollte. Da der erste Bus Richtung Nationalpark 8:30 Uhr fährt und der nächste erst 13:00 Uhr, habe ich sicherheitshalber noch Mittwoch Abend den Busbahnhof gesucht und mich am Kiosk nach den Gegebenheiten erkundigt. Tatsächlich: “um 8 da sein, spätestens zehn nach 8″.

Auf dem Ñirrico.

Als ich zwei Minuten vor um 8 am nächsten Tag im Bus Platz nahm, war ich die erste. Der Fahrer hatte noch nicht mal die Anzeigetafel im Fenster ausgetauscht. Zehn nach 8 gab es noch Plätze, aber zehn vor halb 9 wurden die ersten Stehplätze eingenommen. Als wir kurz nach halb 9 losfuhren, war der Bus – dem Standard nach eher mit einem Fernbus vergleichbar – nach europäischen Maßstäben voll, im Gang standen etwa ein Dutzend Menschen. Unterwegs hielten wir mehrmals im Nirgendwo an um weitere Passagiere mitzunehmen. Bis zu den ersten Stationen, an denen Menschen ausstiegen, war der Bus auch nach chilenischen Maßstäben voll, so dicht gedrängt, dass wenigstens niemand umfallen konnte. Die Luft war zum Schneiden, aber immerhin, ich konnte sitzen.

Blick vom Ñirrico auf den Tinquilco-See.

Während der Wartezeit am Busbahnhof habe ich eingehend die Karte des Nationalparks studiert, die ich aus dem Büro mitgenommen hatte. Ich wusste also, dass ich einen ziemlichen langen und schweren Wanderweg vor mir hatte, und so war ich froh, dass ich mich während der guten Stunde Fahrt im Bus noch ausruhen konnte. Die Fahrt kostete hin und zurück 3600 Pesos, der Eintritt zum Nationalpark für Ausländer 4500 Pesos. Beides zusammen kostete also etwa 13 Euro.

Dieses Blümchen hat es mir angetan. Es war bis auf etwa 1500m anzutreffen, und bis dahin auch sehr häufig und in den verschiedensten Mustern am Wegrand.

Der Huerquehue hat fünf markierte Wanderrouten (“Senderos”, alle fünf sind auf der oben verlinkten Karte eingetragen). Eine macht eine große Schleife im nördlichen Teil des Parks und dauerte etwa zwei Tage. Die kam also nicht in Betracht. Dann gab es das andere Extrem, einen kurzen, knapp 1km langen Weg mit Informationstafeln, der in etwa einer halben Stunde zu gehen war. Die Route “Los Lagos” führte mit 3.5h für 9km recht entspannt ein wenig bergan und dann an drei größeren Bergseen vorbei. Die Bilder dazu sahen recht idyllisch aus, klares blaues Wasser vor sattem, hügeligem Grün, ein paar Wasserfälle sollten auch dabei sein. Der “Quinchol” war vom Schwierigkeitsgrad her ähnlich, nur führte die Schleife nach dem Zustieg nicht durch Seenlandschaft sondern durch Aukarienwald. Außerdem versprach er Aussicht auf die umliegenden Vulkane. Entschieden habe ich mich dann für den San Sebastian, ich musste ja meinen geplanten Strandaufenthalt wettmachen… Der Sendero San Sebastian führt vom Lago Tinquilco am Parkeingang auf 750m Höhe auf den 1950m hohen Berg San Sebastian, den zweithöchsten Punkt im Nationalpark und der höchste auf offiziellen Wegen erreichbare.

Noch auf dem Quinchol. Die Bergspitze hinter dem großen, breiten Bergrücken im Vordergrund ist mein Tagesziel. Die baumlose Ebene aus vertrocknetem Gras ist die Pampa Quinchol, über die ich gleich muss.

Um auf den Wanderweg zu kommen, muss man erst dem Quinchol folgen, von dort zweigt der San Sebastian ab. Deshalb war mir auch nicht ganz klar, ob die angegebenen 5h (eine Richtung) für die Strecke ab dem Quinchol galten (so vermutete ich im Bus) oder für den gesamten Anstieg (die Idee kam mir erst unterwegs nach etwa 1h Anstieg, ich konnte also nicht mehr am Parkeingang fragen).

Blick über die Pampa nach vorn: gleich geht es in die Mittagshitze hinaus.

Blick von der Mitte der Pampa zurück. Die Schleife des Quinchol geht einmal um die große, grüne Kuppe herum, rechts der Lago Tinquilco. In Hintergrund links die Vulkane Quetrupillán und Villarrica. Mit scharfen Augen ist zwischen den beiden auch noch der Choshuenco erkennbar.

Tatsächlich gelaufen bin ich folgende Strecke: Als Erwärmung und zur Information den 1km langen Nirrico, anschließend den Zustieg des Quinchol und die erste Hälfte der Schleife, den San Sebastian hoch und wieder zurück, die zweite Hälfte der Quincholschleife und dann den Abstieg bis zum Ufer des Tinquilco hinunter, wo ich mich unter der Abendsonne von der Kruste aus Schweiß und Staub befreite.

Der Araukarienwald auf etwa 1600m Höhe.

Das erste Stück, der Ñirrico war landschaftlich sehr schön. Ein Wegchen schlängelte sich am Hang entlang durch verwucherten Wald, der immer mal wieder den Blick auf den darunter liegenden Tinquilco freigab. Die Informationstafeln waren dafür eine Enttäuschung. Ich habe gelernt, dass die Seen während der Eiszeit durch Gletscher entstanden sind, und dass, wenn die Bäume wegsterben, der Boden austrocknet. Die letzte der fünf von sieben angekündigten Informationstafeln verkündete inhaltsschwer – das Ende des Lehrpfades.

Eines der ganz wenigen Tierchen, die sich fotografieren ließen. Von den Vögeln habe ich bestenfalls verschwommene Aufnahmen machen können, selbst für den Kollegen hier brauchte ich den kompletten Zoom meiner Kamera. Warum die Eidechse hier Klapperschlange spielt und ihren Schwanz in die Höhe reckt, weiß ich nicht, vielleicht wollte sie ihn nicht schon wieder verlieren...

Derart enttäuscht machte ich mich über einen Schotterweg auf den Weg zurück zum Einstieg zum Quinchol. Der war leicht zu finden, nach einigen Metern bergan kam mir ein Mitarbeiter des Parks entgegen, dann hatte ich den Weg für die nächste Stunde für mich allein. An der zweiten Weggabelung sah ich den zweite rote Markierungsstange und freute mich schon, dass ich anhand der aufgemalten Zahlen ablesen kann, wieviel des Weges ich schon zurück gelegt hatte. Eine halbe Stunde später allerdings fiel mir auf, dass ich schon lange keine Stange mehr gesehen hatte, und tatsächlich war die Stange mit der “2″ auch die letzte der versprochenen 14.

Blick zurück über den Bergrücken, den ich gekommen bin. Der hellgrüne Fleck ist die Pampa. Man sieht rechts den Lago Tinquilco und dahinter den Lago Colico. Der weiße Vulkan ist der - Überraschung - Villarrica. Weiter links, das Dreieck, das ist der Lanín an der Grenze zu Argentinien. Zwischen den beiden der Quetrupillán und der Choshuenco. Pucón liegt hinter der Hügelkette hinter den beiden Seen.

Der Weg war trotzdem leicht zu finden, es war dieser überaus staubige Pfad, der steil nach oben führte und rechts und links von dichtem Unterholz gesäumt war. Gegen 11 machte ich an einem umgekippten Baumstamm rast, wechselte in kurze Hosen, cremte mich mit Sonnencreme ein, und aß etwas – die letzte Mahlzeit lag ja schon 3,5h zurück. Außerdem warf ich einen Blick auf die Karte, stellte erst jetzt mit Verwirrung fest, dass der San Sebastian ja gar nicht an einem Tag zu schaffen wäre, wenn zu den 5h für eine Richtung noch die 2h des Quinchol dazu kämen. Der letzte Bus nach Pucón fuhr 19:30, und ich hatte fest vor, diesen zu erreichen. Ich beschloss, mich beim Aufstieg zu beeilen, nicht mehr so den raschelnden Tieren nachzuspüren und allerspätestens um 4 umzukehren, egal wie weit ich vom Gipfel entfernt sein würde.

Den Weg bin ich eben hoch gekommen. Die Äste helfen enorm beim Aufstieg. Noch ist das Ende des Waldes nicht erreicht, der Weg wird noch enger, steiler und überwucherter.

Nach der ausgedehnten Rast schaffte ich den Rest des Anstiegs in etwa einer halben Stunde, hatte also gegenüber der offiziellen Zeit ein Viertel rausgeholt. Derart ermutigt, stapfte ich gleich weiter. Nachdem der steile Anstieg geschafft war, öffnete sich vor mir ein Märchenwald. Auf den letzten Höhenmetern hatte die Dichte an Araukarien deutlich zugenommen, und hier oben bestand der Großteil der Bäume aus diesen stacheligen Pilzbäumen. Schon nach zehn Minuten lichtete sich der Wald jedoch und vor mir lag die Pampa Quinchol, die mit ihren vertrockneten Grasbüscheln ihrem Namen alle Ehre machte. Der nächste Kilometer führte in der sengenden Mittagssonne ungeschützt über flachen Bergrücken. Unterwegs standen einige vereinzelte Araukarien, die sich fotogen gegen die Vulkane am Horizont ausnahmen. Immer wieder hielt ich an, um mich umzusehen, und mir die Bergkette anzusehen, auf die ich hinauf wollte. Trotzdem kam ich zügig voran, da die Steigung hier vernachlässigbar war. Mir dampften die Füße und ich war heilfroh, in den Schatten des nächsten Waldes schlüpfen zu können.

Eines der letzten schattigen Plätzchen vor der Baumgrenze... Ja, es ist verflucht warm.

War der vorherige Wald auf dem letzten Stück schon beeindruckend, so war das hier atemberaubend. Die alten Araukarien waren an den Stämmen mit pelzigen grünen Flechten (?) behangen, und darunter standen wie kleine Zombies die jungen Araukarien mit ihren abgespreizten Armen. Dazwischen standen immer wieder Büschel von Riesenbambussen und vereinzelt führte der Weg an die Kante des Bergrückens und öffnete den Blick in die Umgebung. Beim Laufen raschelte es beständig um mich herum, manchmal waren die Eidechsen so tief verschlafen, dass sie erst hektisch Reißaus nahmen, als ich schon unmittelbar vor ihnen stand.

Schon deutlich näher am Gipfel. Zur Orientierung: Der Lanín ist etwa in Bildmitte. Links ist jetzt mehr von der Bergkette zu sehen, auf der ich unterwegs bin. Insbesondere die Laguna San Manuel, die nur von oben zu sehen ist.

Gegen 1 Uhr traf ich an einem Aussichtspunkt einen Deutschen, der gerade vom Gipfel kam. Für den Abstieg hatte er bisher eine Stunde gebraucht und schätzte, dass ich für den Aufstieg anderthalb Stunden brauchen würde. Ich fand das etwas optimistisch, aber nachdem ich den Weg sah, den ich aufzusteigen hatte, verstand ich, weshalb er glaubte, dass der Abstieg nur wenig schneller als der Aufstieg sein müsste. Kurz nach dem Aussichtspunkt nahm die Steigung wieder drastisch zu. Nicht nur das, der Weg wurde noch staubiger als zuvor und führte unter tiefhängenden Zweigen und zwischen freigefegten Wurzeln durch. Zum Glück, denn ohne diese Zweige wäre der Aufstieg (und vor allem später der Abstieg) deutlich gefährlicher gewesen. Meine Schuhe waren gut, aber gegen trockenen Staub vermag auch die beste Sohle nichts auszurichten. Ich korrigierte meine spätestes Umkehrzeit auf um 3, wenn ich über diesen Weg wieder zurück wollte. Zu allem Übel merkte ich, dass ich zum ersten Mal überhaupt eher zu wenig Wasser dabei hatte und nach etwa einer dreiviertel Stunde beschwerlichen Aufstiegs hatte ich auch noch die obere Buschgrenze erreicht. Von nun an ging es in der prallen Sonne weiter. Der Weg war immer noch steil, dafür war der Tritt hier besser als im Wald. An einigen Stellen musste ich klettern, um über die Felsbrocken zu kommen. Das war bis auf eine Stelle nicht weiter schwierig, wenn die Felsen nur nicht so verdammt heiß gewesen wären.

Das erste Gipfelbild.

Auf dem letzten Stückchen wechselte ich mich in der Führung mit einer Gruppe von vier Amerikanern ab, die, wie sich auf dem Gipfel herausstellen sollte, aus Denali, Alaska, kamen. Oben angekommen, es war etwa 14 Uhr, machten wir reichlich Fotos von der grandiosen Aussicht, frischten die Sonnencreme auf, tranken etwas und machten uns wegen der Gluthitze nach 20 Minuten wieder an den Abstieg. Einer der Amerikaner stieg ein paar Meter neben dem Weg zu einem kleinen Schneefeld ab und versorgte uns mit kleinen Schneeklümpchen – ein großartiges Gefühl, wenn die über die verschwitzte Haut rutschen, auch wenn sie viel zu schnell aufgebraucht waren.

Blick nach Norden. Die drei zumindest teilweise sichtbaren Seen sind das Ziel des Wanderwegs "Los Lagos". Da unten ist jetzt schön kühl und schattig, zumindest im Vergleich zu hier oben.

Beim Abstieg hängte mich die Vierergruppe locker ab, ich hielt noch mehrmals an um Fotos zu machen, und mit einer Chilenin zu sprechen, die es sich an einer der Kletterstellen auf dem Fels bequem gemacht hatte – vermutlich um nach dem Kondor Ausschau zu halten, der hier zu sehen sein sollte. Ich war jedenfalls heilfroh, als ich nach etwa zwei Stunden endlich wieder im Schatten war, auch wenn jetzt der schwierigste Teil des Abstiegs begann. Der staubige steile Untergrund war eine Qual, und mindestens fünf bis sechs mal rettete mich der Ast, an dem ich mich gerade festhielt, vor einem unsanften Abgang.

Die andere Seite, leider mehr oder weniger gegen die Sonne. Im fernen Hintergrund eine Bergkette der Anden.

Ansonsten verlief der Abstieg bis zur Pampa ohne große Ereignisse, ich machte zwei mal kurz Rast unterwegs. An der Einmündung des San Sebastian auf den Quinchol angekommen, entschied ich, wie geplant den kleinen Umweg für den zweiten Teil der Schleife zu gehen. Nach etwa zwei Kilometern bereute ich diesen Entschluss. Zum einen gab es hier nichts Großartiges mehr zu sehen. Nach dem Wald weiter oben war der hier nicht annähernd so beeindruckend, zumal hier nur vereinzelt Araukarien standen. Von der Aussicht auf die Vulkane gab es auch nicht so viel, vermutlich war damit das kleine Stück über die Pampa gemeint. Zum anderen aber haben mich hier lästige kleine Tierchen verfolgt. Sie sehen aus wie Bremsen, klingen wie Schmeißfliegen und stechen wie Mücken. Auf dem Gipfel habe ich schon eins erschlagen, nachdem es mich in die Schulter gestochen hat. Hier unten umschwirrten mich gleich mehrere, und obwohl ich eines erwischte, nervten mich die anderen beiden (!) so sehr, dass ich schließlich aufgab und meinen Rastplatz nach nur 5 Minuten wieder verließ. Die Flattermänner oder zumindest ihre Brüder umschwirrten mich immer noch, als ich an die Stelle kam, an der ich am Morgen vom Zustieg auf den Quinchol Richtung San Sebastian abgebogen war. Ich zog meine Fleecejacke aus, die ich als Schutz trotz der Hitze angezogen hatte, wirbelte sie etwa eine Minute lang um meinen Kopf, stopfte sie in den Rucksack und rannte mehrere hundert Meter den Zustieg hinunter. Ich weiß nicht, welche der Maßnahmen es war, auf jeden Fall war ich die Flieger endgültig los.

In der Ferne ein Waldbrand - der auch dafür sorgt, dass die Sicht seit einigen Tagen recht diesig ist, was man erst auf großen Entfernungen sieht. Die Waldbrandwarnstufentafel am Eingang des Nationalparks stand auch auf "Extremo".

Ein anderes Tierchen habe ich auch noch gesehen, bei dem ich nicht weiß, wie harmlos es tatsächlich ist. Beim zügigen Laufen sah ich unmittelbar vor mir plötzlich etwas schlankes Gekringeltes. Selbst ziemlich erschrocken, entwirrte es sich in Eiltempo und schlängelte sich Richtung Wegesrand. Ohne Nachzudenken machte ich einen großen Schritt darüber hinweg und rannte die nächsten Meter. Ob und was für eine Schlange es war, weiß ich nicht – aber ehrlich gesagt, reicht mir die Tatsache, dass wir beide unbehelligt voreinander Reißaus nehmen konnten.

Auf dem Weg nach unten.

Das letzte Stücken den Berg hinunter zog sich ewig. So langsam brannten mir die Oberschenkel, die Fußsohlen und die Knie. Ich machte immer wieder kleine Pausen, an einem (dem einzigen) Aussichtspunkt machte ich länger Pause und unterwegs versuchte ich mehrmals, Vögel zu fotografieren. Hatte ich für den Aufstieg etwa 3,5h gebraucht, brauchte ich für den Abstieg etwa 4h. Zugegeben, ich nahm mir bewusst die Zeit, auch um einen Blick auf die scheue Fauna zu erhaschen, trotzdem war ich heilfroh, als mein Weg endlich auf die Schotterstraße mündete.

Wieder im Araukarienwald.

Von dort fand ich schnell zum Strand des Tinquilco. Besser noch, ich fand ein relativ abgeschottetes Plätzchen am Rand des offiziellen Strands, auf dem ich mich in aller Ruhe umziehen und dann ins Wasser kriechen konnte. Für die nächsten zwanzig Minuten lag ich nahezu reglos in Ufernähe auf dem Sand im kühlen Wasser, dass gerade tief genug war. Meine zuvor völlig eingestaubten Beine wieder hautfarben, stieg ich abgekühlt aus dem Wasser und sank erschöpft auf mein Handtuch. Widerwillig und nur mit großer Mühe stand ich von dort eine dreiviertel Stunde später wieder auf, aber mein Wille, den letzten Bus des Tages zu erwischen bestand nach wie vor.

Araukarien...

Da ich der Flasche den letzten Schluck Wasser am Strand abgerungen hatte, musste ich während der Busfahrt über die staubige Zufahrtspiste dursten. Wenigstens war der Bus halb leer und die Fenster offen, so dass die Temperaturen erträglich waren. Mein erster Weg in Pucón führte mich in den kleinen Kiosk am Busbahnhof, wo ich eine mittelgroße (hier 1,5l) Flasche Cola erstand. Derart bewaffnet trat ich die zehn Minuten Fußweg nach Hause an, wo ich irgendwie die Zeit bis zum Abendessen überbrückte und anschließend erschöpft, aber glücklich einschlief.

Vereinzelte junge Araukarien, die entfernt an torkelnde Zombies erinnern.

Blick Richtung Osten, vom Nordhang des Quinchol.

Der Alptraum für jeden Tischler: astreiche Araukarienstämme.

Eins der wenigen Fotos, auf dem man den Vogel auch erkennt: Ich dachte erst, mir kommt jemand in Flipflops entgegen geschlurft, bis ich den Specht entdeckte, der den Baum hochhüpfte.

Mein lauschiges Badeplätzchen, an dem ich meine dunkelgrauen Beine wieder sauber geschrubbt hab.

Zum Abschluss noch ein Stimmungsbild. Möglich wurde es durch den Staub, den der Bus nach Pucón bei seiner Ankunft am Nationalparkeingang aufgewirbelt hat. Ansonsten wären die Strahlen nicht so schön zu sehen.

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

12.01.2014 Volcán Villarrica

18. January 2014

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Meine erste Exkursion! Einen Tag zuvor erst angekommen, sollte ich die Gunst der Stunde nutzen und gleich am nächsten Tag, einem Sonntag, auf Pucóns Hauptattraktivität steigen, den Villarrica-Vulkan.

Mein allererstes Foto in Pucón. Rechts der Lago Villarrica und im Hintergrund der Volcán Villarrica, etwa 16km entfernt.

Wenn man in Pucón die Straße entlang geht, es ist fast egal, welche, sieht man Richtung Süden den schneebedeckten Vulkan, der alles andere in der Umgebung weit überragt. Pucón selbst ist flach und liegt direkt am Villarrica-See. In der näheren Umgebung gibt es einige mittelhohe Bergkettchen, und überall ist Grün. Nur der Vulkan, der ist unten grau, 2847m hoch und auf der oberen Hälfte mit Schnee bedeckt.

Es gibt in Pucón fast 40 (!) Reiseagenturen, ein großer Teil davon bietet Touren auf den Vulkan an. Pucón selbst hat übrigens 14.000 Einwohner. Aus diesen beiden Zahlen kann man in etwa ablesen, wie gut der Ort von Touristen besucht wird. Die Preise der Vulkantouren schwanken zwischen 35.000 chilenischen Pesos und 50.000 Pesos (60-80 EUR). Mein “Arbeitgeber” Sol y Nieve ist laut eigener Aussage die älteste Agentur und gehört zum oberen Ende des Angebots. Den Vulkan darf man nur dann ohne Führer besteigen, wenn man Mitglied eines Alpenvereins ist und die entsprechende Ausrüstung dabei hat. Entsprechende Ausrüstung heißt: Steigeisen, Pickel, Helm und geeignete Schuhe. Warme Sachen, Wasser und Essen sind selbstverständlich. Da die wenigsten Urlauber Steigeisen im Gepäck haben, gibt es wohl kaum Vulkanbesteiger, die auf eigene Faust aufbrechen. Zudem braucht man für die Zufahrt ein schotterpistentaugliches Fahrzeug.

Die Vulkanbesteigung, wie sie von praktisch allen Agenturen angeboten wird (der Unterschied liegt hauptsächlich in der Qualität der Ausrüstung und dem Umfang der Versicherung), läuft folgendermaßen ab: Man fährt von Pucón etwa 16km bis zum Fuß des Vulkans, davon 8km holprige Schotterpiste und vorbei am Eingang zum Villarrica-Nationalpark. Man läuft etwa 5min bis zum Anfang des Skilifts, der auch im Sommer in Betrieb ist. Der befindet sich auf etwa 1400m Höhe. Man kann dann entweder für 8000 Pesos (13 EUR) den Lift benutzen, oder man legt die 400 Höhenmeter zu Fuß zurück. Der Weg geht direkt unter dem Lift entlang und führt über sehr weichen, staubigen Untergrund. Etwas oberhalb des Lifts, auf 1800 m, ist im Moment die Schneegrenze. Nachdem man den Lift unter sich gelassen hat, läuft man also erst über einzelne Schneefelder und später über eine geschlossene Schneedecke, immer schön den Eispickel in der Hand. So läuft man dann über 1000 Höhenmeter, gegen Ende wird es noch einmal richtig steil. Oben angekommen, wirft man einen Blick in den Krater und macht sich dann, je nach Wind- und Rauchverhältnissen mehr oder weniger bald, mit einer Plastikschaufel unter dem Hintern wieder auf den Weg nach unten. Wenn man nicht besonders schnell oder besonders langsam war, ist man zwischen 3 und 4 wieder in Pucón.

Im Wesentlichen hab ich damit meine Erstbesteigung auch schon beschrieben.

Normalerweise besteht eine Besteigungseinheit aus bis zu sechs Personen, das heißt, pro Sechsergruppe ist ein Bergführer dabei. Bei größeren Gruppen kommt dann meist noch ein Assistent dazu. Eine bei uns typische Gruppe umfasst 10 oder 11 Teilnehmer und 2 Bergführer plus 1 Assistent. Diese Gruppe lässt sich dann unterwegs recht bequem aufteilen, so dass jeder ungefähr in seinem bevorzugten Tempo gehen kann.

Am Sonntag fand in Pucón der (ein) Ironman 70.3 statt, ein Spektakel, das ich mir eigentlich ansehen wollte. Die “70.3″ steht für 70,3 Meilen, die während dieses Triathlons zurück gelegt werden: Ein Halbmarathon, 1,9 km Schwimmen und über 50 km Fahrrad fahren. Alles auf Zeit, und: der Ironman 70.3 war früher unter dem Namen “Half Ironman” bekannt, ein “echter” Ironman ist also doppelt so lang. Gestartet ist das Rennen früh halb 8, als die Temperaturen noch erträglich waren. Der Erste hat übrigens etwa 4 Stunden gebraucht.

Das Rennen habe ich verpasst, aber es hat eben dazu geführt, dass sich zu den zwei Leuten, die sich für eine Besteigung am Sonntag bei uns angemeldet hatten, keine weiteren dazugesellten. Und so hatte ich eben die Gelegenheit, in einer Vierergruppe (zwei Teilnehmer + Bergführer Sergio + ich) auf den Vulkan zu steigen.

Ich musste früh um 6 aufstehen – wegen des Jetlags zum Glück noch kein Problem, obwohl ich wegen der langen Reise und dem Stress davor locker bis um 11 hätte schlafen können. Um 7 war ich im Büro von Sol y Nieve und habe in aller Ruhe meinen Rucksack fertig gepackt und die Schuhe, die mich den Vulkan hochbringen sollten, anprobiert. Meine eigenen steigeisenfesten Schuhe hatte ich wegen des begrenzten Fluggepäcks natürlich nicht dabei, und meine Trekkingschuhe sind für Steigeisen nur äußerst bedingt geeignet.

Ich schätze, gegen halb 8 kam Sergio mit den beiden Teilnehmern im Gepäck ins Büro. Wegen des Ironmans waren die Straßen der Innenstadt gesperrt, und deshalb mussten wir ein ganzes Stück bis zum Auto laufen. Die Zufahrt zum Vulkan war wie schon beschrieben sehr holprig. Der Geländewagen wurde höchstens im dritten Gang, selbst dort, wo die Steigung gar nicht so schlimm war. Auf dem Parkplatz am Villarrica waren wir das siebte oder achte Fahrzeug, die meisten anderen Gruppen brechen noch früher auf.

Da geht´s hoch, immer am Lift entlang, teilweise unterhalb der Seile.

Die ersten Minuten zum Lift liefen wir zügig, obwohl der Weg wie erwartet anstrengend war. Die Landschaft ringsum ist grün, aber der Villarrica besteht oberhalb von etwa 1000 Höhenmetern praktisch nur aus – Überraschung – Lava und Lavabrocken. Das lose Geröll ist nicht schwierig, aber energieraubend. Insbesondere an steilen Passagen sinkt man nach jedem ohnehin schon kleinen Schritt einen halben Schritt zurück. Am Lift berieten wir uns kurz und entschieden, die komplette Strecke zu laufen.

Nach den ersten zwanzig Minuten legten wir einen kurzen Halt ein, so dass ich meine völlig überflüssige Fleece-Jacke ausziehen und einen Schluck trinken konnte. Der weitere Weg den Lift entlang schien sich endlos zu ziehen, zum Glück überzeugten mich gelegentliche Blicke auf die immer tiefer zurück bleibende Talstation davon, dass wir dem oberen Ende tatsächlich näher kamen. Nach etwa einer Stunde hatten wir endlich die Bergstation erreicht und machten Rast. Wir waren nicht allein, einige andere Gruppen waren schon da, etwa 20 Personen. Auf dem kleinen Plateau der Bergstation waren Holzplanken als Bänke aufgestellt, angeblich gab es sogar eine Toilette. Allerdings hörte ich, wie ein andere Bergführer zu seinen Schützlingen meinte, dass selbst ein beliebiger größerer Felsbrocken hygienischer sei als diese Toilette. Egal, mir kam die Flüssigkeit bei der einsetzenden Hitze unter der prallen Sonne eh zu den Hautporen raus, und ich war viel zu beschäftigt, Essen und Wasser in mich hinein zu befördern, und nebenher noch die grandiose Aussicht zu genießen.

Blick zurueck. Am linken Bildrand ist der Lago Villarrica.

Kurz hinter der Bergstation kam das erste Schneefeld, das wir noch in wenigen Schritten querten. Je weiter wir kamen, umso größer wurden die Abstände zwischen den Geröllstellen, bis wir irgendwann fast nur noch auf Schnee gingen. Die Steigeisen brauchten wir nicht, aber der Pickel war ganz hilfreich. Vor uns waren mehrere Gruppen unterwegs, immer wieder liefen wir auf eine Gruppe auf, die langsamer war als wir. Nach einigen Schritten haben uns aber immer alle vorbei gelassen, so dass wir doch recht zügig vorankamen. In der Ferne, im Nordosten tauchte über dem Dunstschleier ein anderer riesiger Vulkan auf, der Llaima. Überhaupt wurde die Aussicht mit zunehmender Höhe immer besser. Man sah die relativ ebene Landschaft, aus der abrupt immer wieder scharfkantige, grüne Bergketten aufragten. Zwischendrin lagen immer wieder himmelblaue Seen.

Wieder der Lago Villarrica im Hintergrund, Richtung Norden. Im Vordergrund scharfkantiges Vulkangestein, zum Glück hatten wir ja die Hosen dabei, die wir als Unterlage nutzen konnten. Man sieht ausserdem die graubraunen Lavaströme, die sich durch die grünen Wälder am Fuße des Vulkans schlängeln.

Der Weg nach oben ließ sich nicht verfehlen, im Schnee vor uns lag eine deutliche Spur. Man brauchte nur den kleinen Tritten folgen und konnte fast wie auf eine Treppe nach oben steigen. Überhaupt lief es sich auf dem Schnee deutlich angenehmer als auf dem blöden Geröll. Wir machten unterwegs noch zwei oder dreimal Rast, das letzte Mal kurz bevor die Steigung nochmal drastisch zunimmt und man die letzten Kraftreserven zusammenkratzen muss. Während dieser letzten Rast kamen noch einige merkwürdige Grüppchen an uns vorbei: Ein paar, bei dem Sie schon kurz vor dem Zusammenbrechen war, er hatte ihren Rucksack auf seinen gepackt und trotzdem ließ sie sich alle paar Dutzend Meter unelegant in den Schnee fallen. Bei einem anderen Paar hatte Sie sich gehörig die Schultern verbrannt – der gesamte Nackenbereich war feuerrot, und das über eine Stunde, bevor die Sonne ihren Zenit erreicht haben würde.

Übrigens bin ich auch nicht ganz unbeschadet geblieben. Ich hatte mir am Vortag noch neue Sonnencreme gekauft und mich am Morgen gründlich eingecremt. Irgendwo in der Mitte der Strecke habe ich die Sonnencreme auch nochmal aufgefrischt. Ich dachte dabei hauptsächlich daran, dass ich aus dem dunkelgrauen deutschen Winter direkt in den chilenischen Hochsommer gekommen war. Die 39° südlicher Breite und die Höhenlage hatte ich gar nicht weiter berücksichtigt. Auf jeden Fall hat die Eincremerei geholfen – bis auf drei Stellen. Die eine waren die Hände, die ich nicht so gründlich eingecremt hatte. Wann hat man schon Sonnenbrand auf den Händen… Aber das hielt sich in Grenzen. Den Nasenrücken hatte ich aus böser Erfahrung besonders dick eingecremt. Und mir prompt die Nasenflügel verbrannt, weil ich mir zwischendrin mehrmals die Nase geputzt hatte. Das Schlimmste jedoch war meine Stirn. Natürlich hab ich die eingecremt, und zwar genau bis zum Rand meines Kopftuchs. Das ist aber dummerweise während des Aufstiegs etwas nach hinten verrutscht. Die letzten Tage zierte meine Stirn daher ein etwa fingerbreiter feuerroter Streifen, der sich am Haaransatz entlang von einem Ohr zum anderen zieht. Mittlerweile leuchtet der Streifen nicht mehr ganz so rot, und die verbrannte Haut schält sich langsam ab. Auf dem Gipfel hatte ich das Kopftuch zum Glück neu gebunden, sonst hätte auf diese Stelle die Mittagssonne während des gesamten Abstiegs geschienen…

Das letzte Stück vor dem Gipfel. Dutzende Gruppen sind mit uns zusammen unterwegs.

Zurück zum Vulkan. Das letzte Stück war tatsächlich irre steil, aber überraschenderweise gar nicht so schlimm zu steigen. Zum einen wussten wir ja, dass es steil würde, und stiegen bewusst etwas langsamer an. Zum anderen stießen wir hier immer wieder auf langsamere Gruppen, hinter denen wir erstmal kurz anhielten, bevor wir vorbeigingen – das verhilft nicht nur zu Atem, sondern steigert auch die Motivation. Am Rand des Kraters machten wir dann erstmal ausgedehnt Pause, aber schon nach fünf Minuten bin ich schon wieder mit der Kamera in der Hand den Krater entlang gehüpft. Die Rucksäcke ließen wir auf dem Gestein liegen, und wanderten dann zu viert auf dem Krater einmal um die Vulkanöffnung herum.

Am Rand des Kraters. Der Rauch steigt fast ununterbrochen auf.

Aus der anderen Richtung aufgenommen. Vom Rauch geschwärzter Schnee auf der südlichen Innenseite des Vulkans, rechts haben die anderen Gruppen ihren Rastplatz. Das Gelbe auf dem Gestein ist kein Moos, sondern Schwefel.

Sergio zeigte uns die besonders guten Aussichtspunkte und nannte uns die Namen der umliegenden Vulkane. Gemerkt habe ich mich nur den Osorno im Süden (leichter Name) und den Llaima im Norden (in der Richtung der einzige und besonders hoch). Wir bestaunten die gut sichtbaren Lavaströme und die Menschenmassen auf dem Gletscher am Nordrand des Kraters. Ich denke, die hundert haben wir an dem Tag geknackt. Für einen kurzen Moment habe ich mich gefragt, wieso der Gletscher an der Südflanke des Villarrica stärker ausgeprägt ist als an der Nordflanke. Irgendwann später in einem anderen Zusammenhang bin ich auf die Lösung gekommen: Die Sonne geht hier je verkehrt herum, von Osten über Norden(!) nach Westen. Zur Mittagszeit steht die Sonne also im Norden, und sie wandert links (!) herum. Dieser Umstand hat bei mir schon mehrfach zu Verwirrung geführt. Mehrheitlich in Situationen, in denen man gar nicht groß nachdenkt. Der Schatten wandert doch nach links, also setze ich mich an seinen linken Rand um möglichst lange im Schatten zu sitzen – und muss prompt fünf Minuten später meinen Sitzplatz verlagern, weil die Sonne hier nicht nur “falsch” herum läuft, sondern wegen der Breite auch noch schneller als bei uns. Am Seeufer denke ich noch, dass ich etwa noch eine halbe Stunde in der Sonne liegen werde, bis sie über dem See untergeht – um die Sonne keine zehn Minuten später in eine Bergflanke eintauchen zu sehen. Natürlich, mit etwas Nachdenken ist dieses Verhalten ja auch logisch. Aber weil es so selbstverständlich ist, denkt man eben nicht darüber nach.

Vom beschriebenen Plateau aus, der wohl tiefste Blick. Wir haben es etwa 20 Sekunden dort ausgehalten. Es geht einfach irre steil genau in dieses Loch rein. Ein kurzer, unachtsamer Moment genügt, und der kommt schnell. Und sei es nur, weil man sich instinktiv wegdreht, wenn einem vor Schmerz der Atem stockt.

Etwa so selbstverständlich wie eine andere alltägliche Kleinigkeit, auch wenn das etwas abseits des Themas ist. Auf der Toilette sitzend wirft man das benutzte Toilettenpapier – in die Toilette. wer denkt schon über diese winzig kleine Handbewegung nach? Ich jedenfalls so gut wie nie, und daher ertappe ich mich peinlich häufig dabei, wie ich das Papier in die Toilette werfe, statt in den dafür vorgesehenen Eimer. Manchmal sogar trotz Erinnerungsschild genau vor meiner Nase. Der Eimerwurf ist in etwa so irritierend, wie wenn man mit der linken Hand Zähne putzt…

Blick etwa Richtung Südwesten, über Seenlandschaft und mit dem Vulkan Choshuenco im Hintergrund.

Aber ich war eigentlich auf dem Krater. Der Blick vom Kraterrand in die Landschaft war natürlich großartig. Aber spannender war – natürlich – der Blick die Vulkanöffnung. Glühende Lava haben wir nicht gesehen, eigentlich nur nochmehr Rauch, also wir schon aus einigen Felsspalten aufsteigen gesehen haben. Der Villarrica ist einer der aktivsten Vulkane Chiles. Wobei aktiv nicht gleich aktiv ist. Seinen letzten Ausbruch, so richtig mit Lavaströmen und Todesopfern, hatte der Villarrica 1984, als er ein kleines Dorf an seinem Fuß verschüttete, das jetzt in sichererer Entfernung am Seeufer aufgebaut wurde. Aber trotzdem rumort es in seinem Inneren ständig und aus ihm steigt fast immer eine Rauchwolke.

Blick Richtung Norden. Etwa wo die Halbinsel in den Lago Villarrica ragt, liegt Pucón. Fern im Hintergrund der Llaima und rechts daneben die schneebestreute Bergkette des Vulkans Sollipulli.

Den Rauch haben wir auch während meiner Erstbesteigung. Manchmal ist er so stark und der Wind so ungünstig, dass man sich nur wenige Minuten am Gipfel aufhalten kann, wenn man überhaupt so weit kommt. Bei uns sind die Bedingungen aber gut und der Wind hält sich an seine Normalrichtung. Ab und zu erwischt uns mal eine kleine Böe, vor allem während wir auf einem vorgelagerten Plateau im Inneren des Kraters stehen. Dort ist die Rauchkonzentration höher als am Kraterrand. Mir kratzt der Hals und ich beginne langsam zu Husten, wenn eine Böe kommt, müssen wir alle die Luft anhalten, weil der Schwefel einfach zu stark in der Nase beißt.

Blick über das riesige Schneefeld auf der Südflanke. Der spitze Vulkan müsste der Puyehue sein.

Aber obwohl wir nur dem aufsteigenden Rauch entgegen schauen können, bin ich von dem tiefen und irgendwie schmalen Loch beeindruckt. Von den meisten Punkten auf dem Krater sieht das Innere aus wie eine tiefe Senke. Von diesem Plateau aus kann man deutlich tiefer sehen, hinunter zu diesem fast kreisrunden, geradezu winzig wirkenden Loch. Daraus sollen die ganzen Lavaströme gekommen sein? Der Kraterrand hat einen Durchmesser von 200m, der Durchmesser des Lochs hat vielleicht 20, 30 m – meine Schätzung. Wie gesagt, winzig, wie ein Schornstein im Vergleich zum ganzen Haus. Und genau so etwas ist der Vulkan ja in gewisser Weise.

Hinsetzen, Pickel bereithalten und losrutschen.

Nachdem wir die Runde um den Vulkan beendet haben, kommt der spaßige Teil unserer Tour: Die Abfahrt. Normalerweise hasse ich Abstiege, hier aber haben wir diese kleinen Plastikschaufeln dabei, auf denen wir den Schneehang hinabrutschen würden. Dafür haben wir auch den Rest der Ausrüstung mit: Warme Hose mit verstärktem Hosenboden, Gamaschen, Windjacke, zusätzlicher Lendenschurz. Mit dem Eispickel als Bremse geht es recht zügig in engen, von hunderten Bergrutschern vor uns tief eingegrabenen Rutschbahnen den Hang hinab. Am Anfang habe ich MÜhe, genügend Gewicht auf den Eispickel zu bringen um in kontrollierbarer Geschwindigkeit den Berg hinab zu rutschen. Später bremsen mich die engen, hauptsächlich von Männern befahrenen Kanäle eher aus – ich bleibe nicht wirklich stecken, muss aber mit dem Eispickel ein wenig nachhelfen. Aber mit der Zeit krieg ich den Dreh raus und habe noch eine ganze Menge Spaß. Bis etwa 500m über dem Parkplatz, wo der Schnee aufhört. Dort sammeln sich alle Gruppen, und alle verstauen ihre nun nassen Sachen im Rucksack und machen sich an den überaus staubigen restlichen Abstieg. Jetzt hat das weiche Geröll auch sein Gutes: Man kann große Schritte machen, die von der Gerölldecke schön abgefedert wird. Teilweise rutscht man auch hier noch eine halbe Schrittlänge weiter – in weniger als anderthalb Stunden ab dem Gipfel sind wir wieder am Parkplatz.

Die Rutschbahnen sind einige hundert Meter vom Aufstieg entfernt, um Kollisionen zu verhindern.

Für den Aufstieg hatten wir insgesamt ziemlich genau vier Stunden gebraucht. Das ist nicht Rekordzeit, nötigte bisher aber trotzdem allen Bergführern, die mich nach meiner Zeit gefragt haben, ein respektvolles Nicken ab. Vier Stunden sind schon gut, aber ohne Lift, das ist weit überdurchschnittlich… An dem Tag hatten wir überdies noch Murphys Glück. Weiter oben sind die Temperaturen zwar etwas kühler, aber letztendlich dürften es trotzdem so um die 20°C gewesen sein, wenn nicht mehr. So warm (auf fast 3000m!) ist es die nächsten Tage zwar auch gewesen, aber bei uns war es während der meisten Zeit windstill. Nur am Gipfel zog es ein bisschen und weiter unten, am Anfang des Aufstiegs, gab es ein laues Lüftchen.

Zwischen den Rutschbahnen muss man auch mal ein paar Schritte laufen. Dieses ist die letzte Abfahrt, ab jetzt muss wieder gelaufen werden.

Da wir nun wieder unten sind – ich habe dann meinen Bergsteigerrucksack ins Büro gebracht, meinen eigenen Rucksack geholt, mich schnell daheim geduscht und bin anschließend noch für ein oder zwei Stunden ins Büro. In der darauffolgenden Nacht habe ich sehr gut und lange geschlafen, zehn Stunden, zum Teil noch Überhang von der Reise. Geheilt bin ich aber nicht, ich habe mittlerweile (ein paar Tage später) schon ausgehandelt, dass ich noch einige Male als Tourbegleitung wieder mit hoch darf.

Letzter Blick zurück. Geschafft! Wir sind heil wieder unten angekommen.

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

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