Überleben in der Eiswüste

13. January 2014

Comments Off

Überlebenstraining im Eis wäre natürlich realistischer, wenn dieser Winter ein richtiger Winter wäre. Und wenn man, nachdem man Prophet gespielt hat und zum Berg gekommen ist, etwas weiter als eine Schneeschuhstunde von der nächsten Seilbahn entfernt wäre. Aber immerhin, wir (wir = Hanjo + ich) haben einen Flecken in Deutschland gefunden, der nicht nur Schnee hat, sondern davon gleich so viel, dass man da ein Iglu bauen kann. Und genau das haben wir Silvester gemacht. Jaja, ein Iglu, so ein rundes, kleines (von wegen) Schneehäuschen. Abseits von knallenden und stinkenden Böllern, durchgematschten Böllerüberresten, fernab von Sekt und der hundersten Folge von Dinner For One und… naja, ich geb’s zu. Null Uhr zwei haben wir uns ein schönes neues Jahr gewünscht und waren kurz darauf eingeschlafen. Aber den Schlaf haben wir uns redlich verdient!

Der Jahreswechsel begann für uns am 31.12. früh morgens um 7. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich bin freiwillig so früh aufgestanden. Nach unserem leckeren Frühstück im Bett sind wir von unserem Kemptener Hotel aufgebrochen und Richtung Oberstdorf gefahren. Oberstdorf liegt am Südrand Deutschlands und am Nordrand der Alpen. Unmittelbar vor dem Eingang zum Kleinwalsertal, für die, die es kennen. Halb zehn sollten wir da sein, und halb zehn trafen wir Stefan, unseren Bergführer und Iglubaumeister, sowie die anderen zehn Iglubauer. Nach dem Verteilen der Schlafsäcke, Isomatten und Rucksäcke für die Bedürftigen haben wir uns mit den anderen in die Schlange der Nebelhornbahn gestellt. Dort waren wir die Außenseiter, die einzigen mit Rucksack und ohne Ski und ohne Helm mit Skibrille auf dem Kopf. Nach einer ewig langen Wartezeit nahm uns die Bahn endlich mit nach oben.

Alle schnallen ihre Schneeschuhe an, im Hintergrund fahren einige Skifahrer vorbei.

Auf knapp 2000m haben wir uns dann die Skischuhe angeschnallt, jeder hat sich eine Schneeschaufel und -säge an den Rucksack gebunden, und dann ging es weiter nach oben. Anfangs entlang der Skipisten, vorbei an und zwischen den Skifahrern durch, bis wir irgendwann nach rechts abbogen, über einen kleinen Kamm schlurften und dann steil nach unten außer Sichtweite zur Seilbahn zu einer kleinen Senke abstiegen. Geschlurft sind wir nicht etwa, weil wir unmotiviert gewesen wären, sondern vielmehr wegen der Schneeschuhe, die bei jedem Schritt wie überdimensionale Hausschlappen über den Schnee gezogen werden müssen.

Aus dem Weg nach oben. Noch ist unser Schlafplatz nicht in Sichtweite.

Zusätzlich zu unseren Rucksäcken hatten wir noch zwei Schlitten mit Essen und Ausrüstung dabei, die von Stefan und einem weiteren (natürlich männlichen) Mitglied unserer kleinen Exkursion abwechselnd gezogen wurden. Hanjo, noch frisch und munter, erbot sich gleich als Erster und zog den Schlitten bis zum Kamm.

Da unten werden wir die kommende Nacht verbringen.

Einmal in der Senke angekommen, fing Stefan sofort an, die Schneetiefe zu prüfen und zwei große rechteckige Felder abzustapfen. Das zweite Feld sollte für eine weitere Gruppe ein paar Tage später genutzt werden, wir aber hatten die Ehre, die zuvor (bis auf ein paar Skispuren) unberührte Landschaft mit unseren Iglus neben dem ersten Feld zu verschandeln.

Nachdem wir unsere Rucksäcke abgestellt hatten, gesellten wir uns alle nach und nach zu Stefan und halfen, das erste Schneefeld platt zu trampeln. Das war nötig, um den lockeren Pulverschnee zu einer festen Masse zu komprimieren. Da wir möglichst erschütterungsarm laufen sollten und dieses Hin- und Her- und im Kreis Herumstapfen nicht gerade unsere volle geistige Aufmerksamkeit brauchte, sind wir wie Zombies über das Schneefeld getorkelt, mit den dazugehörigen Witzen natürlich.

Das Feld ist fest getreten, die Igluflächen grob markiert, jetzt wird der Graben ausgehoben.

Anschließend hat jedes Pärchen seinen Claim abgesteckt – wir waren tatsächlich eine Gruppe, die nur aus Pärchen bestand. Jeweils zwei Teams haben sich an den Langseiten des Rechteckfeldes platziert, und wir gegenüber dem sechsten Pärchen an einer Schmalseite. Dann schaufelten wir entlang des Feldrandes einen langen, schmalen Graben.

Nach einer kurzen Erklärung packte ich dann die Säge und fing vom Graben aus an, möglichst gleichmäßige Blöcke aus dem Schnee zu sägen. So lang und tief wie die Säge lang ist, und so dick wie anderthalb Sägegrifflängen. Also etwa einen dreiviertel Meter lang und tief, und zwanzig Zentimeter dick. Die Schneesäge muss man sich wie eine richtige Säge vorstellen, oder vielmehr wie ein richtig dickes Sägeblatt. Die Zähne sind unterschiedlich gebogen, und der Griff besteht ganz minimalistisch aus einem Gummischlauch, der auf dem einen Ende der Säge steckt. Schnee zu sägen ist an sich nicht schwer, gerade unser Pulverschnee war recht bröselig. Aber um die Blöcke möglichst gerade zu sägen, muss man die Säge senkrecht im Schnee versenken und dann mehr oder weniger waagerecht durch den Schnee ziehen. Natürlich mit einer Auf- und Abwärtsbewegung, aber eben auf ganzer Sägeblattlänge. Da wir recht pulvrigen Schnee hatten, musste man vorsichtig hantieren, um die Blöcke nicht versehentlich zu zerbrechen. Ein schönes Geräusch war, wenn der Block mit einem gedämpften “wump” nach unten sackte, nachdem er an der Unterkante abgesägt wurde. Manchmal musste man aber auch an den Seiten nochmal nachsägen und nachhebeln, gerade wenn es der erste Block in der Reihe war.

Jetzt geht es ans Blockschneiden...

... und -setzen.

Wenn der Block vom restlichen Schnee getrennt war, musste man es irgendwie bewerkstelligen, den Block anzuheben und dem Partner auf der anderen Seite des Grabens zum Verbauen vor die Füße zu stellen. Wohlgemerkt, ohne dass der Block auseinander bricht oder übermäßig große Dellen bekommt. Der Trick ist, den Block nicht an den Seiten anzufassen, sondern möglichst großflächig von unten zu greifen. Im Endeffekt muss man den Block umarmen, um ihn einigermaßen sicher anheben zu können. Eine gute Winterjacke und wasserdichte Handschuhe sind daher unabdingbar. Etwas Kraft in den Knochen ist auch ganz hilfreich, denn der Schnee ist deutlich schwerer als man denkt. Oder zumindest, als ich dachte.

Ein und eine Viertel Runde haben wir geschafft, und die Sonne ist schon hinter dem Kamm verschwunden. Am Ende sollte das Iglu fünf Reihen haben.

Wenn man dann den Block einigermaßen heil vom Steinbruch auf die Baufläche gehoben hat, fällt dem Partner die verantwortungsvolle Aufgabe zu, den Block zu platzieren. Die Grundidee ist, mit einer Schnur vom geplanten Zentrum des Iglus aus einen Kreis zu ziehen und die Blöcke möglichst dicht nebeneinander und leicht nach innen geneigt zu positionieren. Das klingt leicht, im Detail muss man aber mehrere Punkte beachten:

- Beim Umtragen des Blockes vorsichtig sein, und den Block vor allem sanft absetzen.
- Die Blöcke müssen stabil auf dem Boden stehen. So ein Block hat aber keine gerade Unterkante, und auch der Untergrund ist alles andere als glatt. Solange der Untergrund der ursprüngliche Schneeboden ist, kann man den Block durch Hin- und Herschieben abschleifen. Ab der zweiten Reihe müssen sowohl die untere Reihe als auch der neue Block vorher angepasst werden.
- Die Seitenkanten passen nie zusammen. Man kann mit der Säge nachhelfen, aber trotzdem passen sie nie. Und sei es, weil mal wieder eine Ecke abgebröckelt ist. Der Berührungspunkt zwischen zwei benachbarten Blöcken sollte möglichst weit oben sein, zwischen übereinanderliegenden Blöcken möglichst an den Außenkanten des oberen Blocks.
- Achja, und die Fugen sollten nicht übereinander liegen, wie bei einer Mauer. Da das Iglu nach oben schmaler wird, lässt sich das aber nicht immer umsetzen.
- Ist die erste Reihe voll, schneidet man eine Schräge in die Blöcke, damit eine Spirale entstehen kann. Von nun an muss der Blockschneider die Blöcke dem Baumeister in das Iglu reingeben. Sind die ersten zwei Reihen voll, wird es für den Baumeister im Iglu immer schwerer aus dem Iglu herauszukommen. Geübte bauen das Iglu fertig und graben erst am Ende einen Tunnel in das Innere des Iglus.
- Nach dem Setzen eines Blocks muss er ein wenig festgeklopft werden. Man muss also von oben und von der Seite auf den Block klopfen. Ohne, dass er zerbricht, wohlgemerkt.
- Nach oben hin muss die Neigung der Blöcke immer stärker werden, es soll ja eine Kuppel entstehen.

Bei Sonnenuntergang fangen wir die dritte Reihe an. Die anderen sind etwa gleich weit.

Weiter geht es mit Stirnlampen.

Klingt alles einleuchtend und logisch. Und weil das Setzen und Einpassen so leicht ist, habe ich die Aufgabe übernommen, nachdem die erste Hälfte der untersten Reihe stand. An einer Stelle, so etwa in der vierten Reihe, also etwas über meiner Schulterhöhe, habe ich fünf Blöcke zerbrochen bei dem Versuch, einen Block mit 45° Neigung an seinem Nachbarn und seinem Untermann fest zu bekommen. Erst Baumeister Stefan löste das Problem: der drunter liegenden Reihe hatte ich beim Begradigen versehentlich eine Abwärtsneigung in Baurichtung verpasst, nur mit Einsetzen des übernächsten Blockes konnte der verdammte Block endlich festgeklemmt werden.

Etwa mit Einbruch der Dunkelheit macht sich erste Erschöpfung breit. Aber tapfer arbeiten wir weiter, denn ohne Dach haben wir zwar keinen Wind, aber es wird im Iglu auch nicht warm.

Eine Reihe weiter und damit kurz vor Schluss verließ mich die Geduld dann endgültig: Nachdem mir wieder mehrere Blöcke in kurzer Folge entgegen gefallen waren, hatte ich kurzzeitig keine Motivation mehr, hockte mich im Inneren (raus konnte ich ja nicht) in den Windschatten und wartete darauf, dass Hanjo von außen den Eingang in den Schnee schaufelte. Anschließend baute Baumeister Stefan den Großteil von Hanjos restlichen Blöcken ein. Die fieselige Kleinarbeit des Deckenabschluss durfte ich dann aber wieder übernehmen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir schon etwa acht Stunden gewerkelt.

Unser Iglu kurz vor der Fertigstellung. Ich bastele von innen gerade am Abschlussstein.

Endlich ist das Iglu fertig und muss nur noch abgedichtet werden.

Unser Dach am nächsten Morgen.

Wir dichteten noch schnell die gröbsten Löcher zwischen den Blöcken ab und stapften dann mit den anderen zum von Stefan aufgebauten Kochzelt. Dort stärkten wir uns an kräftigem Eintopf und diskutierten die Möglichkeit, mit den Schneeschuhen zu Mitternacht hin auf den Gipfel zu steigen, um das Feuerwerk in Oberstdorf sehen zu können. Abhängig von den Schneeverhältnissen würde die Tour nochmal bis zu einer Stunde dauern. Anfangs wollte ich natürlich auf den Gipfel hoch. Gegen zehn kamen mir einige Zweifel, und um elf und schon halb schlafend hatte ich die Besteigung aufgegeben. Von den anderen waren nur noch anderthalb Leute vielleicht bereit, und ich glaube, am Ende hat es in dieser Nacht keiner mehr weiter als vom Kochzelt bis zu den Iglus zurück geschafft.

Alles fertig. Die Iglus sind fertig, und wir sind auch fertig. Hier erholen wir uns gerade im Kochzelt.

Die Nacht im Iglu entsprach in etwa den Erwartungen, die Temperatur im Inneren war um den Gefrierpunkt. Dank warmer Isomatte und Schlafsack, teilweise mit Wärmflaschen, hatten die meisten die Nacht auch einigermaßen warm überstanden. Am nächsten Morgen wachten wir in einem diffusen vom Schnee gefilterten, aber hellen Licht auf. Die Handschuhe vom Vortag waren steif gefroren, genauso wie die meisten Schuhe. Zum Glück hatten wir aber alle Ersatzhandschuhe dabei.

Unser Igludorf am nächsten Morgen.

Rechts das Kochzelt, am linken Rand sieht man unsere windgeschützte Klo-Ecke.

Nach dem ausgiebigen Frühstück und gegenseitigen Hausbesuchen machten wir uns auf den Rückweg. Gegen Mittag waren wie wieder unten im Tal und fuhren mit dem Auto unserer heiß ersehnten Dusche in Füssen entgegen.

Unser Iglu, mit uns beiden davor :)

Es ist nicht ganz einfach, in das Iglu zu kommen.

Unser nun verwaistes Igludorf. Unser Iglu bestand am Ende aus 63 Schneeblöcken.

Wieder auf der Oberstdorfer Seite des Kammes, auf dem Weg nach unten. Wer mal im Iglu schlafen will, ohne 63 Schneeblöcke durch die Gegend zu wuchten und einhaendig zu halten, während man mit der anderen feilt: Der kann in dem Igludorf neben dem Skilift übernachten.

In Füssen erwartete uns geographisch Unbedarfte dann noch eine Überraschung: Statt wie geplant Langlaufen zu fahren, besuchten wir noch zwei bescheidene aber sehr bekannte Hütten, die zufällig in der Gegend rumstanden. Einen Tag später ging es dann wieder nach Hause, das wir kurz darauf gleich wieder verließen: Hanjo dienstlich und ich für immer. Aber darüber später mehr.

Meist aus einem anderen Winkel fotografiert. Aus dieser Richtung haben wir es beinahe übersehen. Aber die zunehmende Schilderdichte hätte schon sichergestellt, dass wir das Schloss nicht verpassen.

¬ geschrieben von Christiane in 2013 Iglu

Theme von BenediktRB • Powered by Wordpress • Abonniere den RSS Feed