Dientes de Navarino, Tag 1

1. June 2014

Comments Off

Heute sollte es los gehen!

Nach knapp neun Stunden riss mich der Wecker halb zehn aus dem Tiefschlaf. Ich hatte an diesem Morgen etwas länger schlafen können, nach den kurzen Nächten der vergangenen Tage war das auch nötig gewesen. Da es Frühstück nur bis um 10 gab, quälte ich mich wohl oder übel aus dem Bett. Das Pärchen aus Göttingen war schon auf, während wir uns unterhielten stopfte ich chilenisch-lapprigen Toast mit leckerer Marmelade und mehrere Stücken Kuchen in mich hinein. Dann packte ich.

Alles, was unverzichtbar war, stopfte ich in den großen Trekkingrucksack. Viel Mühe gab ich mir nicht, da ich wusste, dass mir das eigentliche Packen noch bevor stand. Als der Rucksack voll war, ließ ich schweren Herzens meine plüschige und damit voluminöse Ersatzkuscheljacke zurück, die ich eigentlich als Kissen benutzen wollte. Meine Vorauswahl in Pucón stellte sich aber trotzdem als sehr gut heraus, insgesamt ließ ich nur zwei oder drei Sachen zurück, die ich für die Trekkingtour mitgenommen hatte.

Ich erwartete meine Reisebegleiter gegen halb zwölf, bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer noch keine Ahnung, wieviele Personen in meiner Gruppe sein würden. Ich hatte einfach vergessen, nachzufragen. Ich wusste nur, dass es mindestens zwei und höchstens (mit mir) acht sein konnten. Ich hoffte natürlich, dass es nicht die maximale Gruppengröße sein würde.

Kurz vor halb zwölf war ich endlich fertig mit packen. Ich nutzte die verbleibenden Minuten, um noch schnell vom Gemeinschaftscomputer eine Email an meine Notfallkontakte zu schicken: ab jetzt durften sie sich Sorgen machen. Ich hatte gerade zwei Zeilen getippt, da kam Julio, der Hostelbetreiber, herein und brachte meine Gruppe mit. Francisco, der Guide, war einen halben Zentimeter kleiner als ich, Brillenträger und Plappermaul. Dann gab es Lisa, ein Jahr jünger und ein paar Zentimeter größer als ich, blond, und für eine Kalifornierin eher zurückhaltend. Und dann war da noch Ralph, ihr Vater, 64, aber kräftig gebaut. Ich fragte sicherheitshalber nach, aber das war tatsächlich meine gesamte Gruppe. Jippie!

Als erstes stellte ich meinen Namen richtig. Julio hatte mich als Christina vorgestellt, und da ich den Namen nicht fünf Tage lang hören wollte, korrigierte ich ihn lieber zu Beginn, damit später keine Verwirrung entstand.
Dann präsentierte uns Francisco seine Reisetasche, aus der er zwei Zelte, Essgeschirr und ein Fresspaket mit Müsliriegeln, Schokolade, Trockenfutter und einer Salami zauberte. Ich leerte meinen Rucksack, stopfte rechts das Zelt rein, links daneben den Schlafsack und obendrauf meinen Kompressionssack mit meiner Winterjacke, einer warmen Fleece-Jacke und Wechselwäsche. Dann war der Rucksack voll.

Handschuhe und Regenjacke stopfte ich von unten in frei gebliebene Lücken, erreichbar durch den unteren Reißverschluss. Aus dem Fresspaket entnahm ich die erste Tagesration, die kam in das Deckelfach, den Rest schob ich in dem Dreieck zwischen Schlafsack, Zelt und Rucksackrücken so weit es ging nach unten. Nachdem ich alle meine Sachen verstaut hatte, war der Rucksack voll, proppevoll. Die Isomatte hatte ich außen befestigt, Teller und Tasse legte ich erstmal obenauf.

Julio war so nett uns zur Polizei zu fahren. Dort legten wir unsere Pässe vor und erklärten, dass wir um die Dientes trekken und wann wir zurück sein wollten. Dann gingen wir zum Supermarkt. Wobei die Bezeichnung “Supermarkt” in Puerto Williams etwas irreführend ist, in jeder anderen Stadt würde man so etwas als Tante-Emma-Laden bezeichnen. Es gab das Nötigste, davon genau eine Sorte, und die Preise waren gepfeffert. Francisco schmiss scheinbar wahllos Tütenessen, Zwiebeln, Trockenmilch und ähnliche kulinarische Höhepunkte in den Einkaufskorb, besorgte sich noch einen Karton, bezahlte und brach mit uns zum nächsten Supermarkt auf. Während Francisco weiter einkaufte, warteten wir anderen drei draußen und labten uns an den leckeren Empanadas, die wir uns im ersten Laden gegönnt hatten. Für die erste Mahlzeit gab es schließlich keinen Grund aufs Gewicht zu achten.

Beladen mit Tüten und Kartons kehrten wir zum Hostel zurück. Während die anderen draußen schonmal die eingekauften Sachen aufteilten, flitzte ich nochmal schnell an den Computer und buchte die Unterkunft für meinen zweiten Aufenthalt in Ushuaia. Die hatte ich zwar am Morgen schon gebucht, mich dabei um einen Tag geirrt – das Resultat meiner etwas chaotischen Planung mit den kurzfristigen Änderungen zum Schluss. Zum Glück bemerkte ich meinen Fehler, als Francisco unser Rückkehrdatum bei der Polizei nannte, und ich buchte die fehlende Nacht noch dazu. (Das sollte sich später als sehr schlau herausstellen, da bei meiner Ankunft das Hostel ausgebucht war und ich miterlebte, wie ein Pärchen deswegen abgewiesen wurde; selbst hatte ich für die ersten Tage in Ushuaia auch auf ein etwas teureres Hotel ausweichen müssen – der Preis der Spontanität ;) .)

Nach der Buchung ging ich wieder nach draußen. Entgeistert blickte ich auf den Stapel, den ich noch in meinem Rucksack unterbringen musste. Die Milchpulvertüten und die Tütensuppen waren kein großes Problem, aber dann war da noch eine Gaskartusche für den Kocher und eine Käsepackung. Ganz zu schweigen von Teller und Tasse, die ich noch unterbringen musste. Ich zog meine beiden dünnen Pullover wieder hervor, drückte in die freigewordenen Löcher die mit den Milchpulverstüten gefüllte Tasse, legte den Teller oben auf und drapierte die Pullover drum herum. Ich zog die Schnur zu und stülpte das Deckelfach über den Rucksack. Hier ging nichts mehr rein. Ich legte den Rucksack um und öffnete den unteren Reißverschluss, drückte die Regenjacke noch ein wenig weiter in den Schlafsack und presste den Gasbehälter obendrauf. Ich hatte keine Ahnung, ob ich das alles am nächsten Morgen wieder in den Rucksack bekommen würde. Ich hoffte nur, dass die Nähte des Rucksacks dem Druck standhalten würden.

Fix und fertig schaute ich auf. Francisco hatte Lisa und Ralph beim Packen des Rucksacks geholfen, nun zeigte er ihnen, wie sie die Riemen anpassen mussten um den schweren Rucksack so bequem wie möglich zu tragen. Ich übergab meinen Tagesrucksack samt Laptop und restlichen Klamotten an Julio, Francisco hinterließ seine Reisetasche – dann fuhr uns Julio die fünf Kilometer zum Beginn des Trekkingpfades.

Nur mit T-Shirt bekleidet und etwas fröstelnd wartete ich ungeduldig darauf, dass wir endlich aufbrachen, während uns Francisco anhand einer Tafel den uns bevorstehenden Weg erklärte. Aha, am Anfang steil bergauf, dann immer am Berg entlang und zum Abend zu einer Lagune absteigen. Möglicherweise kamen wir erst bei Sonnenuntergang an, es war schon zwei Uhr nachmittags. Die nächsten Tage wären etwas entspannter, nur der vorletzte, der wird nochmal richtig hart. Die Tafel entpuppte sich dann noch in anderer Hinsicht als sehr hilfreich: an ihrer Rückseite lehnte ein Ast, der offensichtlich schonmal als Wanderstock benutzt worden war. Somit war mein Wanderstock-Problem gelöst. Die anderen drei hatten “richtige” – das heißt, vor allem leichtere – Trekkingstöcke dabei. Das obere Ende meines Astes war zwar etwas dick, aber ich konnte ja unterwegs nach einem besseren Stock Ausschau halten.

Die Infotafel mit dem vor uns liegenden Weg. 38 Wegweiser auf 53 km Länge, aufgeteilt auf fünf Tage und vier Nächte und begleitet von unzähligen Lagunen, wechselhaftem Wetter und hoffentlich so wenig wie möglich Menschen.

Bevor wir aufbrachen, fragte Francisco nochmal rum, ob unsere Wasserflaschen voll wären. Da es auf Navarino überall trinkbares Wasser gibt, hatte uns die Agentur empfohlen, nur eine Halbliterflasche mitzunehmen, alles andere wäre unnötige Schlepperei. So ganz überall gibt es Wasser dann aber doch nicht, denn unsere ersten Kilometer heute würden eher trocken sein, also vor allem während des Aufstiegs und der ersten Hälfte des Bergpfades würde es keine Wasserquelle geben. Eben darum stellten wir sicher, dass unsere kleinen Flaschen bis zum Rand gefüllt waren. Wir standen ein paar Meter oberhalb eines Wasserlaufes zu unserer Rechten, links der Cerro Bandera (“Flaggenberg”), auf den wir gleich aufsteigen wollten, rechts der Cerro Róbalo, “Stiehl-Es-Berg”. Hinter uns, hinter Bäumen verborgen, der Beagle-Kanal.

Der Weg begann eben. Ein schmaler, ausgetretener Pfad, mit ein paar Wurzeln im Weg. Nach ein paar Hundert Metern bog der Weg links ab, wurde schnell steiler, und führte bald geradewegs auf den Gipfel des Cerro zu. Ich staunte nicht schlecht: genauso steige ich normalerweise auf meine Berge hoch. Allerdings normalerweise mit Tagesrucksack, nicht mit (grob geschätzten) 16kg auf dem Rücken. Immerhin konnte ich mich so wenigstens nicht beschweren, dass wir unnötige Umwege gehen würden. Ein wenig mäandrierte der Weg zwar, aber gerade genug, um Bäumen im Weg auszuweichen. Noch gerader, und ich würde meine Hände benutzen müssen.

Wie immer sieht man auf dem Foto nicht, wie steil es war. Und schon gar nicht, wie anstrengend. Und am allerwenigsten sieht man die gespannte Vorfreude auf die vor uns liegenden Tage...

Einen besseren Wanderstock als meinen Ast fand ich übrigens nicht. Alles was ich anfasste war entweder morsch, zu kurz oder angefault. So gutes, stabiles Holz wie meinen Ast gab es nicht.

Anfangs hielt ich mich hinter Francisco, ich war nur wenig langsamer als er. Dafür hielt er häufiger an als ich. Lisa und Ralph fielen relativ schnell zurück. Aber dieser Anstieg war ja kein Wettrennen, und so nutzte ich die kleinen Wartepausen, um etwas zu trinken, den Rucksack zurechtzurücken, und die Sonnenbrille aufzusetzen.

Der Gipfel kommt näher, man kann schon durch die Baumwipfel durch auf den Beagle-Kanal gucken.

Bis zum Gipfel war der Weg gut ausgetreten, die Bewohner von Puerto Williams machen anscheinend gern mal einen Tagesausflug hierher. Durch die Baumgrenze zu kommen war anders als am Vortag überhaupt kein Problem, der Wald war hier licht genug um ungehindert hindurch spazieren zu können. Oberhalb der Baumgrenze war der Untergrund ein Labyrinth aus Llareta und kleinteiligem Schotter. Einen klar erkennbaren Weg gab es nicht, eher ein Geflecht aus steilen Trampelpfaden. Ich hatte den Blick so konzentriert nach unten gerichtet, dass ich erst spät bemerkte, dass Francisco etwa 100 m links von mir war. Er hielt auf eine kleine Baumgruppe etwa 50 Höhenmeter unter dem Gipfel zu. Dort stand eine kleine Bank, mit Blick auf den Beagle-Kanal.

Ein mittlerweile alter Bekannter, der Beagle-Kanal im Norden. Rechts sieht man Puerto Williams.

Ich zog meine warme Fleece-Jacke und meine Regenjacke aus dem Rucksack, denn die Bank stand auf der Luv-Seite der Baumgruppe. Warm eingepackt setzte ich mich neben Francisco und genoss die Aussicht. Nebenbei reduzierte ich noch ein wenig Rucksackgewicht und machte mich über die erste Tafel Schokolade her.

Es dauerte ein paar Minuten, dann stießen Ralph und Lisa zu uns dazu. Sie sollten natürlich nach diesem anstrengenden Anstieg auch ihre Verschnaufpause bekommen. Um Platz für die beiden zu machen, und weil mir im Wind langsam kalt wurde, ging ich ein wenig umher und machte Fotos.

Puerto Williams, dahinter die Isla Gable.

Eine Infotafel in der Nähe der Bank. Am rechten Bildrand liegt Puerto Williams, am linken Ushuaia, etwa 50-60km westlich.

Und über Ushuaia regnet's. Ein paar Tage später bekam ich dort mehrmals von Einheimischen zu hören, dass die Isla Navarino toll ist. Warum? "Immer wenn wir dahin schauen, scheint dort die Sonne..."

Nachdem auch Lisa ein paar Fotos gemacht hatte, brachen wir wieder auf. Schon kurz darauf standen wir am Namensgeber des Berges: der Flagge. Natürlich der chilenischen, und die wurde dort aufgestellt, um die Argentinier auf der gegenüberliegenden Seite des Beagle-Kanals zu ärgern. Ätsch, diese Kanalseite gehört uns.

Die Bandera des Cerro Bandera.

Dazu muss man allerdings sagen, dass die Argentinier angefangen haben. Noch bevor sie die Malvinas besetzt haben, die auch unter dem Namen Falkland-Inseln bekannt sind, haben sie Anspruch auf drei Inseln im Beagle-Kanal erhoben, die schon seit Jahren zu Chile gehörten. Den Anspruch hatten sie schon 1904 erstmals erhoben, aber erst in den Siebzigern haben sie angefangen, mit militärischem Nachdruck auf den Inseln zu bestehen. Im Südsommer 1978 standen Chile und Argentinien dicht vor einem Krieg um die drei unbewohnten, öden Inseln Picton, Lennox und Nueva östlich der Isla de Navarino am Ostende des Beagle-Kanals. Selbst päpstliche Vermittlung schlug fehl – obwohl die Chilenen dem Vorschlag des Papstes zustimmten, lehnten die Argentinier seine Lösung ab. Wenigstens schaffte der Papst, die Situation etwas zu entschärfen.

Die Wende im Beagle-Konflikt wurde indirekt durch den erfolglosen Falklandkrieg 1982 und direkt durch die neue argentinische Regierung 1983 ausgelöst: der neue Präsident ließ die Bevölkerung abstimmen, ob sie einen Krieg mit Chile haben wollten. Das Nein war überwältigend, selbst auf Tierra del Fuego, also in unmittelbarer Nachbarschaft zu den drei fraglichen Inseln, sprach sich eine wenn auch knappe Mehrheit gegen den Krieg aus. Die Regierung respektierte das Ergebnis des Referendums, akzeptierte 1985 endlich den Vorschlag des Papstes und überließ Chile die drei Inseln.

Irgendwann im Zuge dieser Auseinandersetzungen errichteten die Chilenen demonstrativ ihre Flagge auf dem Cerro Bandera. Außerdem stand Chile während des Falklandkrieges auf britischer Seite, obwohl es nach dem TIAR (dem Interamerikanischen Vertrag über gegenseitigen Beistand) eigentlich Argentinien hätte beistehen müssen. Auf die Malvinas kann man übrigens von Feuerland aus problemlos mit einem Touristenboot fahren. Argentinien sieht sich als im Falklandkrieg nicht besiegt an, da die Briten den Krieg damals einseitig für beendet erklärten, und erhebt daher weiterhin Anspruch auf die Falklandinseln. Was die Briten oder die Falkländer von den argentinischen Booten halten, weiß ich nicht.

Warum nun aber der Beinahe-Krieg um die drei Inseln am Rand Feuerlands? So genau wussten das die Fueginos auch nicht. Aber sie vermuten, dass sich mit den drei Inseln der Sektor Argentiniens in der möglicherweise rohstoffreichen Antarktis vergrößert hätte. Meiner Meinung nach mag das auch ein wichtiger Grund gewesen sein, aber wenn man auf die Karte schaut, dann liegen die drei Inseln einfach perfekt, um den Beagle-Kanal vom Ostende her zu kontrollieren und – wenn ich mir die auf Aggression ausgerichtete Politik der argentinischen Militärjunta so anschaue – die Kontrolle auf die anderen chilenischen Inseln auszudehnen.

Aber zurück zur Flagge auf dem Cerro Bandera, die sicher auch nicht zur Deeskalation beigetragen hat. Von der Flagge aus ging es mehr oder weniger auf gleicher Höhe immer am Hang des Cerros entlang. Der Weg war mal mehr und mal weniger gut erkennbar, Francisco erklärte, dass der Weg im Vergleich zur letzten Saison schon deutlich klarer auszumachen ist. Der lose Schotter verhinderte ein allzu schnelles Vorwärtskommen, selbst dort, wo er in einen gut sichtbaren Pfad getrampelt war. Wir blieben immer knapp oberhalb der Baumgrenze, was zum einen erfahrungsgemäß gut für das Tempo ist und zum anderen eine grandiose Aussicht ermöglichte. Mit jeder Biegung hatten wir einen besseren Blick auf die Dientes – da drüben würden wir die nächsten Tage verbringen! Der Haken war der fehlende Windschutz: War ich beim Aufstieg noch gut mit meinem T-shirt ausgekommen, musste ich jetzt meine warme Fleece-Jacke anbehalten. Der Wind blies unerbittlich von Norden den Cerro entlang.

Davon abgesehen, dass das die erste Wegmarkierung war, die ich gesehen habe - anderthalb Stunden Aufstieg und nicht einmal 2 km geschafft? Uff. Das könnten 53 sehr lange Kilometer werden...

Wir nähern uns dem ersten Gipfel und vor allem der guten Aussicht. Solche Felsmännchen wie das im Bild markierten den Weg recht häufig. Allerdings waren die meisten seiner Brüder um einiges kleiner und manchmal von der normalen Landschaft nicht zu unterscheiden.

Whoa. Die Dientes!

Wir kommen näher.

Eine knappe Stunde nach der Flagge querten wir dann endlich unsere erste Wasserquelle, ein winziges Rinnsal, dass sich mühsam zwischen den Steinen hindurchzwängte. Wäre der Hang nicht so steil gewesen, hätte ich wohl mehr Wasser aus meiner Flasche ausgegossen, als aus dem Rinnsal hineingeflossen wäre. Das Wasser war erfrischend kalt, schmeckte aber nach Eisen. Nun ja, bei den roten Steinen überall eigentlich keine Überraschung. Bäh.

Immerschön am Hang entlang, dem gewundenen Trampelpfad folgen. Zumindest da, wo er erkennbar ist. Wenn nicht, einfach versuchen, auf gleicher Höhe zu bleiben.

Wechsel zwischen leuchtend grünem Untergrund...

... und trockenem Geröll mit sich tapfer haltenden Einzelkämpfern.

Dort unter uns, das ist die Laguna Róbalo.

Ein kleines Rätsel ;) : Was sind das für weiße Kreise?

Blick zurück: Bald werden wir den Beagle-Kanal für einige Tage nicht mehr sehen.

Irgendwo weiter hinten sind Lisa und Ralph...

... und suchen den Weg.

In der Zwischenzeit bewundere ich die spärliche Flora.

In der Bildmitte taucht die Laguna Palachinque auf.

Francisco blickt auf die Laguna Palachinque herunter.

La Laguna Palachinque.

Der Weg zog und zog sich dahin. Lisa und Ralph fielen immer wieder zurück, Francisco hielt immer mal wieder kurz an und wartete, und ich hielt mich irgendwo dazwischen. Ich vertrieb mir die Wartezeiten mit Fotografieren, bei den häufigen Lichtwechseln und dem immer anderen Blickwinkel auf die unten liegenden Seen gab es auch genug Motive dafür. Doch irgendwann konnten mich auch die schnell vorbei ziehenden Wolken nicht mehr von meiner langsam einsetzenden Müdigkeit ablenken: Wie weit ist es noch?

Als mich Francisco mal wieder aufschließen ließ, deutete er auf eine kleine Plattform zwischen zwei Seen unter uns. Wir waren noch mehrere hundert Meter oberhalb der Seen, und ich sah keinen Weg, wie man dort herunter kommen sollte. Stattdessen schlängelten wir uns weiter den Hang entlang.

Wie man die ganzen Bergseen bloß unterscheiden kann? Das dort unten ist jedenfalls die Laguna Del Salto, an der wir unser Nachtlager aufschlagen werden.

Meine Frage wurde jedoch kurz darauf beantwortet: Ich hatte nur kurz angehalten, um ein Foto zu machen und Lisa und Ralph ein wenig zu mir aufschließen zu lassen, und schon war Francisco aus meinem Gesichtsfeld verschwunden. Ich suchte und suchte – und entdeckte ihn schließlich auf halber Strecke zu den Seen herab. Na großartig. Die kürzeste Strecke, geradewegs nach unten. Und das auf diesem losen Schotter.

Rechts von der Lagune sieht man zwei winzig kleine Seen, von den das Sonnenlicht grellweiß reflektiert wird. Davor ist ein weißliches Viereck, das ist die Aussichtsplattform, die wir auf dem Weg zum Zeltplatz überqueren müssen.

Vorsichtig machte ich mich an den Abstieg. Der Weg war etwa so wie auf dem Cerro Guanaco, steil, potentiell nachgiebig, und man sollte möglichst nicht das Gleichgewicht in Talrichtung verlieren. Ich lief immer einige Dutzend Höhenmeter herunter und hielt dann kurz an um die Oberschenkel zu entspannen. Bei einer dieser Verschnaufpausen bemerkte ich die dunklen Wolken, die von rechts, von Norden her auf uns zu kamen. Regen. Wenn der Schotter nass wird, wird er zusätzlich auch noch rutschig. Ich wog das Risiko nass zu werden ab gegen die Zeit, die ich verlieren würde, bis ich die Regenjacke aus dem Rucksack geholt und angezogen haben würde. Schnell lief ich weiter. Nach etwa zwei Dritteln des Abstiegs trafen mich die ersten Tropfen. Ich schaute mich kurz um, Ralph und Lisa waren weit hinter mir. Nach weiteren zehn Höhenmetern sah ich ein, dass ich nicht ohne Regenjacke weitergehen konnte, wenn ich nicht schon in der ersten Nacht nasse Kleidung riskieren wollte. Also hielt ich und zog die Regenjacke an. Francisco war mittlerweile gar nicht mehr zu sehen.

Mist, es regnet. Aus dieser Entfernung kann man die Plattform zumindest schon erkennen, von hier ist es keine halbe Stunde mehr bis zum Etappenziel.

Ich stieg das letzte Drittel ab, während der Regen langsam stärker wurde. Etwas erleichtert kam ich unten an, bevor die Steine vollständig nass und glitschig wurden. Dafür hatte ich das nächste Problem. Der Weg teilte sich hier und Francisco war weit und breit nirgends zu sehen. Ich folgte mehr meinem Gefühl als dass ich wirklich etwas erkennen konnte und ging geradeaus. Wenige Meter später konnte ich tatsächlich die ersten frischen Fußstapfen erkennen. Leider verlief der Weg hier wieder als Geflecht zwischen Bäumen hindurch und so verlor ich die Spur sehr schnell wieder. Ich passierte die Plattform und schaute mich noch einmal um. Wenigstens Lisa und Ralph wollte ich im Blick behalten, eine Dreiergruppe war einfacher zu finden, als eine Einzelperson und eine Zweiergruppe. Außerdem stand hier ein Baum, der einen hervorragenden vorrübergehenen Regenschutz bot. Hier überlegte ich, was ich tun sollte.

Unser Tageswerk, mickrige sechseinhalb Kilometer. Aber die Wildnis ist ja auch nicht zum schnell vorwärts kommen da.

Blick Richtung Norden, etwa von der Plattform aus. Im Bildhintergrund in der Mitte ragt ein wenig Feuerland zwischen den Bergen hervor.

Lisa ist schon fast am Fuß, während ihr Vater sich immer noch auf halber Höhe am Hang befindet.

Die Entscheidung traf meine Ungeduld, schließlich konnte Francisco doch nicht weit sein, und irgendwann würde ich schon wieder auf seine Spur treffen. Und die würde ich umso besser erkennen, je weniger Regen gefallen ist, um sie auszuwaschen. Also stieg ich vorsichtig den mittlerweile glitschigen Lehmboden von der Plattform herunter und lief ungefähr in die Richtung weiter, der ich zuvor gefolgt war. Und plötzlich stand Francisco vor mir. Wie sich später herausstellte, hatte er in der Zwischenzeit schon mal sein Zelt aufgebaut und war deshalb aus meinem Gesichtsfeld verschwunden gewesen. Er zeigte mir kurz zwei Zeltplätze und empfahl mir dann den kleineren, damit Lisa und ihr Vater ihr Zwei-Personenzelt auf dem größeren aufstellen konnten.

Ich holte das Zelt aus dem Rucksack und zusammen bauten wir es innerhalb weniger Minuten auf. Aha, ich hatte also ein Tunnelzelt. Wir waren gerade fertig, da kamen Lisa und Ralph an. Während Francisco den beiden mit ihrem Zelt half, warf ich schnell meinen Rucksack ins Zeltinnere und kroch selbst hinterher. Endlich im Trockenen. Der Regen war nicht stark, aber auch leichter Regen weicht nach einer gewissen Zeit durch. Isomatte ausgerollt, Schlafsack ausgebreitet – da musste ich mich erstmal kurz hinlegen und die malträtierten Füße entspannen. Der Abstieg und das ungewohnte Gewicht waren für meine Beinmuskeln nach den ganzen Touren der letzten Tage und Wochen kein Problem, aber die Füße beschwerten sich über das Drittel mehr an Masse. Morgen würde ich den Rucksack während der Verschnaufpausen häufiger absetzen, oder mich zumindest häufiger setzen und die Füße entlasten. Während ich da lag, plünderte ich nebenher noch ein wenig mein Fresspaket, schließlich hatte ich meine Tagesration nur etwa zur Hälfte aufgebraucht.

Dann krabbelte ich wieder nach draußen. Der Regen hatte aufgehört, die Sonne war untergegangen, und Lisa, Ralph und ich schauten uns ein wenig in der Umgebung um, sehnsüchtig auf das Abendessen wartend. Zumindest ich habe sehnsüchtig gewartet, ich unterstelle einfach, dass es den beiden anderen nicht besser ging.

Die Laguna Del Salto...

... Palachinque...

... einer der Miniseen (wer findet Franciscos Zelt?)...

... und einfach nur großartige Farben in der Nähe der Laguna Del Salto.

Das Angenehme an geführten Touren ist ja, dass sich in der Regel der Tourguide um das Essen kümmert. So auch hier, Francisco hat für uns alle gekocht. Am ersten Abend servierte er bei Stirnlampenschein Tortellini-artige Nudeln mit Tomatensoße. Die ursprünglich geplante Vorsuppe hatte Francisco weggelassen, die brauchten wir heute ja wohl nicht nach dem kurzen Tag. Dann verteilte er den Topfinhalt gleichmäßig auf unsere vier Teller…

Wer mich insbesondere in den letzten Monaten erlebt hat, kann sich in etwa vorstellen, wie mein Gesicht ausgesehen haben muss. Trotzdem aß ich erstmal tapfer meine Portion. Ich überlegte schon, wie ich mit den geringstmöglichen Umständen noch zu einem vollen Magen kommen könnte, da erklärte Francisco, dass er seine Portion nicht schaffte. Er würde das Essen nur ungern vergraben, also wenn jemand noch ein wenig Hunger hat… Lisa und Ralph winkten stöhnend ab, ich erbarmte mich nur zu gern. Als ich fertig war, erklärte ich dem staunenden Francisco, dass er nicht der erste ist, der mein Essvolumen unterschätzt hat. Wir einigten uns dann darauf, dass er in den kommenden Tagen die Vorsuppe nicht weglassen und mir eine extragroße Portion geben würde.

In diesen Zusammenhang passt noch eine andere Episode, die mir ein riesiges Vergnügen bereitet hat. Ich war mal wieder mit Ruben Essen, als ich, schon während der Teller vor mich hingestellt wurde, wusste, dass ich von dieser Portion niemals satt werden würde. Bei einer früheren Gelegenheit hatten wir anschließend schonmal eine Crepería aufgesucht, diesmal war der Resthunger größer. Einfach “wegschlafen” kam daher auch nicht in Frage. Also suchten wir ein zweites Restaurant auf. Ich bestellte Lasagne und machte mich über die als Vorspeise gereichten Brötchen (mit der leckeren Salsa!) her. Ruben sah mich komisch an und erinnerte mich daran, dass ich noch Lasagne bestellt hatte. Als diese kam, sah er mir anfangs noch sehr skeptisch zu, wie ich die Lasagne enthusiastisch zu löffeln begann. Je weiter ich voran schritt, umso ungläubiger wurde sein Blick. Ich musste mich beherrschen, um angesichts seines Gesichtsausdrucks nicht irgendwann laut loszuprusten. War ich anfangs ob der kleinen Größe des Lasagne-Gefäßes noch beunruhigt, entpuppte sich die Schale glücklicherweise als tiefer als von außen angenommen. Nach etwa der Hälfte fühlte sich mein Magen endlich nicht mehr gähnend leer an, nach gut drei Vierteln begann ich zu kämpfen. Ganz habe ich sie letztendlich nicht geschafft, aber viel ist nicht übrig geblieben, von der Lasagne. Das war eine der wenigen Gelegenheiten, zu denen ich Ruben sprachlos erlebt habe. Später erzählte er die Geschichte seinen Freunden, mindestens die Hälfte hat sie ihm nicht geglaubt. Zumindest die Hälfte, mit der ich nie etwas zusammen gegessen habe.

Aber zurück zu den Dientes. Ich wusch mein Geschirr notdürftig im See nebenan, putzte meine Zähne, bestaunte noch ein wenig den Sternenhimmel und kroch dann zurück in mein Zelt. Ich wechselte die Zwiebelschalen meiner Kleidung, stopfte die nun ausgezogene Fleece-Jacke als Kissen in einen Netzsack und wand mich in den Schlafsack. Es dauerte ein Weilchen, bis ich endlich bettfertig war: Tunnelzelte haben die unangenehme Eigenschaft, dass man sich praktisch nur halb im Liegen umziehen kann und sich auch nur in eine Richtung legen kann, weil man sonst mit der Nase an der Zeltwand klebt. Ich verfluchte kurz das Zelt, dachte neidisch an die anderen, die alle in einem Kuppelzelt schliefen und war plötzlich selbst eingeschlafen.

Das weiße Tunnelzelt ist meine Herberge für diese Tour, das orangene Kuppelzelt gehört zu Lisa und Ralph.

Ok, ich war zu hungrig um noch viel Energie in die Fotos zu investieren. Doch trotz des schwachen Lichts kann man den Farbkontrast zwischen den beiden Gewässern sehr gut erkennen.

Über mir fauchte der Wind und rüttelte am Zelt, entfernt plätscherte irgendwo auch ein Wasserfall vor sich hin. Aber wach bin ich von etwas anderem geworden: Mir war kalt und ich musste mal. Aus dem Zelt geschält stellte ich etwas irritiert fest, dass die Lufttemperatur nicht sonderlich niedrig war. Außerdem wurde mir hier draußen trotz Wind bei der Kletterei zu der Baumgruppe, die ich als meinen Pinkelplatz auserkoren hatte, schnell warm. Das Rätsel löste sich, als ich zurück im Schlafsack versuchte, mich umzudrehen: Ich rutschte von der Isomatte. Den Rest der Nacht kämpfte ich einen mehr oder weniger aussichtslosen Kampf. Mein Zeltplatz war seitlich leicht geneigt, und obwohl ich selbst es schaffte, der Zeltwand fern zu bleiben, rutschte die Isomatte immer wieder unter mir weg. Nach einem Weilchen wurde mir dadurch kalt, ich replatzierte die Isomatte unter mir und drehte mich um. Wenigstens war ich erschöpft genug, um schnell wieder einzuschlafen. Damit ich am Morgen nicht auch noch durch irgendwelche Geräusche geweckt wurde, stopfte ich mir Ohrstöpsel in die Ohren.
Das half, aber Francisco schaffte es trotzdem mich gefühlt mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen und zum Frühstück zu rufen. Aber das ist dann schon der zweite Tag und dazu gibt’s beim nächsten Mal mehr.

Gegen neun, lange nach Sonnenuntergang.

Gute Nacht!

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Dientes de Navarino – Planung

1. June 2014

Comments Off

Wenn man eine Reise nach Südpatagonien plant und nach interessanten Aktivitäten Ausschau hält, stolpert man fast unvermeidlich über Trekkingtouren. Die wohl bekannteste und mit Sicherheit eine der eindrucksvollsten Trekkingtouren in Südpatagonien führt durch den Torres del Paine Nationalpark. Das Wetter ist rauh, aber die Fotos sind eindrucksvoll. Genau das war auch mein Problem, als ich mich näher für diese Trekkingtour zu interessieren begann: Es gibt Tausende toller Fotos von den Torres, und irgendwann hatte ich das Gefühl, gar nicht mehr hinfahren zu brauchen, um zu wissen, wie es dort aussieht. Dazu kam, dass man auf der Standardroute bis in den März hinein von Menschenmassen umgeben ist. Allein auf den Zeltplätzen sammeln sich jede Nacht mehrere Dutzend Zelte, die zusammen mehrere hundert Personen fassen. Hinzu kommen die in bequemen Tagesetappen gesäten und regelmäßig überfüllten Refugios entlang der Strecke. Trekking ist toll, aber nicht im Vergnügungspark. Außerdem – ich weiß, es ist albern – wollte ich nach Feuerland und nicht in dieses diffus definierte Südpatagonien.

So stieß ich auf den Trek um die Dientes de Navarino. Auf der Isla Navarino gelegen, gehören die Dientes zum Feuerland-Archipel und zu einer der unberührtesten Gegenden auf der Welt.

“Das südlichste Trekking der Welt führt Sie entlang kaum begangener Pfade Feuerlands durch unberührte Natur und wilde Landschaften, fernab der Zivilisation. Von Puerto Williams auf der Isla Navarino aus, machen wir uns auf zur Umrundung des Dientes de Navarino-Gebirge. Auf dieser Trekkingtour werden wir durch mystisch anmutende Südbuchenwälder wandern, Schneefelder durchqueren und den beeindruckenden Blick auf den Beagle-Kanal geniessen. Immer wieder kommen wir den zerfurchten Bergspitzen, die dieser Wanderung den Namen verleihen, nahe und passieren raue Berglandschaft. Übernachtet wird im Zelt in freier Natur mit Blick auf schneebedeckte Gipfel an den Ufern kleiner Seen. Nach dem Trekking übernachten wir in einem gemütlichen Gasthaus.

Die Outdoor-Aktivitäten dieser Tour sind anstrengend. Trittsicherheit, eine gute Kondition und Fitness sind absolut Voraussetzung. Extreme Temperatur- und Wetterwechsel erfordern eine gewisse Widerstandskraft. Während des Trekkings gibt es keine Unterkünfte oder andere Infrastruktur, daher ist eine Bereitschaft auf Komfortverzicht und Teamgeist beim Erstellen der Camps und bei der Zubereitung der Essen wichtig. Während des Trekkings muss die eigene Ausrüstung, sowie ein Teil der Verpflegung selber getragen werden. Auf Wunsch können dafür Träger organisiert werden.”

Ich gebe zu, so genau habe ich mir die Beschreibung oder gar das Tagesprogramm gar nicht durchgelesen. Eigentlich sind bei mir nur die drei Worte “anstrengend”, “Widerstandskraft” und “unberührt” hängen geblieben. Das reichte mir, um zu wissen, das will ich machen! (Mit dem Rest der Beschreibung konnte ich ohnehin nicht viel anfangen.) Es gehört zu Feuerland, hat beeindruckende Berge, und man begegnet wenigen bis gar keinen Menschen, da muss ich hin.

Die Planung verlief erstaunlich reibungsarm. So abenteuerlustig mir zumute war, war ich mir sicher, diese Tour mit meinem bisherigen Erfahrungsschatz nicht allein durchführen zu können. Zwei Wochen vor geplanter Abreise schätzte ich auch die Wahrscheinlichkeit jemanden Gleichgesinnten zu finden als äußerst gering ein. Also kam nur eine geführte Tour in Frage. Ich kontaktierte verschiedene Anbieter, und einer führte in dem fraglichen Zeitraum tatsächlich eine Tour durch und hatte vor allem noch einen Platz frei. Die Zeit war knapp, und es wurde schnell klar, dass wir am Standardprogramm nicht festhalten können würden. Das erste Problem, das auftauchte, war der ausgebuchte Flug von Punta Arenas nach Puerto Williams. Stattdessen reiste ich mit der Fähre über Ushuaia an, während der Rest meiner Gruppe wie geplant von Punta Arenas aus aufbrechen würde. Ich würde also das Gruppentreffen mit dem Führer am Vorabend verpassen und erst am nächsten Tag zu meiner Gruppe dazu stoßen. Ursprünglich sollte ich am Morgen des 5. März und damit zeitgleich mit meiner Gruppe nach Puerto Williams fahren, aber wegen der Wetterabhängigkeit der Fähre verlegte die Agentur die Überfahrt auf den 4. März, und wegen der knappen Zeit ohne vorherige Rücksprache mit mir. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, außer, dass ich nun plötzlich zwei Hotelbuchungen für die gleiche Nacht hatte. Dieser Knoten konnte gelöst werden, und am Ende bekam ich durch die geänderten Reisepläne und die eine selbst gebuchte Hotelnacht sogar ein wenig Geld zurückerstattet. Die letzten Details zur Reise klärte ich mit der Agentur am Tag meiner Abreise. Ihr werdet es nicht glauben, aber es klappte auf der Reise tatsächlich alles reibungslos.

Neben der Organisation der Anreise musste ich natürlich auch noch ein wenig Ausrüstung auftreiben. Nach einigem chaotischen Hin- und Her machte ich letztendlich Folgendes: Ich lieh mir einen großen Trekkingrucksack und einen Schlafsack samt Isomatte von Ruben. Zusätzlich gab er mir noch seine Gamaschen. Da ich nach Feuerland noch einmal für ein paar Tage nach Pucón zurück kehren wollte, war die Rückgabe der geliehenen Sachen gesichert. Zelt und Kochausrüstung wurden von der Agentur gestellt, genauso wie die komplette Verpflegung auf der Isla Navarino schon im Preis inbegriffen war. Ich kaufte zu meiner normalen, gut erprobten Bergausrüstung noch eine schnell trocknende Hose. Auf einige andere Dinge der Packliste musste ich jedoch verzichten: Ich wollte partout nicht 50+ Eur für Trekkingstöcke ausgeben, da ich zu Hause schon ein Paar hatte. Außerdem bestand die Chance, die Trekkingstöcke durch einen geeigneten Ast ersetzen zu können. Sorgen machte mir eher, dass ich keine bezahlbare Regenhose auftreiben konnte. Der Wetterbericht für die Trekkingtage verhieß überwiegend trockenes Wetter, und so beschloss ich eine trockene Ersatzhose mitzunehmen und es einfach darauf ankommen zu lassen. Eine Regenhülle für den Rucksack hatte ich auch nicht, aber wasserdichte Säcke, in denen ich alles verstaute, was trocken bleiben musste, also insbesondere Wechselwäsche.

Ein weiterer Sorgenpunkt war der Schlafsack. Die knappe chilenische Beschreibung an Rubens Schlafsack nannte eine Extremtemperatur von -8°C. Die empfohlene Komforttemperatur für die Isla Navarino lag bei -5°C. Und zwar auch für den Sommer, da das Wetter auf Feuerland so extrem wechselhaft ist und man zu jeder Jahreszeit an einem Tag von Sonne bis Schneesturm alles dabei haben kann. Rubens Schlafsack wirkte warm, andererseits wusste ich um mein nächtliches Wärmebedürfnis und investierte sicherheitshalber noch in ein Inlet, einen dünnen Innenschlafsack. Ein paar hundert Gramm mehr zu tragen, aber dafür hätte ich es hoffentlich warm.

Bevor ich aufbrach, wollte die Agentur noch Informationen zu eventuellen medizinische Einschränkungen und zu meiner Reiseversicherung wissen, sowie die Kontaktdaten der Personen, die sie im Notfall zu unterrichten hätten. Meine Notfallkontake selbst nahmen die Information, mein Notfallkontakt zu sein, mit eher gemischten Gefühlen auf, “wenn selbst du Notfallkontakte angibst, muss es ernst sein”. Dabei hätte ich mir persönlich eher Sorgen gemacht, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben überhaupt schriftlich hinterlegt hatte, wann ich wo sein wollte. Wenn ich auch zugeben muss, dass ich die Übersicht auch selbst brauchte um einen Überblick zu bewahren, wann ich wo sein musste, und vor allem für welche Nächte ich von unterwegs noch Zimmer buchen musste, weil ich das vor der Abfahrt nicht mehr geschafft hatte. Der Ausdruck meiner Liste ging unterwegs auf mysteriöse Art und Weise verloren, ich dagegen kam wohlbehalten sowohl vom Dientes-Trekking als auch vom gesamten Feuerlandausflug zurück.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Feuerland, Tag 3: Puerto Williams

1. May 2014

Comments Off

Ich hatte ja schon angedeutet, dass die Fähre nach Puerto Williams auf der Isla Navarino etwas abenteuerlich ist. Das Abenteuer beginnt schon damit, dass man (also ich) eine gewisse Vorstellung von dem Gefährt hat, wenn man die Bezeichnung “Fähre” hört. Ich jedenfalls denke dann an ein Fährschiff, wie sie zum Beispiel auf den Fjorden in Norwegen oder auf der Elbe verkehren, auf dem ein paar Dutzend Passagiere und noch eine Handvoll Autos Platz haben. Etwas größer wären dann die Ostseefähren, aber so was kam in Anbetracht der Größe Puerto Williams nicht in Betracht.

Nachdem ich aber in Ushuaia meine Hafensteuer gezahlt hatte (diesmal 30 Pesos, da internationale Fahrt), wurde mir eine Rettungsweste in die Hand gedrückt und dann stieg ich mit fünf anderen Passagieren und zwei Besatzungsmitgliedern in ein Schlauchmotorbötchen. Genauer gesagt, erst wurden unsere Rucksäcke im Bug verstaut, dann kletterten wir nach und nach ins Boot. Die ersten vier hatten sich schon auf die Zweierbänke unter der Plane gequetscht, ich kroch mit der sechsten so weit es ging nach vorn, damit der Zusatzsitz für uns umgeklappt werden konnte. Dann konnten auch wir beide im nun vollen Boot Platz nehmen.

Unsere Fähre, hier schon im Hafen von Puerto Navarino, hinter der Landzunge liegt die Isla Grande.

Der Himmel war grau, der Wind mäßig, bei etwa Windstärke fünf polterten wir von Welle zu Welle. Trotz Spritzschutz zog es kalt um die Beine; ich war froh, dass ich mich warm angezogen hatte. Eine halbe Stunde später erreichten wir Puerto Navarino, von hier sollten wir mit dem Bus ins 60 km entfernte Puerto Williams gebracht werden. Puerto Navarino klingt, als handelte es sich um einen Ort. Tatsächlich ist Puerto Navarino eine Polizeistation, die von mindestens einer Person besetzt ist. Ich habe nachgezählt, mit allen Schuppen und Toilettenhäuschen besteht Puerto Navarino aus 12 Gebäuden. Im Hafen von Puerto Navarino lagen zusammen mit unserer Fähre zwei Boote, das andere war ein Polizeiboot. Während wir auf den Kleinbus warteten (etwa eine Stunde lang), kam noch ein drittes Boot dazu. Zwar weist mein Reisepass jetzt einen Einreisestempel von Puerto Navarino auf, in Wahrheit habe ich den aber erst in Puerto Williams bekommen. Nur die Zollerklärung habe ich in Puerto Navarino abgegeben.

Das Polizeiboot im Hafen von Puerto Navarino. Im Hintergrund das Polizeigebäude.

Noch einmal das Polizeigebäude... und etwa die Hälfte der Gebäude von Puerto Navarino.

Dies ist die andere Hälfte.

Die Rückfahrt nach Ushuaia fand bei wenig Wind statt, war aber trotzdem spektakulär: Unser kleines Bötchen wurde bis weit aus der Bucht von Puerto Navarino hinaus von Delfinen begleitet. Die sprangen zum kreischenden Vergnügen meiner weiblichen Mitreisenden neben dem Boot her, tauchten unter dem Boot durch, machten Rollen in der Luft… Ganz vorn im Bug des Boots, eingekesselt von Gepäck, hatte ich zwar einen unbequemen Sitzplatz, aber die wohl beste Aussicht auf die Delfine. Ich hatte geglaubt, das Boot wäre auf der Hinfahrt schon voll gewesen: Zurück zu passten mit Stapeln und Pressen sowohl in den Bus als auch in das Boot acht Passagiere hinein, teilweise mit den Gliedmaßen in die Zwischenräume zwischen den Rucksäcken und Koffern gestopft.

Der Hafen von Puerto Navarino.

Aber Maria vor dem Fahnenmast darf nicht fehlen...

Während wir auf den Bus nach Puerto Williams warteten, kamen zwei Polizeifahrzeuge vorbei. Der Fahrer des ersten kam zu unserer kleinen Gruppe und begrüßte jeden mit Handschlag. Da sah selbst eine der beiden Bootsführerinnen kurz von ihrem Strickzeug auf. Für das Umsteigen in den Bus brauchte ich mein Ticket nicht vorzeigen. Wozu auch, wer dem Fahrer unbekannt war, wollte auf jeden Fall nach Puerto Williams (oder kam gerade mit dem Bus und wollte zurück nach Ushuaia).

Die Busfahrt dauerte eine gute Stunde und führte immer an der Küste entlang. Die Straße war erstaunlich eben, dafür, dass es nur eine Schotterpiste war. Aber verglichen zum Beispiel mit der Zufahrt zum Vulkan Villarrica war sie spiegelglatt, 50 konnte man hier ohne Komforteinbussen problemlos fahren. Dafür wand sie sich um und über Hügelkuppen, so wie die Landschaft eben verlief. Hügelkuppen veranlassten den Fahrer nicht, langsamer zu fahren. Es kam ohnehin kein Gegenverkehr.

Während der Busfahrt: Aussicht auf Ushuaia am anderen Ufer des Beagle Kanals.

Weiter östlich, Blick nach Norden über den Beagle Kanal. Der Himmel klart langsam auf.

In Puerto Williams angekommen, das tatsächlich aus ein paar mehr Häusern bestand, wurden wir direkt zur Einreisebehörde gefahren. Wir bekamen unsere Stempel, dann begleiteten mich die Amtsmitarbeiter nach draußen, damit ich auch ja Julio, meinen Gastgeber für die kommende Nacht, nicht verfehlen würde. Ich stieg also in seinen Kleinbus um, und er brachte mich zu seinem Hostel. Das entpuppte sich als hübsches kleines weißes Häuschen mit einem gemütlichen Aufenthaltsraum. Ich lud meine Sachen in meinem Zimmer ab, packte meinen Rucksack um, fragte nach der Abendessenszeit und brach auf. Ich überlegte kurz, mir den Ort anzusehen, entschied dann aber, dass ich das wahrscheinlich nach dem Trekking noch mit den anderen zusammen machen würde und außerdem sechseinhalb Stunden zuviel Zeit dafür wären. Hinter Puerto Williams dagegen, halb von den Wolken verdeckt, ragten einige niedrige, nicht allzu steile und sehr verlockend aussehende Hügelchen auf. Von einem davon musste man doch eine nette Aussicht über den Ort haben…

Hostal Akainij, Julios Hostel.

Vom Hostel aus bog ich zweimal nach links, dann hatte ich den Ort verlassen. Ich passierte ein paar ausrangierte und am Straßenrand liegen gelassene Pkws, dann bog ich in einen Trampelpfad nach rechts ab. Anfangs war der Pfad richtig gut ausgebaut, so dass ich zügig über sumpfige Stellen kam. Dann irgendwann endete der Pfad. Kein Problem, die Richtung ist ja klar. Nach einer kurzen Querfeldeinpassage traf ich auf einen anderen Pfad, der sich später aufteilte. Ich entschloss mich entgegen meiner ursprünglichen Absicht, auf den linken der beiden Hügel direkt hinter Puerto Williams zu steigen. Am nächsten Tag stellte sich das als gute Entscheidung heraus, denn unser Trek begann auf dem rechten Hügel.

Wenige hundert Meter hinter dem Ortsrand.

Dort, wo der Boden sumpfig wird, hat schon jemand Bohlen hingelegt.

Nach einer Weile endete auch der zweite Trampelpfad und ich stand vor einer sumpfigen Wiese. Wagemutig hüpfte ich von Baumstamm zu Grasbüschel zu Wurzel, um trockenen Fußes auf die andere Seite zu kommen. So ganz gelang das nicht, und so allmählich wurde der Wald um mich herum immer dichter. Ich begann schon wieder, mich abenteuerlich über Baumstämme und Totholz zu hangeln, nur dass das Holz hier zum Großteil sehr morsch war und ich nur mühsam vorankam. Als ich schon eine so erfolgreiche Besteigung wie an dem Brombeertag zu befürchten begann, stieß ich endlich wieder auf einen festen Weg.

Überall in Bodensenken stehen das Land unter und tote Bäume im Wasser...

Auf den ersten Blick sieht es aus, als könnte man die beiden Baumstämme einfach entlanglaufen. Auf den zweiten entpuppt sich der vordere als halbverrottet und der hintere als zu steil. Auf dem querlaufenden Stapel kann man vorsichtig laufen, bricht aber immer wieder ein.

Der führte leider senkrecht zu meiner gewünschten Richtung, und so bog ich doch wieder in einen Trampelpfad ein, der an einem Grillplatz vorbeiführte, über einen Biberdamm und auf der anderen Seite des Flusses die Böschung hinauf. Dort traf er auf einen markierten Wanderweg. Dem folgte ich, lange. Er führte an der rechten Seite um meinen Berg herum, mit dem Hang auf der einen Seite und dem eben überquerten Fluss auf der anderen. Ich machte kurz Rast am Fluss, füllte meine Wasserflasche auf und schlug mich dann an einer günstigen Stelle senkrecht zum Weg wieder in den Wald, direkt auf den Gipfel zu.

Der "Grillplatz".

Das ist der markierte Wanderweg. Man erkennt ihn vor Ort vor allem an den aus dem Weg geräumten Stämmen und Ästen.

Der Wald war recht licht und ich kam vergleichsweise gut voran. Der Hang war so steil, dass ich sämtliche Baumstämme, Äste und Wurzeln für den Aufstieg nutze, die ich greifen konnte. Ich lernte sehr schnell, zwischen den zahlreichen brüchigen Ästen und den wenigen stabilen Lebendhölzern zu unterscheiden. Der Untergrund war trocken, immer wieder rutschten Steinchen und kleinere Hölzchen unter mir weg. Mir brannten die Waden vom steilen Aufstieg, ich nutzte jeden Baum, dessen Wurzel genügend Standplatz bot um normal zu stehen und die Füße zu entspannen, viele waren es nicht. An einer Stelle musste ich ein paar Meter klettern, was angesichts des bröckeligen Gesteins alles andere als leicht war. Die zweite Kletterstelle vermied ich, indem ich mich ein Stück abseits an Bäumen hochhangelte.

Es geht steil nach oben, aber zwischen den Baumkronen sieht man immer wie Teile des Beagle Kanals und Feuerlands.

Nach anderthalb Stunden bemerkte ich, wie die Baumwipfel immer tiefer kamen. Ich näherte mich der Baumgrenze. Mittlerweile war mir so warm, dass ich auch noch mein T-Shirt auszog, hier kam ja eh niemand vorbei. Auf dem letzten Stück durch die Bäume musste ich geradewegs durch die verschlungenen Äste steigen. Diese Hinderniskletterei am Hang stellte nochmal eine besondere Herausforderung dar, bei der ich den Rucksack absetzen und hinter mir herziehen musste, um nicht dauernd hängen zu bleiben. Diese letzten paar Meter dauerten noch einmal zehn Minuten, dann stand ich auf freier Fläche.

Das sind Bäume, wenn auch kleine. Und garstige, widerspenstige dazu. Immerhin haben sie keine Dornen, nur drei oder vier Kratzer habe ich mir dort geholt.

Der Ausblick war großartig. Die grauen Wolken vom Vormittag waren über dem Kanal wie weggeblasen, nur im Süden hingen noch ein paar. Aber rechts von mir ging es noch weiter bergan, natürlich musste ich bis ganz hoch. Ein kurzer Blick auf die Uhr, es war halb 5, dann sprintete ich los. Ich musste noch einmal durch eine kleine baumbewachsene Senke, durch die ich aber ganz gut durchkam. Dann ging es auf mehr oder weniger großen Felsbrocken und flechtenbewachsenem Schotter noch ein paar Meter nach oben. Ich kam jetzt gut voran und legte die Strecke in einer Viertelstunde zurück. Auf dem Weg nach oben hielt ich Ausschau nach den Dientes de Navarino, der Bergkette, in der ich die nächsten Tage unterwegs sein würde. Die Berge in unmittelbarer Nähe waren zu glatt, aber da im Süden war eine Bergkette in den Wolken, die könnte es sein.

Halb in den Wolken versteckt, sind hinter mir die Dientes de Navarino, die "Zähne von Navarino".

Am Gipfel machte ich erstmal wohlverdiente Rast und zog meine Jacke an, um im wenn auch leichten Wind nicht zu frieren. Gegen 5 machte ich mich auf den Weg nach unten. Ich hielt an einigen der Nebengipfel an, die ich beim Aufstieg erstmal rechts liegen gelassen hatte und von denen aus ich eine gute Sicht auf Puerto Williams hatte. Vor allem aber trieb der Wind in der Zwischenzeit die Wolken von der Bergkette im Süden weg, und tatsächlich, dort waren die Dientes! Um die Aussicht zu genießen machte ich noch einmal Rast und verschlang einen der Dreifach-Alfajores.

Der Beagle Kanal im Norden. Die Ortschaft am Südufer ist Puerto Williams. Links unten ist der Fluss, den ich zuvor überquert hatte, den Bergrücken unmittelbar rechts von Pto. Williams bin ich heraufgekommen. Die große Insel rechts im Kanal ist die Isla Gable, auf die ich ein paar Tage später einen Abstecher gemacht habe.

Die Dientes! Sie sind es tatsächlich! Extra für mich haben sie sich aus ihrem Wolkenkleid geschält!

Zur Feier des Ereignisses: Ein Alfajor Triple: Drei Lagen Keks mit Karamel dazwischen und Schokolade drum herum.

Wieder nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ich hatte schon wieder Hunger und nur noch zweieinhalb Stunden um nach Puerto Williams und zu dem auf mich wartenden Abendessen zu kommen. Bis zur Baumgrenze kehrte ich den Weg zurück, den ich gekommen war. Im Wald versuchte ich, einen anderen Weg nach unten zu finden, was sich jedoch als Fehler herausstellte. Ich wollte den steilen, rutschigen Hang vom Aufstieg vermeiden, kam aber in Gelände, in dem Baumstämme im Weg lagen und ich viel mehr klettern musste. Außerdem stieg ich zu steil ab, traf auf einen reißenden Wasserlauf und musste den Hang erst wieder ein Stück seitwärts queren, um von den glitschigen Felsen weg zu kommen. Das nächste Hindernis war eine vielleicht sechs Meter tiefe Felswand, die ich herabklettern musste. Griffe waren groß und reichlich vorhanden, aber auch genauso lose und unzuverlässig wie zuvor. Ich begann den Abstieg an einer mir geeignet scheinenden Stelle, nur um dann vor der Wahl zu stehen, einen sichtbar lockeren Absatz herab zu klettern oder eine fast perfekt glatte, zwei Meter hohe Wand, aus deren Mitte ein kleines Bäumchen herausragte. Ich erwägte kurz, einfach zu springen, aber die Landefläche war sehr klein und stark geneigt; nur ein bisschen zuviel Schwung nach vorn und ich würde unkontrolliert den Hang herabrollen. Je mehr ich überlegte, umso unsicherer wurde ich. Schließlich fasste ich mir ein Herz und vertraute mich dem Bäumchen an. Ich hatte keinen Zweifel, dass es mich tragen würde, es war nur sehr weit von meinem Standpunkt entfernt. Sehr unsicher und mit Hilfe des Bäumchens, das ich später als Lenga identifizierte, erreichte ich den Fuß der Felswand. Ich verschnaufte kurz, dann setzte ich meinen Weg fort.

Ein letzter Blick auf den Beagle für heute.

Ein Vögelchen auf flechtenbewachsenen Steinen, eins der wenigen Tiere hier.

Das trockene Moos unter mir raschelt beim Darübergehen. Zu meiner Rechten der Bergrücken, den ich eben herabgekommen bin, hinter mir die Dientes.

Die letzte Kletterei für heute, mehr geht nicht. Etwa in Bildmitte die Lenga, die mich gerettet hat.

Nur wenige Minuten später sah ich die nächste Felswand vor mir aufragen, um die ich würde herumklettern müssen, unter mir den reißenden Gebirgsbach. Alternativ könnte ich versuchen, den Bach zu überqueren. Selbst wenn ich das trocken schaffte, was ich stark bezweifelte, sah ich keine Chance auf der anderen Uferseite sicher absteigen zu können. Ich hatte mich in eine Schlucht hinein manövriert.

Mir entfuhr ein Seufzer der Verzweiflung, die Kletterei hatte mich an meine psychische Grenze geführt. Ich wusste zwar, wo ich war (“Da drüben ist Pto. Williams.”), hatte aber keine Ahnung, ob der Weg, den ich eingeschlagen hatte, wieder gangbarer würde (“Wie zum Teufel komm ich da bloß hin?”). Inzwischen zweifelte ich nicht nur daran, rechtzeitig zum Abendessen nach Puerto Williams zurück zu kehren, sondern überhaupt noch bei Tageslicht. Hier bleiben und auf Hilfe hoffen war aussichtslos. Zudem hatte ich zu wenig gegessen, der Energiemangel machte sich nun bemerkbar. Ich traute mir in meiner Verfassung nicht mehr zu, sicher um die Felswand herumzukommen. Ich biss die Zähne zusammen und tat das einzige, was mir unter diesen Umständen noch vernünftig erschien: Ich stieg wieder ein Stück auf, bis ich oberhalb der Felswand war und querte den Berg weiter nach links. Ich startete einen erneuten Versuch abzusteigen, das Gelände war immer noch von Baumstämmen übersät. Noch ein paar Sumpfstellen, ein paar engstehende Büsche, durch die ich musste, ein paar Geländewellen – wenigstens war ich mir in der Himmelsrichtung sicher, in die ich musste. Ich nahm keine Rücksicht mehr auf Zweige, die mir den Weg versperrten, ich brach einfach durch sie hindurch. Das würde ich nicht lange durchhalten können, aber das flacher werdende Gelände beruhigte mich etwas.

Eher zufällig sah ich die erlösenden zwei übereinander liegenden roten Streifen, der Weg, dem ich zuletzt gefolgt war, bevor ich mich hangwärts wandte. Nach der Wegmarkierung entdeckte ich auch den schmalen Trampelpfad, auf dem ich gerade stand, auf dem Hinweg war ich nur einige Hundert Meter weiter gegangen. Erleichtert wandte ich mich Richtung Küste. An der nächstbesten Flussquerung machte ich Halt und wusch mir mit dem kalten Wasser den Schweiß vom Gesicht. Ich hatte noch eine Dreiviertelstunde, um nach Puerto Williams zu kommen. Ich war mir bewusst, dass ich bisher nur ein blaues Auge davon getragen hatte und hatte fest vor, es dabei zu belassen. Vom Berg war ich herunter, das Labyrinth im Sumpfland stand mir noch bevor. Ich wollte auf der Straße bleiben, auch wenn das einen großen Umweg bedeutete.

Der wohl schönste Anblick an diesem Tag: zwei waagerechte rote Streifen auf weißem Grund.

Ich folgte dem Weg, auf dem ich mich befand. Der traf auf eine Straße, die an Militärgelände vorbeiführte. Das war die erste Abzweigung nach links. An der zweiten Abzweigung stand kein Tor und auch kein Schild, und so kehrte ich dorthin zurück, als ich bemerkte, dass die Straße, der ich folgte, von Puerto Williams wegführte. Also folgte ich der Abzweigung, widerstand mehrfach der Versuchung, nach rechts in das Unterholz abzubiegen um auf direktem Weg nach Puerto Williams zu kommen, und kam, nach einem schier endlosen Feldweg, endlich zu einem Tor. Natürlich hatte auch meine Abzweigung auf Militärgelände geführt, und ich musste am Tor vorbei nach draußen. Der Feldweg führte auf Schotterstraße und die wiederum führte auf einen großen Platz in dessen Mitte eine Marienstatue stand. Von diesem Platz führten zwei Wege ab. Ich war mir sicher, dass ich mittlerweile schon an Puerto Williams vorbei gelaufen sein musste, und wählte den rechten der beiden Wege. Und richtig, keine fünf Minuten später lief ich am Ortseingang vorbei. Das Hostel war schnell gefunden, so groß ist der Stadtrand von Puerto Williams nicht. Als ich eintraf, wurde ich mit einem fröhlichen “gerade rechtzeitig” begrüßt, wechselte schnell das T-Shirt und setzte mich dann zu den anderen an den Tisch.

Blick zurück: Den Berg bin ich gerade herabgestiegen. Sieht eigentlich ganz harmlos aus.

Noch ein Blick zurück: Das Tor zurück zur Zivilisation. Und ja, durch die Streben kann man bequem durchsteigen. Ich habe trotzdem bevorzugt, einfach an der Seite vorbeizulaufen.

Endgültig in Sicherheit. Jetzt galt es nur noch, die richtige Straße zu finden, was schon zwei Minuten später geschah.

Meine Tischnachbarn waren ein älteres spanisches Pärchen, das ein paar Wanderungen in der Gegend unternommen hatte, und ein junges Pärchen aus Göttingen, das gerade vom Dientes-Trek zurück gekommen war. Wir unterhielten uns anfangs auf Spanisch, und später, als die Spanier in ihrem Zimmer verschwunden waren, auf Deutsch. Die beiden meinten, dass mein heutiger Ausflug mich gut auf den Dientestrek vorbereitet hat, genauso würde es die nächsten Tage werden. Wir tauschten noch ein wenig weitere Chile- und Trekkingerfahrungen aus, später legte ich meine feuchten Schuhe vor den Kamin und fiel nach einer warmen Dusche in ein warmes und kuscheliges Bett.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Feuerland, Tag 2: Parque Nacional Tierra del Fuego

21. April 2014

Comments Off

Die Nacht war natürlich viel zu kurz gewesen. Kurz vor neun quälte ich mich dann doch aus dem Bett, denn ich wollte spätestens den 10-Uhr-Bus zum Nationalpark Tierra del Fuego erwischen. Ich wusste nur ungefähr, von wo er abfuhr, und Frühstück musste ich auch noch auftreiben. Dumm nur, dass der dritte März in Argentinien ein Feiertag ist, und die Läden ohnehin nicht vor um 10 aufmachen. Egal, am Nationalpark würde es doch sicher eine Imbissbude geben, dort könnte ich mir ein Sandwich kaufen. Und so verschob ich mein Frühstück, um lieber den Bus noch zu erwischen.

Kurz vor zehn fand ich die Busstation, ich konnte sie gar nicht verfehlen. Neben einer Reihe von Kleinbussen stand eine riesige Tafel mit einer Karte des Nationalparks und groß darüber “Parque Nacional Tierra del Fuego”. Noch während ich versuchte, die sonnenverblichene Schrift zu entziffern, sprach mich ein Jüngling mit einer Karte in der Hand an. Er verkaufte mir ein Busticket (150 arg. Pesos, etwa 15 Euro), erklärte mir kurz den Fahrtverlauf und die Haltepunkte und empfahl mir auf meine Nachfrage den Wanderweg an der Küste entlang. Auf der Karte, die er mir zeigte, entdeckte ich aber einen Weg, der auf einen Berg führte, und damit war die Entscheidung für mich gefällt.

Der Bus fuhr pünktlich um 10 und vollbesetzt ab. Wir drehten zwei Ehrenrunden durch die Straßen von Ushuaia, weil die Hauptstraße wegen eines Karnevalsumzugs gesperrt war und der Fahrer anscheinend sicherstellen wollte, dass es dort wirklich nicht lang geht. Außerdem hielten wir unterwegs zweimal an, der Fahrer schaute hilflos in den Motorraum und fuhr dann weiter. Das dritte Mal hielt er an, um mit einem Kumpel zu sprechen, den er in einem anderen Bus am Straßenrand entdeckte. Beim Aussteigen hatte er die Handbremse vergessen anzuziehen, nach einigen Metern rückwärts holte das einer der Fahrgäste nach.

Eine halbe Stunde später kamen wir tatsächlich am Eingang zum Nationalpark an. Alle stiegen aus, sammelten sich in der kleinen Hütte der Nationalparkverwaltung, zahlten ihren Eintritt (noch einmal 110 Pesos), bekamen einen Flyer mit Karte in die Hand gedrückt und stiegen wieder ein. Die meisten fuhren bis zum ersten Haltepunkt im Nationalpark, ich war die einzige, die am zweiten ausstieg, der Rest fuhr zum dritten. Ich ging in eine schicke Hütte, die aussah, als gäbe es darin etwas zu essen. Gab es auch, aber nur Süßes. Ich wusste, dass es 1km weiter meinen Weg entlang noch eine zweite Versorgungshütte geben musste und machte mich auf den Weg. Die zweite Hütte fand ich tatsächlich, dort gab es aber nur Chips und ähnliche Knabbereien. Dafür war ich nicht bereit, überteuerte Preise zu bezahlen. (Dafür fand ich diese hübsche Karte.) Im Bus hatte ich die Reste meines Flugzeugfrühstücks vom Vortag (Süßkram in winzigen Tütchen) gegessen, trotzdem war ich nicht annähernd satt. Im Rucksack hatte ich eine Packung Kekse, Wasser und ein paar Bonbons. Ich bereute, die Erdnüsse am Morgen ihres Gewichts wegen ausgepackt zu haben.

Die Karte sagte, dass mein Bergweg vier Stunden in Anspruch nehmen würde, allein für den Aufstieg. Die Schwierigkeitsstufe war die höchste, natürlich. Der letzte Bus sollte um 7 abfahren, mittlerweile war es um 11. Es blieben also genau acht Stunden, genau so viel Zeit, wie ich theoretisch für den Weg brauchen sollte. Ich war zwar bisher meist schneller als die offiziellen Zeiten gewesen, aber das war ein paar Tausend Kilometer weiter nördlich, und einem besseren Frühstück. Ich setzte 3 Uhr als spätestes Umkehrzeit fest, und öffnete die Kekspackung.

Ein Blick auf die Karte sagt, dass das Gewässer da ein Fluss sein soll, der Rio Lapataia, die Verbindung zwischem dem Lago Roca und der Bahìa Lapataia, die Teil des Canal Beagle und eigentlich ein Fjord ist (d.h. von Gletschern geformt).

Schwäne auf dem Río Lapataia. Der Name Lapataia stammt aus der indianischen Sprache Yámana und heißt so viel wie "Bucht des Holzes" oder "des Waldes". Mit dem Holz haben die Yámana Kanus gebaut um auf dem Beagle zu jagen.

Die Hütte mit dem hervorragend zum Bergsteigen geeigneten Essen.

Der Zuweg zu meinem Wanderweg lief sich recht bequem, er war breit, weich, und verlief im Wald in unmittelbarer Ufernähe des Lago Roca. Nach einigen Minuten zweigte mein Weg, die Senda “Cerro Guanaco” nach rechts ab. Ich passierte ein Schild, auf dem eindringlich davor gewarnt wurde, den Weg mit schlechten Schuhen, unangepasster Kleidung oder nach 12 Uhr zu betreten. Daran scheiterte es bei mir nicht, ich hatte meine Trekkingschuhe an, trug eine Lage Kleidung am Leib und weitere einschließlich Regenjacke im Rucksack, und es war erst halb 12. Wenn überhaupt würde mir der Energiemangel zu schaffen machen.

Der Weg wurde ziemlich schnell ziemlich steil. Er war stellenweise sehr schmal, ging über Wurzeln, kleinere Rinnsale, und hatte am Anfang kaum Aussicht. Nach zwanzig harten Minuten kam ein kleines gelbes Schildchen in Sicht: noch 4km. Dabei sollte die Gesamtstrecke 4km lang sein. Nunja, argentinische Messgenauigkeit, ich stieg weiter auf. Unterwegs überholte ich zwei Frauen, eine Gruppe Jugendlicher ließ ich erstmal vor mir. Nach einer Stunde machte ich kurz Rast, erst, um meine warme Unterhose auszuziehen, gleich darauf um den ersten Aussichtspunkt zu genießen.

Unter mir: Der Lago Roca. Die erste nennenswerte Aussicht nach einem bisher ununterbrochen schweißtreibenden Aufstieg.

Weiter ging der Weg durch verschlungenes Gehölz. Hier sah ich die ersten Wegmarkierungen, gelbe in den Boden gerammte Stöcke. Ich versuchte, dem Weg zu folgen. Allerdings war der Boden teilweise so schlammig, dass ich mich lieber ein ganzes Stück von den Stöcken entfernt durchschlug. Irgendwo in diesem Wirrwarr überholte ich die Jugendgruppe.

Wurzeln, Wurzeln, und noch mehr Wurzeln. Dazwischen ein paar tiefhängende Äste und hin und wieder ein gelbes Stöckchen zur Wegmarkierung.

Oberhalb der Baumgrenze begann das Sumpfland. Der Boden war völlig durchweicht, und der offizielle Weg zeichnete sich durch tief in den Schlamm eingegrabene Fußspuren aus. Ich versuchte von Grasbüschel zu Grasbüschel einigermaßen trockenen Fußes vorwärtszuhüpfen, immer wieder in die Nähe der Markierungen zurück kehrend. Dieser Abschnitt war zwar nicht der anstrengendste, aber der bei Weitem unangenehmste.

Theoretisch ist jetzt die Hälfte des Weges geschafft. Jetzt geht es bis zur grünen Kante mehr oder weniger geradeaus und dann schräg rechts nach oben. Der Gipfel des Guanaco ist übrigens nur 973 m hoch, die Vegetationsgrenze nochmal einige hundert Meter unterhalb des Gipfels.

Kurz vor der Graskante, Blick nach Süden über den Beagle. Links von mir ist der Bergrücken vom vorherigen Foto. Der linke graue Inselzipfel gehört zur Isla Navarino, der rechte zur weitzerfransten Isla Hoste.

Endlich gelangte ich an den Bergrücken auf dem Foto, und kurz darauf kam das “1km”-Schild in Sicht. Von nun an ging es auf einigermaßen festem Untergrund weiter. An einigen Stellen war der Weg steiler, festgetretener Sand, und mir graute schon vor dem Abstieg. Die Steigung des Wegs war nur geringfügig kleiner als wenn man den Hang gerade hoch gelaufen wäre.

Fester Untergrund unter den Füßen! Hier läuft es sich noch ganz angenehm, solange man nicht nach unten schaut. Später wird die Neigung noch steiler. Der Felsschotter hält einen Sturz zwar auf, aber der Neigung nach zu urteilen erst nach ein paar gerutschten Metern.

Auf halber Höhe des Schotterhangs wurde ich selbst überholt. Aber nicht einfach von einem schnellen Geher, sondern der Typ joggte den Berg hoch. Selten habe ich einen Menschen so gehasst. Aus Frust machte ich erstmal kurz Pause, knabberte ein paar meiner Kekse, trank einen Schluck und trottete dann gemächlich weiter. Mein Magen hatte schon aufgegeben zu knurren, und ich lief mehr aus Willenskraft als aus wirklich vorhandener Energie.

Je höher ich kam, um so dichter wurde der Gegenverkehr. Ein sicheres Zeichen, dass ich der Spitze nahe kam. Als ich knapp unterhalb des höchsten Punktes den Kamm überquerte, sah ich auf der anderen Seite zwei oder drei Grüppchen, die dort Rast machten. Ich folgte dem Trampelpfad noch ein Stückchen, überquerte den Kamm erneut und erreichte nach wenig mehr als drei Stunden Aufstieg schließlich den Gipfel des Cerro Guanaco. Hier rasteten schon ein deutsches und ein schweizerisches Pärchen, und ein Rotfuchs. Der war schon so an Menschen gewöhnt, dass er sich von uns überhaupt nicht weiter beeindrucken ließ und gelassen die Gegend abschnüffelte.

Auf der Ostseite des Kamms: Im Bildmittelpunkt ist Ushuaia, links das Südufer der Isla Grande de Tierra del Fuego, rechts die Isla Navarino.

Ich machte von dem schweizer Pärchen ein Foto, dann begannen sie ihren Abstieg. Kurz darauf folgte das deutsche Pärchen, später kam noch die Jugendgruppe an, die ich überholt hatte, und dann war ich allein auf dem Gipfel. Der Wind pfiff mir um die Kapuze meiner Regenjacke und nach über einer Stunde auf dem Gipfel wurde mir langsam kühl. Trotzdem kehrte ich noch dreimal auf den Gipfel zurück, weil ich noch nicht gehen wollte.

Herr Rotfuchs hier zeigte sich recht unbeeindruckt von uns menschlichen Eindringlingen, hielt aber doch ein paar (wenige) Meter Abstand. Dank Tollwutimpfung hatte ich ohnehin keinerlei Bedenken in seiner Nähe sitzen zu bleiben ;)

Von links nach rechts: La Isla Grande de Tierra del Fuego, la Isla Navarino, la Isla Hoste. Die Stadt ist natürlich Ushuaia. Das Band, das von Ushuaia nach rechts zu mir führt, ist die Zufahrtsstraße zum Nationalpark und das Endstück der Panamericana.

Nicht nur ich genieße die Aussicht...

Panorama vom Gipfel aus. Ganz links die Isla Navarino, Der Arm, der von rechts in den Beagle-Kanal ragt, gehört zur Isla Grande, genau wie die vordere schneebedeckte Bergkette. Die hintere schneebedeckte Bergkette gehört zur Isla Hoste. Das rechte Gewässer ist der Lago Roca, durch das Inselwirrwarr in der Bildmitte schlängelt sich der Río Lapataia, und links davon ist die Bahìa Lapataia.

Als ich mich endlich aufraffte, war ich die letzte. Alle Rastplätze waren leer, als ich meinen Abstieg begann. Ich dachte wieder an meinen Magen, den ich auf dem Gipfel mit den letzten drei Keksen nur unzureichend gefüllt hatte. Aber im Moment schwieg er beleidigt. Der Weg abwärts war leider genauso steil, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Vorsichtig tastete ich mich abwärts. Allein das Wissen, dass meine Schuhe mich hier hoch gebracht hatten, half mir den gleichen steilen Weg wieder abwärts zu laufen. Auf halber Höhe, als der Weg geringfügig flacher wurde, hatte ich mich dann so an die steilen Passagen gewöhnt, dass ich förmlich den Hang herunter hüpfte. Mir kam noch ein einsamer Wanderer mit Trekkingrucksack entgegen, dann erreichte ich wieder das Sumpfland. Schneller, aber auch nasser, überquerte ich das Feld, dann schlug ich mich wieder in den Wald. Von hier an verlief der Abstieg mehr oder weniger unspektakulär. Ich machte mehrmals ausgedehnte Rast, immer mit Blick auf die Uhr. Ich hatte vier Stunden für den Abstieg, und hatte fest vor, nicht weniger als drei zu brauchen. An einem Aussichtspunkt traf ich noch zwei Britinnen, die mir aber versicherten, nicht weiter aufsteigen zu wollen. Kurz nach sechs stand ich dann wieder am Ufer des Lago Roca.

Und zurück über das Hochmoor. Diesmal hatte ich nicht so viel Geduld und entsprechend bekam ich etwas nasse Füße.

Und noch nassere Füße...

Egal, solange das Wasser nicht in den Schuhen schwappt, kann mir so schnell nichts die Laune verderben.

Und stetig bläst der Wind. War ich während des Aufstiegs teilweise im T-Shirt unterwegs, brauche ich beim Abstieg lange Ärmel. Und wenige Minuten nach dem Foto werde ich einen zweiten dünnen Pullover überziehen.

Zwei dünne Pullover und meine alaskaerprobte Kuscheljacke - wenn man sich hinsetzt, kühlt einen der eisige Wind ohne diese Anzahl von Lagen innerhalb von Minuten aus. Gleich nach dem Foto kommt noch meine Regenjacke dazu, auch wenn die einzigen Tropfen von der Brandung des Lago Roca kommen.

Dieses Foto spiegelt so ziemlich die Laune meines Magens wider. Trotz des bedrohlichen Anscheins bleibe ich aber trocken, bis ich zurück in Ushuaia bin.

Ich gönnte mir noch eine lange Pause am Lago Roca, dann trotte ich gemächlich zum Bushalteplatz zurück. In der Versorgungshütte kaufte ich vor Restaurantschluss das erstbeste Gebäck mit Früchten. Nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber so ließ sich die Rückfahrt im Bus aushalten. Zurück in Ushuaia hatte ich sogar noch ein paar Minuten übrig, um schnell unter die Dusche zu springen, bevor ich mich mit Pedro traf. Wir suchten länger nach einem Restaurant als für meine hungrige Ungeduld gut war, fanden aber endlich doch eins mit angemessenen Preisen. Leider war es ein Restaurant (das erste und bisher nur eins von zweien in Südamerika), das kein kostenloses Wasser ausgab. Aus Trotz trank ich eben nichts, das holte ich am Wasserhahn im Hotelzimmer nach.

Anschließend gingen wir noch zum Supermarkt, wo ich mich mit einer neuen Kekspackung und einer Packung mit dreilagigen Alfajores (Gebäck mit viel Schokolade) eindeckte, soviel eben in meinen Rucksack für den nächsten Tag passte. Zurück im Hotel schaute ich noch nach, wo ich am nächsten Morgen eigentlich hin musste, und schlug vor allem das Wort “Fähre” nach, damit ich mich im Zweifelsfall durchfragen konnte. Netterweise lautet das spanische Wort dafür “ferri”, was in mein übermüdetes Gehirn gerade noch hineinpasste, bevor ich, noch halb über den Laptop gebeugt, einschlief.

 

Zum Abschluss noch ein wenig fueguinische Flora, leider zum Großteil ohne Namenszuweisung. Über Hinweise, die zur namentlichen Identifizierung führen, bin ich dankbar :)

Im Hochmoor.

Eine alte Bekannte, eine Llareta.

Mehr Moos.

So grau und steinig die Landschaft aussieht - ein paar Pflänzchen halten sich tapfer oder verbissen auf dem Cerro Guanaco, je nach Sichtweise.

Und noch ein Bekannter: Der Baumbart.

Na gut, nicht ganz Flora, aber auch mit 'F'. Die Flattermänner gab es an den Zeltplätzen zu Hauf.

 

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Feuerland, Tag 1: Bootstour und Glaciar Martial

31. March 2014

Comments Off

Gerade in Ushuaia gelandet und im Hotel eingecheckt, beschloss ich, noch am selben Vormittag die touristischen Angebote zu erkunden. Vom Hotel zur Touristeninfo waren es fünf Minuten zu Fuß, und von dort noch einmal zwei Minuten bis zu der kleinen Ansammlung an Holzbuden am Hafen, in denen Bootsausflüge verkauft wurden. Ich entschloss mich spontan, an einer vierstündigen Bootstour zum Sea Lions Island, zur Insel Les Eclaireurs und zum Bridges Island teilzunehmen. (Die ungefähre Route sieht man als lila gestrichelte Linie auf dieser Karte.) Die Namen sagten mir nichts, aber der Preis passte und auch die Dauer. Nur die Abfahrtszeit um 10 war etwas knapp, ich hatte noch eine halbe Stunde Zeit.

Ich flitzte zurück zum Hotel, fischte noch eine warme Unterhose aus meinem Gepäck, stopfte eine Kekspackung in meinen Rucksack, stürzte zum nächstbesten Geldautomaten und zurück zum Hafen. Zwei Minuten vor zehn war ich zurück an der Bootsbude. Von der langen Anreise noch übermüdet, hatte ich den Preis in argentinischen Pesos falsch verstanden und nicht genug Geld abgehoben. Aber das gute an Argentinien ist, dass der US-Dollar übliche Zweitwährung ist und ich vor allem noch einen Fünfziger einstecken hatte. Das Wechselgeld bekam ich in Pesos, dann durfte ich mich zu dem Grüppchen an Wartenden dazugesellen. Auf dem Weg zum Boot bezahlte ich noch 10 Pesos Hafensteuer (etwa 1 Euro), dann kletterte ich mit einer kleinen Gruppe Argentinier und zwei Brasilianern in das Boot. Ich war die einzige Europäerin.

Die "Che Totin", mein Transportmittel für die nächsten vier Stunden.

Die Crew bestand aus dem Kapitän/Steuermann und dem Führer, der – ich fühlte mich wie im Himmel – nicht nur ganz gutes Englisch sprach, sondern auch noch verständliches Spanisch. Fast die komplette Tour hörte ich mir auf Spanisch an, nur an einigen wenigen Stellen musste ich nachfragen. Es lag also wirklich an den Chilenen und nicht an mir, dass ich sie so schlecht verstand. Der einzige Unterschied des Argentinischen zu dem Spanisch, das ich gelernt habe, ist das verstärkte Zischen des “y” und “ll”. Statt “tuyo” und “llamar” sagen die Argentinier (oder zumindest die Ushuaianer) [tuscho] und [schamar]. Aber das hatte ich in abgeschwächter Form schon von Mexikanern gehört, insofern musste ich mich nicht allzusehr umgewöhnen.

Die Bootsfahrt begann mit dichter Wolkendecke und mäßigem Wind. Das wurde von den Einheimischen als schönes Wetter bezeichnet. Das lag unter anderem daran, dass der Wind aus Osten kam statt wie üblich aus Westen. Wind aus Westen bringt kalte Luft aus der Antarktis mit, wir hatten also vergleichsweise warmen Wind. Es war auch tatsächlich nicht kalt, wenn man nicht gerade stundenlang auf dem Bootsbug im Fahrtwind saß und die ein oder andere Welle abbekam. Aber die Aussicht war es Wert.

Blick zurück nach Ushuaia.

Der östlichste Ausläufer, Industriegebiet von Ushuaia. Dahinter die "Cinco Hermanos", ein Berg mit einer charakteristischen gezackten Spitze, hab ich gehört...

Immer wieder ragten steile Berggipfel zwischen der zerrissenen Wolkendecke auf der Feuerlandseite auf, eine kleine Insel nach der anderen passierten wir, immer den Beagle-Kanal entlang, Feuerland auf der Linken und die Isla Navarino auf der Rechten. Trotz nassen Winds war ich in dem Moment der wohl glücklichste Mensch der Welt: da drüben war Feuerland, endlich war ich angekommen.

Genau hinschauen! Ein Sonnenhalo, als Willkommensgeschenk.

Mit dem Segelboot wäre ich lieber gefahren, aber die zugehörigen Leute an der Hafenhütte hielten es nicht für nötig, freundlich zu sein.

Wir hielten an Inseln mit Kormoranen:

Seelöwen:

Seelöwinnen wiegen mit etwa 150 kg knapp halb soviel wie Seelöwen und sind praktisch dauerschwanger: sie tragen ein knappes Jahr und sind kurz nach der Geburt wieder paarungsbereit.

Seebären (fur seals):

und umrundeten die Insel mit dem Leuchtturm, Les Eclaireurs, dem Wahrzeichen von Ushuaia.

Blick Richtung Westen, Ushuaia ist rechts hinter der Insel zu sehen.

Auf dem Rückweg wärmten wir uns bei einem Becher Kakao im Bootsinneren, dann stoppten wir für eine kleine Wanderung auf der Isla Bridges. Dort erklärte uns der Führer die einheimische Flora. Besonderen Wert legte er auf die Llareta, eine Pflanze, die weiter nördlich nur in mehreren Tausend Metern Höhe zu finden ist (d.h. in den Hochanden von Peru und Bolivien) und nur hier auf Meereshöhe. Sie wächst 1-3mm im Jahr, und dementsprechend bestand er darauf, dass wir brav dem kleinen Trampelpfad folgten und nicht auf die Pflanze traten: Auf den ersten Blick könnte man sie für einen moosbewachsenen Stein halten, tatsächlich ist aber ihr komplettes Inneres pflanzlich und sehr verletzlich.

Diese Llareta hier dürfte einige hundert Jahre alt sein.

Das Innenexleben einer Llareta.

Dieses Blümchen heißt Mata Negra; wie man unschwer sieht, ein sehr passender Name. Der Name wurde übrigens mehrfach vergeben, und immer an weiße Blumen... Die hier heißt auch Chiliotrichum diffusum.

Das Pflänzchen hier wird später im Zusammenhang mit einer Legende nochmal auftauchen. Es ist die Symbolpflanze Patagoniens: der Calafate. Die Pflanze blüht von Oktober bis Januar und riecht dabei wohl ziemlich stark. Im Februar kann man die Beeren essen. El Calafate ist auch der Name eines berühmten Gletschers weiter nördlich in Südpatagonien.

Der Pelz hier heißt "La Barba de viejo". Der "Gewöhnliche Baumbart" war mir schon in Alaska aufgefallen - diese Flechte wächst praktisch nur dort, wo die Luftqualität sehr hoch ist. Ich habe übrigens erst vor ein paar Tagen herausgefunden, dass Flechten aus einem Pilz als Grundgerüst und (meist) Algen als Nahrungslieferant bestehen. In Anbetracht der immensen Verbreitung von Flechten ist es eine Schande (für mich und meine Biolehrerin), dass ich sie bisher für Pflanzen gehalten habe.

Auf dem "Gipfel" der Isla Bridges. Im Norden - im Gegenlicht - sieht man Ushuaia und Feuerland.

Feuerland!

Zurück in Ushuaia schloss ich mich den beiden Brasilianern Gustavo und Pedro an, die noch am selben Nachmittag auf den Glaciar Martial steigen wollten (die ungefähre Position des Gletschers findet man ebenfalls auf dieser Karte). Ich hatte keine Ahnung, wie lange das dauern würde, angeblich hatte der Führer gesagt, man bräuchte vier Stunden für den Aufstieg. Nun ja, vielleicht schafften wir es nicht bis ganz hoch, aber schon von halber Höhe aus würden wir einen netten Ausblick auf Ushuaia und den Beagle-Kanal haben. Wenn die Wolken noch aufklarten.

Bevor wir aufbrachen, aßen wir noch schnell einen Burger, meine erste richtige Mahlzeit an dem Tag. Dann nahmen wir ein Taxi, das uns bis zum Beginn des Wanderwegs bringen sollte. Da wir zu dritt waren, zahlte jeder nur etwa 20 argentinische Pesos, etwa 2 Euro. Die Fahrt führte aus Ushuaia heraus und Serpentinen den Berg herauf, vorbei an noblen Hotels. Als wir angekommen waren, drehte der Fahrer die Musik lauter und fing an auf seinem Sitz zu tanzen.

Wir starteten an der Talstation eines Sessellifts. Ich hab den Preis nicht mehr im Kopf, wir waren uns aber alle einig, dass die halbe Stunde Zeitersparnis den Preis nicht wert war. Und mehr als eine halbe Stunde bis zur Bergstation brauchten wir tatsächlich nicht. Von dort führte ein zwar unmarkierter, aber gut ausgetretener Pfad weiter nach oben. Der Weg nach oben war steil, aber recht angenehm zu gehen. Gustavo hatte zuvor noch gewarnt, dass er ein langsamer Geher wäre, tatsächlich liefen beide aber etwa in meinem Tempo.

Noch sind wir von Bäumen umgeben. Das da vorn muss wohl der Gletscher sein...

Gustavo und ich über dem spätsommerlichen Rest des Schmelzwasserflusses des Martial.

Ein wenig hoffte ich, dass hinter dem Bergrücken zur linken noch ein "richtiger" Gletscher auftauchen würde...

Ich und Pedro vor dem Martial. Ja, dieses kleine Schneefleckchen da oben ist der Martial.

 

Das letzte Drittel des Aufstiegs...

Von der Talstation bis zum Gletscher hoch brauchten wir etwa eine Stunde, ich vermute, dass die vier Stunden des Führers von Ushuaia aus hin und zurück gerechnet waren. Oder vielleicht bis zum Gipfel, denn der Wanderweg endete am unteren Ende des Gletschers. Der Gletscher selbst ist unspektakulär, und eher winzig, aber die Aussicht auf dem Weg dorthin wurde mit jedem zurück gelegten Meter besser. Die Wolkendecke riss tatsächlich noch auf (für mich!) und wir hatten kilometerweite Sicht.

Das Ende des Weges. Von hier an nur mit angemessener Ausrüstung und Erfahrung. Höhe über Normalnull: 825 m. Die Baumgrenze liegt einige hundert Meter tiefer.

Ushuaia und dahinter der Beagle Kanal.

Eins der besten Bilder, die ich je gemacht habe :D Leider mit ein paar Regentröpfchen auf der Linse. Darf ich vorstellen: meine beiden völlig geistesungestörten brasilianischen Begleiter Gustavo und Pedro.

Auf dem Weg nach unten machten wir noch einen kleinen Abstecher einen Aussichtspfad entlang. Von seinem Ende hatte man noch einen besseren Blick über Ushuaia, außerdem entdeckte ich einige der Pflanzen von der Isla Bridges wieder.

Ushuaia. Die Serpentine rechts unten sind wir mit dem Taxi hoch gefahren. Die hintere Ausbeulung der Halbinsel in der Bildmitte - das ist der Flughafen von Ushuaia. Dahinter liegt die Isla Navarino. Es ist zwar bewölkt, aber die Sichtweite liegt bei mindestens 40 - 50 km, eher noch weiter.

Zurück am Parkplatz fuhr ein leeres Taxi vor unserer Nase davon, und als nach zehn Minuten rosafarbenes Teehaus angucken immer noch kein neues Taxi aufgetaucht war, beschlossen wir, die Straße nach Ushuaia zu laufen. Die Serpentinen streckten sich und nach einem Kilometer auf der Straße und immer noch keinem Taxi führte ein verlockender Weg nach links weg. Ich überredete meine beiden Begleiter, diese Abkürzung zu versuchen.

Unterwegs trafen wir ein Paar mit Hund. “Nein, dieser Weg führt ins Nirgendwo, der ist nur zum Joggen.” Tatsächlich, ein paar hundert Meter weiter endete der breite Schotterweg und ein Trampelpfad tauchte auf. Ich hatte wenig Lust, die Viertelstunde zur Straße zurück zu gehen, und schließlich fanden die beiden Brasilianer mein Argument einleuchtend, dass wir, solange wir bergab und Richtung Küste gingen, irgendwann wieder auf die Straße treffen mussten. Wir vereinbarten, dem Weg noch zwanzig Minuten lang zu folgen, und erst dann wieder umzukehren, falls wir keinen anderen Weg getroffen hatten – so dass wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang zurück an der Straße wären.

Der Trampelpfad war etwas mühsam, ging stellenweise sehr steil bergab und an einer Stelle mussten wir über einen Baumstamm balancieren. Aber immerhin, es gab eine Brücke über den Wasserlauf! Kurz darauf stießen wir auf einen breiteren Pfad, der sich als Downhill-Strecke entpuppte. Breit grinsend ging ich meinen Begleitern voraus, bis wir einige Minuten später tatsächlich wieder auf die Straße stießen, nur viele Serpentinen unterhalb der Stelle an der wir die Straße verlassen hatten.

Pedro balanciert über eine halbnatürliche Brücke, mit der Gesamtsituation noch nicht so ganz zufrieden.

Erleichterung, hier waren Menschen gewesen! (Als ob der Trampelpfad vorher nicht auch von Menschen gemacht worden wäre ;) )

Wir folgten den Serpentinen ein Weilchen, dann kürzten wir nochmal ab – diesmal brauchte ich nur zu fragen, nicht zu überreden. Kurz vor Sonnenuntergang erreichten wir schließlich Ushuaia. Übrigens kam uns am Stadtrand zufällig genau der Taxifahrer entgegen, der uns heraufgefahren hatte.

Lupinen, die in Ushuaia zu Hauf blühten. Ungefähr so wie bei uns der Löwenzahn, nur größer.

Zum Abendessen gingen wir in die Pizzabar direkt neben meinem Hotel und bestellten eine große Pizza für uns drei. Als sie kam, war ich erst skeptisch, dass wir alle von dieser Pizza satt werden sollten. Allerdings aßen die beiden nur je zwei Stücke und ich hatte die restliche halbe Pizza für mich allein, das reichte dann gerade so. Gustavo sollte am nächsten Tag nach Sao Paulo zurückfliegen; mit Pedro verabredete ich mich für den nächsten Abend zum Essen.

Als ich schließlich in mein Zimmer kam, bekam ich endlich meine langersehnte Dusche – meine Anreise hatte zwei Nächte in Anspruch genommen, mit einem halben Tag in der brütenden Hitze von Santiago und viel zu wenig Schlaf -, dann fiel ich hundemüde aber überaus glücklich ins Bett.

 

Wer jetzt noch nicht genug von Biologie hat, für den gibt es auf der Seite von Ushuaia noch ein paar weitere Informationen zur Flora und Fauna in und um Ushuaia.

Und zum Abschluss noch eins der Lieder, die auf dem Boot liefen und von zwei Dritteln der Lebendladung lauthals-fröhlich mitgesungen wurden: Entra a mi hogar von Los Tekis.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Tierra del Fuego

23. March 2014

Comments Off

Bevor ich auf meine einzelnen Touren auf und um Feuerland eingehe, möchte ich einen groben Überblick über die Region geben.

Feuerland, oder Tierra del Fuego, liegt an der Südspitze Südamerikas und bezeichnet zum einen den ganzen Archipel aus kleineren und größeren Inseln einschließlich Kap Horn, zum anderen aber auch die Hauptinsel Isla Grande de Tierra del Fuego, die etwa 2/3 der Gesamtfläche des Archipels ausmacht. Diese Hauptinsel ist mit dem Lineal zwischen Chile und Argentinien aufgeteilt worden, die restlichen Inseln gehören zum Großteil Chile. Der argentinische Teil ist zwar deutlich kleiner, aber dichter besiedelt, unter anderem weil dieser Inselteil bis vor einiger Zeit steuerbefreit war.

Feuerland liegt bei etwa 54° südlicher Breite, und ist damit das südlichste Fleckchen Land vor der Antarktis. Dank der Lage zwischen zwei Ozeanen ist das Klima kühl-gemäßigt, im Sommer liegen die Temperaturen um die 15°C und im Winter bei etwa -10°C. Dazu kommt allerdings ein Wind, der entweder sehr stark ist oder orkanstark. Das Wetter auf Feuerland ist sehr unbeständig, strahlender Sonnenschein kann innerhalb von Minuten in starken Wind mit Regen oder Schneegestöber umschlagen, selbst im Sommer. Von der Wettervorhersage wird daher von den Einheimischen nur die Windvorhersage ernstgenommen, die Temperatur- und Niederschlagsvorhersagen werden völlig ignoriert. Während der knapp zwei Wochen, die ich dort war, hatte ich keinen einzigen Tag, an dem es überhaupt nicht geregnet hat, aber auch keinen Tag, an dem die Sonne überhaupt nicht rauskam.

Für Ausflüge in die Umgebung erschien mir das Städtchen Ushuaia besonders gut geeignet. Ushuaia hat außerdem den Vorteil, dass es von dort eine Fährverbindung zur Isla Navarino gibt, wo ich zu trekken mir in den Kopf gesetzt hatte. Zufällig ist Ushuaia mit knapp 60 000 Einwohnern auch die südlichste Stadt der Welt – es gibt südlichere Ortschaften, unter anderem die 2000 Einwohner starke Militärsiedlung Puerto Williams auf der Isla Navarino und einige noch kleinere Fischersiedlungen, aber keine Städte.

Ushuaia weist einige geographische Besonderheiten auf. Zum Beispiel liegt es in der einzigen Gegend, in der die Andenkette von West nach Ost verläuft, statt von Nord nach Süd. Da Ushuaia zu Argentinien gehört, ist Ushuaia auch die einzige Stadt, die auf der “anderen” Seite der Anden liegt als der Rest Argentiniens. Wegen der eigenwilligen Grenzziehung liegt Ushuaia auch eingekesselt von Chile, das sich südlich der Isla Grande de Tierra del Fuego weiter nach Osten erstreckt. 12 km westlich von Ushuaia, im Nationalpark Tierra del Fuego, endet auch die Panamericana, die 18.000 km weiter nördlich in Alaska beginnt. Es gibt Leute, die diese Panamericana komplett abfahren und das Ende ihrer Reise dann in Ushuaia feiern, manche legen die Strecke mit dem Fahrrad in 20 Monaten zurück…

Südlich der Hauptinsel von Tierra del Fuego verläuft der Beagle-Kanal, die Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Eine der größeren Inseln auf der anderen Seite und zu Chile gehörend ist die oben schon erwähnte Isla Navarino. Von dort aus kann man an guten Tagen bis zum Archipel Kap Horn schauen, und/oder eben eine der schönsten und anspruchsvollsten Trekkingtouren in den Dientes de Navarino unternehmen. Ausgangspunkt dafür ist Puerto Williams, das wenig mehr als ein chilenischer Militärstützpunkt ist. Dorthin kommt man von Punta Arenas auf dem chilenischen Festland per Fähre (30h, einmal die Woche) oder Kleinflugzeug (täglich). Das Problem mit dem Kleinflugzeug ist, dass man seinen Sitzplatz sehr lange im Voraus buchen muss; Leute mit Wohnsitz auf der Insel haben Priorität. Für meine (über eine Agentur organisierte) Trekkingtour sollte ich eigentlich über Punta Arenas anreisen, da aber kaum eine Chance bestand, dass mein Wartelistenplatz sich in ein Ticket verwandeln würde, planten wir für mich die dritte Alternative: per Fähre (je nach Nachfrage und Wetter mehrmals täglich) von Ushuaia aus.

Die Fähre ist ein Abenteuer für sich. Den Fährverlauf selbst werde ich später beschreiben. Hier nur eine Anekdote zur Zuverlässigkeit: Wenige Tage vor meiner Abreise aus Pucón teilte mir die Trekkingagentur mit, dass sie meine Fahrt um einen Tag vorverlegt haben, um einen Tag Puffer zu haben, falls die Fähre wegen schlechten Wetters nicht fahren sollte, was aber selten der Fall wäre. Der Puffer wäre nicht nötig gewesen, an beiden Tagen herrschte hinreichend gutes Wetter. Als ich jedoch vom Trekken zurück kam, waren im Hostel ein nordamerikanisches Pärchen und eine Deutsche gestrandet, deren Fähren am Tag zuvor abgesagt worden waren. Die Reisebegleitung der Deutschen hatte es am Morgen noch über den Kanal geschafft, am Nachmittag war die Überfahrt nicht mehr möglich. Am Sonntag, dem Tag meiner Rückkehr, konnte auch keine Fähre fahren, und so verpassten alle vier ihre Anschlussflüge. Zum Glück für mich haben die Gäste Priorität, die für den jeweiligen Tag gebucht haben, so dass ich am Montag ohne Probleme nach Ushuaia überfahren konnte, mit ordentlich stopfen passte auch die Deutsche noch mit auf die Fähre. Das amerikanische Pärchen musste mit dem Helikopter nach Ushuaia fliegen, um zumindest seine zwischenzeitliche gebuchte Alternativverbindung zu erwischen.

Das Reisen am Ende der Welt ist also nicht ganz einfach. Trotzdem konnte ich mit der Wahl Ushuaias als Ausgangsort neben der Trekkingtour verschiedene Tagesreisen unternehmen, üder die ich hier in den kommenden Tagen berichten werde.

¬ geschrieben von Christiane in Feuerland

Sol y Nieve

3. March 2014

1 Kommentar

Diesen Beitrag habe ich in drei Etappen geschrieben, verteilt über die letzten drei Wochen. Wer aufmerksam liest, findet in der Logik und vor allem der zeitlichen Abfolge des Beitrags daher leichte Brüche. Ich bitte dies ausnahmsweise zu entschuldigen – eine Überarbeitung würde die Veröffentlichung voraussichtlich bis nach meiner Rückkehr nach Europa in drei Wochen verzögern.

Ich bin nun seit mehr als einem Monat hier und mein Aufenthalt in Pucón neigt sich langsam dem Ende zu – Zeit, endlich mal etwas über meine Arbeit hier zu schreiben.

Sol y Nieve Travel Adventure, so heißt die Agentur, bei der ich arbeite. Wir bieten verschiedene Aktivitäten an, davon ist die Besteigung des Villarrica-Vulkans die wichtigste. Zu den Touren, die ich regelmäßig erläutere und verkaufe, gehören außerdem das Rafting auf dem Trancura (Klasse III + IV), Canopy, Canyoning, ein Reitausflug und die Geotherme Geométricas. Bis auf die letzten beiden habe ich alle Aktivitäten mindestens einmal selbst gemacht, morgen geh ich zum ersten Mal reiten. (Chilenische Pferde sollen besonders sanftmütig sein, vielleicht ist diese Begegnung mit Pferden also zur Abwechslung mal angenehm…) Vom Canopy habe ich noch nicht geschrieben, das kennt aber jeder, der schon mal in einem Kletterwald war: Man hängt sich mit einem Klettergurt an ein Stahlseil, das zwischen Baumstämmen gepannt ist, und lässt sich daran entlang gleiten. Ohne selbst klettern zu müssen, ist das eine nette Beschäftigung, für Schulkinder. Außerdem haben wir laut unserer Preistafel und unserer Webseite noch Hidrospeed (Rafting ohne Boot), die Besteigung des Vulkans Lanín und Touren in die Umgebung, tatsächlich bieten wir die drei aber nicht mehr an. Wenn sich genügend Leute melden, machen wir auch ein Barbecue, das einen guten Ruf genießt, seit ich hier bin, aber nur einmal statt gefunden hat. Soweit zu den Sachen, die wir anbieten.

Jetzt zu meiner Arbeit. Als ich kam, vereinbarten wir, dass ich etwa die Hälfte der Zeit im Büro aushelfen würde und den Rest der Zeit an den Touren teilnehmen könnte. Jetzt, nach einem Monat, stimmt die Bilanz nicht so ganz, allerdings hatten wir in den letzten Wochen auch häufig sehr schlechtes Wetter. Allein der starke Wind letzte Woche hat mir eine Vulkantour vermasselt, und in der Woche davor hatten wir genau zwei nicht verregnete Vormittage, von denen nur einer für eine Vulkanbesteigung ausreichte. Beim Rafting und Canyoning wird man zwar auch nass, aber ich hatte ja schon beschrieben, wie kalt es in der Schlucht ohne Sonne wird.

Dementsprechend habe ich etwas mehr Zeit im Büro verbracht, als geplant. Das Gute am Büro ist, dass ich dort Internetzugang habe. Und das ist gleich doppelt positiv: Zum einen kann ich so mit der europäischen Außenwelt in Kontakt bleiben (und zB diesen Text bloggen), zum anderen hilft das Internet enorm gegen Langeweile.

Sol y Nieve wurde (vermutlich, s.u.) 1989 gegründet und war damals die erste Agentur, die Outdoor-Aktivitäten in Pucón anbot. Im Laufe der Jahre kopierten immer mehr Firmen das Konzept und heute hat Pucón um die 40 (!) Agenturen, deren Angebot sich größtenteils überschneidet. Wohlgemerkt, im Winter hat Pucón etwa 14.000 Einwohner. Die meisten der Agenturen befinden sich entlang der Hauptstraße, die im Sommer vor Touristen nur so überquillt. Dort wird auch der meiste Umsatz gemacht. Bis vor etwa 7 Jahren war auch Sol y Nieve dort anzutreffen. Dann wurde dem Chef die Miete zu teuer und er zog in eine der Nebenstraßen (eine Nebenstraße in der Innenstadt von Pucón ist praktisch jede Straße, die nicht die Hauptstraße ist). Damals arbeiteten im Sommer bis zu 5 Leute gleichzeitig im Büro. Heute sind es höchstens zwei, und auch das ist eher die Ausnahme. Die allermeiste Zeit bin ich allein.

Zu Sol y Nieve gehören zwei Männer: Willy und John. Zusätzlich gibt es noch eine unüberschaubare Anzahl an Berg-, Rafting-, und Canyoningführern, die hauptsächlich als Freelancers für Sol y Nieve arbeiten. Einen Fahrer gibt es auch noch, der aber eher als Mädchen für alles zuständig ist. Willy ist der Boss. Er stammt aus Kolumbien, sagt er, hat aber die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Er spricht spanisch und leidlich englisch, und beschwert sich über das chilenische Spanisch. John ist, anders als der Name vermuten lässt, Chilene. Er spricht auch englisch, aber ehrlich gesagt, verstehe ich ihn besser, wenn er spanisch spricht. Zumindest solange er nicht gerade eine der vielen chilenischen Wendungen verwendet, die man als Außenstehender praktisch nicht verstehen kann.

Beide Männer haben ein eigenwilliges Verhältnis zu einander. Stück für Stück klaube ich mir das Puzzle zusammen. Ich wage nicht zu behaupten, dass ich vollständig durchblicke, aber mit der Zeit verstehe ich die Zusammenhänge besser.

Willy ist der Eigentümer von Sol y Nieve. Außerdem ist er der Eigentümer des Gebäudes, in dem er wohnt, wo Sol y Nieve untergebracht ist, sowie die beiden Restaurants rechts und links daneben. Als die Miete auf der Hauptstraße zu hoch wurde, wurde das Büro von Sol y Nieve ursprünglich in den Räumen des linken Restaurants untergebracht. In dem kleinen Raumen zwischen den Restaurants war der Lagerraum. Heute ist im linken Raum der Biergarten drin, und der ehemalige Lagerraum ist heute Büro von Sol y Nieve und Lager für die Bergausrüstung. Ohne zu wissen, wie genau Sol y Nieve früher aussah, klingt diese Geschichte nach einer starken Schrumpfung.

Als ich kam, legte Willy großen Wert darauf, qualitativ zum oberen Ende der Touranbieter zu gehören. An meinem ersten Tag schickte er mich durch Pucón, um die anderen Anbieter abzuklappern. Die Preise, die mir für die Vulkantour genannt wurden, lagen zwischen 30.000 CLP und 48.000 CLP. Sol y Nieve lag zu dem Zeitpunkt bei 50.000 CLP. Mit manchen der Agenturen für 30.000 CLP würde selbst ich nicht auf den Vulkan steigen wollen. Aber nachdem, was ich gesehen habe, würde ich auch Sol y Nieve nicht bevorzugen.

Sol y Nieve lebt heute hauptsächlich von den Touristen, die Willys Kontaktpersonen anschleppen. Es gibt auch ein paar Leute, die ins Büro kommen, hauptsächlich wegen des guten Rufs von Sol y Nieve. Aber ich schätze, dass die Hälfte der Kunden über Beziehungen bei Willy landen. Denn die Qualität von Sol y Nieve, die Willy so hoch einschätzt, ist in Wahrheit (mittlerweile) unterdurchschnittlich.

Sol y Nieve hat einen, wenn nicht den erfahrensten Bergführer, der aber kaum ein Wort Englisch spricht. Der überhaupt wenig spricht, nur das Allernotwendigste erklärt, und manchmal nicht mal das. Ich habe mittlerweile genügend Bergführer erlebt um zu wissen, dass Sergio am Berg im Vergleich extrem maulfaul ist. Als Bergsteiger mag er großartig sein, als (erklärender) Führer ist er nutzlos.

Die Qualität der Ausrüstung von Sol y Nieve war mal gut, sehr gut vermutlich. Heute aber ist sie hoffnungslos veraltet und herunter gekommen. Die Hosen und Jacken, die dem Schutz der Kleidung der Kunden dienen sollten, sind teilweise zerrissen, manchmal notdürftig geflickt. Kaum eine der Plastikschaufeln ist nicht mit Duct Tape umwickelt. Die Bergstiefel sind alt, zerschlissen, das Futter teilweise notdürftig mit Duct Tape zusammen gehalten, die Sohlen teilweise heruntergelaufen. Letztens fiel eine ab. Die Steigeisen sind rostig und wurden wahrscheinlich vor Jahren zum letzten Mal geschliffen. Bei meiner letzten Vulkantour hatte ich einen Eispickel, bei dem der Griff wackelte. Beim Canyoning hatte ich zwei von drei Mal einen Neoprenanzug mit Loch. Der Transporter, der die Kunden zu den Touren bringen soll, ist ok und hat eine Klimaanlage – aber wehe, er ist gerade woanders im Einsatz und die Kunden müssen in Willys Privatauto transportiert werden. Ohne auf die ganzen Teile einzugehen, die klappern, für die Benutzung des Rücksitzes braucht man gute Bauchmuskeln, weil man sonst samt des Sitzes nach vorn rutscht. Manchmal muss man zudem noch eine halbe Stunde warten, bis man endlich abgeholt wird.

Ich will nicht behaupten, dass wir die schlechteste Ausrüstung haben. Manche der Agenturen haben schlechtere. Aber selbst Agenturen mit besserer Ausrüstung sind billiger als wir.

Fairerweise muss man sagen, dass wir eine von nur drei (!) Agenturen in Pucón sind, die das Sernatur-Qualitätssiegel führen dürfen, was soviel heißt, dass wir alle unsere Touren legal anbieten. Der dazugehörige Papierkram und die Versicherung (also wirklich die Versicherung und nicht die Behauptung, eine Versicherung zu haben) kosten Geld. Wie man Rafting für (in Ausnahmefällen) 6000 CLP anbieten kann, wenn man pro Person 2000 CLP allein für die Versicherung zahlen müsste, ist selbst mir schleierhaft. Wohlgemerkt, inklusive halbe Stunde Zubringerfahrt eine Richtung, Schlauchboot, Neoprenanzug, Helm, Weste, Führer, Begleitperson.

Aber wenn man für eine Raftingtour (Klasse III) 20.000 CLP verlangen möchte, sollte man auch die entsprechende Qualität bieten. Es gibt durchaus genügend Leute, die auf den nach wie vor guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen und für die Qualität gern einen höheren Preis zahlen. Aber die Wahrheit ist, dass sie dafür eben nicht die erhoffte bessere Qualität bekommen. Zu den Personen, die nach wie vor auf den guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen, gehörten letzte Woche übrigens auch die reichsten Familien Chiles. Wenn Willy wollte, könnte er Sol y Nieve tatsächlich als Qualitätsanbieter etablieren. Oder vielmehr erhalten, denn etabliert ist er ja.

Mein Eindruck ist, dass Willy – immerhin gerade 69 geworden – aus Sol y Nieve noch herausholen will, was geht, ohne neu zu investieren. Bisher hat das auch gut funktioniert, zusätzlich zu dem großen Gebäude, in dem wir sind, gehört ihm noch ein Stück Land in bester Lage und mir unbekannter Größe, höchstwahrscheinlich nicht unbebaut. Und das sind nur Besitztümer, über die ich in den unordentlichen Unterlagen im Büro gestolpert sind ;)

Wo wir gerade bei der Unordnung sind – ich gehöre ja bekanntermaßen nicht zu den Ordnungsfanatikern. Aber in den ersten zwei Wochen habe ich erstmal die Schreibtischschubladen aufgeräumt, und die Regale gesäubert, in denen die Bergausrüstung lagert. Hinterher konnte Willy nichts von dem finden, was er suchte. Das ist aber auch nicht verwunderlich, denn ich weiß aus zuverlässigen Quellen, dass sich somit nichts für ihn geändert hat. Wenigstens finde ich mich jetzt zurecht.

Als ich herkam und Willy mich “einwies”, hatte ich große Schwierigkeiten, den Überblick über die Touren zu behalten. Erst erzählte er vom Vulkan, dann von den Reitausflügen, dann von den Thermalbädern, nur um mit Umweg über den Vulkan zum Canyoning und zurück zu den Reitausflügen zu springen. Die Preise, von denen er wollte, dass ich sie verlange, stimmen nicht mit unserer Preistafel überein, außerdem hängen sie davon ab, ob schon eine Tour angesetzt ist oder noch ein Führer aufgetrieben werden muss. Letzte Woche grummelte er mich zwei Tage lang an, weil ich drei Amerikaner auf eine Tour am Montag gebucht hatte, die privat sein sollte, was ich nicht wusste. Am dritten Tag dann, dem Dienstag, kehrten zwei Deutsche zurück, die zusammen mit einer anderen Privatgruppe unterwegs gewesen waren. Ich machte mir gar nicht die Mühe, nachzufragen, wie das mit der Privatheit der Gruppe zusammen passt.

Überhaupt habe ich mir abgewöhnt, gewisse Fragen zu stellen. Bei Anweisungen a la “Kannst du das mal eben für mich machen” warte ich mindestens eine halbe Stunde ab, bevor ich anfange. Das hat mir bisher eine Menge unnötige Arbeit erspart. Ich habe natürlich häufig meinen Laptop im Büro dabei. Schon nach dem ersten “Gefallen”, der innerhalb von zwei Tagen vollständig vergessen war (eine Karte von Pucón überarbeiten, und die Position von Sol y Nieve eintragen), habe ich angefangen, fast reflexartig zu behaupten, dass mein Computer das nicht kann. Willy, der heute Morgen schon verzweifelte, weil er aus dem Lautsprecher keinen Laut heraus bekam (irgendjemand hatte den Stecker des Lautsprechers in die falsche Buchse gesteckt), hat ohnehin keine Ahnung, ob meine Aussage überhaupt Sinn macht. Ich gebe zu, ich hatte zuvor auch schon aufgegeben, einen Ton aus dem Bürocomputer zu locken. Ich hatte das Problem auf eines der vielen Software- und Treiberprobleme geschoben, die der Rechner hat.

In Willys und Johns Augen bin ich sowas wie ein Computerguru. Ich kann Tastaturen reparieren, die nicht mehr reagieren (das USB-Kabel steckte nicht richtig drin), ich kann den Computer mit der Tastatur bedienen (Strg C+V), letztens habe ich innerhalb einer halben Stunde einen Aushang mit MS Word erstellt, und das, obwohl persönlich nie MS Office benutze. Mein größter Erfolg allerdings war, den Popup-Blocker von Google Chrome zu deaktivieren. Dafür, dass ich selbst überzeugter Firefox/Nightly-Nutzer bin und nicht mal wusste, was “Einstellungen” auf spanisch heißt, ist das schon ziemlich beeindruckend. Allerdings gehör ich auch nicht zu den Leuten, die aufspringen und verzweifelt zur Tür hinauslaufen, wenn etwas nicht gleich auf Anhieb funktioniert.

Aber zurück zu Sol y Nieve. Wie oben schon geschrieben, hatte ich, als ich herkam, die vage Vorstellung, dass ich in einem Büro aushelfen würde und die Hälfte meiner Zeit die Touren begleiten würde. Tatsächlich helfe ich nicht aus, die meiste Zeit schmeiße ich den Laden allein. Wenn ich komme, ist entweder Willy oder John da. Willy sitzt meist stumm vor dem Computer und spielt Solitair, John schreibt in MS Word, beantwortet Emails oder telefoniert. Nach spätestens zehn Minuten bin ich allein im Büro. John verabschiedet sich bestenfalls mit einem “ich bin in einer halben Stunde wieder da”. Immerhin weiß ich dann, dass ich in den nächsten Stunden nicht mit ihm zu rechnen brauche. Meist verflüchtigt er sich aber ohne ein Wort, besonders gern, wenn ich gerade abgelenkt bin. Willy verabschiedet sich nur in Ausnahmefällen. Er läuft einfach zur Tür raus, und manchmal sehe ich ihn im Laufe des Tages immer mal wieder herein schauen. An guten Tagen sagt er mir zumindest noch, wie die Bedingungen für die kommenden Tage sind, insbesondere, welche Touren wir anbieten können. Meist bin ich aber genauso ratlos wie die Interessenten, wann die nächste Tour stattfinden kann. Denn gerade was das Rafting angeht, ist es zur Zeit eher schwierig, an Führer heranzukommen. John musste letztens einer großen wütenden Gruppe erklären, warum die bezahlte Tour doch nicht stattfinden kann. Ich hatte sie nicht verkauft.

Ich war auch eher überrascht, dass John selbst abgesagt hat. Vermutlich hatte ich gerade meinen freien Tag. Denn den beiden Brasilianern, denen er für fünf Uhr nachmittags Canyoning verkauft hatte und für den nächsten Tag den Vulkan, durfte ich erklären, warum keine der beiden Aktivitäten möglich waren. Besonders ärgerlich für die beiden, weil sie Canyoning bei einem anderen Anbieter abgesagt hatten. Aber John verließ das Büro fünf Minuten bevor die beiden kamen und kam erst… viel später zurück.

Mein Spanisch ist übrigens mittelmäßig. Vom Niveau her irgendwo zwischen B1 und B2, in Spanien wurde ich auch schon als C1 eingestuft, aber so gut bin ich bestenfalls schriftlich, mit genügend Zeit zum Nachdenken und einem Wörterbuch in Greifweite. Mein mündliches Spanisch ist ausreichend, um in Spanien zu überleben. In Chile jedoch wird kein Spanisch gesprochen. Das Spanisch in Chile ist einen eigenen Eintrag wert, hier nur so viel: Die Chilenen sprechen sehr undeutlich, verschlucken die Worte zur Hälfte, und sind entsprechend schwer zu verstehen. Wenn jemand ins Büro kommt und für mich verständliches Spanisch spricht, weiß ich sofort, dass es kein Chilene ist.

Nun stelle man sich vor, was passiert, wenn ein Deutscher in ein Büro in Deutschland kommt und von jemandem beraten wird, der stockend Deutsch spricht und mehrmals darum bittet, die letzte Aussage zu wiederholen. Die meisten würden wohl die Augenbrauen hochziehen und wieder gehen. Die Chilenen sind da nicht anders. Es gibt Ausnahmen, einige wenige sprechen Englisch, andere sind offen genug und suchen mit mir zusammen nach dem richtigen Wort. Wer weiß schon, was Neoprenanzug oder Steigeisen auf spanisch heißt… Die allermeisten Chilenen gehen aber schon, nachdem sie den Preis gehört haben. Ich kann nicht mal erklären, warum wir so teuer sind. Auf Englisch bekomme ich die Frage nicht, und selbst da hätte ich Probleme überzeugend zu sein. Auf Spanisch noch mehr. Der einzige Trost ist, dass Johns Erfolgsquote mit den Chilenen auch nicht so viel über der meinigen liegt. Wer will schon Qualität in Chile.

Dafür bin ich sehr erfolgreich, wenn Ausländer ins Büro kommen. Das sind dann meist US-Amerikaner oder Deutsche (ja, echt). Die freuen sich natürlich, wenn sie auf englisch oder deutsch beraten werden. Ich habe nicht Buch geführt, aber ich denke, dass ich fast allen nicht-spanischsprachigen Ausländern, die in unser Büro gekommen sind, erfolgreich eine Tour verkauft habe. Das liegt sicher auch daran, dass viele sich schon vorher informiert haben, dem guten Ruf von Sol y Nieve vertrauen, und ich eigentlich nur informieren brauche, weniger überzeugen.

Am besten läuft es eigentlich, wenn sowohl John als auch ich da sind. Dann teilen wir die Leute mehr oder weniger nach Sprache auf, und wenn niemand da ist, unterhalten wir uns eben. Aber das trifft auf etwa eine Stunde am Tag zu. Ich bin zwischen 6 und 8 Stunden im Büro, je nachdem, wieviel los ist, wenn ich gerade gehen will. Die restliche Zeit besteht im Wesentlichen aus Lesen/Schreiben/Dösen, unterbrochen von fünf bis zehn Nachfragen über den Tag verstreut. Jetzt naht das Ende des Februars und damit das Ende der Ferienzeit – die Nachfrage geht schon auf drei oder vier pro Tag zurück. Hatte ich schon erwähnt, dass Sol y Nieve vor einigen Jahren bis zu sechs Leute im Büro beschäftigte, um die Flut an Interessenten bewältigen zu können?

Was die weitere Büroarbeit angeht, bin ich auch keine großartige Hilfe. Selbst wenn mich mal einer der Bergführer anruft, dass der Fahrer in einer Stunde am Vulkan sein soll – im Idealfall kann ich Willy rechtzeitig auftreiben, damit er den Fahrer anruft. Vom Bürotelefon aus kann ich nicht ins Handynetz telefonieren, ich habe keinerlei Schlüssel, selbst zur Toilette muss ich im Zweifelsfall durch den Biergarten gehen, wenn unser Zugang geschlossen ist; ich kann nicht mal Geld rausgeben, wenn jemand in großen Scheinen bezahlt. Jeder Schein, den ich einnehme, landet in der Tasche von John oder Willy, sobald einer von beiden auftaucht. Willy bevorzugt eigentlich in bar bezahlt zu werden, weil dann keine Kreditkartengebühren anfallen. Wenn ich ihn nicht in sicher in der Nähe weiß, bevorzuge ich Kreditkarte, weil ich dann keine Probleme mit dem Wechselgeld habe.

Genau genommen könnte ich Willy oder John von meinem Handy aus anrufen, wenn ich sie brauche. Eine chilenische Simkarte habe ich, genau wie sämtliche relevanten Nummern. Aber ich sehe nicht ein, warum ich für das Telefonat aufkommen soll, schließlich werde ich für meine Arbeit nicht bezahlt.

Sowohl Willy als auch John haben meine Handynummer. Willy hat sie nie benutzt, John hat mich in der ganzen Zeit nur ein oder zweimal angerufen – wir verstehen uns am Telefon nur schlecht, deutlich schlechter jedenfalls als wenn wir von Angesicht zu Angesicht reden. Dafür schreibt mir John gern mal SMS, auch gleich zwei oder drei, und noch eine hinterher, ob ich die letzte Nachricht erhalten habe, wenn ich nicht sofort antworte.

Obwohl Willy eigentlich mein Chef ist, mache ich die Details meiner Arbeit meist mit John aus. Zum Beispiel meine Arbeitszeit. Anfangs war ich von 11 bis 6 im Büro. So konnte ich zwar ausschlafen bestenfalls nach der Arbeit noch kurz an den Strand gehen. Mehr aber auch nicht. Nach zwei Wochen etwa habe ich mit John ausgehandelt, dass ich im Zweitagesrhythmus arbeite: an Tag 1 fange ich früh um 10 an, wenn das Büro aufmacht, und kann dafür um 4 nach Hause oder wohin auch immer gehen, habe also am Nachmittag noch Zeit etwas zu unternehmen. An Tag zwei dagegen fange ich erst um 1 an, bleibe dafür aber bis um 8. Diese Zeiten sind für John besser; später stellte sich heraus, dass sie auch sehr hilfreich sind, wenn ich abends noch sehr lange weg sein will.

Auch meinen letzten Arbeitstag habe ich mit John ausgehandelt. Seine Vorgehensweise war etwas unglücklich, aber mittlerweile bin ich ganz froh, dass es so gelaufen ist: Relativ kurzfristig habe ich meinen freien Tag von Donnerstag auf Freitag verlegt, weil ich dachte, dass meine Anwesenheit am Donnerstag nützlicher wäre, außerdem wollte ich am Morgen mit auf den Vulkan steigen. Mittwoch Abend um 21 Uhr bekam ich eine SMS von John, die ich aber erst um 23 Uhr gesehen habe, als ich nach Hause kam, ob ich nicht doch Donnerstag freimachen kann, ich muss am Freitag im Büro sein. An meinem freien Tag wollte ich aber nach Valdivia fahren (auch so eine Geschichte für sich *g*), und dafür musste ich nicht nur 5 Uhr früh aufstehen, sondern auch vorher ein Busticket kaufen. Also fragte ich, ob ich nicht lieber Samstag freimachen kann. Darauf kam die Antwort, dass Willy da etwas dagegen haben könnte, und dann: Wenn ich mehr Zeit für mich haben möchte, wäre es vielleicht besser, wenn ich aufhörte für Sol y Nieve zu arbeiten. Wohlgemerkt, kurz vor Mitternacht, wo klar war, dass ich am nächsten Morgen um 6 für den Vulkan aufstehen musste. Nach einigen weiteren SMS habe ich darum gebeten, von Angesicht zu Angesicht zu sprechen.

Das war etwas schwierig, weil ich das Thema nicht vor Kunden besprechen wollte, aber weder Willy noch John länger als fünf Minuten für ein ernsthaftes Gespräch im Büro waren. Fast noch mehr als Johns SMS überzeugte mich dieses Verhalten, dass ich vielleicht doch eher als geplant aus Pucón abreisen sollte. Ursprünglich wollte ich bis zu meinen Abflug nach Deutschland in Pucón bleiben. Das war, bevor ich erfuhr, dass ich nur einen Tag in der Woche frei und damit kaum die Möglichkeit hatte, die weitere Umgebung zu erkunden. Daraufhin plante ich, etwa eine Woche vor meinem Abflug bei Sol y Nieve aufzuhören. Nach der SMS kamen mir tausend Ideen, was ich noch alles machen könnte. Weder hatte ich für meinen Chileaufenthalt eingeplant, für einen Monat selbst für meine Unterkunft aufzukommen, noch hatte ich Ausrüstung dabei, um auf eigene Faust zu trekken.

Aber mit jedem weiteren Tag bei Sol y Nieve, an dem ich spürte, dass meine Arbeit weder gewürdigt noch überhaupt notwendig war, mit jedem weiteren Tag, an dem ich nicht wirklich mit Willy reden konnte und John mich mal wieder im Stich ließ – nun ja, mit jedem weiteren Tag wuchs mein Trotz und damit mein Entschluss, so bald wie möglich abzureisen. Noch eine Anekdote, die illustrieren soll, wie Willys Würdigung meiner Arbeit aussah: Nach einem besonders langen Tag, an dem ich deutlich länger als üblich geblieben war (fast 10h), fragte ich Willy am folgenden Tag, auch schon eine Stunde nach der verabredeten Zeit, ob ich jetzt gehen könnte. Die Frage war eher rhetorisch gemeint, aber Willy kommentierte, dass ich immer weniger und weniger arbeiten wolle. Ich verkniff mir die Bemerkung, die mir auf der Zunge lag und wies nur darauf hin, dass ich schon seit einer Stunde weg sein sollte. Ich glaube nicht mal, dass Willys Kommentar bösartig gemeint war. Er ist einfach zu zerstreut und unaufmerksam.

Mit mehr als einer Woche am Ende meines Aufenthalts zur Verfügung erwachte ein alter Wunschtraum wieder zum Leben, den ich eigentlich überhaupt nicht mit eingeplant hatte: Es ist teuer und schwierig zu erreichen, aber seit ich diese Inselgruppe im Süden von Südamerika auf einer Landkarte entdeckt habe (und das ist schon ewig her), schlummerte in mir der Wunsch einmal nach Feuerland zu fahren.

Feuerland ist ein Paradies für Trekker, aber ich hatte nur wenig Zeit, eine durchführbare Reise dorthin zu planen. Letztendlich handelte ich mit John aus, dass ich meinen letzten Arbeitstag am 28. Februar antreten würde. Das waren zur Zeit der Verhandlung noch knapp zwei Wochen, und diese Zeit brauchte ich am Ende auch, um die Reise zu organisieren. An manchen Tagen fragte ich morgens beim Aufstehen, warum ich mir John und Willy heute überhaupt antue. Wenn ich Sol y Nieve einfach fernbliebe, könnte keiner von beiden etwas machen. Willy schuldete mir zwar noch die Aufwandsentschädigung für den halben Februar, aber der Betrag ist zu klein, um deswegen treubrav zur Nichtarbeit zu gehen. Im Gegenteil, der einzige Grund, warum ich in den letzten Tagen noch ins Büro ging, war, weil ich dort den besten (= einzig brauchbaren) Internetzugang hatte. Die Störung durch Kunden war wie oben schon erwähnt minimal, immerhin ein Gutes.

Im Übrigen bin ich nur der erste Abgang von Willys wenigen noch verbliebenen Mitstreitern: John hört nach 25 Jahren bei Sol y Nieve ebenfalls in den nächsten Wochen auf. Der Fahrer Manuel ist mehr oder weniger auf dem Absprung, danach ist niemand mehr da, der hinter Willy herräumen könnte. Ich gebe Sol y Nieve noch ein paar Wochen, und dann vielleicht noch ein paar vereinzelte Aufträge.

Die Verabschiedung an meinem letzten Arbeitstag durch John und Willy verlief übrigens ziemlich genau so, wie ich es erwartet hatte: John kam fast zwei Stunden später als er angekündigt hatte. Nur weil ich nebenan im Biergarten mein Abendessen einnahm, konnte ich mich überhaupt von ihm verabschieden. Er wünschte mir alles Gute, dankte mir für meine Hilfe. Willy sagte Goodbye, dann ging ich.

Nun ja, und so endet meine Arbeit bei Sol y Nieve nach genau sieben Wochen. Ich habe eine Menge gelernt, und eine Menge interessanter Leute getroffen. Die Arbeit war ein Witz, aber schon jetzt sind mir die Zeiten, in denen ich nicht im Büro war, stärker in Erinnerung, als die Zeiten, die ich de facto mit Bloggen, Surfen, und Lesen verbracht habe.

Auf jeden Fall hat der Verlauf der Dinge bei Sol y Nieve für mich ein unerwartet großartiges Ende: ICH FAHRE NACH FEUERLAND!

¬ geschrieben von Christiane in Pucón

22.02.2014 Pucón-Berge

25. February 2014

Comments Off

Auch wenn jetzt die Reihenfolge nicht mehr chronologisch ist, möchte ich heute von meinem Ausflug in die Berge um Pucón erzählen. Seit ich in Pucón angekommen bin, habe ich mir vorgenommen, einmal diese zwar vergleichsweise niedrige, aber sehr steile Gebirgskette zu erklimmen. Von dort musste man einen großartigen Ausblick auf Pucón, die umliegenden Vulkane und den Villarrica-See haben.

Am Samstag, meinem zweiten freien Tag letzte Woche, war es so weit. Bis zum Fuß der Berge wollte ich mit einem Fahrrad fahren, und von dort entweder versuchen, einen geeigneten Weg weiter bergan zu fahren, oder das Fahrrad irgendwo im Gebüsch verstecken und zu Fuß aufsteigen. In dem Plan gab es nur ein kleines Problem: ich hatte noch kein Fahrrad aufgetrieben, ich musste mir also eins ausleihen. Das wollte ich auch, aber irgendwie muss ich den Fahrradverleih bei mir um die Ecke verfehlt haben. Ich wusste, dass in der Straße ein Verleih ist, aber als ich an dem Morgen dort lang ging, habe ich ihn nicht gefunden. Ich hatte an dem Morgen meine Tage bekommen und hatte keinerlei Geduld noch einmal umzukehren, ich wollte einfach nur weiterlaufen. Ich ahnte, dass ich, wenn ich stehen bliebe, sofort Bauchschmerzen bekommen würde.

Ich hatte nun zwei Alternativen: Die erste war umkehren und die Hauptstraße entlang zum Gebirge laufen. Das hieße, über eine Stunde lang in der Sonne einer mehr oder weniger schnurgeraden Straße zu folgen. Öde. Die zweite Variante führte in meiner Vorstellung am Strand entlang bis zur Mündung des Río Trancura vorzustoßen und mich von dort mehr oder weniger querfeldein zu den Bergen durchzuschlagen. Möglicherweise würde ich auf unüberwindbare Hindernisse stoßen, aber diese Variante erschien mir deutlich spannender als die staubige Straße. Also lief ich zum Strand.

Der Strand von Pucón, menschenleer, weil noch "früh" am Morgen halb elf. Die Berge, zu denen ich will, sind noch hinter der Wolkenwand versteckt.

Am östlichen Ende des Strands.

Blick zurück Richtung Pucón. Links der Villarrica-Vulkan, rechts die Halbinsel und der Villarrica-See.

Blick über den Villarrica-See, links die Halbinsel. In der Ferne, am anderen Ufer, liegt Villarrica, unter Einheimischen gelegentlich auch als "Santiago" bekannt ;)

Dem folgte ich bis zu den ersten Büschen, dort traf ich auf verschiedene Zelte. An einem lauschigen Plätzchen machte ich kurz Pause und cremte mich mit Sonnencreme ein. Dann schlug ich mich in die Büsche. Direkt am Strand konnte ich nicht entlang, der Untergrund war zu sumpfig. Ich musste mich immer weiter und weiter rechts halten, bis ich schließlich auf einen Weg stieß, der Richtung Osten führte, wo ich hinwollte.

Gerade bin ich auf einen Weg gestoßen, auf dem ich schonmal ein Stück weit unterwegs war. Im Hintergrund tauchen die Bergspitzen langsam aus den Wolken auf. Pucón liegt morgens häufig unter einer dichten Wolkendecke, die sich im Laufe des späten Vormittags auflöst.

Ich folgte dem Weg, so gut ich konnte. Anfangs war er breit und ausgetreten, später zerfaserte er in kleinere Trampelpfade, von denen ich mir einen willkürlich herausgriff. Ich schlängelte mich das Netz von Wegen entlang, bis ich irgendwann nur noch einem kleinen Pfad folgte, der von Tieren ausgetreten worden sein musste. Immer wieder ging es durch sumpfige Passagen, die für ein Huftier kein Problem sind, die mich aber zu einigen Umwegen zwangen um trockenen Fußes bleiben zu können.

Etwas versteckt, aber mit etwas Suchen fand ich diese sehr bequeme Brücke.

An einer Stelle stieß ich auf ein träge dahin fließendes Flüsschen, das so flach war, dass ich schließlich beschloss, einfach meine Schuhe auszuziehen und hindurch zu waten. Das funktionierte auch gut, aber das Wasser war eiskalt. Glücklicherweise hatte ich am Morgen mein Handtuch eingepackt und konnte meine halb tauben Füße wenigstens trocknen, bevor ich wieder in die Schuhe schlüpfte.

Ein ruhiges, flaches Bächlein. Hier bin ich durchgewatet.

Dann kam ich auf eine große Wiese, von der ich einen grandiosen Rundblick auf die Umgebung hatte. Ich stieß mal wieder auf einen Weg, der sich dann aber auch wieder verlief, als ich an den nächsten Wasserlauf kam. So wechselte das Terrain von breiten Trampelpfaden zwischen Sträuchern mit weichen Ästen zu versumpften und mit Wasserläufen durchsetzten Buschwald mit harten, kratzenden Zweigen. Zwischendrin tauchten auch die ersten Brombeersträucher auf.

Die erste Wiese, auf der ich landete.

Blick zurück.

Irgendwann konnte ich anhand der Vegetation erkennen, ob ich mich einem weiteren Bach näherte. Sie wurde nicht nur dichter, sondern auch zunehmend stachliger. Brombeersträucher scheinen Wasser zu lieben. Ich versuchte sie weitestgehend zu meiden, aber manchmal erwischte ich doch eine Ranke. Gehe nie ohne Handtuch, schrieb einmal ein weiser Mann, und so legte ich mein Handtuch um die Schultern. Meine lange Hose zog ich aus, weil sie sich ständig irgendwo verhedderte, mit der kurzen kam ich deutlich schneller voran. Dafür verfing sich mein Handtuch öfter mal. Es bewahrte mich vor einigen bösen Dornen, aber irgendwann war ich genervt, ständig Brombeerranken aus dem Handtuchstoff fädeln zu müssen. Und so landete das Handtuch letztendlich doch im Rucksack. Von da an war ich noch vorsichtiger, aber ab und zu habe ich doch eine Ranke übersehen. Es ist erstaunlich, wie vollständig man sich mit nur zwei unachtsamen Schritten in ein Dornennetz einwickeln kann. Mehr als einmal musste ich mich zwingen, erstmal komplett bewegungslos zu verharren und in aller Ruhe das Knäuel an Ranken um mich entwirren, so dass ich die dornigen Zweige in der richtigen Reihenfolge aus meiner Haut ziehen konnte. Erstaunlicherweise haben die schmerzhaftesten Verwicklungen keine Spuren hinterlassen. Dafür hat jedes Mal, wenn ich mein Bein mit einem verächtlichen Schnauben einer Brombeere entrissen habe, eine Schramme hinterlassen.

An einer Stelle blieb mir nichts anderes übrig und ich musste mich durch eine geschlossene Hecke kämpfen. Ich suchte nach einer geeigneten Stelle, und beim dritten Versuch schaffte ich es endlich, mit Geduld und vielen Verlusten auf der Gegenseite. Ich besorgte mir dann zwei gerade Stöcke, die ich von nun an immer leicht vor mir trug, manchmal gekreuzt, manchmal einfach nur, um eine einzelne Ranke zur Seite zu drücken. Von da an ging es etwas besser vorwärts.

Dahin will ich!

Das Bachüberqueren hat mehr Spaß gemacht. Da ich nun wusste, wie kalt das Wasser ist, habe ich es als Herausforderung genommen, trockenen Fußes auf die andere Seite zu kommen. Jeder Bach hatte seine eigene Herausforderung. Manche waren so mit herabgefallenem Gehölz bedeckt, dass ich mit etwas Vorausplanung über ein Labyrinth von Tritten fast normal laufen konnte. Über andere führte ein umgefallener Baumstamm, mehrmals musste auch ein dünner Ast herhalten. An einer Stelle war ich sehr froh, nur wenig mehr als 50 kg zu wiegen. Halb hangelnd, halb laufend kam ich auf die andere Seite, das untere Ästchen sank unter meinem Gewicht tief ins Wasser. Manchmal balancierte ich über einen Baumstamm, ein andernmal setzte ich mich lieber und bewegte mich zentimeterweise vorwärts, indem ich meine Beine nacheinander weiter schob. Viele Bäche waren flach und dümpelten langsam vor sich hin, aber an einigen Stellen schoss das Wasser mit hoher Geschwindigkeit vorbei und ich konnte nicht mal sehen, wie tief das Wasser tatsächlich war, nur, dass der Grund vom Ufer aus sehr steil abfiel. An einer Stelle sprang ich. Das war nicht ganz einfach, weil ich von einer schrägen Wurzel ab- und gegen einen morschen Ast, der im Weg hing, springen musste, trotzdem schaffte ich es, auf der anderen Seite Stand zu fassen und nicht rücklings ins Wasser zu fallen.

Nach einer guten Stunde Kletterei stieß ich auf auffallend wegsames Gelände. Die Sträucher erinnerten mich an die Flutauen in Deutschland, überall lag weißgeblichenes Schwemmholz. Stellenweise konnte man steiniges Flussbett ausmachen, jetzt aber war hier alles trocken.

Überschwemmungsland. Ob die Brandspuren von der letzten Eruption stammen oder von einem Waldbrand, weiß ich nicht. Immerhin komme ich hier zügig und kratzarm voran.

Tief und mit starker Strömung. Ein paar hundert Meter stromaufwärts fand ich einen Ast, über den ich robbte. Wie wackelig so ein Ast doch sein kann, wenn man anderthalb Meter über einem rauschenden Wasserlauf hängt.

Ein paar hundert Meter und einen besonders reißenden Bach weiter östlich wusste ich, wo ich war: ich stand an meinem gefürchteten unüberwindbaren Hindernis, dem Trancura. In meiner Vorstellung vom Morgen wollte ich den Trancura an seiner Mündung überqueren, wo ich das Bett deutlich flacher vermutete. Hier jedoch war der Fluss etwa zwanzig Meter breit, der Grund unsichtbar tief und das Wasser vor allem reißend schnell. Ich verwarf die Idee, auf die andere Seite zu schwimmen. Ich bezweifelte, dass ich das andere Ufer erreichen konnte, bevor mich die Strömung an die nächsten Felsbrocken getrieben hatte, außerdem hatte ich noch meinen Rucksack dabei.

Hier ist Schluss. Zu breit, zu tief, die Strömung zu stark. Nach links geht es zur Mündung, nach rechts zur Brücke. Rechts kann ich den Fluss auf jeden Fall überqueren.

Ich legte am Ufer eine kurze Verschnaufpause ein, auch um endlich eine halbe Ibuprofentablette gegen meine Bauchschmerzen einzunehmen. Rechts von mir, etwas stromaufwärts saßen zwei Angler. In der Richtung war auch ganz sicher eine Brücke über den Fluss, ich wusste nur nicht, wie weit es bis dorthin war. Links war auf jeden Fall die Mündung, ich bezweifelte, dass es dort eine Brücke geben würde. Während ich überlegte, kamen von links noch zwei Angler, die sich am Ufer links von mir niederließen. Jetzt wusste ich, warum ich zuletzt wieder auf Fußspuren gestoßen war und wieso einer der letzten Baumstämme Sägespuren aufgewiesen hatte.

Ich zog meine Schuhe wieder an, und wandte mich stromaufwärts. Nach wenigen Minuten stieß ich auf das südliche Ende der Insel, auf der ich mich befand. Der letzte Wasserlauf, den ich überquert hatte, gehörte schon zum Trancura! Zusammen mit dem Überschwemmungsgebiet hatte ich nun eine Vorstellung, wie groß der Trancura im Winter sein musste, wenn es ständig regnete. Das reißende Gewässer, das ich gesehen hatte, war nur ein winziger Überrest des Winterflusses. Sicherheitshalber ging ich noch einmal Richtung Norden, aber dort stieß ich wie befürchtet auf den Zusammenfluss beider Flussläufe. Ich beugte mich also dem Schicksal und verließ die Insel in der Richtung, aus der ich gekommen war.

Es war jetzt halb zwei. Wenn ich noch auf die Berge hoch wollte, musste ich mich langsam etwas beeilen. Ich folgte dem erstbesten Weg, auf den ich stieß. Dummerweise bog der nach wenigen hundert Metern Richtung Pucón ab. Immer wieder zweigten kleinere Seitenwege ab, so dass mich nach einigen Minuten die Ungeduld packte und doch wieder in einen Trampelpfad einbog. Ich passierte einen halbzerfallenen Maschendrahtzaun, wusste nicht, ob ich ihn nun überquert hatte und stand plötzlich auf einer riesigen Weide. Achselzuckend ging ich weiter, aus dem Schatten kamen von links drei Chilenen auf mich zu.

Mal wieder auf einer Weide, immer schön mein Tagesziel vor der Nase.

Rechts mein altbekannter Begleiter.

Tatsächlich kamen sie nicht auf mich zu, sondern bogen vor mir auf meinen Weg ein. Der eine der drei trug eine Angelrute. Sie drehten sich immer wieder nach mir um, sagten aber nichts. Da sie zielstrebig in meine Richtung gingen, folgte ich ihnen. Ich überquerte nach ihnen drei Zäune, dann schwenkte ich wieder in meine Richtung ein. Der nächste Zaun tauchte zwischen den Bäumen auf, und ich wusste immer noch nicht, auf welcher Seite ich eigentlich war. Ich entdeckte, dass zwischen zwei Zaunspfählen der Maschendraht fehlte und marschierte kurzerhand durch dieses “Tor” hindurch. Und stand einige Minuten später prompt vor dem nächsten Zaun, diesmal konnte ich die Ecken sehen und wusste sicher, dass ich innen stand. Ich lief ein wenig den Zaun entlang, dann fand ich eine Stelle, an der ich zwischen dem Maschendraht und dem darüber gespannten Stacheldraht hindurchschlüpfen konnte. Der Abstand war kleiner als meine Elle lang ist; manchmal ist es doch gut, so dürr zu sein.

Ich folgte den Autospuren in Richtung des Trancura. Wie sollte es anders sein, kurz vor dem Fluss bog die Schotterstraße nach links ab. Aus der Richtung war ich gekommen, als musste diese Straße eine Sackgasse sein. Aber nach rechts führte ein Trampelpfad weiter, und dem folgte ich. Immer zwischen Fluss und Stacheldrahtzaun, an einer Stelle stieß ich auf Holzhütten. Andesmar, Sol y Nieve, die Spuren am Ufer… hier musste der Ausstieg für das Klasse III-Rafting sein. Jetzt wusste ich sicher, dass der Fluss der Trancura war. Ich suchte die Fortsetzung des Trampelpfads und setzte meinen Weg fort.

Am Ausstieg der Raftingtouren.

Inzwischen fing mein Magen an zu knurren, es war drei Uhr nachmittags. Vor einer halben Stunde hatte ich eine Tüte mit Rosinen und Nüssen in meinem Rucksack gefunden, selten schmeckten Rosinen so gut. Aber bei der Hitze mochte ich die Nüsse nicht essen, und auch das Trockenobst war mir etwas zu trocken. Ich passierte einen Brombeerstrauch nach dem anderen, so langsam erschienen sie immer verlockender. Ich mochte Brombeeren nicht, aber vielleicht reichte mein Hunger ja, um ein paar davon zu essen. Wenigstens probieren konnte ich ja mal.

Nach der ersten aß ich eine zweite und gleich noch eine dritte. Etwas verwirrt fragte ich mich, ob ich hier wirklich Brombeeren vor mir hatte. Schwarze Kullerbeeren, die von der Form her wie Himbeeren aussehen, die Finger lila färben, und Ranken mit garstigen Dornen besitzen. *haps* Doch ja, das sind Brombeeren. *schleck* Aber sie schmeckten nicht wie Brombeeren. *schmatz* Oder zumindest nicht wie deutsche Brombeeren. *schlürf* Sie waren viel süßer und leckerer. *haps* Wieso hat mir bloß keiner gesagt, dass die Brombeeren hier viel besser schmecken als in Deutschland? *mampf* Die ganzen letzten Wochen habe ich reife Brombeeren links liegen lassen… *schmatzschmatzschmatz*

Von da an kam ich kaum noch voran. Ich folgte weniger dem Weg, sondern lief von Brombeerstrauch zu Brombeerstrauch. Eine halben Stunde später und mit fast gestilltem Hunger kam ich an ein lauschiges Uferplätzchen, das mir ausgesprochen gut gefiel. Ich schaute noch einmal kurz auf die Berge, zu denen ich eigentlich gewollte hatte. Dann schaute ich auf meine lila Finger, kramte eine Plastiktüte aus meinem Rucksack und begann, sie mit Brombeeren zu füllen. Das ging langsamer, als ich dachte, weil nur jede zweite Brombeere in der Tüte landete. Als ich die Sträucher in der näheren Umgebung einmal durch hatte, ging ich zu dem Uferplatz zurück, breitete mein Handtuch aus, und ließ mich nieder. Brombeeren kauend genoss ich das Panorama. Das Wasser rauschte vorbei, ein leises Lüftchen wehte, die Sonne brannte mir auf den Pelz.

Ich wechselte in den Bikini und versuchte ein Stück ins Wasser zu gehen. Das Ufer fiel auch hier extrem steil ab, und so blieb ich am Rand. Ich kniete mich auf ein paar Steine, weil mir die Füße zu kalt wurden, und schaufelte mir das kalte Wasser über den Oberkörper. Tiefgekühlt legte ich mich auf das Handtuch, schob noch ein paar Brombeeren in den Mund und schlief ein.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde wachte ich wieder auf, aß die letzten Beeren aus der Tüte und drehte mich auf den Bauch. Möglicherweise hatte ich einen leichten Sonnenbrand bekommen, aber das war mir egal. Ich war im siebten Himmel und hatte nicht die leiseste Absicht, mich so bald von hier wegzubewegen. Ein schöner Ort, ein paar Brombeeren – so einfach kann das Glück manchmal sein. Das kleine Teufelchen auf meiner rechten Schulter schrieb eine diabolische SMS an Ruben, wie großartig es hier doch war, wohlwissend, dass er noch arbeiten musste.

Mein Rastplatz, mein Sonnenplatz, mein siebter Himmel. Dahinten sind die Berge, zu denen ich wollte. Jetzt aber fläze ich in der Sonne, kühl mich mit Flusswasser...

... und esse frische chilenische Brombeeren.

Etwas später war es aber nicht mehr ganz so großartig, mir waren ja die Brombeeren ausgegangen. Ich zog mir die Schuhe an und schnappte mir die Tüte um Nachschub zu holen. Wieder zurück an meinem Platz entdeckte ich, dass ich Rubens Anruf verpasst hatte. Der Empfang an der Stelle war nur sporadisch überhaupt vorhanden, und so tauschten wir noch ein paar SMS aus.

Nebenbei kamen nun die ersten Schlauchboote vorbei. Ich saß direkt am Wasser; wären meine Arme nur ein klein wenig länger, hätte ich den Raftern die Hände schütteln können. Anfangs war es ganz lustig, jedem vorbei fahrenden Boot zuzuwinken. Nach einer Weile war ich jedoch genervt und packte meine Sachen. Außerdem war ich lange genug in der Sonne gewesen. Ich kühlte mich noch einmal ab, dann brach ich auf. Unterwegs rief mich Ruben an und sagte mir, dass er in der Nähe der Brücke wäre, über die ich vor endlos langer Zeit mal drüber wollte. Neben der Brücke ist ein kleiner Markt, auf dem Mapuche, die Ureinwohner der Region, verschiedene Sachen feilbieten. Wir verabredeten uns für ein Abendessen dort.

Ich wusste immer noch nicht, wie weit es bis zu der Brücke war. Also lief ich zügig und versuchte, nicht mehr jeden Brombeerstrauch mitzunehmen. Ich hielt nur noch an den großen an, an denen viele Beeren hingen. Mir kamen immer mehr Menschen entgegen, die sich auf Fahrrädern den engen Trampelpfad entlangfädelten. Bei dem Versuch, Platz zu machen, fing ich mir noch ein paar Dornen ein, dann war ich plötzlich auf einer breiten Schotterstraße. An deren Ende stand ein Schild, auf dem der Eintritt verboten war, lesbar aus der Richtung, in die ich ging. Durch einen völlig unglaublichen Zufall stand das Schild außerdem etwa zweihundert Meter von der Brücke entfernt, die ich gesucht hatte. Ich ging über die Brücke und kurz darauf traf ich auf Ruben. Wir aßen etwas, wobei meine Portion deutlich kleiner ausfiel als sonst. Ich war mit Beeren vollgestopft.

Blick von der langersehnten Brücke Richtung Süden. Es ist tatsächlich der Süden, auch wenn ich meinem Kompass erst nicht glauben wollte. Die Sonne steht fünf Uhr nachmittags etwa im Nordwesten. So richtig habe ich mich immer noch nicht an den umgekehrten Sonnenlauf gewöhnt.

Blick von der gleichen Brücke Richtung Norden.

Der Eingang zum Mapuche-Markt.

Auf dem Markt. Möglicherweise ist sonst mehr los, jetzt sind nur zwei Reihen von Fressbuden da. Aber egal, eine Bude reicht schon um satt zu machen.

Als ich Ruben erzählte, was ich an dem Tag eigentlich vorgehabt hatte, machte er den Vorschlag, mir eine gute Einstiegsstelle für eine Wanderung zu zeigen. Ich bezweifelte, dass ich einen zweiten Versuch starten würde, aber er zeigte mir den Weg trotzdem. Wir stiegen sogar ein wenig auf – in weniger als einer Viertelstunde schafften wir ein Viertel bis ein Drittel der Gesamthöhe des Gebirgszugs. Zugegeben, das mit Abstand leichteste weil flachste Viertel, trotzdem war ich nun etwas frustriert, dieses lächerliche Hügelchen nicht erklommen zu haben, nicht einmal nah gekommen zu sein. Zumindest nicht aus eigener Kraft.

Die tief stehende Sonne über Pucón.

Von links ragt die Halbinsel in den Villarrica-See, weiter vorn schlängelt sich der Trancura durchs Foto.

Aber so richtig ärgerte ich mich darüber nicht. Dafür war der Tag bisher einfach zu schön gewesen, und ein weiterer Höhepunkt kam noch: Der Sonnenuntergang über Pucón. Von dem Absatz, auf dem wir saßen, hatten wir einen fantastischen Blick über die Bucht, den Vulkan, und in die Sonne. Alles andere war vergessen, die zerkratzten Beine, das Herzklopfen beim Überqueren der wackeligen Baumstämme, die Unwissenheit, auf welcher Seite des Zauns ich war, der Anblick war einfach nur schön.

Auf der gegenüberliegenden Bergkette war ich vor einem Monat mit Ruben gewesen, irgendwo da drüben ist der Salto El Claro, der Wasserfall in der Schlucht.

Weniger als eine Stunde später ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden.

Außerdem standen neben unserem Sitzplatz ein paar Brombeersträucher.

Als ich zu Hause war, wurde ich schnell müde, obwohl es erst gegen neun war. Ich schaffte es gerade noch unter die Dusche und aufs Bett, dann schlief ich ein, bevor ich mich überhaupt richtig zugedeckt hatte.

¬ geschrieben von Christiane in Pucón

12.02.204 Segeln

18. February 2014

Comments Off

Ich dachte, ich kann segeln, und habe am Mittwoch für den späten Nachmittag ein Segelboot auf dem Villarrica-See reserviert.

Die “Reservierung” war etwas abenteuerlich. Nachdem wir am Montag bei der Vermietung standen, alle Boote draußen waren und schon mindestens eine Person auf ein Boot wartete, bin ich am Mittwoch zur Mittagszeit kurz zum Strand gelaufen und habe um ein Boot für 6 Uhr gebeten. Die erste Antwort war, dass sie keine Reservierungen annehmen, man könne einfach so vorbei kommen. Nachdem ich erzählte, wie das “einfach so vorbei kommen” am Montag gelaufen war, konnte ich plötzlich doch reservieren. Allerdings bestand die “Reservierung” in einem “ja, ich halte ein Boot für euch bereit”.

Etwas zweifelnd ging ich um 6 mit Ruben zum Strand. Jetzt war deutlich mehr los als zu Mittag, aber, oh Wunder, es war “zufällig” ein Boot für uns da. Während wir an der Segelbude warteten, sah Ruben etwas unglücklich aus; er gab auch zu, etwas nervös zu sein. In einem unbedachten Moment hatte ich ihn ein paar Tage zuvor auch noch gefragt, ob er schwimmen kann – mir fiel erst am Ende der Frage ein, dass ich sie an einen Triathleten richtete.

Nervös war ich allerdings auch. Bisher bin ich auf kleinen Booten für 2-3 Personen gesegelt, hauptsächlich Dinghys und Piraten, selten mit Nichtseglern, und im letzten Sommer bin ich gar nicht zum Segeln gekommen. Das Boot, das auf uns wartete, war ein Laser. Von dieser Bootsklasse hatte ich schonmal gehört, aus der hintersten Ecke meiner Erinnerung kam die Information, dass Laser noch instabiler als meine bisherigen Boote sind und schneller auf Fehler reagieren. Eine Einschätzung, die sich beim Blick auf das Boot bestätigte. Laser sind besonders leicht und besonders einfach gebaut. Es sind Rennboote. Um zu verdeutlichen, wie leicht ein Laser ist: Ein Dinghy oder Pirat liegt bei 200 bis 300 kg, ein Laser wiegt knapp 60 kg und damit ziemlich genau so viel wie ich. Mehr noch als bei den anderen Booten beeinflussen die Skipper also allein mit ihrem Körpergewicht und insbesondere ihrer Sitzposition, wie das Boot im Wasser liegt. Es gibt noch ein paar andere Eigenheiten, von denen ich nichts wusste, aber zu denen komme ich später.

Die Windstärke an dem Tag betrug etwa 4, höchstens 5, mit einigen kräftigeren Böen. Das schwerste, was ich bisher gemeistert habe, war Windstärke 6 in einem Piraten.

Die erste Herausforderung war, vom Strand wegzukommen. Der Wind wehte genau auf den Strand zu, wir mussten also aufkreuzen. Schlimmer noch, an diesem Nachmittag befanden sich genau vor dem Strandabschnitt, auf dem die Boote lagen, Schwimmer. Oder vielmehr Badende. Und kein Weg führte an ihnen vorbei, nur hindurch. Nett wie diese Badenden waren, griffen sie alle nach dem Boot und “halfen” uns vom Strand wegzukommen, indem sie das Boot immer wieder in den Wind drehten. Nach einigen Metern schließlich gab ich auf auch nur ein wenig an Fahrt zu gewinnen und hielt das Segel eigentlich nur noch, damit es nicht wild im Wind flatterte.

Irgendwann jedoch waren wir weit genug weg von unseren Helfern, dass ich das Boot endlich weiter nach steuerbord drehen konnte und Wind ins Segel bekam. Ich segelte noch ein ganzes Stückchen den Strand entlang, nur langsam vergrößerte sich der Abstand, obwohl ich so nah am Wind segelte, wie ich konnte. Ich erklärte Ruben kurz, dass er gleich die Seite wechseln musste, dann machte ich zum Warmwerden eine Wende, d.h. ich drehte den Bug um etwa 100° nach backbord, um wieder weiter nach links (vom Strand aus gesehen) zu kommen.

Bei einer Wende dreht man das Boot mit dem Bug in die Richtung, aus der der Wind kommt und weiter darüber hinaus. Das heißt, man muss eine gewisse Anfangsgeschwindigkeit haben, sonst endet die Drehung genau dann, wenn der Bug in den Wind zeigt. So wie bei meiner zweiten Wende. Na toll.

Das Gute an dieser Situation ist, dass unter normalen Umständen praktisch nichts passieren kann. Das Boot liegt auf dem Wasser, das Segel flattert im Wind, und man bewegt sich nicht von der Stelle. Man muss nur den Kopf unten halten, um nicht vom Baum getroffen zu werden (dem Balken, der waagerecht vom Mast wegführt). Durch Schlagen mit dem Ruderblatt kann man versuchen, sich in eine bestimmte Richtung zu drehen, oder man drückt den Baum mit der Hand in eine Richtung und hofft, dass man genug Wind einfangen kann, dass das Boot in eine Richtung gedrückt wird.

Nach diesem Manöver segelten wir weiter vom Strand weg, in Richtung dem Ende der Halbinsel. Nach einer Weile hatte ich den Dreh raus, wie ich das Boot bewegen musste, damit wir von den größeren Wellen nicht allzu stark herumgeworfen wurden. Immer wieder schwappte Wasser über den tief liegenden Bootsrumpf. Ich hatte meinen Bikini an und darüber T-Shirt und kurze Hose, sowie die obligatorische Schwimmweste. Meine Hose war bald völlig durchnässt. Aber das gehört zum Segelspaß dazu. Ruben trug nur Schwimmhose und Weste. Als Passagier saß er vor mir und fing so zumindest die Spritzer ab, die von vorn kamen.

Mit der Zeit wurde unser Zusammenspiel besser, mit jeder Wende klappte der Seitenwechsel besser und die Wenden wurden flüssiger. Die Seiten muss man wechseln, weil sich sonst das Boot zu sehr in die Richtung neigt, auf der das Segel ist (Lee). Ich hatte oben erwähnt, wie leicht das Boot ist. Dementsprechend macht es einen riesigen Unterschied, auf welcher Seite im Boot man sitzt, selbst, ob man nach vorn geneigt sitzt oder sich auch nur ein wenig nach hinten lehnt. Mit dem Segel hart am Wind musste ich mich schon recht weit nach hinten lehnen, aber zumindest nicht so extrem, dass ich meine Beine unter den Gurt hätte klemmen müssen (aus Gewohnheit tat ich es trotzdem).

Das Schöne, wenn man hart am wind segelt, ist, dass man die Geschwindigkeit fühlt. Egal, wie schnell man unterwegs ist, bei nennenswerter Windstärke fühlt sich man sich immer schnell. Wir hatten eine großartige Sicht auf die Bucht und Pucon, dahinter die aufragenden Berge, hinter der Halbinsel der omnipräsente Vulkan.

So segelten wir etwa eine Stunde lang. Ich hatte ursprünglich vor, bis zur Spitze der Halbinsel zu segeln. Allerdings wurde der Wind immer böiger, nicht nur in Richtung des “offenen” Sees, sondern auch in der Bucht. Außerdem wollte ich mir noch etwas für das nächste Mal offen halten, und so beschloss ich vorher umzudrehen.

Aus Vorsicht drehte ich nicht gleich komplett um, sondern ließ mich erstmal ein wenig abfallen. Das heißt, ich drehte den Bug so, dass ich den Wind leicht schräg von hinten hatte, statt ihn direkt von hinten zu haben. So näherten wir uns wieder dem Strand. Ich merkte, dass, je weiter ich abfiel, das Boot immer instabiler wurde. Also drehte ich wieder ein Stück in den Wind. Außerdem musste ich das Segel dichter holen, als ich es für den Winkel zur Windrichtung erwartet hätte, damit ich das Boot halten konnte. Erst später habe ich durch Recherche herausgefunden, dass das bei dieser Bootsklasse durchaus normal ist, und nicht auf einen Fehler meinerseits zurückzuführen ist. Wegen dieser Instabilität versuchte ich auch gar nicht erst, vor dem Wind zu fahren, also genau in die Richtung, in die der Wind weht.

Wir segelten also im Zickzack zum Strand zurück. Ich hatte das Boot ganz gut unter Kontrolle, setzte zu einer Wende an – und plötzlich kippte das Boot. Ich bin noch nie gekentert, und ich habe auch mal gelernt, dass man sich mindestens zweimal um die eigene Achse dreht, bevor man kentert. Am Mittwoch habe ich gelernt, dass das nur auf die Tech Dinghys zutreffen kann, auf denen ich segeln gelernt habe. Denn wir haben nicht mal eine Vierteldrehung zurück gelegt, bevor wir rückwärts über Bord fielen und das Boot seitlich im Wasser landete. Aber alles halb so wild, ich wusste, was zu tun war. Es war warm, die untergehende Sonne brannte noch heiß auf der Haut, insofern war das kalte Bad recht angenehm. Noch bevor ich meine Irritation abschütteln konnte, hatte mich die Schwimmweste schon wieder an die Wasseroberfläche gezogen, neben mir kam Ruben zum Vorschein. Ohne zu Zögern schwamm ich um das Boot herum, um an die Unterseite heranzukommen. Leider war das Boot schneller: ich hatte gerade das Heck erreicht, da lag das Boot auch schon kieloben auf dem Wasser, mit dem Mast senkrecht nach unten.

Ich schwamm zum Boot, zog mich hoch und stellte meine Füße auf den Bootsrand. Mit den Händen griff ich nach dem Schwert – dem Brett, das senkrecht aus dem Bootsrumpf ragt und für seitliche Stabilität sorgen soll. Ich lehnte mich mit dem Oberkörper so weit ich konnte zurück und – nichts geschah. Ich war zu leicht. Ich rief Ruben heran, und zusammen war es ein Leichtes, das Boot auf die Seite zu drehen. Anschließend kletterte ich auf das Schwert und brachte das Boot so dazu, sich weiter zu drehen, bis es endlich wieder aufrecht stand. Ich hievte mich hinein, dann lehnte ich mich auf die Steuerbordseite, um Ruben auf backbord reinklettern zu lassen.

Das Segel flatterte im Wind, aber das musste jetzt erstmal warten. Ich sah mich um. Das Cockpit, also die Wanne, in die man die Füße stellt, ist beim Laser zum Glück sehr klein, so dass die zusätzliche Masse durch das Wasser nicht groß ins Gewicht fallen würde. Aber das Ruder war aus der Verankerung gerutscht, das musste ich erstmal wieder einfädeln. Das Ruder musste so eingehangen werden, wie eine Tür eingehangen wird. Nur, dass dabei das Boot auf dem Wasser schaukelt und die Wellen von der Seite das Ruder immer wieder in Schräglage zu drücken versuchen.

Irgendwann hatte ich es drin, und die Fahrt konnte weitergehen. Ich atmete kurz durch, dann pflügten wir wieder durch die Wellen. Das Boot ließ sich jetzt deutlich schwerer steuern. Ich musste das Ruder steiler stellen, als normal gewesen wäre, außerdem reagierte das Boot viel zu schwach auf die Stellung des Ruderblatts.

Das zweite Mal landeten wir im Wasser, weil der Wind kurz nachließ und wir uns nach Luv neigten. Ich hatte meinen Ballastpassagier bisher per Kommando auf die richtige Seite geschickt, er wusste daher nicht, dass er den plötzlich fehlenden Winddruck sofort mit seinem Gewicht ausgleichen musste. Im Englischen wird diese Art des Kenterns als Death Roll bezeichnet. Gemessen an der Anzahl der Videos, die es dazu gibt, ist es für Laserskipper anscheinend eine häufige Form des Badengehens.

Nach dem zweiten Aufrichten fiel mir zumindest auf, warum sich das Boot zuletzt so schwer hatte steuern gelassen: Das Ruderblatt, das eigentlich senkrecht im Wasser stehen sollte, war in die Waagerechte gekippt. Dadurch war es nur zum Teil im Wasser. Ich begutachtete das Ruder näher und fand das Tau, das das Ruder in die richtige Position zieht. Die Klampe, an der das Tau befestigt werden sollte, war aber auf einer Seite abgebrochen. Ich brauchte daher fünf Anläufe, bis ich das Tau fest hatte. Das Ruder wieder eingefädelt, fuhren wir weiter. Nein, eigentlich hinkten wir mehr, ich schaffte es trotz korrigiertem Ruderblatt nicht mehr, das Boot richtig stabil zu halten. Wir hatten etwa hundert Meter auf einem Kurs zurück gelegt, der uns ohne weitere Wende zur Anlegestelle bringen würde, als ich wieder näher an den Wind drehen musste, um das Boot wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Das hieß, dass wir noch zwei weitere Wenden überstehen mussten. Doch so weit kamen wir nichtmal.

Irgendwann hörte ich auf zu zählen, wie oft wir kenterten. Der Wind war nicht mal stärker geworden, auch die Böen waren nicht schlimmer als vorher. Aber mittlerweile hing das Boot so tief im Wasser, dass selbst die kleineren Wellen es komplett überspülten. Wir versuchten zwischenzeitlich, das Cockpit zu leeren, aber mit dem ständig nachströmenden Wasser war dieser Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Bei jedem Versuch, das Boot unter Kontrolle zu kriegen, kenterten wir sofort.

Mittlerweile hatte uns der Wind an die Bojenabsperrung des Badestrands gedrückt. Von hier würde es noch schwieriger werden, wieder weg zu kommen, weil das Ruder im schwimmenden Seil hängen bleiben konnte. Wir richteten das Boot mal wieder auf, ich kletterte allein hinein, während Ruben, der stehen konnte, versuchte von hinten zu schieben. Es kamen auch noch Leute zu Hilfe, die mitschoben. Ich hatte nichtmal die Hand an der Schot, das Segel flatterte im Wind, als ich wieder kenterte. Der letzte Sturz, den ich noch mit machen würde, und ich fiel ich seitlich auf den Baum. Inzwischen war ich unterkühlt, ich wollte aufgeben, da kamen zwei Jungs vom Vermieter mit Motorboot zu Hilfe. Der eine versuchte das Boot zu segeln, auch er scheiterte. Nach mehreren Versuchen ließ er sich vom Motorboot abschleppen, während er das Segelboot mit seinem Gewicht und Mühe einigermaßen aufrecht hielt.

Vom Strand aus sah man, wie tief das Boot im Wasser lag, die Erklärung dafür konnte nur Wasser im Rumpf sein. Wie es dahin gekommen ist, weiß ich nicht – das einzige vom Cockpit aus sichtbare Loch im Rumpf, das Entlüftungsloch, war mit einem Stöpsel verschlossen. Eigentlich kommt nur ein Leck in Frage. Ich bin mal gespannt, ob wir dort nochmal ein Boot leihen können.

Ruben und ich liefen am Strand zum Verleih zurück, ich unterdrückte mehr schlecht als recht ein heftiges Zittern und Zähneklappern. Das trockene Handtuch war ein Traum, nochmehr allerdings die trockenen Klamotten, die im Rucksack auf mich warteten. Zurück in der Innenstadt aßen wir bei Volcamburguer ein großes Abendessen, danach war meine Körperwärme wiederhergestellt.

Beim Duschen entdeckte ich, dass beide Schienbeine praktisch durchgehend blau und verbeult waren. Lange Hosen würden das verdecken; die Matschflecken an den Ellbogen haben so einige Nachfrage provoziert. Aber, wie so oft, die kleineren Blessuren sind nichts gegen den Spaß, den wir mit dem Boot hatten. Die letzten zwanzig Minuten vielleicht ausgenommen.

Hinterher (natürlich) habe ich herausgefunden, dass der Laser eines der am schwersten zu segelnden Boote ist.

Zum Beispiel beschreibt hier (englischsprachiger Link) jemand, wie er mit 25 Jahren Segelerfahrung auf dem Laser segeln gelernt hat.

Aufschlussreich ist auch das 5-Stufen-Lernprogramm dieses Skippers (englischer Link):
1. Ablehnung (ein Laser ist doch kein richtiges Segelboot, eher ein zu dick geratenes Surfbrett)
2. Ärger (alle reden vom Laser, und die besten Segler auch in anderen Klassen haben auf dem Laser angefangen)
3. Feilschen (ich segle nur Laser, weil alle meine Freunde Laser segeln)
4. Depression (ich wusste es, mit diesem Ding kann man überhaupt nicht segeln, insbesondere: “woher zum Teufel hab ich all die blauen Flecken?”)
5. Akzeptanz (wichtigster Punkt: man kentert seltener)

Für die Interessierten hier noch ein paar Videos:
So muss man sich das Wiederaufrichten vorstellen (wobei sich unser Boot freiwillig mit dem Kiel nach oben begeben hat).
In diesem Video sieht man eine Death Roll bei etwa 32s, eine halbe Minute später liegt das Boot wieder richtig herum im Wasser.
Hier sieht man eine Death Roll aus sicherer Enfernung.
So sieht es aus, wenn man bei höheren Windstärken “richtig” segelt.
Man kann übrigens kentern und das Boot wieder aufrichten ohne nass zu werden.
Alles in allem ist der Laser aber ein gutes Boot zum Kentern. Katamarane sind da deutlich empfindlicher (einer der Segler hat übrigens einen Beckenbruch davon getragen, da sind meine Prellungen nichts dagegen).

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

Canyoning

16. February 2014

Comments Off

Gestern war es endlich soweit: Ich durfte zum Canyoning! Das heißt, ich durfte theoretisch auch öfter, aber wir hatten bisher nur zwei Canyoning-Touren seit ich hier bin. Außerdem war ich vor einer Woche schon einmal, aber die Tour verlief nicht gerade gut.

Canyoning – dessen Namen ich für gleich doppelt unglücklich gewählt halte – besteht im Wesentlichen daraus, dass man ein felsiges Flussbett verfolgt. Vorzugsweise eins, das ein paar Wasserfälle enthält, an denen man sich abseilt. Das Flussbett, das wir entlang gehen, führt etwa zur Hälfte durch eine Schlucht. Der Name ist unglücklich, weil die meisten, die hierherkommen, mit dem Begriff Canyoning nicht viel anfangen können und erstmal irritiert sind, wenn ich anfange, von Wasser zu reden. Rafting? Nein nein, Canyoning. Das zweite Unglück des Names ist, dass die Chilenen das Wort nicht vernünftig aussprechen können. Irgendwie verrenken sie sich dabei den Kiefer, bis sie das Wort endlich rausgequält haben.

Angeleint geht es gleich die Kante herunter, 8m nach unten. In dem Kessel kann man dann erstmal baden, zum Abkühlen.

In der Umgebung von Pucón kann man an zweieinhalb Stellen Canyoning durchführen. Die halbe ist so schwer, dass sie für Anfänger und daher für Touristen ungeeignet ist. Die zweite ist einigermaßen anspruchsvoll, aber beliebt. Und zusätzlich eine Stunde Fahrt entfernt. Die Stelle, die wir nehmen, liegt nur wenige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums und damit keine zehn Minuten entfernt. Der Fluss heißt Magma River, und wie der Name sagt, floss an der Stelle vor etwa 4000 Jahren ein Magmastrom den Villarrica herab (eigentlich müsste es Lavastrom heißen, einmal an der Oberfläche, heißt Magma Lava). In das Vulkangestein hat sich ein Fluss gegraben, und den verfolgen wir. Vulkangestein klingt zwar nach griffigem Fels, tatsächlich ist er genauso glatt geschliffen wie in jedem andern Flussbett.

Ich bilde das Schlusslicht.

Den Großteil der waagerechten Distanz legen wir laufend zurück. Der Untergrund wechselt zwischen schwarzem Sand, Kieseln, und rutschige, glattpolierten Felsbrocken. Letztere überqueren wir meist auf allen Vieren, an einigen Stellen auch auf dem Hintern. Zwei Stellen eignen sich dafür besonders gut, nach einer kurzen Rutsche landet man in einem tiefen Becken. Das sind auch die beiden Stellen, an dem man jedes noch so kleine Loch im Neoprenanzug besonders gut merkt: Dort dringt dann das eiskalte Flusswasser ein.

Unten angekommen.

Canyoning ist großartig, wenn es heiß ist und die Sonne brennt. In der Schlucht, die zusätzlich im Wald liegt, hält man sich hauptsächlich im Schatten auf, und wenn es im Neopren zu warm wird, setzt man sich kurz ins Wasser. Das hat aber zugleich den Nachteil, dass, wenn es bewölkt und kühl ist und die Gruppe relativ langsam, man ohne viel Bewegung im kalten Wasser steht und früher oder später auskühlt. Genau das war das Problem (ok, eins von vielen, aber eben das größte) bei meiner ersten Tour. Nichts gegen mein eigenes Geschlecht, aber die Gruppe aus zwei chilenischen Frauen und ihren sechs Töchtern und Freundinnen war sehr zaghaft und hat sich vor jedem Wasserfall geziert. Sie haben sich nicht getraut, sich ins Seil zu lehnen, versuchten stattdessen, die Wasserfälle herunter zu klettern, und sind daher jedes Mal, eine nach der anderen, weggerutscht, seitlich gegen die Felsen geprallt, noch ängstlicher geworden, und wurden dadurch noch langsamer. Es kann sich immer nur eine abseilen, und so warteten die anderen sieben und ich ungeduldig und frierend darauf, dass die nächste unten ankam. Wir schafften vielleicht fünf Wasserfälle, der größte davon etwa acht Meter hoch. Bei diesem letzten sah mich jedes der Mädels mit vor Angst aufgerissenen Augen an, bevor sie ans Seil geklammert langsam nach unten abgelassen wurden.

Noch schnell einmal untertauchen, über eine kleine Felsstufe steigen und schon ist der Wasserfall geschafft. An dieser Stelle haben wir die erste Tour abgebrochen.

Nach diesem Wasserfall brachen wir die Tour mit acht vor Kälte zitternden Frauen bzw. Mädels ab. Wobei abbrechen heißt, dass wir das Flussbett verließen. Aus der Schlucht kommt man an dieser Stelle nicht mehr so leicht heraus. wir kletterten die Schluchtwand nach oben und folgten dem Flussverlauf oberhalb des Flusses. Das heißt, für die Mädels war es eine gefährliche Klettertour, für mich und den Führer Claude war es ein mehr oder weniger entspanntes Laufen den Hang entlang. An zwei oder drei Stellen benutzten wir zur Absicherung das Seil. Ich habe schon deutlich gefährlichere Passagen völlig ungesichert überquert, aber die Mädels haben sich vor jedem Schritt gefürchtet. Eine Stunde haben wir für diesen trockenen Abschnitt mindestens nochmal gebraucht, am Ende begrüßten die Mädels lauthals die “Civilización”. Um es vorsichtig zu formulieren, ich glaube, diese Tour war für die Stadtmädels nicht das Richtige. Zum Glück habe ich die nicht verkauft.

Der krönende, 22m hohe Abschluss. Es gibt zwei Routen, eine trockene links neben dem Wasserfall (wie im Foto) und eine, die dem Wasserlauf folgt.

Die gestrige Tour dagegen habe ich durchaus auf dem Gewissen. Ein paar Teenager kamen eher gelangweilt zu mir ins Büro, kamen später wieder, und beim dritten Mal kam die Mutter mit. Die sechs diskutierten, ob sie Rafting machen wollten oder lieber Canyoning. Die Entscheidung neigte schon arg Richtung Rafting, als ich sie mit dem Argument, dass das Canyoning bei gleichem Preis deutlich mehr Zeit im Wasser bedeutete, für das Canyoning umstimmen konnte. Ich gebe zu, nicht ganz uneigennützig, weil ich unbedingt zum Canyoning gehen wollte, aber Canyoning dauert tatsächlich mindestens dreimal so lange wie Rafting (3h im Fluss statt nur 1h).

Hier jemand, der die nasse Route bevorzugt.

Die Gruppe bestand am Ende aus fünf der Teenagern plus einer weiteren Freundin sowie einem Deutschen und einer Schweizerin, die sich der Gruppe kurzfristig anschlossen. Drei Frauen waren in der Gruppe, mich nicht mitgezählt. Claude, der aus den französischen Pyrenäen stammt, sich aber als Weltbürger bezeichnet, spricht Spanisch, das für die Chilenen verständlich ist. Für mich weniger, aber von der Tour mit den acht Chileninnen wusste ich ungefähr, was er erzählte. Ich übersetzte seine Stoppelsprache ins Deutsche und half wieder beim Anziehen der Klettergurte.

An der Stelle ist eine Stufe, auf der man sich erstmal sammeln kann, wenn man möchte. Von oben versucht der nächste zu sehen, was auf ihn zukommt.

Bei den Abstiegen war ich jeweils die letzte; ich löste die Knoten, so dass wir das Seil nach unten abziehen konnten. Außerdem achtete ich darauf, dass sich die Teilnehmer richtig ins Seil einbanden. Dass ich die Knoten löste heißt nicht, dass ich ungesichert abgestiegen bin, im Gegenteil. Das Seil ist ungefähr in der Mitte am Baum befestigt, beide Enden führen nach unten. Das Seil ist dabei (meist) einmal um den Baumstamm gelegt und ein Karabiner und zwei Knoten verhindern, dass es abgezogen werden kann. Claude und die Tourteilnehmer nehmen jeweils einen der beiden Stränge. Während einer absteigt, kann sich der nächste schon in das andere Seil einhängen. Wenn ich die Knoten löse, kann man das Seil abziehen, indem man an einem der beiden Enden zieht. Daher nehme ich beide Seilstränge, um mich einzuhängen. Das erhöht die Reibung und ich muss mehr mit der rechten Hand arbeiten, um absteigen zu können. Unten angekommen, hänge ich mich aus und das Seil kann problemlos abgezogen werden.

Der Wasserdruck ist erträglich, zumindest wenn man nicht gerade wie ich das Schienbein voller blauer Flecke hat...

Ich habe nicht sonderlich viel Klettererfahrung, außerdem steige ich lieber auf als ab. Trotzdem war und bin ich immer noch erstaunt, wieviele Fehler man beim Absteigen machen kann. Der größte und häufigste Fehler ist, dass sich die Leute nicht ins Seil lehnen. Ins Seil lehnen heißt, sich so weit nach hinten zu lehnen, bis das gesamte Gewicht im Seil hängt. Das bewirkt zum einen, dass das Seil straff ist und man, wenn man denn fällt, nicht weit fällt. Zum anderen aber kann man gar nicht absteigen im wörtlichen Sinn, man läuft eher rückwärts die Felswand herunter: Die meisten Wasserfälle gehen mehr oder weniger senkrecht nach unten, mit mehr oder weniger glatt poliertem Fels. Ich bezweifle, dass sich selbst geübte Kletterer dort halten könnten. Trotzdem neigen viele dazu, den Körper senkrecht zu halten, weil das nunmal die vertraute Position ist. Aber nur wenn man selbst in der Horizontalen ist, hat man eine Chance, eine vertikale Wand abwärts zu laufen. Die gestrige Gruppe hat das nach den ersten Wasserfällen verstanden und die größeren Abstiege einigermaßen gut überstanden. Die heutige Gruppe… am letzten Wasserfall geht es erst gemütlich nach unten, dann wird es steiler bis zu einem gewissen Überhang. Von oben habe ich immer wieder daran erinnert, dass sie sich nach hinten lehnen sollen, aber schon zwei Schritte später waren sie wieder aufrecht, weil sie das Seil nicht mitgehen ließen. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn nach einem anfänglich flachen Abgang, bei dem die Beine aus dem Sichtfeld verschwinden, plötzlich der Oberkörper und darüber der blaue Helm absackt und ebenfalls verschwindet.

Bei meinem zweiten Abstieg an diesem Wasserfall nehme ich die trockene Route, einfach zum Ausprobieren. Die ist am Anfang etwas schwieriger, auch weil man mehrmals seitlich queren muss. Dafür kann man die untere Hälfte mehr oder weniger springend herablaufen. Oder sich im Sitzen ablassen, wenn man weggerutscht ist und keinen sicheren Kontakt zur Wand mehr bekommt.

Ein zweiter Fehler tritt vor allem am Anfang auf: manche Leute wollen die Wasserfälle vorwärts heruntergehen. Ist ja viel einfacher, man sieht, wo man hintritt. Die ersten Wasserfälle sehen auch trügerisch vertrauenerweckend aus. Dumm nur, dass dann bei einem, nein, bei dem sicheren Sturz das Seil einfach durch die Sicherung durchläuft und dementsprechend den Sturz nicht auffängt.

Jetzt komme ich...

Die vierköpfige Familie heute hatte aber auch noch ein anderes Problem mit der Sicherung, das ich ihnen nicht so richtig austreiben konnte. Die Sicherung besteht aus einer so genannten Acht, die mit einem Karabiner im Klettergurt eingehakt ist. Die Acht heißt Acht, weil sie wie eine Acht aussieht. Sie besteht aus Metall und trägt bis zu 2500 kg. Die eine Schleife hängt im Karabiner, durch die andere wird das Seil geführt (für die Nichtkletterer: bei Wikipedia findet man unter Abseilachter ein paar Fotos und weitergehende Erklärungen; für die Kletterer: es geht um die schnelle Acht, die verwendet wird um die höhere Reibung durch das nasse Seil auszugleichen) Das Seil führt außerdem durch den Karabiner. Beim Abseilen verläuft das Seil also folgendermaßen: Oben ist es an einem Baum o.ä. befestigt, verläuft dann durch Acht und Karabiner, und wird dann mit der rechten Hand an der Hüfte nach unten gehalten. Die Umlenkung durch die Acht erzeugt so große Reibung, dass man sich problemlos mit der einen Hand halten kann. Solange man die Hand natürlich nicht vom Seil nimmt – für einen solchen Fall steht jemand (bei uns Claude) unten mit dem Seilende in der Hand, das er bei einem Sturz sofort straff zieht. Wenn sich der Absteiger ordentlich ins Seil gelehnt hat, ist die Fallhöhe nur wenige Dutzend Zentimeter. Schlimmer als der Sturz ins Seil an sich ist meist, dass man auch mal zur Seite pendelt und sich durch den Neoprenanzug hindurch ein paar blaue Flecke holt.

Wenn man – wie viele der Anfänger – mit der linken Hand versucht das Seil auf Brusthöhe zu halten, verschwendet man nicht nur unnötig Kraft, sondern läuft auch Gefahr, sich die Hand zwischen Seil und Fels einzuklemmen. Heute habe ich auch jemanden dabei gehabt, die die linke Hand permanent an die Acht gelegt hat. Alles Zureden half nichts, und ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, dass sie sich die Hand einklemmt (zweimal passiert), bis ich ihr vor dem letzten Wasserfall nocheinmal mit Nachdruck die linke Hand auf das Seil unterhalb der Acht gelegt hab. Die gleiche Person hat sich auch wunderbar ins Seil gelegt, nur um vor Angst die Knie einzuknicken. Zweimal hat sie so das Gleichgewicht verloren, ist ins Seil gestürzt und hat sich dabei das Bein (!) unter dem Seil, das von oben kommt, eingeklemmt. Man kann also eine Menge falsch machen, beim Canyoning.

Ich selbst habe mir bei der ersten Tour die rechte Hand aufgeschrammt, weil ich nach rechts gependelt bin und das Seil ordnungsgemäß festgehalten habe. Fast eine Woche lang bekam ich Witze zu hören, weil meine blutigen Knöchel aussehen, als hätte ich jemanden verprügelt. Ansonsten ist Canyoning für mich zur Abwechslung mal eine verletzungsarme Sportart. Nicht mal Sonnenbrand habe ich bekommen, obwohl ich ohne Sonnencreme fünf Stunden in der Mittagszeit unterwegs war. Vielleicht sollte ich das öfter machen, aber leider bricht unser Canyoningführer morgen nach Patagonien auf. Das heißt, heute war vermutlich mein drittes und letztes Mal hier in Pucón.

Geschafft! Die Fotos haben übrigens die Tourteilnehmer mit meiner Kamera gemacht, die Claude in einem Segelsack transportiert hat.

Den gestrigen Abend habe ich übrigens auf dem Bierfest verbracht. Ganz richtig, dem Bierfest Pucón, nur ein weiteres Detail im großen Einfluss der deutschen Einwanderer. Es gab auch tatsächlich Bier zu trinken, aber vor allem Live-Musik. Bei Gelegenheit werde ich noch ein wenig über chilenische Musik und die deutschen Einflüsse schreiben, an dieser Stelle sei nur gesagt: eine jubelnde und tanzende Menge vor einer minimalistischen Bühne, die Berge in der Umgebung von den Sternen und dem fast vollen Mond beschienen, und die Band spielt Musik mit (mir) unverständlichem Text aber rassigen Rhythmen.

¬ geschrieben von Christiane in Ausflüge

Theme von BenediktRB • Powered by Wordpress • Abonniere den RSS Feed